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4.0 von 5 Sternen Wie wird der Mensch zu dem, was er ist?
Ein fiktiver südlicher Staat wird von einer revolutionären Gruppe bedroht. Eine Stadt in diesem Staat. Eine staatliche Patrouille tötet mitten in der Nacht ein vermeintlich revolutionäres Ehepaar bei Anwesenheit ihres Kindes, weil die 'Operation' außer Kontrolle gerät.

Der Major der Patrouille nimmt das Kind, Lina, mit nach Hause...
Veröffentlicht am 1. November 2010 von Schraml Florian

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Back to the roots
Irgendwo in der südamerikanischen Provinz hat Major Anthony den Auftrag zwei Aufständische festzunehmen. Der Einsatz läuft schief und ein Korporal schießt wie wild drauf los. Die beiden Verdächtigen sterben. Da hört Major Anthony plötzlich ein Schluchzen aus dem unteren Geschoss und findet dort ein kleines Mädchen, Lina. Ein Plan...
Veröffentlicht am 8. September 2011 von SabrinaK1985


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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie wird der Mensch zu dem, was er ist?, 1. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Gebundene Ausgabe)
Ein fiktiver südlicher Staat wird von einer revolutionären Gruppe bedroht. Eine Stadt in diesem Staat. Eine staatliche Patrouille tötet mitten in der Nacht ein vermeintlich revolutionäres Ehepaar bei Anwesenheit ihres Kindes, weil die 'Operation' außer Kontrolle gerät.

Der Major der Patrouille nimmt das Kind, Lina, mit nach Hause zu seiner Frau, da er nicht weiß, was er tun soll und weil er wegen seiner Unfruchtbarkeit keine Kinder zeugen kann. Ein vermeintlicher Kitt für die zum Scheitern verurteilte Ehe. Doch die Frau kann Lina nicht lieben.

Die gescheiterte Operation bereitet dem dienstbeflissenen Major Schwierigkeiten. Er fühlt sich von allen Seiten ertappt und erkannt. Er beschließt, quasi als Kompensation, das Kommando einer gefährlichen Aufgabe zu übernehmen: Belieferung von Außenposten im feindlichen, revolutionären Gebiet in den Bergen. Die Mission scheitert. Viele Soldaten sterben. Dem Major selbst wird von Einheimischen einer Stadt in den Bergen der 'Prozess' gemacht. Er wird zum 'Vergessen' verurteilt und in einen Brunnen geworfen.
Lina ist unglücklich und sucht ihre Eltern. Sie muss feststellen, dass in ihrem Elternhaus eine neue Familie wohnt. Über Umwege gelangt sie in die Stadt in den Bergen. Sie wird dort von einer 'Pflegefamilie' als Waisenkind aufgenommen. In einer Goldmine muss das kleine Mädchen arbeiten. Sie schläft mit ihren 'Geschwistern' in einem Bett. Angedeutet werden sexuelle Vergewaltigungen von Minenarbeitern auf Lina.

Die Frau des Majors und deren Haushälterin werden inzwischen von Revolutionären in ihrem eigenen Haus des Nachts ermordet.

Bei einem Schönheitswettbewerb in der Stadt lernt Lina den 'Dirigenten' der Revolutionären kennen, den Anführer. Dieser 'verliebt' sich in Lina und zeugt mit ihr ein Kind. Lina wird an einen 'sicheren' Ort gebracht. Sie bringt dort einen Sohn, Karl, zur Welt. Staatliche Soldaten stoßen auf den Unterbringungsort Linas. Lina, die sich mit ihren Mitbewohnerinnen in eine Art verborgenen Luftschutzbunker im Keller des Hauses verstecken kann, muss ihrem Kind, welches mehrmals laut zu weinen droht, den Mund zu halten, um von den Soldaten nicht entdeckt zu werden. Als die Soldaten unverrichteter Dinge verschwinden, stellt Lina den Tod ihres Sohnes fest.

Das Schlusskapitel zeigt Lina, die eine weltbekannte Waffenhändlerin geworden ist, in einer Interview-Situation.

Sehr gut gelingt es Grünberg, herauszuarbeiten, wie Menschen durch ihr Leben und das Schicksal zu der Persönlichkeit werden, die sie sind. Lina hat den Tod der Eltern zu verkraften, ihr Lebensweg wird von Fremden vorgegeben, bestimmt und geprägt, sie arrangiert sich mit ihrem Lebensweg, passt sich an, befindet sich auf der Suche nach Liebe, einer Familie, die sie aber nie finden darf. All dies ist m.E. ausschlaggebend dafür, dass sie Waffenhändlerin wird.

Grünberg trifft damit ein höchst aktuelles Thema. Denken wir nur an die Selbstmörder in Afghanistan, die oftmals zu Terroristen werden, weil in ihre eigene Familie Leid gebracht wurde.
In einem eigenen Kapitel charakterisiert Grünberg den 'Dirigenten'. Ein sehr interessantes und schockierendes Kapitel. Beim Lesen fühlt man sich zwangsweise an die Werdegänge von Hitler, aber auch eines Osama bin Laden erinnert.

Schwächer an dem Buch ist, dass das weitere Schicksal des Majors unklar bleibt. Er lebt in nächster Nähe zu Lina als Vergessener und trifft nie mit ihr zusammen. Der Leser kann sich sein Schicksal vorstellen, aber Grünberg vergisst den Major genauso wie die Menschen.

Auch sind in diesem Buch zahlreiche langatmige und m.E. fast überflüssige Schilderungen, die man deutlich hätte kürzen können.

Für uns Europäer fremdartig und nicht nachvollziehbar bleibt die Figur des 'Onkels' in der Goldmine.

Fazit: Ein lesenswertes Buch, das einen zum Nachdenken anregt, sicher keine einfache Kost ist und, das ist das Schöne, mehrere Interpretationsmöglichkeiten offenlässt.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein erschütterndes Buch, das vom absoluten Niedergang und Verlust der Menschlichkeit handelt, 11. Januar 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Gebundene Ausgabe)
Arnon Grünbergs neuer, voluminöser Roman ist von seinem Inhalt her eine seelische Herausforderung an jeden Leser. Er hat in einem erschütternden Buch, das vom absoluten Niedergang und Verlust der Menschlichkeit handelt, sicher viele Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet, die er bei seinen Einsätzen als Kriegsreporter in Afghanistan und im Irak gesammelt hat.

Der Roman spielt in einem fiktiven Land in Südamerika. Unrecht und Elend überall, die vom Staat als Terroristen bekämpften Guerilleros werden immer stärker. Als Major Anthonys Gruppe bei einem Einsatz zwei Verdächtige erschießt, nimmt er kurz entschlossen das überlebende Kind der Opfer mit nach Hause. Selbst zeugungsunfähig, will er die kleine Lina seiner Frau schenken. Doch die reagiert kalt. Liebe auf Kommando geht nicht. Der Major kämpft mit seinem schlechten Gewissen, denn er ist loyal, ein Militär durch und durch, hart und kalt. Aus diesem schlechten Gewissen heraus lässt er sich von seinem Vorgesetzten, der mit seiner Frau ein Verhältnis hat ( sie erhofft sich von ihm ein eigenes Kind), zu einer Mission in die Berge schicken. Die Einheit wird von den Aufständischen aufgerieben. Sie machen dem Major einen Prozess, verurteilen ihn dazu, vergessen zu werden und versenken ihn lebend in einen Schacht.
Genau in dieses arme Bergarbeiterdorf wird Lina, die von der Frau des Majors geflohen ist, eines Tages von Aufständischen, die sie aufgelesen haben, gebracht. Erneut wird sie "mitgenommen". Eine Familie nimmt sie auf, sie arbeitet in den Goldminen. Von Major Anthony ist keine Rede mehr, seine Geschichte bricht ab und wird auch nie mehr aufgenommen.

Umso ausführlicher wird die Jugend von Lina erzählt, die erbärmlichen Lebensverhältnisse in den Bergen. Eines Tages kommt der "Dirigent", der Chef der Aufständischen ins Dorf, wo er Lina begegnet. Arnon Grünberg schildert sehr ausführlich den Lebensweg dieses Mannes, dessen Eltern dereinst als (jüdische?) Flüchtlinge ins Land kamen und sich anpassten. Er, der einst Gedichte schrieb und eine Dozentur an der Universität innehatte, radikalisiert sich und wird zum immer unmenschlicher werdenden Anführer von Menschen, die nur in der Gewalt ihre Hoffnung sehen.

Der "Dirigent" findet Gefallen an Lina, zeugt mit ihr einen Sohn, den er Karl nennt (nach dem jüdischen Revolutionär Karl Radek). Lina wird zum dritten Mal "mitgenommen".

Im letzten Kapitel, das man auch zuerst lesen kann, trifft die mittlerweile zur Waffenhändlerin aufgestiegene Lina auf einen Journalisten, den man ruhig mit dem Autor identifizieren kann. Ihm wird sie ihre ganze Geschichte erzählen und er wird sie aufschreiben zu einem Roman, auf den man sich einlassen muss. Für das, was er beschreibt, für das Elend und die Gewalt, die Inhumanität nicht nur bei den Herrschenden, sondern auch bei den Aufständischen, gibt es keine schöne Sprache.
Ein aufrüttelnder Roman ohne Hoffnung.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Back to the roots, 8. September 2011
Von 
SabrinaK1985 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Gebundene Ausgabe)
Irgendwo in der südamerikanischen Provinz hat Major Anthony den Auftrag zwei Aufständische festzunehmen. Der Einsatz läuft schief und ein Korporal schießt wie wild drauf los. Die beiden Verdächtigen sterben. Da hört Major Anthony plötzlich ein Schluchzen aus dem unteren Geschoss und findet dort ein kleines Mädchen, Lina. Ein Plan sentsteht in seinem Kopf: Lina hat nun keine Eltern mehr und er und seine Frau können keine Kinder haben, also beschließt er sich dazu, dass kleine Mädchen mitzunehmen und ihm ein neues Zuhause zu geben. Paloma, seine Frau, ist jedoch alles andere als begeistert über den Familienzuwachs. Sie will nicht irgendein Kind, sie will ein leibliches Kind! Für den Major ist Lina aber schon sein Kind und er wünscht und hofft, dass auch Paloma das kleine Mädchen bald lieb gewinnen wird.
Doch dann kommt alles anders, er bekommt den Auftrag die Versorgungslage der in den Bergen stationierten Militärs sicherzustellen und bricht mit einem Konvoi auf....und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

"Mitgenommen" zu beurteilen fällt mir sehr schwer, da ich die erste Hälfte des Buches als sehr schleppend und langatmig enpfunden habe, die zweite Hälfte jedoch habe ich geliebt und verschlungen.
Vom Sprachstil her ist der Roman gut zu lesen, auch wenn die ein oder andere Passage vorkommt, die etwas anspruchsvoller ist und die man besser zweimal liest.
Die Handlung in der ersten Hälfte, welche aus der Sicht von Major Anthony erzählt wird zieht sich sehr, grade aus diesem Grund war ich erleichtert, als der nicht mehr erwartete Perspektivenwechsel statt fand. Und das gleich mehrmals: wir erleben die Fortsetzung der Geschichte aus der Sicht der Haushälterin, von Paloma und dann bis zum Ende von Lina. Unverhoffter Schwung kommt in die erzählung und man wird plötzlich "mitgenommen" auf die Reise in die ungewisse Zukunft der kleinen Lina.
Die Protagonisten sind facettenreich dargestellt und doch durch die Umstände, in denen sie aufwachsen, leben und arbeiten sehr geprägt.
Der Major zum Beispiel lebt für seine Arbeit beimMilitär, er ist rational und durchorganisiert und betrachtet sogar die Ehe als einen Krieg im eigenen Haus, den er gewinnen muss. Die Beziehung zu seiner Frau Paloma ist nicht mehr geprägt von Liebe, für ihn ist es einfach eine Aufgabe die Ehe am Laufen zu halten, an der er ncht scheitern möchte. Die Soldaten sind allesamt gepägt durch das Leiden, die Not und die Gewalt die sie mitansehen mussten. Sie sind vom Staat und vom Militär zerstört worden.
Und vor allen Dingen Lina ist geprägt durch die Situation in der sie aufwachsen musste. Das "mitgenommen" werden ist ein großer Bestandteil ihres Lebens, sie ist eine Einzelkämpferin und hat seit dem Tod ihrer Eltern keine Bezugsperson mehr. Von den meisten Männern wird sie benutzt und empfindet die körperliche Liebe als eine Sache, die sie mal kurz über sich ergehen lässt. Wahre Liebe zu einem Mann lernt sie nicht kennen.
Ein weiterer Pluspunkt für "Mitgenommen" ist die Tatsache, dass ich bis zum letzten Kapitel den Schluß nicht vorhersehen konnte, Arnon Grünberg konnte mich immer wieder überraschen.

Lina, go back to your roots!
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3.0 von 5 Sternen Wiederholung als zentrales Element, 30. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Kindle Edition)
Schauplatz des Romans ist ein südamerikanischer Andenstaat. Im diesem Land herrscht Bürgerkrieg. Eine Militärdiktatur bekämpft auf martialische Weise Guerillakämpfer und Ureinwohner (Indios), jedoch scheint der Einfluss der Guerillakämpfer sukzessive zuzunehmen.

Einer der Protagonisten des Romans ist Major Anthony. Er zeichnet sich für einen militärischen Einsatz verantwortlich, bei dem ein verdächtiges Ehepaar erschossen wird. Im Haus entdeckt der Major die überlebende Tochter des Paares. Der Major selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Ehekrise. Er selbst ist zeugungsunfähig, seine Ehefrau wünscht sich jedoch sehnsüchtig ein Kind. Der Major nimmt das Mädchen (Lina) inoffiziell an sich und mit in sein Haus. In der offiziellen Version ist das Mädchen tot bzw. nicht existent, nur der Major und die Männer seiner Einheit kennen den Hintergrund und die Herkunft des Mädchens. Der Major glaubt nun, sein privates Problem gelöst zu haben, doch seine Frau möchte das fremde Mädchen nicht haben, sie wünscht sich ausschließlich ein eigenes Kind, ...

Wer an dieser Stelle glaubt, dass das Buch ab jetzt das Mikrosystem dieser "Familie" beleuchtet, die Unmöglichkeit, eine solche zu werden, das zwangsläufige Scheitern dieser Konstellation und die Konflikte und Konfrontationen, die dieses Scheitern begleiten, der liegt falsch.

Die erwachsenen Protagonisten sind ohne Empathie und allein durch Egozentrismus motiviert. So will der Major "den Krieg zuhause" gewinnen und sich, seiner Ehefrau und den Kollegen beweisen, dass er - trotz Zeugungsunfähigkeit - ein vollwertiger Mann ist. Er interessiert sich weder für Gefühle und Empfindungen des gestohlenen Kindes, noch schafft er es, Empathie für seine Ehefrau zu entwickeln. Er entzieht sich jeder zwischenmenschlichen Konfrontation. Besonders deutlich wird dies in den Szenen, in denen er seine Frau in einen Schrank sperrt, wenn diese eine Panikattacke oder einen manisch-depressiven Schub erleidet, um sie erst dann herauszuholen "wenn sie sich wieder beruhigt hat".
Die Ehefrau selbst ist jedoch ebenfalls von Egozentrismus und Gefühlskälte geprägt. Sie hat längst eine Affäre mit dem Vorgesetzten ihres Mannes, und bringt nur Ablehnung und kindlichen Trotz in Gegenwart des hochtraumatisierten Kindes auf. Es war eben nicht das, was sie haben wollte und damit hat sich ihre Verantwortung für diese "Sache" erledigt.

Die Figuren sind entsprechend von einer eindimensionalen Abgestumpftheit gezeichnet, die mich verwirrt aber auch ein Stück weit enttäuscht hat. Jedoch bleibt der Plot spannend, der Leser möchte wissen, welche Wendung(en) diese Geschichte nimmt.

In einem zweiten Abschnitt fokussiert der Roman auf die Figur des Majors. Im Rahmen einer militärischen Operation wird dieser von Guerillakämpfern gefangen genommen, er findet sich festgekettet in einem Bergdorf wieder. In einem öffentlichen Schauprozesses wird der Major zum Tode durch Vergessen verurteilt, er wird lebendig in einer Felsspalte ausgesetzt, aus der es kein Entkommen gibt.

Auch in diesem Abschnitt bleibt die Figur des Majors seltsam starr, ohne reflektiertes Bewusstsein. Diese Darstellung ist vom Autor sicherlich beabsichtigt, trägt allerdings dazu bei einen Leser, der sich vielschichtigere Protagonisten erhofft zu langweilen. An diesem Punkt hat der Leser längst nachvollzogen, welche Motive und Emotionen den Major antreiben und welche Dogmen und Ideologien sein Handeln bestimmen. Die langatmige und zähe Darstellung ist entsprechend unnötig und stellt den schwächsten Abschnitt des Buches dar. Ich war an diesem Punkt kurz davor, jegliches Interesse an der Geschichte zu verlieren.

Die Perspektive wechselt - nach der Urteilsvollstreckung gegen den Major - jedoch wieder zu Lina. Sie verlässt das Haus des Majors selbstbestimmt, niemand hindert sie daran. Eine alternative Bleibe gibt es nicht mehr, das Mädchen schließt sich kurzfristig einer Gruppe von Straßenkindern an. Nach Verkettung diverser Umstände gelangt sie wiederum als "Mitgenommene" in jenes Bergdorf, in dem vor längerer Zeit der Schauprozess gegen den Majors stattfand.

Ein zentrales Element der Geschichte sind Wiederholungen. Der Titel des Buchs verkörpert dabei das Leitmotiv. "Mitgenommen" wird das Mädchen Lina immer wieder, in unterschiedlichen Kontexten und Zusammenhängen. Dieses Motiv spiegelt die Entmenschlichung die das Mädchen auf Grundlage der Gefühlskälte und des Egozentrismus zahlreicher Protagonisten durchlebt.
Sie wird nicht als Mensch behandelt und wahrgenommen, sondern als eine Sache, etwas das man aufgreifen, mitnehmen und nach Belieben benutzen kann.
Die Erkenntnis dieser Entmenschlichung erreicht ihren Höhepunkt, als Lina in einer Zeitung nicht nur die offizielle Bekanntgabe des Todes ihrer Eltern entdeckt sondern auch die Bekanntgabe ihres eigenen Todes. Ab diesem Moment begreift sie sich selbst als tot. Ihr Handeln ist - wie bereits zuvor - mechanisch, sie absolviert durch ihr Vorhandensein eine reine Pflichtübung. Die Selbstdeklaration ihres eigenen Todes ermöglicht es ihr, die erlebten Traumata zu verdrängen.

Wie in einem Theaterdrama wiederholen sich Szenen und Schauplätze. Requisiten und Bühnenbild scheinen ausgewechselt und wieder zurückgeschoben zu werden, je nachdem, welchen Schauplatz das aktuelle Geschehen hat.

Ebenso wiederholt sich das Verhalten bestimmter Protagonisten (so sucht sich z.B. der Revolutionsführer dem Lina später in der Geschichte begegnet und von dem sie ein Kind erwartet nach einer gewissen "Verschleißzeit" stets neue junge Geliebte)

Im weiteren Sinne ist die Geschichte eine Parabel auf den (Bürger-)Krieg, auf gegenseitige Schuldzuweisungen (sowohl auf der Metaebene des Krieges als auch auf der Mikroebene der privaten Beziehungen) und auf die Unmöglichkeit beider beteiligten Seiten diesen Teufelskreis (der steten Wiederholung) zu unterbrechen. Grünberg verlässt dabei dankenswerterweise die eindimensionale Ebene auf der der Major betrachtet wird. Die Leidtragenden sind hier gleichzeitig oft genug auch Täter oder werden zu solchen, wie die Schlussszene eindrucksvoll illustriert.

Insgesamt ein beeindruckendes Buch, jedoch auch mit sehr klaren Schwächen. Insbesondere der Mittelteil (die letzten Wochen des Major Anthony) gestaltet sich langatming, ermüdent und wenig interessant. Dafür gewinnt das Buch im zweiten Abschnitt an Profil.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen verdorbene Politik - verdorbene Armee - verdorbener Samen, 18. Oktober 2010
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Gebundene Ausgabe)
Der Leser dieses Buches ist gefährdet den Glauben an das Gute im Menschen und der Welt zu verlieren.

Wäre da nicht Major Anthony. Nicht das er sich tadellos benähme, er ist in Südamerika im Krieg, ist beteiligt an Greueltaten und doch hatte er sich einst für eine Karriere in der Armee entschieden, er meinte das wäre besser als als Dorfschullehrer dahinzuvegetieren.

Bei einem Einsatz erschießt sein Korporal ein Ehepaar in deren Wohnung. Danach findet Anthony ein Mädchen in der Wohnung. Bei ihm liegt die Entscheidung ob sie erschossen werden soll oder nicht.

Seine Ehe blieb Kinderlos. Das konnte er nicht wissen als er vor Jahren beschlossen hatte seine Frau Paloma zu heiraten. Aus den Bergen hatte er sie einfach so in die Provinzstadt mitgenommen.

Major Anthony beschließt das Mädchen Lina seiner Frau als Tochter zu präsentieren. Er will das seine Frau glücklich ist, aber dieser Versuch geht schief. Auch Lina hat er einfach so unter Umgehung der Vorschriften mitgenommen

Grünbergs Buch ist eine brilliante Erzählung von einer furchtbaren Welt. "Verdorbene Politik, verdorbene Armee und verdorbener Samen" stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Der Autor ist großartiger Erzähler und scharfer Analyst, so wird sein Buch zum Bericht eines Bürgerkriegs der alle in den Wahnsinn treibt und zur Anklageschrift gegen jeden Krieg dieser Welt.

Der fast 40 jährige Grünberg hat eine steile Karriere gemacht: Vom Apothekenhelfer zum Tellerwäscher und von dort hat er es zum Verleger geschafft, spätestens mit diesem Buch ist er von Beruf Bestsellerautor geworden.
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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen erst herausragend, dann grottenmies!, 31. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mitgenommen (Gebundene Ausgabe)
die überschrift sagt sozusagen alles.
der roman spaltet sich in zwei qualitative teile.
teil 1-
in einem südamerikanischen land herrscht eine militärdiktatur und versucht aufständische mundtot zu machen.
bei einer hausdurchsuchung befiehlt der "major", das dort wohnende verdächtige pärchen zu erschießen.
im haus findet er, wider erwarten, noch ein kind vor ( tochter der getöteten) und beschließt dieses kind zu
"stehlen", denn er ist zeugungsunfähig und seine frau ist, aufgrund unerfüllten kinderwunsches, inzwischen hysterisch geworden.
zwanghaft versucht er in der folge, das kind in seine ehe einzugliedern, es zu seinem kind und dem kind seiner frau zu machen...
dieser teil (etwa bis seite 250) ist überaus faszinierend, großartig, subtil und schockierend beschrieben.
teil 2-
ohne den fortgang verraten zu wollen,
ist absolut kitschiger, irrationaler, absurder revoluzzer-müll. ich glaube fast, ich habe noch nie etwas derart
furchtbares gelesen. es kommt daher wie ein anderer roman, einer, den sich ein infantiler spinner von der seele geschrieben hat.
letztlich entsteht für mich das gefühl, daß der autor eine tollen roman im kopf hatte, doch als die hälfte etwa fertig war, fehlte ihm plötzlich der faden...er wußte nicht mehr, wo die sache hinführen, wie sie enden soll/kann...
der rest ist schweigen.
absolut kranker kram, insgesamt nicht lesenswert und für mich, als grünberg-begeisterte eine herbe enttäuschung.
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