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70 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So realistisch und frustrierend kann das Leben sein!
Grenzgang ist ein volkstümliches Fest im kleinen Städtchen Bergenstadt, das alle sieben Jahre ausgelassen und übermütig gefeiert wird. Da schlagen die Einwohner schon einmal über die Stränge!
Kerstin Werner ist eine der Mitbürgerinnen in dem kleinen Städtchen. Sie ist 44 Jahre alt, vom Leben enttäuscht und pflegt ihre...
Veröffentlicht am 7. September 2009 von cl.borries

versus
25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verschachtelte Depression
Der Roman beginnt gut, da er das "Normale" erzählt. Nichts Außergewöhnliches, nichts vorgeblich Intellektuelles - nein, etwas Normales eben, das jeder schon mal gefühlt hat, das jeder kennt. Das macht der Autor auch gut - er verlässt diese provinzielle Denkweise nicht während des Schreibens - aber gerade das macht den Roman irgendwann...
Veröffentlicht am 7. Januar 2011 von Lilalu


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70 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So realistisch und frustrierend kann das Leben sein!, 7. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Grenzgang ist ein volkstümliches Fest im kleinen Städtchen Bergenstadt, das alle sieben Jahre ausgelassen und übermütig gefeiert wird. Da schlagen die Einwohner schon einmal über die Stränge!
Kerstin Werner ist eine der Mitbürgerinnen in dem kleinen Städtchen. Sie ist 44 Jahre alt, vom Leben enttäuscht und pflegt ihre Mutter, die an Alzheimer leidet. Dazu muss sie sich um ihren pubertierenden Sohn kümmern, der aufmüpfig und renitent nur noch wenig Grund zur Freude bietet. Hier in Bergenstadt hat sie einst im Übermut des Festes ihren Mann gefunden, ein Kind bekommen und lebt nun, längst geschieden, in einem wenig abwechslungsreichen Alltagstrott vor sich hin. Heute ist das Dorf zum Ort des Rückzugs geworden und bedeutet nur noch Resignation für die verlassene Frau, die einst große Pläne mit einem Tanzstudio hegte!
Der zweite Protagonist, Thomas Weidmann, hat seine geplante Universitätslaufbahn nicht erreicht und ist hier in seinem Geburtsort als Gymnasiallehrer gestrandet. Keiner von beiden ist wirklich glücklich und zufrieden mit dem Leben.

Selten liest man so delikat und eindeutig über Enttäuschung, Bitternis und über vergeudete Lebenszeit wie bei dem jungen Stephan Thome, der mit seinem Debütroman Furore macht.
Er kehrt das Innere nach außen und zeigt die Wut, den Hass, den Zorn und den überbordenden Sarkasmus, der Menschen befallen kann, wenn sie sich betrogen und getäuscht fühlen.
Spießig und langweilig ist das Leben hier, und kaum einer erwartet noch große Veränderungen.
Die psychischen Defizite stehen in krassem Gegensatz zu der blühenden Natur und dem fröhlichen Leben des Dorfalltags, in dem jeder Alteingesessene seinen Platz hat. Anonymität darf man nicht erwarten, denn hier kennt jeder jeden, und man weiß alles über einander.

In großen Zeitsprüngen folgt man dem Leben der beiden Hauptfiguren, die sich in der Lebensmitte befinden und wissen, dass das große Glück für sie vorbei ist. Mit feinem Gespür für die mittleren Lebenskrisen erlebt man die Frustrationen des Alltags, wenn die Visionen der Zukunft sich in Luft aufgelöst haben. Ein Leben als Studienrat ist nicht nur unterhaltsam und stimmt etwa froh, wenn man den Beruf nur als Notbehelf vor dem größeren Lebensentwurf einer Akademikerlaufbahn an der Universität angenommen hat. Die geschiedene Kerstin Werner erwartet ebenfalls keine großen Aufregungen mehr für ihre Zukunft; sie betrachtet sich in der Pflicht für die kranke Mutter und sieht alle Hoffnungen mit dem pubertierenden und renitenten Sohn dahinschwinden.
Dass jeder versucht, dennoch auf Lebenserfüllung zu hoffen, ja, darum zu kämpfen, das gibt dem Roman von Stephan Thome den realistischen Klang, mit dem man seinen pessimistischen Roman erträgt. Er zeigt uns mit seiner Geschichte: so ist das Leben!

Stephan Thome stammt aus dem hessischen Städtchen Biedenkopf und lebt und arbeitet heute in Taiphe/ Taiwan.
Man darf vermuten, dass die Enge seiner Heimatstadt nicht ohne Einfluss auf seine Arbeit und seinen Lebensort ist.
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25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verschachtelte Depression, 7. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman beginnt gut, da er das "Normale" erzählt. Nichts Außergewöhnliches, nichts vorgeblich Intellektuelles - nein, etwas Normales eben, das jeder schon mal gefühlt hat, das jeder kennt. Das macht der Autor auch gut - er verlässt diese provinzielle Denkweise nicht während des Schreibens - aber gerade das macht den Roman irgendwann quälend und die Figuren allesamt auch nicht sympathischer. Nein, die Protagonisten sind nicht sympathisch, sie bleiben seltsam "äußerlich", man hat immer das Gefühl, ihnen beim Leben nur zuzusehen - echtes Mitgefühl kommt da nicht auf. Eher eine Art der Gereiztheit möchte sich irgendwann zur Mitte des Romans einstellen, denn in diesem Debütwerk stilisieren sich alle Darsteller vornehmlich als "Opfer", und das nervt zunehmend beim Lesen.
Der Autor ist ein Meister der verschachtelten Erzählweise. Da muss man sich erst ein wenig dran gewöhnen, an diese Zeitsprünge, die sich alle um das Volksfest "Grenzgang" ranken, dessen seltsame Regeln und Gebräuche sich auch erst allmählich und nur zum Teil erschließen. Das macht Stephan Thome gut: Er erklärt nicht lange vorab, was es mit diesem Grenzgang, dem Dorf oder den Haupt- und Nebenfiguren auf sich hat, welche Geschichte sie mitbringen oder was sie zuvor alles erlebt haben, nein, er startet einfach mittendrin, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch die Provinz, in der Gewissheit, dass er schon irgendwann dahinterkommen wird, um was es geht.
Ja, aber: Um was geht es? Das bleibt ein wenig das Geheimnis des Autors. Es geht um banale Dinge, wie sie in jedem Leben vorkommen, aber subjektiv eben immer als etwas "Großes" erlebt werden. Es geht um das Scheitern von Karrieren, um das Platzen von Hoffnungsblasen, um das Ende von Beziehungen - alles erzählt vor dem Hintergrund eines alle 7 Jahre stattfindenden und etwas seltsam anmutenden Volksfestes, das es in der Realität alle 7 Jahre in der Nähe von Marburg gibt. Und das wird irgendwann zu langatmig, der Autor ergeht sich in endlosen Beschreibungen von Zuständen (wobei er allerdings insbesondere die Befindlichkeit seiner weiblichen Hauptfigur erstaunlich feinfühlig und psychologisch versiert zu Papier bringt!), seine Zustandsbeschreibungen werden irgendwann auch seltsam blumig und fast verschroben, und ab einem gewissen Punkt klebt einem dieses provinzielle Volksfest, das für die Bewohner dieses Örtchens hochpolitische Bedeutung hat, in der Kehle wie gebrannte Mandeln, und man hat Sehnsucht nach etwas Deftigem, Sehnsucht danach, dass endlich mal wirklich was passiert, dass etwas vorwärtsgeht und nichts mehr klebrig ist.
Das scheint dem Autor auch bewusst gewesen zu sein, so dass er die Szenerie plötzlich in einen Swinger-Club verlagert - der Himmel mag wissen, warum! Jedenfalls macht dies das Buch nicht spannender oder fröhlicher, es treibt auch die Story nicht wirklich voran, zumal der Autor die Szenerie auch nicht gut beschreibt - im Gegensatz zu den oft gar zu ausführlichen Beschreibungen des "Grenzgangs" fallen seine Ausführungen zum besagten Swinger-Club ziemlich dürftig aus. Warum er überhaupt diese Kulisse bemüht (und "bemüht" wirkt sie in jedem Fall...) ist etwas rätselhaft.
Fazit: Ein sprachlich gutes Buch mit gutem Beginn, dem ein paar weniger Seiten, ein paar weniger Beschreibungen der Depressionen seiner Protagonisten und ein wenig mehr Schwung, auch mehr Humor und ein paar Ideen mehr gut getan hätte.
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56 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vertrackte Suche nach ein wenig Glück, 4. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein beeindruckendes Debüt des 37-jährigen Autors.
Er nimmt den Leser mit auf einen Grenzgang: Ein dreitägiges Fest, das auf dem historischen Abschreiten der Gemeindegemarkungen des kleinen hessischen Ortes Bergenstadt beruht. Ein Ritual, das nur alle sieben Jahre mit einer Art Volkslauf und ausgelassener, biergeschwängerter Jahrmarktsseligkeit gefeiert wird.

Dieser Zeitrhythmus bildet die Struktur der Handlung: Die Figuren werden über vier Grenzgang-Perioden an den jeweils drei Tagen beobachtet, also über eine Zeitspanne von achtundzwanzig Jahren. So lässt sich einerseits die Stagnation im eintönigen Alltag provinziellen Lebens zeichnen, andererseits der Versuch der Protagonisten, aus diesem auszubrechen und im Festtaumel ihre eigenen Grenzen auszuloten. Es wird daraus ein spannender und packender Bilderbogen des schleichenden Scheiterns unterschiedlicher Lebensentwürfe.
Das wäre vom literarischen Thema her nichts absolut Neues. Aber die Art, wie der Roman montiert ist, wie er durch geschickte Verschränkung von Zeitebenen, durch Rückblenden, Ausblicke und kleine Episoden stets überraschende Einblicke in die biografischen Entwicklungen seiner Figuren gibt, das ließe, wüsste man es nicht anders, auf einen Autor mit langer Schreiberfahrung schließen.

Kerstin Werner, Sport- und Tanzstudentin aus Köln, kommt mit einer leichtlebigen Freundin erstmals zu einem Grenzgangsfest nach Bergenstadt. In der Euphorie des Festes verliebt sie sich in einen angesehenen Anwalt. Baldige Heirat, Kind, junges Familienglück das sich allmählich erschöpft.

Thomas Weidmann flieht einst sein Bergenstadt, studiert in Berlin, strebt eine Unikarriere als Historiker an. Zehn Jahre später platzt der Traum von einer Habilitation. Wunderbar einfühlend beschrieben wird der Weg in seine Krise. Ein verhalten verärgerter, melancholischer Rückzug aus einer beruflichen Demütigung führt ihn zurück in seinen Heimatort, wo dann "ein Leben, das er nie wollte" als Gymnasiallehrer vor sich hindümpelt. Er "lebt auf einem Fundament des Pessimismus, dem besten Schutz gegen Enttäuschung". Um nach einer gescheiterten Beziehung als Mann Anfang vierzig nicht völlig zu vertrocknen, bemüht er gelegentlich Internet- Kontaktbörsen.

Kerstin, inzwischen geschiedene Mittvierzigerin, führt ein ereignisloses Dasein, genervt von einem verstockten, pubertierenden Sohn und einer dementen Mutter. Ein beklemmender Alltag in dem die Freude über einen schön gepflegten Garten und der Traum vom eigenen Tanzstudio doch nicht Alles sein kann? Thomas und Kerstin haben während einer zurückliegenden Grenzgangfeier eine kurze Annäherung. Aber beiden fehlt der Mut, ihren Kokon wirklich aufzubrechen.
Aus dieser Befindlichkeit wird Kerstin von einer, in ihrer bürgerlichen Ehe gelangweilten Nachbarin ermuntert, mit ihr mal einen Swingerclub zu besuchen. Sie macht bei dem kleinen tragik-komischen Abenteuer unbefangen mit um ihrem Selbstmitleid ein Schnippchen zu schlagen. Ein durchaus nicht lustvoller Schrei Kerstins in jenem Etablissement ist der Impuls, ihrem Leben eine entscheidende Wende zu geben. Sie findet neues Selbstvertrauen und will der Sache mit Thomas endlich Schwung zu verleihen.

In der Midlife-Situation der Figuren haben sich über die Jahre gesellschaftliche und soziale Zwänge ergeben, welche abzustreifen nicht ohne seelische Schrammen möglich ist.
Vermeintlich geordnete Lebensentwürfe kommen allmählich ins Schlingern. Kerstin wenigstens hat die Erkenntnis, dass es zum Versuch um ein kleines Glück zu kämpfen, keine Alternative gibt.
Der Roman hat zwar einen pessimistischen Grundton. Doch der Autor lässt seine Geschichte nicht enden wie eine Soap. Das Allgemeine unserer Zeit spiegelt er im Besonderen der Biografien: Realität eben, die sich nicht einfach in die erhoffte Traumwelt umbiegen lässt. Besonders zu vermerken ist der feinsinnige und rücksichtsvolle Umgang mit seinen Figuren.
Als vermeintliche Schwäche könnte man manche Längen empfinden. Man kann sie aber auch erleben als Metapher für zähes, bodenständig behäbiges Provinztum.
Aus vielen verklemmten Dialogen quellen herrlich schweifende Neben- und Hintergedanken. Woher, fragt man sich, nimmt Thome nur diese fantastisch detaillierten Einblicke in die Gedankenwelt insbesondere der Frauen? Formidable!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anrührend, mächtig und mit ordentlich Tiefgang, der jedoch nicht verschreckt., 5. Februar 2013
Von 
Dirk Oltersdorf (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Kindle Edition)
Stephan Thome ist ein Schriftsteller. Und auch wenn das etwas profan klingt, ich meine das als höchstes Lob. Viele Autoren schreiben gute Geschichten, aber nicht viele schaffen es, einer eigentlich banalen, tagtäglichen Lebenssituation normaler Menschen derart viel abzugewinnen. Dazu noch in einem Stil, der fesselt, begeistert und in der Beschreibung der Charaktere und der Landschaft so viele Facetten aufzeigt, dass man sich selbst als Vielleser verwundert die Augen reibt, wie jemand derart brillant beobachten und verdichten kann, ohne bei jeder Gelegenheit den mahnenden Zeigefinger auszupacken und uns vor diesem und jenem zu warnen oder seine Weltanschauung aufzuzwingen.
Sicherlich kein Buch für jedermann und man sollte bereits eine gewisse literarische Erfahrung mitbringen, wenn man sich auf diesen "Grenzgang" einlässt. Denn der Stil Stephan Thomes fordert den Leser auf mitzudenken und hellwach dabei zu bleiben. Für mich ist dieses Buch ein Glücksgriff und ich bin bereits gespannt auf mehr von diesem Schriftsteller.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen zergeht auf der Zunge wie eine sehr reife Mango, 26. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Grenzgang: Roman (Gebundene Ausgabe)
Thome (Pseudonym für Schmidt) erzählt von Menschen um die Vierzig in der hessischen Kleinstadt Biedenkopf. - In Zeitsprüngen von jeweils sieben Jahren nimmt er wechselweise die Befindlichkeit von Thomas Weidmann und Kerstin Werner unter die Lupe. Beide hat es dorthin mehr oder weniger ungeplant verschlagen; jeder leidet an seinem Dasein, ohne dass wirklich etwas Spektakuläres geschieht. Mit Schwerpunkt Sommer 2006 (Fußball-WM in Deutschland) werden in loser Folge kurze Szenen eingeschaltet, die hauptsächlich 1999, z.T. aber auch 1985, 1992 und am Ende auch 2013 (verwirrende Projektion!) angesiedelt sind.

Die Stationen beinhalten: 1. Studentin mit Großstadtaffinität lernt bei zufälligem Besuch des Stadtfestes einen attraktiven Einheimischen kennen, 2. die beiden sind nun jung verheiratet, haben zweijährigen Sohn und eigenes Haus in B (=alles supi), 3. beim nächsten Grenzgang-Fest steht die Musterehe bereits vor dem Aus, Kerstin küsst den ihr fremden Thomas, 4. die geschiedene Kerstin muss mit Thomas wieder in Kontakt treten (sehr-sehr-sehr zögerlich), da er Klassenlehrer ihres etwas missratenen Sohnes geworden ist; dabei kommt es zwischen den beiden Hauptpersonen nach und nach zu Riesling ... (u.s.w.), 5. die Beziehung zwischen den beiden hat konkrete Form angenommen, verläuft aber absehbar problematisch.

Das Ganze liest sich überaus geschmeidig, der elegante Stil und die irgendwie doch interessante Entwicklung der Story nimmt den Leser gefangen. Die Hauptfiguren mussten ihre spezifischen Lebensträume zerrinnen sehen und kreisen in Gedanken und Dialogen auf (manchmal zu) hohem Niveau um die Frage: ist das alles, was das Leben mir zu bieten hat? So findet sich beim Lesen Identifikationsmöglichkeit zuhauf.

Doch vielleicht wundert sich mancher Leser am Ende: ist das alles, was das Buch mir zu sagen hat? Der sinnentleerte - dafür aber umso ausschweifender gefeierte - Grenzgang einer schläfrigen Provinz im Widerschein einer enttäuschten Akademikergeneration, deren hohe Ansprüche an ihren sinnentleerten Lebensentwurf den Alltag zum permanenten Grenzgang am Rande der nicht akzeptablen Wirklichkeit treiben.

Auch wenn Ortsangaben und Veranstaltungsabläufe vom Autor mit genüsslicher Präzision beschrieben werden, so tauchen doch die eigentlichen Vertreter des Provinziellen nur als Schemen oder graue Masse - zum Zwecke der Distanzierung - auf. Das (Abzieh-)Bild erheischt Zustimmung, besitzt keine differenzierten Konturen.

Der Erzähler vermeidet es konsequent, intellektuelle Interessen seiner Protagonisten oder auch ihre Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten zu thematisieren. Der um seine Historikerkarriere gebrachte Thomas wird (ohne sein Dazutun) stellvertretender Gymnasialleiter; Schul- und Erziehungprobleme von Kerstins Sohn verflüchtigen sich wie Schnee an der Sonne; eine vom Wohlleben trotz akuter Pleite ihres Mannes gelangweilte Nachbarin bietet Kerstin die Gründung eines gemeinsamen Tanzstudios an ... Thome selbst ironisiert diese (seine!?) realitätsfliehende Mentalität indem er am Ende Thomas vorschlagen läßt, man solle doch das leerstehende Nebenhaus erwerben, da das von ihm und Kerstin bewohnte "marode Rohre" habe. Probleme erledigen sich beim Wegdiskutieren.

Also, der klassische Roman alter Schule hatte für erwartungsvolle Buchfreunde oft Handfesteres zu bieten. Aaaber vielleicht taugt dieser hier später mal als brauchbares Quellenmaterial für Historiker künftiger Jahrhunderte, die erforschen wollen, wie die Menschen um den Jahrtausendwechsel tickten ...
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Realität pur, 1. November 2012
Vorweg: der beste Roman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe!

21 Jahre erleben wir mit – im Leben vor allem der zwei Protagonisten Thomas Weidmann und Kerstin Werner: Er scheitert in Berlin mit seiner Habilitation und geht zurück in seinen Geburtsort Bergenstadt, einem Provinznest an der Lahn, dort wird er Gymnasiallehrer. Sie bleibt in Bergenstadt nach ihrem Studium in junger Ehe hängen, erzieht ihren Sohn und pflegt später, nach gescheiterter Ehe, ihre demenzkranke Mutter. Einige Nebenfiguren: der Schulleiter, eine Nachbarin, der Exmann, eine Freundin, der Sohn natürlich – wenig Personal. Erzählt wird durchgehend personal in wechselnder Perspektive.

Bergenstadt: Alle sieben Jahre findet hier ein traditionelles dreitägiges Volksfest statt in einem sakrosankt unveränderlichen, merkwürdigen Ritual, an dem die ganze Stadt beteiligt ist, der Grenzgang – und dies gibt den Erzähl- oder Zeitrhythmus ab für den Zeitraum der 21 Jahre: Wir blenden uns jeweils ein in einem dieser Jahre und immer auch in dieses Fest. Erzählt wird nicht chronologisch, Thome springt, sicher nicht willkürlich, immer aber erhellend, Vorgeschichten wie den Ablauf des Geschehens betreffend. Am Ende, erst aber am Ende bilden Thomas Weidmann und Kerstin Werner ein Paar, auch sie berufstätig.

Was hat mich so beeindruckt?
• Zunächst einmal der Stoff: die bürgerliche Mittellage, Menschen in mittlerem Alter, das bedeutet zum einen Single-Existenzen, zum anderen Ehekrisen, Konfliktdialoge und die Frage nach Alternativen, Erziehungsprobleme, Umgang mit der demenzkranken Mutter.
• Die weitgehend gelungenen Darstellungen von Intimität und Sex.
• Die sehr sensible, einfühlsame Erzählweise, die gelegentlich ungemein genauen, eindringlichen sprachlichen Bilder zur Darstellung von Empfindungen, Stimmungen und Atmosphären, die weitgehend gelungenen Dialoge.
• Das spannende Spiel mit Rückblenden und Fortgang des Geschehens.

Was hat mich gestört?
• Die gelegentlich zu grobe, in ihrer Körperlichkeit zu grobe Sprache, überflüssig die Thematisierung von Verdauungsausscheidungen.
• Das zu Beginn wenig plausible Verhalten Weidmanns (Kündigung: S. 53, 58)
• Gelegentlich angestrengt künstliche, wenig plausible Dialoge (S. 178, 364f)
• Vor allem: Thome hat offenbar keine Ahnung vom System Schule (S. 350) und der Existenz eines Geschichts- und Französischlehrers; Weidmann ist in dieser Hinsicht unrealistisch gezeichnet, nämlich berufslos.

Trotz der kritischen Töne (ein wenig beckmesserisch?), ich bleibe dabei: einer der besten Romane der letzten Jahre, erschienen 2009.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was war vor 7 Jahren? Was wird in 7 Jahren sein?, 29. April 2014
Alle sieben Jahre wird in einem Ort in der hessischen Provinz für drei Tage das so genannte Grenzgangfest gefeiert. Sieben Jahre, in denen viel geschieht. Immer wieder in Zeitsprüngen (aber immer rund um den Grenzgang) erzählt Thome wie Leben, Liebe, Blick auf die Welt sich ändern- oder eben nicht, dabei fühlt sich das Erzählte sehr nah, sehr echt an, oft werden Stimmungen und Gefühle mehr zwischen den Zeilen erzeugt. Der Grenzgang wird mit viel Tradition, viel Alkohol und mit Pflicht zur guten Laune gefeiert, ist aber gleichzeitig jedes Mal ein ungewollter Meilenstein, um Bilanz zu ziehen, zurück und nach vorn zu schauen und sich seinen Wünschen und Ängsten zu stellen. Ich habe das Buch verschlungen und nicht zuletzt eine Liebesgeschichte gefunden, die so wirklich und ehrlich heute selten zu finden ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Viel Text, wenig Inhalt, 11. Mai 2014
Am Anfang des Buches war ich noch neugierig, was es denn mit dem "Grenzgang" auf sich hat.
Ich habe mich gewundert, in wieviel Belanglosigkeiten und Banalitäten sich der Autor seitenweise ergeht. Nach endlos vielen Seiten ohne Spannung, ohne Tiefe der Personen ohne Humor habe ich aufgegeben.

Wieder einmal fühlte ich mich von den Buchkritikern, die von der genialen Erzählweise u.s.w. eines Stephan Thome schwärmten, hinters Licht geführt.

An diesem derart laaaaaaaaaaaangweilig geschriebenen Buch konnte ich so gar nichts finden, das mich berührte, interessierte, geschweige denn ein bischen Gänsehaut erzeugte.

Ergebnis: wie Suppe ohne Salz.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ausgezeichnet, 8. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Autor versteht etwas vom Schreiben, ich bin begeistert. Sein Stil, seine differenzierte Wortwahl, seine Satzkonstruktionen sind eine wahre Freude und bei deutschen Autoren leider selten geworden. Mich erinnerte es sehr an amerikanische Literatur der Siebziger- und Achtzigerjahre (Alison Lurie, John Irving).
Der Inhalt des Buches selbst ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Es passiert ja eigentlich auch nichts wirklich aufregendes. Mir gefiel's, ich fühlte mich in das Geschehen hineinversetzt, konnte die Beziehungen der Personen untereinander so gut nachvollziehen, als wäre ich selbst dabei. Nie wurde es übertrieben, nie seicht, nie kitschig.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ich bin dumm aber glücklich, 4. August 2013
...dieser Refrain fällt mir eben, nach Beendigung des Buches ein. Aber leider - auch das dumm sein kann man sich nicht selbst aussuchen (man ists halt), und dumm oder angepasst stellen funktioniert eben immer nur für begrenzte Zeit - Situationen oder Lebensphasen. Allein mit sich, stellen sich - früher oder später - unangenehme Fragen ein: Was will ich eigentlich? Was wollen andere von mir? Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Soll das immer so weiter gehen? Gibt es eine Chance, Hoffnung auf Kurskorrektur? Ja, vermutlich ist das ein "40er"-Thema, biologisch oder "vorgealtert", aber doch wohl kein ausschließliches "Intelligenzler-Problem", wie die Allerweltsmenschen in Thomes Roman verdeutlichen.

Sicherlich erschließt sich der - rein äußerliche - Handlungsstrang vom Grenzgangsfest besonders denjenigen Lesern, die selbst aus der Provinz stammen und dieser irgendwann - weil als zu beengend empfunden - den Rücken kehrten, um den Traum von der Selbstfindung und -verwirklichung in der "großen Stadt" zu suchen - der Karriere oder Subkultur wegen, eigentlich egal. Und die dann, Jahre später, zurückkehren (aber nur physisch) und sich fremd und ausgeschlossen fühlen beim Anblick von Altersgenossen, denen es vergönnt war, sich ganz komplikations- und widerspruchlos zu integrieren in diese volkstümliche Traditionsgemeinschaft. Vielleicht doch nicht die schlechteste Wahl, "beschränkt" zu leben - jedenfalls im Vergleich zu den individualistischen "Zerdenkern", die ihr Erleben an einem fragwürdigen und häufig unrealistischen "Idealbild" messen und die deshalb grundsätzlich allem & jedem inklusive ihrer selbst mit Skepsis und Distanz gegenüber treten?

Ich bin tief beeindruckt von der Klugheit und sprachlichen Brillanz (ok, ein paar mal zu viel "profund" fielen mir Stänkerer negativ auf ;-), mit der Thome bei seinen Protagonisten langsam und eher zufällig die Einsicht entstehen lässt, dass sie sich und ihrem Glück viel zu lange selbst im Wege standen. Zu viele Fragen, zu viel Vergangenheitsbewältigung, zu viel Zaudern, zu wenig Vertrauen in sich und andere = kein Spaß. Und siehe da: die persönlichen "Grenzüberschreitungen" produzieren die erstaunlichsten Erfahrungen und Begegnungen - man ist, auch in fortgeschrittenem Alter, gar nicht (nur) der o. die, für den man sich hält. Ein wenig Mut, über den eigenen Schatten zu springen, und die Bereitschaft, neue und nicht immer nur angenehme Erfahrungen zuzulassen, gehören natürlich schon dazu.

Vier anstelle von fünf Sternen vergebe ich einfach aus dem Grunde, weil das nicht gerade dünne Buch über weite Strecken aus zuweilen langatmigen Alltagsbeschreibungen in Küche, Bad & Garten besteht - und da begegnen wir, insofern stimmig jedoch wenig spannend, nicht den wirklichen, sondern eingebildeten Grenzen.
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