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185 von 207 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Euro ist kein Kind der Ökonomie, sondern der Politik
Die Schaffung einer europäischen Einheitswährung erfolgte nicht durch eine ökonomische Notwendigkeit, die Ökonomie stand dabei nicht einmal im Vordergrund. Der Euro wurde erdacht und eingeführt aus rein politischen Gründen, um die Einheit Europas voranzutreiben.

Thilo Sarrazin beschreibt in seinem Buch das Wesen und die Aufgabe...
Veröffentlicht am 1. Juni 2012 von P. Schmitz

versus
61 von 94 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sachlichkeit beim Umgang und der Bewertung mit Buch und Autor ist geboten!
Wer provoziert, polarisiert. Dieser Effekt ist nicht verwunderlich, die Erkenntnis auch nicht neu und Thilo Sarrazin ist sich dessen ganz sicher auch bewusst. Dennoch ist es nicht ihm vorzuwerfen, dass sich die öffentliche Kommentierung seiner Schriften scheinbar in nur zwei extremen Positionen verfestigt.
Scheinbar! - denn der Autor dieser Zeilen ist sich...
Veröffentlicht am 28. Mai 2012 von Christian Günther


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185 von 207 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Euro ist kein Kind der Ökonomie, sondern der Politik, 1. Juni 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Schaffung einer europäischen Einheitswährung erfolgte nicht durch eine ökonomische Notwendigkeit, die Ökonomie stand dabei nicht einmal im Vordergrund. Der Euro wurde erdacht und eingeführt aus rein politischen Gründen, um die Einheit Europas voranzutreiben.

Thilo Sarrazin beschreibt in seinem Buch das Wesen und die Aufgabe einer Währung, die im Außenverhältnis, also in ihrem Tauschwert auf dem Devisenmarkt, die individuelle Leistungsfähigkeit und Beschaffenheit der dahinterstehenden Volkswirtschaft unmittelbar repräsentiert. Wenn es erforderlich ist, Preisunterschiede auf internationalen Märkten durch Abwertung der eigenen Währung auszugleichen, kann dieses Instrument der Notenbanken die Konkurrenzfähigkeit im Export, sowie die Erschwinglichkeit der Waren auf dem heimischen Markt sicherstellen.

Das ist der Grund für die unterschiedlichen 'Härten' und Höhen der einzelnen Währungen auf dem internationalen Devisenmarkt. Sarrazin beschreibt, wie der Euro als künstliche Gemeinschaftswährung diese lebensnotwendigen Funktionen jenen Ländern nahm, deren Volkswirtschaften nicht der Wechselkurshöhe und der Stabilität des Euro entsprachen.

Sarrazin widerlegt die Mär, Deutschland profitiere von der Einführung des Euro. Er stellt anhand eindeutiger Zahlen klar, daß vielmehr Deutschlands Volkswirtschaft dem Euro gewachsen war, durch diesen also keine unmittelbaren Nachteile für Deutschlands Wirtschaft entstanden. Andere Staaten, wie Griechenland, Italien oder Spanien waren dem Euro dagegen nicht gewachsen, ihnen wurde das politische Konstrukt zum Verhängnis. Ihre Waren wurden international konkurrenzunfähig, die Preise im Inland stiegen im Übermaß. Das sorgte z.B. für eine Abwanderung der Industrie aus Spanien, die Ursache der großen wirtschaftlichen Not dieses Landes.

Es ist also tatsächlich so, daß nur wenige europäische Länder stark genug waren, eine politisch gewollte Einheitswährung zu ertragen, und Deutschland ist eines davon. Die meisten Länder Europas waren dafür allerdings zu schwach, und die katastrophalen Folgen zeichnen sich nun ab.

Natürlich ist der politische Wille noch immer da, er ist ungebrochen und beherrscht das Feld. Und so ist es kein Wunder, daß man das gescheiterte Experiment um jeden Preis aufrechterhalten will, und daß uns von regierungsamtlicher Seite Durchhalteparolen und Beschönigungen verabreicht werden.

Und die einzige Möglichkeit, das Chaos noch ein wenig vor dem Zusammenbruch zu bewahren, ist die Transferunion, d.h. die gleichmäßige Verteilung des im Euro-Raum erwirtschafteten Vermögens auf alle Mitgliedsstaaten. Das bedeutet für Deutschland, einen großen Teil seiner erwirtschafteten Werte ins Ausland zu überweisen, ungeachtet der immer schneller wachsenden deutschen Staatsverschuldung.

Diese Kosten übersteigen in absehbarer Zeit jene der Wiedervereinigung, des Versailler Vertrages, des ganzen Zweiten Weltkrieges - und dies nur als Preis für eine politische Union, die als vermeintliches Zusammenrücken der Völker fehlinterpretiert wird. Wie Sarrazin sehr richtig schreibt, passiert bereits das Gegenteil dieser Annäherung. Vielmehr hört bei Geld bekanntlich die Freundschaft auf. Und wenn die Einen die Schulden der Anderen übernehmen müssen, jene aber wiederum von den Zahlern bevormundet werden, kommt es zu Aggressionen und Feindschaften, die aus dem europäischen Traum vielleicht sehr bald ein europäisches Trauma machen, das zu schwer korrigierbaren wirtschaftlichen Schäden - und irreparablen Rissen zwischen den europäischen Völkern führen wird.

Sarrazin vertritt den Standpunkt, daß eine europäische Währung durchaus nicht grundsätzlich abzulehnen ist, diese muß aber in erster Linie nach ökonomischen Gesetzen funktionieren, sie darf nicht politisch erzwungen werden, wenn sie finanzwirtschaftlich nicht machbar ist.

Der Euro in seiner derzeitigen Form kann als Verbrechen bezeichnet werden, er vernichtet Wohlstand und Besitz in gewaltigen Dimensionen. Erst in den südlichen Ländern durch Abbau von Wirtschaft, dann im Norden durch finanzielle Haftung für diese Schäden.

Der politische Wille einiger Weniger ruiniert so unsere europäische Zukunft. Je eher damit Schluß ist, desto besser!
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328 von 382 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fazit: Europa braucht den Euro nicht, sondern dieser destabilisiert Europa wirtschaftlich und gefährdet den sozialen Frieden, 22. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Auch das neue Buch des ehemaligen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin ist mit über 400 Seiten und vielen Fußnoten keine leichte Urlaubslektüre, sondern macht den Eindruck eines qualifizierten Sachbuches. Sarrazin belegt mit Sachverstand und Pragmatismus die finanztechnischen Geburtsfehler des Euro aber auch deren innen- und aussenpolitschen Hintergründe. Als ausgewiesener Finanzfachmann weiß er, worüber er spricht. Seine Thesen sind immer schlüssig und akribisch belegt. Sarrazin ist allerdings nicht der einzige und auch nicht der erste, der darauf hinweist und ein gut informierter Bürger kann an seinen Thesen wenig Provozierendes finden. Das wurde ihm natürlich auch schon vorgeworfen. Das Buch möchte ich daher unter vier Gesichtspunkten beurteilen:
a) belegt es seine Euro Thesen (oder widerlegt es Euro-Lügen) mit qualifizierten Fakten und Daten
b) bringt es neue innovative Argumente oder wenigstens neues über die Hintergründe der Fehlentscheidungen
c) zeigt es Lösungswege auf Makro oder Mikroebene
d) beantwortet es die Frage "Cui Bono" - wer sind die Nutznießer des EU Debakels?

Das Buch punktet in allen Kategorien mit AAA in Kategorie a) und b). Einige wenige seiner Bemerkungen sind polemisch.

1. FEHLENTSCHEIDUNGEN UND KONSTRUKTIONS FEHLER DER EURO-POLITIK.
Zitat: Wie viele ältere Männer war Helmut Kohl von dem Gefühl getrieben, wichtige langfristige Fragen, für die die Weisheit und Macht seiner Nachfolger nicht ausreichen würde, möglichst zu seiner Zeit abschließend zu regeln, mochten ein paar technische Unterpunkte auch noch ungeklärt sein. So kam Deutschland zum Euro".
Die Euro-Einführung haben mittlerweile alle Ökonomen und die gesamte Wirtschaftspresse, die ein Mindestmass an Urteilungsvermögen und Unabhängigkeit vom Politikbetrieb und den Wirtschaftsmächten haben, als großen Fehler erkannt. Nach Sarrazins Darstellung war die Einführung des Euro ein finanztechnischer Fehler wider besseren Wissens und er beleuchtet präzise, fokussiert und sachlich die Auswirkungen für Deutschland und Europas Bürger. Insbesondere das Aufheben des Haftungsausschluss für die Schulden anderer Länder - des sogenannten No-Bail-out-Prinzips war seiner Ansicht ein schwerer Fehler.

2. DEUTSCHLAND HAT KEINEN VORTEIL VOM EURO
"Mehrheitlich betrachteten wir damals (Juli 1989 d. Verf.) im Hause alle Überlegungen für eine
Europäische Währungsunion als Anschlag auf die deutsche Stabilitätskultur" und "Der große Erfolg der europäischen Integration fand bis zum Beginn der gemeinsamen Währung statt", argumentierte Sarrazin. "Die reinen Daten und Fakten sagen, dass Deutschland durch den Euro keine messbaren Vorteile hatte".
Für die Südländer habe die Gemeinschaftswährung "wachsende Risiken" gebracht. Außerdem ist der Anteil des deutschen Exports, der in die Euro-Zone geht, seit Beginn der Währungsunion deutlich gefallen, der Außenhandel mit den Euroländern hat sich unterproportional entwickelt und in Nicht-Euro-Staaten aus Asien und Südamerika stark gestiegen. Die starken EU Länder profitierten nicht, die schwachen Länder wurden destabilisiert.

3. EUROPA HÄNGT NICHT VOM EURO AB
Zitat: "Sind die Briten, Schweden, Polen, Tschechen keine Europäer oder leben sie in gescheiterten Staaten, nur weil sie nicht mit dem Euro zahlen?"
Argument: Europa ist erfolgreich, wenn Frieden herrscht, wenn in den Ländern Europas die Demokratie stabil bleibt bzw. sich weiter festigt, wenn die Menschen aus eigener Kraft ihre Lebensverhältnisse verbessern können, Arbeit finden und von den Früchten ihrer Arbeit leben können. Er weißt auch richtigerweise darauf hin, dass der gemeinsame Euro nicht notwendig ist für das Projekt "Europa", sondern die europäischen Völker jetzt sogar gegeneinander aufhetzen. Mit der drohenden Staatspleite einzelner Länder wird die Europäische Währungsunion endgültig zum Alptraum. Sarrazin widerlegt Angela Merkels Diktum "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa" - Europa braucht nicht nur den Euro nicht, sondern dieser destabilisiert Europa wirtschaftlich und gefährdet den sozialen Frieden.

4. EUROBONDS SIND KONTRAPRODUKTIV
Argument: Länder mit einer weniger soliden Finanzpolitik werden durch Eurobonds von den wirtschaftlichen Folgen ihres finanziellen Handelns entlastet, während die solideren Länder zusätzliche Haftungsrisiken auf sich nehmen. Die weniger soliden Länder im Euroraum die haben Mehrheit, deswegen seien Eurobonds in seinen Augen nichts weiter als die ultimative Vergemeinschaftung der Finanzpolitik zu Lasten der finanzstarken Länder". Nebenbei, in der Zeit vor der EU Krise hatten wir de-facto Eurobonds, sie sind Problem, nicht Lösung.

5. SELBSTBESTIMMUNG VON SCHULDENLÄNDERN
Argument: Weder Zahlmeister noch Zuchtmeister. Die stabilen Euro-Länder dürfen den Schuldenländern keine Vorschriften mehr machen, wie sie ihre Staatshaushalte gestalten und inneren Angelegenheiten regeln sollen, die über die Herstellung des gemeinsamen Marktes hinausgehen. Wenn ein Land unter der Disziplin der gemeinsamen Währung nicht leben kann oder will, solle es jederzeit frei sein, zu seiner nationalen Währung zurückzukehren. Europa müsse aufhören, Geld dorthin zu schicken und den Bürgern es selbst überlassen, ihren Weg zu finden.

6. DEUTSCHE VERPFLICHTUNGEN
Argument: Deutschland müsse laut Sarrazin alle bereits gemachten Hilfszusagen einlösen, aber keine weiteren Zusagen mehr machen. Der Rettungsschirm ESM überfordert Deutschland, lähmt die Reformanstrengungen in den Problemländern wenn die Europäische Zentralbank dauerhaft die Geldwertstabilität unterminiert, dann sind die Grundlagen der Währungsunion hinfällig.
Sarrazin führt zu Recht aus, dass Deutschlands Geschichte eben nicht für die Begründung einer (extrem weitreichenden) währungspolitischen Entscheidung herangezogen werden darf. So ganz lang sind hier die Haare nicht, an denen sich seine These herbeiziehen lässt, nach dem Deutschland wegen seiner historischen Schuld von anderen erpresst oder sogar bekämpft würde. Diverse Mitglieder aller Parteien (Schäuble, Kohl, Roth, Cohn-Bendit, Verheugen) mahnten mit Verweis auf den 2. Weltkrieg zu einer sogenannten besonderen Verpflichtung zur Solidarität(zum Zahlen): "Sie sind außerdem getrieben, von dem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir all unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben."

7. RISIKEN DES AUSSTIEGES
Thilo Sarrazin hält das Festhalten am Euro um jeden Preis für einen fatalen Fehler. Er meint: Lieber ein Euro-Ende mit schmerzhaftem Crash als dauerhaft hohe Kosten in der Transfer-Union.

8. LÖSUNGSANSÄTZE
Das Buch enthält solide Argumente u. Lösungsansätze, z.B. wie sich die Bundesbank und EZB verhalten soll, zum Investment- und Publikumsbanking. Das jetzige Modell bei dem die Bundesbank durch Target2 Forderungen von zuletzt über 500 Milliarden Euro gegenüber den Notenbanken finanzschwacher Länder erpressbar ist, wird mit dem Schweizer und US Modell verglichen. Ich glaube es ist auch zuviel verlangt, in diesem Disaster digitale Richtungsansagen zu erwarten. In der FAZ hat er die Metapher von Klausewitz - geordneter Rückzug als schwierigstes Manöver - gebracht. Sarrazin präsentiert, und das ist m.E. auch richtig, Szenarien, Risiken und Mitigierungen von Risiken. Er gibt auch einen klaren Hinweis wie der kalten Enteignung - die insbesondere in der deutschen Alterstruktur zuschlägt - begegnet werden kann. Wenn er aus dem Nähkästchen plaudert wird das das Buch stellenweise ein Lehrbuch.

9. CUI BONO
Sarrazin geht nicht so weit zu behaupten, die entscheidungstragenden Politiker haben die nun eingetretene Krise mehr oder weniger wissentlich eingeplant und/oder als Legitimation zur Durchsetzung von noch mehr postdemokratischem Zentralismus in Europa genutzt - obwohl der Schluss naheliegt. Allerdings belegt er, dass alle Rettungsaktionen ein krankes System stützen. Hätten wir einen Schuldenschnitt gehabt, wäre der ganze Spuk mit Griechenland schnell vorbei gewesen, und die Welt müsste sich mit dem wahren Problem beschäftigen, mit den USA und UK.

Sarrazin neues Buch unterlegt recht präzise den Verdacht, wir Bürger werden in der Europa- und der Eurofrage verschaukelt, die Wahrheit werde uns nicht gesagt, und Steuerzahler sollen die Fehlleistungen von Banken, Versicherungen und der Politik ausbaden. Die derzeitige Kakophonie, in der Politiker und Journalisten ideologische Mantras sowie sinnfreie Postulate den sachlichen Argumente des Herrn Dr. Sarrazin entgegensetzen, weil sie den unabhängigen Fachmann nicht totschweigen können, sind bezeichnend.

Das Besondere an Sarrzins Protest gegen die maßgeblichen Eliten - im letzten Buch gegen die Sozial-, Bildungs- und Einwanderungspolitik, jetzt gegen die Finanz-, Währungs- und Europapolitik - wird eben hier von einem Mitglied derselben Eliten formuliert. Sarrazin legt den Finger in die Wunde EU und Euro, und seine Kritik aus dem Inneren des Kritisierten heraus macht ihn zum Hassobjekt der mit der gesamten vorhanden publizistischen Feuerkraft bekämpft wird. Die Aufregung und die Provokation von Sarrazin liegt aber in der Befindlichkeit der Empfänger, weil hier ein Experte mit Zugang zu Massenmedien klar und gut verständlich Scheinargumente widerlegt, und als Insider das geschichtliche Versagen der deutschen politischen Klasse dokumentiert. Darum fünf Sterne.

P.S. In diesem Zusammenhang lohnt es sich sein Buch "Der Euro, Chance oder Abenteuer?" aus dem Jahre 1997(wieder) zu lesen, welches noch vorsichtig optimistisch Risiken beschrieb die nun eingetreten sind.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Euro, die Falle für arm und reich !!, 12. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Zimmerer, so nennen Sie mich ohne jeden Anflug von Höflichkeit, der Zimmerer also ist mit seinem Kauf sehr zufrieden. Er hat sehr viel über Ökonomie gelernt und weiß nun auch die aktuelle politisch-ökonomische Lage besser einzuschätzen. Herr Sarrazin ist nicht nur ein exzellenter Kenner der Materie mit viel Erfahrung, er hat auch den Mut seine Meinung zu sagen, auch wenn es persönliche Nachteile bringt. Diesen Mut würde man den Politikern gerne wünschen sind, die dabei sind, das von uns Erarbeitete, unseren Wohlstand also, wieder einmal an die Wand zu fahren.
Dieses Buch ist uneingeschränkt jedem zu empfehlen, der wirklich wissen will, was gespielt wird und der müde der abgedroschenen und nicht überzeugenden Parolen ist.
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208 von 247 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faktengesättigte Analyse eines Insiders, 22. Mai 2012
(Eines vorab: Ich habe das Buch bereits seit vergangenem Freitag, also vier Tage vor dem offiziellen Erscheinen. Mein Buchhändler in der Provinz hatte es einfach so dastehen und da habe ich natürlich zugeschlagen. Ich wusste gar nicht, dass das Buch erst noch rauskommt, sonst hätte ich gefragt, warum die das schon haben.)

In gewisser Weise wähnt man sich in einem Déjà-vu: Wie 2010, als "Deutschland schafft sich ab" kurz vor der Veröffentlichung stand, kocht unvermittelt eine Debatte um ein Buch und einen Mann hoch. Diese Debatte möchte ich hier nicht rekapitulieren, den meisten Lesern wird sie bekannt sein. Interessant war aber, dass es den Medien und Politikern nicht gelang, der unangenehmen Debatte aus dem Weg zu gehen, in dem man Sarrazin nach Elba geschickt hat. Nein, Sarrazin ging auf Tournee und war immer wieder medial präsent.

Mit "Europa braucht den Euro" nicht folgt nun der zweite Streich (auch wenn S. schon mehrere Bücher geschrieben hat). In diesem Fall schrieb er aber nicht als Autodidakt über ein Thema, in das er sich erst im Alter eingearbeitet hat, sondern über einen Komplex, der ihn sein ganzes Berufsleben begleitet hat. Genau damit beginnt nach einem Vorwort auch das Buch: Sarrazin schildert seinen Weg durch die Ministerialbürokratie von Bonn und Berlin und beschreibt - teilweise sehr ausführlich - die Zusammenhänge und Grundsätze der deutschen Geld- und Wirtschaftspolitik. Man merkt hier gleich: An Insiderwissen kann ihm wohl kaum einer das Wasser reichen, im Gegensatz zu seinen Kritikern, war er einfach "dabei". Interessant ist auch die Selbstkritik bzw. der Rekurs auf seine eigene, veränderte Einstellung zum Euro. Den vorsichtigen Optimismus vor der Währungsumstellung verschweigt er nicht.

Später folgen weitere Punkte, u.a.:
- Die Abläufe vor dem Einstieg der EZB in den massenhaften Staatsanleihenkauf (damals war Sarrazin noch Vorstand der Bundesbank)
- Die (falschen) Anreize, die den Mittelmehranrainern durch eine verfehlte EU-Subventionspolitik gewährt wurden.
- Die Interessen der aktuellen europäischen Regierungsschefs.
- Der Euro erfüllt nicht seinen Zweck, die europäischen Nationen zusammenzubringen, sondern fördert derzeit im Gegenteil den Streit zwischen seinen Mitgliedern und Bürgern.

Ein umstrittener Punkt, der aus den vorveröffentlichten Textschnipseln (!) hervorgeht, ist der Vorwurf Sarrazins, dass viele währungs- und stabilitätspolitische Diskussionen mit dem Totschlagargument des Holocaust und der daraus resultierenden besonderen Verpflichtungen Deutschlands geführt würden. Ich bin mir unschlüssig, ob ich dem vorbehaltlos zustimmen kann - bin aber gleichzeitig der Meinung, dass das kein Grund ist, das Buch, seinen Autor und die Argumente zu schmähen. Dafür nimmt dieser Punkt einfach viel zu wenig Platz in Argumentation und Seitenzahl ein.

Zum Ende zieht Sarrazin seine Schlüsse: Interessanterweise ist er nicht für einen deutschen Ausstieg aus dem Euro - was durch viele Medien und Politiker suggeriert wird. Er ist schlicht für einen "geordneten Rückzug" (Interview vom 21.5. mit der FAZ): Rückzug auf die strikten Maastricht-Regeln und den Stabilitätspakt und eine "deutsche" Stabilitätskultur in Inflation und Haushalt. Länder, die sich dem nicht fügen, können und sollten den Euro - schon aus Eigeninteresse - verlassen.

Ich bin jedenfalls froh, das Buch gelesen zu haben, da es mir interessante und erhellende Einblicke in (wirtschafts-) politische Abläufe gewährt hat. Ich kann nicht jede Aussage überprüfen, stelle hier aber anheim, dass sich Sarrazin bei seinem Heimspiel keine großen zahlenmäßigen Schnitzer erlaubt hat. Bisher kann ich das Buch nur empfehlen, denn es liefert in seiner Gesamtschau einen umfangreichen - und medial derzeit auch den einzigen umfassenden - Überblick über den Euro und die Krise in Europa.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohltuende Sachanalyse, 27. Juni 2012
Das Euro-Buch Thilo Sarrazins war für mich als finanzpolitischem Laien eine lehrreiche Lektüre. Es eröffnet Denkperspektiven jenseits der immer gleichen Floskeln, die in der Tagespolitik dem Volk um die Ohren gehauen werden. Dabei ist der Stil Sarrazins - vielleicht als Reaktion auf den Wirbel, den sein letztes Buch ausgelöst hat - deutlich darum bemüht, nicht zu polarisieren und den intellektuellen Heckenschützen keine Munition zu liefern.

Das Thema Eurokrise braucht allerdings auch keine Polemik, es enthält in sich Brisanz genug. Sarrazin bringt hier seine intime Kenntnis der Materie als Fachmann zur Geltung, und gerade die rein fachliche Perspektive jenseits von politischen Strategien und vielleicht auch Zwängen hilft, einen klareren Blick zu gewinnen. Fehlentwicklungen werden klar benannt und begründet und auch in ihren historischen Zusammenhang gestellt.

Sarrazin bietet keine billige Patentlösung für die aktuellen Probleme an, sondern er breitet die Landkarte aus und legt den Kompass dazu. Er behandelt auch die in diesem Zusammenhang nicht unwichtige Frage, was eigentlich Europa ist und sein kann, und er spannt dazu einen weiten historischen Bogen seit der Antike. Diese Frage sollten sich, jenseits von tagespolitischem Aktionismus, gerade auch die handelnden Politiker vorlegen!
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23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sachlich brilliant - linker Zeitgeist als tiefere Ursache, 1. Juli 2012
Wie immer schildert Sarrazin ganz sachlich die Zusammenhänge, wie man sie selten so geduldig und ausführlich erklärt bekommt. Man erfährt auch manches, was man selbst als aufmerksamer Zeitungsleser noch nicht wusste: Dass z.B. hohe Staatsschulden kein Problem sind, wenn der Staat bei seinen eigenen Bürgern verschuldet ist, aber dafür niedrige Steuern hat, wie z.B. Japan; aber das ist ein Randthema. Sehr gut auch die Erkenntnis von Sarrazin, dass ein Goldstandard in der Währung nichts nützt, wenn auch hier die Regeln nicht eingehalten werden (Bretton Woods). Das entscheidende sind gute Regeln und wirksame Mechanismen, die deren Einhaltung tatsächlich garantieren bzw. Übertretungen konsequent abstrafen. Dabei ist es egal, ob Goldstandard oder "Papierwährung". Die DM war auch eine "Papierwährung" und hatte wunderbar funktioniert.

Auf dieser sicheren Sachgrundlage führt Sarrazin dann eine klar nachvollziehbare Argumentation, warum man einen Schuldner nicht aus seiner Schuldenkultur herausholen kann, indem man ihm immer mehr Geld zusteckt; hier ist "moral hazard" das Schlüsselwort, mit vielen Beispielen aus der Vergangenheit, wo dies ebenfalls scheiterte. Politik handelt nun einmal unter dem Druck verschiedener Interessen, und wenn man den Druck zu Reformen lockert, finden sie eben nicht statt. Sarrazin erklärt weiter, warum vertragliche Zusagen das Papier der Verträge nicht wert sind, auf dem sie gedruckt stehen, wenn kein wirksamer Mechanismus zur Durchsetzung dahinter steht; warum die Geldempfänger ihre Geldgeber keineswegs lieben sondern im Gegenteil zu hassen und zu verachten beginnen; warum also der ganze Euro-"Rettungs"- Wahnsinn ein Wahnsinn ist, der ins Unglück führt, statt ins Paradies eines vereinten Europa.

Der einzig richtige Weg ist der argentinische Weg: Griechenland muss Bankrott erklären, aus dem Euro raus, abwerten, und dann wird es nach einer kurzen Phase der Turbulenzen wieder auf Kurs sein. Statt diesen ehrlichen, realistischen, gerechten und marktwirtschaftlichen Weg zu gehen, der keinesfalls die ganz große Katastrophe sondern vielmehr die handhabbare "kleine" Katastrophe wäre, geht Europa derzeit aus ideologischen Gründen (Europagläubigkeit, Sozialgläubigkeit) den Weg der Planwirtschaft und Entdemokratisierung, den Weg der Ausbeutung der Fleissigen und Erfolgreichen (Deutschland ...) und der demütigenden Gängelung und Bevormundung der Verschuldeten, der immer tiefer in die Misere führt, statt aus ihr heraus.

Sehr richtig analysiert Sarrazin, dass Deutschland vom Euro kaum profitiert haben dürfte, und dass der Export-Anteil in die Euro-Länder sogar rückläufig war. In Ländern wie Griechenland wurde durch den Euro hingegen die an sich schon schwach entwickelte Industrie vollends ruiniert, weil der Euro für sie zu stark ist, eine Abwertung der nationalen Währung nun aber nicht mehr möglich war. Auch können diese Länder nun nicht mehr einfach ihr eigenes Geld drucken, um sich über eine Inflation aus der Affäre zu ziehen. Auch hat Sarrazin richtig beobachtet, dass das gegenseitige Kennenlernen in Europa ebenfalls rückläufig ist, und sich alles mehr und mehr an einer angelsächsischen Weltkultur orientiert, was ein interessanter Punkt jenseits aller Ökonomie ist.

Wer schon längst den Überblick über die Bankenkrise und die später folgende Eurokrise verloren hat: Bei Sarrazin wird das alles noch einmal chronologisch aufgedröselt und analysiert. Auch die Zeitpunkte, an denen die entscheidenden Fehler gemacht und Vertrags- bzw. Verfassungsbrüche begangen wurden, werden genannt. Teilweise war Sarrazin als Beamter selbst dabei und berichtet aus dem Nähkästchen, wie es wirklich war. So wurde die Einführung des Euro von Helmut Kohl gegen die Meinung seiner Beamten beschlossen, vermutlich, um Frankreich für die deutsche Einheit zu gewinnen. Gegen alle linke Propaganda kommt Sarrazin immer wieder zu demselben Schluss: Schuld an allem sind nicht die Banken oder "Spekulanten" oder Konzernbosse oder diese oder jene Lobby oder wer auch immer, sondern im Kern muss die Ursache für alle diese Probleme im Politikversagen gesucht werden. Die Politiker sind schuld. Die politische Klasse und ihre Ideen.

Sarrazin geht in seiner Analyse aber noch tiefer: Er arbeitet auch die tieferen Gründe für das erschreckende Versagen der deutschen politischen Klasse heraus. Im Kern ist es eine fundamentale Kritik am linken Zeitgeist, der sich ab 1968 in Deutschland immer mehr durchsetzen konnte: Ein falsches Verständnis von Verantwortung in bezug auf die deutsche Vergangenheit, die Meinung, gerade als als Deutscher müsste man immer eher geben und nachgeben statt andere zu kritisieren und klare, für alle heilsame Grenzen zu setzen. Sarrazin beobachtet eine erschreckende Ahnungslosigkeit und Naivität bezüglich ökonomischer Fragestellungen gepaart mit einer irrationalen Abneigung gegen den "Kapitalismus", d.h. unsere erfolgreiche Marktwirtschaft, eine sozialistische Verteilungsmentalität, die vergisst, dass Wohlstand erwirtschaftet werden muss, und wie das eigentlich funktioniert. Auch die verschiedenen Nationalcharaktere in Europa werden angesprochen, die von Multikulti-verliebten Politikern häufig ignoriert werden. Sie stehen einem zu engen Zusammengehen in Europa entgegen, weil man damit zusammen zwingen würde, was nicht zusammen gehört, auch und gerade ökonomisch nicht. In den Ländern des Südens ist Papier sehr viel geduldiger als im Norden. In der EZB ist die stabilitätsorientierte Tradition der deutschen Bundesbank vollkommen unter die Räder gekommen, dort herrscht jetzt der "Club Med" mit Mehrheit. Namentlich wird als Vordenker der ideologischen Verblendung auch Jürgen Habermas kritisiert, womit Sarrazin ins Herz der herrschenden Zeitgeist-Klasse trifft. Es sind also die Politiker und ihre Vordenker schuld.

Gegen all das formuliert Sarrazin den Gegenentwurf eines Europas, der für Europa-Euphoriker sicher unerträglich "spießig" klingt, in Wahrheit aber einfach nur realistisch und vernünftig ist. Die europäischen Staaten müssen dort kooperieren, wo es Sinn macht, aber ihre eigenen Wege gehen, wo es keinen Sinn macht. Insbesondere muss jeder Staat für sich allein wirtschaften, und darf nicht von anderen Staaten "gerettet" werden, so wie es vertraglich einst vorgesehen war. Ein Euro-Austritt überschuldeter Länder darf kein Tabu sein. Nur in einem einzigen Punkt ist Sarrazin bereit, sich Europa auch "ideologisch" etwas kosten zu lassen: Sarrazin warnt davor, dass Frankreich durch Deutschland gedemütigt wird, weil das deutsch-französische Verhältnis die unabdingbare Basis für ein kooperatives Europa ist, in dem Frieden herrscht.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Glänzende, auf Fakten basierende Bestandsaufnahme mit kleinen Lücken, 14. Mai 2013
Von 
Thilo Sarrazin ist ein Mann der wahren Worten, der Daten und Fakten, was den meist ideologisch argumentierenden, naiv-nervenden Weltverbesserern, die in Deutschland inzwischen viel zu oft das sagen haben, ein großer Dorn im Auge ist, bei ihrem Plan, Deutschland in Europa aufgehen zu lassen, was nichts anderes als die Abschaffung Deutschlands bedeuten würde.
Aber auch andere Parteien haben an diesem Buch keine Freude, denn Thilo Sarrazin führt diese als wenig kompetente Vollstrecker der Vorgaben aus der Finanzwelt und dem europäischen Ausland vor.
In seinem Buch Europa braucht den Euro nicht" bringt Autor Thilo Sarrazin den interessierten Lesern solch unbequeme Fakten sowie die Mechanismen der modernen Finanzpolitik nahe:
Thilo Sarrazin verbindet dabei gekonnt seine eigene Historie mit der Geschichte des weltweiten Finanzmarktes und den Auswirkungen auf einzelne Länder.
Leider gelingt es auch Thilo Sarrazin trotz seines kompetenten Hintergrunds und seines Wissens, den Zusammenhang zwischen Handelsbilanzdefizit und Handelsbilanzüberschuss, Leistungsbilanzdefizit und Leistungsbilanzüberschuss, Inflation, Arbeitslosenquote, Wirtschaftswachstum, Preisentwicklung, Währungs- und Kurswechselschwankungen, zunehmende Staatsverschuldung, Produktivität, Wettbewerb, Zinssätze, Rezession, Währungsaufwertung u.a. nicht verständlich und umfassend zu vermitteln. Leider geht er auch davon aus, dass die Leser mit diesen Begriffen vertraut sind und so bleiben viele Begriffe im Raum stehen ohne wirklich verständlich erklärt zu werden. Dies ist jedoch weniger dem Autor dieses Buches anzulasten, sondern vielmehr der Politik und den Medien, die derlei Mechanismen und Vorgänge nicht mehr wirklich erklären, weil sie den Bürgern kaum noch zutrauen, derlei zu verstehen. Bücher wie dieses sollten deutlich öfter veröffentlicht und verkauft werden anstatt irgendwelcher Promi-Biographien, VIP-Ratgeber, Comedian-Schmöker oder sonstiger nervender Gute-Laune-Literatur.
Mit diesem Buch macht Thilo Sarrazin auch klar, dass das in Schule, Ausbildung oder gar Studium vermittelte Wissen einen bestenfalls auf die moderne Arbeitswelt vorbereitet, aber kaum noch Wissen vermittelt, das erforderlich ist, um globale Vorgänge verstehen zu können.

Dennoch wartet dieses Buch mit interessanten Informationen auf, die im Alltag selten von Medien und Politik kommuniziert werden:

Zunächst einmal wird gezeigt, welch umfangreich-interessantes Gebiet die Finanzwelt darstellt.

Anschaulich wird präsentiert, dass die vermeintlich freundschaftliche Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich meist von Rivalitäten und Neid bestimmt ist, in einem Europa, dass hauptsächlich von Politikern ohne ökonomischen Sachverstand geprägt ist.
Die Währungsunion hatte für die wirtschaftlich starken Länder keine Vorteile gebracht, für die wirtschaftlich schwachen Länder jedoch einige Nachteile und schwerwiegende wirtschaftliche Folgen, während einige Länder, die eben nicht den Fehler begingen, den Euro einzuführen, deutlich besser dastehen.
Thilo Sarrazin macht auch klar, dass der Erfolg des Euro bzw. der wirtschaftliche Erfolg der einzelnen Länder von einer ganze Reihe von Faktoren abhängig ist, die unterschiedlich gewichtet sind, deren Gewichtung sich auch je nach Situation verändert und die sich gegenseitig beeinflussen. Man sollte also stets vorsichtig sein, wenn Politiker oder Ökonomen zum Beweis des Erfolgs nur auf einen einzelnen positiven Faktor verweisen.
Interessant ist auch, dass die europäischen Nordländer, das sind all jene Länder mit weniger Sonnentagen im Jahr, über eine deutlich stabilere Wirtschaft und Finanzwesen samt höherem Pro-Kopf-BIP und Wohlstand verfügen als die Südländer (dazu zählt Thilo Sarrazin auch Frankreich) und dass sich dies so schnell auch nicht ändern werden wird. Wenn all dies der Wahrheit entspricht, ist anzunehmen, dass diese Fakten auch anderen Fachleuten und Politikern bewusst war - warum wurde dann dennoch diese Gemeinschaftswährung eingeführt?
Hier ergibt sich jedoch im Buch ein Schwachpunkt:
Thilo Sarrazin weiß mit all jenen Faktoren umzugehen, denen sich ein klarer Wert (Wachstumszahlen, Bilanzen, Verschuldungsgrad u.a.) zuweisen läßt, jedoch bleiben andere Faktoren unerwähnt. Der Begriff Lebensqualität wird bei Thilo Sarrazin nicht vertieft, obwohl doch gerade die Lebensqualität sich nicht nur an bloßen Zahlen festmacht. Dafür wird erwähnt, dass in den sog. Wohlstandsländern eine eher niedrige Geburtenrate herrscht und die Bürger ein hohes Vertrauen in den Staat hätten. Jedoch läßt sich dies auch anders sehen:Das vermeintliche Vertrauen in den Staat ist eher eine von oben herab verordnete Abhängigkeit, die den Bürgern ihre Selbstständigkeit nimmt, während in den südlichen Ländern die Menschen ihre Angelegenheiten noch selbst regeln und nicht wegen jedem Unsinn die Polizei rufen. In Deutschland dagegen ist vieles überreguliert, mag der Einzelne viele Rechte haben, aber wenn ihm die Mittel fehlen, um diese Rechte durchzusetzen, ist der Nutzen solcher Rechte eher gering einzustufen.
Und hier muss doch auch die Frage erlaubt sein, ob denn in den Nordländern trotz guter Bilanzen und hohem Wohlstand auch die Lebensqualität besser ist als in den Südländern oder ob durch Arbeitsleben, zunehmende soziale Kälte, Konkurrenzdruck, höheres Renteneintrittsalter u.a. inzwischen die Lebensqualität in Deutschland nachgelassen hat. Auch wenn dem Faktor Lebensqualität kein eindeutiger Wert zugewiesen werden kann, sollte doch klar sein, dass Wohlstand stets durch eine hohe Wertschöpfung der Arbeit, besonders jedoch durch einen hohen persönlichen Arbeitseinsatz der Menschen erreicht wird, was der Lebensqualität wohl eher abträglich ist. Verstehen es die Menschen in den südlichen Ländern vielleicht einfach nur, besser zu leben, ohne ständig nach ökonomischen Wunderleistungen zu streben? Haben die Menschen in den südlichen Ländern einfach besseres zu tun als die Wirtschaftsmacht Nummer Eins oder Exportweltmeister zu werden?
Dass besonders die Deutschen mit einer solch hohen Wirtschaftsleistung glänzen, liegt dann vielleicht auch eher an einem mangelnden Willen zum Widerstand in Kombination mit einem hohen Maß an Obrigkeitshörigkeit?! Wenn sich das Denken nur noch um Arbeit und Konsum dreht, verkümmert eben der Wille zum Widerstand wohl eher. Und dieser wirtschaftliche Erfolg kommt in erster Linie den Unternehmen und einer geringen Elite zugute, kaum jedoch der Mehrheit der Mneschen, die diesen Erfolg erarbeitet haben. Die Menschen sollten endlich mal realisieren, dass das letzte Hemd keine Taschen hat ...

Vielleicht liegt die zurückhaltende ökonomische Leistung der Südländer einfach daran, dass diese sich eben nicht alles gefallen lassen, sondern jenen Mut zum Widerstand haben, der den Deutschen schon lange abhanden gekommen ist? Dieser Eindruck verstärkt sich auch bei Thilo Sarrazins Vergleich der diversen Krisenländer:Offenbar haben die Griechen erkannt, dass man, völlig unabhängig davon, wer oder welche Partei in der Regierung sitzt, grundsätzlich einer Regierung nicht zu trauen ist, da diese eh nicht verantwortungsbewusst mit dem Geld der Bürger umgehen kann, da Politiker für die Ausgaben während ihrer Amtszeit nicht haftbar gemacht werden können und die griechischen Bürger daraus eben die Erkenntnis gezogen haben, dem Staat möglichst wenig Geld anzuvertrauen. Wenn man sich ansieht, wie deutsche Politiker deutsche Steuergelder verschleudern, ist diese griechische Einstellung durchaus verständlich.
Und während in Deutschland nahezu alles irgendwie reguliert und gesetzlich geregelt sein muss, haben die Menschen in den südlichen Ländern eben noch die Chance, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ohne Juristen und ohne Gerichte ...
Warum deutsche Anforderungen den südlichen Ländern, deren Bürger eine andere (Leistungs-)Mentalität haben, nun aufgezwungen werden sollen, bleibt leider auch unverständlich ... Fraglich auch, ob diese Südländer, die aktuell die Transferzahlungen aus Deutschland einstreichen, für Deutschland das gleiche tun würden.
Europa braucht den Euro nicht" macht klar, dass trotz von Deutschland gewährter finanzieller Leistungen die diversen Nehmerländer sich kaum an gemachte Zusagen gehalten haben, kaum die nötigen Reformen durchgeführt haben, zu denen sie sich verpflichtet haben - all dies wird von unseren deutschen Politikern jedoch meist verschwiegen. Klar wird, dass durch die zunehmenden Rettungsschirme und den damit einer gehenden Zahlungsverpflichtungen der Wohlstand Deutschlands nachhaltig gefährdet wird und dass die politische Klasse Deutschlands dies hinnimmt, obwohl doch ausreichende Alternativen vorhanden sind.

Der Autor erläutert auch Alternativen zur 'alternativlosen' Rettungspolitik, die mehr ideologisch und weniger rational-ökonomisch ist. Verständlich wird das ursprünglich vereinbarte No-Bail-Out-Prinzip erläutert (Jeder Euro-Land ist für seine Schulden und seinen Haushalt selbst verantwortlich) und wie durch die Rettungsschirme dagegen verstoßen wird.
Dabei wird schnell klar, wie nicht nur finanzielle Ressourcen vernichtet und Schulden angehäuft werden, die Bilanz einiger Länder jedoch zeitweise nicht einmal mehr ausreichend ist, um die Zinsen zu tilgen und dass auf diese Weise die Zukunft vieler Länder (und somit deren Bürger) noch mehr belastet wird als dies durch die anhaltende Globalisierung eh schon der Fall ist.

Leider ist dieses Buch nicht mehr so verständlich wie "Deutschland schafft sich ab", sondern baut auf ein entsprechendes Grundwissen. Dennoch sind einige leicht verständliche Erkenntnisse vorhanden, die so viel zu selten von den deutschen Politikern vermittelt werden!

Das Projekt Euro" wurde besonders von Deutschland voran getrieben, während viele andere europäische Länder besonders von den mit der gemeinsamen Währung verbundenen Vorteilen profitieren wollten, um so die Nachteile ihren eigenen schwachen Wirtschftskraft auszugleichen. Ohne dass diese Staaten jedoch einen europäischen Gesamtstaat im Auge hatten, nutzen sie gerne die Vorteile einer europäischen Transferunion und Haftungsgemeinschaft.
Thilo Sarrazin scheut sich auch nicht, darauf hinzuweisen, dass besonders rotgrüne Idealisten die Vorstellung eines einheitlichen Europas propagieren, um auf diesem Wege die Eigenständigkeit der BRD aufzugeben, auch und immer noch wegen der auf Deutschland lastenden Schuld zweier Weltkriege (Was schon mal reichlich irrational ist, denn einem Land kann man wohl kaum die Schuld an etwas anlasten, eher schon dessen Bewohnern - da jedoch kaum noch jemand lebt, der den ersten oder zweiten Weltkrieg erlebt hat und auch noch für diese Ereignisse verantwortlich ist, ist eine Schuldzuweisung an die aktuelle Bevölkerung Deutschlands eben sehr irrational! Wenn ein verurteilter Straftäter vor Haftantritt verstirbt, werden ja auch nicht dessen Erben dazu verurteilt, die Strafe abzusitzen ...)
Weder für den europäischen Binnenmarkt noch für den Außenhandel hätte Europa eine einheitliche Währung benötigt.

Wenn man sich das alles durchliest, gewinnt man auch schnell den Eindruck, dass viele Güter nicht mehr produziert (und dabei auch wertvolle Ressourcen vernichtet) werden, weil diese für das tägliche Leben der Menschen erforderlich sind, sondern nur noch, um mit den erwirtschafteten Finanzen dieses Ungetüm namens Finanzwelt stets aufs Neue zu füttern.

Am Ende des Buches erklärt Thilo Sarrazin dann noch auf sehr verständliche Weise die Geschichte Europas samt der Eigenarten der einzelnen Völker und wie dieses Europa nach dem Zerfall des Römischen Reiches in diverse Nationalstaaten zerfiel, dessen politische Union in absehbarer Zeit kaum herbei zu führen sein wird und schon gar nicht von diversen Gutmenschen durch eine gemeinsame Währung erzwungen werden kann.
Weiterhin erwähnt Thilo Sarrazin, wie sich die europäische Identifikation durch die zunehmende Etablierung der englischen Sprache verändert, was das Verständnis für den direkten fremdsprachigen Nachbarn erschwert.
Somit dürfte abzusehen sein, dass das Projekt ,Euro' von Historikern eines Tages ähnlich betrachetet werden wird, wie die ebenso grandios gescheiterte Prohibition, die ebenfalls gegen den Willen einer Mehrheit der Bürger im Namen einer Minderheit von besserwisserischen Weltverbesserern durchgeführt wurde.

Wie schon bei Deutschland schafft sich ab" liegt auch die Stärke dieses Buches darin, dass Thilo Sarrazin rein sachlich das Thema beurteilt:Bei ihm zählen Daten und Fakten, ideologische Betrachtungen oder emotionale Irritationen wie bei anderen Publikationen dieser Art kommen bei ihm nicht vor - solche Rationalität wünsche ich mir auch von anderen Politikern! Jedoch ist Europa braucht den Euro nicht" auch sehr einseitig geschrieben, ganz aus des Sicht eines Finanzexperten und Ökonomen, der andere Faktoren ausblendet.

Auch wenn dieses Buch schwerer Stoff ist, so sollte dieses Buch doch von allen Bundesbürgern gelesen werden, um zu verstehen, was dort draußen überhaupt vorgeht, anstatt ihre Zeit mit irgendwelchen Fußball-Events oder diversen geistlosen Promi-Autobiographien zu verschwenden.
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5.0 von 5 Sternen Top Hörbuch - einfach überzeugend., 13. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sarazin geht für mich noch nicht weit genug. Er hat in seiner Analyse absolut recht - Deutschland braucht den Euro nicht. Aber wir brauchen auch die EU nicht. Der parasitäre Moloch in Brüssel macht sich immer breiter - hebelt demokratische Strukturen aus und
führt Deutschland in die endmündigte Transferunion per Gouverneursdiktat. Vielen Menschen geht es seit Einführung des Euro`s schlechter. Bei anderen Ländern aber auch bei uns ist es für viele Normalos fühlbar schechter geworden. Höherer Arbeitsdruck und immer höhere Abgaben. Nicht nur der Euro - auch die EU - in dieser Form polarisiert und spaltet. Der Euro stirbt, die EU ist krank.
Es lebe Europas Vielfalt und die Souveränität ihrer Mitgliedsstaaten. Hoffentlich stoppen die Völker endlich den (EU) Europäischen Unsinn!
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5.0 von 5 Sternen Einem Kritiker des Euro sollte man zuhören, nicht verdammen ...., 21. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sarrazin ist nicht irgendwer, sondern ein studierter Wirtschaftsfachmann und jahrelang im Bankwesen tätig. Er weiß also, wovon er redet. Das er sich kritisch gegenüber dem Euro und den ihn tragenden (politisch gewollten, nicht unbedingt ökonomisch sinnvollen) europäishen Währungssystem äußert, brachte ihm den Widerstand derjenigen entgegen, die seinen Thesen nicht folgen wollten oder konnten.
Sarrazin ist ein Mensch mit Ecken und Kanten, aber man sollte seine Thesen und die Fakten, die er in seinen Büchern aufzeigt, nicht so einfach von der Hand weisen. In seiner Diskussion mit Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten der SPD zeigte sich, dass einem Politiker zu seinen Thesen und Fakten keine konkreten Widersprüche, sondern nur Allgemeinfloskeln einfallen, die der Political Correctness alle Ehre erweisen, aber die im Buch aufgezeigten Fakten nicht widerlegen.
Auch wenn das Buch mit seinen Tabellen, Fakten und Thesen recht trocken und schwer zu lesen ist, sollte man es nicht zur Seite legen, sondern sehr genau hinschauen. Auch wenn die Politik Sarrazin an den Pranger stellt und schlecht redet, so ist doch nicht alles falsch, was er schreibt und an belegbaren Fakten aufzeigt.
Ich finde das Buch sehr empfehlenswert für alle, die dem Geschehen um den Euro Interesse entgegen bringen und nicht kritiklos der Political Correctness in der Euro-Politik folgen wollen.
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20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Analyse eines Geburtsfehlers und seine Folgen, 3. Juni 2012
Von 
Spaddl "spaddl" (SH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Europa steht an einem Scheideweg. Tagtäglich werden wir mit neuen Meldungen konfrontiert, die das Fortbestehen der europäischen Währungsunion zu einer Zerreißprobe werden lassen. Seien es Griechenlands Unwille, den Sparanforderungen Folge zu leisten, die spanischen Banken, die nunmehr vor einem Kollaps stehen könnten und durch einen Staat gerettet werden müssten, der noch an den Auswirkungen der 2007er Finanzkrise zu beißen hat oder dem Wechselkurs EUR/USD, der auf ein "historisches Tief" gesunken ist. Welche Folgen haben diese Neuigkeiten? Welche Auswirkungen haben sie auf den EURO? Was passiert, wenn...? Fragen über Fragen, die sich einem stellen, wenn der politische Zirkus nicht spurlos an einem vorbeigeht. Wer könnte diese Fragen nun besser beantworten als Mr. "Zahlen, Daten, Fakten" Thilo Sarrazin, der bereits 2010 mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" die Politiker und das Volk spaltete.

Eingangs möchte ich sagen, dass ich kein Anhänger des Sarrazinismus bin und nicht gleich sämtliche Thesen abnicke, die er verbalisiert. Vor 1 1/2 Jahren habe ich mich an "Deutschland schafft sich ab" ebenfalls versucht, bin aber nicht über die ersten 50 Seiten hinweg gekommen. Bedingt durch meine berufliche Tätigkeit im Finanzwesen hat mich seine Auffassung zum EURO-Debakel jedoch brennend interessiert und habe mir voller Erwartungen "Europa braucht den Euro nicht" gekauft und vorhin beendet. Was mich dann über 420 Seiten hinweg begeistert hat, war keine Begründung der titelgebenden These "Europa braucht den Euro nicht", sondern eine detaillierte, kluge Analyse der Umstände, die zu dem derzeitigen Problem der europäischen Währungsunion geführt haben. Das sollte Ihnen, liebe Lesserinnen und Leser, bewusst sein, wenn Sie sich das Buch kaufen. Der Untertitel "Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat" wird da schon deutlicher. Sarrazin erläutert in acht umfangreichen Kapiteln, wo die Wurzeln des Übels liegen bzw. lagen. Dabei spannt er einen gewaltigen Bogen von der Gründung der Währungsunion bis heute und lässt dabei kaum ein Detail aus. Einflüsse aus Übersee werden ebenso benannt und analysiert wie die innereuropäischen monetären Konflikte. Sie wissen nach Beendigung der Lektüre, wieso die aktuelle Schieflage entstanden ist und welche Ursachen sie hat. Auf geeignete Lösungsansätze verzichtet Thilo Sarrazin jedoch weitesgehend. Leider!

Der Autor ist ein Meister der Statistik: Vergleichstabellen zur Entwicklung des BIP, der geldpolitischen Indikatoren oder Leistungsbilanzsalden sind ebenso ein wichtiger Bestandteil seiner Argumentation wie die Bezugnahme auf Zitate wichtiger Ökonomen und Politiker. Dabei besticht das Werk durch eine fundierte Endnotenarbeit. Nicht ohne Grund nimmt der Anhang ca. zehn Prozent des Buches ein. Die Vorwürfe vieler Journalisten, dass Thilo Sarrazin seine Statistiken fehlinterpretiere, sind daher nur logisch. Jeder liest die Tabellen anders und zieht aus ihr andere Schlüsse. Auch ist der Betrachtungszeitraum natürlich eine wichtige Komponente. Man nehme zum Beispiel den Chartverlauf des DAX: betrachte ich lediglich die Entwicklung seit 2005, sieht das Bild verherrend aus und man könnte meinen, dass Aktien eine schlechte Anlageklasse sind. Strecke ich die Zeitachse hingegen um 20 Jahre, sehen die Fakten gänzlich differenzierter aus. Ich konnte die Interpretation der angegebenen Tabellen und Quellen jedoch nachvollziehen und halte sie für schlüssig.

Thilo Sarrazin arbeitet die ursächlichen Probleme der Währungsunion logisch auf. Von der fehlenden Bildung einer politischen Union bei Eintritt über die Aufnahme finanziell schwacher Staaten bis hin zur Aushebelung des Vertrages von Maastricht. Der Autor legt dezidiert dar, welche Folgen auftreten, wenn ein Staat langfristig Leistungsbilanzdefizite finanzieren muss. Die europäische Geldpolitik, die durch die EZB gelenkt wird, hat exorbitante Auswirkungen auf die einzelnen Länder, denn durch diese supranationale Institution wird die Geldpolitik zentralisiert und es gilt die gleiche monetäre Politik für Griechenland wie für Deutschland. Dass eine dadurch immanente fehlende Abwertungsmöglichkeit der landseigenen Währung für die schwächeren Länder auf die Wettbewerbsfähigkeit erhebliche Folgen haben kann, scheinen die Initiatoren der Währungsunion vernachlässigt zu haben. In diesem Zusammenhang geht der Autor auf die Inkohärenz der Nord- und der Südstaaten der Währungsunion ein. Besonders eingeschossen hat sich Herr Sarrazin auf das No-Bail-Out-Prinzip. Hier erfährt der Leser, welche fundamentalen Auswirkungen das Aufweichen des Maastricht-Vertrages für EURO-Europa hat.

Diese Fokussierung auf die einzelnen Teilbereiche hat stellenweise jedoch zur Folge, dass man als Leser stellenweise den Eindruck bekommt, dass der Autor der Redundanz verfallen ist. Einige Sachverhalte wiederholt Thilo Sarrazin zig Mal. Für manche mag das vielleicht gut sein, da man die wichtigen Aspekte der Argumentation immer wieder vor Augen geführt bekommt, für andere ist es auf die Dauer leider nervig. Das Kapitel "Zur Praxis von Konsolidierung" empfand ich als sehr interessant, da Thilo Sarrazin erläutert, wie er in seiner beruflichen Karriere die Haushalte des Bundes oder der Bahn sanierte. Man müsste diese Abschnitte kopieren und dem griechischen Finanzminister per Eilzustellung zukommen lassen. Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät...

Thilo Sarrazin fordert vom Leser einiges ab. Wenn Sie sich mit der Materie noch nicht vertraut gemacht haben, wird Sie das Buch tendenziell überfordern. Er setzt viele Terminologien voraus. Wenn Sie von den Begriffen Moral Hazard, ceteris paribus, Basel II, Target-2-Salden oder der Korrelation von Leistungsbilanzdefiziten und Kapitalimport noch nie etwas gehört haben, werden Sie das Buch enerviert beiseite legen. Grundlegende Kenntnisse der Volkswirtschaftslehre wie z.B. die Zusammenhänge von expansiver Geldpolitik und Inflation oder Inflation und Zinsniveau sollten bei Ihnen vorhanden sein. Der Autor zitiert viele angelsächsische Ökonomen, deren Aussprüche er im Englischen belässt und dem Leser keine Übersetzung zur Verfügung stellt. Einigermaßen gute Englischkenntnisse wären daher nicht von Nachteil.

Am Ende des Sachbuches "Europa braucht den Euro nicht" erhalten Sie zwar keinen goldenen Ausweg aus der Krise, aber dafür wissen Sie detailliert und fundiert, wieso die Fehler der Währungsunion die Finanzkrise seit 2007 befeuert haben (könnten). Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich seinen Thesen nicht 100%-ig zustimme. Aber das soll ein Sachbuch meiner Meinung nach auch gar nicht leisten. Insbesondere bei Thilo Sarrazin habe ich Denkanstöße, andere Ideen und Auslegungen erwartet - und bin vollständig zufrieden gestellt worden.
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