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60 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Sande verlaufen
Nordafrika 1972. Zwischen Dünen und Slums brennt die Sonne auf die Menschen hernieder, Menschen, die denkbar verschieden sind und doch alle in einem geeint: Sie sind auf der Suche. Die Polizei sucht einen Mörder, der Mörder sucht das Weite. Eine Gruppe Aussteiger sucht Erleuchtung. Ein Geschäftsmann sucht einen Kontaktmann. Die kleinen Verbrecher...
Vor 23 Monaten von dadaxel veröffentlicht

versus
106 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sand Rand
Bin in diesen Roman erst fest hinein und dann wieder hinausgekippt. Mir gefallen die vielen Ausflüge in viele spannende kleine Neben- und Nebelwelten sehr gut. Ausgesprochen witzig, gut gelungen, der Autor spielt mit seinem Spaß, seiner Romantik, und seiner "Tiefe der Bilder", die die Vielfalt komplett macht

Die Brutalität, wie der Autor eine...
Veröffentlicht am 10. Januar 2012 von Ursus Piscis


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60 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Sande verlaufen, 18. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Sand (Kindle Edition)
Nordafrika 1972. Zwischen Dünen und Slums brennt die Sonne auf die Menschen hernieder, Menschen, die denkbar verschieden sind und doch alle in einem geeint: Sie sind auf der Suche. Die Polizei sucht einen Mörder, der Mörder sucht das Weite. Eine Gruppe Aussteiger sucht Erleuchtung. Ein Geschäftsmann sucht einen Kontaktmann. Die kleinen Verbrecher suchen schnellen Gewinn, die großen Verbrecher suchen eine Mine. Carl sucht sein Gedächtnis und Helen sucht ihm dabei zu helfen. Ein Verrückter sucht einen Goldschatz und ein kleines Mädchen sucht seine Puppe. Alle suchen und keiner wird finden: Wie Sand rieselt es durch die Finger...

In "Sand" hat Wolfgang Herrndorf ein aberwitziges Szenario mit skurrilen Figuren in unglaublichen Situationen entworfen. Ein simpler Charakter wird unfreiwillig zum Dreh- und Angelpunkt einer Gangster- und Spionagegeschichte. Die Wahl von Ort und Zeit ist dabei nicht zufällig. Die Wüstenregion im Norden Afrikas bietet Herrndorf nicht nur eine übergreifende Metapher, sie ist auch der Mehrzahl der Leser so fremd und unverständlich, dass das kriminelle Geschehen des Romans dort gut für möglich zu halten ist. Zeitlich ist die Handlung in die Ära verlegt, als Informationen mangels Computer und Handy sich noch mit überschaubarem Tempo verbreiteten. Leider unterlaufen Herrndorf in seiner Detailverliebtheit dabei kleine Fehler: Die Zentralverriegelung wurde erst 1974 erfunden und Goethe zierte erst ab 1975 den 20-Mark-Schein (woher der Koffer mit dem DDR-Geld kommt bleibt überhaupt ein Rätsel). Das sind keine schwerwiegenden Mängel, aber in Zeiten der Internet-Recherche leicht zu vermeidende Schönheitsfehler, die die Ernsthaftigkeit des Romans schmälern. Und ernst genommen will Herrndorf sein.

Das große Plus des Buchs ist Hermsdorfs souveräner Umgang mit der Sprache, der flüssige Stil, die bildhafte Beschreibung. Das lädt immer wieder zum Weiterlesen ein. Die lakonischen Zitate am Anfang jeden Kapitels werden von der Handlung ironisch gebrochen und relativieren das unglaubliche Geschehen. Wunderbar auch die pfiffigen Einfälle am Rande (die lange Nacht der Akten; die verirrte Esspresso-Maschine usw. usf.). Nicht mit Geld zu bezahlen etwa die Idee, Michelle (die einzige Gewinnerin des Romans) die Zukunft des Israel-Palästina-Konflikts ebenso wie die Flugtauglichkeit ihres Fliegers aus dem Tarot ablesen zu lassen. Einfach köstlich.

Hätte man meiner Mutter (und das war eine belesene Person) dieses Buch vorgelegt, hätte sie es wahrscheinlich als "Räuberpistole" kategorisiert. Für mich ist es Unterhaltungsliteratur im besten Wortsinn, ohne Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen. Das richtige Buch für den Urlaub am Strand (im "Sand"), nicht weniger, aber (leider) auch nicht viel mehr.
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118 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende Kunst, 22. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Was für ein Buch. Ich bin begeistert.
Es ist gleichermaßen spannender Thriller und gute Literatur - so etwas ist mir in dieser Form noch nie begegnet.
Den typischen Thriller liest man hungrig weg, ohne auf die Sprache zu achten. Kleinere Fehler stören nicht, die überliest man, um schnell zu erfahren, wie es ausgeht. Bei ernsthafter Literatur freut man sich an schöner Sprache oder/und erfährt etwas Neues über sich selbst, für sich selbst.
Es ist selten, dass man etwas Spannendes liest, das auch Gehalt hat. Und das findet man bei "Sand".

Auf den ersten 100 Seiten werden Personen vorgestellt, man findet sich in teils verwirrenden Szenen wieder und hängt ein bisschen in der Luft. Macht aber nichts, denn Herrndorf beschreibt so plastisch und auf ungewöhnliche Weise tiefgründig, dass es ein Vergnügen ist.
Und dann geht's los.
Ein Mann erwacht irgendwo in Nordafrika auf einem Dachboden mit schmerzendem Schädel und ohne Erinnerung. Die Szene seines Erwachens ist typisch für das Buch: er sieht aus einem Fenster und wie auf in einem Theater, eingerahmt von Brettern wie Bühnenvorhänge, sieht er wie sich in der Ferne wild gestikulierend vier Männer streiten. Die wenigen Satzfetzen, die er versteht, sind alles, was er für seine Suche nach seiner Identität zur Verfügung hat. Eine Achterbahnfahrt beginnt. Feinde werden Freunde, Freunde werden Feinde. Erfolge, die er sich mühsam erkämpft, werden brutal zerstört. Hilflos stolpert er von einer Katastrophe in die nächste.
Das ganze ist unglaublich plastisch erzählt, man sieht die Personen nicht nur vor sich, man versteht sie. Manchmal hat es was slapstickartig Komisches, manchmal ist es weise, manchmal grotesk ... ach man kann es nicht wirklich beschreiben. Ein typischer Herrndorf und auch noch spannend.

Lest dieses Buch. Es lohnt sich wirklich.
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25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ist es eine komödie? - Ist es eine tragödie?, 18. September 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Als ich das las, sah ich einen Film. Die Dialoge ziehen einem den Stecker. Der Mann hätte eine große Karriere als Drehbuchautor vor sich gehabt und den ganzen Schmonzdialogkram im jetztigen Fernsehen vielleicht mal ad absurdum geführt. Die Sprache ist sowas von angekommen im Hier und Jetzt (obwohl die Story 1972 spielt - sei's drum). Mannomann, bin ich traurig über den Tod dieses großen Schreibers, so traurig. Der Mann hatte "den Blick" und war "dem Blick" sprachlich in jedem Moment gewachsen. Wie macht der das? Um dieses Buch zum Abschied vom Leben nur in Ansätzen zu verstehen, ist es meines Vermutens nach unbedingt notwendig, Herrndorfs Blog zu lesen. Nach Thomas Bernhard mein zweites Prosaerlebnis besonderer Art. Lest alles von dem Mann! Ruhe in Frieden!
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106 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sand Rand, 10. Januar 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Bin in diesen Roman erst fest hinein und dann wieder hinausgekippt. Mir gefallen die vielen Ausflüge in viele spannende kleine Neben- und Nebelwelten sehr gut. Ausgesprochen witzig, gut gelungen, der Autor spielt mit seinem Spaß, seiner Romantik, und seiner "Tiefe der Bilder", die die Vielfalt komplett macht

Die Brutalität, wie der Autor eine sehr feine Beziehung zwischen zwei Menschen auflöst und in einem Sumpf der Bösheiten verschwimmen lässt hat mich traurig und ratlos zurück gelassen. Das letzte Viertel des Romans lenkt die Geschichte weit weg von seiner feinen Absurdität an den Rand der Lächerlichkeit. Dass die vielen - mit viel Witz - aufgeworfenen Fragen bis zum Ende nicht beantwortet werden habe ich dem Autor dann nicht verziehen. Vor der Beschreibung der absurden - über zu viele Seiten reichenden - Bösartigkeit wäre es mir egal gewesen. Er hätte so weiter machen dürfen. Der glitzernde Sand und die Wüste hätten es entschuldigt. 5 Sterne bis zum letzten Vietel, ab dann ein Stern für die Qualen, die mich enttäuscht zurück gelassen haben. Da nützen auch die vielen fein gesponnenen Fäden am Ende nichts mehr.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig, 26. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich hatte das Buch schon zwei Jahre zu Hause rumliegen, bis ich es endlich im Urlaub gelesen habe. Und bin begeistert. Ein wilder Ritt, eine Satire, todtraurig, wahnsinnig lustig, irrwitzig spannend, unfassbar schön geschrieben (!!) und einfach ein Statement. Klüger wird man wohl nicht dadurch, aber recht viel besser kann man Unterhaltung nicht schreiben.

Entgegen einiger Rezensenten hier muss ich sagen: Es ist eben NICHTS beliebig, zerfasert oder sonstwas. Das Buch macht bis ca. Seite 100 unfassbar viele Figuren auf. Man ist total genervt, denkt sich - wann geht der Scheiss endlich mal an. Doch: genau das ist gewollt. Bis man sichs versieht, ist man schon tief drin im Strudel der Wüste und wenn die Suche von Carl beginnt, ist man lange schon mit ihm, ohne dass man es weiss...

Ich will nicht zuviel verraten, aber beim Lesen kann man getrost drauf vertrauen: Es wird alles, aber auch wirklich alles aufgelöst, wenn man nur offen ist und genau liest. Und man kann es auch zweimal, dreimal lesen. Dann hat man vielleicht auch noch mal Raum für die vielen tollen Formulierungen, versteckten Metaphern, wunderbar mehrdimensionalen Figuren.

Ein Hoch auf W. Herrndorf. Er wirds hören. Ich bin mir sicher. KAUFEN. (und nicht tschick Teil 2 erwarten... )
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Thriller? Vielleicht auch nicht., 26. Dezember 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sand (Kindle Edition)
Das Buch gehört zu denen, die einen solchen Sog entwickeln, dass man sie in einem Rutsch verschlingt - und taucht man wieder daraus auf, bleibt ein gewisses "Hä?" zurück.
"Sand" spielt mit Thrillerelementen, wie allerdings erst nach dem ersten Drittel des Buches klar wird. Die Hauptfigur ist in die Suche nach einem Gegenstand verstrickt, hinter dem offenbar mehrere Gruppen her sind - leider weiß die Figur selbst am wenigsten, worum es geht: Gedächtnisverlust. Der Leser teilt diese Perspektive, weiß ebenfalls nichts über das Warum und Wieso der Ereignisse - die daher vollkommen sinnlos wirken: absurdes Theater in einer fast fotorealistischen Kulisse, mit größter Klarheit und Sprachkunst beschrieben.
Dieses Hineingeworfensein in unerklärliche Vorgänge macht den Reiz - und die Irritation des Buches aus. Die Irritation bleibt bis zum Ende. Zwar werden alle Erzählfäden von dem (dann doch) allwissenden Erzähler ordentlich bis zu ihrem Ende verfolgt, aber sinnstiftend verknüpft wird dabei gar nichts. Vielleicht, weil es keinen Sinn gibt? Das absurde Theater sagt mehr über die Wirklichkeit aus als ein kunstvoll konstruierter Spionagethriller, bei dem nachher das Gute siegt und das Böse unterliegt.
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48 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das große Panorama, 5. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Achtung: "Sand" ist nicht "Tschick". "Sand" ist kein rührendes Roadmovie, das mit viel Karacho auf ein erkennbares Ziel zusteuert, kein nettes Weihnachtsgeschenk für den siebzehnjährigen Cousin UND den dreiundsechzigjährigen Onkel. "Sand" ist vieles auf einmal: Wüsten-Gaudi, Agenten-Story und Höhlen-Gleichnis. Viele, sehr viele Figuren treten auf, allesamt gut ausgedacht, viele dem Leser lange Zeit ein Rätsel, einer weiß nicht mal selbst, wer er ist. Herrndorf schweift oft ab, steckt kleine Off-Episoden in den Text, deren Bedeutung man erst später begreift. So habe ich oft zurückgeblättert: Halt, den Typen kennst du doch! Aber ich habe das gerne getan. Das Ende lässt einige Fragen offen, an anderer Stelle verrät es mehr, als man wissen wollte. Wie gesagt: "Sand" ist nicht "Tschick".

"Sand" ist auch kein klassischer Thriller. Weil ZU viele Fragen offen bleiben. Und weil es keine echten Helden gibt. An jene Figuren, die man im Verlauf des Buches dafür halten könnte, sollte man sein Herz nicht allzu bereitwillig verschenken, sonst wird man erstens enttäuscht und verpasst zweitens eine wesentliche Pointe des Buches.

Was ist "Sand" also? Große Literatur. "Sand" ist ein weiterer Beweis dafür, wie talentiert Herrndorf ist. In "Tschick" hatte er mit der Stimme der Jugend gesprochen, und es war kein Wunder, dass in den Rezensionen oft die Namen Salinger und Mark Twain fielen. In "Sand" zeigt Herrndorf, dass er auch das große Panorama ausbreiten kann. Und dass er vertrackte Geschichten drechseln kann, ohne den Überblick zu verlieren. Außerdem ist Herrndorf einer der wenigen Schriftsteller, deren Personen- und Landschaftsbeschreibungen mich NICHT langweilen. Leseprobe gefällig? Gibt es auf der Homepage des Verlages. Sie ist ein guter Einstieg, aber rechnen Sie nicht damit, dass der Text so heiter bleibt wie dort. Tut er nicht. Zum Glück.
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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herrendorf schreibt so erbarmungslos dass es einen mit seinen Protagonisten erbarmt, 11. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Kapitel 40 des Buchs beginnt mit folgendem Zitat des russischen Schriftstellers wladimir Nabokov: 'Manche Menschen ' und ich selber gehöre zu ihnen ' haben für Happy Ends nichts übrig. Wir fühlen uns hintergangen. Unglück ist das Normale. Das Verhängnis sollte nicht klemmen. Die Lawine, die in ihrem Lauf ein paar Meter über dem sich duckenden Dorf zum Stillstand kommt, benimmt sich nicht nur unnatürlich, sondern auch unmoralisch.'
Wer etwas für Happy Ends übrig hat, oder noch präziser: Wer das Happy End braucht, sollte Wolfgang Herrendorfs, Sand auf keinen Fall lesen. Er wäre bitter enttäuscht. Im Sinne des Zitats von Nabokov wird der Leser von 'Sand' nicht hintergangen. In 'Sand' ist 'Unglück' das Normale. Das Verhängnis klemmt nicht, sondern begleitet die Protagonisten auf Schritt und Tritt. Die Lawinen aus Wüstensand benehmen sich weder unnatürlich noch unmoralisch. In einer der Kritiken, die bereits eingestellt sind las ich, in Herrendorfs Sand begegnen die Coen Brüder Quantin Tarantino. Das finde ich sehr treffend formuliert. Herrendorf zieht mich als Leser in seine Geschichte hinein, wie in einen Sog von Sand in einer Sanduhr. Ich konnte mich diesem Sog nicht entziehen, obwohl ich mich am Anfang reichlich verwirrt gefühlt habe, so ungefähr wie der Protagonist, der seine Identität verloren hat und sich erst mal orientieren muss. Dabei entwickelt der Roman allmählich ein irrwitziges Tempo. Der Ideenreichtum und sprachliche Witz von Herrendorf scheint keine Grenzen zu kennen. Was ta passiert, so irrwitzig es auch ist, ist nicht unwahrscheinlich sondern höchst wahrscheinlich, wie die Lawine die nicht vor dem sich duckenden Dorf stehen bleibt, sondern es unter sich begräbt. Jeder der die Zeitung aufschlägt oder die Nachrichten sieht begegnet tagtäglich diesem alltäglichen Wahnsinn. Wolfgang Herrendorf hat mit Sand einen Roman geschrieben der traurig macht, einen Roman der uns bis zum Schluss mit einem Menschen um sein Leben bangen lässt, dessen Identität im dunkeln bleibt, der vermutlich keine tolle Vergangenheit hat, aber er ist ein Mensch. Hellen das weibliche Gegenstück im Roman spricht an einer Stelle davon, dass jedes Menschenleben kostbar ist, auch das eines Verbrechers. Wenn Wolfgang Herrendorf erbarmungslos schreibt und mit seinen Protagonisten erbarmungslos umgeht, so is das nicht fatalistisch. Er löst in mir als Leser Mitleid mit den armen Menschen die unter die Räder kommen. Es hat mir die Tränen in die Augen getrieben.
Herrendorf schreibt dabei immer mit Humor, er führt in durch komische, geradezu groteske Szenen, wie die, in der ein muslimischer CIA Agent in einem rasenden Auto während eines Einsatzes darauf besteht sein gebet rituell richtig, das heißt, nachdem die Sonne tatsächlich untergegangen ist und das Abendrot verblasst ist, in Richtung Mekka verrichten kann, wie gesagt alles in einem rasenden Auto, mit einer entführten Geisel und den über den Sinn der Sache diskutierenden Kollegen. Wie ich sagte Herrendorf schreibt erbarmungslos, aber nicht ohne Erbarmen mit den Menschen. Es ist ein sehr humaner Roman. Er beschreibt zu Beginn eine Szene in der ein Mann mit nacktem Oberkörper auf einer Lehmziegelmauer mit einem verrosteten Schraubenschlüssel auf einen Plastikkanister schlägt und dabei ruft 'Meine Kinder! Meine Kinder!' Zu dieser Szene kehrt der Erzähler und der Leser am Ende zurück. In einer erbarmungslosen Welt steht ein Mensch auf und ruft die Kinder zu Schule und versucht etwas Sand ins erbarmungslose Getriebe zu streuen. Zum Schluss: Herrendorf kann erzählen. Er ist unglaublich! Ein klasse Buch, sehr zu empfehlen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sie dürfen Watson zu mir sagen, 20. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Titel wie Umschlagbild dieses Romans deuten zwar auf den Schauplatz der Handlung hin, Genaueres erfährt man aber nicht, man darf vermuten - Marokko, glauben viele. In seiner vielfach hoch gelobten und entsprechend prämierten Parodie eines Agententhrillers bleibt die Örtlichkeit nicht das Einzige, was nebulös ist. Und wenn der Klappentext den palästinensischen Terroranschlag bei der Olympiade erwähnt, ist damit zwar 1972 als Zeit bestimmt, der Leser so aber auch auf eine falsche Fährte geführt, die Untat der Gruppe «Schwarzer September» in München hat nämlich keinerlei Bezug zur Handlung.

Unglaublich einfallsreich schildert Herrndorf in diesem für den Leser mitunter psychedelischen Roman eine haarsträubende Geschichte, bei der man keinen festen Boden unter die Füße bekommt, sondern im Treibsand des Aberwitzigen versinkt. Man kann den Plot als abenteuerliches Verwirrspiel in der Wüste bezeichnen, findet dort ein wahrhaft irres Szenario vor und bekommt auch noch viel Sand in die Augen gestreut. Total skurrile Figuren geraten in völlig absurde Situationen, geschrieben ist dieser bilderreiche literarische Slapstick jedoch in einer knappen, kristallklaren, punktgenauen Sprache, die blitzgescheit und tiefgründig ist, aber Gott sei Dank nicht manieriert.

Wie so oft in anspruchsvolleren Büchern liegt das Besondere in den vielen kleinen, unscheinbaren Details, die ich passend zum Handlungsort als dichterische Arabesken bezeichnen möchte. Köstlich zum Beispiel die Mentalitätsbeschreibung der Araber oder der Lehrlingsschabernack mit Siemens Lufthaken und dem verlängerten Augenmaß. Erstaunt erfährt man sogar von einer zweiten Dreyfus-Affäre: Ein der künstlichen Intelligenz ablehnend gegenüberstehender Philosoph namens Dreyfus ist nach dem verlorenen Schachspiel mit einem frühen Computer der erste Mensch, «der dümmer war als ein paar Kupferdrähte»! Oder der falsche Psychiater, der seinen unter Amnesie leidenden Patienten wegen dessen Schlussfolgerungen erstaunt als Sherlock Holmes bezeichnet und nonchalant hinzufügt: «Sie dürfen Watson zu mir sagen»!

Ein sehr zu lobendes Stilmittel des Autors ist das häufige Rekapitulieren des bisher Geschehenen durch die Protagonisten, im Gespräch oder rein gedanklich. Man kann dem turbulenten Geschehen so leichter folgen, auch wenn man kein Detektivspiel aus der Lektüre machen, nicht alles genau analysieren will. Zartbesaitete müssen dann gegen Ende allerdings einiges aushalten, geradezu sadistisch wir da gefoltert, aber diese Brutalitäten sind natürlich ebenfalls satirisch überzeichnet. Und auch die Zitate am Anfang jedes der 68 Buchkapitel relativieren den nachfolgenden Text, bilden somit ein Gegengewicht zu manch Brutalem.

«Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen» schreibt Herrndorfer gegen Ende und macht damit die Fiktion überdeutlich, auch für Diejenigen also, die immer alles ganz ernst nehmen. Folglich werden in den letzten zwei Kapiteln amüsant und locker, als Zugabe quasi, noch einige Fragen geklärt, die dem braven Leser auf der Seele brennen, und dazu gehört auch der Verbleib jener Minen, denen man auf 475 Seiten irritiert hinterher gehechelt ist, wobei man sich bestens unterhalten hat - die entsprechende Mentalität vorausgesetzt.
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Labyrinth, in welchem man gerne umherirrt., 2. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser Autor überrascht immer wieder. Da schreibt er einen Berlin-Roman mit einem seltsamen, verschrobenen Typen als Protagonisten. Dann dieses semi-nihilistische Kurzgeschichten-Konvolut. Anschließend einen Jugendroman, der mal eben das Zeug zum Klassiker hat. Und dann "Sand". Lange nicht mehr habe ich einen Roman gelesen, der so voller intelligent formulierter Weisheiten steckt. Und - das finde ich beeindruckend - die Zitate sind genial passend gewählt. Normalerweise bin ich ja ein Gegner von Zitaten, weil sie oftmals nur die Stützpfeiler schwacher Literatur, welche sonst zusammenbricht, sind.

Herrndorf gelingt es hier auf wunderbare Weise, falsche Fährten zu legen, den Leser durch die Buchstabenwüste irren zu lassen, und bis zur letzten Seite hat der Leser Fragezeichen über dem Kopf schweben; teilweise gar darüber hinaus, und während viele genau das kritisieren - so ist es doch eine Qualität dieses Buches. Denn nicht jedes Buch muss eine lineare Story mit definitivem Ausgang haben, nein, es muss auch Bücher geben, die einem etwas mehr abverlangen - dies ist hier gegeben.

"Sand" ist ein Buch, das enorm viele Interpretationsmöglichkeiten zulässt. Es ist nichts für Fast-Food-Leser und solche, die einfach nur unterhalten werden wollen. Stattdessen wird man Teil des Geschehens, muss sich selbst durchgraben, und man muss für sich selbst herausfinden, was man im Sand sucht. Oder sich darüber freuen, etwas im Sand gefunden zu haben.

In einer anderen Rezension las ich, dass diese Lektüre depressiv sei. Natürlich gleitet das Buch oftmals in nihilistische und negative Gefilde ab, aber das ist doch nachvollziehbar bei diversen Situationen, in denen sich die ein oder andere Figur befindet. Und letztendlich finden sich immer wieder humorvolle Einlagen wieder, und die wirken völlig ungezwungen. Allerdings ist Herrndorfs Humor ein anderer, und man muss schon eine gewisse Ader dafür haben. Hat man diese nicht, wird man auch keinen Humor entdecken.

Man darf bei "Sand" - wie auch bei allen anderen Herrndorf-Büchern - nicht den Fehler machen, dass eines seiner Bücher dem anderen ähnelt. Seine bisherigen vier Bücher zusammengenommen, lassen sie sich keinesfalls in eine Kategorie packen.
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