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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Jahr am Südhang der Geschichte oder doch nur im Zeichen der Unglückszahl?
Ein Jahr am Südhang der Geschichte oder doch nur im Zeichen der Unglückszahl?
"Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten". Waren die Herausgeber Visionäre, als sie dieses Schiller-Zitat aus dem Wilhelm Tell für ihren "Drogisten-Taschen-Kalenders 1913" auswählten? Die Angst, dass sich dieses Jahr gar als Unglücksjahr erweisen...
Vor 23 Monaten von HeikeG veröffentlicht

versus
38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein gemischtes Vergnügen
Das Buch ist sehr gekonnt geschrieben - es liest sich leicht und heiter, an einigen Stellen vielleicht gar zu gefällig, aber immer unterhaltsam. Die Idee fand ich reizvoll: Ein Panorama zumindest der überwiegend künstlerischen Gesellschaft im Jahre 1913, also an einem Punkt der Geschichte zu zeigen, der sich ex post als Wendepunkt entpuppt hat - mit der...
Vor 8 Monaten von Leserin veröffentlicht


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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein gemischtes Vergnügen, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts (Kindle Edition)
Das Buch ist sehr gekonnt geschrieben - es liest sich leicht und heiter, an einigen Stellen vielleicht gar zu gefällig, aber immer unterhaltsam. Die Idee fand ich reizvoll: Ein Panorama zumindest der überwiegend künstlerischen Gesellschaft im Jahre 1913, also an einem Punkt der Geschichte zu zeigen, der sich ex post als Wendepunkt entpuppt hat - mit der unausgesprochenen Frage danach, wie das Gesamtbild dieser Einzelexistenzen zu lesen ist vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen, die unmittelbar folgten. Das Buch zeigt dabei durchaus kulturkritisch einen Mikrokosmos von ungewöhnlich begabten Individuen, die für die dämmernden Entwicklungen offenbar großteils blind, weil mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt waren. Allerdings ist dieser kritische Subtext nicht oberlehrerhaft - nie wird suggeriert, die Künstler und Schriftsteller hätten etwas ändern müssen oder können. Hier wird lediglich ein Panaroma aufgemacht, das in seiner Auswahl (und so vollständig das Buch sich auch zu präsentieren scheint, so selektiv sind die Episoden ausgewählt!) eine extreme Diskrepanz postuliert: zwischen der sich extrem radikalisierenden politischen Welt am Vorabend des ersten Weltkriegs und dem zumeist ebenso extrem nach innen gewandten künstlerischen Diskurs der gleichen Zeit. Das mag man teilen oder nicht, aber es ist eine interessante Note.

Was mir persönlich nicht so gefiel: Es gibt einen besonders seit Kehlmanns "Vermessung der Welt" populär gewordenen Trend in der zeitgenössischen deutschen Literatur, berühmte historische Vorlagen mit einem ironischen Augenzwinkern zu betrachten. Gewann man bei Kehlmann schon den Eindruck, sowohl Humboldt als auch Gauß seien mindestens Autisten gewesen, so übersteigert auch Illies absichtlich die lächerlichen Seiten seiner Figuren, wofür sich besonders Kafka, Musil und Rilke, wenn man den konventionellsten erhältlichen Darstellungen ihrer Person folgt, als leichte Zielscheiben anbieten, was aber auch bei der sehr selektiven Beschreibung anderer Figuren (z.B. der Geliebten Heinrich Manns und seines Verhältnisses zu ihr) extrem deutlich wird. Nun ist das nicht grundsätzlich störend, es steht Herrn Illies frei, seine Figuren so zu gestalten, aber was in dem Buch nicht recht klar wurde, ist, warum er das tut. Warum Kafka zur Witzfigur machen, die nicht bei Frauen landen kann (was, wie wir inzwischen wissen, so gar nicht stimmte)? Warum Rilke ausschließlich zur verschnupften weinerlichen Witzfigur stilisieren? Kann man ja machen, aber warum? Ironie ohne klare Zielführung wirkt ein wenig manieriert, und genauso erschien mir auch das Buch streckenweise.

Zweitens ist in dem Buch wenig neu. Was die Literaturwissenschaft in ihren weniger stolzen Jahrzehnten produziert hat, nämlich unkritische biographistische Forschung, die historischen Anforderungen nur am Rande genügte, wird hier wiedergegeben als Information aus dem Leben Kafkas, Thomas Manns usw. Meines Erachtens versucht der Autor auch gar nicht erst, sich durch eine kritische historische Sichtweise, die hier völlig fehlt, abzusetzen, sondern stellt hier vielmehr sein Breitenwissen eines existierenden (sehr konservativen) Diskurses zu den dargestellten historischen Figuren zur Schau. Dazu kommt, dass Illies in erstaunlicher Weise der Vorstellung von Kunst als Mimesis bis ins kleinste Detail folgt. Nun ist das Mimesiskonzept in der Tat ausgesprochen wichtig, aber gerade in der Kunst des 20. Jahrhunderts ist Vorsicht geboten mit einem konservativen Ansatz wie dem von Illies, der die vermeintliche Abbildung der Geschichte zur Geschichte selbst erhebt. Ob es Paul Klee in Gabriele Münters Pantoffeln oder Thomas Mann als heimlicher Protagonist des "Tod in Venedig" ist - immer nimmt Illies an, dass das, was uns die Kunst zeigt, genau das sein müsse, was sich abgespielt hat bzw. direkte Rückschlüsse darauf zulasse. Das verblüfft besonders, weil es von einem Mann mit einiger journalistischer Erfahrung kommt, der die Differenz zwischen Text/Bild und Realität (und noch mehr die Bedeutung von künstlerischer Lizenz) allzu gut kennen müsste.

Schließlich: So erheiternd und elegant weite Teile geschrieben waren, konnte ich mich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass ich gerade einen ausgesprochen eitlen Text lese, der sich mit einer fast schon wieder bewundernswerten Leichtigkeit über das Postulat hinwegsetzt, dass man Bildung, genau wie Reichtum, immer mit etwas Understatement vorführen sollte. Wiederum frage ich mich: Warum? Um sich von den dargestellten Figuren abzusetzen, die statt in die Breite der gegebenen Welt nur in die Tiefe ihrer eigenen blickten? Das wäre eine mögliche Interpretation, aber sie ist vermutlich freundlicher, als Illies es verdient. Ich hatte eher den Verdacht, dass er sich diese Frage nicht recht gestellt hat.

Alles in allem würde ich sagen, vielleicht kann man nicht beides verlagen von einem Buch dieser Art - Illies bietet Breite an, oft auf Kosten der Tiefe. Einiges an diesem Buch hätte ich mir trotzdem anders gewünscht, aber ich bedauere es nicht, es gelesen zu haben - die Lektüre war in jedem Fall unterhaltsam.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Jahr am Südhang der Geschichte oder doch nur im Zeichen der Unglückszahl?, 11. November 2012
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Ein Jahr am Südhang der Geschichte oder doch nur im Zeichen der Unglückszahl?
"Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten". Waren die Herausgeber Visionäre, als sie dieses Schiller-Zitat aus dem Wilhelm Tell für ihren "Drogisten-Taschen-Kalenders 1913" auswählten? Die Angst, dass sich dieses Jahr gar als Unglücksjahr erweisen sollte, sitzt jedenfalls einigen Zeitgenossen mächtig im Nacken. "Gabriele D'Annunzio schenkt einem Freund sein 'Martyrium des Heiligen Sebastian' und datiert es in der Widmung lieber vorsorglich als '1912 + 1'.", findet Florian Illies heraus. Für Arnold Schönberg, der nicht ohne Grund die "Zwölf-Ton-Musik" erfand, ist es gar ein Martyrium. In seinen Stücken wird man die Zahl 13 vermissen. Sie kommt nicht als Takt vor und auch kaum in den Seitenzahlen. Als er voller Entsetzen bemerkt, dass der Titel seiner Oper "Moses und Aaron" 13 Buchstaben haben würde, strich er dem älteren der beiden Brüder einfach ein "a" aus seinem Namen. Seitdem heißt sie halt "Moses und Aron". Eines konnte Schönberg allerdings nicht zu seinen Gunsten beeinflussen. War er schon an einem 13. September geboren, so trieb ihn die panische Angst um, an einem Freitag, dem 13. zu sterben. "Aber es half alles nichts. Arnold Schönberg starb an einem Freitag, dem 13. (allerdings erst 1913 + 38, also 1951). Doch auch 1913 wird für ihn noch eine schöne Überraschung bereithalten. Er wird öffentlich geohrfeigt.", stellt Illies lakonisch fest.

Monatsweise entfaltet der ehemalige Ressortleiter der "Zeit", Mitbegründer und Herausgeber der Kunstzeitschrift "Monopol" und heutiger Partner des Berliner Auktionshauses "Villa Griesebach" ein virtuoses Panorama dieses wohl unvergleichlichen Jahres, in welchem nicht nur Da Vincis aus dem Louvre gestohlene Mona Lisa wiedergefunden wird, sondern auch zwei Nationalmythen begründet werden: In New York erscheint die erste Ausgabe der "Vanity Fair". In Essen eröffnet die Mutter von Karl und Theo Albrecht den Prototyp des ersten Aldi-Supermarkts. Wenn das nicht aufhorchen lässt! Mit Witz, Charme, interessantem Hintergrundwissen, Kenntnis und Virtuosität gelingt Illies ein faszinierender Rundblick, so dass man sich beinahe physisch in die Zeit vor bald 100 Jahren zurückversetzt erlebt. Als Vergleich dürfen hier vielleicht die monumentalen 360-Grad-Panoramen des alten Roms oder Dresdens im Jahr 1756 des Künstlers Yadegar Asisi herangezogen werden, die er in den ehemaligen Gaspanometern in Leipzig und Dresden zur Schau stellt(e).

Es ist fürwahr ein völlig überdrehtes Jahr. Es wimmelt nur so vor expressionistischer Kunst und Künstlern. So fühlt man in der Berliner Humboldtstraße 13 mit der liebessüchtigen, aber lebensuntüchtigen Else Lasker-Schüler als sie dem Pathologen Gottfried Benn verfällt und aus dieser kurzen Liason einige der schönsten Zeilen dieser beiden Lyriker entstehen lässt. Oder man ist auf dem Eis dabei, als der österreichische Alois Lutz sich so gekonnt in der Luft dreht, dass dieser Sprung bis heute seinen Namen trägt. Stalin verweilt gerade in Wien und vielleicht hat er bei seinem Spaziergang durch den Park von Schloss Schönbrunn auch den 23 Jahre alten gescheiterten Maler getroffen, dem die Akademie die Aufnahme verweigerte und der nun die Zeit mit Postkartenmalerei im Männerwohnheim in der Meldemannstraße totschlägt und wie der Russe auf seine große Chance wartet. Seinen Namen kann man heute nur noch voller Widerwillen aussprechen: Adolf H.

Ein Jahr, aber was für eins: Kokoschka und Alma Mahler lieben sich. Gustav Klimt, Egon Schiele und Marcel Duchamp malen Akte. Freud liest derweil in entblößten Seelen. Heinrich und Thomas Mann enthüllen sich literarisch in ihren neuen Werken. Rilke leidet. Kafka zögert. Coco Chanel expandiert. Picasso fällt im Frühjahr in seine größte seelische Krise. Brecht wiederum langweilt sich in der Schule, kränkelt und fängt daher an zu dichten.
München ist damals mit 600 000 Einwohnern den 2,1 Millionen in Wien deutlich unterlegen. Dafür wurde letzteres wohl mit schlechtem Wetter belegt. Im August herrschte hier nur eine Durchschnittstemperatur von 16 Grad. Da half nur eines: eine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Gleich zwei davon finden 1913 statt. "Piero Ginori Conti gelingt es in Lardello in der Toskana, Wasser aus dem Erdinneren für die Stromerzeugung zu nutzen. Die Geothermie ist entdeckt. Gleichzeitig schreibt Marshall B Garner sein Buch, in dem er belegt, dass im Innern der Erde noch immer Mammuts leben. Sie seien mitnichten ausgestorben, hätten sich nur in wärmere Regionen zurückgezogen.", liest man bei Illies.

"Jedenfalls 1913 ist ziemlich harmlos verlaufen, nicht tot und schläfrig, ziemlich viel inneres Leben.", wie die vom Leben mit ihrem Mann und unschlüssig, in welche Richtung ihre Kunst gehen soll ermüdete und in der Silvesternacht bilanzierende Käthe Kollwitz feststellt. Ganz so harmlos dann vielleicht doch nicht. Genau: Ziemlich viel inneres Leben! "Und etwas stand offen: es war wohl die Zukunft..." Das schreibt wiederum Robert Musil in seinen Notizen, aus denen sehr viel später sein Roman: "Der Mann ohne Eigenschaften" erwachsen wird.
Oswald Spengler, der dreiunddreißigjährige Misanthrop, Soziopath und Mathematiklehrer außer Dienst erkennt vielleicht als einer der Wenigen die dunkle Zukunft. Täglich neu notiert er: Es geht eine große Zeit zu Ende, merkt es denn keiner? "Kultur - noch letztes Aufatmen vor dem Erlöschen." Ach nein, da ist noch jemand. Marcel Proust sitzt in seinem Arbeitszimmer am Boulevard Haussmann 102 in Paris, baut sich seinen eigenen Käfig - eine Art Schallschutzkammer - und notiert im gerade begonnenen ersten Teil seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" folgendes: "Die Wirklichkeit, die ich einst kannte, existiert nicht mehr. Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Hauser, Straßen, Avenuen sich flüchtig, ach! die Jahre."

Florian Illies berichtet von Bekanntem und Bekenntnissen, von Populärem und weniger Eingängigem. Er streift politische Gegebenheiten, findet aber immer wieder in die Kunst zurück. Mit unglaublich viel Verve und Esprit verführt er den Leser zu einer Lektüre, wie man sie sich jedem Geschichts- oder Gesellschaftsunterricht nur wünschen würde. Spannend, witzig, mitreißend und trotzdem auf hohem Niveau. Ein großartiges Kompendium, dem gern noch einige Jahresrückblicke mehr folgen dürfen.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tagebuch einer beginnenden großen Künstlerepoche., 24. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts (Kindle Edition)
Florian Illies hat sich das Jahr 1913 ausgesucht, um einmal zu zeigen, wie gehaltvoll einflussreiche Künstler, Dichter und Denker das literarische und politische Leben des kommenden Jahrhunderts prägten. Tagebuchartig folgt er den Ereignissen und Treffen so bekannter Künstler wie Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Klimsch und Schiele. In der Tat war 1913 ein Jahr des beginnenden Expressionismus in der Malerei, der Erneuerung in den Neurowissenschaften durch die Fortführung der Erkenntnisse von Sigmund Freuds Psychoanalyse, und es war das Jahr kreativer Schriftsteller, die uns die schönsten Werke der Weltliteratur schenkten. 1913 zeigten sich aber auch die Vorboten des politischen Umsturzes in Russland und Europa.

Fortlaufend zählt Illies von Monat zu Monat auf, was sich tat.
Hitler und Stalin begegneten sich zum ersten Mal. Franz Kafka und Sigmund Freud sind in aller Munde; Else Lasker - Schüler und Gottfried Benn verbindet eine stille Liebe. Die beiden Maler Franz Marc und Ludwig Kirchner treten auf den Plan, und Oswald Spengler befasst sich mit dem „Untergang des Abendlandes“.

Von allen diesen Künstler und anderen mehr hat man gehört und weiß sie einzuordnen. Doch nie hat jemand so kontinuierlich über das Jahr 1913 berichtet, in dem sich entscheidende Ereignisse ankündigten oder bereits ereignet hatten. In Wien gelangen die Maler Gustav Klimt und Oskar Schiele zu hohem Ansehen, zu denen auch Oskar Kokoschka zählte. Sie bildeten zusammen die Wiener Moderne. „Paris, München, Wien und Berlin galten insgesamt als die
Frontstädte der Moderne“.

In diesem Buch wimmelt es nur so von bekannten Namen, die das Jahrhundert prägten und mit ihnen das Charisma der zwanziger Jahre ausmachten. Heinrich und Thomas Mann gehören ebenso dazu wie Hofmannsthal und Arthur Schnitzler.

Wer wissen will, wie diese Künstler, Dichter und Denker den Beginn das 20.Jahrhundert mit ihren Künsten beeinflussten, der lese diese Aufzählung, in der wohl niemand von Rang und Namen fehlt.
Zu allen weiß der Autor uns Einzelheiten zu erzählen und fügt seine Ausführungen zu einem geschlossenen Bild dieser sehr lebendigen und hoch aktuellen Zeit zusammen.

Man meint geradezu dabei zu sein, wenn Ateliers öffnen, Lesungen stattfinden oder anderweitige Veränderungen des Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Auch Aldi öffnete 1913 die ersten Ladentüren!

Eine äußerst labile und zugleich von Neuerungen berstende Phase deutscher und europäischer Kulturgeschichte tut sich auf.

Die Fülle des Materials ist überwältigend und lässt einen kaum zu Atem kommen. Doch bekommt man mit diesem Jahr 1913 einen Eindruck von den schöpferischen Kräften und aufwühlenden Denkrichtungen, die uns bis heute begleiten. Das Fazit ist: alle diese kreativen Künstler und Gelehrten konnten nicht verhindern, dass zwei Weltkriege unsere Kultur und unser Land tief erschütterten und Deutschland ins Abseits drängten.

1913 ist das letzte Jahr am Abgrund vor dem ersten dieser beiden Weltkriege. Das war der Bruch, mit dem der geistige und schöpferische Niedergang der deutschen Geschichte begann.

Florian Illies hat ein umfassendes und höchst informatives Werk geschaffen, das uns Aufschluss bietet über eine beginnende neue Ära, die so tragisch mit dem ersten und zweiten Weltkrieg für Deutschland endete.
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158 von 194 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 1913 - Ein besonderes Jahr, 25. Oktober 2012
Von 
book.seller - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Schriftsteller schrieben darüber, Maler bannten die Stimmung der Zeit auf ein Stück Leinwand, Philosophen und Geisteswissenschaftler machten sich so ihre Gedanken, und Politiker traten auf den Plan, die später die Weltgeschichte bestimmen sollten. In gewisser Weise war das Jahr 1913 ein ganz besonderes. Hier wurden die Ideale der folgende Jahre bestimmt und es herrschte eine Aufbruchsstimmung in die Moderne, die doch so jäh durch zwei fürchterliche Kriege ausgebremst wurde.

In diesem unterhaltsamen Buch hat Florian Illies mal kürzere, mal längere Anekdoten zusammengestellt und zeichnet so ein aufregendes Bild des Jahres 1913. Dabei geht er chronologisch nach Monaten vor und verweilt dabei bei nahezu den gleichen Persönlichkeiten der kulturellen Elite von Berlin, München, Wien und Paris, den Weltstädten, in denen damals Trends gesetzt wurden. So begleitet man Autoren wie Thomas und Heinrich Mann, Franz Kafka, Hermann Hesse und auf der Suche nach neuen Stoffen oder der Liebe. Man erfährt wie Maler wie Oskar Kokoschka, Franz Marc und Picasso ihre Inspiration fanden. Des Weiteren erfährt man über den Streit von Sigmund Freund und C.G. Jung, und wie sich Hitler und Stalin in Wien begegnet sind. Abgerundet wird das ganze durch ein paar Anekdoten aus der Kategorie "Unnützes Wissen", die aber zur Auflockerung beitragen.

Überhaupt wird einen beim Lesen dieses Buches nie langweilig. Das hat zwei Gründe: Zum einen kann Florian Illies gut und humorvoll erzählen, zum anderen ist das Wissen in kleine Happen verpackt, so dass man das Buch immer mal wieder zu Hand nehmen oder in einen Ruck durchlesen kann. Was mich weiterhin beeindruckt hat, war die Stimmung der Zeit, das Streben nach Neuen, nach Besseren, was Werke geschaffen hat, die heute, fast einhundert Jahre später, immer noch Gültigkeit haben und bestaunt werden. "1913" ist ein sehr intelligentes Buch, das Geschichte lebendig werden lässt und geschickt Wissen vermittelt. Darüber hinaus ist es unterhaltsam und flüssig zu lesen. Absolut empfehlenswert!
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88 von 108 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gekonnte Collage, die spannungslos bleibt, 18. Februar 2013
Von 
Dr. Martina Mai (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Im ersten Kapitel war ich begeistert, es las sich wie ein vielversprechender Prolog. Als der aber anhielt, verflog die Spannung. Langweile machte sich breit. Sicherlich trifft man hier und da auf ein noch unbekanntes Anekdötchen, kann über eine Zuspitzung des Autors schmunzeln. Doch je weiter ich gelesen habe, desto inhaltsleerer (gibt es dafür eigentlich eine Steigerungsform?) schien mir das Ganze. Letztlich bleibt 1913 eine mit viel Texter-Geschick präsentierte Fleißarbeit, der ein Spannungsbogen, Sinn und Ziel fehlt, und die letzlich allenfalls Mittelmaß bleibt.
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27 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bild-Zeitung vor 100 Jahren, 17. September 2013
Von 
karin1910 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Bisweilen wurde ich bei der Lektüre an die Vorgehensweise der Boulevardpresse erinnert - wenn beispielsweise Oskar Kokoschkas Besessenheit von Alma Mahler ausführlich geschildert oder genüsslich aus Franz Kafkas reichlich verunglückten Liebesbriefen an Felice Bauer zitiert wird.
Auch sonst befasst sich dieses Buch wenig bis gar nicht mit Politik (Gestalten wie Hitler oder Stalin kommen nur mal am Rande vor), sondern wirft Schlaglichter auf all die großen und kleinen Ereignisse, Katastrophen und Abenteuer, welche die Angehörigen der "High Society" im Jahr 1913 beschäftigten.

Der Autor springt dabei von Protagonist zu Protagonist und von Schauplatz zu Schauplatz; einer kurzen Episode, manchmal nur ein paar Zeilen lang, folgt die nächste. So etwas wie ein Erzählfluss will dabei natürlich nicht aufkommen, es gelingt aber doch ganz gut, die Atmosphäre dieses letzten Jahres vor dem Untergang der damaligen Weltordnung einzufangen.
Selbstverständlich könnte man ein ähnliches Buch über jedes beliebige Jahr schreiben, 1913 wurde ja erst im Rückblick zu etwas Besonderem. Gerade die Banalität der meisten hier erzählten Geschichten zeigt aber, wie leicht es geschehen kann, dass aus scheinbar heiterem Himmel eine Katastrophe hereinbricht.

Auch wenn man dadurch keine großartigen neuen Erkenntnisse gewinnen wird, kann die Lektüre also doch ganz interessant sein.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kurzweilig und lesenswert, 10. September 2014
Von 
Zusammenfassung für Schnellleser: Kurzweilig und gut lesbares Kompendium des Jahres 1913 aus künstlerischer und Kunst schaffender Sicht.

Wann endet eigentlich das 19. Jahrhundert? Klare Sache (und damit hopp): am 31.12.1900. Aber nur kalendarisch. Politisch und historisch gesehen findet die Zeitenwende am Tage des Attentats auf Erzherzog Franz-Ferdinand statt. Dieses Attentat nimmt nachfolgend die österreichisch-ungarische Monarchie zum Anlass, einen "kleinen und begrenzten Lokalkrieg" mit Serbien zu beginnen, der aufgrund diverser Bündnisse und Verflechtungen der Staaten ausartet zum kontinentalen, Massen mordenden Mahlstrom des Ersten Weltkriegs.

Florian Illies hat sich nun die Mühe gemacht 1913, das Jahr davor, zu beschreiben. Dies nicht aus politischer oder (militär)-historischer Sicht, denn er versteht das Jahr vielmehr als Morgenrot der Moderne. Und so interessieren ihn eher die Gestaltenden, die Kunst- und die Kulturschaffenden. Stimmt nicht so ganz, denn wir erfahren, dass zwei Protagonisten des 20. Jahrhunderts sich in diesem Jahr zwar nicht begegneten, sich örtlich in Wien aber nie so nah waren wie jemals zuvor oder jemals danach. Zum einen ist dies der aus dem Priesterseminar geflogene Georgier Jossip Dwissarionowitsch Dugaschwilli, andererseits der wenig erfolgreiche Postkartenmaler aus Braunau am Inn.

Das Buch ist flüssig geschrieben und lässt sich gut lesen. Der Autor hat mit feuilletonistisch großem Geschick aus den Erlebnissen und dem Briefwechsel seiner Akteure mal kürzere, mal längere Episoden gewoben. Diese sind kurzweilig und man erfährt interessante Details über Franz Kafka oder über Thomas Mann, über die Maler Egon Schiele, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka. Und immer wieder Oskar Kokoschka und seiner leidenschaftlichen (zumindest von seiner Seite) geführten Beziehung zu Alma Mahler; die später dann nicht glücklich endet, da die Gute nicht Kokoschka ehelicht, sondern (zwei Jahre später) den Bauhaus-Gründer Walter Gropius.

Mit Geschick lässt Illies in Briefauszügen immer wieder die Handelnden, die Liebenden, die Leidenden dieses Jahres zu Wort kommen. Hierdurch gewinnt der Text, denn es wird niemals langweilig. In Summe liefert der Autor ein Kompendium und ein Substrat dieses intensiven Jahres zu Beginn des 20. Jahrhunderts, für das der interessierte Leser ansonsten Dutzende von Biografien, publizierte Briefwechsel und andere Bücher lesen müsste.

Ach ja: sowohl Stalin als auch Hitler verschwinden relativ schnell von der Bildfläche. Der eine landet nach der Verhaftung in Frauenkleidern in der Verbannung. Von ihm wird später nurmehr lapidar berichtet: "Stalin friert in Sibirien". Vom anderen wird berichtet, dass er nach seiner Abreise nach München im Rahmen der allgemeinen militärischen Mobilmachung in Wien nicht mehr auffindbar ist und kurzzeitig als Fahnenflüchtiger geführt wird.
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220 von 286 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Bunte Illustrierte, Jahrgang 1913, 28. November 2012
Rillke hat Schnupfen. Rilke hat Probleme mit Frauen. Frau Lasker-Schüler hat Liebeskummer. Herr Dr.Döblin spritzt Morphium. Herr Freud fürchtet die Begegnung mit C.G. Jung. Sie haben Streit. Weshalb? Steht nicht im Buch. Allen Tratsch den wir über die Großverdiener des Kunst- und Kulturbetriebs und die Boheme des Jahres 1913 noch nicht wussten, können wir in diesem Buch nachlesen. Sonst aber leider nichts. Politik? Fehlanzeige. Dafür der Kaiser auf der Jagd. Soziales Elend? Kommt nicht vor. Am meisten erschüttern mich aber die hymnischen Besprechungen quer durch alle Feuilletons. Hier hat jemand einen kalkulierten Bestseller geliefert, im nächsten Jahr wird es das ideale Verlegenheitsgeschenkbuch sein und hinterher ungelesen in vielen Bücherschränken stehen.Bei Autor,Verlag und Buchhandel haben derweil die Kassen geklingelt.Für mich war das Buch ein einziges Ärgernis.
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103 von 134 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kulturgeschichte für Dummies, 16. Juni 2013
Von 
Man stelle sich einen Regisseur vor, der zu faul ist, einen richtigen Film zu drehen. Es ist ihm lästig, eine Geschichte zu entwickeln, ein Drehbuch zu schreiben (oder schreiben zu lassen) und Darsteller auszuwählen. Mit der Gestaltung von Kostümen und Sets möchte er sich auf keinen Fall befassen. Auch die Mühen der Dreharbeiten sind ihm zuwider. Stattdessen wählt er hundert Filme aus, nimmt aus jedem dieser Filme eine einminütige Sequenz und fügt diese Schnipsel ohne erkennbares Prinzip zusammen. Schließlich tritt er vor das Publikum und behauptet dreist, er habe einen neuen Film gedreht.

Ganz ähnlich ist Florian Illies bei seinem neuesten Buch vorgegangen. Ein richtiges Buch zu schreiben, das ist leider mit allerlei Mühsal und Plackerei verbunden. Man muß sich den Kopf darüber zerbrechen, was für eine Geschichte man eigentlich erzählen will. Man muß, wenn das Buch historische Sachverhalte behandelt, das zur Verfügung stehende Material in einen sinnvollen und aussagekräftigen Zusammenhang bringen, damit etwas entsteht, das den Namen Geschichte (im Sinne einer in sich geschlossenen Erzählung) verdient. Das Material fügt sich nämlich nicht von selbst zu einem solchen Zusammenhang. Dazu bedarf es einer Fragestellung, einer Idee. Und man muß darüber nachdenken, welche Dinge das Publikum besser verstehen soll, wenn es das Buch gelesen hat.

Vor all diesen Fragen und Aufgaben hat sich Illies gedrückt. Stattdessen hat er sich entschieden, eine Gruppe von mehrheitlich deutschen Künstlern und Literaten Monat für Monat durch das Jahr 1913 zu begleiten, nicht als Erzähler, sondern als Chronist, der einfach das referiert, was die reichhaltige Sekundärliteratur hergibt. Illies strebt kein Gesamtpanorama der deutschen Vorkriegsgesellschaft an. Er konzentriert sich auf die Welt der Hochkultur und deren Randbereich, die künstlerische Bohème. Warum ausgerechnet 1913? Warum Kafka, Rilke und Benn, warum wieder einmal die üblichen Verdächtigen (Politiker, Wissenschaftler und Normalsterbliche kommen auch vor, aber nur in Nebenrollen)? Ein Vorwort oder eine Einleitung, die Auskunft über Sinn und Zweck des Buches geben könnten, sucht der Leser vergebens. Er sieht sich konfrontiert mit einer in Monatsabschnitte gegliederten Abfolge mehr oder minder umfangreicher Anekdoten und Momentaufnahmen, die in einigen Fällen durchaus interessant, mehrheitlich aber läppisch sind.

Wen interessieren heute noch die Peinlichkeiten des Liebeslebens von Franz Kafka und Oskar Kokoschka? Wer interessiert sich für die allzu menschlichen - also banalen - Eheprobleme Albert Einsteins, Arthur Schnitzlers und Robert Musils? Wer außer ein paar Germanisten und Gottfried-Benn-Enthusiasten kann heute noch etwas mit dem Namen Lou Andreas-Salomé anfangen? Ist diese Frau - ähnlich wie zahlreiche andere Figuren, denen Illies zu Leibe rückt - nicht zu Recht in Vergessenheit geraten? Müssen Freaks wie Egon Schiele und Georg Trakl dem heutigen Publikum unbedingt wieder in Erinnerung gerufen werden? War es wirklich eine kulturelle Blüte und bewundernswerte Vielfalt, die sich da in Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges entfaltete, oder stehen Künstler und Literaten wie Schiele, Kafka und Oswald Spengler nicht für einen Zustand nervöser Überreizung und intellektueller Verirrung, dem nachzutrauern überhaupt kein Grund besteht?

Solche Fragen wirft Illies gar nicht erst auf. Kommentare, kritische Bewertungen, abwägende Urteile sind seine Sache nicht. Viel einfacher und bequemer ist es doch, zum hunderttausendsten Mal die Säulenheiligen der klassischen Moderne zu feiern, seien sie Schriftsteller, Maler oder Komponisten: Picasso war genial, Benn war genial, Trakl war genial, Kafka war genial, genauso wie Malewitsch und Duchamp und all die anderen. Alle waren sie irgendwie genial, und sei es auf verkrachte Art und Weise. So wird es uns seit Jahrzehnten eingebläut. Expressionismus, Kubismus, Suprematismus - alles Meilensteine der Kunstgeschichte. Ist es nicht an der Zeit, die klassische Moderne einmal kritisch zu hinterfragen und ihren Wert neu einzuschätzen? Mehrfach schildert Illies, wie aufgebracht und ablehnend das musik- und kunstliebende Publikum des Jahres 1913 auf die Gemälde der Expressionisten oder Stravinskys "Sacre du printemps" reagierte. Doch warum reagierte das Publikum so? Warum wollte es sich nicht mit expressionistischer Kunst anfreunden? Was bevorzugte dieses Publikum in puncto Literatur, Musik und Kunst? Lasen die Deutschen im späten Kaiserreich nicht eher Karl May und Hedwig Courths-Mahler als Rilke und Schnitzler? Wer etwas über die Mentalitäten des Jahres 1913 und den Geschmack des Mehrheitspublikums erfahren will, der wird bei Illies nicht fündig. Illies betrachtet das Jahr 1913 mit den Augen des Jahres 2012. Und deshalb nimmt er nur das wahr, was das Jahr 2012 am Jahr 1913 für wichtig und erinnernswert hält: Eben die üblichen Verdächtigen. Wie reizvoll und lohnend wäre es, das kulturelle Leben des Jahres 1913 zu schildern, ohne daß darin die sattsam bekannten Figuren auftauchen, die eine beflissene akademische Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte seit Generationen gebetsmühlenartig als "Wegbereiter der Moderne" preist!

Ärgerlich an Illies' Buch ist der Mangel an Kontextualisierung. Zusammenhänge aufzuzeigen und Hintergründe auszuleuchten, auch davon hält Illies nichts. Er reiht ununterbrochen Anekdoten und Geschichtchen aneinander, die einzuordnen und zu bewerten dem Leser schwer fällt, weil in der Regel die Vorgeschichte fehlt. Schon das Januar-Kapitel bietet Beispiele zuhauf für den Unwillen des Autors, auch nur ein Minimum an Hintergrundinformationen zu vermitteln: Thomas Manns Theaterstück "Fiorenza" wird von dem Kritiker Alfred Kerr verissen. Worum geht es in dem Stück überhaupt? War Kerrs Verriß gerechtfertigt oder nicht? Rainer Maria Rilke flieht vor einer "Schaffenskrise" nach Südspanien. Was hat es mit dieser Schaffenskrise auf sich? Als "Urgefühl" des Kulturpessimisten Oswald Spengler wird "Angst" angegeben. Woher rührte diese Angst, durch welche biographischen Erlebnisse und Erfahrungen wurde sie ausgelöst? Sigmund Freud und sein Schüler C.G. Jung zerstreiten sich. Das Zerwürfnis wird in einigen folgenden Kapiteln nochmals erwähnt; seine Ursachen werden aber nirgends erläutert. Über Gertrude Stein, die in Paris einen Salon führte, wird berichtet, sie habe sich im Januar 1913 mit ihrem Bruder entzweit. Warum? Was war passiert? Das tut aus Illies' Sicht offenbar nichts zur Sache. Wozu dann diese Nebensächlichkeit überhaupt erwähnen?

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Dem Leser bleibt vorenthalten, warum Arthur Schnitzlers Drama "Professor Bernhardi" mit einem Aufführungsverbot belegt wurde. Wer noch nie etwas von Georg Trakl gehört hat, wird nicht verstehen, warum der Dichter "wie in Trance" durch die Welt irrte (S. 84). Auf S. 94 wird mitgeteilt, daß Karl Kraus am 29. März 1913 in München einen Vortrag hielt, der mit freundlichem Applaus aufgenommen wurde. Das Thema des Vortrages? Man erfährt es nicht, genauso wenig wie den Titel des Films, der Kafka laut Tagebuch am 20. November zu Tränen rührte (S. 285). Aus dem Zusammenhang gerissen werden auch ein Brief-Zitat, in dem sich Hugo von Hofmannsthal desillusioniert über den österreichischen Adel äußert (S. 210) und das schroffe Verdikt des Malers Max Beckmann, der Mensch sei "ein Schwein erster Klasse" (S. 152). Was beide Männer zu diesen Äußerungen veranlaßte - wer weiß das schon? Man hofft, daß wenigstens Illies es weiß. Doch anstatt es den Lesern zu verraten, doziert er lieber im Tonfall des umfassend gebildeten Vielwissers, Ludwig Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" sei eine der wichtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts (S. 81). Wichtig für wen? Und wovon handelt der Traktat? Pompös heißt es über Edmund Husserl, sein "großer Paradigmenwechsel für die Philosophie" habe in der "Abwendung von den positivistischen Realien der Umwelt zu den Tatsachen des Bewußtseins" bestanden (S. 160). Wer Genaueres darüber erfahren möchte, kann gerne bei Wikipedia nachschauen.

So geht es Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Das Buch bietet kaum mehr als eine ziellos dahinplätschernde Nummernrevue. Emsig gesammelte Lesefrüchte werden wie Mosaiksteinchen ausgeschüttet, doch weil eine sinnstiftende Idee fehlt, entsteht letzten Endes kein Bild, das dem Leser ein vertieftes Verständnis der deutschen Gesellschaft oder des deutschen Kulturlebens im letzten Friedensjahr vor dem Ersten Weltkrieg ermöglicht. Stattdessen bietet Illies eine langweilige und ermüdende Aneinanderreihung von Anekdoten über die Liebeshändel und Ehewirren, die soziale Inkompetenz, Hypochondrie und "Neurasthenie" seiner männlichen und weiblichen Protagonisten, garniert mit banalen Kurzmitteilungen wie "Rainer Maria Rilke hat Schnupfen" (S. 85). Drei Seiten vorher wirft Illies seinen Lesern diesen Informationsbrocken hin: "Frühlings Erwachen. Am 8. März treffen sich im Wiener Café Imperial Frank Wedekind, Adolf Loos, Franz Werfel und Karl Kraus nach dem Aufstehen auf einen großen Braunen." Muß man das wirklich wissen, und wenn ja, wozu? Die Passagen über die eigenartige Beziehung zwischen Franz Kafka und Felice Bauer bieten eine pein- und qualvolle Lektüre. Hat sich im Jahr 1913 nichts Wichtigeres zugetragen? Über dieses Thema sollte man besser den Mantel des Schweigens breiten. Gottlob behandelt Illies nur ein Jahr dieser Beziehung; mehr wäre kaum zu ertragen.

Für jeden historisch interessierten Leser ist dieses Buch eine Zumutung, und für den Fischer-Verlag ist es ein Armutszeugnis. Mit seiner Mischung aus Oberflächlichkeit, Schaumschlägerei und bildungsbürgerlichem Renommiergehabe paßt das Buch zu unserer heutigen Zeit: Es vermittelt Wissen in mundgerechten Häppchen, die niemanden überfordern; es kommt anekdotisch daher, im zwangslosen Plauderton, mit sicherem Gespür für das Pikante, Frivole und leicht Anrüchige. Ist es nicht genau das, was deutsche Leser lesen wollen? So denken offenbar manche Autoren und Lektoren. Die Tatsache, daß Illies' Buch so enthusiastische Rezensionen erhalten hat und zum Beststeller avancierte, zeigt nur, daß den Feuilletonisten und vielen Lesern die Maßstäbe abhanden gekommen sind, um schlechte Bücher von guten zu unterscheiden. Ein Buch wie "1913" entsteht, wenn ein Autor nichts riskiert, brav mit dem Strom schwimmt und sich an etablierte Lehrmeinungen hält. Über das deutsche Kulturleben unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg könnte man auch ganz andere Geschichten erzählen. Das setzt allerdings die Bereitschaft voraus, ausgetretene Pfade zu verlassen, Neuentdeckungen zu wagen und den Kanon vermeintlich bahnbrechender und epochemachender literarischer und künstlerischer Werke in Frage zu stellen. Was Illies bietet, ist Kulturgeschichte für Dummies - Menschen, die nicht mitdenken, die keinen eigenen Kopf und keine eigene Meinung haben.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert!, 27. August 2014
Von 
Mitteleuropäische Kunstgeschichte im aufkommenden Wechsel der Epochen sehr kurzweilig aufbereitet.
Lehrreich mit Augenzwinkern und keine Sekunde "trocken".
Ich habe es förmlich aufgesogen.
Absolut lesenswert!
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1913: Der Sommer des Jahrhunderts
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