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TOP 500 REZENSENTam 17. Juni 2012
Eigentlich ist diese Aufnahme unter der Leitung von Otto Klemperer das Gegenteil dessen, was ich als angemessene, moderne Bach-Interpretation empfinde: Ein riesiger Chor, ein ebensolches Orchester, die hallige Akkustik einer gotischen Kathedrale, dazu eine Artikulation, die von barocker Klangrede, Transparenz, lebendiger Phrasierung endlos weit entfernt ist, fast Bruckner'sche Klangschichten aufbaut.

Und doch ist diese Interpretation trotz ihrer durch die schiere Masse der Mitwirkenden bedingten Monumentalität in ihrer Strenge und Ernsthaftigkeit mitreißend. Es fehlt jeder Anschein von Effekthascherei oder hohlem Bombast, statt dessen herrscht eine wahrhaft Lutherische Stimmung vor: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!

Dazu passen auch die großartigen Solisten, allen voran die wunderbar innige Dame Janet Baker, deren schnörkellose Bach-Interpretation nie besser zur Geltung kam, und Franz Crass, dessen edle Bassstimme leider nur auf viel zu wenigen Aufnahmen erhalten ist. Aber auch Agnes Giebel, eine damals sehr gesuchte Bach-Sängerin, Hermann Prey und Nicolai Gedda tragen zu einer rundum gelungenen Aufführung bei.

Wer einmal ein geistliches Konzert in der Royal Albert Hall in London erlebt hat, wird die dort herrschende Atmosphäre der Ernsthaftigkeit und Erhabenheit nie mehr vergessen. Und genau so klingt diese h-Moll-Messe: Wie ein Fels in der Brandung der heutigen Bach-Forschung, wie ein musikalisches Dinosaurier-Skelett: Relikt aus längst vergangener Zeit, aber immer noch faszinierend und ehrfurchtgebietend.

Wer nur eine einzige Aufnahme der h-Moll-Messe sucht, die auch den Vorstellungen des Komponisten entsprechen könnte, wird etwa mit René Jacobs, Thomas Hengelbrock oder John Eliot Gardiner (immer noch mein Favorit) besser bedient sein. Klemperers Deutung ist ein Dokument eigenen Werts.
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TOP 500 REZENSENTam 13. April 2015
Puristen sollten - das sei gleich vorweg deutlich gesagt - um diese Aufnahme einen weiten Bogen machen. Es gibt wohl in der gesamten Diskographie dieser Messkomposition keine, die weiter entfernt ist von den heute üblichen Originalklangversionen. Obwohl der Dirigent Otto Klemperer (1885-1973) nur 48 Chorsänger und 50 Instrumentalisten zum Einsatz bringt und damit schon einen entscheidenden Schritt in Richtung auf die Aufführungspraxis der Bach-Zeit vollzieht, steht seine Sichtweise doch noch ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts.
Trotzdem sollte kein ernsthafter Musikfreund an Klemperers Auslegung der h-moll-Messe achtlos vorübergehen, sondern sie zumindest als ein unwiederholbares Monument der Plattengeschichte achten und ehren, selbst wenn er mit dem Interpretationsstil des Dirigenten und der Besetzung mit modernen Instrumenten nicht konform gehen kann.
Ich kann mich meinem Vorrezensenten "vully" nur vollinhaltlich anschließen, wenn er Klemperers Version trotz aller Einwände aus heutiger Sicht zu den großen Einspielungen des Werkes zählt. Hier wird nicht romantisiert, sondern mit einem Ernst und einer Würde ohne Beispiel eine der herrlichsten Partituren Johann Sebastian Bachs mit Leben erfüllt. "Für mich ist die h-moll-Messe Bachs die größte und unvergleichlichste Musik aller Zeiten". So hat sich Klemperer selbst über diese Ausnahmekomposition geäußert, und diese Haltung spricht aus jedem Takt seiner einmaligen Interpretation.
Auch die Mitwirkenden, voran die Solisten Agnes Giebel, Janet Baker, Nicolai Gedda, Hermann Prey und Franz Crass, sind mit einem Feuereifer und einer inneren Beteiligung bei der Sache, die jedem unbefangenen Hörer die größte Hochachtung abverlangt.
Klemperers analytische, monumentale Dirigierweise ist uns von vielen seiner Aufnahmen bestens bekannt, und hier hat er sich nachgerade selbst übertroffen. Er spürt jedem Detail liebevoll nach und spornt den BBC-Chor und das auf ihn eingeschworene New Philharmonia Orchestra zu Höchstleistungen an.
Die klangliche Realisation der Aufnahme, die 1967 in der Londoner Kingsway Hall aufgezeichnet wurde, ist nach digitaler Aufbereitung von hoher Qualität. Statt eines Textheftes gibt es eine CD-ROM, was ich nicht für eine glückliche Lösung halte. Alles in allem aber eine würdige Neuauflage.
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