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5.0 von 5 Sternen Grausamkeit als Begleiter der Menschheit, 7. März 2013
Unerträglich wäre, was Ritter als eine „Essenz“ menschlichen Seins luzide und bewegend in seinem Essay vor Augen führt, wenn es nicht auch noch die „andere Seite“ gäbe.

In einer Zeitspanne von etwa der französischen Revolution an bis nach dem ersten Weltkrieg wendet sich Ritter fundiert und breit dem zu, was das menschliche Sein anscheinend nicht nur nicht lassen kann, sondern in dunkelster kreativer Form immer weiter entwickelt und dabei jeden moralischen oder ethischen Maßstab verlässt: „Die Grausamkeit“.

Es ist ja ein Widerspruch fast in sich, dass die französische Revolution für die Menschenrechte und gegen die Diktatur antritt, eine Bürgergesellschaft gestalten will und dabei die Guillotine letztendlich fast im Minutentakt gebraucht. Und auch sonst in grausamer Weise von der Folter bis zur Verfolgung wenig auslässt, was Menschen einander an Schmerz antun können. Ritter legt auch hier den Finger mitten auf eine schwärende Wunde all dessen und derer, die sich als „zivilisiert“ schon damals verstanden haben. Das es eben keine Selbstverständlichkeit in der „bürgerlichen Revolutionsgesellschaft“ war, überhaupt noch einmal im Konvent gehört zu werden, bevor es zur Aburteilung ging.

„Die Wüste wächst mit jedem Tag“, ein Satz Michelets der damaligen Zeit, der bis heute seine Berechtigung hat. Mehr noch, als wäre es so, dass der Mensch in Bezug auf die Grausamkeit noch nie wirklich die Wüste der Existenz verlassen hätte. Gewalt war immer ein probates Mittel und über die Jahrhunderte, auch das ein einprägsames, starkes Bild Ritters, „Schreien die Verwundeten“. Nicht nur nach Mitleid, sondern auch nach Recht und Menschlichkeit.

Unerträglich wäre das, wenn nicht Ritter auch das Mitleid wieder mit in den Blick nehmen und rücken würde. Die „Schwester“ der Grausamkeit und ein paradox fast, dass der gleiche Mensch, die gleiche Menschheit zu beiden in fast grenzenloser Weise fähig ist. Eine Analyse, die immer zutreffender wird, gerade in der modernen Welt, wo die Grenzen zwischen Grausamkeit und Mitleidsfähigkeit verschwimmen, wo Selbstmordattentäter Maasen mit in den Tod reißen und zugleich das Wesen der Zuwendung und Wohlfahrt religiös vorgeschrieben ist (und durchaus breit eingehalten wird).

Am Ende folgt man Ritter überzeugt in seiner Bezeichnung unseres Zeitalters als „unter der Signatur der Zweisprache von Grausamkeit und Mitleid“. In einem Lebensraum der Natur, die ausschließlich für die Erhaltung der Arten und nicht für das Individuum sorgt. Einem Lebensraum, in dem eine „tröstliche Kultur“ (wie sie um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hin propagiert und auch geglaubt wurde) ebenfalls keine existenzverändernde Kraft in sich trägt. So verbleibt der kleine Lichtblick (den Ritter allerdings nicht zum „Programm“ macht, seine Kraft ist die der Darstellung , nicht die der „Rettung“), dass es als Aufgabe des Menschen im Raume verbleibt, die großen „Kränkungen), die Freud benannte, eben nicht „persönlich“ zu nehmen, nicht auf echte oder vermeintliche Kränkungen mit der automatischen Grausamkeit des „Kampfes gegen den vermeintlich Kränkenden“ zu antworten, sondern die Wahrheiten des Lebens ohne Kränkung hören zu können.

Nein, der Mensch ist nicht die „Krone“ der Schöpfung sondern nur Teil der Natur, die auch durch ihn hindurchgeht. Damit aber entfällt letztlich die Grundalge für Gewalt und Grausamkeit gegen andere, denn da der Mensch an sich nicht die Krone ist, ist auch keiner der Menschen untereinander dazu berechtigt, sich „über die anderen“, und sei es mit Gewalt, zu erheben. Mitleid ist die bessere Variante, gerade einem Wesen mit Verstand angemessen, das sich über die kurzfristigen Triebe zu erheben vermag. Mit Anstrengung zwar, aber dennoch möglich.

Ein sprachgewandtes, in sich wunderbar schlüssiges Essay zum „Augen öffnen“, auch wenn keine fertigen Alternativen oder Aufrufe zum „Mach anders“ von Ritter in den Raum geworfen werden. Zur Reflektion auch des eigenen Handelns bestens geeignet.
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