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TOP 500 REZENSENTam 18. März 2011
Bis zum Erscheinen der Dresdner Aufnahme unter Carlos Kleiber von 1973 war diese Einspielung von 1958 unter Joseph Keilberth - damals Chef der Bamberger Symphoniker, designierter GMD der Bayerischen Staatsoper München und ständiger Gast bei den Bayreuther Festspielen - konkurrenzlos, seitdem ist sie immer noch die klassische Alternative:

Wo Kleiber durch einen sehr schlanken Orchesterklang und teilweise extrem schnelle Tempi entweder verstörte oder begeisterte, hielt sich Keilberth im Rahmen der Konventionen und lieferte am Pult der Berliner Philharmoniker eine sehr sorgfältige, klassisch romantische Deutung ab, die allenfalls im direkten Vergleich mit der Kleiber-Aufnahme etwas behäbig wirken mag.

Bei der Besetzung der Hauptrollen hat Keilberth gegenüber den meisten Konkurrenzeinspielungen die Nase vorn:

Die Agathe von Elisabeth Grümmer ist in ihrer Innigkeit, ihrem beseelten Timbre, ihrer klanglichen Intelligenz bis heute unübertroffen, auch gegenüber der sehr überzeugenden Gundula Janowitz bei Kleiber.

Lisa Ottos helle, klare Stimme wirkt neben Grümmer ziemlich kühl, hat zudem besonders in der ersten Arie leichte Intonationsprobleme. Hier wäre z. B. Rita Streich, die neben Grümmer bei den Salzburger Festspielen oder in einer Radioaufnahme das Ännchen gegeben hatte, die bessere Wahl gewesen. Trotzdem ist Otto eine ordentliche Besetzung.

Der Max ist in den meisten Aufnahmen die problematischste Rolle. Hier darf sich Rudolf Schock in seiner erfolgreichsten Opernpartie präsentieren, und das recht ordentlich - seine Neigung zu enger Höhe und von unten angestemmter Tönen hat er ganz gut im Griff, seine Stimme hat genügend Kraft und sein etwas hauchiges Timbre passt zur Rolle. Trotzdem wären mir etwa Fritz Wunderlich, der wohl 1958 bei der EMI noch nicht das nötige Standing hatte, oder Nicolai Gedda, der damals v. a. im französischen oder italienischen Fach eingesetzt wurde, lieber gewesen.

Der Kaspar ist dann wieder optimal: Karl Christian Kohn ist der wildeste, ungestümste aller Interpreten dieser Rolle, verfügt über eine kernige Stimme und die nötige dämonische Ausstrahlung.

Die Nebenrollen sind mit Hermann Prey als Fürst und Gottlob Frick als Eremit geradezu luxuriös besetzt.

Und so bleibt dies bis heute eine der besten Freischütz-Aufnahmen, die in den Agathe- Und Kaspar-Szenen geradezu überwältigt. Wem Carlos Kleiber zu radikal ist, wird mit dieser Einspielung glücklich werden.

Es gibt allerdings noch eine dritte Möglichkeit, sozusagen einen Geheimtip - eine Kölner Radioaufnahme unter Erich Kleiber, von den Tempi zwischen seinem Sohn und Keilberth, auch mit Grümmer, Rita Streich als Ännchen und Max Proebstl als ebenso gutem Kaspar. Da ist dann der Max allerdings Hans Hopf - und der ist auch Geschmackssache.
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Nach der Veröffentlichung der glanzvollen Freischütz-Einspielung von Carlos Kleiber (DGG, 1972) ist die hier besprochene Aufnahme von Joseph Keilberth (1908-1968) ein wenig ins Hintertreffen geraten. Das hat sie nicht verdient. Sie wartet nämlich nicht nur mit einer ganz großartigen dirigentischen Leistung auf, sondern hat auch ein hervorragendes Sängerensemble aufzuweisen. In der Rolle der Agathe glänzt Elisabeth Grümmer, eine Sängerin mit wunderbarer Stimme und einer seelenvollen Haltung, die der Rolle voll und ganz entspricht. Allein Gundula Janowitz (bei Kleiber) hat später eine ähnlich überzeugende Leistung geboten. Frau Grümmer singt und spielt ergreifend. Ihr zur Seite steht als Ännchen die herzerfrischende Lisa Otto, eine ideale Ergänzung. Somit sind die weiblichen Hauptrollen in nicht zu überbietender Weise besetzt. Kommen wir nun zur Rolle des Max, zu der Rudolf Schock herangezogen wurde. Er bringt die Partie durchaus mit Anstand "über die Rampe", aber ich kann mich nicht recht für ihn erwärmen. Wie immer stemmt er die hohen Töne in nervenpeinigender Weise, und die Phrasenenden werden von ihm quasi jeweils mit einer "Vollbremsung der Stimme" beschlossen. Was bei anderen Sängern hin und wieder vorkommt, wurde bei Schock im Lauf der Jahre fast zur Manie und wirkt mehr als unschön. Schade, daß Peter Anders (er starb bereits 1954) nicht mehr zur Verfügung stand und Fritz Wunderlich nicht gefragt wurde. Ich weiß, daß Rudolf Schock gerade für seinen Max viele gute Kritiken erhalten hat, und möglicherweise spielt bei mir auch eine gewisse Voreingenommenheit eine Rolle, aber ich möchte den unbefangenen Hörer auffordern, sich im Vergleich einmal die große Arie des Max aus dem 1. Akt mit Richard Tauber, Helge Roswaenge oder Peter Anders anzuhören und sich dann ein Urteil zu bilden.
Nun aber zurück zur Keilberth-Aufnahme: Karl Christian Kohn hat die Rolle des Kaspar übernommen, und man muß ihm bescheinigen, daß es einen besseren Rollenvertreter niemals gegeben hat. Er kann die Hinterhältigkeit und Gefährlichkeit dieses Burschen nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch so überzeugend darstellen, daß ihn darum mancher prominentere Kollege beneiden könnte. Der bewährte Hermann Prey ist ein guter Fürst Ottokar, und als Eremit bringt Gottlob Frick mit seiner tiefen, sonoren Baßstimme ein glänzendes Porträt auf die Bühne. Die kleinen Rollen sind alle gut besetzt. Hermann Lüddecke hat den Chor der Deutschen Oper Berlin sorgfältig einstudiert, er singt und klingt hervorragend, und die Berliner Philharmoniker spielen unter Joseph Keilberth spitzenmäßig. Es ist höchst bedauerlich, daß dieser große Dirigent so früh von uns gegangen ist. Er starb an einer Herzattacke am 20. Juli 1968, während einer Aufführung von Wagners "Tristan und Isolde" in München, gerade 60 Jahre alt. Ein schwerer, unersetzlicher Verlust nicht nur für das deutsche Musikleben. Da Keilberths diskographische Hinterlassenschaft (bei Telefunken) fast ganz vom Tonträgermarkt verschwunden ist, freuen wir uns, daß die EMI diesen wunderbaren "Freischütz" in ihrem Angebot belassen hat.
Fritz Ganss, Produzent bei der deutschen EMI-Tochter Electrola, war für die künstlerische und technische Realisation der Aufnahme verantwortlich. Sie entstand 1958 in der Berliner Grunewaldkirche, und nach digitaler Neuabmischung klingt sie erfreulich klar und kann auch heutigen hohen Ansprüchen genügen. Auf dem Titelblatt dieser Neuauflage von Warner, die den EMI-Katalog nach der Insolvenz der alten Traditionsfirma übernommen hat, ist zwar das Original-Cover der LP-Ausgabe abgebildet, aber leider gibt es keine brauchbare Textbeilage.
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am 28. September 2015
Keilberth gelingt ohne viel Schnickschnack eine bis heute gültige Aufnahme, die - bei aller Konkurrenz - heute als die klassische Referenz gelten darf. Die Berliner Philharmoniker schwelgen unter Keilberths Dirigat in romantischen Farben, geben aber auch in den volkstümlichen Elementen sowie in der diabolischen "Wolfsschlucht-Szene" musikalisches Feuer. Der Chor der Deutschen Oper kommt ebenso gut mit seinen unterschiedlichen Aufgaben zurecht.
Die Solisten sind bis in die kleinsten Partien ausgezeichnet und prominent. Allen voran Elisabeth Grümmer, die ihren leuchtenden Sopran als Agathe bis in hohe Lagen durchweg strahlen lässt. Lisa Otto ist als Ännchen gewitzt und agilsingend besetzt. Bei den Männern hat eindeutig Karl-Christian Kohn die Nase vorn; selten danach hat man einen Kaspar gehört, der so diabolisch singt UND seine Partie spricht; das ist Sonderklasse. Rudolf Schock ist viel gescholten worden, aber er gefällt durchaus mit schönen Lyrismen und einem starken Kern in seinem durchaus schön klingenden Tenor. Die restlichen Protagonisten mit berühmten Namen wie Gottlob Frick als Eremit oder Hermann Prey als Fürst Ottokar ergänzen mehr als nur sinngebend und verhelfen dem Gesamtbild zu einem noch heute gültigen positiven Gesamteindruck.
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