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am 12. Mai 2008
... und vor allem wissenschaftlich führt uns Harald Welzer hinter die Front nach Polen und Russland, wo ab 1941 Polizei-Bataillone nicht etwa für Sicherheit sorgten, sondern im Dienste der SS Abertauende von Juden und Verfolgten zunächst in Einzelaktionen, später dann geradezu industriell ermordeten.

Anders als TV-Historiker wählt er nicht den Weg möglichst schockierender, aus dem Zusammenhang herausgerissener Bilder, sondern den sozialpsychologischen Erklärungsansatz, denn die wenigsten der im Buch skizzierten "Täter" sind Bestien oder Monster. Die vernommenen SS-Schützen gaben später allesamt zu Protokoll, unter starken Belastungen stets anständig geblieben zu sein. Wie können gebildete Menschen und Familienväter so etwas behaupten, nachdem sie Frauen und Kinder zu Hunderten erschossen haben? Welzer nennt Gründe:
Ausgrenzung der Anderen, Gruppenzwang, Verfolgungswahn, fehlende moralische Referenzen im Krieg, soldatisches Pflichtbewusstsein, Karriere, Drohungen, ungestrafte Freiheit, Entfremdung vom Opfer.
All das führt schritt für Schritt nicht etwa zur Brutalisierung der Menschen, sondern dazu, dass Brutalität überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird. Es war Arbeit, eine Aufgabe, die sonst andere hätten müssen. Die perfide Nazi-Moral eines Heinrich Himmlers.

Welzer zeigt zudem Parallelen und Differenzen zu Massenmorden auf dem Balkan in den 90ern, Vietnam und Ruanda, wenn auch nur ganz kurz.

Sein Fazit fällt ernüchternd aus. Der Mensch mordet auch fast 300 Jahre nach der Aufklärung noch, nur effizienter. Den Beweis führt er auf knappen, aber präzise geschriebenen 268 Seiten (der Rest ist Anhang). Ein absolut lesenswertes, sachliches Buch, denn es hilft, unsere Großelterngeneration zu verstehen (länger ist es ja noch nicht her).
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Dass Elektroschock-Experiment Stanley Milgrams hat es eindrucksvoll bewiesen, fast jeder Mensch kann zum bedingungslosen Mörder werden, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Sozialwissenschaftler Harald Welzer hat in seinem längst legendär gewordenen Buch "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" beschrieben, welche Faktoren ausschlaggebend dafür sind, dass jedermann zum Mörder werden kann. Der plausiblen Grundtheorie ungeachtet, lässt Welzer jedoch etwas von der Prägnanz vermissen, die in seinem neueren Werk "Klimakriege" zum Tragen kommt, wo er die hier formulierten Thesen weiterentwickelt hat. "Täter" hingegen konzentriert sich vor allem auf die 08/15-Mörder des Nazi-Regimes, wenn in den letzten Kapiteln auch kurz auf den Irak-Krieg und den Völkermord der Hutu an den Tutsi eingegangen wird.

"Nun lässt sich einwenden, dass die in Nürnberg Angeklagten auch keineswegs direkt Hand an ihre Opfer gelegt hatten und insofern - im Unterschied zu den Tätern aus den Einsatzgruppen oder den Mördern in den Konzentrationslagern oder den SS-Ärzten - auch nicht die Merkmale von sadistischen oder narzisstisch gestörten Persönlichkeiten haben mussten, um ihre Taten zu begehen. Aber auch, wenn man die Hierarchie Stufe für Stufe herabsteigt - über die höheren SS- und Polizeiführer zu den Einsatzgruppenkommandeuren, von den Rasseexperten im Rasse- und Siedlungshauptamt zu den KZ-Kommandanten, und von dort aus zu den Polizeibataillonsangehörigen an den Erschießungsgruben und zum Wachpersonal in den Lagern -, findet man nur ausnahmsweise Persönlichkeiten, etwa vom Schlag Ilse Kochs, der Ehefrau des seinerseits wegen Verfehlungen abgesetzten Kommandanten von Buchenwald, Erich Koch, oder Amon Göths, Kommandant des durch Steven Spielberg berühmt gewordenen Lagers Plaszow, der zum persönlichen Vergnügen Häftlinge von der Veranda seiner Villa aus zu erschießen pflegte." (S. 11) Nur höchstens 10% der NS-Täter und Kriegsverbrecher könnten krankhafte Psychopathen gewesen, der Rest von ihnen, ließ wie Adolf Eichmann lediglich eine erschreckende Normalität erkennen. Oder wie es Primo Levi formulierte: "Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen."

"Eine Tat spielt sich [...] im Rahmen mehrer Kontexte ab, die von der gesellschaftlichen bis zur individuellen Ebene zu unterscheiden sind. Mit Hilfe einer solchen Unterscheidung lässt sich nicht nur beschrieben, was die Akteure getan haben, sondern auch, wie sie als Personen die jeweilige Situation wahrgenommen, welche situativen Bedingungen ihr Handeln bestimmt haben und unter welchen überindividuellen, jenseits der Grenzen der subjektiven Zurechnung liegenden, sozialen und normativen Rahmenbedingungen das jeweilige Handeln stattfand." (S. 17) Dabei ist es nicht einmal notwendig, dass die Täter ihr Handeln gut heißen, wie Welzer in Klimakriege festgestellt hat: "In der Tat ist das hervorstechende und deprimierende gemeinsame Merkmal von Täteraussagen im Zusammenhang von Massenmorden, dass eine persönliche Zurechnung von Schuld nirgendwo vorkommt, dagegen aber regelmäßig eine ostentative Darstellung dessen, dass man gegen seinen eigenen Willen und gegen sein eigenes Empfinden in die Lage gekommen war, grauenhafte Dinge zu tun."

Im richtigen Rahmen ist alles möglich, denn die Komplexität des menschlichen Handelns ist kein binäres System und es schließt sich scheinbar nicht aus trotz hoher moralischer Standards kaltblütige Morde zu begehen, wenn die Umstände entsprechen. Weder Zwang oder Überzeugung sind notwendig, der Mensch kann eben, durch äußere Einflüsse und innere Prozesse, zum Schluss gelangen, dass es notwendig ist, den moralischen Grundsatz dass man andere nicht verletzen soll auf ultimative Weise zu brechen. Die Gründe können vielfältig sein und das ist es, was Harald Welzer zu vermitteln versucht, dabei jedoch nicht erklären kann, ob man etwas dagegen unternehmen kann, außer mit einem vagen Verweis auf "wehret den Anfängen" und lernt aus der Geschichte.

Fast interessanter als Welzers Ausführungen zum Nationalsozialismus sind seine Analysen des Handelns amerikanischer GIs im Vietnam-Krieg, insbesonders des Massakers von My Lai (S. 227): "Das Töten in Vietnam ist also in vielerlei Hinsicht etwas anderes als das Töten im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Gleichwohl macht dieser Fall deutlich, dass es nicht unbedingt eines autoritären oder diktatorischen Regimes bedarf, um Handlungsrahmen wie den von My Lai zu eröffnen und Menschen sich für unterschiedsloses Töten entscheiden zu lassen. Eine normative Hintergrundvoraussetzung, situative Anforderungen und individuelle Orientierungsbedürfnisse reichen offenbar dafür aus, dass das geschieht." Besonders anschaulich wird das an einer kurzen Befragung eines der Soldaten, die an My Lai beteiligt waren (S. 222-223):

A: Ich habe mein M 16 auf sie gehalten
F: Warum?
A: Weil sie hätten angreifen können
F: Es handelte sich um Kinder und Babies?
A: Ja.
F: Und sie hätten angreifen können? Kinder und Babies?
A. Sie hätten Handgranaten haben können. Die Mütter hätten sie auf uns werfen können.
F: Die Babies?
A: Ja.
F: Hatten die Mütter die Babies auf dem Arm?
A: Ich glaube ja.
F: Und die Babies wollten angreifen?
A: Ich habe jeden Moment damit gerechnet, dass sie einen Gegenangriff machen würden.

Abschließend formuliert der Autor folgende Parameter, die für die Wahrnehmungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen der Täter bestimmend sind (S. 263):

- die normative Hintergrundannahme, dass eine Lösung des "Judenproblems" sinnvoll und wünschenswert sei,
- die Verschiebung des normativen Referenzrahmens in der totalen Situation,
- die Heterogenität der Wir-Gruppe, die tötet,
- die beständige situative Dynamisierung durch intendierte Handlungen und nicht-intendierte Handlungsfolgen,
- das praktische Konzept, dass Töten eine Arbeit und als solche ständig verbesserungsfähig ist, und schließlich
- dass Gewalt an sich nicht nur destruktiv ist, sondern für diejenigen, die sie ausüben, eine ganze Reihe konstruktiver Funktionen hat.

Die Umstände sind ausschlaggebend, das lässt sich aus Harald Welzers Analyse schließen, doch es bedarf auch immer eines bewussten Entschlusses, um einen Genozid möglich zu machen und gegen diesen, sowie die ausschlaggebenden Faktoren kann man etwas unternehmen. Man ist nicht völlig machtlos.

Was jedoch seine Ausführungen der Theorie angeht, spießt es sich ein wenig. Stellenweise sind Welzers Sätze derart mit Adjektiven überladen, dass man schlicht den Überblick verliert, die kleine Schrift der Taschenbuchausgabe tut dazu ihr übriges. Man vermisst immer die Prägnanz kurzer Sätze, die genau den Kern des ganzen beschreiben, anstatt darum herumzutänzeln. Das ist bedauerlich, denn die Botschaft hätte so noch weit eindringlicher vermittelt werden können.

Fazit:
Der Grundgedanke ist höchst interessant, die Präsentation jedoch problematisch, da meist mit komplizierten Formulierungen und Erläuterungen angereichert, die den Blick auf das Wesentliche verstellen können.
44 Kommentare61 von 65 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. Juli 2008
Die Frage, warum "ganz normale Menschen" unter bestimmten Bedingungen zu, wie es scheint, blutrünstigen Bestien werden, hat sicherlich fast jeden beschäftigt, vielleicht fasziniert. Dass die Frage zeitlos ist und sich nicht nur auf die NS-Thematik beschränkt, zeigen nicht nur die im Buch kurz behandelten Fälle Vietnam, Ruanda und Jugoslawien. Zuletzt könnte man die die Frage im Hinblick auf die in Abu Graib tätigen US-Soldaten stellen (was der Autor jedoch nicht tut).
Die Fragestellung ist somit kaum eine historisch-politische, sondern eine s o z i a l p s y c h o l o g i s c h e; und dies ist auch die Herkunft und Herangehensweise des Autors.

Nun sind sozialpsychologische Experimente wie das Milgram-Experiment u.a. weithin bekannt und sie werden im Buch auch gestreift. Sie stellen jedoch bestenfalls einen Beweis für das V o r h a n d e n s e i n der latenten Bereitschaft zum Töten in fast jedem Mensch dar, aber sie e r k l ä r e n sie nicht wirklich. Bei den Historikern Browning und Goldhagen wird die Frage auch thematisiert, aber keinem systematischen - sozialpsychologischen - Erklärungsversuch unterzogen.
Dies versucht hingegen das vorliegende Buch, und darin sehe ich auch dessen besonderen Wert. Weniger der historische S a c h v e r h a l t steht, wie bei den vorhin Erwähnten, im Vordergrund (wenngleich der Autor in der historischen Fachliteratur überaus belesen ist), sondern der M e n s c h allgemein, der in großer Zahl andere Menschen tötet. Warum tötet er, warum kann er es, i. d. R. ohne sichtbare Skrupel und Schuldgefühle (im Übrigen auch nicht im Nachhinein)? Das Buch versucht, das Unvorstellbare verstehbar, nachvollziehbar zu machen und ein umfassendes, (mit Einschränkungenn) auf andere historische oder aktuelle Gegenstände anwendbares Erklärungsmuster anzubieten..

Der Autor sieht, zumindest in den Fällen der NS-Erschießungsaktionen, die den Schwerpunkt des Buches bilden, zwei Punkte für maßgeblich an zur Beantwortung seiner Frage: Er verweist auf die Bedeutung von G e w ö h n u n g sowie - vielleicht noch wichtiger - auf ein "situatives Handlungsgefüge", einen "R e f e r e n z r a h m e n" (das sind die wiederholt verwendeten Ausdrücke des Autors), in denen die Mordaktionen stattfinden.

Beispiele zu Aspekt G e w ö h n u n g: Wer Juden zusammentreibt, in Lastwagen verfrachtet usw., ohne zu wissen (sicherlich aber zu ahnen), was mit diesen geschehen soll, wird vor dem ultimativen Befehl kaum noch zurückschrecken. - Oder: Wessen Kamerade eine solche "Arbeit" bereits ausgeführt hat und man sieht, der kann es und wird damit auch gut fertig, der zögert nicht, wenn der Kompaniechef das nächste Mals sagt: "Diesmal schießen Sie." - Oder: Wer zunächst eine befreundete Apothekerfamilie widerwillig exekutiert hat, wird später keine Hemmungen mehr bei anonymisierten Massenhinrichtungen haben. usw.

Zum zweiten Aspekt. Was der Autor mit "R e f e r e n z r a h m e n" meint: Die Soldaten sind, bspw. bei einer "Judenaktion", mit einem Befehl konfrontiert, den sie glauben befolgen müssen. Es sind nur "Kameraden" da, die Heimat ist weit weg. Keiner stellt die Frage nach Schuld oder Moral. Alle sind, in welcher Funktion auch immer (Arbeitsteilung senkt die Hemmschwelle, s.o.), am Geschehen beteiligt, das von den Beteiligten als (möglicherweise unangenehme) "Arbeit" verstanden wird, die erledigt werden muss. Die Frage nach dem Ob stellt sich nicht mehr, sondern nur noch nach dem Wie.

Beide Erklärungsansätze kommen zusammen zu der Feststellung: "Die Menschen werden nicht brutaler, es macht ihnen nur nichts mehr aus, brutal zu sein. Und was wir als "Brutalität" bezeichnen, ist ein funktionaler Aspekt der Tötungsarbeit". (S. 169).
Und: "So grauenhaft die Situation in der Grube ist, sie ist kein Chaos; die Vollzüge laufen geregelt ab, obwohl hervorspritzendes Blut und explodierende Schädeldecken sich nicht an Regeln halten. ... Der Referenzrahmen - hier wird etwas getan, was getan werden muss - bleibt gültig, weil sich alle Beteiligten dafür entschieden haben mitzumachen," (S. 147)

Weiteres kommt hinzu. Die NS-Indoktrination, dass Russen und Juden (v.a. jüdische Russen) minderwertig seien, bleibt nicht spurenlos im Anblick nackter, verängstiger Menschen. Der Rausch absoluter Machtfülle stellt sich ein usw.

Nach der Lektüre dieses Buches - keines habe ich, angesichts der Vielzahl schonungslos dokumentierter Einzelbeispiele als schockierender empfunden - würde ich (zum ersten Mal) sagen: Ja, jetzt habe ich verstanden, warum so etwas möglich war und auch immer sein wird.
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am 24. Januar 2010
"Täter - Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" ist für mich ein unbedingtes Muss, um zu begreifen und zu verstehen, wie solche Greueltaten immer wieder möglich sind. Das Buch beschreibt sehr sachlich und psychologisch, wie es möglich ist, dass ganz "normale" Menschen wie Du und ich dazu in der Lage sind, solche Massenmorde, wie sie vielfach während des zweiten Weltkrieges begangen wurden, zu begehen und auch später oft schuldfrei damit zu leben. Obwohl das Buch sehr sachlich und wissenschaftlich geschrieben ist, ist dieses Buch auch für einen absoluten Laien wie mich gut verständlich und wird nicht langweilig. Überzeugt hat mich auch, dass Harald Welzer die psychologischen Erklärungen zwar anhand der Geschehnisse während des zweiten Weltkrieges zu erbringen versucht, aber auch nicht außer Acht lässt, dass immer wieder Massenmorde und Massenerschießungen auch in anderen Kriegen begangen werden, dies also keine Einzeltat der Deutschen während des Holocoust ist, sondern auch später in verschiedenen Kriegen immer wieder geschieht.
11 Kommentar10 von 11 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 13. August 2014
Es fällt mir im Grunde schwer ein Buch mit solchem Inhalt mit "Gefällt mir sehr" zu bewerten, weil dies vor dem Hintergrund, von was es erzählt, zynisch und beschämend wirkt. Dennoch ist es ein unbeschreibliches Zeitdokument, das jedem Einzelnem von uns die wahren Abgründe der "Krone der Schöpfung" vor Augen führt. Nämlich, zu was der Mensch - jeder Mensch, ob Akademiker oder Hilfarbeiter - fähig ist, gibt man ihm nur die Gelegenheit dazu. Harald Welzer bringt es mit dieser Zusammenstellung von Recherchen bei mir fertig - enbenso schon mit dem Buch "Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" - dass ich bisweilen nur stockend und mit unbequemer Anspannung, Zeile um Zeile lesen konnte, um dann für Momente die Augen abwenden zu müssen und inne zu halten (z.B. wie mit völligem Selbstverständnis Kinder getötet wurden). Diese unaussprechlichen, fürchterlich bestialischen Ungeheurlichkeiten, zu denen "normale" Männer im Stande waren zu tun und die in Aussageprotkollen niedergeschrieben wurden, machten mich beim Lesen völlig fassungslos, nachdenklich und lösten extremes Unbehangen und stellenweise Übelkeit bei mir aus.
Ich (Jg.70) beschäftige mich seit Jahren mit der Frage, wie ich wohl in dieser Zeit - in diesem "Referenzrahmen" - gehandelt, gedacht oder gefühlt hätte und komme immer wieder zu der schrecklichen Erkenntnis, dass wohl auch ich mich, der ich mich als "normal" bezeichne", vemutlich ebenso manipulieren und verführen hätte lassen, wie viele andere Menschen in dieser Zeit, unfähig und schwach, eigene Moralvorstellungen zu vertreten und durchzusetzen, oder gar gegen den vermeintlichen Unrechtsstaat im Widerstand vorzugehen.
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VINE-PRODUKTTESTERam 30. Januar 2007
Ticken Massenmörder anders, oder was ist mit ihnen los? Die Frage diskutiert Welzer in seinem Buch auf hohem Reflexionsniveau und beglückt den Leser mit der These, dass die Taten aufgrund von Verschiebungen in den sozialen Gefügen (sei es auf individueller, sei es auf gesellschaftlicher Ebene) nicht als unmenschliche Taten empfunden werden. Ausgehend von den Thesen zu Wir- und Sie-Gruppen wird der bekannten These der Unfähgikeit zu Trauern widersprochen. Auch vermag Welzer mit einigen Mythen der Sozialpsychologie aufzuräumen und kannzeigen, dass Gewalt sozial und historische spezifisch ist. Die These erweist er zum einen an den Taten der Judenvernichtung, zum anderen aber an kurzen Fallbeispielen aus Vietnam, Ruanda und Jugoslawien. Dem Leser werden die blutigen Details nicht erspart und das ist auch gut so. Die Analysen Welzers zur Motivation von Tätern regt zum weiteren Nachdenken und Nachforschen an. So manches Mal wünschte man sich doch noch weitere Erklärungen, wie z.B. , dass gesellschaftliche Institutionen- und Handlungsgefüge Speicher von Potentialen sind. Diese These ist stark und wird sich an weiteren Untersuchungen bewähren müssen, die hoffentlich in weiterer Form von Welzer vorgelegt werden.
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am 3. Oktober 2014
Ein sprachlos und betroffen machendes Werk, dessen Brisanz durch die Aktualität in Form ständiger ethnischer, religiöser oder politischer Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt, denen das Potential innewohnt, innerhalb kürzester Zeit in Massenvertreibungen und Genozids zu kulminieren, dem Leser nicht einmal die Option offenhält, die unbeschreiblichen Gräuel als einmaligen, aber vor allem vergangenen und in dieser Form unvorstellbaren Zivilisationsbruch zu sehen.
Denn wie rasant ein Wandel die Gesellschaft, deren Normen und Werte um 180 Grad wenden, Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder zu Menschen erst zweiter, schon bald nicht mehr lebenswerter Klasse machen kann, möchte man nicht wahr haben. Wie von Klischees und Vorurteilen gegenüber einer Menschengruppe über aktive Ablehnung und Meidung dieser bis zu den ersten physischen Übergriffen, der Bereicherung auf deren Kosten und der finalen physischen Auslöschung innerhalb eines knappen Jahrzehnts der Bogen gespannt werden kann, ist heute schwer nachvollziehbar. Sicher war der Schoß, aus dem dies kroch schon immer fruchtbar, aber nur bei einem geringen Teil der Bevölkerung. Die Gewohnheit und Konditionierung, der wir uns selbst häufig nicht bewusst sind, weil wir uns in dem Trugbild als autarke, zwar zu der Gemeinschaft gehörende, aber doch in unserem Handeln scheinbar freie und unabhängige Menschen wägen, spielt bei allen Dimensionen von Grausamkeiten eine entscheidende Rolle.
Solange es gesellschaftlich als Tabu gilt und inakzeptabel erscheint, seinen Nächsten abzuschlachten, ist ein normales Zusammenleben, abgesehen von den zutiefst menschlichen Gruppenzwängen, Klassenunterschieden und Vorurteilen, relativ problemlos möglich. Ändert sich die Norm hingegen, wie im Buch speziell anhand der Genozide dargestellt, passen die Akteure ihr Weltbild an die neuen Gegebenheiten an und zimmern Rechtfertigungsmechanismen zusammen, um sich selbst etwas vor zu machen. Am Anfang geht das Massenmorden noch relativ schwer von der Hand, die Abneigung gegen das Abschlachten von Männern, Frauen, Kindern, Säuglingen, Kranken und Alten stimmt nicht mit der bisherigen Indoktrination überein und es regen sich Widerstände. Wenn auch nur im Geiste, nicht in der Tat. Diese hingegen wird von Mal zu mal professioneller, man tauscht sich aus, experimentiert mit den besten Schusswinkeln und Trefferpunkten an den Körpern der Opfer, wie man Leichen optimal raumausfüllend stapelt, ob zuerst Mütter oder Kinder getötet werden sollen, um nicht zu grausam zu sein, wie oft man die überhitzten Gewehre wechseln soll, wie man die logistischen Aufgaben am besten verteilt, die Opfer bis zum Ende unter Vorspiegelung falscher Tatsachen möglichst lange ruhig hält und etliche andere Details. Die Theorie und Praxis des Grauens, das Lernen aus sich immer höher stapelnden Leichenbergen, um diese noch schneller und effizienter wachsen lassen zu können. Mit den Tagen und Wochen wird es dadurch zur Routine, tausende Menschen zu erschießen, die generell sadistisch und abartig veranlagten Soldanten drängen sich um die anfangs noch abwechselnd vergebene Tätigkeit des Erschießens, die anderen nehmen ihre jeweiligen Positionen als beispielsweise Transportfahrer, Waffenwart oder Wächter ein und irgendwann ist das Grauen zur Normalität geworden.
Die einen rechtfertigen es damit, ihre Arbeit erledigen zu müssen, andere wiederum sorgen sich um die Sicherheit der eigenen Familie in der Heimat oder des Staates im Allgemeinen und sehen in Frauen potentielle Feindmütter, in Säuglingen gar schon heranwachsende Partisanen, mit deren Auslöschung sie einen wichtigen Beitrag zur Endlösung zu leisten glauben. Während es bei den leitenden Organen, die mit der Organisation betraut sind und selten selbst Hand anlegen müssen reicht, sich des ideologischen Überbaus und der Richtigkeit ihrer Anweisungen widerholt zu versichern, brauchen die unmittelbar dem Blutbad ausgesetzten einfachen Soldaten noch zusätzliche Illusionen, um sich der Richtigkeit ihrer Handlungen sicher sein zu können. Zum Beispiel zuerst die Mutter von einem anderen Soldaten erschießen zu lassen, um gleich darauf selbst deren Kind zu töten, mit der Erklärung, jetzt da die Mutter tot ist, wäre es eine arme Waise und man wolle es aus Menschlichkeit davor bewahren ohne Mutter aufwachsen zu müssen. Dies ist exemplarisch für die fundamentale Logik aller Erklärungsansätze, die von den Tätern eingebracht werden.
Leider ist die eingangs erwähnte und bequeme These, so etwas könne nie mehr passieren, als wären derartige Abartigkeiten einmalige Ausrutscher und nicht die Regel, seit 1945 leider ausreichend wiederlegt worden und wenn man die aktuelle geopolitische Situation und die etlichen schwelenden, potentiell jederzeit im eskalieren begriffenen Konflikte mit Potential zur rasanten Entfaltung zu verheerenden Flächenbränden betrachtet, muss man den Schleier von den Augen nehmen und sich eingestehen, dass so etwas wie Lernfähigkeit im Vergleich zu der These, die Geschichte würde sich widerholen, die denkbar schlechteren Karten hat.
Wobei es einen eklatanten Unterschied macht, ob eine Gruppe oder ein ganzer Staat aus elementarer Not, Hunger, Elend, Bedrohung, Unterdrückung und Verzweiflung heraus Krieg führt, um das Überleben zu sichern und sich gegen einen Aggressor zu verteidigen und in Folge dessen Gräueltaten geschehen, oder ob ohne triftigen Grund nur aus Verhetzung, Agitation, Demagogie und Propaganda geborene Menschenrechtsverletzungen in bis dato intakten, prosperierenden Staaten verübt werden. Die verabscheuungswürdigen Resultate mögen die gleichen sein, nur von der moralischen Legitimation aus der Sicht der Täter her ist es noch eine Spur kränker und widerwärtiger es ohne triftigen Grund oder Bedrohung von außen geschehen zu lassen und sich aktiv daran zu beteiligen. Einfach so.
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am 29. September 2007
Dieses Buch gehört zu den eindrucksvollsten Büchern die ich je gelesen habe! Welzer zeigt eindrucksvoll, wie aus "normalen" Menschen, mit ganz "normalen" Berufen, Massenmörder werden können. Dabei weisen die hier untersuchten Menschen keine psychischen Störungen und Abnormalitäten auf, vielmehr wird eindrucksvoll gezeigt, wie ein konstruierte Gruppendynamik (Wirklichkeit) die Einzelnen so handeln ließ, wie sie letztlich handelten, was ihre Handlungen nicht unentschuldbar macht, aber für den Leser verstehbarer werden lässt. Welzer macht darüber hinaus Schluss mit dem Vorurteil: "Wenn ich nicht getötet hätte, wäre ich erschossen worden." Der Druck auf den Einzelnen besteht hier in einer weitaus diffizileren Dynamik.
Im Vordergrund dieses Buches stehen einzelne Gruppen und nicht die Gesamtheit des Nationalsozialismus. Das wiederum sorgt auch für zahlreich emotionale Erlebnisse bei der Lektüre. Manchmal möchte man aufschreien vor Wut und Verzweiflung, wenn man die erschütternden und hier zitierten Augenzeugenberichte liest. Fünf Sterne sind absolut gerechtfertigt, der Lerneffekt ist enorm!! Besonders zu empfehlen ist dieses Buch für junge Menschen, die der deutschen Vergangenheit indifferent gegenüberstehen, aber auch allen, die ein wenig von den Gräueltaten der Vergangenheit verstehen und vor allem daraus lernen wollen.
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Dieses Buch handelt von ganz gewöhnlichen Massenmördern, dabei hinterfragt der Sozialpsychologe Harald Welzer, wie ganz normale Mitbürger, herzensgute Familienväter, zum Beispiel als Soldaten im Dritten Reich oder Täter aus dem Holocaust, massenhaft Menschen töten konnten? Er wirft ferner die Frage auf, wie solche Massenmörder sich dann wieder vorbildlich in die Bundesrepublik integrieren konnten?
Ganz wichtig für ihn ist, dass er sagt, die Voraussetzung dafür, das man so mit anderen Menschen umgeh, ist, das man erst einmal lernt, dass die anderen Menschen keine „Menschen“ sind.
Bis man dann zum Töten bereit ist, dauert es gewöhnlich ein bisschen. Die Bereitschaft muss erzeugt werden. So wurden im Dritten Reich die Juden zunächst durch vielerlei Auflagen aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Man suggerierte den Menschen, dass sind Volksschädlinge, das sind nicht Menschen wie Du und Ich. Und in Zeiten des Krieges, war es innerhalb weniger Wochen erreicht, dass die „Massenmörder“ ihre Arbeit ohne Skrupel ausführten, eigentlich so wie jede andere Arbeit zu der Sie aufgefordert wurden. Zu erst werden Männer getötet, später auch Frauen und Kinder. Welche Moral ist bei solchen Massenmördern letztlich noch vorhanden? Innerhalb ihrer Aufgabe kommt es doch dann tatsächlich aus Rechtfertigungsgründen zu perversen Unterscheidungen, in der Tötungsrangfolge. Die „Guten“ töten erst die Kinder, weil es unmenschlich wäre, zuerst die Mutter oder den Vater zu erschießen und das Kind so größeren Qualen auszusetzen.
Der Autor spricht schließlich in seiner sozialpsychologischen Studie von der „Rollendistanz“, der diese Massenmörder nach dem Krieg dazu befähigt, zu sagen, ich musste es tun, aus Kameradschaft, aus Staatsräson, aus Befehlsbefolgung usw. und trotz allem bin ich doch bei der Festlegung der Tötungsfolge ein guter Mensch geblieben.
Ein Buch das ausgesprochen bewegt und eine Antwort auf die Frage gibt, wie wenig unserem ethischen Bewusstsein in Grenzsituationen zu trauen ist, denn es gab keine Personengruppe, die sich der Aufforderung zum Morden versagt hätte.
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am 7. Juli 2012
Diese sozialpsychologisch fundierte Buch von Harald Welzer verdient hohe Aufmerksamkeit.
Gerade aktuell haben sich in Mediendiskussionen gedankliche Konzepte von "Täterpersönlichkeiten" oder "Tätervolk" wieder sehr ins allgemeine (Moral-)bewusstsein geschoben und scheinen geeignet, als Teil einer "political-correctness" differenziertere und psychologisch tiefer gehende Konzepte zum Verständnis des "Gut und Böse" verdrängen. Die gedanklichen Kurzschlüsse, die hier oft stattfinden, erzeugen eine bedenkliche Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung und Verarbeitung der genocidalen Vergangenheit, hier speziell der Deutschen. Diese kann tendenziell von Welzers Buch geschlossen werden.

Dass kategoriale Begrifflichkeiten wie in prozessualen Vorgängen nicht greifen und vor allem nicht helfen, das Handeln der gesellschaftlich bestimmten Menschen in Genocid-Situationen zu begreifen, und vor allem nicht helfen, künftiges zu verhindern, zeigt Welzer in seinem Buch.
Er zeigt, wie auch meine Vorrezensenten über das Buch ausgiebig beschrieben - dass es nicht mit individueller "Täter"haftigkeit, Psychopathologie , aber gerade auch nicht mit fehlender Moral zu tun hat, wenn in einer Gesellschaft, Gruppe (oder heute auch medial verbundenen "community") massenhafte Grausamkeiten bis hin zum systematischen Mord an bestimmten Gruppen zur "Normalität" wird.
Die ausgewerteten Befunde zeigen, "dass solche Personen weder krank noch einzigartig sind, sondern auch, dass wir sie heute in jedem anderen Land der Erde antreffen würden." (S.9)
"Das nun freilich ist ein bedrückender Befund - denn die Taten, die von diesen psychisch normalen Menschen begangen wurden, waren ja so anormal (...) man entwickelt fast reflexartig die Tendenz, sich von diesem Grauen abzuwenden."(S. 12).

"Es handelt sich bei kollektiven Gewalttaten in der Regel nicht um unerklärliche Eruptionen, sondern um wiederkehrende soziale Vorgänge mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Schluss, und diese Vorgänge werden von denkenden Menschen und nicht von Berserkern erzeugt." Das genau macht es aber auch so aktuell für unsere heutige Auseinandersetzung.
Mit seiner sozialpsychologisch angelegten Fragestellung versucht Welzer, analytisch die drei Fragen zu beantworten:
- wie haben die Täter die Situation wahrgenommen und interpretiert?,
- welche Binnenrationalität ließ i h n e n ihr Handeln sinnvoll erscheinen, und
- wie waren die(..)situativen Dynamiken, die ihrer Entscheidung zum Töten
vorausgegangen sind." (S.43).
Er kommt zu dem Schluss: das theoretische (..)Problem lässt sich so bestimmen, dass wir (..) partikulare Moralkonzepte zur Kenntnis nehmen müssen - auch dieses verpflichtet ein Individuum auf ein Handeln, das über seine eigenen Interessen (..) hinausgeht.(..)weshalb es als moralisch akzeptabel (...)erscheinen kann, bestimmte Personengruppen aus dem Geltungsbereich moralischen Handelns auszuschließen." (S.36). Dieses trifft keineswegs nur auf das sogenannte "Dritte Reich" zu, sondern kann auch in My Lai, im Irak, in Ruanda gesehen werden: bestimmten Menschen, "Personengruppen" wurde die Gültigkeit des moralischen Behandeltwerdens abgesprochen.
Wie im "Universum der allgemeinen Verbindlichkeit" - ganz schleichend, kaum bemerkbar - das als "normal" definierte zwischenmenschliche Verhalten als G a n z e s verändert wurde, wird an Sebastian Haffners Schilderung deutlich: Er wurde Zeuge, -damals selbst ein junger Gerichtsassessor- als SA-Leute das Gericht auf der Suche nach "jüdischem Personal" durchsuchen. "es lief erstaunlich unspektakulär ab". Er "hofft, es möge bald vorüber sein", da kommt eine braune Uniform auf ihn zu "sind Sie arisch? Ehe ich mich besinnen konnte, hatte ich geantwortet: 'Ja'. (...) Ich empfand, einen Augenblick zu spät, (..) die Niederlage. Ich hatte "ja" gesagt! Ich hatte nicht gelogen, ich hatte nur viel Schlimmeres geschehen lassen."
"Wir neigen dazu, etwas, das wir mit einem ambivalenten Gefühl getan haben, vor uns selbst zu legitimieren...." - Kurze Zeit später lässt Haffner es bereits in einem Gemeinschaftslager für Referendare zu, während er nationalsozialistische Lieder mitsingt, dass ein andrer Referendar einem "Femegericht" unterworfen, also gemeinschaftlich verprügelt wird." (S.60).
Welzer zeigt , dass "wir es viel zu einfach machen, wenn wir bei dem Handeln von Tätern und Täterinnen von Vernichtungsprozessen dieses Handeln schlichtweg als irrational, krank und/oder amoralisch charakterisieren." (S. 42). Wir müssten vielmehr die schleichende Veränderung der Moral verstehen, die alle gleichzeitig erfasst und in einem "Wir-Gefühl" ausgelebt wird - aus dem dann bestimmte Personengruppen ausgeschlossen sind. "Ein zentraler Mechanismus auf dem Weg zum Völkermord scheint in der Tat darin zu bestehen, dass auch Personengruppen, die ursprünglich (...) dem Universum allgemeiner Verbindlichkeit zugerechnet wurden, sukzessive aus diesem ausgeschlossen werden." (S. 37). Und an andrer Stelle schlussfolgert er: "Ohne Moral hätte sich der Massenmord nicht bewerkstelligen lassen."
Es ist also nicht das Fehlen von Moral, sondern eine Moral, die andre ausschließt, entmenschlicht, zu Un-Menschen deklariert.
Das war in Ruanda so, wo die Tutsis mit Begriffen wie "Kakerlaken" und Ähnlichem als "Tiere" gekennzeichnet wurden, das ist auch durchaus heute wieder latent zu bemerken, wenn ein medientechnisch aufgehetzter Mob wie anlässlich eines Mordverdächtigen in Emden bestimmte Menschen durch entmenschlichende Vokabeln zu "Tieren", "Schweinen" etc. plötzlich aus dem "Universum allgemeiner moralischer Verbindlichkeit ausschliesst". (Das Internet mit seinen blitzschnellen Gemeinschaftsbildungen multipliziert diese Tendenz noch): Tiere darf man töten, darf man misshandeln, darf man lynchen. Es wird nachgerade zu einem "moralischen Muss", die solchermaßen Deklarierten auszugrenzen und aus der allgemeinen moralischen Verbindlichkeit zu entfernen!
In diesem Punkt ähneln die Schlussfolgerungen, zu denen Welzer kommt, frappierend den auf ganz andrem Wege erlangten Erkenntnissen von Bert Hellinger, die er vor allem in seinen Büchern wie "Der große Konflikt" , "Rachel weint um ihre Kinder" , "Gottesgedanken" (ISBN 3-446306565) und Videos wie "der Krieg" dargestellt und in teils meditativen Texten erläutert hat.
Schlüssel für die Eskalation der Konflikte bis hin zu Krieg und Völkermord sind jeweils Ausgrenzungen, die, oft unmerklich und schleichend als metaphorische, in verbale "Entmenschlichungen" mündend, den Weg frei geben für eine massive Abwertung und moralisch konsensfähige "öffentliche Meinung":
"Plötzlich konnte das "Töten von Menschen als "gut" gelten (..), weil es dem übergeordneten Wohl der Volksgemeinschaft diente."(Welzer, S. 37). Dem vorausgegangen waren Metaphern über jüdische Menschen wie "Parasiten am deutschen Volkskörper" und eine Reihe von Schriften, mit denen diese metaphorischen Entmenschlichungen "theoretisch begründet" wurden.
Ähnliche Prozesse finden sich auch anderswo, wo ethnische Gruppen nur oberflächlich befriedet, durch eigene Politiker, Priester und Prediger miet entmenschlichenden Verbalien gegen die anderen aufgebracht werden, zum Beispiel in Ex-Jugoslawien oder Ruanda.
Das Buch "Auf leisen Sohlen ins Gehirn" von George Lakoff und E. Wehling (ISBN 978-3-89670-634-8) erläutert diesen Vorgang noch einmal anhand der Metaphernsprache von George Bush, der es mit wenigen Sätzen schaffte, alte Religions-Kriegsmetaphern wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen und seine Kriegsabsichten damit zu rechtfertigen.
Insofern sind interessanterweise die öffentlich-mediale Benutzung und moralische Rechtfertigung von metaphorischen Worten wie "Un-Mensch", "Monster", "Tier", "Schwein, oder "Ungeheuer" Indizien dafür, wie weit eine Gesellschaft oder gesellschaftliche Gruppe sich anschickt, von einem allgemeinen moralischen Misshandlungs- und Tötungsverbot abzurücken und in den Köpfen ihrer Mitglieder die moralische Bereitschaft zu etablieren, "notfalls" auch Folter, Lynchjustiz und , ja, wenn es sein "m u s s", auch Mord, Krieg und Genocid als moralische Tat zu rechtfertigen.
In einem kürzlich im NDR gezeigten Film (meine Eltern, die Nazis und ich) wurde dem Nachkommen eines Auschwitzkommandanten Beifall geklatscht, als er vor einer Schulklasse sagte, "if I met my uncle today, I would kill him." Jubel, Beifall. Töten findet Anklang, wenn es "die Richtigen" sind, die, die "allgemein hassenswert" scheinen.
Wenn nun auch noch eine Verschiebung vom damaligen historischen Subjekt auf die heutige Nachfolgegeneration und vom damaligen historischen Objekt auf heutige - ebenso Unschuldige projiziert wird, ist der Weg frei für neue kollektive Feindbilder.
So kann sich das Recht zur Ausgrenzung und -"notfalls"- Tötung über Generationen fortpflanzen, - nun mit umgekehrten Vorzeichen.
Wenn man weiterhin den Fehler macht, den Welzer lapidar als "kategorial" im wissenschaftlichen Sinne bezeichnet: "Es ist ein kategorialer Fehler , wenn man das Handeln eines Menschen in einer gegebenen Situation auf seine ganze Persönlichkeit hin generalisiert."

Dieser "kategoriale Fehler" der Generalisierung von prozesshaftem Verhalten und Vorgängen, wird , soweit ich sehen kann, in der Medienkommunikation weiterhin täglich millionenhaft gemacht. Man nennt es verkürzend auch "Schwarz-Weiss"-Denken. Hier die Guten, dort die Bösen. Wer böse ist, muss krank sein oder ein Unmensch oder die Moral fehlt. Dass es aber g e r a d e die eigene Moral sein könnte, die die Ausgrenzung möglich macht - und für die man selbst leicht blind wird?

Schlüssel dazu ist die Erkenntnis der (linkshemisphärischen) Neigung, Prozesse und menschliche Verhaltensweisen in statische Kategorien erstarren zu lassen: Einmal Täter, immer Täter. Einmal Opfer, immer Opfer.
Mit diesem "kategorialen Fehler" finden wir somit immer von Neuem Anlass für Ausgrenzung aus dem "Universum allgemeiner moralischer Verbindlichkeit" - von Personen, von Gruppen, von Religionsgemeinschaften, von Nationen.
In dieser Hinsicht kann einem die sorgfältige Studie von Welzer vielleicht die Augen - und das Herz - für differenziertere Sicht- und Fühlweisen öffnen.
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