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TOP 500 REZENSENTam 8. Februar 2012
Nach der Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen hat Donald Ray Pollock nun mit seinem ersten Roman bewiesen, dass er ein ganz Großer der amerikanischen Literatur ist. Das Handwerk des Teufels" hat mich von der ersten Zeile an gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen.

Es ist heftig, erschreckend, ergreifend, beängstigend, wundervoll und großartig - und das alles gleichzeitig.

Kein Zweifel, es ist ein ,dunkles` Buch, und die meisten Menschen, denen wir in diesen Landstrichen in West-Virginia und Ohio begegnen, möchte man unter keinen Umständen zwischen Nacht und Dunkel treffen.

Es wird erst allmählich im Laufe der Handlung klar, in welchen Beziehungen sie zueinander stehen, und wie die Ereignisse aus der Vergangenheit die Gegenwart beeinflussen. Und für jeden dieser Menschen gibt es weder Hoffnung noch Erlösung, sondern lediglich einen Platz in der Hölle.

Die Geschichte entwickelt sich rasant, und so kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen und hetzt durch die Seiten, ohne Luft zu holen. Pollock schreibt sehr anschaulich und findet immer die richtigen Worte, so dass man das billige Parfüm und den Schweiß riecht, den Whiskey und den Kaffee schmeckt und die seit Wochen ungewaschene Kleidung förmlich auf der Haut fühlt.

Gewaltig, brutal, beeindruckend und verstörend, ein herausragendes Leseerlebnis - mein Buch des Monats
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Manche Autoren schreiben schon mit unter Dreißig ihre biographisch eingefärbten Romane. Sie haben nichts erlebt, haben nichts zu sagen und werden doch mitunter wie Genies gefeiert. Gerade im deutschen Sprachraum gibt es dafür genügende und überflüssige Beispiele.
Donald Ray Pollock war 54, als sein erster Erzählband erschien, und er war 57 als er das vorliegenden Buch "Das Handwerk des Teufels" schrieb. Die überwiegende Zeit seines Lebens hockte Pollock nicht in literarischen Zirkeln, Talkrunden und Kaffeehäusern sondern verdiente seinen Lebensunterhalt als Arbeiter und Lastwagenfahrer im US-Bundesstaat Ohio. Das vorliegende Buch ist das literarische Konzentrat dieses Lebens und niemand, der es liest, wird es so schnell vergessen.

Über einen Zeitraum von einer knappen Generation skizziert der Roman zunächst ein eindingliches aber deprimierendes soziales Kleinstadtpanorama im Mittleren Westen der USA. Das Land ist karg und kalt, die Menschen sind verschlossen und religiös bigott, die Jugend ist verkommen und die Polizei korrupt bis in die Knochen. Auf diesem Bühnenbild werden drei Handlungskreise entfaltet, die anfangs nur locker miteinander verknüpft sind, am Ende aber in einem furiosen Finale koinzidieren. Da ist zunächst die Geschichte des jungen Alvin Russel aus Knockenstiff, der miterleben muss, wie seine Mutter an einer rätselhaften Krankheit zugrunde geht und wie sich sein Vater Willard anschließend umbringt. Gleichsam in sozialer Berührungsnähe zur Großmutter von Alvin Russel taucht das kuriose Prediger-Halunkenpaar Roy und Theodore auf, die sich mit wüsten Ansprachen und Showeinlagen vor religiös abgedrehten Gemeinden durchschlagen. Als sie den Ort verlassen, bleibt Roys ermordete Ehefrau Helen und das Baby Leonora zurück, das bei Alvins Großmutter Emma Russel aufwächst. Der dritte und abgründigste Erzählkreis handelt von dem Serienkillerpaar Carl und Sally, das in regelmäßigen Abständen Ohio verlässt, mit einem schäbigen Wagen durch die Gegend zu fahren, Tramper mitzunehmen und umzubringen - nicht ohne, dass der fette Carl seine Opfer vorher als "Models" in perversen Posen fotographierte.
So vergehen die Jahre, Alvin wächst heran, ebenso die Stiefschwester Leonora, die leider genauso hässlich wie ihre ermordete Mutter ist. Das Prediger-Halkunkenpaar Roy und Theodore, längst über alle Berge, verkommt irgendwo im Süden der USA, und Carl und Sally frieren sich durch die Winter von Ohio, ehe sie in der warmen Jahreszeit mit einem zusammen gesparten Geldvorrat auf die "Jagd" nach "Models" gehen.

Erst im letzten Drittel des Buches, als ein krimineller Prediger Alvins Stiefschwester Leonora missbraucht und der junge Alvin die Gerechtigkeit in seine eigenen Hände nimmt, verbinden sich die drei Handlungsstränge zu einem finalen Countdown, in dem jeder erhält, was er verdient. Wie sich dieses Finale genau vollzieht, wie Roy auf dem Rückweg nach Ohio auf das Serienkillerpaar trifft und wie Alvin in Carls Wagen steigt und wieder herauskommt, wie es dem korrupten Sheriff Brodecker ergeht, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Schon deswegen nicht, weil der Roman fesselnd bleibt bis zur letzten Seite.

Am Ende legt man dieses Buch fast ein wenig erschöpft zur Seite. Erschöpft, nicht etwa von Langatmigkeit und Langeweile, sondern von der Rasanz der Handlung, der Härte des Geschilderten und der schmerzhaften Transparenz der überwiegend abgründigen Charaktere. Die literarische Darstellung einer menschlichen Hölle, in der der Teufel allgegenwärtig ist ("The Devil all the Time" ist der Titel der amerikanischen Originalausgabe) ist auf eine geradezu erschütternde Weise gelungen. Aber kann das wirklich alles sein? Nein - Pollock entlässt seine Leser nicht ohne eine literarische Katharsis, in der sich sogar ein Quäntchen Hoffnung entdecken lässt.

Denn am Ende entkommt der junge Alvin Russel nicht nur dem Verhängnis - wie eine moderne Variante von Melvilles Billy Budd (im Buch nennt sich Alvin an einer Stelle übrigens "Billy Burns") trotzt er ihm sogar, richtet und tötet die Missetäter und Mörder seinerseits nach dem Kompass eines rätselhaften Guten", das er unbeeinträchtigt in sich trägt. Dass dieses Gute", das am Ende reichlich ramponiert aber frei in den Weiten der USA untertaucht, rein gar nichts mit Religion und schon gar nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun hat, ist eine allerdings beunruhigende Quintessenz des vorliegenden Meisterwerkes.

Ein packendes, ein tiefgründiges und aufrüttelndes Buch, wie man es selten liest. Sieben Sterne, wenn es möglich wäre.
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TOP 500 REZENSENTam 29. Juni 2014
Schon seit längerer Zeit wollte ich diesen Roman des mir bis dato unbekannten US-Autors lesen und jetzt habe ich das auch getan.

Donald Ray Pollock kann schreiben, keine Frage - doch sein Entwurf einer rückständigen, bigotten und korrupten ländlichen US-Gesellschaft in irgendwelchen Kuhdörfern in West Virginia oder Ohio kam mir sehr bekannt vor - der große Jim Thompson scheint hier eindeutig Pate zu stehen. Etwas komplizierter und verworrener als dieser, konstruiert Pollock die Lebensläufe diverser Loser, um sie dann zu einem grandios-blutigen Finale zusammenzuführen. Es gibt einen durch und durch korrupten Polizisten, einen sexsüchtigen Pastor, zwei kriminelle Prediger, einer davon hat sich selbst durch Gift zum Küppel gemacht, zur Ehre des Herrn, und ein vollkommen durchgeknalltes Serienkillerpärchen. Dazu Alvin Russel, der nach dem grauenvollen Krebstod seiner Mutter und dem Selbstmord seines Vaters zu seiner Oma kommt.

Wie sich am Ende alles trifft und der Tod vielleicht sogar für etwas Gerechtigkeit sorgt, möchte ich hier nicht verraten.

Laut Klappentext war Pollock Arbeiter in einer Fleischfabrik und dann lange LKW-Fahrer. Ein Mann der harten Arbeit sozusagen, abseits irgendwelcher universitärer Elfenbeintürme, in denen man sich die Literaturpreise gegenseitig zuschiebt. Diesem Mann glaube ich, was er schreibt. Mein Problem ist nur - Pollock erinnert mich in jeder Zeile an Thompson, und es täte mich nicht wundern, wenn er ihn (genauso wie ich) verehren würde.

Nur, leider ist "das Gute der Feind des Besseren" und wer Thompson liest, braucht dann eigentlich keinen Pollock mehr.

Ich bewerte "Das Handwerk des Teufels" daher mit drei Sternen.
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am 13. Februar 2013
Der Roman ist nichts für zarte Seelen und man sollte ihn lieber vor dem Aufstehen als vor dem Einschlafen lesen. Man muss lange nachdenken, bis einem ein ebenso böses und blutiges Buch einfällt.
Aber es ist eine spannende und auf hohem literarischen Niveau geschriebene, rabenschwarze Geschichte, die uns der 1954 geborene Pollock in seinem Romandebüt schonungslos und eiskalt erzählt.
Der Junge Arvin Eugene Russell wächst in den 1950er Jahren in dem kleinen Ortnamens "Knockemstiff" (So auch der Titel des 2008 erschienen Erzählbandes von Pollock) in den USA auf. Er lernt früh, sich für Demütigungen zu rächen. Sein Vater Willard, Kriegsveteran, Alkoholiker, religiöser Fanatiker zwingt ihn, täglich mit ihm zu beten. Als seine Frau unheilbar an Krebs erkrankt, beginnt er an seinem Gebetsbaum Tiere zu opfern, um mit dem Blut Gott zu besänftigen. Doch der Gebetsmarathon der Beiden rettet seine Frau und ihn nicht. Arvin findet seinen Vater mit durchschnittener Kehle im Wald.
Arvin lebt nach dem Selbstmord des Vaters bei seiner Großmutter, die sich auch um die Tochter der Nachbarin kümmert, die von einem Prediger, erstochen wurde, der glaubte, sie hinterher durch die Kraft der Gebete wieder zum Leben erwecken zu können.
Jahre später wird Arvins Stiefschwester von einem anderen Prediger missbraucht.
Und Arvin wird dem jungen Pärchen Carl und Sandy begegnen, das Spaß daran findet, Tramper zu ermorden - und Sandys Bruder, einem korrupten Sheriff.
Das ist nun wahrlich keine Wohlfühlliteratur. Die 1960er Jahre sind eine Zeit der Gesetzlosigkeit, Gewalt und Willkür. Verbrechen bleibt zumeist ungestraft.
„Ich glaube“, sagte Pollock in einem Interview, „ich habe die Welt immer als einen traurigen und gewalttätigen Ort gesehen. Wenn man an die schrecklichen Dinge denkt, die einige Leute auf der Welt anderen antun, dann glaube ich nicht, dass die Gewalt in meinem Buch tatsächlich so abwegig ist.“
Pollock arbeitete in einer Fleischfabrik und anschließend für eine Papiermühle. Mit 45 holte er seinen Schulabschluss nach und besuchte einen Kurs für kreatives Schreiben.
Er treibt seine literarischen Figuren mit eiskalter und schonungsloser Sicht von außen ins Verderben. Da werden bis zum Umfallen die harten Sachen getrunken – und da ist neben viel Blut auch viel Unrat und Schmutz im Spiel.
Wenn man es will, kann man allein in Arvin ein Fünkchen Hoffnung investieren.
Oder in den Autor, der in dieser verkommenen Welt selbst groß geworden ist und diese für uns kraftvoll wieder auferstehen lässt.
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In den Nachkriegsjahren ist ein Menschenleben in den „gottverlassenen“ Wäldern Ohios nicht viel Wert. Alkoholmissbrauch, Perspektivlosigkeit und die traumatischen Erlebnisse des Krieges machen aus vielen Menschen schlummernde Bestien und manchmal braucht es nur einen noch so kleinen Zündfunken, damit sie zu Mördern werden. Religiöser Fanatismus hat unter den einfachen Leuten Hochkonjunktur, so wie auch heute amerikanische Fernsehprediger Massen aufhetzen. Privatsender gab und brauchte es nicht, um auch die irrwitzigsten Exzesse schmackhaft zu machen.
Das Beten an selbsterrichteten blutigen Altären, der alttestamentarische Schritt vom Tier- zum Menschenopfer, der Mordauftrag für die untreue Ehefrau; die Ermordung einer anderen Ehefrau durch den verrückten Wanderprediger, der damit seine irre Annahme unter Beweis stellen will, er könne Menschen nach ihrem Tode wieder zum Leben erwecken: man kann sich kaum vorstellen, dass es irgendwo archaischer und brutaler zugehen kann. Ein Pärchen, dass mindestens einmal im Jahr mit dem Wagen durch benachbarte Bundesstaaten fährt und auf jeder Tour mehrere junge Männer foltert und schließlich tötet, um perverse Fotos von den Sterbenden und Toten zu machen, dagegen nimmt sich Stewart O'Nans Bonnie & Clyde-artiges Setting in „Speed Queen“ fast schon romantisch aus. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, nicht bei der Vorstellung, dass ich dort leben würde, sondern bei der Gewissheit, dass dort tatsächlich Leute unter den von Pollock beschriebenen Lebensbedingungen ihr Dasein fristen. Der beeindruckende Indie-Film „Winter's Bone“ nach dem gleichnamigen Roman von Woodrell spielt genau in diesem Milieu und belegt, dass Pollocks Roman durchaus aktuell ist. Das Leben in diesen Wäldern ändert sich nicht von einer Generation zur nächsten.
Pollocks Roman ist, und das macht ihn für mich literarisch so herausragend, trotz aller Verlockungen nie holzschnittartig. Dass Gewalt neue Gewalt erzeugt ist ein Gemeinplatz, den schon Grundschulkinder verinnerlichen. Aber eben das ist es nicht, was bei Pollock im Vordergrund steht. Und wenn ich mich auch als Leser der trostlos-düsteren Atmosphäre nicht entziehen kann, so steht ihre Darstellung doch nicht im Zentrum von THE DEVIL ALL THE TIME.
Pollock beschreibt Menschen. Er beschreibt sie ohne zu psychologisieren durch ihre Familiengeschichte, ihre Erlebnisse, ihre Taten. Er beschreibt sie in wenigen Sätzen so meisterhaft, wie es manchem vermeintlich so viel wortreicheren und -gewandteren Schriftsteller in einem ganzen Buch nicht gelingen will. Diese unglaubliche Ökonomie der Mittel würde ich eher in einer Short-Story als in einem Roman erwarten. Pollock erzählt in kurzen Kapiteln verdichtet die Lebensgeschichte mehrerer Menschen und Familien und einer ganzen Landschaft obendrein.
Pollocks Beschreibungen sind so wahrhaftig, seine Beherrschung der erzählerischen Mittel so meisterhaft, dass ich mich ihnen nicht entziehen kann, obwohl die Grausamkeiten und Perversionen, obwohl auch die Hoffnungslosigkeit die Lektüre zu einem Albtraum machen müssten.

Es sind Nachrichten aus dem Vorhof zur Hölle, die Pollock übermittelt, und an christliche Erlösung glaubt man nicht. Roy, der Wanderprediger, der seine Frau getötet hat, will nach Meade zurückkehren, um seine Tochter Lenora ein letztes Mal zu sehen. Doch hierzu kommt es nicht. Lenora, 17 Jahre jung und geistig etwas zurückgeblieben, hat sich das Leben genommen, nachdem sie von einem anderen Pfaffen geschwängert wurde und dieser sie als Lügnerin zu denunzieren droht. Das erfährt Roy, fast möchte man sagen gottlob, nicht, denn auf dem Weg zur Tochter wird er erschossen. Mehr Zähne kann die Ironie des Schicksals nicht zeigen.
Und auch das zeichnet THE DEVIL ALL THE TIME aus: Pollock wendet den Blick auch dann nicht ab, wenn der Schmerz des Lebens unerträglich wird.
Und so, wie Kafka über Prag sagte "Dies Mütterchen hat Krallen", so verlassen die Menschen Knockemstiff und Meade, Ohio, zumeist auch nur mit den Beinen voran. Selbst die Utopie eines besseren Lebens ist für viele unerreichbar. THE DEVIL ALL THE TIME!
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am 28. Juni 2012
Ist es ein Wunder, dass ausgerechnet aus den Staaten immer mal wieder Romane kommen, die direkt aus der Hölle stammen könnten? Wahrscheinlich ist es so, dass die Hölle da ziemlich nah dran ist. Vor mir liegt ein Roman, vor dem man sich echt grauen könnte, wenn nicht im Hinterkopf der ständige Gedanke mit tänzeln würde, dass es genauso war und schlimmer noch - ist!!! Grade wurden wieder 79 Kinder, die aus Prostitutionsgründen irgendwo in den USA gefangen gehalten wurden befreit. Hier, in diesen niedersten Instinkten und Lebensdramen, spielt Donald Ray Pollocks unglaubliches Stück: Das Handwerk des Teufels. Diese Beiläufigkeit, mit der hier Leben aus unterschiedlichsten Gründen beendet wird, ist bestürzend.
Es gibt ein paar Fäden die Anfangs kaum, sich aber hinter zu einem Gesamtwerk binden. Das Gesamtwerk eint allerdings, dass alle Protagonisten am Ende tot sind.
Außer einer. Ob aus religiös-fanatischer Sicht oder aus einer Mischung aus Geldgier und verstörendem Kunstanspruch gemordet wird, ist egal. Unbedingt lesenswert, wenn ich auch meine, nach meinem letzten Besuch in den Staaten, der mich im letzten Jahr, durchs Hinterland der Saaten New York uns Massachusetts führte, alles heute genauso möglich ist. Der Roman spielt Ende des 40ger und dann fünfziger Jahre. Heute sieht es in den amerikanischen Kleinstädten ähnlich gespenstisch aus wie damals. Verfallen, verrottet und leer und dunkel. Da kann NYC und Bosten noch so glänzen, Amerika ist ein psychopathologischer Pflegefall.
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am 8. April 2012
Auf "Das Handwerk des Teufels" wurde ich durch eine euphorische Buchempfehlung von Thomas Schindler im ZDF-Morgenmagazin aufmerksam. Entsprechend hoch waren bei mir auch die Erwartungen, als ich mir "Das Handwerk des Teufels" ein paar Tage später kaufte. Diese wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil zeigte sich mit jeder Seite, dass Donald Ray Pollock ein herausragender Roman geglückt ist. Pollock lässt den Leser in dem sehr düsteren Roman in die tiefste Provinz des mittleren Westens der 50er Jahre eintauchen. Er beschreibt eine morbide Zwischenwelt, in der die Menschen ihrem fanatischen Glauben an Gott frönen, vor dem Töten aber nicht zurückschrecken. Der Roman ist zweispurig aufgebaut. Hauptfigur des Romans ist Arvin, dessen Vater ein religiöser Fanatiker ist. Er zwingt Arvin allmorgendlich mit ihm zum Gebet an einem Gebetsbaum im Wald. Als seine Frau an Krebs erkrankt, beginnt er an diesem Baum Tiere zu opfern und dort deren Blut zu vergießen, und schreckt auch vor dem Äußersten nicht zurück. In einem weiteren Handlungsstrang lernt der Leser ein vulgäres Verbrecherehepaar kennen, das es sich zum Hobby gemacht hat, auf der Straße junge Männer aufzugabeln, von diesen Fotos zu machen und sie auf bestialische Weise zu ermorden. Beide Handlungsstränge werden von Pollock zu einer sehr interessanten Mischung aus Road Movie und Psycho-Thriller verquickt. Insbesondere die literarische Qualität des Romans sticht hervor, das Deutsch der Übersetzung ist hervorragend. Pollocks Prosa ist energetisch und präzise. Dabei ist der Autor insgesamt wenig mitleidend mit seinen Figuren. Die von Pollock gezeigten Bilder sind oft von kaum zu überbietender Grausamkeit, die noch lange nach Ende der Lektüre nachwirken, etwa so ähnlich, wie wenn man im Kino sitzt und, nachdem die Projektionsfläche schon längst schwarz ist, noch die zuletzt gezeigte Szene vor Augen zu haben glaubt. Dennoch durchzieht den Roman immer wieder so etwas wie schwarzer Humor, was "Das Handwerk des Teufels" zu einem echten Leseerlebnis macht. Ich halte Donald Ray Pollock für ein großes literarisches Talent, dem mit dem Roman ein großartiges Debüt gelungen ist. Auf die deutsche Übersetzung seines Erzählbandes "Knockemstiff" bin ich auch schon sehr gespannt.
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am 6. Januar 2014
Der mittlere Westen der USA kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges: Willard Russell kehrt von den Schlachtfeldern des Südpazifiks in seine provinzielle Heimat zurück, er verliebt sich und wird Vater. Sein Sohn Arvin ist zehn Jahre alt, als die Familie von einem verhängnisvollen Schicksalsschlag getroffen wird. Doch dabei bleibt es nicht: Bereits zu der Zeit von Arvins Geburt setzen sich düstere Ereignisse in Gang, die die Familie Russell und die Menschen in ihrer Umgebung Jahre später einholen werden.

Pollock verbindet hier mehrere Lebensgeschichten mit Hilfe von einigen Zeitsprüngen über ca. 20 Jahre hinweg von 1945 bis in die späten 60er. Im Mittelpunkt stehen dabei neben der Familie Russell das White-Trash-Ehepaar Henderson und die beiden Cousins Roy und Theodore, welche sich als Prediger, Zirkusattraktion und Gelegenheitsarbeiter durchschlagen.

„Das Handwerk des Teufels“ wird getragen von einer dunklen, verzweifelten und, so meine Wahrnehmung, sehr intensiven Grundstimmung des Untergangs. Das Leben der Menschen ist brutal, dreckig und hart. Gewalt, Alkoholismus, sexuelle Perversionen sind allgegenwärtig, das Leben kann jederzeit würdelos zur Hölle werden oder abrupt zu Ende gehen.

Ich nenne die Stimmung des Buches intensiv, weil der Gewalt hier nichts Pubertäres anhaftet, sie wirkt nicht wie billige Effekthascherei. Im Gegenteil kommt sie, selbst wenn sie nüchtern betrachtet überzogen dargestellt sein mag, authentisch, ernsthaft und sehr nachdenklich machend daher. Man wird den Zweifel nicht los, dass Menschen tatsächlich ein derart sinnentleertes Leben führen können (auch wenn die wenigsten zu Mördern werden). Dies ist unter anderem Pollocks unprätentiösem, lakonisch-nüchternem Stil zu verdanken - über alle Maßen beeindruckend, wie er das hinbekommt. Der Mann meint es ernst. Das Buch enthält, nebenbei bemerkt, eine sehr berührende Szene des Abschieds zweier Freunde, welche trotz der beileibe nicht sympathischen, vielmehr geradezu verabscheuungswürdigen Typen ihre Wirkung nicht verfehlt. Dass Pollock da noch Mitgefühl wecken kann, muss man ihm hoch anrechnen. Die Menschen hinter brutalen Büchern sind im Glücksfall große Humanisten. So auch hier.

Für mich eines der eindringlichsten und fesselndsten Büchern der letzten Jahre.
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Der erste Roman des US-Amerikaners Donald Ray Pollock lässt mit folgenen beiden Worten beschreiben: düster und hoffnungslos. Es geht um das Leben einiger Menschen in Ohio zwischen den 1940er und 1960er Jahren. Unter anderem sind unter den Hauptfiguren der Sohn eines religiösen Fanatikers und Mörders, ein korrupter Sheriff und ein Serienkillerpaar. Die Geschichten der Personen werden zwar einzeln behandelt, fließen aber doch irgendwann zusammen. Die Gemeinsamkeit von Anfang an ist die Kleinstadt Knockemstiff in Ohio, zu der alle Figuren einen Bezug haben - wenn auch über mehrere Ecken. Kleine Notiz am Rande: Donald Ray Pollock wuchs selber in Knockemstiff auf, heute ist der Ort allerdings eine Geisterstadt. Das Leben jeder einzelnen Hauptfigur ist geprägt von menschlichen Abgründen und teilweise religiösen Wahnvorstellungen, die der Autor gut zu beschreiben weiß. Als Leser wird man regelrecht hineingezogen in diese Dunkelheit. Ich hatte oft Schwierigkeiten, das Buch beiseite zu legen, da ich immer wissen wollte, wie es weitergeht. "Das Handwerk des Teufels" ist definitiv kein Buch für Zartbesaitete. Wer sich aber auf die Hölle im amerikanischen Nordosten einlässt, bekommt einen großartigen Roman, den er so schnell nicht wieder vergessen wird.
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am 24. Juli 2015
Kein Buch für Schöngeister oder für zartbesaitete Leser. Pollock benennt die Dinge schnörkellos, seine Sprache ist die des Alltags, die der Straße. Erbrochenes ist bei ihm Kotze. Wenn er vom Geschlechtsverkehr spricht - dann vom Vögeln. Manchmal glaubt man sich inmitten einer verschwitzten Männerrunde zu befinden. Weit nach Mitternacht sind die Herren der Schöpfung zu müde, um schmutzige Witze zu erzählen. Einsilbig und betrunken erfreuen sie sich nur noch mit dem Ausspucken einzelner Worte. „Das von Chandler gesetzte Prinzip des Verzichts auf ‚literarische Pose‘ wird niemals aufgegeben“, schrieb A. Andersch über Marlowes Vater. Diese Worte lassen sich getrost auf Pollock münzen.
Die Menschen gleichen der Landschaft, in der sie leben, in der sie zu überleben versuchen. Das ist bei Pollock nicht anders. Alles und jeder ist rau und von Gott verlassen. Und alles und jeder ist verdreckt. Der Gestank, den Pollock den Leuten und ihrer Umgebung zuschreibt, zog mir beim Lesen in die Nase. Dafür dauerte es, bis ich den Faden entdeckte, der die Geschichte gleichsam führt und hält. Bis zur Hälfte des Buches wirkte auf mich vieles sprunghaft, eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Episode reiht sich an die nächste. (Die hier passende Wiedergabe der Handlung[en] verkneife ich mir mit dem Verweis auf meine zahlreichen 'Vorschreiber'.) Als ich das Buch bereits als eine Collage loser Kurzgeschichten abtun und meine Sinnsuche nach dem Zusammenhang aufgeben wollte, lichtete sich das Ganze. Ein schwacher Schimmer von jener Stelle tauchte auf, an der Pollock sein fiebriges Knäul zunächst öffnete, um es dort wieder einzuholen. Endlich ahnte ich das Finale, war mir sicher, wie alles ausgeht, ausgehen muss. Was die Spannung keineswegs minderte. Im Gegenteil. Ich blieb dran und las auffallend schneller. Schließlich nahm ich auf der Zielgeraden dankbar zur Kenntnis, dass ich richtig lag, mich aber ebenso irrte.
Da Pollocks Sprache bei all ihrer Schonungslosigkeit und Rohheit vor allem bildhaft ist, agieren bestimmt seit Erscheinen des Romans diverse Agenten, um die Filmrechte zu ergattern. Mögen die Rechte an die Coen-Brüder oder, wenn die gerade verhindert sind, an Jim Jarmusch gehen.
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