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78 von 86 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwingt beim Lesen regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen der eigenen Lebensgeschichte.
Für diesen schmalen, sprachlich konzentrierten und stilistisch sehr gelungenen, nachdenklichen Roman hat der englische Schriftsteller Julian Barnes 2011 -endlich, ist man geneigt zu sagen- den begehrten Booker Preis bekommen. Der Roman ist, hinter der Geschichte, die der Protagonist des Buches selbst erzählt, die tiefsinnige Umkreisung der Frage, was wir als...
Veröffentlicht am 14. Dezember 2011 von Winfried Stanzick

versus
62 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ... und viele Fragen offen.
Erstaunlich, dass bisher nur ein einziger Rezensient die (zu) vielen offenen Fragen erwähnt. Das Buch ist zweifellos gut geschrieben und enthält bedenkenswerte Überlegungen zu Erinnern und Erinnerung, Vergessen, Verdrängung und Veränderung von Erlebnissen in der Rückschau.
Aber die "Auflösung" der spannenden Geschichte zwischen dem...
Veröffentlicht am 16. Februar 2012 von Koschka


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78 von 86 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwingt beim Lesen regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen der eigenen Lebensgeschichte., 14. Dezember 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Für diesen schmalen, sprachlich konzentrierten und stilistisch sehr gelungenen, nachdenklichen Roman hat der englische Schriftsteller Julian Barnes 2011 -endlich, ist man geneigt zu sagen- den begehrten Booker Preis bekommen. Der Roman ist, hinter der Geschichte, die der Protagonist des Buches selbst erzählt, die tiefsinnige Umkreisung der Frage, was wir als Menschen überhaupt wissen können von unserem Leben. Wenn doch, wie jeder beim Nachdenken über sein eigenes Leben bis zurück in die Jugendzeit selbst schnell in Erfahrung bringen kann, die Erinnerung an das, was war, so unklar und trügerisch ist, wie soll man dann überhaupt erkennen und entscheiden können, was ein gutes Leben war oder ist ?

Indem Julian Barnes seine Hauptfigur Tony Webster als einen über sechzig Jahre alten Mann schildert, der über einen kürzeren Zeitraum hinweg sein Leben befragt, will er dem Leser zwischen den Zeilen die Erkenntnis vermitteln, dass jedes Bild, das wir, unser Leben erinnernd, uns von uns selbst machen, sich schon während dieses Vorgangs in ein permanent sich veränderndes Objekt verwandelt.

Tony Webster blickt auf ein durchaus erfolgreiches Leben zurück. Er hat es im Beruf zu etwas gebracht, sieht seinem Ruhestand gelassen entgegen. Seine Ehe mit Margaret ist zwar geschieden worden, doch immer wieder trifft er sich mit ihr, auch um die Dinge und Gefühle zu diskutieren, die ihn im Rahmen seiner Erinnerungsarbeit bewegen. Mit seiner schon erwachsenen Tochter versteht er sich gut.

Dieser eher durchschnittliche Mann hätte niemals in seinen Erinnerungen gewühlt und sich von ihnen sein Leben auf den Kopf stellen lassen, wäre nicht eines Tages ein Brief von einem Anwalt gekommen. Die Mutter seiner Jugendfreundin Veronica hat ihm das Tagebuch seines ehemaligen Schulfreundes Adrian vermacht. Dieser Adrian hatte, bald nachdem sich Veronica von Tony getrennt hatte, diese geheiratet und Tony damals in einem Brief quasi um Erlaubnis für diesen Schritt gebeten. Bald darauf nahm sich Adrian das Leben.

Veronica, die sich in den Besitz dieses Tagesbuch gebracht hat, will es Tony nicht überlassen. Weil er vermutet, aus diesem Tagebuch etwas über sein Leben zu erfahren, versucht er alles, um Veronica zur Herausgabe des Erbstücks zu bewegen. Und er beginnt die Geschichte zu erzählen, als, Jahrzehnte vorher, eines Tages ein neuer Schüler in die Klasse kommt, Adrian Finn. Klein und schüchtern, gibt er aber den Lehrern verstörende Antworten. Als in der Englischstunde etwa der Lehrer nach dem Sinn des Lebens am Beispiel eines Gedichtes fragt, antwortet Adrian:
"Eros und Thanatos, Sex und Tod. Oder Liebe und Tod, falls Ihnen das lieber ist. Jedenfalls um das erotische Prinzip und den Konflikt mit dem Todesprinzip und was aus diesem Konflikt folgt, Sir." Daran erinnert sich Tony noch sehr genau, genau wie an eine andere Szene aus dem Geschichtsunterricht. Auf die Frage des Lehrers, was Geschichte sei, antwortet Tony: "Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger."
Adrian Finn, danach vom Lehrer zu einer Antwort aufgefordert, sagt: "Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen." Und er bezieht es, weiter gefragt, auf den unerklärlichen Selbstmord des Mitschülers Robson, der sich erhängt hatte, nachdem er seine Freundin geschwängert hatte: "Nichts ersetzt die Aussage von ihm."

Dieser Satz, den er bei dem Franzosen Patrick Lagrange gefunden hat, ist sozusagen der Schlüsselsatz des ganzen Romans. Denn das ihm vermachte Tagebuch Adrians wird dem gesetzten Tony geradezu zur Obsession. Denn in Adrians Aussagen über ihn sucht er Aufklärung über sein eigenes Leben. Seine eigenen Erinnerungen sind ihm nicht genug, er glaubt, er könnte sich im Anderen finden. Eine verhängnisvolle Täuschung und eine erbärmliche Kapitulation des eigenen Ichs dazu.

Schon früher hatte Tony immer auf Adrian geschaut, seine Worte regelrecht in sich aufgesogen. Doch nun muss er, sich immer weiter erinnernd, und immer mehr Details erfahrend, ernüchtert feststellen, dass er selbst das Leben Adrians vielleicht mehr beeinflusst hat, als er dachte, bis hin zu seinem Suizid.

Der Roman fesselt seinen Leser bis zum überraschenden Ende und zwingt ihn regelrecht zur Auseinandersetzung mit den Fragmenten und Täuschungen seiner eigenen Lebensgeschichte.
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133 von 154 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichte ist "die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten" (S.24), 6. Dezember 2011
In seinem nicht einmal 200 Seiten dünnen Roman "Vom Ende einer Geschichte", welcher - meiner Meinung nach zurecht - in diesem Jahr den renommierten Booker Prize gewonnen hat, erzählt der Autor Julian Barnes eindrucksvoll eine Geschichte über die Reflektion der eigenen Vergangenheit und dem kritischen Umgang mit sich selbst.

Der Ich-Erzähler, Tony Webster, erinnert sich im ersten Teil des Romans an seine eigene Jugend Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre in London zurück. Zu Schulzeiten gesellte sich zu seinem Freundeskreis, der bis dahin mit Alex, Colin und ihm aus drei Jungen bestanden hatte, der stille, aber hoch intelligente und sehr philosophisch denkende Adrian Finn. Nach der Schule trennten sich die Wege der Jungen, Tony studierte in Bristol, Adrian bekam das Stipendium für Cambridge, und der Kontakt wurde sporadisch. Tonys erste Freundin Veronica war für ihn eine Enttäuschung. Sie manipulierte ihn, ließ ihn zappeln und schon bald war Schluss. Später eröffnet Adrian ihm, dass er nun eine Beziehung mit Veronica hat und bittet um seine Erlaubnis, worauf Tony ungehalten reagiert. Der Kontakt der beiden jungen Männer endet.
Mit nur 22 Jahren nimmt sich Adrian das Leben und hinterlässt nur einen Abschiedbrief mit hochphilosophischen Erklärungen.

Mehr als 40 Jahre vergehen, in denen Tony ein ganz normales Leben führt, heiratet, eine Tochter und ein Enkelkind bekommt, geschieden und pensioniert wird. Doch dann holt ihn die Vergangenheit plötzlich wieder ein, denn Veronicas Mutter, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte, hat ihn in ihrem Testament bedacht: 500 Pfund und Adrians Tagebuch soll er bekommen. Da Veronica dieses aber zurückhält, ist er gezwungen sich in seinen ungenauen Erinnerungen noch einmal intensiv mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen und auch kritisch zu hinterfragen, ob er das Bild, das er all die Jahre von der Beziehung zu Veronica und von Adrians Tod hatte, wirklich richtig ist, oder ob er sich nicht vielleicht doch selbst getäuscht hat.

Berührend und voller überraschender Wendungen blickt der Ich-Erzähler auf sich selbst zurück und riss mich beim Lesen mit jeder Seite und ohne die kleinste Länge mit. Ein wirklich gelungener Roman, der einen nachdenklich stimmt und wohl noch lange in Erinnerung bleibt. Wirklich sehr lesenswert.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert!, 9. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vom Ende einer Geschichte: Roman (Kindle Edition)
"Ein Buch mit weniger als 200 Seiten?" Das erinnerte mich doch stark an diese Romane, die man monatlich am Kiosk kaufen kann. Das kann nichts sein, dachte ich mir. Doch das Thema ansich interessierte mich, denn unlängst hatte ich eine Diskussion mit Freunden darüber, wieviel Wahrheit in unseren Erinnerungen steckt und wieviel Lüge wir uns selbst hinein gedichtet haben. Also kaufte ich mir das Buch und ich war von der ersten Seite an einfach nur neugierig, wie sich diese Geschichte entwickeln könnte...

Der erste Teil des Buches war für mich schon eine sehr interessante Erfahrung. Es wird über Freundschaft und auch Liebe aus einer Zeit erzählt, in der meine Eltern selbst noch in der Wiege lagen. Und trotzdem erzählt der Autor es so, als wäre es zu meiner Jungendzeit geschehen - Dinge wie Freundschaft und Liebe ändern sich also nicht.
Die Erinnerungen des Autors sind so glaubwürdig geschrieben, dass man sich fragt, was soll denn wirklich passiert sein, wo liegt der Fehler der Erinnerungen? Man kann zwar vermuten, aber so wirklich kann man sich bei nichts sicher sein.

Im zweiten Teil wartet man fast gespannt auf die Aufklärung und ich kann sagen - ohne etwas vorweg zu nehmen - der Autor serviert einem die Auflösung auf dem Tablett und man denkt sich "Och nee, das Buch ist dann doch eher nicht gut zu Ende gedacht, da wollte jemand schnell fertig werden" ... doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich bin froh, dass ich das Werk fertig gelesen habe. Für mich war das Ende eine Überraschung!

Alles in Allem ein Buch, das ohne SchnickSchnack auskommt. Keine langatmigen Ortsberschreibungen, keine seitenweise beschriebenen Charaktere, keine ständigen Wiederholungen - und trotzdem kann man sich alles ganz genau vorstellen.
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62 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ... und viele Fragen offen., 16. Februar 2012
Erstaunlich, dass bisher nur ein einziger Rezensient die (zu) vielen offenen Fragen erwähnt. Das Buch ist zweifellos gut geschrieben und enthält bedenkenswerte Überlegungen zu Erinnern und Erinnerung, Vergessen, Verdrängung und Veränderung von Erlebnissen in der Rückschau.
Aber die "Auflösung" der spannenden Geschichte zwischen dem Ich-Erzähler Tony Webster, seinem Freund Adrian, seiner Jugendliebe Veronika und deren Mutter ließen mich und inzwischen drei Bekannte ziemlich ratlos grübelnd zurück. Eine Begründung für das Testament und das Vermächtnis von 500 Pfund für Tony gibt es nicht. Warum wird diese Summe als "Blutgeld" (blood money) bezeichnet? Das aufschlussgebende Tagebuch ist bis auf eine kryptische Seite vernichtet. Was hätte Tony von sich aus verstehen sollen? Veronika, deren Verhalten ihm gegenüber ausgesprochen aggressiv ist, wirft ihm mehrmals vor:"Du verstehst überhaupt nichts." Warum fürchtet sich der behinderte (vermeintliche?) Sohn von Adrian vor Tony? War dieser womöglich sein Erzeuger? Irgendetwas hatte zwischen diesem und Veronikas und des Behinderten Mutter stattgefunden, was der Leser nicht erfährt, weil der Protagonist sich nur an Nebensächlichkeiten erinnert, die aber offensichtlich etwas zu bedeuten haben.
Wie man es auch dreht und wendet, das "Ende einer Geschichte" ist nicht überzeugend.
Bleibt zu überlegen, was der originale Titel "The Sense of an Ending" meint - Gespür für eine Ende, Bedeutung/Sinn eines Endes, oder....? Die deutsche Übersetzung ist es jedenfalls nicht.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was kann man vom eigenen Leben wissen?, 4. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat."

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte, Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

Nach der Schule trennen sich die mehrheitlich – bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die drei ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert, Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man lesen möchte, immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.
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33 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bester Gewinner des Booker Prize seit 2005, 4. Dezember 2011
Hinweis: Diese Rezension bezieht sich auf die englischsprachige Originalausgabe The Sense of an Ending.

"History is that certainty produced at the point where the imperfections of memory meet the inadequacies of documentation" (17). Es ist ein Leitmotiv so alt wie die Menschheit selbst: Auf welche Art und Weise manipuliert der Mensch seine oder anders Leut Vergangenheit, um seinen Leben einen Sinn, einen zusammenhängenden Plot, zu verschaffen?

Tony Webster ist ein in Ehren ergrauter Mitsechziger, der ein durch und durch normales Leben geführt hat, zwar geschieden ist, sich mit seiner Ex-Frau aber noch so leidlich versteht. Sein ereignisarmer Lebensabend gerät in Wallung, als er per Post von einer ungewöhnlichen Erbschaft in Kenntnis gesetzt wird, die ihn tief in seine Vergangenheit zurückführt. Die Mutter seiner manipulativen Jugendliebe Veronica hinterlässt ihm 500 Pfund und, viel wichtiger, das Tagebuch von Adrian Finn. Adrian bildete zusammen mit Tony und zwei weiteren jungen Männern eine Viererclique, die zusammen die Freuden und Leiden der Pubertät durchgestanden haben. Adrian, hochintelligent, immer umgeben vom Hauch des Genialischen, geht wenig später eine Beziehung mit Veronica ein, nachdem er zuvor brav um Tonys Erlaubnis gebeten hat. Mit nur 22 Jahren begeht er Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief schreibt er, dass er das ungewollte Geschenk des Lebens aus philosophischen Gründen ablehnt. Für Tony beginnt eine Reise in die Vergangenheit, an deren Ende er feststellen muss, dass der Plot seines Lebens in der Tat umgeschrieben werden muss: "How often do we tell our own life story? How often do we adjust, embellish, make sly cuts? And the longer life goes on, the fewer are those around to challenge our account, to remind us that our life is not our life, merely the stroy we have told about our life. Told to others, but - mainly - to ourselves" (95).

Julian Barnes neuer Roman "Vom Ende einer Geschichte" ist vollkommen zu Recht mit dem Booker Prize 2011 ausgezeichnet worden. Seit John Banvilles genialer Sprachkomposition The Sea, Sieger des Jahres 2005, hat kein Gewinnerroman mehr dieses Niveau erreichen können. Überzeugend erlebt der Leser mit, wie der Ich-Erzähler dazu gezwungen wird, die Interpretation seiner Vergangenheit zu modifizieren. Barnes beweist einmal mehr, dass er wie kaum ein anderer englischsprachiger Autor Unterhaltung mit Anspruch zu verbinden weiß.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerung und Wahrheit, 11. Mai 2012
Tony Webster, Anfang Sechzig, geschieden, pensioniert, Großvater, erhält eines Tages ein Schreiben von einer Anwältin, in dem ihm mitgeteilt wird, er sei der Erbe von 500 Pfund und zwei 'Dokumenten', die ihm eine Frau, die er vor 40 Jahren flüchtig kennengelernt hatte, vermacht habe. Dies ist für ihn Anlass, sich zu erinnern und Kontakt zu einer ehemaligen Freundin, der Tochter der Erblasserin, aufzunehmen. Dabei stellt er bald fest, dass Erinnerung und Wahrheit oft nicht deckungsgleich sind.

Im ersten Teil beschreibt Tony, der Ich-Erzähler, die Geschichte so wie sie sich in seiner Erinnerung zugetragen hat. Er berichtet von sich und seinen beiden Schulfreunden Alex und Colin zu denen später Adrian hinzustößt, der sich als der ernsthafteste, gebildetste und vielleicht intelligenteste des Quartetts entpuppt. Als ein Mitschüler Selbstmord begeht, zitiert er aus Camus' "Der Mythos des Sisyphos" (an den ich mich später im Roman nochmal erinnert fühlte ') und im Unterricht entwickelt er sich zum intellektuellen Sparringspartner des Geschichtslehrers.

Nach der Schule schlägt jeder der Freunde einen anderen Weg ein, die Verbindungen lockern sich und Tony hat seine erste ernsthafte Beziehung zu der selbstbewussten jedoch auch etwas herablassenden, bestimmenden und seltsam unnahbaren Veronica. Schlüsselerlebnis wird für ihn dabei ein peinliches Wochenende in Veronicas Elternhaus. Die Beziehung scheitert später in einer bitteren Szene. In seinem letzten Studienjahr erhält Tony einen Brief von Adrian, in dem dieser ihm mitteilt, dass er nun mit Veronica zusammen sei und erbittet Tonys Einverständnis dafür. Tony schreibt - laut seiner subjektiven Erinnerung - zurück, dass ihn dies nichts mehr angehe und wünscht ihnen viel Glück. Dieser erste Teil der Geschichte endet mit dem Selbstmord Adrians (der in seinem Abschiedsbrief philosophische Gründe für seinen Freitod anführt) nur wenige Monate später.

Im zweiten Teil des Romans versucht Tony den Grund für das überraschende Erbe zu ergründen und dabei die 40 Jahre zurückliegenden Ereignisse aufzuarbeiten. Wofür die 500 Pfund? Bei den beiden Dokumenten handelt es sich um einen Brief, den er damals an Adrian und Veronica geschickt hatte und um das Tagebuch seines alten Freundes, beides nun in Veronicas Besitz. Bald entdeckt er, das seine Erinnerung sich nicht wirklich mit den Tatsachen deckt und das er sich seine eigene Rolle in der Geschichte im Laufe der Jahre schöngefärbt hat. Von Adrians Tagebuch erhält er nur die Kopie einer Seite auf der Adrian in einer stark an Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" gemahnenden Art und Weise versucht, die Natur zwischenmenschlicher Beziehungen zu erörtern (wobei ich umgehend dachte, wie intelligent kann jemand sein, der versucht menschliche Beziehungen anhand logisch-mathematischer Formeln zu ergründen?). Tony versteht nichts und nimmt wieder Kontakt zu Veronica auf. Was dann folgt ist beinahe so spannend wie ein Kriminalroman und im Laufe der Geschichte sagt die verbitterte Veronica mehr als einmal zu ihm "Du kapierst nichts. Hast du nie und wirst du auch nie."

Tatsächlich liegt Tony mit seinen Mutmaßungen erstaunlich oft daneben, so dass ich, als er sich am Schluss dann sicher ist, das Rätsel gelöst zu haben, zunächst skeptisch war und mir Adrians Tagebuchseite nochmal angeschaut habe, auch weil die Auflösung so abrupt kam und so einfach erschien.

Insgesamt ein ebenso tiefgründiger wie unterhaltsamer, ja spannender Roman.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie wahr sind unsere Erinnerungen?, 24. August 2013
Was ich an angelsächsischer Literatur oft so gut finde ist, dass sie so schnell ins Thema führt, dass sie lebensnah und praktisch relevant ist – ohne oberflächlich zu sein. Julian Barnes Buch „Vom Ende einer Geschichte“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Nach kaum 30 Seiten ist der Leser tief im Schicksal der Hauptperson verstrickt, ohne sich mit langatmigen Vorreden, Beschreibungen oder Eitelkeiten auseinandersetzen zu müssen (wie man sie von deutschen Autoren oft erdulden muss). Das ist erzählerische Meisterschaft.

Gleichzeitig ist Literatur für mich immer dann gut, wenn sie nicht nur unterhält, sondern auch Vergleiche mit dem eigenen Leben auslöst. Auch dafür ist Julian Barnes Buch ein gutes Beispiel. Der Rückblick auf Freunde in der Schulzeit, eigene erste Lieben und welche Spuren sie in uns hinterlassen haben – all das löst dieses Buch aus.

Sein Fokus allerdings liegt auf einer anderen Frage: Was können wir aufgrund unserer Erfahrungen und Erinnerungen wirklich über uns und andere wissen? Barnes zeigt am Beispiel der Hauptperson Tony Webster, dessen besten Schulfreundes Adrian und seiner Freundin Veronica, wie man sich jahrelang eine bestimmtes Bild von sich und Geschehnissen macht, das sich am Ende dann als falsch herausstellt.

Julian Barnes hat für das „Ende einer Geschichte“ 2011 den Booker-Preis gewonnen, und das völlig zurecht. Kluge Reflexionen, genaue Beobachtungen und treffende Schilderung menschlicher Beziehungen und Verhältnisse gehen hier eine perfekte Synthese ein.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen noch einmal zu Barnes, Vom Ende einer Geschichte, 12. Juni 2012
... das Buch gerade zu Ende gelesen, fast in einem Zug, und war über weite Strecken davon fasziniert. Wovon? Vor allem von den eher philosophischen Reflexionen des Protagonisten, die - auch über weite Strecken - der eigentliche Kern des Buches sind; und von den hervorragend genauen Beobachtungen bzw. literarischen Belegen dafür, was man sonst in soziologischen Texten über Liebesleben und -nöte von jungen Leuten in den 60er Jahren nachlesen kann. Insofern ist für mich gut nachvollziehbar, dass jüngere Leser, die die Zeit vor und während des Pillenumbruchs nicht selbst erlebt haben, nicht verstehen können, dass das Buch für ihre Elterngeneration schon sehr interessante Aspekte bietet. Auch wenn die eigentliche Handlung an sich bei Licht besehen tatsächlich relativ dünn ist - aber darum geht es eigentlich auch weniger. Ich kann allen sehr positiven Kritiken zustimmen, die sich vor allem auf die zunehmend obsessive, aber als innere Handlung sehr spannende Wahrheitssuche des Erzählers beziehen. Andererseits sind die überraschenden Wendungen im letzten Teil zwar spektakulär und erinnern zu Recht an Krimis, aber eher an schlechte: sie sind leider nicht überzeugend; zu viele Fragen bleiben offen - wie viele Rezensenten völlig zu Recht angemerkt haben - und ich weigere mich, diese "offenen Enden" als vorgebliche literarische Qualität zu nehmen. Schade!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verzerrungen, 29. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vom Ende einer Geschichte erzählt eigentlich darüber, wie wir unsere Vergangenheit in unserer Erinnerung wahrnehmen, welchen Verzerrungen diese Erinnerungen unterworfen sind - bewußten und unbewußten. Dem Protagonisten Tony wird eines Tages das Tagebuch seines alten Schulfreundes Adrian vermacht, der sich vor vielen vielen Jahren umgebracht hatte. Und so beginnt Tony, seine Vergangenheit und die menschlichen Beziehungen, die ihn mit dem Verstorbenen verbanden, aufzuschlüsseln. Und vor allem beginnt er, die Brüche wahrzunehmen, die letztendlich nur in der Spiegelung unseres Lebens durch unsere ehemaligen Weggefährten erkennbar sind...Ein meisterhafter kleiner Roman.
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Vom Ende einer Geschichte: Roman
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