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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gib's ihr, Roger!
Vielleicht schafft er es ja. Vielleicht gelingt ihm tatsächlich, was er sich fast beschwörend einredet in den allerletzten Zeilen dieses Romans, als er ein letztes Mal zurückblickt auf den Eingang des eindrucksvollen Anwesens in der Londoner Pepys Road, in dem er so lange gelebt hat: dass er sich ändern kann. Roger Yount, 40 Jahre alt,...
Vor 21 Monaten von Cornelius Mirow veröffentlicht

versus
7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine englische Lindenstraße
Der Titel ist bereits falsch. Es geht nicht um das Kapital, sondern das Buch ist ein Versuch eines Gesellschafts- und Sittengemäldes, in dem die gegenwärtigen Themen wie Gentrifizierung, Finanzkrise, Migration, Kunstbetrieb und islamischen Fundamentalismus romanmäßig abgehandelt werden. Zu diesem Zweck widmet sich der Autor ganz dem Leben in der Pepys...
Vor 23 Monaten von Stadtbär Alexander veröffentlicht


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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gib's ihr, Roger!, 7. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vielleicht schafft er es ja. Vielleicht gelingt ihm tatsächlich, was er sich fast beschwörend einredet in den allerletzten Zeilen dieses Romans, als er ein letztes Mal zurückblickt auf den Eingang des eindrucksvollen Anwesens in der Londoner Pepys Road, in dem er so lange gelebt hat: dass er sich ändern kann. Roger Yount, 40 Jahre alt, Ex-Investmentbanker und Noch-Millionär, ist gefeuert worden in den unruhigen Tagen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008. Das Haus, über Jahre hinweg sichtbarste Manifestation seines Erfolgs und Wohlstands, hat er verkaufen müssen, und nun zieht er mit seiner Familie aufs Land, irgendeinem diffusen Neuanfang entgegen, auf den er sich freuen will: "Es war Zeit, etwas anzupacken, etwas zu machen. Soweit war sich Roger vollkommen sicher, wenngleich ihm nicht ganz klar war, was genau er damit meinte - was genau er anpacken oder machen würde. Nun ja, irgendetwas."

Die Aufbruchsstimmung ist also da, aber sie ist fühlt sich merkwürdig hohl an. Jahrelang hat Roger das typische Leben eines hochrangigen Bankers in der Londoner City geführt: hat Handelsgewinne für seine Bank erwirtschaftet, in dem er seine Mitarbeiter mathematische Prozesse steuern lies, die er selbst nicht verstand, hat renditehungrige Kunden umworben, seinem jährlichen Bonus entgegengefiebert und sich ansonsten der Verwaltung seiner privaten Bilanzposten gewidmet: dem Millionenanwesen in der Pepys Road samt feinstem Equipment, dem Wochenend-Landsitz in Gloucestershire, den 10.000 Pfund-pro-Woche Sommerurlauben, der Privatschule, den drei Autos. Die Betreuung der beiden kleinen Söhne haben die Younts` weitgehend an Kindermädchen ausgelagert, die natürlich auch ihren Preis haben. Aber für Arabella, Rogers genuss- und konsumfreudige Ehefrau, ist die Sache klar: "Für die Betreuung kleiner Kinder musste man geschaffen sein, und sie, Arabella, war nun einmal nicht dafür geschaffen, ganz einfach." Obwohl sie, natürlich, ihre Kinder ganz "lovely" findet, nur möchte sie halt ungern zu sehr von ihnen in Anspruch genommen werden. Und dieser Roger Yount, dieser Prototyp eines City-Bankers, der jahrelang nichts anderes getan hat als auf der Welle des Turbo-Kapitalismus zu surfen, dessen Leben jede einzelne Sekunde auf die Mehrung und Verwaltung von Vermögenswerten ausgerichtet war: Er soll nun plötzlich einen Neuanfang schaffen, mit dieser Frau, ohne Millionenbonus, ohne Kinderbetreuung, ohne all die Insignien des Materialismus, mit denen er jahrelang gelebt hat?

Es ist ungemein spannend zu lesen, wie Lanchester den rapiden Abstieg eines Super-Kapitalisten schildert, und man darf zugeben, dass ein nicht unerheblicher Teil des Lesegenusses einer grimmigen Schadenfreude entspringt. Wenn Roger sich vor Entsetzen buchstäblich übergeben muss, als er erfährt, dass sein Jahresbonus praktisch ausfällt, dann gibt die Geschichte dem Leser ein wenig von der Genugtuung, die in der realen Aufarbeitung der Finanzkrise leider allzu oft ausgeblieben ist. Und wenn er gleich darauf seine Frau (die er längst hasst für ihren materialistischen Lebensstil) bestraft, indem er ihr fast genüsslich mitteilt, dass nun alle Ausgaben drastisch gekürzt werden müssten und sie nun auch eine "Mama" sein müsse - da entfährt dieser nur ein leises "Oh", und man möchte gleich einstimmen in den bösen kleinen Freudentanz, den Roger innerlich vollführt. Nein, an diesen Stellen bringt der Roman nicht die nobelsten Gefühle im Leser hervor, aber es ist ein höllisches Vergnügen, das zu lesen!

Und das lässt sich nun ohne jede Einschränkung für den gesamten Roman sagen. "Kapital" ist ein geradezu perfektes Buch: Unfassbar smart geschrieben, spannend wie ein Thriller, intellektuell, hochaktuell, bewegend, witzig und tiefgründig. Erzählt werden über den Zeitraum eines Jahres die Geschichten von mehr als ein Dutzend Personen, die locker miteinander verwoben sind. Den globalen Hintergrund bildet das Dräuen der Finanzkrise, die gegen Ende des Romans ausbricht; London mit seiner Mischung aus Turbo-Kapitalismus und ethnischer Vielfalt ist der Schauplatz. Die Geschichte von Roger Yount bildet das erzählerische Rückgrat des Romans, aber die anderen Erzählungen sind kaum weniger packend, und es ist unmöglich, ihnen allen hier gerecht zu werden. Mehr noch als die großen, aus dem öffentlichen Diskurs bekannten Themen wie Finanzkrise, Terrorhysterie oder Einwanderungsproblematik (obwohl hier allesamt in restlos überzeugende Geschichten eingebunden) berühren dabei die subtilen Alltagsdramen, die Lanchaster schildert. Zbigniew, ein polnischer Handwerker, lässt sich leichtfertig auf eine Affäre mit Davina ein, obwohl er nicht viel mit ihr anfangen kann - nur, der Sex ist halt so verdammt gut. Als Zbigniew Davina satt hat und sich von ihr trennen will, taucht Davina wieder bei ihm auf, ein Bild des Jammers, sagt, dass sie nicht ohne ihn leben kann. Jetzt erst merkt Zbigniew, in was für eine Falle er sich begeben hat, dass er, ohne es zu wollen, Verantwortung übernommen hat für ein fremdes Leben, die ihn zu erdrücken droht. Und die er nicht einfach wieder abgeben kann wie einen gebrauchten Pulli. Als Zbigniew diese Einsicht kommt, sitzen die beiden schweigend Hand in Hand auf einer Parkbank, inmitten des sprudelnden Londoner Lebens, während die Wände über ihn hereinbrechen. Oder Matya, das sexy ungarische Kindermädchen, von Roger in einem Notfall rekrutiert, nachdem sich Arabella Hals-über-Kopf in einen Kurzurlaub mit Freundin verabschiedet hat: Roger verguckt sich in die Frau, und als man sich innerlich schon auf eine schwüle Vater-mit-dem-Kindermädchen-Episode einrichtet, geht die Geschichte einen völlig anderen Gang. Matya erwidert Rogers Begehren keineswegs, sondern verliebt sich auf mütterliche Weise in Josh, Rogers dreijährigen Sohn, und dieser in sie. Diese Liebe zwischen einer jungen Frau und einem Kleinkind ist auf ganz einfache Weise richtig und schön - und für den Leser ist es sehr erfreulich, wenn die eigenen abgeschmackten Erwartungen so enttäuscht werden. So auch bei Smitty - ein egozentrischer, eitler Aktionskünstler mit ausgewachsener Hybris und "leckt-mich"-Attitüde, der dann aber heimlich ins Sterbezimmer seiner Großmutter schleicht, um in den letzten Stunden bei ihr zu sein. Immer wieder zeigen die Figuren in diesem Roman solche warmherzigen, zutiefst menschlichen Züge, und das gibt dem Buch über alle technische Virtuosität hinaus auch ein besänftigendes, optimistisches Strahlen. Das macht das Lesen nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einer seelischen Wohltat.

Formal ist der Roman ohnehin über alle Zweifel erhaben. Lanchaster ist ein Meister der Sentenz. Immer wieder bündelt er Gedanken und Wahrnehmungen in pointenhaften Wendungen, die so gelungen und treffend sind, dass man verblüfft auflachen möchte. Man liest und fühlt sich glücklich wie ein Kind vor einem sprudelnden Becken, aus dem immer wieder die schönsten Seifenblasen aufsteigen. Die Leichtigkeit, mit der sich das liest, der Flow, der sich beim Lesen einstellt, sollte nicht zum Schluss verleiten, man habe es hier mit "einfacher" oder gar "trivialer" Literatur zu tun. Man kann es nicht oft genug sagen: Ein Text, der so verständlich und überzeugend ist, dass er beim ersten Lesen mit unmittelbarer Wucht im Bewusstsein einschlägt, der einen so in den Bann schlägt, dass man beim Lesen kaum zum Atmen kommt (oder spät abends noch einmal das Büro vom Wachmann öffnen lässt, weil man das Buch dort vergessen hat), erfordert viel mehr Begabung, Können und Anstrengung als die vermeintlich anspruchsvolle Assoziationsorgie mit Originalitätsneurose. Ambitioniert ist Lanchesters Schreibstil nur insoweit, als er auf höchstem Niveau unterhalten will. Und schwieriger geht es nicht. Hier gelingt's. Einer der besten Romane der letzten Jahre.
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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leicht zu lesen, schwer zu verdauen, 25. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
John Lanchester zeichnet ein neutrales Panorama der Bewohner Londons und schafft es, die Fakten und Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. Er prangert nicht an, dass Quentina, die Akademikerin, die wegen ihres politischen Engagements aus Simbabwe verjagt wurde und nun mit einer falschen Identität in London Knöllchen verteilt. Aber er erzählt ihrer Geschichte so realistisch und eindringlich, dass der Leser selbst zu einer moralischen Bewertung kommt.

Der Journalist John Lanchester bedient sich einer massentauglichen Sprache. Einfache, leicht verständliche Sätze prägen das 682 Seiten starke Werk und machen das an sich monumentale Werk zu einer angenehmen Lektüre. Die zahlreichen Handlungsstränge werden geschickt miteinander verwoben und am Ende verbunden, so dass trotz der zahlreichen Personen der Überblick gewahrt wird.

Darin unterscheidet sich Lanchester aber auch von Balzac, mit dem er auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe verglichen wird. Seine Figuren sind weniger detailliert gezeichnet und ihr persönlicher Hintergrund wird weniger beschrieben als dies bei Balzac und beispielsweise Tolstoi der Fall ist. Das macht seine Bücher zwar populärer, aber auch weniger epochal als beispielsweise die Werke von Jonathan Franzen.

Das Faszinierende an Lanchesters Charakteren ist ihre Durchschnittlichkeit. Sie fallen weder durch besondere Intelligenz, Schönheit oder Charakterschwächen auf, sondern sind so allgemein und gewöhnlich, dass es außer Frage steht, dass sich derartige Personen in London und anderen Metropolen finden lassen. Kapital wirkt daher wie ein Panoptikum unserer Gesellschaft, das aufzeigt, wie normale Menschen werden, wenn die Umstände so sind, wie in der westlichen Welt zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
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45 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Eines mußte man London lassen: Es gab ziemlich viel davon.", 24. Oktober 2012
Von 
Kalamaria - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser opulente, facettenreiche Roman handelt vom Leben in London in den Jahren 2007 und 2008 am Vorabend und während der Wirtschaftskrise. London konzentriert sich hier auf die Pepys Road, eine Straße, in der sich ein buntes, die untere bis obere Mittelschicht repräsentierendes Sammelsurium an Bewohnern und einem Kreis von weiteren Akteuren, die in unterschiedlichster Form einen Bezug zu diesem Umfeld haben, tummelt.

Ein wenig gemahnt dieser Roman in seinem Ansatz an den Film "Short Cuts" von Robert Altman, der allerdings in L.A. spielt. Wie dort werden fragmentarische Sequenzen aus dem Leben einiger Menschen aufgeführt und wie im Film steht hier die Stadt im Hintergrund und bildet die Kulisse zur Handlung, vielmehr zu den vielschichtigen Parallelhandlungen des Romans.

Die Rentnerin Petunia, der pakistanische Lebensmittelhändler Ahmed, der Finanzhändler Roger, das hoffnungsvolle senegalesische Fußballtalent Freddy - sie alle leben im Kreise ihrer Familien in der Pepys Road, haben Träume und hegen Hoffnungen und Wünsche... und werden von unheimlichen, regelmäßig eintreffenden Karten mit der Botschaft "Wir wollen das, was Ihr habt" belästigt, denen bald weitere, ähnlich störende Aktionen folgen, um die sich das lokale Polizeipräsidium mehr oder weniger motiviert kümmert.

Doch das Leben in der Pepys Road zieht weitere Kreise: nicht nur um diese Sendungen rankt sich die Handlung: Nein, weitere Figuren, die in Zusammenhang mit dieser Straße stehen, beispielsweise der polnische Handwerker Zbigniew, das ungarische Kindermädchen Matya, Freddys Vertrauter Mickey, um nur einige zu nennen... sie alle haben ihren Auftritt, ihren Anteil an der Geschichte.

Ein mitreißendes, pralles und monumentales Buch, das trotz der vielen darin vorkommenden Figuren nie verwirrend ist und nicht eine Länge aufzuweisen hat. Obwohl viel Alltägliches beschrieben wird, ist die hier erzählte Story voll von überraschenden Entwicklungen - es fällt wirklich schwer, die Lektüre zwischendurch zu unterbrechen, zumal neben der Darstellung der Erfahrungen, der Sorgen und Nöte auch der Humor an keiner Stelle zu kurz kommt.

Der Leser spürt, dass jede einzelne Seite wichtig und bereichernd ist - denn, um es mit Zbigniew, dem polnischen Handwerker zu sagen: "Eines mußte man London lassen: Es gab ziemlich viel davon" (S.541) - und zwar jede Menge pralles Leben, mit dem der Rezipient des Romans konfrontiert, durch das er mit allen Sinnen angeregt und mit Hilfe dessen er amüsiert wird. In diesem Sinne lege ich "Kapital" jedem ans Herz, der einen sowohl anspruchsvollen als auch unterhaltsamen Roman, der gut geschrieben und ebenso gut übersetzt ist, zu genießen vermag.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Jahr der Veränderungen, 5. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
In KAPITAL geht es um das Leben mehrerer Anwohner der fiktiven Pepys Road in London, die alle eines Tages die ominöse Nachricht "Wir wollen, was ihr habt" in ihrem Briefkasten finden.
Die Häuser in dieser Straße wurden einst als Arbeitersiedlung gebaut, doch im Zuge der Gentrifizierung haben sich die Häuser, die Preise der Häuser und auch die Zusammensetzung ihrer Bewohner stark verändert.
Wir lernen die älteste Bewohnerin der Straße kennen, die 82jährige Witwe Petunia Howe, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat, später dann auch ihre Tochter und den Enkel, einen Künstler, der unter dem Namen Smitty bekannt ist. Nebenan lebt der erfolgreiche Banker Roger Yount, der offensichtlich über seine Verhältnisse lebt - nicht ganz schuldlos daran seine anspruchsvolle und konsumbesessene Gattin Arabella. Der siebzehnjährige Freddy Kamo, ein angehendenr Fußballstar, ist aus dem Senegal nach London gekommen, um hier Karriere zu machen.. Auch er wohnt mit seinem Vater in einem Haus in der Pepys Road, das der Fußballverein für ihn gemietet hat. Dann ist da noch die pakistanische Familie von Ahmed Kamal, der im Haus, in dem er wohnt, einen Convenience Store betreibt. Und es geht auch um die Leute, die in der Pepys Road arbeiten: Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, den polnischen Handwerker Zbigniew und die afrikanische Politesse Quentina, die als Asylantin ihren Job nur auf illegale Weise bekommen konnte.
Wir folgen den Schicksalen dieser Leute für ein Jahr, einige werden ausführlicher behandelt als andere, aber bei allen gibt es einschneidende Veränderungen - am Ende dieses Jahres ist nichts mehr so, wie es vorher war. Und diese Veränderungen sind unter anderem bedingt durch Finanzkrise, Globalisierung, Migration und Terrorismusangst.
Der anfänglich sehr wesentlich erscheinende Handlungsstrang um die "Wir wollen, was ihr habt"-Postkarten erweist sich als weniger zentraler, wenn auch durchaus spannnender, Nebenschauplatz.
John Lanchester bietet einen faszinierenden Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten, ein bewegendes, packendes und humorvolles Kaleidoskop menschlicher Lebensentwürfe und Schicksale. Der fast 700 Seiten umfassende Schmöker unterhält größtenteils hervorragend, ein paar kleine Hänger zwischendurch fallen nicht ins Gewicht.
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4.0 von 5 Sternen Liebeserklärung an London, 22. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sehr lesenswert und kurzweilig. Ich habe das Buch trotz der knapp 600 Seiten in weniger als einer Woche durchgelesen und es hat Spass gemacht. Capital ist sehr locker und lesbar geschrieben (böswillig könnte man sagen: ohne eigene Handschrift) und es passiert eine ganze Menge obwohl es keine eigentliche Handlung gibt. Vielmehr gibt es 5 oder 6 verschiedene Handlungsstränge die ausser der Tatsache, dass alle in einer Strasse leben oder arbeiten, nur wenig Berührungspunkte haben und nebeneinander herlaufen.

Irgendwann merkt man beim Lesen, dass die Stränge in der Tat nicht zusammenführen werden und einfach im Sande verlaufen werden, was sie dann auch tun. Das Ende ist daher etwas frustrierend; auch weil man sich fragt, was der "Krimiaspekt" der mysteriösen Postkarten sollte. Was das Buch lesenswert macht sind die vielen kleinen Geschichten aus dem Leben verschiedener Londoner und London an sich. City-Banker (alt+neu), der Künstler im Viertel zwischen Gentrifizierung und Slum, das alte England in form von Petunia, die pakistanische Familie und das ganz neue England in Form von Bogdan the Builder und des ungarischen Kindermädchens. Vieles gut beobachtet und amüsant erzählt. (Nicht umsonst heisst das Buch Capital, es geht nicht nur um das Kapital der verschiedenen Personen, sondern das Buch ist in erster Linie eine Liebeserklärung an die Stadt und ihren way of life.) Da verzeiht man dann auch manch zu starke Übertreibung, kleine Sprünge in der Logik oder Wiederholungen. Man verzeiht auch die typisch englische, hinter Humor und Selbstironie gut versteckte, aber dennoch feste Überzeugung, dass London eigentlich noch immer den Mittelpunkt der kultivierten Welt darstellt.

Zwischen 4 und 5 Punkten habe ich mich dann wegen den oben erwähnten Kleinigkeiten für 4 entschieden, aber es ist eine klare Leseempfehlung.
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5.0 von 5 Sternen Finanzkrise multiperspektivisch, 13. Februar 2013
Von 
Reiter "reiterbdw" (türkheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das ist fast schon Faction", eine Kombination aus Unterhaltungs- und Sachliteratur. Aufgearbeitet hat der Autor Geschehnisse und Folgen der Finanzkrise: Wie wird wer wofür verantwortlich gemacht und wer kann sich aus der Affäre und damit aus dem Geschäftsleben zurück ziehen? Subjektiv leiden gerade die Großverdiener am meisten unter Verlusten, während es dem kleinen Mann" nun noch übler geht ... In der Pepys Road im Londoner Süden leben vor allem zu Geld Gekommene - doch am Rande auch normale" Menschen, in der Melting-Pot-Mischung. Wer Migrations-Hintergrund mitbringt, kann dann schon mal in die Terrorismus-Mühle geraten und kommt nur mit viel Mühe wieder heraus. In die Konsum-Mühle ist Roger Yount mit seiner Familie geraten: Die Frau ist geradezu manische Käuferin, die Zeichen der Zeit aber gleich überhaupt nicht wahrnimmt. Und wenn dann aus erwarteten 1 Million Pfund Bonus ein solcher von gerade mal 30.000 wird, sind manche Pläne perdu. Doch auf der Suche nach Glück sind auch die anderen Bewohner der Pepys-Road, ob lange ansässig (der eher aussterbende Einwohner-Teil, im Sinne des Wortes ...) oder kurz dabei, wie etwa die senegalesische Fußballhoffnung Freddy Kamo mit Vater. Mitten in einer seiner Baustellen haust der polnische Handwerker Zbingniew, dessen Hang zu Frauen auch zu interessanten Verwicklungen führt - und Pläne auch bei ihm über den Haufen wirft. Und was steckt schließlich hinter den Nachrichten, die bald regelmäßig in den Briefkästen landet, in Form von Ansichtskarten, nämlich Ansichten des jeweiligen Hauses Wir wollen, was ihr habt."? Steckt vielleicht doch ein Künstler dahinter, der noch zu erwähnen wäre? Letztlich ist vieles anders, als man denkt - und kommt auch so daher. - Schön der Titel, der natürlich bewusst an Karl Marx erinnern soll, dessen Leben und Schreiben sich ebenfalls an Ort und Stelle des Romans ereignet hat: London. Finanz-Dreh- und Angelpunkt, ob nun ohne Shard oder neuerdings mit ihm ... Fast 700 Seiten voller Ironie und britischem Witz (ja, tatsächlich andeutungsweise schwarzem Humor). Ein Metropolen-Panorama hat ttt den Roman genannt, mit spöttischem, aber auch teilnahmsvollem Blick." (U4) Erzählt von einem, der einst in Hamburg geboren wurde, im Fernen Osten aufgewachsen ist, um schließlich in England zu landen, u.a. als Restaurant-Kritiker für den Observer: Sein scharfer Blick wird in diesem Opus Magnum gut erkennbar ... Mit viel Einblick in die Zentralen der Finanz-Transaktionen, ihr Manipulieren und Augenverschließen vor crucial moments, so lange alles gut geht. Doch, wehe sie sind los gelassen
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt lesen!, 21. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
John Lanchester wirft in seinem Roman “Kapital” einen ganz wunderbaren Blick auf eine dieser unzähligen, gemütlichen kleinen Reihenhausstraßen Londons - eine jener Straßen also, bei denen man sich immer fragt, wer dort wohl wohnt und was deren Mauern schon alles gesehen haben. Anhand der ewigen Ein- und Auszüge, der Renovierungen und Umbauten in der Pepys Road (die es übrigens wirklich gibt, irgendwo im Häusermeer wischen Greenwich und Brixton) zeichnet er den Wandel der größten westeuropäischen Metropole seit Anfang des 20. Jahrhunderts nach. Zum Ausgangspunkt seiner Geschichte wählt Lanchester jedoch das folgenschwere Jahr 2008, in dem weltweit die Finanzblase der Immobilienbanken platzte und mit ihr auch viele kleine private Träume vom großen Geld. Und fast unausweichlich beschäftigt er sich auch mit dem Thema des islamischen Terrorismus - nur zu gut haben die Londoner noch die blutigen U-Bahn-Anschläge, ihr “7-7” des Jahres 2005 in Erinnerung. Wobei Lanchester mit dem Thema jedoch sehr menschlich umgeht und hinter dem vermeintlichen Terroristen einen Jugendlichen entdeckt, der auf der Suche nach sich selbst auch falsche Freunde findet. Daneben streift er alle möglichen anderen Aspekte der Stadt, wie den englischen Profifußball oder die Situation der zahlreichen osteuropäischen Handwerker, verwebt die Geschichten seiner Protagonisten auf unaufdringlich-intelligente Art und verteilt seine Sympathien gerecht zwischen allen - jede seiner Figuren erhält eine zweite Chance, um etwas anderes aus dem Leben zu machen. Dies alles macht John Lanchesters “Kapital” zu einem sehr eindrucksvolllen Roman, der die tiefgreifenden Umwälzungen der Finanzkrise großartig auf die individuellen Biographien seiner Protagonisten herunterbricht. Unbedingt lesen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mikrokosmos unterschiedlichster Menschen, 1. Januar 2013
Von 
Jürgen Zeller (Kanton Bern, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Pepys Road in London hat sich zu einem Mikrokosmos unterschiedlichster Menschen entwickelt. Früher eine Strasse eines Viertels in dem die Angestellten der Mittelschicht wohnten, mit einem Einkommen das es ihnen erlaubte mit ihrer Familie in ein robust gebautes zwei- oder dreistöckiges Haus mit Garten zu ziehen. Gewiss keine spektakuläre aber durchaus eine wohnliche Gegend. Das viele Geld das es ab Mitte der neunziger Jahre an der Börse zu verdienen gab, besonderes in einer Finanzmetropole wie London, spülte eine neue Gesellschaftsschicht von Leuten hervor die schnell sehr viel Geld verdienten und sich problemlos ein gediegenes Haus leisten konnten. Das Phänomen das gewisse Stadtteile von einem Jahr auf andere plötzlich als hipp gelten und diese In-Quartiere reiche Menschen wie Motten das Licht anziehen gilt auch für die Pepys Road. Die alteingesessenen Bewohner wurden plötzlich vermögend, nicht in Form von Bargeld sondern weil der Wert ihrer Häuser innert kürzester Zeit in schwindelerregende Höhen stieg und immer mehr konnten den Verlockungen des schnöden Mammons nicht widerstehen und verkauften ihr Anwesen zu einem Höchstpreis von mehreren Millionen Pfund. Die neuen Bewohner der Strasse verändern das Gesellschaftsbild nach und nach aber auch ihr Leben ist nicht frei von Sorgen obwohl sie dieses Gefühl durch eine strahlende Fassade gerne vermitteln möchten.

Der rote Handlungsfaden durch die Geschichten sind die mysteriösen Karten mit Fotos der Haustüren oder Häusern der Pepys Road und der Nachricht "Wir wollen was ihr habt" die allen Bewohnern anonym zugestellt werden. Was hat es damit auf sich? Seltsam! Die Karten gehen sowohl an eine alte Witwe wie auch an ihre Nachbarn gegenüber die Familie eines smarten Bankers, das hoffnungsvolle Fussballtalent aus dem Senegal und seinen umtriebiger Manager, die Besitzer des Kiosks/kleinen Lebensmittelladens der Strasse und einen Künstler. Eine Asylbewerberin aus Afrika die als Politesse ihren Dienst tut und polnische Handwerker die Bau- und Umbauarbeiten vornehmen sowie ein Kindermädchen spielen, zwar nicht als direkte Bewohner aber als regelmässig Anwesende, eine zentrale Rolle. Mit jedem Kapitel wechseln sich die Schauplätze ab und manche beginnen sich zu verbinden. Zu Beginn war alles rund um den Banker der interessanteste Handlungsstrang aber nach und nach treten die anderen in den Vordergrund und weckten mein Interesse mehr und mehr.

Der Stil wie alles geschrieben und erzählt ist vermag mich zu überzeugen. An und für sich recht leicht und flüssig lesbar entwickelte sich in mir ein Bedürfnis stets weiterlesen zu wollen und die rund 680 Seiten waren in kurzer Zeit weggeschmökert. Der Autor streut laufend eine Prise Ironie und feinen Spott mit ein aber insgesamt geht er doch recht human um nicht zu sagen sanft mit seinen Figuren um. Dieses Buch ist nicht der grosse englische Gesellschaftsroman der Land und Leute porträtiert und eine sinngebende Moral und eine konkrete Aussage ist nicht zu erkennen ausser das Geld allein nicht glücklich macht. Zu bunt zusammengewürfelt sind die Figuren und es wirkt manchmal etwas gewollt und sie bedienen das ein oder andere Vorurteil aber schlussendlich dient und erhöht es den Unterhaltungswert.

Geht doch mal spazieren und betrachtet die vielen unterschiedlichen Eingangtüren an den Häusern an denen ihr vorbeilauft und sinniert darüber wer wohl dahinter wohnen könnte, was für ein Leben sie führen und welche Freuden oder auch Sorgen sie im Moment bewegen. Für mich ein gutes bis sehr gutes Buch dessen Geschichten einen enorm hohen Lesespass bereiten.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Roman zur Lebenshaltung der Zeit, 4. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sehr unterschiedlich sind die Personen und Lebensentwürfe, die im Roman in der Pepys Road in London wohnen, leben (und zum Teil auch arbeiten).

Von der alternden „Ur-Bewohnerin“ in ihrem mehr und mehr schäbig wirkendem Haus über die aufstrebende Moslem Familie (mit ihren ganz eigenen, inneren Spannungen, die auch für die Außenwelt später eine Rolle spielen werden) bis zum vermeintlich überaus reichen Investmentbanker (der aber drängend auf einen exorbitanten Bonus angewiesen ist, um nicht pleite zu gehen) und zum aufstrebenden Fußballtalent, das staunend aus seinem Drittweltland in diese Straße der Metropole gastweise einzieht, bis hin so manch anderen ganz eigenen Persönlichkeiten reicht die Palette der zusammengewürfelten Bewohner.

„All das war Teil einer einschneidenden Veränderung, die mit der Pepys Road vor sich ging. Seit es die Straße gab, war in ihr fast alles geschehen, was in einer Straße geschehen konnte“.

Es wurde gelebt bis dato in der Pepys Road und das nicht zu knapp. Aktiv, mit kleinen und etwas größeren Leben, aber bestimmend gelebt. Und dies ändert sich im Zuge des Immobilienbooms in London. Allmählich, aber spürbar. Mehr und mehr leben die Bewohner nicht, sondern „werden gelebt“. Vom Wert ihrer Häuser, um den sich alles beginnt, zu drehen.

„Das erste Mal seit Entstehen der Straße waren die Menschen in ihr reich. Sie waren reich, weil wie durch ein Wunder alle Häuser in der Straße nun Millionen von Pfund wert waren“.
Das vorherrschende „Kapital“ im Buch sind somit die Häuser der Straße, dahinter aber drängt sich der Mammon von allen Seiten. Und was das heißt, das erzählt Lanchester mit seinem intensiven Blick hinter manche der Fassaden der Straße.

Was aber noch nicht bei allen, vor allem nicht bei Petunia, wirklich innerlich angelangt ist. Und noch eines verbindet die Bewohner der Straße seit Neuestem. Alle erhalten Postkarten mit Fotos ihrer Haustüren und Häuser. Mehrere Karten. Alle mit dergleichen Aufschrift: „Wir wollen, was ihr habt“. Was genau das ist, wer hinter den Karten steckt, wie sich die einzelnen, differenziert und sprachlich wunderbar geschilderten Personen entwickeln, wie das alles im Blick von außen von den überaus fleißigen und mit beiden Beinen fest auf den Boden stehenden (außer, was die Liebe angeht), polnischen Handwerkern betrachtet wird und, vor allem, wie sich das Leben, die Werte, die Haltungen schleichend durch die nackte Anwesenheit (oder eben Nicht Anwesenheit) von Geld, dem „Kapital“, verändern, dies beschreibt Lanchester in diesem umfassenden und ganz hervorragendem Roman auf gut 680 Seiten.

Ein Metier, in dem sich Lanchester durchaus auskennt, was man dem Buch beständig anmerkt. Geld ist die Kraft, die vordergründig treibt, die die einen „noch mehr und mehr“ vor sich hintreibt, die andere überhaupt erst mal „hintreiben“ will, die Widerspruch und Bedrohung auslöst, um die sich letztlich die Gedanken fast aller Personen drehen.

Doch am Rande, nicht nur, aber gerade auch in der Person der Petunia, verleiht Lanchester in vordergründiger Naivität dennoch dem, worum es vielleicht doch noch wirklich geht, eine Stimme. Dem Atmen und am Leben sein, der Verbundenheit ohne Lebenswelten teilen zu können (in Bezug auf ihren Enkel vor allem). Innere Kälte ist es durchaus auch, die schleichend im Gefolge des Kapitals Einzug hält. Eine Kälte, die Lanchester nicht plump oder moralisierend benennt, sondern deren Entwicklung und Folgen er dem Leser spürbar durch seine bilderreiche Sprache „wie im Vorbeigehen“ nahe bringt. Ein Autor, der sein „Personal“ durchaus liebt und mit Intensität ins literarische Leben bringt.

Ein sehr empfehlenswerter Roman als „Portrait der Gegenwart“. Nicht nur in der Pepys Road.
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4.0 von 5 Sternen Kapital, 10. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich war schon angenehm überrascht von der Leseprobe. Titel und Inhalt deuteten eher auf einen trockenen Finanzschmöker hin, aber dieser Eindruck täuscht bei weitem und so hat mich das Gesamtwerk sehr erfreut!

Auf der einen Seite wird Petunia Howe, eine Rentnerin und Bewohnerin der ersten Stunde der Pepys Road vorgestellt. Sie lebt schon seit Ewigkeiten in ihrem Haus; zufrieden mit sich und ihrem Leben. Auf der anderen Seite steht der Banker Roger Yount. Er selbst sieht sich als Durchschnittsbürger, hat aber irgendwie die Perspektiven aus den Augen verloren. Immer höhere Boni, ein noch größeres Haus, Statussymbole wohin man blickt. Roger und seine Frau sind dekadent und merken es nicht einmal.

Das Cover ist ein wahrer Blickfang! Es zeigt eine Stadt, die kreisförmig angelegt ist auf die man aus der Vogelperspektive darauf schaut. Die Häuser sind liebevoll in einer Bleistiftzeichnung gestaltet und alle einzigartig. Ich finde es sehr ungewöhnlich für den Titel gewählt, aber zusammen mit dem Inhalt des Buches passt es sehr hervorragend!

John Lanchester ist ein guter Beobachter. Sein Schreibstil ist sehr lebhaft und die Charaktere sind überzeugend gezeichnet. Zudem fällt der Roman in ein Genre, das ich besonders mag: Geschichten über Figuren, die wie zufällig miteinander verbunden sind. In diesem Fall leben oder arbeiten sie alle in der gleichen Straße, der Petunia Howe, in London zwischen Dezember 2007 und November 2008. Mit 682 Seiten ist Kapital eher ein Schmöker, dennoch spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.

Auch die angesprochenen Themen sind sehr vielfältig: Eigentum, Geld und Gier, Arbeiter, die obere Mittelschicht und Einwanderer, Sport, Kunst und Karriere, Liebe und Glück, aber auch Jobverlust, Gefängnis, Trennung und Tod. Schließlich wird sogar das Rätsel um die merkwürdige Nachricht Wir wollen, was ihr habt." gelöst. Gerade diese Vielfältigkeit hat mich an diesem Buch sehr angesprochen und ich las neugierig von einer Seite zur nächsten. Besonders bewegend fand ich die die Auswirkungen der Finanzkrise auf einzelne Menschen. Finanzkrise ist sonst eher ein Wort, welches ich nur aus den Nachrichten kenne, was mich nicht betrifft, aber jetzt rückt es doch wieder in den Fokus.

Mein Fazit
Kapital ist ein typisch englischer, humorvoller Roman, der mich tief bewegt hat. Ein sehr lesenswertes Buch!
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Kapital: Roman
Kapital: Roman von John Lanchester
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