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31 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 10. Juni 2012
Nachdem bereits bei Naxos eine Aufnahme mit einem rekonstruierten Finalsatz der Neunten erschienen ist, die seltsam kalt liess und nicht überzeugte (Dirigat: Wildner), war nun die Erwartung wesentlich höher. Simon Rattle ist zwar ein grosser aber kein Bruckner-Dirigent, mit den Berliner Philharmonikern jedoch steht ihm ein Spitzenorchester zur Verfügung, welches eine grosse Bruckner-Tradition hat (man denke an Furtwängler, Jochum und Karajan). Nun sitzt man also in fiebriger Erwartung vor der Stereoanlage und fürchtet sich ein bisschen vor dem, was da kommen mag. Und was da kommt!

Die Aussage von Harnoncourt, diese Musik sei wie "ein Stein, der vom Mond gefallen" ist, könnte treffender nicht sein. Nebst majestätischen und hinreissenden Themen hören wir dissonante Akkorde noch und noch, seltsame Abbrüche, Hörner, die eine seltsame Tonfolge ins Leere hinausblöken, und zum Schluss die pseudo-chaotische Übereinandertürmung verschiedener Themen vorwiegend aber nicht ausschliesslich der Neunten - Musik, wie sie weit ins 20. Jahrhundert hineinweist und die Hörer im ausgehenden 19. Jahrhundert bestimmt ratlos zurückgelassen hättte. Genialische, mit unerbittlicher Konsequenz durchkomponierte Musik. Ist diese Musik nun wirklich von Bruckner?

Um diese Frage beantworten zu können, darf man sich keinesfalls ans Booklet der CD wenden, welches in unkritischer und stellenweise geradezu dümmlicher Weise die Entstehung dieses Satzes beleuchtet. Es wird zum Beispiel dreist behauptet, dass Bruckner seine Finale stets auf ähnliche Weise komponierte, es gebe im Wesentlichen nur zwei Modelle für seine Finale. Dies ist - mit Verlaub - hanebüchener Blödsinn, man sehe sich zum Beispiel nur einmal die Finale der Fünften, Siebten und Achten an. Dann wird angefügt, dass es daher einfach sei, in Bruckners Sinfonien ein paar fehlende Takte zu ergänzen. Die Haare stehen einem zu Berge bei solchen Behauptungen. Es sei daher geraten, sich vor dem Einlegen dieser Aufnahme die Besprechung des Finalsatzes von Harnoncourt anzuhören. Die Fakten werden dort besser wiedergegeben und erlauben einen besseren, wenngleich unvollständigen Einblick in den Mikrokosmos dieses Finalsatzes. Man kann danach die Originalität grosser Passagen des nun anzuhörenden Satzes beruhigt würdigen.

Tatsache bleibt nämlich, dass grosse Teile des nun zu hörenden Satzes von Bruckner niedergeschrieben wurden, und weitere Teile fragmentiert vorliegen. Die Instrumentation ist weitgehend inkomplett. Vor diesem Hintergrund müssen vor allem die letzten 5 Minuten des Satzes als weitgehend rekonstruiert angesehen werden, wenngleich "nur" 28 Takte komplett neu komponiert werden mussten. Dennoch ist das Resultat deutlich überzeugender als die ältere Naxos-Aufnahme mit Wildner. Die hier wiedergegebene Musik zieht in Bann und ist stellenweise beglückend und ekstatisch genial. Ich habe diesen Satz nun schon zigmal angehört, und meine Begeisterung wächst mit jedem Durchgang.

Und ist dies nun eine Finalsymphonie oder nicht? Die Antwort muss lauten: Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Wenn man aber hört, mit welcher Radikalität und mit welchem Mut Bruckner in seinem allerletzten Satz Noten gesetzt hat, welche todesahnende Verzweiflung hier anklingt und welche Ziele er sich noch genommen hat - wir hörten von einer mehrstimmig choralen Rückschau auf die grossen vorangegangenen Symphonien - dann kann man sich nicht vorstellen, dass das Finale dieser bedeutenden Symphonie minderwertig geworden wäre. Im Gegenteil, man muss annehmen, dass dieser Satz die Grenzen gesprengt und die Tür weit in die Zukunft geöffnet hätte. Bis heute hat man sich am Dissonanzakkord im dritten Satz aufgebaut, aber gegen das, was hier noch kommen sollte, wäre dies nur erst der Anfang gewesen. Die vorliegende Rekonstruktion hat diese Dimension mit Sicherheit noch nicht erreicht.

Bleibt zu hoffen, dass erstens in der Zukunft noch mehr Notenmaterial auftaucht, welches nach Bruckners Tod verlauert wurde, und dass zweitens ein Dirigent mit Bruckner im Blut ein dergestalt weiter vervollständigtes Werk einspielen würde. Bis dahin müssen wir auf das mutgemasste opus summum, die Kathedrale aus übereinandergeschichteten Themen aus der Fünften, Siebten, Achten und Neunten im Schlussteil des Satzes weiter bange warten. Und getrost die wunderbaren und verzweifelten Stellen dieser Rekontruktion erleben.

Die übrigen Sätze hat Sir Rattle übrigens ansprechend interpretiert und eingespielt. Wie zu erwarten herrscht bei ihm mehr Nüchternheit als bei seinen Berliner Vorgängern, was dem Werk aber nicht einmal so schlecht ansteht. Auch hinsichtlich dieser drei Sätze ist diese Aufnahme daher eine interessante Ergänzung des Repertoires, wenngleich ich persönlich andere neue Aufnahmen wie beispielsweise jene von Luisi mit den Dresdnern überzeugender finde. Oder aber man geht zurück und schwelgt in den Aufnahmen von Jochum, Schuricht, Furtwängler oder Wand.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 17. Juni 2012
(Nicht nur) Fuer Liebhaber von Bruckners Musik: Kaufen! - Meines Erachtens ist es empfehlenswert, sich erst in den ersten drei Saetzen mit den Eigenheiten der Interpretation von Rattle vertraut zu machen und sich dann erst dem 4. Satz naehern. Diesen ein paar mal fuer sich (er-)hoeren und danach ein Durchlauf Satz 3 +4.

Mir gefaellt der vorgelegte 4. Satz außerordentlich gut und immer besser, je öfter ich ihn gehört habe. Es ist großartige Musik mit einer enormen Dichte. Ich muss sagen, dass es für mich eines der faszinierendsten Hörerlebnisse darstellt. Diese Musik, ist wie die ersten 3 Sätze der Symphonie einfach großartig. Es ist m.E. Brucknersche Musik - mit all ihrer Ungewoehhnlichkeit und Radikalität, - man hoert deutlich, dass hier Bruckner wie schon in den vorangegangen Saetzen weiter geht, stellenweise weist er weit voraus (Mahler / Schostakowitsch). Ein "qualitatives" Abfallen kann ich nicht feststellen, auch wenn manche Stellen spröde sind. Auch nicht, dass dieser Satz nicht zur Symphonie passe, oder dieser diese nicht abschliessen wuerde. Man muss sich den Satz eben erhoeren.Dass der Satz sicher nicht so ist, wie Bruckner ihn veröffentlicht haette muss klar sein: Er hat ihn nicht fertig gebracht, noch konnte er diverse male "drueber- und umarbeiten". Das mindert aber meines Erachtens nicht den Wert des Satzes. Die Anmerkungen im Booklett sind teilweise nicht sehr hilfreich...

Herzlichen Dank an die Gruppe aus Musikwissenschaftlern, die eine Rekonstruktion und Vervollständigung des 4. Satzes vorgenommen haben und an ihr kontinuierlich weiter arbeiten. Ebensosehr auch an Rattle, der sich mit der Aufführung dieser Rekonstruktion den überwiegend von Legendenbildung und von subjektiven Urteilen geprägten Diskussionen um Bruckners Musik aussetzt. Ich hoffe, dass Rattle mit dieser Einspielung einen Impuls für eine Reihe weiterer Interpretationen setzt!

Anmerkungen:
1. Aufnahmetechnik: Ich kann es nicht genau verorten, aber mir scheinen Basslinien, Mittelstimmen und hohe Lagen nicht in einem ausgewogenem Verhältnis zu stehen. Es will sich nicht zu einem durchgehend transparenten Klangbild aussteuern lassen.

2. Interpretation: Rattle geht auf seine Weise an Bruckner ran, er ist eben nicht Karajan, Celibidache, Böhm oder Wand usf. sondern Rattle... Er eröffnet an einigen Stellen neue Perspektiven. Vor allem seine Behandlung des Bleches ueberrascht. Auch geht Rattle mit den Tempi freier um. Meiner Meinung nach "atmet" die Symphonie dadurch weniger, bzw. verliert etwas von ihrer "Organik". Die Symphonie bekommt dadurch mehr etwas Beethovensches und mehr Dynamik. Zugleich schafft es Rattle aber auch, die Modernität herauszuarbeiten. An manchen Stellen wird durch Rattle die Neuartigkeit und Radikalität der Harmonik verdeutlicht. Manche Stellen bekommen bei ihm auch starke "Räumlichkeit". Diese Interpretation eröffnet für mich auch in den ersten drei Sätzen neue Aspekte: Man sollte sich die Interpretation anhören!

3. Hoffentlich wagen sich auch weitere Interpreten an den vorgelegten 4.ten Satz ran, die vorgelegte Arbeit könnte sich beim Publikum durchsetzen. Ich glaube, dass in der vorliegenden Interpretation einige Mommente nicht gehoben sind, die den Satz stärker in den Kontext der vorangegangen Sätze stellen können und somit den Bogen besser spannen. Auch denke ich, dass man die Zusammenhänge des Satzes in sich besser herausarbeiten kann. Z. B. das "generische"-Moment - der Satz hat thematisch die Anlagen dazu.

4. Die hier häufig erwähnten "schwachen Finalsätze": Mir gefallen einige Sätze auch besser oder weniger gut als andere. Auch in der musikwissenschaftlichen Literatur wird oft von schwachen Finalsätzen geschrieben. Ich finde ein solches qualititatives Urteil als vermessen und unangemessen: Die Finalsätze unterliegen völlig anderen Konstruktionsprinzipien, Gesetzmäßigkeiten und haben auch eine andere Funktion als die anderen Sätze einer Symphonie. Einige Sätze Brucknerscher Symphonik müssen eben erarbeitet werden. GEnauso zu immer wieder zu lesenden Meinung, die 9.te wäre genauso wie die 8.te eine zusammenfassende Arbeit, in der prinzipiell nichts Neues geboten wird: Meiner Meinung nach stellt die 9.te Symphonie einen Wegweiser zu einem neuen Typus von Musik dar - einmal ganz abgesehen von der Radikalität der Harmonik. Man beachte allein das Geflecht aus "Perpetuum-Mobile-Motiven" aus denen sich musikalische Gedanken heraus entwickeln (Generik & Periodizität), sich verdichten und getragen werden. Klassische Prinzipien der Entwicklungsformen werden hier verlassen bzw. dienen nur noch als Gerüst. Diese Formen können daher auch nicht alleinig bei der Analyse des formalen Aufbaus herangezogen werden.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Als ich zum ersten Mal durch die Einführung Harnoncourts Bruckner: Sinfonie Nr. 9 das Material des vierten Satzes der 9. hörte, war es für mich ein wenig wie Weihnachten: Noch einen unbekannten Bruckner-Satz erleben zu können, hätte ich mir zuvor nicht ausmalen können. Harnoncourt präsentiert auf der zweiten CD aber nur das vorhandene Werkmaterial im Rahmen einer Werkeinführung. Ich war deshalb auf die vorliegende Rekonstruktion gespannt. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Im vierten Satz gibt es äußerst packende Stellen (am bewegendsten bei 20 Minuten und ca. 30 Sekunden), wenn sich die drei Themen des Satzes kontrapunktisch übereinander türmen. Man merkt aber beim aufmerksamen Hören, dass der Satz nicht vom Meister selbst vollendet wurde. Im Einzelnen:

Nach einem einleitenden Crescendo mit fallenden Quinten und steigenden Quarten, letztere in den Blechbläsern, erscheint das erste Thema, das von vornherein nicht das Gewicht der ersten Themen des ersten und dritten Satzes der 9. hat. Es handelt sich zunächst mehr oder minder um eine musikalische Floskel. Im punktierten (trochäischen Rhythmus) fällt die Melodie von der Tonika um eine Sexte, steigt dann um eine Quarte, um am Ende nach einer kleinen überleitenden Passage auf der Tonika eine Oktave tiefer zu enden (mein Höreindruck, ich habe als Laie natürlich keine Partitur des vierten Satzes). Das Thema entwickelt sich und wird dann in den Blechbläsern vorgestellt. Es wirkt auf den Leser leicht nervös und auch etwas zwanghaft. Allerdings führt Bruckner es überaus kunstvoll weiter, denn er unterlegt es bald mit den vier Tönen, die später den Choral, das dritte Thema der Exposition, bilden werden. Es folgt ein sehr warmherziges zweites Thema (Rattle bezeichnet das zweite Thema in seiner kurzen Anmerkung als unterkühlt, was ich nicht teilen kann). Das zweite Thema tritt nur nicht besonders prominent hervor. Denn wieder taucht das erste nervösere Thema auf und leitet nun zum Choralmotiv über, das eigentlich nur auf vier Tönen beruht. Diese Stelle ist aber schlicht überwältigend. In die kulminierenden, emotional bewegenden Blechbläserchöre sind schärfste Dissonanzen gemischt- Als Hörer merkt man jedoch, dass die Überleitung zwischen den drei Themen der Exposition und auch der Übergang zur Durchführung bei weitem nicht so kunstvoll gearbeitet sind, wie die Parallelstellen im 1. und 3. Satz der 9. Hier fehlt einfach die Fassung letzter Hand und die vier mit der Überarbeitung befassten Musikwissenschaftler haben natürlich keine Eingriffe in das Originalmaterial gewagt. Der erste Teil der Durchführung bearbeitet das Hauptthema und verstärkt zunächst die leicht nervös-manische Stimmung. Dann folgt eine Fuge, die auf dem ersten, aber auch dem zweiten Thema beruht. Sie erreicht nach meinem Eindruck aber nicht die Dimensionen des vierten Satzes der 5. Symphonie. Die Reprise wird überaus kunstvoll aus der Durchführung ohne zunächst klar erkennbaren Schnitt entwickelt. In der Coda kommt es zu dem bereits erwähnten Höhepunkt bei der Stelle 20 Min. 30 Sek. Über einem Orgelpunkt leiten die Bläser in aufsteigender Tonart zu einem triumphalen Finale.

Erkennbar hat Bruckner dem Finalsatz nicht dasselbe musikalische Gewicht geben wollen wie dem 3. Satz der 9. Vergleichbar der 7. Symphonie wäre die 9. daher keine Finalsymphonie geworden. Die vorliegende Bearbeitung liefert leider nur eine sehr vorsichtige Annäherung an das Intendierte. Bei Harnoncourt ist etwa zu hören, dass Bruckner wohl ursprünglich plante, Themen aus der 5. , 7., 8. und 9. in der Coda polyphon übereinander zu türmen, sozusagen als überirdischen Abschied von seinem Werk. Ein Gänsehautgefühl überläuft einen nur bei dieser Vorstellung. Dies hat man hier ausgelassen; wer wollte dies auch dazukomponieren? Zitate finden sich vor allem aus dem ersten Satz der 9. (prominent erscheint der Schlussteil des ersten Themas). So bleibt aber insgesamt doch ein unvollkommener Eindruck.

Leider ist auch Rattle m.E. kein echter Brucknerdirigent. Wer dies jetzt für Wichtigtuerei halten mag, vergleiche nur seine Interpretation des dritten Satzes mit der von Wandt (Einleitung genügt). Beide gehen gleich nüchtern an das Werk heran (und unterscheiden sich dabei deutlich von Giulini und Celibidache). Aber Wandt ist in der Phrasierung wesentlich raffinierter und subtiler. Rattles stärken liegen in den Tutti des hier erwähnten Choralmotivs, wenn er alle Register ziehen kann, nicht aber in der Auslotung der Subtilitäten. Deshalb könnte eine andere Einspielung dieses Satzes vielleicht noch einen etwas positiveren Eindruck hinterlassen. Ich glaube jedoch nicht, dass diese Fassung sich durchsetzen wird. Der vierte Satz bleibt einfach qualitativ zu deutlich hinter dem dritten zurück und trübt so den überwältigenden Eindruck der dreisätzigen Form.

Leider ist das Booklet ziemlich enttäuschend. Gemessen an der Werkeinführung von Harnoncourt sind die Ausführungen zum vierten Satz, an dem wohl jeder Käufer als erstes interessiert ist, ziemlich dürftig. Dass Bruckner die 9. nicht als dreisätziges Werk geplant hat, wird breit ausgeführt. Aber dies weiß ja jeder Liebhaber bereits.
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TOP 1000 REZENSENTam 28. Mai 2012
Wenn man Rattle mit den Berlinern live zuschaut, hat man rein visuell nicht den Eindruck, die 9. von Bruckner gerade sehr neutral zu erleben: Rattle peitscht das Orchester an, genießt die Musik spürbar selbst und die Musik wächst oft über sich selbst hinaus. Leider überträgt sich dies nicht zu 100 Prozent auf diesen Tonträger. So oft ich mir den wild umherfahrenden Rattle vorzustellen versuche, bleibt doch diese Aufnahme zu neutral, zu wenig eigen und zu generisch. Klanglich ist das alles sehr schön: Weiche Streicher, kristallklare Bläser, alles sehr warm, natürlich und organisch. Doch dort, wo mich Celibidache und Wand interpretatorisch abholen, lässt mich Rattle das ein oder andere Mal stehen. Nun, um ehrlich zu sein, wirklich nur das ein oder andere Mal, aber es sind für mich oft die I-Tüpfelchen, die einen exzellenten Brucknerianer von einem guten Bruckner-Gast unterscheiden und diese himmlischen Momente erzeugen, nach denen man süchtig wird.
Von mir dann aber doch 4 Sterne, weil mir persönlich der 4. Satz sehr gut gefällt. Auch wenn der Satz, rekonstruiert, hinter den ersten dreien zurück fällt, sehe ich doch das ein oder andere Mal Bruckner um die Ecke luken und zufrieden nicken.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. August 2012
Ich finde die Aufnahme - kurz gesagt - sehr schön. Die Berliner Philharmoniker und ihr Dirigent sind mit einer Spielfreude und Leidenschaft bei der Sache, die begeistert und mitreißt. Auch der Klang ist ausgezeichnet. Aber zum Wichtigsten, zum "rekonstruierten" Finale (es ist natürlich keine Rekonstruktion, sondern eine auf den vom Komponisten hinterlassenen, recht umfangreichen Fragmenten basierende Konzertfassung): Nach vielfachem Hören habe ich mich an diese Konzertfassung gewöhnt und vermag durchaus "Bruckner" daraus zu hören. Trotzdem plädiere ich für die dreisätzige Fassung. Ich verstehe den Schlussteil des Adagio als "Wiegenlied in den Tod", und mit den letzten Akkorden geht für mich buchstäblich der Himmel auf. Was soll darauf noch Sinnvolles kommen? Irgendwie wirkt das Finale fehl am Platz, und es war vielleicht kein Zufall, dass Bruckner noch während der Arbeit an diesem seinem letzten Sinfoniesatz die Schreibfeder aus der Hand genommen wurde.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. November 2014
Das ist nicht die erschreckende, aufwühlende, mitreissende Neunte von Bruckner, wie ich sie z.B. von Jochum oder Abbado kenne und schätze. Rattles Interpretation erscheint mir kraftlos, glattgebügelt, stellenweise fast lieblich.

Gekauft habe ich sie ohnehin nur wegen des rekonstruierten vierten Satzes. Er fügt sich meiner Meinung nach passend ins (hier leider weichgezeichnete) Gesamtbild. Ich hoffe auf neue Aufnahmen, die mir dann auch wieder kalte Schauer über den Rücken jagen und ein differenzierteres Urteil über den vierten Satz zulassen.
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TOP 500 REZENSENTam 29. März 2013
Diese Aufnahme der 9, Symphonie hat mir als bekennenden Celibidache-Fan ganz andere Qualitäten des Werkes offenbart: Rattle wählt deutlich schnellere Tempi, was v.a. in den ersten beiden Sätzen eine fast atemlose Spannung erzeugt. Es entsteht deutlich mehr Dynamik und Dramatik, das Nach-vorwärts-drängen wird hier zum Programm. Dabei bleibt er sehr transparent, sekundiert von den Berliner Philharmonikern, die sehr delikatund präzise spielen. Im dritten Satz mag das jetzt nicht ganz aufgehen, hier fehlt mir etwas die Tiefgründigkeit z.B. eines Celi, eines Giulini, oder eines G. Wand. Nichtsdestotrotz hat auch diese Interpretation des Adagio seine Meriten: es ist jetzt nicht der große Abschiedsgesang eines sterbenden Meisters, sondern "nur" ein überirdisch schönes Adagio. Und sind wir mal ehrlich: wie es gedacht war, wissen wir nicht.
In der Summe kann man also erst einmal festhalten, dass die ersten drei Sätze sehr gelungen sind, Rattle entwickelt sich hier zu einem durchaus achtbaren Bruckner-Dirigenten, der den Atem für diese Musik hat, der es versteht, das Ganze im Auge zu behalten und die so unterschiedlichen Blöcke zusammenzuhalten. Soweit, so gut.
Nun gibt es hier den vervollständigten 4. Satz, bekanntermaßen ist Bruckner ja über dessen Niederschrift verstorben. Es wurde hier in den Rezensionen schon viel sehr Kluges über solcherlei Versuche geschrieben, so dass ich mich hier darauf beschränken will, den Höreindruck zu beschreiben:
Organisch passt dieser Satz nicht so recht zu den ersten drei Sätzen, v.a. nach dem Adagio wirkt der hier präsentierte 4. Satz fast schon belanglos und auch von der Klangsprache nicht wirklich überzeugend. Ob das nun daran liegt, dass die Komponisten der Vervollständigung zu stark eingegriffen haben in das Werk, oder ob Bruckner selbst keine Antworten (mehr) fand, wie er diese Symphonie abschließen sollte, vermag ich dabei nicht zu sagen. Fest steht, dass ich diese Art der "Vollendung" sehr entbehrlich finde. Bruckner selbst hatte ja verfügt, dass anstelle eines 4. Satzes das Te Deum gespielt werden sollte. Was erstaunlicherweise fast nie gemacht wird. Das wäre allemal eine spannendere Alternative als das hier zum Hören gebrachte.
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11 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. Mai 2012
Mehr als 115 Jahre nach dem Tod des Komponisten haben die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle die 9.Sinfonie in der vom Komponisten vorgesehenen Gestalt gespielt. Diese Sinfonie ist kein Werk in drei Sätzen. Anton Bruckner hat einen groß angelegten 4.Satz komponiert. Schlampige Nachlassverwaltung hat dazu geführt, dass etliche Partiturbögen verloren gingen. Seit 1983 hat eine Gruppe aus Musikwissenschaftlern versucht, den Satz zu rekonstruieren. Die Autorengemeinschaft Samale-Philliph-Cohrs-Mazucca hat ganze Arbeit geleistet. Lediglich 96 Takte mussten rekonstruiert werden. Davon ergaben sich 59 Takte aus Wiederholungen und Variationen der Themata. Allein 440 Takte liegen in Partitur vor und 117 als Particelli. Es ist auch anzunehmen, dass diese Rekonstruktion sich gegenüber anderen Versuchen durchsetzen wird. Anton Bruckner hat nie mit dem Adagio abschließen wollen, sogar als Ersatzlösung das Te deum als Schluss vorgeschlagen.
Nun liegt der 4.Satz als Ganzes vor. Gewissenhaft rekonstruiert.
Vier Sterne gibt es deshalb nur, weil der Klang der Aufnahme und die Interpretation mitunter etwas neutral geraten sind. Bleibt zu hoffen, dass Riccardo Chailly das Werk mit seinem Gewandhausorchester machen wird.
Ansonsten bleibt vor allem zu hoffen, dass nach dieser eindrucksvollen Rekonstruktion noch viele Missverständnisse im Werk von Anton Bruckner durch Herrn Dr.Cohrs aufgedeckt und behoben werden können. Denn er und seine Kollegen sind die Stars der Aufnahme.
Die 9.Sinfonie endet nicht mit dem Adagio. Dies sollten Musiker wie Hörer begreifen. Nur so lässt sich auch die Bedeutung des Komponisten Bruckner für die zweite Wiener Schule bishin zu Schostakowitsch begreifen.
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12 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 8. Juni 2012
Vom Booklet und der Plattenfirma, sowie von einigen Rezensenten wird behauptet, diese Symphonie sei nun endlich so, wie Bruckner sie gewollt habe.
Ich bin mir ja nicht so sicher, dass Bruckner die Symphonie "so wollte". Er ist nämlich keinesfalls, wie es immer dargestellt wird (wie übrigens auch fälschlicherweise bei Bachs "Kunst der Fuge"...), über der Fertigstellung der Symphonie gestorben und hatte keine Zeit mehr, sie zu vollenden. Vielmehr hat Bruckner nach der Fertigstellung der ersten drei Sätze und der Niederschrift der Skizzen diese beiseite gelegt und sich erstmal u.a. der Revision seiner 8. Symphonie gewidmet. Keine kleine Aufgabe, die man soeben nebenbei erledigt.
Ich kann mir also gut vorstellen, dass Bruckner insgeheim wusste, dass nach diesem wahnsinnig intensiven dritten Satz kein weiterer folgen konnte. Zumindest keiner, der das Niveau halten kann (ähnlich wahrscheinlich wie bei Schuberts angeblich "Unvollendeter" zu der es auch Skizzen für ein Scherzo gibt). Diese Schlussfolgerung würde es sogar verbieten, die Skizzen zu nutzen, weil Bruckner sie für nicht gut genug hielt. Und mal realistisch betrachtet: Wenn man nur noch 96 Takte von über 600 aufschreiben und nur 37 davon neu komponieren muss (wessen sich die Rekonstrukteure hier rühmen), warum macht man das nicht noch schnell? Da muss wohl noch etwas anderes im Busch gewesen sein.
Da wir alle Bruckner nicht persönlich kennen und ihn fragen können, sind das alles aber nur Vermutungen. Fest steht jedoch, dass es Bruckner anscheinend wichtiger war, andere Aufgaben zu erledigen anstatt diese Symphonie fertig zu schreiben. Er schien sich also mit der Vorstellung, diese Symphonie in ihrer dreisätzigen Gestalt zu hinterlassen, immerhin anfreunden zu können. Das sollten wir auch tun.

Die CD selbst ist, abgesehen vom ärgerlich tendentiösen Booklet, aufnahmetechnisch ganz gut gelunngen, obwohl man das Gefühl hat, das bei lauten Stellen zuviel an den Reglern gedreht wurde (wie z.B. auch bei Rattles Mahler-Aufnahmen). Schade! Was mich am meisten stört, ist aber die Tatsache, dass hier der Perfektionismus vorherrscht und nicht der Ausdruck. Das hätte Bruckner sicherlich auf keinen Fall gewollt!
Somit hat die Aufnahme für mich nur musikologischen Wert. Dafür und für das perfekte Spiel der Berliner die 3 Sterne. Wenn ich aber die Musik hören will, greife ich weiterhin zu Wand, dessen Aufnahmen mit den Berlinern komischerweise nicht weniger perfekt aber wesentlich expressiver sind!
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
In dieser Besprechung möchte ich mehr über die Bedeutung dieser CD als über die Interpretation sprechen. Und über das Finale der Neunten Bruckner.

Mein subjektiver Eindruck zu dieser Aufführung hier: ein sehr sinnliche Neunte … oft ein Schwelgen in den möglichen schönen oder schaurigen Orchesterklängen ... und DAS können die Berliner auch gut.
Ich persönlich sehe in der Neunten mehr das "Metaphysische", Inbrünstige, manchmal aber auch Emotionslose, Kalte, Abgründige, Verstummende und gerade dadurch eine menschlich-unfassbare Welt Öffnende - so wie es Guilini mit Chicago oder ganz anders Klemperer mit dem Philharmonia Orchestra getroffen haben, oder auf wirklich "katholische" und herzergreifende Weise Josef Keilberth.

Bezüglich der Rezeptionsgeschichte (und des hoffentlich vitalen weiteren Wegs!) der "neuen" viersätzigen Neunten kann die Bedeutung dieser Aufnahme aber wohl kaum hoch genug angesetzt werden: Die Fürsprecherschaft eines so renommierten Dirigenten und Orchesters, das Spiel der Berliner Philharmoniker (die an Klang, Fülle und teilweise auch Verständlichkeit die anderen mir bekannten Aufführungen mit Samale/Phillips/Cohrs/Mazzuca-Finale hinter sich lassen) an sich und auch der Verbreitungsgrad der CD sind ein unschätzbarer Dienst an Bruckner und an der vorliegenden Aufführungsversion des Finales. Zudem bietet die hier eingespielte Fassung des Finales nochmal Verbesserungen gegenüber den zuvor aufgenommenen Vorgängerversionen.

Was dieses zur Aufführung fertiggestellte Finale angeht, so hat meines Erachtens - was die Interpretation des Dirigenten selbst (nicht die Fassung) anbetrifft - Kurt Eichhorn einen Maßstab gesetzt: in Proportionen, Tempi, Geistigkeit …

Und damit zum Wesentlichen dieser Besprechung, nämlich dem „heiß umstrittenen“ Finale:

GRUNDSÄTZLICHES ZUM FINALE DER NEUNTEN BRUCKNER

Die Aktivitäten verschiedener Musikwissenschaftler, Komponisten und Dirigenten - also auch Einspielungen wie diese hier - schaffen ein neues Bewusstsein in Sachen Bruckner 9te (bzw. die Bedeutung dessen Finales). Das tut so Not, denn seit hundert und mehr Jahren werden ein paar unvollendete Werke der Musikgeschichte einfach als "fertig" bezeichnet und auch so behandelt - und manchmal werden dabei zudem die ausgesprochenen Absichten der Komponisten grob missachtet.

Ein paar Fakten:

Im Falle der letzten Bruckner-Sinfonie gibt es kein vom Komponisten völlig fertiggestelltes Finale, aber von den 649 angelegten Takten gibt es bis auf drei Abbruchstellen einen fast durchgehend komponierten Faden (etwas mehr als 30 Takte sind tatsächlich „leer“): mal als fast völlig ausgearbeitete Partitur, mal als mehr oder wenig dünne Skizze. Es ist nicht ganz geklärt, wie weit Bruckner mit seinem Finale genau gediehen ist – besonders gegen Ende: ein gut ausgearbeitetes Particell oder doch nur Skizzen? Eine quasi vollständige Partitur bis in die Coda hinein? Ist dieses Finale also eine mehr oder weniger fertiggestellte Partitur gewesen? Zumindest bis zur Coda?

Was leider feststeht ist, dass viele Notenblätter von Bruckners Arbeit am Finale von Souvenirjägern quasi an dessen Totenbett geraubt wurden. Manches davon ist über die letzten Jahrzehnte wieder aufgetaucht. Es kann also durchaus sein, dass noch mehr Material dazu auftaucht und irgendwann der Punkt erreicht ist, dass die Komposition (mit Vorbehalten) wie die Mahler 10te als auch in der Coda schlüssige bzw. noch authentischere Aufführungsversion (im Sinne von Deryck Cooke) fertiggestellt werden kann. Eine „vollendete“ Neunte aus den Händen Bruckners werden wir wohl nie hören können, bestenfalls eine mehr oder wenige ausgearbeitete Arbeitspartitur. Aber im Falle Mahler 10te wird klar, wie zwingend überzeugend das sein kann!

Der momentane Stand erlaubt schon schlüssige Aufführungs-Varianten bis in die Reprise des Satzes hinein. Besonders die Gemeinschaftsarbeit von Samale/Phillips/Cohrs/Mazzuca zeigt, dass in diesem Unterfangen die „kritische Masse“, mit welcher dieser Satz ein Eigenleben bekommt, erreicht und überschritten ist. Noch fehlt – und das ist jetzt meine ganz subjektive Seelenempfindung – dem Satz ein Quantum Überzeugungskraft und innerer Stringenz, aber das kann tatsächlich noch kommen. Der Ansatz der Ausarbeitung der Coda (eine Mammutleistung der Bearbeiter!) lässt da schon etwas erahnen.
Leider ist eben diese Coda, die Krone der Werks, in den vorhandenen Notenblättern am dürftigsten ausgeführt - bzw. dort sind am meisten der mehr ausgearbeiteten Schichten (als Optimist setzt ich dazu : noch) verloren. Zudem gibt es hier neben einem 5taktigen Loch (gegen Anfang der Durchführung T259-T263) zwei wirklich seriöse leere Stelle ohne jegliche Noten: Nach der von Cohrs erstellten Partitur 8 Takte (T549-T556) und 20 Takte (T585-T605) ohne Noten. Es gibt übrigens noch ein in Worte gefasstes "Gedächtnisprotokoll" zu der Coda von Bruckners Arzt, dem der Meister diese am Klavier vorspielte.

STAND DER DINGE

Hier sei bemerkt bzw. nochmal ins Bewusstsein gerufen : Auch die ersten drei Sätze der Neunten sind nicht "vollendet", da Bruckner nach Fertigstellung des Werks das Gesamte nochmals durchgesehen, revidiert und vielleicht Wesentliches geändert hätte!

a) Bruckners "Neunte" ist ohne Finale ein unvollendeter Torso! Wer behauptet, die Neunte sei in ihrer Dreisätzigkeit vollkommen, redet sich die Sache schön ...

b) Eine ganz und gar überzeugende vollständige Aufführungsversion ist meiner Empfindung nach immer noch auf dem Weg. Das Hauptproblem bieten meines Erachtens die letzten gut 5 Minuten Spielzeit (die letzten 100 Takte ab T549), wo das Notenmaterial nicht mehr wie vorher - in einem Bild gesprochen - starke „Pfeiler“ bietet, zwischen denen man eine energetisch gute Brücke über die dünnen Stellen bzw. die zwei Leerstellen spannen kann.

Vielleicht muss der Hörer - das sei als Selbstkritik gesagt – sich auch an das "neugeborene" Finale gewöhnen? Vielleicht ist das Misstrauen groß, steht dem Gelingen eine diffuse innere Erwartung entgegen...?
Diese Fassung muss zudem immer und immer wieder gespielt werden, damit sich auch Dirigenten und Orchester daran gewöhnen und das Werk immer mehr begreifen. Die Selbstverständlichkeit, mit der heute die Mahler 10te in der letzten Cooke-Fassung oder einfach nur extrem komplexe Musik des 20ten Jahrhunderts gespielt wird, ist ein ermutigendes Vorbild.

AUFFÜHRUNGSMÖGLICHKEITEN

Wie nun in der Praxis mit dem Status Quo umgehen? Es gibt mehrere Möglichkeiten:

1. Die Neunte dreisätzig aufführen mit eindeutigen Informationen zur Rezeption und Konzeption des Werks im Programmheft bzw. CD-Textheft. So wird zumindest die Dimension der Werks angesprochen und die Illusion /Tradition einer „dreisätzig vollendeten Neunten“ findet hoffentlich ein Ende. Zumindest in den Köpfen und Herzen – egal, ob nun weiterhin zumeist dreisätzig aufgeführt wird oder nicht.

2. Eine Aufführung als Werkstattkonzert, so wie Harnoncourt es getan hat und es auf CD festgehalten ist. Dabei wird nur das vorhandene authentische Material Bruckners verwendet. Der Zuhörer bekommt genauen Einblick in den Stand der Forschung und kann sich von den Fragmenten faszinieren und seine Phantasie anregen lassen. Nach erster Durchsicht der Partitur (die ich in der 2010-Fassung heute das erste Mal lesen konnte) finde ich es schade, dass Harnoncourt die Coda-Skizzen nicht in das Werkstattkonzert mit einbezogen hat. Ich verstehe aber seine Entscheidung …

3. Eine „normale“ Aufführung mit der Exposition des Finales. Die Exposition benötigt relativ wenige Retuschen / Eingriffe, da sie ziemlich vollständig vorliegt. So bekommt der Hörer einen Eindruck von der Idee des Finales mit den Hauptthemen in einer quasi „abgebrochenen“ Aufführung.

4. Eine Aufführung mit einem mit Hilfe fremder Hand bis zum Reprise erweiterten Finale. Das erfordert schon größere Eingriffe und es existieren bereits Fassungen. Auch wenn hier die Tür zur Spekulation geöffnet wird, so bekommt der Hörer doch einen großen Eindruck des Finales, je nach dem zwei Drittel bis drei Viertel des Satzes.

5. Eine Aufführung mit einer der Aufführungs-Versionen des „vervollständigten“ Finales durch Musikwissenschaftler / Komponisten. Das letzte Viertel erfordert allerdings einiges Zutun im Sinne von Nachschöpfung - im besten Falle nach den mündlichen Angaben über die Themenverarbeitung der Coda.
Dabei eine Anmerkung fürs Bewusstsein von Hörern, die nur „richtig oder falsch“ kennen:
So verlockend es ist, im Konzert oder auf CD vier abgeschlossene Sätze zu hören: Es ist genauso eine Illusion, darin an eine „vollendete Bruckner Neunte“ zu glauben, wie die dreisätzige Version als „vollendet“ anzusehen.
Aber warum diesen „Konflikt“ nicht einfach akzeptieren? Es kann doch etwas unfertig und dennoch höchst wertvoll sein! Unser ganzes Leben bleibt letztlich Stückwerk ...

Ich persönlich kann der ersten Variante nicht allzu viel abgewinnen, auch wenn Sie zumindest "ehrlich" ist.. Sie bietet aber keine Vision fürs Ohr und somit für die Seele, was ja Sinn der Werks ist. Die letzte Variante ist hingegen noch etwas wie ein Wunschtraum ... aber DAS kann sich in der Praxis entwickeln – und neuentdeckte Partitur- oder Particell-Blätter könnten nochmals viel bewegen!
Eine sechste Variante wäre Bruckner Aufführungsidee, „falls das Werk unvollendet bliebe“: die Aufführung der Exposition mit abschließendem Te Deum (aber die Tonarten…) oder nur dem Te Deum als Abschluss der Sinfonie. Allerdings war Bruckner ein Pragmatiker und es stellt sich die Frage, ob er mit diesem „Notbeschluss“ (von dem man nicht weiß, ob er überhaupt greift) nur eher die Aufführung der Sinfonie ermöglichen wollte als dem Werk zu einem stimmigen Abschluss verhelfen. Außer der offensichtlichen Widmung an den lieben Gott ist m.E. den beiden so unterschiedlichen Werken wenig gemein.
Auch - und eine ganz andere siebte Variante wäre:

PLÄDOYER FÜR MEHR FREI ASSOZIATIONEN

Deryck Cooke und Berthold Goldschmidt haben bei dem Erstellen der Aufführungsversion von Gustav Mahlers ebenfalls unvollendeter Zehnter einerseits extrem seriös musikwissenschaftlich gearbeitet, andererseits dennoch in den ja aus der Not geborenen „kreativen Freiräumen“ einen Klang des 20ten Jahrhunderts einfließen lassen, den Mahler so vielleicht nicht in sich gehört hat. Aber gerade das macht mit den Reiz dieser Aufführungsversion aus. Es ist dem Musikwissenschaftler Cooke und dem Komponisten Goldschmidt eine magische Balance gelungen, dass die Teile zusammen passen und die Brüchigkeit darin man (also ich zumindest) als zum Wesen Mahlers gehörend empfindet.

Bei Bruckner ist solch eine Grenzerweiterung oder sogar Überschreitung wohl naturgemäß schwerer zu realisieren, da wir seine Musik als Einheitlicher „im Rahmen“ empfinden. Allerdings birgt die Neunte in ihren schon von Bruckner selbst komponierten visionären Ausblicken der ersten drei Sätze doch auch den Keim für Radikaleres, das Nachschöpfer nutzen und mehr wagen könnten.

Peter Jan Marthé scheint mir in seinem Versuch einer Nachschöpfung unter Verwendung von Bruckners Noten eher misslungen - nicht wegen seines freien Ansatzes, sondern mehr wegen der wenig kühnen Harmlosigkeit des Endergebnisses. Da finde ich den „Bruckner-Dialog“ von Gottfried von Einem schon spannender in dem Ansatz, der Welt eines (damals) heutigen Komponisten schroff das Original (am auffälligsten das 3.Thema) aus dem Finale gegenüberzustellen. Dieses bricht in das geschäftige Treiben von Einems plötzlich mit einer Urkraft hinein, wie wenn man in einem Zimmer in ein Tagesgeschäft vertieft war und man plötzlich auf einen Schlag auf einem Berggipfel bei sternklarer Nacht den Himmel schaut. Das hat etwas grauenhaft Erschütterndes …
Eigentlich könnte das Anhänger des "Bruckner-Dialog" an die Neunte auch eine völlig unorthodoxe Variante einer Final-Aufführung sein – zumindest eben mit Finale und mit weitem Blick in die Ferne am Ende des Stücks…

Wie auch immer: Ein freier assoziativer Zugang und Versuche von Komponisten in dieser Richtung können den Blick auf dieses Finale auch entkrampfen helfen oder sogar vielleicht für wissenschaftliche quasi rekonstruierende Arbeiter ein Impuls sein.

UNVERZICHTBAR ZUM TIEFEREN VERSTÄNDNIS !

Wer zu dem Thema "Finale der Neunten" nicht an der Oberfläche verharren möchte, der sollte unbedingt die Dissertation "Das Finale der IX. Sinfonie von Anton Bruckner: Geschichte. Dokumente. Werk. Präsentation des Fragments" (ISBN 978-3900270940) von Benjamin-Gunnar Cohrs lesen! Es behandelt jegliche Fragen zum Finale. Es ist ein wissenschaftliches Werk aber durch die historischen Einbezüge dennoch zumindest teilweise gut und spannend zu lesen. Als Laie kann man ja erst mal „diagonallesen“ und intuitiv an dem hängenbleiben, was man sofort verstehen kann. Will sagen: Das Buch lohnt durchaus auch für den wirklich interessierten Laien!

Das aller Spannendste ist für mich, dass zudem die aus den verschiedenen Schichten möglichst vollständig erstellte Partitur auf 78 Seiten (649 Takte) abgedruckt ist! Der Hörer kann beim Hören von Finale-Rekonstruktionen nun also quasi die original vorhandenen Quellen mitlesen und über das Ohr gut erkennen und unterscheiden, wo "reiner" Bruckner zu hören ist und was davon Bearbeitungsanteile sind.

Der Vorteil gegenüber der früheren Ausgabe des Musikwissenschaftlichen Verlags von 1994 ist für den mitlesenden Musikliebhaber die "Vereinfachung", dass die Partitur tatsächlich fortlaufend ist, da alle Schichten quasi aus der Dreidimensionalität des Entstehungsprozesses auf zwei Dimensionen gebracht wurden, also als eine hypothetische Arbeitspartitur auf einer Ebene (wie normal bei einem fertigen Werk) verarbeitet sind. Natürlich wird bei den (noch) verlustigen Notenblättern der weiterentwickelten Schichten gegenüber den verfügbaren früheren Stadien einiges abgeändert sein, aber so sind durch das Übereinanderlegen der Schichten die meistmöglichen originalen Noten Bruckners mit eingeflochten.

Für den Musikwissenschaftler mag durch diese Vorgehensweise das Erfühlen der Qualität der einzelnen Stadien etwas verloren gehen, aber die Partitur ohne Abbruch verfolgen zu können, ist - zumindest für den Laien - ein unschätzbarer Gewinn! Für die andere "dreidimensionale Variante" gibt es ja eben die Ausgabe von 1994.

FAZIT:
Zurück zur hier besprochenen Aufnahme:
Es ist nicht Bruckner Neunte zu hören, wie sie der Meister vollendet hätte, aber eine starke Anregung der Auseinandersetzung.
Rattle hat vielleicht nicht den Idealen Zugang zu dieser Musik, aber er hat den Mut die Realisation aufzuführen, steht völlig dazu und relativiert nichts daran.

Hoffentlich ist bezüglich der Komposition des Finales in den Übergängen und der Coda hoffentlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ein paar neu aufgefundene Skizzenblätter könnten da viel bewegen! Wie lange hat es oft bei Bruckner gedauert, bis Werke ihre "endgiltige" Gestalt gefunden haben - und heute sind wir froh über alle diese Stadien und sehen sie allesamt gleichwertig als unschätzbare Meisterwerke, teilweise mit völlig anderem Konzept - besonders bei der Dritten und Vierten:
Nun dauert es beim Finale der Neunten halt noch länger, bis es in der Welt "ankommt". Ob die hier gespielte Fassung von Samale/Phillips/Cohrs/Mazzuca das letzte Wort ist, was zu dem Thema gesprochen ist oder sein wird, weiß niemand. Aber sind wir den Vieren dankbar, dass sie uns die Möglichkeit eröffnet haben, so viel Bruckner (und seiner Absichten) in diesem Satz hören zu können!

NOCH ZWEI PROVOKANTE GEDANKEN . . .

Vielleicht sind ja die Zehnte Mahler (dort m.E. genial durch Cooke gelungen!) und Neunte Bruckner nur und NUR dann "richtig" zu Ende geschrieben, wenn Komponisten / Musikwissenschaftler unserer Zeit Hand daran legen?
Ist für die Wahre / Berührende eines Werks nun die AUTORENSCHAFT DES KOMPONISTEN oder das EIGENLEBEN eines visionären Stücks, um das der Komponist gerungen hat, wichtig?

Mögen Rattle (und auf seine eigene Weise Harnoncourt) und andere für die "neue" Neunte offene Dirigenten zukünftig dieses Werk NUR noch mit dem Gedanken ans Finale aufführen!!! Kinder brauche in den ersten Lebensstadien Vertrauen, Aufmerksamkeit und ungeteilte unrelativierte Zuwendung!

UND DIESE CD HIER ???

Kurz gesagt – es führt kein Weg an ihr vorbei. Schon aus dem Grund, weil sie unter den Aspekten meiner Ausführungen hier (noch) konkurrenzlos ist!

- - - - -

Über ein Feedback (Bewertung JA oder NEIN, Kommentar - wie und welcher Art entscheiden natürlich SIE!) zu meinen Bemühungen des Rezensierens würde ich mich freuen! Lesen Sie gern auch andere meiner weit über 200 Klassik-Besprechungen mit Schwerpunkt "romantische Orchestermusik" (viel Bruckner und Mahler), "wenig bekannte nationale Komponisten" (z.B. aus Skandinavien), "historische Aufnahmen" und immer wieder Interpretationsvergleiche und für den Kenner bzw. Interessierten meist Anmerkungen zum Remastering!
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