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21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sennett ist davon überzeugt, dass der Mensch zu einer viel tieferen Zusammenarbeit fähig ist, als es heute möglich ist
In seinem neuen Buch stellt sich der amerikanische Soziologe Richard Sennet die Frage, wie Menschen, die sich in vielen Gesellschaften immer mehr unterscheiden in ihrem sozialen Staus, ihrer ethnischen Herkunft und vor allem ihrer Weltanschauung, gut zusammen leben und zusammen arbeiten können.

Für Sennett ist die Beantwortung dieser Frage der...
Vor 24 Monaten von Winfried Stanzick veröffentlicht

versus
18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kooperation
Beim vorliegenden Buch "Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält" handelt es sich um den zweiten Band einer auf 3 Bände angelegten Reihe über das Funktionieren der Gesellschaft und des Alltagslebens. Dabei nimmt Sennett - wie er behauptet - Abstand von abstrakten Theorien, die man heranziehen könnte um die Gesellschaft zu erklären und...
Vor 22 Monaten von Polystyrol veröffentlicht


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21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sennett ist davon überzeugt, dass der Mensch zu einer viel tieferen Zusammenarbeit fähig ist, als es heute möglich ist, 5. September 2012
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
In seinem neuen Buch stellt sich der amerikanische Soziologe Richard Sennet die Frage, wie Menschen, die sich in vielen Gesellschaften immer mehr unterscheiden in ihrem sozialen Staus, ihrer ethnischen Herkunft und vor allem ihrer Weltanschauung, gut zusammen leben und zusammen arbeiten können.

Für Sennett ist die Beantwortung dieser Frage der Schlüssel zu einer positiven Entwicklung unserer Gesellschaften. An unzähligen Beispielen erklärt er das Wesen der Zusammenarbeit und spürt nach, wie ihr Wert wieder neu bestimmt werden kann.

Dabei geht es in einer Welt, in der die sozialen Gräben zwischen Arm und Reich immer tiefer werden und die gesamte Gesellschaft ihren inneren Halt zu verlieren droht durch immer größer werdende soziale Spannungen, nicht darum, Unterschiede zwischen den Menschen und ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten durch mehr Zusammenarbeit zu nivellieren, sondern es geht darum, sie in eine Art gemeinsames Projekt einzubringen. Vorbild ist ihm dabei der klassische Handwerksbetrieb, dessen Leistungen er als „handwerkliche Kunst“ versteht, in dem man als Gruppe zusammenarbeitet, aber sehr wohl ein Meister das Sagen hat.

Diese Form der Zusammenarbeit, so Sennett, ist dann erfolgreich, wenn die Mitglieder des Kollektivs einander zuhören und wenn die Fähigkeiten und die Fertigkeiten jedes Einzelnen einfließen in das fertige Produkt.

Dieses Bild des Handwerkbetriebs überträgt er auch auf andere Situationen, und hebt besonders das Prinzip des Dialogs hervor. Denn wir wissen meistens nicht, was in den Menschen wirklich vorgeht, mit denen wir zusammenarbeiten sollen oder wollen. Der permanente Austausch im Gespräch führt nicht nur zu besserer Zusammenarbeit und besseren Ergebnissen bzw. Produkte, sondern hebt auch die Lebensqualität der in dieser Zusammenarbeit beteiligten Menschen.

Es ist eine sehr positive und hoffnungsvolle Sicht, die Sennett da zeigt. Er ist tief davon überzeugt, dass der Mensch zu einer viel tieferen Zusammenarbeit fähig ist, als es ihm die bestehende Ordnung ermöglicht.

Vielleicht müssen, wie so oft, einzelne Menschen in den Gruppen, in denen sie leben und arbeiten, damit anfangen. Doch wirklich wirksam wären Sennetts Ideen erst, wenn auch dort, wo die großen Entscheidungen gefällt werden, etwas von Dialog und Kooperation Einzug hielte. Da bin ich eher skeptisch.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein klarsichtiger Weckruf - mögen ihn viele hören, 18. November 2012
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Diese Erkenntnis ist nun wahrlich nicht neu. Wenn sie - vom Autor unausgesprochen - gleichwohl den roten Faden seines im Jahre 2012 n. Chr. veröffentlichten Buches bildet, muss es hierfür einen tieferen Grund geben. Er liegt wohl in der Sorge, dass wir zunehmend diese, unsere Bestimmung aus dem Auge verlieren. Sennett gelingt es, ohne in platte Sozialromantik abzufallen, an konkreten Beispielen diesen Verlust plastisch zu machen. Dabei verwendet er eine wirklich interessante Technik, indem er nicht nur seine eigene Biographie, sondern auch die Pariser Weltausstellung von 1900 sowie Holbeins 1533 vollendetes Gemälde "Die Gesandten" als Rahmen nutzt und als Koda die Frage von Montaigne aufwirft, ob er mit der Katze oder sie mit ihm spiele. Dieser große Rahmen wird immer wieder ergänzt durch Einbindung verschiedenster Beispiele konkreter Situationen von Zusammenarbeit. Besonders beeindruckend ist dabei das Beispiel des Alkoholikers, der durch die Solidarität seiner Kollegen am Fliessband vor Entdeckung geschützt wurde. Typisch für Sennett wird aber auch die andere Seite der Medaille betont: gelöst wurde das persönliche Problem dadurch nicht. Dass Sennett sich in seinem Buch auch mit wissenschaftlichen Thesen auseinandersetzt, bedarf keiner Erwähnung. Er verfügt hier zweifelsohne über einen fundierten Einblick in alle relevanten zeitgenössischen und historischen Vorarbeiten. Erneut gelingt es ihm in vortrefflicher Weise, diese dem Leser nahezubringen, ohne in einen wissenschaftlichen Diskurs abzuschweifen. Wie frühere Bücher von Sennett auch ist dieses erneut ein Weckruf. Das er gehört wird ist leider unwahrscheinlich. Aber dennoch ist es gut zu wissen, dass es klarsichtige Beobachter wie Sennett gibt, die uns allen immer wieder vor Augen halten, was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. Am anderen Ende liegt sonst der "bellum omnium contra omnes".
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Together, 16. April 2013
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Richard Sennett, der wohl renommierteste Soziologe der Gegenwart, legt mit Zusammenarbeit" den 2. Band seiner - wie er sie in Anspielung auf Hanna Ahrendts Vita Aktiva" nennt - Homo Faber Triologie - vor. Im Original lautet der Titel Together" und eigentlich geht es auch sehr grundsätzlich um das gesellschaftliche Miteinander. Dass im Deutschen hier sofort Arbeit assoziiert wird, stimmt nachdenklich. Band 1 seines Werkes, das wohl eine Art vorläufiges Vermächtnis seiner wissenschaftlichen Arbeit darstellen soll, erschien unter dem Titel Handwerk", Band 3 wird sich der Thematik des urbanen Lebens widmen.

Menschliches Handeln, so der Autor, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Eigennutz- und Gemeinwohlorientierung, zwischen Kooperation und Konkurrenz. Diese beiden Verhaltensweisen können jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Sennett unterscheidet: Altruismus, Win-Win-Kooperation, Null-Summen-Kooperation, differenzierten Austausch, The-Winner-takes-it-all.

Altruismus bedeutet selbstloser Einsatz. Menschen engagieren sich für andere ohne Erwartung einer Gegenleistung. Beispiele dafür wären karitatives oder anderweitig ehrenamtliches Engagement, aber ebenso die Bereitschaft, dem Allgemeinwohl dienliche Ideale auch dann nicht zu verraten, wenn große persönliche Vorteile winken oder die Bedrohung durch schwere Nachteile im Raum steht. Charakteristisch für Menschen, die ausgeprägtes altruistisches Verhalten zeigen, sei, so Sennett, dass sie sich an einer Art Schatten-Ich orientieren. Sie sind unabhängige Individuen, denen es in erster Linie darum geht, in ihrem Handeln vor sich selbst oder auch vor Gott zu bestehen.

Bei der Win-Win-Kooperation geschieht Zusammenarbeit mit dem Wissen, dass im Ergebnis alle beteiligten Parteien profitieren. Typische Beispiele sind Bauprojekte, die ein Mensch allein nicht zustande bringen könnte, oder genossenschaftliche Projekte, bei denen der finanzielle und/oder produktive Einsatz aller Beteiligten zu geschäftlichen Erfolgen führt, die im Alleingang undenkbar gewesen wären.

Abweichend von der Bedeutung in der Spieltheorie meint Sennett mit Null-Summen-Kooperation Abläufe, bei denen niemand etwas gewinnt und niemand etwas verliert - das typische Eine-Hand-wäscht-die-andere. Bei der differenzierten Kooperation ist den Beteiligten von vornherein klar, dass sie in unterschiedlichem Maß von der Zusammenarbeit profitieren werden, z.B.Manager und Angestellte in einem Unternehmen.

The-Winner-takes-it-all ist der Gegenpol zum Altruismus. Der kooperative Einsatz des Südstaaten-Sklavenhalters bei der Plantagenarbeit war ebenso gering, wie der Ertrag, der für die Arbeiter abfiel. Ein Beispiel aus der zivilisierten Gegenwart sind Börsengeschäfte, bei denen entgegengesetzt auf Kursentwicklungen gewettet wird. Die Verluste des Einen, sind die Gewinne des anderen - spieltheoretisch das eigentliche Nullsummen-Szenario.

Sennett nimmt den Leser mit auf eine kulturhistorische Betrachtung der Entwicklung kooperativer Muster in der Gesellschaft - vom mittelalterlichen Kodex der Ritterlichkeit über das protestantische Arbeitsethos bis zur amerikanischen Nachbarschaftshilfe und dem Gemeinschaftsleben im israelische Kibbuz. Dabei ist es nicht immer ganz einfach, dem Autor zu folgen, zumal er sich zuweilen in Detailfragen - bspw. ritueller Praktiken in verschiedenen Denominationen - verliert und hier mit recht eigenwilligen Interpretationen aufwartet. Die zentralen Motive der Reformation, insbesondere Luthers, auf den er oft in einer Weise Bezug nimmt, als wäre dieser über die selbstquälerischen Jahre im Augustinerkloster nie hinaus gekommen, hat er ganz offensichtlich nicht wirklich verstanden.

Sennetts Stärke liegt in der Gegenwartsanalyse. Kooperation und Konkurrenz bilden normalerweise in etwa ein Gleichgewicht. Diese Balance war in verschiedenen Gesellschaften bzw. Epochen immer wieder mehr oder weniger gestört. In der Gegenwart sieht Sennett hierfür den von den 80er Jahren an zunehmend erstarkenden Neoliberalismus in der Verantwortung.

Was Sennett in den 1970er Jahren während seiner Befragung Bostoner Arbeiterfamilien konstatierte, war nicht optimal, zeugte aber von halbwegs gesunden Bezügen im "sozialen Dreieck": "Auf einer Seite zollten Arbeiter anständigen Vorgesetzten widerwilligen Respekt, die ihrerseits zuverlässigen Beschäftigten widerwilligen Respekt bezeugten. Auf einer zweiten Seite redeten Arbeiter untereinander offen über ihre Probleme und schirmten Kollegen, die in Schwierigkeiten waren, am Arbeitsplatz ab, ob es sich beim Problem nun um einen Kater oder eine Scheidung handelte. Auf der dritten Seite sprangen Beschäftigte ein und leisteten Überstunden oder übernahmen die Arbeit von Kollegen, wenn etwas in der Werkstatt vollkommen schief lief."

Inzwischen ist längst eine deutliche Schieflage zu verzeichnen: "Der neue Kapitalismus hat Ort und Zeit der Arbeit verändert. Die herkömmliche Arbeitsorganisation, wie sie etwa für die großen Autofabriken mit ihren Fließbändern typisch war, erlegte den Leuten zwar eine stupide und repetitive Arbeitsweise auf. Aber sie bot den einfachen Arbeitern auch die Chance, sich selbst zu organisieren. Die Firma, die Bosse waren ein sichtbares Gegenüber, gegen das man sich abgrenzen konnte. Das ist die räumliche Dimension. In der zeitlichen Perspektive hatte das Arbeitsleben den Charakter einer zusammenhängenden Erzählung. Regelmäßige, wenn auch geringe Lohnerhöhungen gaben den Leuten das Gefühl, dass es ihnen im Laufe der Jahre immer besser ging."

Zudem, so Sennett, hatte der zwischenmenschliche Bereich einen viel höheren Stellenwert. Es wurde viel Wert auf ein positives Arbeitsklima gelegt. Man wusste, wie förderlich dies auch in Bezug auf eine gute Produktivität auswirkte. Heute setzt man dagegen auch innerhalb der Belegschaft auf Konkurrenz. Die Firma Microsoft bspw. lässt häufig konkurrierende Teams gleichzeitig an der Umsetzung eines Projektes arbeiten, so geschehen bei der Entwicklung ihres Internetexplorers. Die Winner", also das Team mit der schnellsten und besten Lösung, werden weiterbeschäftigt und großzügig entlohnt, die Looser" dagegen gefeuert.

Das Beispiel, so Sennett, macht deutlich wie sich die Teamarbeit verändert hat. Ein Team zu sein, das hieß einmal, fest zusammenzuhalten, füreinander einzustehen. Heute ist Teamarbeit eher eine Übung in lockerem, flüchtigem Umgang miteinander. Auf Managementschulen wird heute gelehrt, dass man Teams alle sechs bis acht Monate völlig umkrempeln muss, damit die Leute sich nicht zu sehr aneinander gewöhnen." Was dies für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet ist klar. Wer in ständig wechselnden Besetzungen arbeiten muss, hat keine Chance, Vertrauen zu seinen Kollegen zu entwickeln. Vertrauen braucht Zeit. Man möchte doch wissen, auf wen man sich verlassen kann, wenn im Betrieb etwas schiefläuft oder der Boss Unmögliches verlangt." Jeder, so Sennett in einem ZEIT-Interview, ist der ungeheuren Last eines permanenten Risikos ausgesetzt, ist Unternehmer seiner Arbeitskraft."

Wo liegen Ressourcen und Möglichkeiten, um den beschriebenen negativen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen? Dieser Frage geht der Autor im hinteren Teil des Buches nach. Abstrakte Solidaritätsforderungen, so Sennett, seien nicht die Lösung. Wie die Erfahrung im Ostblock zeigen, führen diese zu neuen Formen bzw. Konstellationen unterdrückender Macht. Das Handwerk hingegen sei eine Schule des Miteinanders und der Kooperation, da kommunikative Zusammenarbeit und Abstimmung nötig und das Wissen darum, dass man Dinge nicht erzwingen kann, sondern sich den Eigenschaften des Materials im Vorgehen angleichen muss. Etwas unvermittelt stellt der Autor auch die Feststellung in den Raum, das moderne, säkulare Gesellschaft unter einem Mangel an gemeinschaftsstiftende Riten leiden. Ideen dazu, was hier Abhilfe schaffen könnte, folgen nicht.

In modernen Gesellschaft, so Sennett, seien bereits die Schulen Horte der Entwicklung von Ungleichheit. Zum einen wird der Identifikation der Kids über Markenkleidung und sonstiges heute gängiges Equipment (Stichwort Iphone, Ipot) nichts entgegen gesetzt. Zum anderen steht die Differenzierung nach Leistungsvermögen im Mittelpunkt; der Förderung eines guten Miteinanders, der Entwicklung von Verständnis für unterschiedliche Lebenshintergründe, Schichtzugehörigkeiten usw. wird kaum Augenmerk gewidmet. Soziale Netzwerke wie Facebook, so Sennett, wirken hier eher als Verstärker, da sie in immer größerem Maß reale Begegnungen ersetzen.

Als weitere Faktoren, die in modernen Gesellschaften der Einwicklung von Kooperation entgegen wirken, identifiziert und analysiert der Autor: Neid, Vergleichen, Angst, Narzismus, Selbstgenügsamkeit. All dies ist sowohl Folge eine gesellschaftlichen Klimas, das immer stärker von Konkurrenz bestimmt ist. als auch Katalysator für eine fortgesetzte Entsolidarisierung.

"In der modernen Familie und mehr noch im modernen Geschäftsleben hat die Idee der Selbstbeherrschung eine Erweiterung erfahren. Abhängigkeit gilt dort als Zeichen von Schwäche. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht."

Zunehmend spalten sich die modernen Gesellschaften auf. Der soziale Zusammenhalt schwindet, es bilden sich Subkulturen man grenzt sich ab. Sennett sieht gar eine neue Form des Tribalismus im entstehen.

"Tribalismus verbindet Solidarität gegenüber solchen, die einem ähnlich sind, mit Aggressionen gegen solche, die anders sind. Die moderne Gesellschaft hat einen neuartigen Charaktertyp hervorgebracht - einen Menschen, der darauf bedacht ist, die Ängste zu verringern, die durch Unterschiede ausgelöst werden können, ob sie nun politischer, rassischer, religiöser, ethnischer oder erotischer Natur sind."

Letztendlich setzt der Autor jedoch auf die sanfte Macht der Vernunft. Er hat die Hoffnung, dass Arbeiten wie seine Menschen zum nachdenken bringen, sich ein Diskurs über die hier behandelten Fragen entwickelt und Prioritäten neu gesetzt werden. "Wir möchten gemeinsam etwas zustande bringen. Das ist der einfache Schluss, zu dem der Leser, wie ich hoffe, nach dieser komplexen Studie gelangen wird." Lernen könne man dabei von Montaigne, der in seinen Arbeiten immer wieder die große Bedeutung des Zuhörens - im menschlichen Miteinander, wie im Hinblick auf das Verständnis des geistig-kulturellen Erbes und der Welt insgesamt - betont. Nur dadurch, dass Menschen sich die Zeit nehmen, ein wirkliches Verständnis füreinander zu entwickeln, wächst das Gefühl der Gemeinsamkeit und wirkliche Solidarität und Kooperation wird möglich.
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18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kooperation, 6. November 2012
Beim vorliegenden Buch "Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält" handelt es sich um den zweiten Band einer auf 3 Bände angelegten Reihe über das Funktionieren der Gesellschaft und des Alltagslebens. Dabei nimmt Sennett - wie er behauptet - Abstand von abstrakten Theorien, die man heranziehen könnte um die Gesellschaft zu erklären und versucht aus einer genaueren Betrachtung praktischer Handlungsvorgänge (z.B. des Handwerks) Ansätze zum besseren Verständnis der Gesellschaft abzuleiten. Es geht ihm dabei nicht nur um analytische Mittel, gesellschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen, wie das für viele wissenschaftliche Bereiche der Soziologie gilt. Er sucht explizit nach Mitteln zur besseren Gestaltung des Zusammenlebens.

Im ersten Band der Reihe ("Handwerk") befasste sich Sennett mit der Vorgehensweise der Perfektion und Entwicklung von Handlungsvorgängen die auch um ihrer selbst willen vollzogen werden. Beim Betrachten des Handwerks konstatierte Sennett ein aktuelles Fehlen an Wertschätzung gegenüber Genügsamkeit und Qualität im begrenzten Arbeitsfeld. Dabei ging es nicht um - wie man vielleicht vermuten könnte - Sozialromantik, sondern um Sennetts Versuch, über eine Betrachtung von pragmatischen Arbeitsvorgängen einen Blick für den Zusammenhang zwischen Geist und Kulturentwicklung (und deren Reziprozität) zu entwickeln. Die Beförderung von Kulturleistungen beruhe in vielerlei Hinsicht auf der schlichten Wiederholung und Perfektionierung handwerklich sauberer Tätigkeiten.

Im zweiten Band überschreitet Sennett nun die Betrachtung der Leistungen des Einzelnen hin zu einer Untersuchung der Kooperation, über die er Hinweise auf das Funktionieren der Gesellschaft und der Wirtschaft zu erlangen glaubt. Dabei besichtigt er Gesellschaftsarbeiter, Handwerksbetriebe und Social-Networks um seine Theorie vom dialogischen Prinzip der Zusammenarbeit herauszuschälen.

Das Buch ist in 3 Teile aufgegliedert, die durchaus Wiederholungen aufweisen und trotzdem an manchen Stellen etwas unzusammenhängend daherkommen. In der Einleitung entwickelt Sennett die für die 3 folgenden Teile grundlegende Unterscheidung zwischen Dialektik und Dialogizität (etwas verschoben auch mit der Unterscheidung Sympathie/Empathie verbunden), wobei Sennett klar ersichtlich dieser den Vorzug gibt um sein Gesellschaftsbild darzustellen und jene als oftmals unbrauchbar verwirft. Diese Unterscheidung baut Sennett nun auf drei verschiedenen Ebenen aus. Teil 1 enthält eine vorwiegend geschichtliche Darstellung dieser Unterscheidung anhand einer skizzenhaften Erzählung über die politische/soziale Linke. Die dialektische Form von Zusammenarbeit steht an dieser Stelle für die idealistisch und von oben herab geprägte politische Linke, während die dialogische Form für die soziale Linke steht, die über Gesellschaftsarbeiter und pragmatische Vorgehensweise im Kleinen, die Gesellschaft von unten nach oben zu prägen versucht. Sennett bezeichnet sich dabei als "unverbesserlicher Linker", der sich jedoch eindeutig für die soziale Linke (Dialogizität) in die Bresche springt. Marx und andere Theoretiker des Kommunismus werden durchwegs verworfen. Sennetts Vorbilder sind pragmatischere Gesellschaftstheoretiker wie Rober Owen oder Saul Alinsky.
Teil 2 enthält stark gesellschaftskritisch geprägte Abhandlungen über die Ungleichheit in der Gesellschaft, die bereits im Kindesalter über den Konsum von Spielwaren und den Gebrauch von Social-Networks wie Facebook zum Ausdruck komme. Weiters werden die Strukturveränderungen der Zusammenarbeit in Unternehmen dargestellt und Vermutungen darüber aufgestellt, ob diese Strukturveränderungen für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich sein könnten. Im dritten Kapitel dieses Teils setzt Sennett aus diesen gesellschaftskritischen Betrachtungen das "unkooperative Ich" zusammen, das er als Grundlage für die Probleme des Zusammenlebens und der Wirtschaft in unserer Zeit versteht. Man kennt Sennetts Positionen in diesem Teil schon aus seinen früheren Werken. An der Argumentationsweise hat sich nicht allzu viel geändert und manch einem wird der gesellschaftskritische und manchmal etwas pessimistische Impetus, der von "Der flexible Mensch" oder von "Die Kultur des neuen Kapitalimus" her direkt Anschluss nimmt, nicht behagen.
Teil 3 befasst sich wiederum mit Lösungsformen, die Sennett aus den zuvor gebrachten Untersuchungen dialogischer Zusammenarbeit nun kapitelweise darstellt. Die zuvor schon oft erwähnten Werkstätten werden in ihrer positiven Wirkungsform genauer betrachtet. Weiters beschreibt Sennett seine Vorstellung von einem Gegenmodell zum "unkooperativen Ich", das er durch Engagement und Partizipation im Gegensatz zur Vereinzelung und Überindividualisierung realisiert sieht.

Was Sennetts Fähigkeit betrifft, Unterscheidungen wie Dialektik/Dialogizität auf verschiedenste Felder anzuwenden, gerät man als Leser durchaus ins Staunen über so viel Kunstfertigkeit. Die biographisch gefärbten Darstellungen sind immer sehr unterhaltsam und Teile mancher Abhandlungen z.B. über die Reformation oder über die Entwicklung der Diplomatie sind wirklich beeindruckend und informativ. Trotzdem kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sennett eindeutig zu viele Themen anreißt und zu viele Dinge mit seiner Grundunterscheidung zu erklären versucht, was den Zusammenhang der drei Teile manchmal nur schwer erkennbar macht. Öfters findet man sich bei der wirklich interessanten Lektüre eines Textes z.B. über religiöse Rituale wieder und weiß erst garnicht, was das überhaupt mit Sennetts Thema zu tun haben soll. Natürlich werden die Zusammenhänge im Großen und Ganzen durchaus deutlich, wenn man sich die Texte nach abgeschlossener Lektüre noch einmal ansieht. Das ändert aber nichts daran, dass manche Verbindungen zwischen den Textteilen allzu fadenscheinig und künstlich wirken. Auch wenn eine bloße Kategorisierungsform nichts an der Qualität mancher Gedanken ändert, wäre doch ein monothematischer Aufsatzband hier vielleicht die besser Wahl gewesen.
Manchmal schießt Sennett über das Ziel hinaus und zieht Vergleiche - etwa in Bezug auf den Umgang Jugendlicher mit dem Internet oder bestimmten Kommunikationsmitteln -, die schon etwas weit hergeholt, wenn nicht sogar unfreiwillig komisch, wirken. Außerdem macht er am Ende des Buches zwar klar, dass er zwischen den Charityvorstellungen Neokonservativer und der sozialen Linken einen Unterschied sieht, auch wenn die Vorstellungen beider Seiten bezüglich der Gemeinswesensarbeit konvergieren. Ganz glaubwürdig will diese Abgrenzung dann aber nicht mehr erscheinen, wo die makropolitischen Vorstellungen der Linken zuvor noch als beinahe unbrauchbar dargestellt wurden.
Nach der Lektüre fragt man sich außerdem, wo denn, neben einigen interessanten Gedankengängen, der eigentliche Erkenntnisgewinn des Buches liegt. Die Mittel, die Sennett aus den ersten beiden Teilen entwickelt, lassen sich im dritten Teil als ziemlich banale Kommunikationstipps und Selbsthilferatschläge lesen, mit denen sich wirklich nichts an der - zuvor von Sennett selbst so dargestellten - desaströsen Wirtschafts- und Arbeitssituation in der Welt ändern lässt. An den Arbeitsbegriffen stellt sich gegen Ende außerdem zusehends der Eindruck fehlender Trennschärfe ein. Die Unterscheidung zwischen Dialektik und Dialogizität wird über die Darstellung des Vorganges bei der Ausbildung tragfähiger Rituale zur informellen Kooperation ad absudrum geführt, weil Sennett hierzu einen dialektischen Dreischritt zur Anwendung bringt, was er schlicht und einfach verschweigt.

Ob die Lektüre eines noch folgenden Bandes zur Stadtentwicklung sich wirklich auszahlt, sollte man sich noch genauer überlegen.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plädoyer für ein gemeinschaftliches Leben..., 21. Oktober 2012
Richard Sennett gehört vermutlich zu den spannensten Kultursoziologen unserer Zeit. In seinem neusten Buch fragt er, was die moderne Gesellschaft zusammenhält. Den in dieser modernen, urban geprägten Gesellschaft beobachtet er eine Tendenz zur Atomisierung und zum Tribalismus. Jeder kämpft gegen jeden...und schaut nur für sich.

Sennett plädiert für eine Kultur der Achtsamkeit, der Sorgfalt, des geduldigen Miteinanders. Und träumt von einen gelassenen, aufgeklärten, sich gegenseitig zuhörenden Gesellschaft, in der jeder nach seinem Glück streben kann.

In seinem Buch bringt er zahlreiche Beispiele, die seine Gedanken zur Gesellschaft bildstark unterfüttern. Sennet scheint überhaupt in Beispielen zu denken, bevorzugt folglich das Konkrete und vermeidet soziologischen Jargon.

Besonders überzeugend fand ich den Rückbezug auf die traditionellen Handwerksbetriebe, in denen nicht das Fliessband oder das neuste elekronische Gerät, sondern noch der Mensch den Arbeitsrhythmus bestimmt. Die Werkstatt -als Modell für eine kontinuierliche und partnerschaftliche Kooperation- gibt's dieses Erfolgsmodell nicht schon einige Tausend Jahren?

Einen Stern ziehe ich ab, da Sennet in seinem Buch kaum auf neuere Formen gesellschaftlicher Zusammenarbeit eingeht. Und bei seiner Kritik der virtuellen Welt frage ich mich, ob hier der Jahrgang (1943) des Autors und der mangelnde Zugang zu den neuen Möglichkeiten im Web 2.0 eine Rolle spielen. Und im ganzen Buch suchte ich vergeblich nach Martin Buber, der wie Sennet als ein Verfechter des "dialogischen Prinzips" und eines gemeinschaftlichen statt kompetetitiven Lebens gelten könnte.

Fazit: Eine kluge und unterhaltsame Sammlung von Aufsätzen und Anektoten zur Geschichte der sozialen Intelligenz. Wer bereits das "Handwerk" von 2008 gelesen hat, freut sich auf den dritten, noch ungeschriebenen Band über das Leben in der Stadt.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannend vielfältig wichtig, 6. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
eine historisch begründete Reflektion über die menschliche Fähigkeit der Zusammenarbeit - zum richtigen Zeitpunkt - bevor im Hochkapitalismus die wunderbare menschliche Fähigkeit und Sehnsucht zu und nach Kooperation ganz vor die Hunde geht.
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3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Titel ist irreführend, 7. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In diesem Buch geht es nur am Rande um die Zusammenarbeit von Menschen. In großen Teilen ist es ein historischer Abriß von allem möglichen. Man hat den Eindruck Sennett (den ich sonst durchaus schätze) hat viele Gedanken, die er bisher nicht in Buchform gepresst hat, zusammengetragen und sein Verlag hat sich einen Titel, der sich zur Zeit gut verkaufen lässt, gepackt.
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