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205 von 230 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Nach mehr als 700 Seiten, die inhaltlich und sprachlich nur als überwältigend zu bezeichnen sind, steht der Schreiber dieser Zeilen nun vor der Herausforderung, zumindestens in Ansätzen zu vermitteln, welche Ideen und Konzepte im Zentrum dieser Darstellung stehen und warum sie eine möglichst breitgefächerte Leserschaft verdient. Dass es dabei zu Vereinfachungen kommen wird, lässt sich nicht vermeiden.

Im Zentrum von "Du mußt dein Leben ändern" steht der Mensch. Der Mensch als ständig übendes Wesen, welches sich bemüht, in dieser Welt einen Platz für sich, einen Sinn zu finden. Für dieses Bestreben verwendet Sloterdijk den Begriff Anthropotechnik. Diese doch recht technokratisch anmutende Bezeichnung erklärt Sloterdijk als "die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren" (23). Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben, alles menschliche Üben, aus dem Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit auch die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse von Übungen sind. Sloterdijk formuliert anschaulich: "In Wahrheit steht der Übergang von der Natur zur Kultur und umgekehrt seit jeher weit offen. Er führt über eine leicht zu betretende Brücke - das übende Leben" (25).

Ich denke, dass man zugespitzt formulieren kann, dass Sloterdijks Darstellung im Grunde genommen nichts anderes ist, als ein Blick auf die Übungsverfahren des Menschen in den vergangenen 3000 Jahren. Dabei liefert der Autor unter anderem eine Tour de Force durch die abendländische Philosophiegeschichte, wobei ein Denker ganz eindeutig im Zentrum des Buches steht: Friedrich Nietzsches. Das Denken Nietzsches im Hinterkopf formuliert Sloterdijk den Kerngedanken seiner Darstellung: "Sein Leben ändern heißt nun: durch innere Aktivierung ein Übungssubjekt heranbilden, das seinem Leidenschaftsleben, seinem Habitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, den man Ethik nimmt, entspringt aus der Geste der Konversion zum Können" (306). Dies ist im Grunde genommen nicht weniger als eine Neuformulierung des Nietzscheanischen Übermenschen. Der Mensch selbst nimmt sein Leben in die Hand, der Mensch selbst will formen und nicht bloß geformt werden, der Mensch selbst kreiert die Maßstäbe seines Handelns, seine Wertegerüst oder, in den Worten Sloterdijks, seine Übungszone. Sloterdijk zeigt sich ganz deutlich als Nietzscheaner, wenn er im Sinn der Ausweitung der menschlichen Übungszone und der menschlichen Möglichkeiten die schöpferische Kraft des in unserer Kultur oft verschmähten Egoismus betont: "Wo man den Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs-Verfahren zu verdammen, findet man bei genauem Hinsehen die Matrix der herausragenden Tugenden" (378). Die Ähnlichkeit zwischen dem übenden Menschen und dem Übermenschen ist nicht nur phonologischer, sondern auch und vor allem semantischer Natur. Sloterdijk selbst nimmt hierzu indirekt Stellung und formuliert: "[D]er 'Übermensch' impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm" (178).

Eng zusammenhängend mit der Auseinandersetzung mit Nietzsche und gleichsam geprägt von seinem Denken ist Sloterdijks Analyse des Religionsphänomens, welches er konkret mit Bezug auf seine Fragestellung nach dem übenden Leben behandelt. In seiner typischen Art definiert Sloterdijk Religionen als "mehr oder weniger mißinterpretierte anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten" (134). Religionen haben stets etwas Pathologisches an sich, sprich, die Neurosen oder Psychosen eines Individuums oder einer Gruppe schaffen es, sich mit einer Aura einer absoluten Wahrheit zu umgeben. In einem der Höhepunkte des Buches zeichnet Sloterdijk die Genese einer Religion am Beispiel von Scientology nach (133-175). Bezüglich seiner Fragestellung interpretiert Sloterdijk Religionen als außer Kontrolle geratene Übungssysteme, welche ihre Mitglieder auf Kosten der Bildung einer Gruppenidentität missbrauchen. Religionen, so Sloterdijk, entstehen dadurch, "daß ein ethischer Übungsprozess zu Zwecken kollektiver Identitätsbildung umfunktioniert wird - auf diese Weise wandelt sich die spirituelle Übung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die billige Besessenheit, die man die Konfession nennt. Dieser 'Glaube' ist Hooliganismus im Namen Gottes" (372).

Dies waren nur zwei, wenn auch zentrale, Aspekte, die in "Du mußt dein Leben ändern" angesprochen werden. Weitere Übungszonen, die behandelt werden sind, eigentlich logischerweise, das Bildungssystem und der Sport. Gerade im Sport sieht Sloterdijk das Potential, die Möglichkeiten des Menschen auszuschöpfen und zu neuen Höhen zu treiben. Diese Möglichkeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten jedoch mehr und mehr korrumpiert. Hier findet sich ein besonders exemplarisches Beispiel für Sloterdijks Sprachduktus, wenn er schreibt, dass der Sport den "schon jetzt vorgezeichneten Weg der Selbstzerstörung weiter[geht], auf der debile Fans ko-debile Stars mit Anerkennung von ganz unten überschütten, die ersten betrunken, die zweiten gedopt" (660). Vielleicht ist es nur persönlicher Geschmack, aber meiner Ansicht nach wird dieser Satz genialer, je öfter man ihn liest.

Fazit: "Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann" (699). Und genau aus diesem Grund liest sich Sloterdijks Buch wie ein flammendes Plädoyer für die Ausweitung der Übungszonen eines jeden Menschen. Der übende Mensch ist die Quelle aller Kultur, lebender Ausdruck des Menschenmöglichen. Es wirkt streckenweise so, als wolle Sloterdijk uns an den Schultern packen, um uns aus unserer Passivität, die uns gerade in Krisenzeiten zu überwältigen droht, zu reißen und uns an den akrobatischen Über-Übungsmenschen in uns zu erinnern. Dabei muss jeder Mensch bei sich selbst beginnen: "Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet" (636) zitiert Sloterdijk passend. Daher ist auch die Wahl der Pronomen im Titel unbedingt ernst zu nehmen: DU musst DEIN Leben ändern!
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 26. Juni 2012
Sloterdijk ist mit seinen (heute!) 65 Jahren noch immer das "enfant terrible" der deutschen Philosophie. Auch im Anthropotechnik-Buch von 2010 grenzt er sich in bemerkenswerter Weise von den zumeist ungeliebten Kollegen im geisteswissenschaftlichen Betrieb ab, der seiner Ansicht nach nur noch spezialistisch um sich selber kreist. Sein eigener Ansatz lebt demgegenüber von historisch aus- und diskursüber-greifenden Sprachspielen, die in methodischer Hinsicht insbesondere als kulturanthropologisch und systemisch zu kennzeichnen sind.

Wie (fast) immer bei diesem Autor kann der Leser, der bereit ist, sich auf die manchmal allzu flotte Formulierungskunst einzulassen, von der abgebrüht-klugen, begriffs- und metaphernstarken Analyse der menschlichen Zustände auch in diesem Buch nur profitieren. Im besten Fall fühlt er sich nach dem Durchgang durch die Übungsgeschichte(n) der Gattung vielleicht aufgefordert, das titelgebende Rilke-Zitat vom zu ändernden Leben für seine eigene Lebensspanne und -spannung (horizontal-alltäglich wie vertikal-aufstrebend) neu zu durchdenken.

Die global-planetare Veränderungsperspektive, mit der Sloterdijk endet, bleibt allerdings in unscharfen Andeutungen stecken. Wie eine völkerübergreifende Ko-Immunisierungsstrategie und -praxis der beteiligten Menschen (mit dem ethischen Auftrag, ihre Lebensgrundlagen durch die richtigen "Übungen" zu retten) tatsächlich aussehen könnte, weiß auch Sloterdijk sich nicht wirklich auszumalen.

Dennoch hätte der Inhalt des Buches fünf Sterne verdient. Allerdings muss mindestens ein Stern abgezogen werden, weil die hier besprochene Kindle-Version nur so vor (vermutlich: Scanning-) Fehlern strotzt, die regelmäßig zu unverständlichen Wörtern und Formeln führen. Einfachstes Beispiel: "Platonismus" wird durchgängig "Piatonismus" geschrieben. Was hier vom Leser noch relativ leicht "zurückgerechnet" werden kann, gibt in längeren (oft auch fach-/fremdsprachlichen) Formeln unnötig lange (und vom Thema weg) zu denken. Hanebüchene Fehlleistung des Verlages. Die Kindle-Version kann NICHT zur Lektüre empfohlen werden.
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245 von 293 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Läse man den neuen, 700 Seiten dicken Sloterdijk "Du musst Dein Leben ändern" von hinten aus, würde man zum einen einer Hausfrauenweisheit begegnen: So kann es, meint der Meister auf der Seite 699, nicht weitergehen! Mit der Unordnung in der Welt und unter dem Sofa nicht, und nicht mit der Verwirrung des Geistes und den aufgelösten Maschen des Pullovers. Nicht dass die Sicht einer Hausfrau (natürlich sollte sich der Hausmann auch angesprochen fühlen) verächtlich wäre. Im Gegenteil. Zur Erfassung der wirklichen Lage benötigt sie häufig weniger Zeit als dieser oder jener Philosoph. Aber die Erkenntnis des So-geht-es-nicht-weiter ist, ohne das Aufnehmen der Maschen und das Verrücken des Sofas, ein unziemlich kleiner Hebel, um die Änderung der Zustände herbeizuführen. Geschweige, dass man die Änderung der Umstände damit angehen könnte. Das allerdings wäre der Weltkrise angemessen.

Vielleicht hülfe ein anderer Gedanke Sloterdijks der Welt-Lage zu einer Änderung, zum Weitergehenden: Sein Wunsch, der einzelne solle begreifen, dass der wahre Egoismus in der "Größerformatierung des Eigenen" zu sehen sei. Das hat Jesus, wenn es ihn denn gegeben haben sollte, bereits besser auf die griffige Formel von der Nächstenliebe gebracht. Auch findet sich dieser erweiterte Egoismusbegriff konkreter bei den sozialistischen Vordenkern und unter den jüngeren Nachdenkern hat es Dietmar Dath mit der Formulierung "Ich habe nichts gegen Egoisten. Bloß ein bisschen egoistischer könnten sie sein" auf den Punkt gebracht, an dem das einzelne Interesse eben nur kollektiv wahrgenommen werden kann. Wenn also gegen Ende des Buches die Binse der Stoff ist, aus dem die Sloterdijksche Weisheit gemacht ist, muss man vielleicht seinen Produktionsweg verfolgen, um seiner Wahrheit nahe zu kommen.

Ganz vorne im Buch ist Rilke. Der hatte, bei der Betrachtung eines in Stein gehauenen Torso, sein allfälliges Gedicht mit dem Imperativ "Du musst Dein Leben ändern" enden lassen. Diese "Stimme aus dem Stein" nimmt Sloterdijk auf, um sie auf den nächsten Buchseiten transzendieren zu lassen. Schließlich heißt ja die Zeile, die er sich zum Motto seines Buches gewählt hat, nicht `Du musst DAS Leben ändern'. Das wäre dem Autor ein vulgärer, geradezu gewerkschaftlicher Appell: Wir wollen gemeinsam dieses oder jenes, wir erkennen die Welt, um sie zu verändern. So nicht. Der einzelne muss sich ändern. Wohin auch immer. Und weil das so sein sollte, muss er mächtig üben. Wer jetzt denkt, es käme das übliche `Übung macht den Meister' der hat den Nietzsche nicht verstanden, den uns Sloterdijk als seine wesentliche Inspirationsquelle angibt.

Bei Nietzsche findet Sloterdijk seinen Trainer für das akrobatische, das asketische und leistungsorientierte Wesen, das ihm für die Änderung der Welt vorschwebt. Eine Stelle in Nietzsches Zarathustra - als Zarathustra einen gestürzten Seiltänzer tröstet, er habe aus der Gefahr einen Beruf gemacht, das hebe ihn aus dem Rest der Menschen heraus - dient dem Philosophen als Beleg für die Akrobatik-These. Lobend erkennt Sloterdijk in der Nietzsche-Metapher die Abgrenzung der Eliten von den Gewöhnlichen: Eine Gemeischaft neuen Typs entstehe, die "nicht Beitragszahler in einer versicherten Gesellschaft" sei, "sondern Mitglieder des Vereins gefährlich Lebender". Vom Akrobatischen gelangt der Philosoph zum Sport als Gleichnis für die Notwendigkeit des Übens, und man erkennt nicht so recht, ob ihm Leni Riefenstahls olympische Körperästhetik vorschwebt oder doch eher Walter Ulbrichts jovial-praktisches Wort "Jeder Mann an jedem Ort - einmal in der Woche Sport."

Weil dem Sloterdijk die Akrobatik und deren Leistung eine Herzensangelegenheit ist und er seine Sorte von Beweisen für seinen Aufstieg der Menschen durch Akrobatik überall finden möchte, gerät ihm jene Himmelsleiter in den Kopf, die im 1. Buch Mose dem Jakob erscheint. Während die gewöhnliche Bibel-Exegese an dieser Stelle nichts anderes interpretiert als die mythische Stiftung einer Religion, sieht Peter Sloterdijk eine "Akrobatensache von Anfang an" und auch "gute Gründe, zu behaupten, die Geschichte Alteuropas sei unter vielen Aspekten die Geschichte der Übersetzung der Jakobsleiter". Wenn einer eine Meinung hat, dann hat er was zu verlieren. Und wenn es die wissenschaftliche Reputation ist, die man preisgibt, um einer fragwürdigen Konstruktion einen Hauch von Plausibilität zu verleihen.

"Wer je seinen Mantel an einen Adolf-Loos-Garderobehaken gehängt hat, besitzt einen Maßstab, der sich nicht vergisst", schreibt Sloterdijk seinen "britischen und amerikanischen Kollegen" ins Stammbuch, die natürlich nicht über Haken des avantgardistischen Wiener Architekten verfügen und die man deshalb "nie wieder ernst nehmen kann". Wenn man einen solchen Satz doch für Satire nehmen könnte! Doch wird er im Zusammenhang mit einer Kultur-Definition genutzt, die sich an Wittgenstein anlehnt und in einer Überschrift mündet, die behauptet "Kultur entspringt aus Sezession". Als wäre Kultur nicht die Gesamtleistung menschlicher Gemeinschaften, sondern nur ein Ergebnis elitärer Abspaltung von der Gemeinschaft. Das ist einer der Haken bei Sloterdijk: Ihm fehlt die Einsicht in die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung, in jene kollektive, breite Anstrengung, die letztlich der Kultur die großen, einzelnen Entwicklungen ermöglichte.

So kommt es wie es kommen muss: Innovationsbereitschaft, so glaubt der Philosoph, wenn er sich den aktuellen Fragen nähert, kommt aus dem "Kreditstress, der wachsende Populationen von Schuldnern in Form zwingt". Das Wort Innovation, zerschlissen vom inflationären Gebrauch in Bankenprospekten, Autoreklamen und Politikbroschüren, bedeutet Neuerung. Insofern hat Sloterdijk so recht wie der dümmliche Bundespräsident, der in der Krise auch eine Chance zu Erneuerung sieht, gleich was die Krise kostet und wer sie verursacht hat. Wessen Denken in so kleinen Karos zu finden ist, der glaubt auch, dass sich die "neuzeitlichen Bankiers . . . als die effektivsten Motivatoren für intensivierende Veränderungen erweisen".

Wenn Sloterdijk von der "asketischen Revolte" schreibt, seinem Mittel, aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit zu gelangen, dann wird er beispielhaft deutlich. Den Hunger zum Beispiel soll man mit dem Fasten bekämpfen: So macht man "aus einer demütigenden Passivität eine asketische Tat". Wie weit das Fasten reichen soll, bis zum Tode durch eine Null-Diät vielleicht, sagt der Autor nicht. Aber sicher fungiert der Akrobat Sloterdijk mit seiner Verzichts-These als Untermann für all jene, die öffentlich das Wasser von Lohnverzicht, Rentenverzicht oder Verzicht auf Krankenkassenleistungen predigen und sich hinter den Kulissen mit den Zuwendungen aus den Arbeitgeberverbänden volllaufen lassen.

Sloterdijk ist der Lobby-Philosoph der Krise. Einer, der trotz einer ihn umgebenden Wirklichkeit weiss, dass jenes "durch Beleihung von Eigentum geschaffene Geld . . das universale Weltverbesserungsmittel" ist. Das wird ihm jeder amerikanische Hypotheken-Schuldner sicher gerne bestätigen. Einer, der die Globalisierung für ein prima Mittel hält die "Passivitätskompetenz (meint Faulheit)" zu ändern. Hartz IV-Empfänger werden dieser These fröhlich zustimmen. Einer, der sein Buch mit dem Satz einleitet: "Die folgenden Untersuchungen gehen von ihrem eignen Ergebnis aus". Das ist Merkel-Philosophie von jener Art, die vorher weiß was nachher kommt, gleich was vorher war und nachher ist. Es ist die Krise der Philosophie, die Umstände der Welt opportunistisch interpretierend, nicht etwa sie verändernd.
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26 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 100 REZENSENTam 26. September 2009
Sloterdijk Reflektionen betrachten einen Zeitraum von fast 3000 Jahren Menschengeschichte. Sie gehen von der ersten Religion zu den bekannten antiken Philosophen, den Heiligen des Mittelalters, bis zu Wittgenstein, Kierkegaard, Kafka und Nietzsche. Bei diesen Reflektionen werden auch die asiatischen Philosophen und Weisen einbezogen.
Für die Leser die sich mit diesen Philosophen schon beschäftigt haben, ist das Buch eine wunderbare Zusammenstellung zu dem Gedanken der "vertikalen Spannkraft", zwischen dem Menschen und Gott. Für Leser die sich noch nicht mit philosophischen Gedanken beschäftigt haben, kann das Buch eine Anregung sein, sich mit den Gedanken von Seneca, Platon, Heraklit, Marc Aurel, usw. zu beschäftigen.

Der Autor zeigt dem Leser die Bedeutung der von "oben" ansetzenden Zugkräfte. Mit einem sehr plastischen Beispiel beschreibt der Autor dieses Phänomen der Vertikalspannungen mit Rainer Maria Rilkes Sonett Archaischer Torso Apollos. Dieser Torso ist eben keine vollendete Statue antiker Schönheit. Der Leser erkennt, er selber ist dieser Torso, er kann aber auch aus ihm heraus treten und sich selber betrachten und so die fehlenden Teile erkennen. Der Betrachter hat nun die Möglichkeit sich selber zu vervollständigen.
Gleichzeitig wird der Mensch vom Torso betrachtet. Dabei spiegelt der Torso Religion, Ethik und Askese, die von oben (Gott) abstrahlt, als die durchlichtete Äußerung des Seins. Die "Stimme" aus dem Stein mahnt den Betrachter, widersetz dich nicht dem Appell zur Form! Diese Wechselwirkung mit dem "Inneren Wächter" ist die Spannkraft und gleichzeitig die Aufforderung an den Betrachter: "Du mußt dein Leben ändern."

Der Autor verfolgt dann diesen Imperativ im Laufe der Menschheitsgeschichte und verweist in dem Buch z.B. auf den Satz von Baltasar Gracián: "Mit einem Wort, ein Heiliger sein". Ist damit alles gesagt, reicht bereits diese kluge Trainingsanleitung für den oben genannten ethischen Imperativ?
Oder muß die Philosophie, wie es Foucault fordert, wieder zu einem Exerzitium der Existenz werden?
Reicht unter Umständen bereits die Empfehlung die Jean Genet dem Seiltänzer mit gab, "Sich immer bewußt zu halten, daß er dem Seil alles verdankt."
Müßte der Betrachter des Torsos vielleicht nur auf die innere Senkrechte achten und prüfen wie der Zug von oben auf ihn wirkt?
Möglicherweise sollte man Sokrates folgen der im Kriton sagte: "Gehen wir den Weg den der Gott uns führt."
Vielleicht sollte man lieber einen ökologischen Imperativ beachten, der wie folgt lautet: "Handle so, daß die Wirkungen Deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden"?

Fragen über Fragen! Erfahren sie in dem Buch, ob man durch Selbstreflektion und täglicher Übung dazu kommt, dem Torso die fehlenden Teile hinzufügen....

(Wem diese Reflektionen auf fast 710 Seiten zu schwer sind, findet ähnliche Gedanken in dem Buch Morgendämmerung der neuen Zeit. Vom Sinn im Sein)
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. Januar 2012
Einblicke in die Welt der Sezession

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische Hilfe von diesem Buch verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Zunächst muss der sich aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass "eine Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen" aus dem einfachen Grund, weil es keine "Religion" und keine "Religionen" gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme" (Zitat), "Anthropotechniken" genannt, "sozio-immunologische Praktiken", die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

Zitat: "Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren". Anthropotechnik sei keine Biotechnik. "Wer darauf achtet, dass es heißt, "Du musst dein Leben ändern" und nicht, "Du musst das Leben ändern", hat schon im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt."

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt, 3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik, 2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, "Sezessionisten", "Asketen", "Sakroathleten" und "Geistesakrobaten" vergangener Zeiten und Kulturen - auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation "Sakroathlet" - und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer - es sind fast ausschließlich Männer - jener Zeiten zu ihrer epochalen "Sezession" bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto "Du musst dein Leben ändern" als dem aktuellen "Absoluten Imperativ", den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen. Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass "der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe". Aber Sloterdijk ist überzeugt: "Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!" (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die "Sezessionisten" aller Zeiten - vor allem für Friedrich Nietzsche - in Ehren, aber sind sie mit ihrer - Lebensänderung - denn wirklich die "Zeitenwender", die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: "Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!" (Zitat) Aber gibt es heute nicht auch "faktisch Neues unter der Sonne", das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde. Deswegen ist hinter die Forderung "Du sollst dein Leben ändern!" als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen."

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer Philosophentradition, die Ideen - "Vertikalspannung" - für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren Platz hat und für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es "Religion" und "Religionen" eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme - Anthropotechniken - seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten? Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die von ihm ' und nicht nur von ihm ' als bedrohlich empfundene Wiederkehr der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession. Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung - mit Ritualen - zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese "spirituellen Übungssysteme" ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: "Du musst dein Leben ändern!" mutiert zur Forderung, "Du musst wieder religiöser werden!". "Aufklärung" kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei's geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien nicht ausgeschlossen. Insyallah!
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am 22. Januar 2010
Peter Sloterdijk hat über eine Phänomenologie des Übens sein Eintreten für Fleiss, Leistung und das Abmühen aufgedeckt. Das ist angesichts des eigenen Schaffensdrangs und seiner Belesenheit nicht verwunderlich. Er lässt damit seiner Generation die bunten Pluderhosen etwas herunter, in der zuweilen die kultivierte Funktions- Leistungsstörung als Evolution verstanden wird.
Daher der Aufschrei in manchem Feuilleton, der Mann sei reaktionär konservativ geworden. Die konservative Seite findet es auch nicht nur klasse, weil die Änderung eingefordert wird zu den aktuellen Krisen, also auch dezidiert der ökologischen und der wirtschaftlichen. Dabei fällt durchaus ein Name wie Hans Jonas. Das Einrichten im Gemütlichen, der unangestrengten Kunst und einer Schulerziehungskultur ohne Werte und Leistungskultur werden ebenfalls Absagen auf die Zukunftsfähigkeit erteilt. Globalisierte Herausforderungen benötigten gemeinsame Werte und die Zurückdrängung des Hegemoniellen.

Für den Rundumschlag holt er fast 700 Seiten lang aus in einer Detailierung- ja fast Apotheose- des Übens. Artistik, Askese, trainierende Übertreibung und Sport werden behandelt- auch in ihren Auswüchsen. Die vergessene Meisterschaft des lange erlernten Handwerks hat ihren Platz. Eine Aufnahme im Geistigen über 3000 Jahre von den Stoikern über die Brahmanen und östlichen Meister zu christlichen Exercicienleitern der Kirchenväter arbeitet erstaunliche Parallelen heraus.
Nitzsches philologische Kulturleistung begegnet einem ebenso wieder wie das bekannte Arsenal des Autors von Hugo Ball bis Heidegger. Der Titel des Buches, der für sich nahe am Punktabzug wäre, stammt aus einem Gedicht Rilkes, dessen furiose Interpretation alleine schon "das Eintrittsgeld" wert wäre.
Angesichts vergangener Debatten wundern die Hiebe auf die Frankfurter Schule ebenso wenig, wie die kritische Sicht zu Sartres Gulagleugnung und eigener geistiger Leistung. Man könnte noch mehr erzählen, doch lesen Sie lieber selbst! Es lohnt sich.
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am 2. Februar 2013
Auch das Können muss man können. Wer eben wirklich gut sein will, muss üben. Denn alles Leben ist Übung, ewige Übung. Und wir Menschen üben stets, auch wenn wir es nicht feststellen oder beabsichtigen.
In scharfsinniger Weise gibt uns Peter Sloterdijk die Geistesgeschichte des Übens und erklärt uns zugleich das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, in dem er sich die Erde untertan gemacht, im Guten und im Schlechten, in der Emanzipation und im Völkermord. Überall haben wir uns verändert, wo wir geübt haben. Überspitzt formuliert: Was man in der Askese lernt, kann man auch in Auschwitz anwenden. Um daran anzuschließen: Sloterdijk erkennt die auf stark technisierte Ideologien basierenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts als pervierte Auswüchse von Übungssystemen.
Sloterdijk stellt den Menschen als Menschen der Verbesserung dar. Schon Nietzsche hat seinen Übermenschen als denjenigen charakterisiert, der sich nicht mehr in der Horizontalen, sondern nur noch in der Vertikalen bewegt. Sloterdijk verwirft die Utopie des Übermenschen und entwirft die Realität des Übungsmenschen. Wer hinauf will, muss die öde Kammer des unbewussten Übens verlassen und sich in den weiten Raum der klar erkennbaren Verbesserung begeben.
Am Ende gipfelt das komplexe Werk in den simplen und unausweichlichen Vorschlag, dass die Weltverbesserung nur durch die Selbstverbesserung möglich ist. Er vermeidet dabei das zu moralische Wort der Veränderung, denn dies verlangt stets eine Wandlung vom Schlechten ins Gute. Dabei ist es nicht schlecht, was wir sind und aus uns gemacht haben. Aber es muss stetig durch Übung, die mehr ist als nur Arbeit, verbessert werden.
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am 13. August 2009
Sloterdijks Bücher sind philosophische Lesebücher. Da gibt es immer wieder Passagen, die mit ihrer sprachlichen Schönheit an den Lesegenuss erinnern, den mir schon vor langer Zeit so manches Buch von Ernst Bloch gegeben hat.

Ähnlich wie er ist Peter Sloterdijk belesen in der gesamten philosophischen Literatur und befindet sich auch mit seinem sonstigen Wissen auf der Höhe der Zeit. Das fordert dem Leser große Anstrengungen ab, aber wie wir das schon von seinen früheren Büchern her kennen, Sloterdijk macht es nicht einfacher, einfach weil die Situation komplex ist.

"Du musst dein Leben ändern" ist eine groß angelegte Untersuchung über die Natur des Menschen, eine monumentale philosophische Anthropologie. Ein Schwerpunkt , der immer wieder auftaucht, ist sein Bemühen, die These von der Rückkehr der Religion als ein Märchen zu entlarven. Es sei eben nicht so, so der Autor, dass die Religion zurückkehre, auch wenn es viele beobachtbare quasi religiöse Phänomene zu beschreiben gäbe. Es sei vielmehr so, dass sich in unserer Gegenwart etwas ganz Grundlegendes ereigne und sozusagen Raum schaffe: der Mensch als Übender. Der Mensch erzeugt sich als Übender immer wieder selbst, ob es nun Bauern sind, Rhetoren, Schreiber, Yogis, Models oder Musiker und der Mensch geht dabei über sich hinaus.

In ausführlichen Beispielen plädiert Sloterdijk immer wieder dafür, diese "Übungszonen der Einzelnen" auszuweiten auf die Gesellschaft. Die "Selbstbildung alles Humanen", davon ist er überzeugt, habe die Kraft, der Krise entgegenzutreten:
"Die Einsicht, dass gemeinsam Lebensinteressen höchster Stufe sich nur im Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muss sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus. Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Sie werden die Anthropotechniken codieren, die der Existenz im Kontext aller Kontexte gemäß sind. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten, in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Lebens anzunehmen."

Was, so fragt sich der Rezensent, der Sloterdijks Aufdeckung des Märchens von der Rückkehr der Religion nach dem ,Scheitern' der Aufklärung" und seine Herabsetzung der Religion zu mißverstandenen spirituellen Übungssystemen" mit immer stärker werdender Skepsis gefolgt ist, ist das anderes, als es die humane Traditionen der großen Religionen immer schon gewollt haben ? Ernst Bloch hat auf diese rebellischen Traditionen insbesondere im Christentum immer wieder hingewiesen, und Alexander Kissler hat im letzten Jahr mit seinem bei Pattloch erschienen Buch "Der aufgeklärte Gott" überzeugende Beispiele dafür genannt.

Ich bin nicht überzeugt, dass die Religion obsolet geworden ist, aber davon, dass sie sich hin zur eigenen Aufklärung verändern muss.
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Oktober 2009
Peter Sloterdijk, geboren 1947, ist Professor für Ästhetik und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und lehrt an der Akademie für Bildende Künste in Wien.

Mit diesem Werk hat Sloterdijk wieder einmal bewiesen, dass es um unsere Gesellschaft und um die Einstellung zum Leben zwar schlecht steht, wir aber die Chance haben uns zu verändern. Wir müssen sie nur nützen. Sloterdijk führt uns vor Augen, was seit Anfang der Kultur schief gelaufen ist, mehr noch, wie unsere Kultur zu einem Haufen willenschwacher Menschen werden konnte. Statt Theologie als Hoffnungsspender tritt heute immer mehr der Spitzensport in den Vordergrund, nur mit dem Unterschied, dass es keine Spiritualität mehr gibt. Wer einen Iron Man mitmacht beweist Glaube, Stärke, Wille, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen. Sloterdijk plädiert für die Einsetzung unseres Willens und unserer Intuition. Was ist der Mensch? Mit dieser Frage beschäftigt er sich in diesem Buch aber auch mit der Frage: was soll der Mensch tun um glücklich zu werden? Er kommt zu dem Fazit, dass der Mensch ein Übungstier ist und dass es wichtig ist, dass der Mensch sich in allen möglichen Disziplinen übt um besser, stärker, willensstärker zu werden. Ich glaube herausgelesen zu haben, dass der Mensch auf dieser Welt ist um ein Leben lang zu lernen und zu üben. Das Buch ist relativ schwer geschrieben, die Sprache Sloterdijks ist keine einfache Sprache. Dafür wird man mit neuen Gedanken belohnt, mit ganz vielen verschiedenen Sichtweisen, die jedoch immer auf das gleiche hinauslaufen: der Mensch sollte üben um sich aus seiner Selbstentfremdung zu befreien, die ihn im Laufe der Jahrhunderte aus verschiedenen Gründen gefangen gehalten hat.
Er beschäftigt sich sehr lange mit Glaubensbewegungen: mit dem Christentum, dem Buddhismus, Hinduismus, mit Aberglaube. Auch die Postmoderne kommt hier stark zu Wort. Zwei weitere Stichwörter, die immer wieder im Zusammenhang mit menschlicher Kultur erwähnt werden sind: horizontal und vertikal. Der Mensch ist dann richtig Mensch wenn er den vertikalen Weg geht, den schwierigeren Weg, aufwärts oder abwärts, jedenfalls nicht gerade aus.
Viele bekannte und weniger bekannte Philosophen, Schriftsteller, Wissenschaftler - alte und neue - werden erwähnt, wie z.B. Johann Amos Comenius, Nietzsche, Marc Aurel, Klaus Berger, Jesus, Carl Friedrich von Weizsäcker, Hugo Ball, Cioran, Karl Barth, Gotthard Günther, Foucault, Heidegger, Derrida, Lacan, Alasdair MacIntyre, Aron Zalkind usw.
Es war für mich eine sehr bereichernde Lektüre voller inspirierender Sätze wie die folgenden:

In einer Welt von Mitläufern beim kollektiven Selbstbetrug sind die Zirkusleute die einzigen, die nicht schwindeln - wer auf dem Hochseil läuft, kann keinen Augenblick lang so tun als ob.

Er (Cioran) weigert sich, das eigene Dasein als Bestandteil eines gut geordneten Ganzen zu akzeptieren, es soll vielmehr die Misslungenheit des Universums belegen. Die christliche Umdeutung des Kosmos als Schöpfung wird von Cioran nur insoweit akzeptiert, als dabei Gott als der anklagbare Verursacher eines totalen Fehlschlags ins Spiel kommt. Für einen Augenblick gerät Cioran in die Nähe von Kants moralischem Gottesbeweis, obschon mit umgekehrtem Vorzeichen: Die Existenz Gottes ist mit Notwendigkeit zu postulieren, weil Gott sich für die Welt entschuldigen muss.

Der wahre Gott ist jener, der den Menschen bedingungslos überfordert, während der Teufel ihn auf seiner Ebene abholt (Karl Barth)
Es ist das von Gott gespannte Seil, über das die Artisten der Überwindung gehen und Überwindung heißt stets: das Wunderbare als das Mühelose ausgeben.

Die "Gewohnheit", als Wort wie als Sache, steht für die faktische Besessenheit der Psyche durch einen Block von schon erworbenen und mehr oder weniger irreversibel verkörperten Eigenschaften, zu denen überdies die zähe Masse der mitgeschleppten Meinungen gerechnet werden muss. Solange der Block unbeweglich verharrt, kann die neue Belehrung nicht beginnen. Dass Beobachtungen dieser Art auch in der asiatischen Welt gesammelt und festgehalten wurden, zeigt die bekannte Anekdote von dem Zen-Meister, der beim Eingießen von Tee in eine Tasse zum Erstaunen seines Schülers nicht Halt machte, als die Tasse voll war, sondern fortfuhr einzugießen: Damit sollte gezeigt werden, man könne einen vollen Geist nicht lehren. Das Studium besteht dann im Nachdenken über die Frage, was zu tun sei, um die Tasse zu leeren.

Das Individuum erscheint nun eher wie ein Trainer, der die Auswahl seiner Talente betreut und die Mannschaft seiner Gewohnheiten antreibt. Ob man die "Mikropolitik" nennt oder "Lebenskunst" oder "Selbstdesign" oder "Empowerment" ist bloß eine Geschmacksfrage.
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14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. Juli 2009
Wer hoffnungsvoll die Lektüre beginnt in Erwartung eines neuen Lebensratgebers aus philosophischem Munde, der klappt das Buch nach 700 Seiten und vielen Stellen, wo man das, was der Autor schreibt, auch immer schon gedacht zu haben meint, etwas enttäuscht zu. Wie sollen wir denn nun ändern, oder sollen wir vielleicht gar nicht?
Doch doch, wir sollen, aber eben nicht für irgend etwas Bestimmtes. Die Verheerungen der Ideologien, unter die Sloterdijk auch die Religionen rechnet, werden im Buch ausführlich besprochen. Sie sind eigentlich Übungssysteme, die sich irgendwann zu Ideologien verselbstständigt haben. Dadurch wurde der Wert der Übung an sich, für den Übenden und die Gesellschaft, überdeckt vom Dienste an Gott oder einer (anderen) Idee. Sloterdijk wählt bei der Erklärung einen systemtheoretischen Ansatz, indem er von der Immunisierung (also erfolgreichen Abgrenzung) von Teilsystemen spricht. Die ursprünglich dem Selbsterhalt von Individuum und Gesellschaft dienenden Immunisierungs- also auch die Übungsverfahren, oder genauer gesagt deren Erfolg ist wie der Geist, den der Zauberlehrling Mensch nicht mehr los wird und dem er dann dienen muss.
Die Verheißung der Aufklärung, diesen Geist wieder in die Flasche zu schicken war wenig erfolgreich, wenn man sich als Resultat den aktuellen planetarischen Problemlevel ansieht. Er war es aus der Sicht von Sloterdijk deswegen nicht, weil er mit der Diskreditierung der Geister auch die der Übungssysteme vornahm. Der von uns zur Zeit angesteuerte kulturelle und ökologische Kollaps hängen so letztlich zusammen. Die Aufklärung hat also auf eine gewisse Art nur negativ stattgefunden, jetzt wo die Geister verscheucht sind, wird es notwendig unsere planetarischen Ziele zu sehen und die Übung wieder aufzunehmen.

Es ist immer wieder eine Freude, diesen Mann zu lesen, egal, ob man ihm in jeder Hinsicht recht gibt oder nicht. Es ist weniger die intellektuelle Brillanz oder die sachliche Tiefenschärfe, die seine Bücher so unerhört lesbar machen, sondern sein Standpunkt. Da blickt einer vom leicht erhöhten Ufer auf den Strom des Seins und sagt uns was er sieht und was aus der Flussmitte kaum erkennbar ist. Auch dieser Standpunkt ist wohl das Ergebnis von Übung, einer Übung, die man die gründlichen Inventarisierung der Wahrnehmungskategorien nennen könnte. Philosophie im besten Sinne.
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