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5.0 von 5 Sternen "Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen" (Nietzsche), 26. Juni 2010
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I) Das Unbehagen in der Kultur

Aus der Welt, wie sie ist, können wir nicht fallen. Wir sind darin und müssen uns ihr stellen. Das heißt, dass das subjektive Ich sich nach Außen zu richten hat, Ich-Grenzen, auch in ihrer Unbeständigkeit sind aufzulösen, die Lust hat sich dem drohenden Draußen zu stellen. Die einmal gemeinte Vollkommenheit des Ichs wird aufgelöst, weil quasi die Außenwelt abgeschieden wird. Kann also das Ursprüngliche neben dem daraus entstandenen Späteren bestehen?

Von hieraus entwickelt Freud seine Ideen der Subjekt (Individuum)-Kultur Beziehung. In insgesamt acht Abschnitten unterteilt, geht er der Frage nach dem Verhältnis und Umgang des Menschen zu der ihn umgebenden Kultur nach. Überlegungen zur Rolle und Bedeutung von Glück, Unglück und dem Gefühl der Aggression in unserer Kultur, die eine Kultur der Vermeidung von Leiden und der Todesverdrängung ist; in der das Ende des Alterns proklamiert werde, in der das Fehlen von Trauerritualen Symptom einer Unfähigkeit zu trauern und Ursache eines chronischen Leidens sei.

Leiden wird aus drei Quellen geboren: 1. Übermacht der Natur, 2. Hinfälligkeit des Körpers, 3. Unzulänglichkeiten im menschlichen Beziehungsgeflecht. Nun, da 1. und 2. nicht beeinflussbar sind, bleibt Aktivität für die Beziehung. Nimmt man an, dass Glück in primitiven Verhältnissen am größten war, trägt die Kultur Schuld an unserem Elend. Damit und in Folge ist Kulturfeindlichkeit genährt vom Boden einer langen Unzufriedenheit. Die Kultur versagt dem Menschen subjektive Befriedigung durch auferlegte Ideale, die in einer ins Primitive zurückgeführten Welt keine Gültigkeit haben.

"Kultur wird als die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur [1. und 2. werden eliminiert] und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander." Die entscheidende Kulturleistung, der Triebverzicht, das Akzeptieren der Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit, ist, um es mit Freud zu sagen, in unserer Welt der Fehlverteilung von Wohlstand, in der Überproduktion neben Hungerkatastrophen steht, ungerecht verteilt. Freud schreibt dazu: "Es ist nicht so leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu entziehen."

"Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen." Dieser Satz ist der Anfang Freuds Überlegungen und macht hier schon deutlich, dass sein Unbehagen in der Kultur geprägt ist vom Fehlen menschlicher Beziehungs- und Wertvorstellungen. Damit ist es für das 21. Jahrhundert höchst aktuell. Aber durch die Erhöhung subjektiver Befindlichkeiten in dieser globalen Welt, ist mit der conclusio Freuds nicht zu spaßen.

Sein Essay dient der Diagnose und sein Endergebnis ernüchtert, wenn er sagt: "dass der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird." Schuldgefühl ist eine Triebfeder der Aggression. Es ist subjektiv auf Personen wie auf Nationen bezogen und beeinträchtigt das zufriedene, friedliche Glücksmoment. "Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche.

II) Warum Krieg?

Im Jahre 1931 hatte das Comité permanent des Lettres et de Arts de la Societé des Nations sein Bestreben, Denker und Forscher mit dem Werk intellektueller Zusammenarbeit zu beauftragen, mit einem Vorschlag eines öffentlichen Briefwechsels in die Tat umgesetzt. Geistige Interessen sollten dem Völkerbund dienen. Die Kommission wandte sich an Einstein, der zusagte. Ihm stellte man anheim, einen Briefpartner auszuwählen - und er wählte Freud, obwohl oder gerade weil sich beide wenig kannten. Freud sagte ebenfalls zu.

Freud erhielt Einsteins Brief im Sommer 1932, ein Monat später erhielt Einstein die Antwort. Einstein beginnt: "Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?" Einstein war klar, dass die Politiker sich ihrer Unfähigkeit bewusst waren und daher durchaus die Wissenschaft an ihr Ohr lassen würden. Bescheiden wie Einstein war, konnte er sich nicht anmaßen die tiefen Schichten der Seele zu erforschen, geschweige jetzt schon zu kennen. Er wolle eben nur äußerer Wegbereiter sein für die inneren Geschicke, die Freud nun mal kenne. So könne er eben erwarten, dass Lösungsvorschläge zumindest jenseits der Politik von Freud angeboten werden können, die die entgegenstehenden psychologischen Hindernisse beseitigen. Einstein bereitet den Boden mit einem Axiom: "Der Weg zur internationalen Sicherheit führt über den Verzicht der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit bzw. Souveränität." Was stellt sich dagegen? Und diese Frage führt in das Machtbedürfnis herrschender Schichten eines Staates, die einer Einschränkung der Hoheitsrechte widersprechen. Einsteins optimistischer Appell an Freud, er möge sein Fachwissen zur Lösung des Dilemmas konstruktiv einsetzten, beendet den Brief.

Freud erschrak, wie er schrieb, fast über die beidseitige Inkompetenz in der Frage, weil er die Lösung in der Politik sah. Deshalb könne er Einsteins Anliegen nur so sehen, dass er die Frage eines "Menschenfreundes" stellte und so führt der den psychologischen Selbstdiskurs zur Antwort. Freund analysiert die Interessen- und Meinungskonflikte der Menschen, führt die evolutionäre Bestimmung der anfänglichen Horde und der späteren Verfügbarkeit von Kultur an; spürt einer Rechtsanpassung nach, die bei ständiger Optimierung eine Reduzierung von Interessenkonflikten nach sich ziehen würde. Selbst den Einsatz einer Zentralgewalt hält er als Lösung für möglich, doch allein könne auch diese nichts ausrichten. Eine Gemeinschaft wird durch zwei Dinge zusammengehalten: Zwang mit Gewalt und Gefühlsbindungen (Identifikation). Gedanken, die schon aus den Schriften: "Jenseits der Illusion" und "Über das Unbehagen in der Kultur" formuliert waren, sind ebenso hier verbrieft. Letztendlich kommt er aber an der aggressiven Natur des Menschen nicht vorbei. Diese zu Zähmen durch Kultur hält er für tendenziell machbar und wünschenswert. Der Intellekt muss den Trieb beherrschen, so könne etwas im Sinne des Pazifismus geschehen (vgl. Rousseaus Gesellschaftsvertrag). Nun denn, eines steht für Freud jedoch fest: "Es ist ein Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, dass sie in Führer und in Abhängige zerfallen." Wir alle sind gleich - unter einem, der führt. Und dieser ist der akzeptierte Eine, der als Seinesgleichen Herr über die anderen ist, wie Montesquieu feststellte.

Zwei wichtige und noch heute interessante Werke über den Zustand des Menschen in seiner Wechselwirkung zur Welt. Zudem preislich sehr entgegenkommend.
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