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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Granatsplitter, Erzählsplitter
Als ich das erste Mal davon hörte, dass Karl Heinz Bohrer ein Prosastück veröffentlicht (ein Vorabdruck in der Zeitung), wusste ich sofort, dass ich das Buch lesen wollte. Und es hat mich nicht enttäuscht.

Eigenartig roh, manchmal fast umständlich-unbeholfen wirkt die Sprache, in der Karl Heinz Bohrer ziemlich eindeutig Stücke aus...
Veröffentlicht am 5. September 2012 von ----

versus
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3.0 von 5 Sternen Fast gelungen
„Dies ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann - je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesers wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze...
Vor 5 Monaten von Theodor Ickler veröffentlicht


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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Granatsplitter, Erzählsplitter, 5. September 2012
Als ich das erste Mal davon hörte, dass Karl Heinz Bohrer ein Prosastück veröffentlicht (ein Vorabdruck in der Zeitung), wusste ich sofort, dass ich das Buch lesen wollte. Und es hat mich nicht enttäuscht.

Eigenartig roh, manchmal fast umständlich-unbeholfen wirkt die Sprache, in der Karl Heinz Bohrer ziemlich eindeutig Stücke aus seiner Jugend erzählt. Kinder-, Straßen- und Familienszenen, vieles aus seiner Zeit im Internat in Süddeutschland und zum Schluss noch Eindrücke aus England. Das ist der grobe Zeitrahmen des Buches. Und man verfolgt gebannt seine Ausführungen. Bohrer gelingt es immer wieder, in einzelnen Dingen (z.B. den Granatsplittern, aber auch dem Wort "England") sehr viel zu komprimieren, sehr viel mitschwingen und anklingen zu lassen, einen großen Resonanzraum entstehen zu lassen.

Ansonsten ist es eine klassische aber sehr schöne Geschichte über das Erwachsenwerden. Man liest natürlich immer die Perspektive des heute verdient renommierten Intellektuellen mit, bezieht die Episoden also immer auf das, was aus Bohrer geworden ist, was den Erzählungen aber nichts nimmt - im Gegenteil: durch den autobiografischen Charakter gewinnt das Buch für mich noch an Glaubwürdigkeit und an Dichte, da es zur Zeitgeschichte wird. Eine Erzählung aus unserem Land, mit beneidenswert weitem geistigen Horizont.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fast gelungen, 8. November 2014
„Dies ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann - je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesers wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit.“ (Postscriptum)
Insbesondere die Kindheit wird also aus der Sicht des Kindes selbst dargestellt, wobei Bohrer, wie er mit Recht sagt, seiner Phantasie vertrauen muß, denn die Erlebniswelt des Kindes ist dem achtzigjährigen Mann nicht mehr unmittelbar zugänglich. Aber das ist für Autobiographien nichts Besonderes. In einem Interview sagte Bohrer: „In der Autobiographie wird von dem Ich-Erzähler erwartet, dass die Zeiten einer langen Vergangenheit von einem jetzigen Bewusstsein kommentiert werden. Diesen permanenten Eingriff des Erzählers wollte ich vermeiden. Ich wollte das Fremde, auch im Jungen.“ Wird das wirklich von einer Autobiographie erwartet? Woher weiß er das, wo er doch nach eigener Aussage kaum Autobiographien gelesen hat? Es gibt zahllose Autobiographien, die trotz entschiedener Subjektivität des Verfassers, wenn nicht gerade deshalb, ein unvergeßliches Bild der Zeit und der Gesellschaft entstehen lassen.
Auch ist die kindliche Perspektive nicht überzeugend durchgehalten; es ist eben doch der erwachsene Theoretiker der Ästhetik, der das Wohlgefallen an aufgelesenen Granatsplittern usw. rekonstruiert und deutet. Diese Granatsplitter geben dem Buch den dramatischen Titel, der in einem fast enttäuschenden Gegensatz zur ereignisarmen Darstellung der ersten zwei Jahrzehnte von Bohrers Leben steht. Dessen Höhepunkte scheinen Schultheateraufführungen gewesen zu sein, sie werden jedenfalls am ausführlichsten besprochen und passen kaum zum erklärten Anspruch, die „Atmosphäre einer vergangenen Zeit“ zu beschwören. Tatsächlich gehören sie zum Austauschbaren, denn ähnliches wüßten wohl viele zu berichten. Damit komme ich zum heikelsten Punkt: Der Verfasser wünscht nicht, daß die Charaktere und Schauplätze identifiziert werden, er nennt sie darum nicht einmal beim Namen. Welchen Grund könnte diese Verpixelung haben? Soll es auf die Identität der Personen nicht ankommen, sollen sie als austauschbare Vertreter ihrer Epoche, ihrer Gesellschaftsschicht gelten? Das leuchtet nicht ein. Georg Picht zum Beispiel ist eine scharf umrissene Gestalt der jüngsten deutschen Geschichte; der George-Kreis – gerade als „Kreis ohne Meister“ (Raulff) – ist nicht beliebig austauschbar. Das Internat, das Dorf, die badische Hauptstadt, die Heimatstadt - ist es gleichgültig, daß es sich um den Birklehof, Hinterzarten, Freiburg, Köln, handelt? Ich glaube nicht, aber das ist eben die Entscheidung Bohrers. Andererseits legt er genug Hinweise aus, die dem einigermaßen gebildeten Leser die Identifikation leicht machen. Pichts Frau ist die Pianistin Edith Picht-Axenfeld. Die Lehrer werden, weil sie keinen Namen haben dürfen, durch unermüdlich wiederholte Antonomasien zu bloßen Schemen: „der interessante Griechischlehrer“, „der ernste Griechischlehrer“ usw. Die „Witwe eines der Verschwörer, die in jenem Sommer 1944 nach dem Attentat auf Hitler hingerichtet worden waren“ (176) könnte ohne weiteres beim Namen genannnt werden, aber sie heißt im weiteren Verlauf „die Frau des 20.-Juli-Mannes“, „Frau des 20.Juli-Verschwörers“; der Hingerichtete heißt infolgedessen „der Mann der Witwe“, was schon ans Lächerliche grenzt. (Es handelt sich um Charlotte von der Schulenburg, deren Tochter Angela der Verfasser nach dem Tod seiner ersten Frau Undine Gruenter heiratete.)
Die Mitschüler haben nur Vornamen, aber Bohrer sorgt durch Kennzeichnungen, die nichts mit ihrer Rolle im Buch zu tun haben, dennoch dafür, daß wir sie erkennen:
„Alex war der Neffe einer hochangesehenen politischen Publizistin, die mit einem Buch über den Verrat im 20. Jahrhundert große Bekanntheit und Anerkennung gefunden hatte.“ (155) Der ungeduldige Leser fragt sich, warum der bekannte Buchtitel, nicht aber die Verfasserin genannt werden darf, und mit dem Neffen hat das Ganze gar nichts zu tun.
Der Vater des Primus Konrad war der „bekannteste Juraprofessor seiner Zeit“ gewesen (der Nazizeit nämlich). (151)
„ein Sohn aus einer bekannten Adelsfamilie, die einst den Chef des preußischen Generalstabs gestellt hatte“ (150)
Die Scheu vor Eigennamen geht so weit, daß im Birklehof eine Büste des Mannes steht, „der sich Platon nannte“, später wird der Philosoph erwähnt, „der Platon hieß“. Dabei kehrt der bereits 15jährige Bohrer nur in das Internat zurück, in dem er früher schon einige Zeit verbracht hatte; Platon war dank Picht allgegenwärtig.
Der Entschluß, nicht von sich selbst in der natürlicheren Ich-Form zu sprechen, sorgt für ein weiteres erzähltechnisches Problem. Er ist „der Junge“; im kurzen dritten Teil, der den Studenten nach England führt, geht das natürlich nicht mehr, da ist er nur noch „er“. Das führt bei den vielen anderen „er“ gelegentlich zu Unklarheiten: „Der evangelische Pfarrer hatte es ihm mündlich erlaubt, als er von seinem Glaubensunglück erzählte. Aber er fühlte sich nicht wohl.“ (149) Wer? Gemeint ist „der Junge“. Übrigens hätte man von diesem Glaubensunglück gern mehr erfahren: Wie hat der begeistert katholische Junge seinen Glauben verloren? Die schamlos-zudringlichen Fragen eines Kaplans im Beichtstuhl können kaum der einzige Grund gewesen sein.
Es gibt keine wörtliche Rede, also auch keine Dialoge, sondern nur sehr viel indirekte Rede mit entsprechend vielen Konjunktiven. Natürlich kann sich ein Mann nach 60 oder 70 Jahren nicht mehr genau erinnern, das betrifft aber nicht nur den Wortlaut der Gespräche, sondern auch den Inhalt und vieles andere. Der Hauptteil des Buches, die ohnehin nicht sehr aufregende Internatsgeschichte, liest sich daher reichlich zäh. Keine Zeile legt – entgegen der Selbstaussage – den Verdacht nahe, sie sei fiktional. Nur daß die adeligen Schüler immer wieder an ihren wappengeschmückten Ringen gedreht hätten, dürfte ein wenig übertrieben sein. Der elitäre Charakter der Landschulerziehung wird kaum gestreift, auch nicht das Thema der Seilschaften. (Schloß Salem, von dem aus der Birklehof gegründet wurde, ist erwähnt, aber natürlich nicht namentlich.) Abgesehen vom Theater („Agamemnon“) und den allgegenwärtigen antiken Büsten bleibt die humanistische Ausrichtung des Birklehofs samt Platon recht undeutlich.
Die Darstellung ist oft nachlässig, auffallend häufig wird das hilflose Wort „irgendwie“ gebraucht. „Erika (...) war die Tochter eines berühmten Göttinger Professors für Geschichte und sah aus, als sei sie eine Schönheit aus dem Mittelalter.“ (153; gemeint ist Erika Heimpel.) Wie sieht eine solche Schönheit aus? Wie von Cranach oder wie eine gotische Madonna? Von Bohrers Freund Adrian (sc. Braunbehrens) wird gesagt, er sei der „erstaunlichste Klassenkamerad“ gewesen – aber wieso? Das wird nicht erkennbar.
Der kurze dritte Teil über Bohrers ersten Aufenthalt in England, ist deutlich besser geschrieben, ohne die krampfhafte Anstrengung der beiden anderen Teile. Nun endlich ist der erwachsene Bohrer ganz bei sich und fesselt dadurch auch den Leser.
(Ein paar Ungenauigkeiten: Reibekuchen werden nicht „aus“ dem Öl der selbstgesammelten Bucheckern gemacht, sondern in ihm gebacken (109). Auch die „Erwartung auf irgendetwas Ungeheures“ (49) enthält eine falsche Präposition.
Die Schule ist griechisch orientiert, aber gleich zu Beginn kommt es zu falschen griechischen Schreibweisen und etwas obskuren Ausführungen des Verfassers (140 und 143). Auch ein französischer Buchtitel enthält einen Druckfehler, S. 255. Einmal steht „Schuldordnung“ statt „Schulordnung“ (264); es gibt weitere kleine Versehen.)
Das Buch ist nicht schlecht, wäre aber ohne die gekünstelt wirkende, den Leser strapazierende und ständig ablenkende Schreibweise noch besser geworden.
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25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schilderung einer Jugend von 1939-1953..., 5. August 2012
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Man könnte meinen, es ist eine Autobiographie, zumindest denkt man es die ganze Zeit während dieser Lektüre. Kein Wunder, setzt der beinah 80-Jährige Autor (*26.9.1932) ein Postscriptum am Ende des Buches:

"Dies ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiss, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann - je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesers wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschliesslich durch die Darstellung der Atmosphäre und er der Gedanken einer vergangenen Zeit."

Wer Bohrer liest, sollte wissen, dass er es mit einem Literaturkritiker zu tun hat, der Redakteur der FAZ war und in London für die Selbige, Korrespondent war. Er hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. 1982 hat er einen Lehrstuhl für Literaturgeschichte an der Uni in Bielefeld inne. Nur ein paar skizzierte Eckdaten..

Im vorliegenden Werk, das in drei Teile gegliedert ist, geht es um die Erfahrung mit dem Krieg aus der Sicht eines Kindes. Im Zweiten, dann die Schule und Internatszeit, und im Dritten, der Studentenzeit, wo der namenslose Protagonist, schlicht "Junge" genannt, Gelegenheit bekommt, nach England zu gehen, mehr ein Akt der Völkerverständigung, mit dem schliesslich das Buch auch endet. Bei vorliegendem Buchtitel könnte man meinen, dass es ausschliesslich um eine Kriegsjugend geht, dies ist nicht der Fall. Oder trifft eben auf den ersten Teil mit einem Anteil von 133 Seiten zu. Ich gebe zu, das erwartet zu haben, und bin somit nur teilweise mit der Lektüre zufrieden.

Man könnte auch sagen, der erste Teil ist der Stärkste an diesem Buch. Die Art und Weise, wie der damals 9-Jährige, die Kriegserlebnisse und die darin vorkommenden Erwachsenen erlebt ist hervorragend geschrieben. Die Erlebnisse, etwa wie der Junge einen toten abgestürzten Leutnant in seinem zerstörten Flugzeug entdeckt, oder etwa einen Litfasssäule wo nackt ausgehungerte Juden gezeigt werden, lässt den heranwachsenden Jungen erahnen, in welch schlimmer Zeit er eigentlich hineingeboren wurde. Tja und dann ist da noch jene Scheune, wo ein Knecht und eine Magd, die den Geschlechtsakt vor den Dorfjungen vorführen, eine Attraktion, für die sich der Namenlose Junge noch nicht interessiert..Eine Kindheit in Köln, die durch den Internat-Aufenthalt im Schwarzwald unterbrochen wird, und vor der Trennung der eigenen Eltern gezeichnet ist...

Ab dem zweiten Teil wird die angehende Ausbildung beschrieben, Studium alter Sprachen, Griechisch, Latein, Bücher werden von Interesse, und Philosophie bekommt eine Bedeutung. Doch wird ab dem zweiten Teil die Lektüre mühsamer zu lesen, auch der Grad des Interessanten nimmt hier leider ab. Shakespeare und Theater bekommen eine immer wichtigere Rolle und Jugendfreundschaften. Auch die Beschäftigung mit dem Attentat auf Hitler und deren Hingerichtete beschäftigt den jungen Mann, wir erleben in gewisser Weise, den Werdegang eines Intellektuellen, der sich für Theater, Philosophie und verschiedenste Autoren jener Zeit interessiert, unzählige Werke sind darin bemerkt. Eine Zeit, die der Entdeckung des Geistes diente...Platon, Kafka, Heidegger, Hemingway, Thomas Wolfe, Dostojewski um nur einigen zu nennen, sind wegweisende Impulse im Prozess mit der eigenen Entwicklung...Dagegen wirkt es fast ein wenig künstlich, sein Jungendfreund Krümel von ersten Bordellerfahrungen erzählt:
"Im Unterschied zu Adrian hatte Krümel ein Jahr zuvor tatsächlich seine erste Erfahrung in einem Pariser Bordell hinter sich gebracht. Im Gespräch hielt er nicht zurück mit seinen erotischen Eskapaden."

Ein Buch, das den Titel "Roman" wohl am Ehesten vertragen würde. Eine Jugendschilderung von der Kriegszeit und der Zeit danach. Für mich ist dieses Buch keine Erzählung, die übrigens auch niemanden vorweist, mit dem man sich gerne identifizieren möchte. Etwas trocken, mit wenig Gefühl und Emotion. Hätte sich der Autor rein auf die Jugend und die Kriegszeit konzentriert, wäre dieses Buch wohl noch um einiges stärker geworden, oder vielleicht sogar ein Bestseller geworden. Da es aber ab dem zweiten Teil beginnt abzusacken, mich haben gewisse Passagen während der Schul-und Ausbildungszeit regelrecht gelangweilt, deswegen bekommt diese Neu-Erscheinung auch 1.5 Punkte Abzug in der Bewertung.

Zeit, hat für Karl Heinz Bohrer etwas mit Verschwinden zu tun, am Ende schreibt er:

"Was entgültig verschwand, waren seine englischen Tage. Daran änderte die Erinnerung nichts. Nein, die Erinnerung änderte das Verschwinden nicht. Dass etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal."

Bewertung 3.5
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Matte Splitter – Bohrer ist nicht Reich-Ranicki, 27. Januar 2013
Falls Sie den Autor nicht kennen: Karl Heinz Bohrer war FAZ-Redakteur und England-Korrespondent sowie später Professor für Literaturwissenschaften. In "Granatsplitter" erzählt er von seiner Jugend in Köln im zweiten Weltkrieg, im Nachkriegsdeutschland und seiner weiteren Ausbildung in England.

Eindrücke und Schilderungen aus dem 2. Weltkrieg aus erster Hand sind spannend, insofern beginnt der Band verheißungsvoll. Doch die schillernd beschriebenen Splitter werden rasch matt: Wir werden in Bohrers Familiengeschichte hineingezogen, in Erkenntnis- und moralische Fragen während der Adoleszenz etc. pp. In weiteren Teilen werden wir Zeuge seiner Internats- und Studienzeit in England, was - bei allem Respekt - immer fader wurde.

Bestimmt war es für Bohrer zur damaligen Zeit ein unerhörtes Abenteuer, längere Zeit in England zu verbringen. Nur liegt in der Lektüre kein besonderer Gewinn für den heutigen Leser. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, der faszinierenden Innenwelt eines großen Intellektuellen und seinen Erinnerungen beizuwohnen, sondern habe mich dezent gelangweilt. Da hatte Marcel Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen deutlich mehr zu bieten.

Die Erklärung gibt der Autor selbst am Schluss: Das Buch liest sich zwar wie eine Autobiographie, soll aber eine (fiktive) Erzählung sein, geschrieben aus der Perspektive des Heranwachsenden. Für mich hat das nur begrenzt funktioniert; die Jubelgesänge der Kritikergemeinde kann ich mir nur so erklären, dass ein Ex-Kollege unter Artenschutz steht und freundlich besprochen wird.

In einer Fußnote muss ich sagen, dass Bohrer mich mit einem ziemlich erratischen Gebrauch des Konjunktivs in der indirekten Rede gequält hat (tue vs. täte etc. pp.) - das hätte ich einem Literaturprofessor schon zugetraut.
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28 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Interessant, aber leblos, 20. August 2012
Als autobiografische Entwicklungsgeschichte eines bedeutenden Intellektuellen ist "Granatsplitter" ein interessantes Buch über Kriegs- und Nachkriegszeit in (West)Deutschland. Der literarische Wert ist aber beschränkt. Bohrers Sprache ist betulich, manchmal geradezu altertümlich, und fast immer umständlich. In einer Fußnote behauptet der Autor, die Perspektive des Erzählens sei an den jeweiligen Bewusstseinsstand des erzählenden Protagonisten gebunden, aber diese Behauptung ist unzutreffend. Der Autor weiß (fast immer) mehr als der Erzähler und lässt das den Leser auch wissen. Bohrer beweist mit dem Buch, dass ein frei und interessant denkender Akademiker, der anregende akademische Bücher und Essays verfasst hat, noch lange kein frei und originell schreibender Romancier ist. Eine etwas zwiespältige Lektüre. Interessant, aber merkwürdig leblos.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Flüssig geschrieben, aber ..., 17. August 2012
Zumindest die Kinderjahre in einer vom Bombenkrieg betroffenen Stadt sind gut zu lesen. (Man staunt, wie wenig von diesen drastischen Erlebnissen in Bohrers spätere Haltung zu Krieg und Kriegsführung eingeflossen ist.) Danach bestimmt schon ein wenig die Retrospektive auf den werdenden Intellektuellen und Meinungswart den Schreibduktus. Trotzdem ist das Buch zu empfehlen. Es zeigt ein Stück Sittengeschichte der werdenden und frühen Bundesrepublik, von der man unter der übermächtigen Fülle der 68er-Verherrlicher und -Konvertiten immer noch zu wenig auf dem Buchmarkt entdecken kann. Freilich, es ist eine Binnenperspektive West, eine Innenperspektive Bohrer ohnehin. Für den historischen Außenblick auf Bohrer und seine Rolle im intellektuellen Nachkriegsdeutschland wäre zu empfehlen: Jürgen Große Ernstfall Nietzsche: Debatten vor und nach 1989.
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3.0 von 5 Sternen Der erste Teil über die Nachkriegszeit in Köln ist lesbar, 24. März 2015
Der Autor erzählt über eine Kindheit in Köln im 2. Weltkrieg und eine Jugend in der Nachkriegszeit (er bestreitet, dass es autobiographisch ist). Er fängt die Sichtweise des Kindes und Jugendlichen sehr gut ein. Wirklich interessant ist aber nur der erste Teil über den Krieg und die direkte Zeit nach dem Ende. Seine Entwicklung im Internat, seine Beschäftigung mit Theater und Literatur aus der Sicht eines Pubertierenden als Entwicklungsroman fällt dagegen stark ab. Da gibt es wesentlich bessere literarische Darstellungen.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Leider langweilig, 27. April 2014
Erzählung einer Jugend von 1939 - 1953, eine Zeit, die mich als Nachkriegkind (Gott sei es gedankt) sehr interessiert. Leider ist der Erzählstil "Er ...er.." weder fesselnd noch auf dauer ergreifend. Sprachlich also nicht gelungen.
Da der Autor (Entschuldigung, der Protagonist) nach dem Krieg nach England geht, wird auch dadurch wenig der Nachkriegsstimmung uns Zeit in Deutschland aufgegriffen.
Warum das Buch so oft globt wird, ist mir ein Rätsel. Ich habe es frustriert zur Seite gelegt.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“, 5. Februar 2014
Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“

Was für ein schönes Buch! Ich bin begeistert. Vielleicht muss man alt genug sein, ein bisschen dieser Zeit noch erlebt haben, um diese Erzählung so richtig mitempfinden zu können. Wunderbar, dass dem inzwischen 82-jährigen Karl Heinz Bohrer noch so viel präzise Erinnerung an seine Kindheit und Jugend geblieben ist, in diesem Alter ein solches Buch zu schreiben.

Auch wenn der Autor in seinem Postskriptum darauf hinweist, dass dieses Buch keine Autobiographie sei, sondern die „Phantasie einer Jugend“, so hat er sich doch einen Jungen ausgesucht, der diese Zeit zwischen 1932 – 1953 de facto erlebt haben muss.
Bohrer, Jahrgang 1932, ist ein Kölner Junge, dem die Liebe seines Vaters zu seiner Heimatstadt Köln irgendwie unerklärlich war, der aber selbst als Kind mit viel Gefühl an seiner katholischen Vaterstadt hing, den aber sein Lebensweg in ein ganz anderes Deutschland führte. Philipp Oehmeke vom SPIEGEL nennt diesen „Bohrer-Jungen“ den „Huckleberry Finn des Ruinendeutschlands“. Das Ruinendeutschland erlebte der „Bohrer-Junge“ allerdings nur dann, wenn er aus dem ländlichen, vom Krieg verschonten, Internat im Schwarzwald seine Schulferien bei seinen Eltern in Köln verbrachte.

Der Charme dieses Buches liegt eben nicht so sehr in der phantastischen Dimension, sondern in der Schilderung konkreter Erfahrung dieser Zeit, auch wenn der „Bohrer-Junge“ die Gymnasialjahre in dem elitären Internat „Birklehof“ in Hinterzarten/ Breitnau im Schwarzwald erlebte, einem Ort, der nicht unbedingt als der typische Erfahrungsbereich der deutschen Altersgenossen des Karl Heinz Bohrer gelten kann. Wie man der Präsentation im Internet [...] entnehmen kann, gibt es das Internatsgymnasium „Birklehof“ auch heute noch, und Karl Heinz Bohrer ist ein sicher hoch angesehener „Alumnus“ der „Altbirklehofer“. Der „Birklehof“ , eines der angesagten Zentren der Reformpädagogik im Nachkriegsdeutschland, eine Schwestergründung des bekannteren Internats „Salem“ am Bodensee, ist auch heute noch eine exklusive Privatadresse für Eltern, die für die Schule ihres Kindes monatlich etwa € 3.000,- zur Verfügung haben.

Die Vita des „Bohrer-Jungen“ ist aber ein Beispiel für eine Generation von Kindern, deren Eltern sich damals im bürgerlich konservativen Ressentiment gegenüber Nazideutschland befanden und ihre Kinder der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus entziehen konnten. Der „Bohrer-Junge“ im Internat erlebt seine Jugend in einem Kokon von Schule, Literatur und klassischem Drama, aus dem er sich erst in späteren Jugendjahren befreien wird. Seine Passion für Literatur und Theater bringt ihn in Konflikt zu seinem Vater, der sich als promovierter Nationalökonom eine konkretere Karriere für seinen Sohn gewünscht hatte. Aber der „Bohrer-Junge“ bleibt der Passion für die Literatur treu. Seine Begegnung mit England und den Engländern bringt ihm die nötige Distanz zum bisher Erlebten in Deutschland. Aus dem „Bohrer-Jungen“ wird einer der renommiertesten Literaturkritiker Deutschlands, der in seinen „Granatsplittern“ dieses Mal nicht hochkarätig kritisiert, sondern einfach einnehmend erzählt. Leseempfehlung: Natürlich - mit fünf Sternen!

Wer etwas mehr über den „Bohrer-Jungen“ wissen möchte, dem sei ein Interview mit Karl Heinz Bohrer aus der Süddeutschen Zeitung empfohlen: „Ich habe einen romantischen Blick“ [...]
Zitat „Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegenüber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universität als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im Hörsaal Studenten zu erklären, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist für mich ein Lebenselixier.“ Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter – Erzählung einer Jugend © Carl Hanser-Verlag- München 2012
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0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Junge/Er, 7. Dezember 2013
Der Typus Bohrer, wie zuletzt beschrieben in Jürgen Großes "Ernstfall Nietzsche" (Aisthesis: 2010), wird einem durch dieses Buch nicht sympathischer, aber biographisch doch begreiflich. Eine Kindheit und Jugend in Eliteschulen bzw. Internaten, zwischen Archilochos und Onaniewettbewerb, eine Lese- und Phantasiewelt trotz Bombenkrieg ringsum. Zugleich eine Sehnsucht nach dem wirklichen Leben, dem Bohrer sich zugleich verweigert, instinktiver Selbstschutz des werdenden Intellektuellen gegen die Zumutungen der schnöden Realgeschichte. Denn so weit der geistesgeschichtliche Horizont, so eng der politische und soziale: Die Unterschicht/Arbeiterklasse taucht in Bohrers Leben kaum für ein paar Tage auf (er hält ihre vulgären Witze nicht aus), der Osten Deutschlands lediglich in Gestalt einer stalinistisch indoktrinierten Schulklasse von drüben ("Er hatte kein falsches Bewußtsein."), das andere Deutschland" konzentriert sich um den 20. Juli und kernige Militärs, doch beim Militär, dem manche Schwärmerei gilt, hat Bohrer nicht gedient.
Man versteht, warum einem gerade die zeitkritisch und politisch gemeinten Texte des Erwachsenen Bohrer oft so sauerstoffarm erscheinen. "Der Junge" bzw. "er" - Bohrer erzählt von sich in der dritten Person - ist schon früh vom Chic der Macht bzw. der Sieger fasziniert, auf deren Seite er sich mit seinem Englandaufenthalt dann endgültig wiederfindet. Insofern ist Bohrers Geistesbiographie paradigmatisch für den Versuch westdeutscher Intellektueller, sich nicht als amerikanisierte Deutsche, sondern als Westeuropäer zu begreifen. All das ist überwiegend (sieht man vom häufigen "extrem", "nicht wirklich", "irgendwie" ab) in schönem, schlichtem Deutsch erzählt. Die Erzählung von den frühen Jahren hat manches Berührende; ab S. 219, wo es um Bohrers literaturwissenschaftliche Präferenzen geht, wird stärker auf den aktuellen Bohrer hin interpretiert.
Insgesamt hat man mit Bohrer den seltenen Fall eines Literaturwissenschaftlers, dessen Belletristik lesbarer ist als seine Germanistik.
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Granatsplitter: Eine Erzählung
Granatsplitter: Eine Erzählung von Karl Heinz Bohrer
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