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27 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nomen est omen
"Der Zauberberg" gilt als der deutschsprachige Roman des 20. Jahhrhunderts schlechthin. Und das völlig zurecht. Es bleiben zwei Fragen: Was macht dieses Werk so besonders und warum soll man es heute noch lesen?
Das besondere am Zauberberg ist nicht sein einfallsreicher Plot (der lässt sich in einem Satz zusammenfassen) und auch nicht sein faszinierender...
Veröffentlicht am 5. April 2005 von Michael Dienstbier

versus
2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Misrepresentation from Fischer Verlag
This Kindle book is NOT the same as the Fischer Paperback version, even though it is sold under the same heading as simply a Kindle variant. In the description it is supposed to be the same page length as the print version at 1008 pages; it is not. The print version contains 104 pages of biographical material and textual analysis, which is missing from this version. I...
Vor 12 Monaten von R. Clark veröffentlicht


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27 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nomen est omen, 5. April 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
"Der Zauberberg" gilt als der deutschsprachige Roman des 20. Jahhrhunderts schlechthin. Und das völlig zurecht. Es bleiben zwei Fragen: Was macht dieses Werk so besonders und warum soll man es heute noch lesen?
Das besondere am Zauberberg ist nicht sein einfallsreicher Plot (der lässt sich in einem Satz zusammenfassen) und auch nicht sein faszinierender Protagonist. Am Ende des Romans resümiert der Erzähler: "Lebwohl, Hans Castorp [...] Wir haben sie [die Geschichte] erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel." Wir haben also einen simplen Plot und einen noch simplerern Helden, ausgedehnt auf über 1000 Seiten. Was ist denn dann das Besondere an diesem Werk?
Erstens, die Sprache. Im Zauberberg beweist Thomas Mann, wozu die deutsche Sprache fähig ist. Sie ist hier nicht nur Medium, sondern der wahre Protagonist. Die unglaubliche Vielfalt der Vokabeln und der Satzkonstruktionen haut einen vom Hocker. Viele beklagen sich ja über die zu langen, und somit schwer verständlichen, Sätze Thomas Manns. Doch meiner Ansicht nach machen gerade diese den Roman lesenswert und zu einem kurzweiligen Vergnügen. Gerade heute, wo der Dativ dem Genitiv sein Tod ist und ebenso die Partizipialkonstruktionen zu verschwinden drohen, lohnt es, sich der Sprachzauberei Manns hinzugeben.
Zweitens, die Welt des Wissens. Man gewinnt den Eindruck, dass der Wissensstand zu Beginn der zwanziger Jahre bezüglich Religion, Philosophie, Geschichte, Politik und Medizin im Zauberberg abgebildet ist. In diesem Zusammenhang stechen vor allem die Streitgespräche zwischen Settembrini, ein literarisch ambitionierter Vertreter von Vernunft und Aufklärung, und Naphta, ein kommunistischer Jesuit, hervor, denen der simple Castorp regelmäßig beiwohnt. Von Sokrates bis Nietzsche wird in diesen Gesprächen aber auch wirklich alles mal angerissen. Ich kann nicht behaupten, auch nur einen Bruchteil der Thematik dieser Unterhaltungen auch nur im Ansatz verstanden zu haben. Dennoch zählen diese Passagen zu meinen Lieblingsabschnitten. Manns ironischer Erzählstil entlockt dem Leser immer wieder ein Schmunzeln, wenn sich diese beiden Verfechter im Kampf um ihre Ideologie beinahe an die Kehle springen. Da macht es nichts, dass man ihren Argumentationen nicht folgen kann (wer weiß, ob das überhaupt intendiert ist), es bleibt trotzdem herzerfrischend und unterhaltsam.
Drittens, Liebe und Tod. Diese beiden Evergreens der Menschheitsgeschichte bilden die Hauptthematik im Zauberberg. Das Sterben im Sanatorium in Davos ist Bestandteil des alltäglichen Lebens. Menschen kommen und Menschen sterben, ohne das jemand groß Anstoß daran nimmt. Dies ist der Alltag, der in seiner Natürlichkeit auch heute noch, da der Tod immer noch ein Tabuthema ist, erschreckend wirkt. Und die Liebe natürlich. Die sich langsam anbahnende Beziehung zwischen Castorp und Clawdia Chauchat, welche dann auch tatsächlich in einer, allerdings nur sehr subtil angedeutenden, gemeinsamen Nacht kulminiert. Die beiden Hauptthemen werden an zwei Stellen im Roman deutlich herausgestellt. Im Kapitel "Schnee" findet sich der einzige kursiv gedruckte Satz im gesamten Roman: "Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken" und abschließend fragt der Erzähler: "Wird auch aus diesem Weltfest des Todes [gemeint ist der Erste Weltkrieg], auch aus der schlimmen Fieberbrunst, er rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?"
Fazit: ein Sprachniveau, welches heute wahrscheinlich nicht mehr erreichbar ist, die Darstellung nahezu des gesamten Wissens zur Zeit der Entstehung des Romans und die ewig junge Thematik des Todes und der Liebe machen diesen Roman zu einem einmaligen Leseerlebnis. Wer ihn gelesen hat wird wissen, warum Thomas den Spitznamen "Der Zauberer trägt"
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79 von 85 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zauberhaft..., 15. Januar 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Der Roman von Hans Castorp, der nur mal so zu Besuch auf dem Zauberberg, einem Lungensanatorium, landet und dort nicht mehr wegkommt. Denn, so wird schnell klar, der Zauberberg hat seine eigenen Gesetze und seine eigene Zeit. Thomas Mann beschreibt messerscharf die kleineren und größeren Marotten der Menschen. Ob es eine Armhaltung oder ein Charakterzug ist, Mann läßt seine Figuren lebendig erscheinen und bringt uns Leser in eine merkwürdige Mischung von Distanz und Identifikation. Wir blicken, so ist klar, immer von außen auf unseren Helden und verschmelzen doch immer wieder mit ihm. Und der kleine Castorp biedert sich tüchtig an, bei den "Großen" auf dem Zauberberg. Bei dem dämonische Humanisten Settembrini, doch diesen Gott, den er selbst gewählt und der doch ihn gewählt hat, geht nieder. Der ätzende kleine, aber ebenso brillante Naphta, die zauberhaft erotische, obwohl doch auch lungenkranke Madame Chauchat, der gewaltige Lebemann Mynheer Peeperkorn lassen seine Autorität bröckelig werden. Wir sehen die Entwicklung des jungen Castorp von einem, der so tut als ob, zu jemandem, der mit der Zeit, dieser merkwürdigen, so ganz anderen Zeit auf dem Zauberberg, reift, zur echten Persönlichkeit wird. Und wir sehen, wie tappsig diese Schritte zuweilen sein können. Manns Buch ist enorm detailliert, scharf beobachtet und es menschelt überall, mal liebenswürdig, mal boshaft, mal dümmlich. Doch auch die intellektuellen Höhenflüge werden mit der Zeit als Ikarusflug entlarvt. Mann läßt sich hier viele Weltbilder austoben und zeigt sein enormes Wissen, doch wirkt dieses niemals aufgesetzt in Form eines Bildungsromanes, als welcher der Zauberberg auch teilweise beschrieben wurde. Der Zauberberg ist ein großartiges Stück Literatur, es ist lang, aber nie langweilig. Dies liegt vor allem daran, daß Mann es schnell schafft, obwohl er doch immer wieder so betont von außen schreibt, uns in die dichte und morbide Stimmung des Zauberberges einzuführen. Er entführt uns in diese Welt "da oben" und läßt uns so dicht teilhaben, weil wir ja wissen, es ist alles nur ein Buch...
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94 von 103 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der anwesende Tod macht mutig und befreit, 7. März 2002
Von 
Hans Henkel (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Als Leser wird man selbst Gast im Davoser Berghof, einem Sanatorium für Lungenkranke. Man lebt mit diesen in einer Höhe, in der fast das ganze Jahr Schnee liegt und sollte sich bei der Lektüre nicht wundern, wenn einen das ein oder andere der geschilderten Symptome befällt. So erlebt man mit Hans Castorp, einem jungen Mann einer alteingesessenen Bürgersfamilie aus dem flachen Norden Deutschlands, wie Freunde, Bekannte und ihm Fremde mit unabwendbarer Natürlichkeit und ohne allzu großes Aufsehen an ihrer Krankheit sterben. Das allein erregt schon unsere Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der der Tod dem Alltag entfallen ist. Dort oben in dieser von außen abgeschotteten Bergwelt, verliert das Sterben seinen Schrecken und wird zu einem vertrauten, mit einem Lächeln hingenommenen, ständigen Begleiter.
Es ist die Anwesenheit des Todes, die befreit, mutig macht und Grenzen überschreiten läßt. In diesem Licht erscheint die Liebesgeschichte von Hans Castorp zu Clawdia Chauchat, einer Russin, die als Patientin dort ebenfalls ihre Zeit verbringt, besonders intensiv und jeglicher Annäherung an eine reale Beziehung enthoben. Um diese Themen - Krankheit, schwärmerische Liebe, Tod - webt Thomas Mann ein strahlenförmiges Netz feinst nuancierter in Handlung eingebetteter Betrachtungen.
Ein fast ausufernd langer Teil enthält philosophisch, theologische Streitgespräche zwischen einem Herrn Settembrini und einem Herrn Naphta, die sich leichtem Verständnis entziehen. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sie Themen von brennender Aktualität. In diese einzudringen verlangt denkerische Schärfe, Lust am Experimentieren mit Gedanken und Freude am philosophischen Disput.
Mit der Abreise von Clawdia Chauchat verliert das Buch seinen Antrieb. Es endet mit dem sich schon in den letzten Kapiteln ankündigenden ersten Weltkrieg, der Hans Castorp vor weiterer Abstumpfung und Langeweile bewahrt.
Mit viel Witz erzählt Thomas Mann eine grandiose Geschichte, die sich trotz ihres hohen Alters eine erstaunliche Frische erhalten hat und die sich trotz ihres Umfangs fast von alleine liest. Man begegnet ihr wie einer alten Bekannten, die einem vielleicht deshalb so vertraut ist, weil es auch unsere eigene sein könnte.
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54 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zauberhafter Zauberberg, 9. November 2001
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg (Gebundene Ausgabe)
Ein recht dicker Wälzer, der von einem Mann erzählt und von sieben Jahren, die dieser Mann in einem Lungensanatorium verbringt, gemeinsam mit seinem Vetter Joachim Ziemßen, gemeinsam mit dem Doktor Behrens und dem Psychater Krokowski, gemeinsam mit Frau Mylendonk und dem Literaten Herrn Settembrini,Madame Chauchat und wie sie alle heißen.Eine bunte Menschenschar, die vielmehr ist, als eine "Internationale der Lungenkranken", die vielmehr zu Recht ein buntes Panorama, auch Panoptikum an Gedanken, Ideen, Leidenschaften,Träumen, Abgründen, Scherzen, Gehässigkeiten zu nennen ist und in dieser Eigenschaft nicht nur den jungen Castorp, sondern auch die Leserschaft durchaus zu verwirren mag.Intellektuelle Dialoge und eine faszinierend mondäne Atmosphäre.Wunderbar artistisch und virtuos gehandhabte Sprache machen das Lesevergnügen aus.
Die märchenhafte Hermetik des Sanatoriums zieht einen schnell in seinen Bann.Schlichtweg ein Klassiker wie er angesichts des immer stärker werdenden um sich greifenden Sprachverfalls mal wieder zur Hand genommen werden sollte.Ich jedenfalls habe dieses Buch "verschlungen" und nun ja, beim Lesen "legte ich geradezu trockene Gesichtshitze zu".
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Sprache voller Witz, die nicht journalistisch ist, 15. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg (Chinesisch) (Taschenbuch)
Mal ehrlich: Ich wäre disqualifiziert, ein Werk wie "Zauberberg" zu kommentieren, hätte man das Fertiglesen vorausgesetzt. Letzten Sommer fing ich mit dem Buch an. Heute bin ich immer noch nur da, wo Hans Castorp Settembrini zum ersten Mal traf. Ich bin etwa erleichtert, dass ich nicht die Einizige bin, die Leseblockade hat. Darum schäme ich mich aber nicht. Ich habe auch (woanders) gelesen, dass lange Sätze und komplexe Syntax die Konzentrationsspanne eines Normallesers leicht strapazieren, d.h. die eines durchschnittlich geschulten Lesenden ohne besondere Motivation wie z. B. Vorliebe in einem bestimmten Genre. Aufgrund dieser Tatsache bevorzugen heutige Autoren wie Journalisten oder Creative Writers meistens eine prägnante, transluzente Sprache. Und ihre Leser werden mit Fantasie oder Handlung allein belohnt. Ich würde in dieser Hinsicht auch zu den Geistern gehören, die sehr gerne Harry Potter lesen und dabei viel Spaß haben. ;oP

Ich war aber recht schockiert, wenn ich manche Kommentare las vonwegen dem unversöhnlichen Widerspruch "Schöngeistigkeit" und "Langatmigkeit/Langeweile". Ich finde es absurd, den persönlichen Genuss an einer Leseart zu messen, die offensichtlich Anderen eigen ist (und nicht Einem selbst). Ich habe Deutsch als Fremdsprache studiert. Ich habe mich aber nicht während meines Studiums, sondern erst danach, mit deutschprachigen Klassikern angefreundet, die damals auf der Liste unserer Pflichtlektüre standen. Was für eine Qual und unheimliche Verschwendung, wenn man Meisterwerke lesen muss, ohne wirklich Zeit für sie zu haben, weil man nach so und so vielen Wochenstunden eine Klausur zu bestehen und noch tausende Wörter nachzuschlagen hat! Nun bin ich älter geworden und lese endlich mal nur für mich selbst. Ich schlage einen Thomas-Mann-Band auf, wenn ich Lust darauf habe, und klappt ihn zu, wenn mein Hirn nicht mehr will. Und jedes Mal ist das ein Erlebnis, das so intensiv ist, dass ich mich innerhalb einer oder zwei Stunden fühle wie nach dem ganzen Tag Sport. Danach beginnt bei mir eine Art Verarbeitungsinterval, wo ich mich von anderen "leichteren" Autoren unterhalten lasse, bis ich eines Tages in irgendeiner alltäglicher Situation plötzlich irgendeine Thomas-Mann-Szene vor meinem geistigen Auge sehe, wie z. B. auf einer Zugfahrt, und glaube diese Szene endlich mal begriffen zu haben, und ertappe mich dabei, nach einigen Seiten mehr von Thomas Mann zu sehnen. Erst dann greife ich die Geschichte dort auf, wo ich aufgehört habe. Ich habe bei ihm ständig eine Schokoladen-Phasen ähnliche Erfahrung: Zu viel auf ein Mal wäre eine Überforderung.

Oh ja, ich finde es ganz und gar legitim, mehrere, verschiedene Lesebedürfnisse zu haben, und dass man selbst bestimmen soll, wie und wann man was liest. Es ist nämlich der Privileg alphabetischer Leser gegenüber den Schriftstellern. Es ist nur modern ausgedrückt eine Sache von Timing der Rezeption. Thomas Mann schrieb wohl nicht, damit man ihn in einem Atemzug liest, um sein Buch endgültig beiseite zu legen. Ich finde ihn auch eher kokett in der Sprache als in den geschilderten Ereignissen, jedoch zu schwierig oben darauf, dass man ihm nur flüchtige Aufmerksamkeit gönnt. Laut Christine, eine Thomas-Mann-fanatische Freundin von mir, hatte der gewissenhafte Schriftsteller damals so gut wie zwei Seiten pro Tag geschafft. Und er war auf einem künstlerischen Niveau, der als fast unerreichbar gilt. Daher klingt es für mich total berechtigt, mehrere Anläufe zu gebrauchen, bis einen endlich mal das Eureka-Gefühl umwirft.
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Mutter aller Seifenopern, 11. März 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
"Der Zauberberg" gehört mit Sicherheit zu den besten zehn Büchern, die jemals geschrieben wurden. Ein Universalwerk, das so ziemlich alle Themen unter die Lupe nimmt - und das mit unnachahmlicher Tiefe und Präzision -, die Menschsein ausmachen: Liebe und Tod, Zeit und Ewigkeit, Gesundheit und Krankheit... Hinzu kommt, dass es keinen Autor deutscher Sprache gibt - selbst Goethe landet im Vergleich zu ihm höchstens auf dem zweiten Platz -, der virtuoser mit der deutschen Sprache umzugehen vermag als Thomas Mann. Im "Zauberberg" nun sieht man den Nobelpreisträger zweifellos auf der Höhe seines sprachkünstlerischen Gestaltungsvermögens. Und schließlich - diese Erkenntnis mag überraschen - erweist sich der "Zauberberg" als nichts Geringeres als die Mutter aller Seifenopern und sollte insofern auch TV-Junkies und Lesemuffeln etwas zu bieten haben: Denn welcher Unterschied zwischen dem liebenswert-skurrilen Mikrokosmos um Hans Castorp und dem Figureninventar einer Grundyufa-Produktion oder - noch treffender - der legendären "Schwarzwaldklinik" (was dem einen sein Prof. Brinkmann, ist dem andern sein Hofrat Behrens)? Tatsächlich, hat man sich erst einmal eingelebt in dem Davoser Sanatorium, das Schauplatz der Handlung ist, stellt sich alsbald der so genannte "Big Brother"-Effekt ein: Die einzelnen Charaktere werden zu lieben "alten Bekannten", zur virtuellen Ersatzfamilie, an deren Freud' und Leid man emotional Anteil nimmt und auf das rasche Wiedersehen mit denen man sich freut, wie der Serienjunkie der nächsten Episode seiner Lieblingsserie entgegenfiebert. Nur sind eben die Dialoge tausendmal besser. Und so ist denn auch der Umfang des Buches von fast 1000 Seiten kein Nachteil. Im Gegenteil: Wenn man das Buch nach der letzten Seite zugeklappt hat, weiß man gar nicht mehr, wie man weiterleben soll ohne Castorp, Settembrini und die anderen!
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24 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was für ein Buch!, 12. Juli 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Zugegeben: Man braucht Muße, Zeit und sicher am Anfang auch einen langen Atem, denn es dauert eine Weile bis man auf dem "Zauberberg" "angekommen" ist.
Thomas Mann bringt es fertig, eine Geschichte, die man auf zwei Seiten zusammenfassen könnte, auf knapp tausend Seiten so ungeheuer detailreich, faszinierend und beeindruckend zu erzählen, dass sich der Leser ihr kaum entziehen kann.
Hans Castorp, der Held dieses Buches, kommt einige Jahre vor Ausbruch des ersten Weltkrieges in das Lungensanatorium "Berghof" in Davos, wo sein Vetter Joachim Ziemßen eine Tuberkulose auskuriert. Eigentlich will er drei Wochen später wieder die Heimreise antreten, aber es kommt anders und es werden sieben Jahre, bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges, daraus.
Es ist eine bunt gemischte, hermetisch abgeschlossene Gemeinschaft, auf die Hans Castorp im "Berghof" trifft, zu der auch mehr und mehr gehört, die ihm zur eigenen Welt wird.
Diesen Zirkel aus reichen, schwer und weniger schwer Kranken beschreibt Thomas Mann in sehr bildreicher, ausdrucksstarker Sprache. Seine langen Sätze, die ja sein "Markenzeichen" sind, sind ungeheuer geschliffen und ausgefeilt. Sie ermöglichen dem Leser, sich ganz tief in diese Geschichte einzuleben, quasi als stiller Besucher mit Hans Castorp zu leiden, zu lieben und zu leben. Ein absolut zeitloser, anspruchsvoller Lesegenuss!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk!, 4. Dezember 2013
Von 
Heike M. - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Hans Castorp, früh verwaist, hat gerade sein Studium als Schiffsbauingenieur beendet und fährt für 3 Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der dort im internationalen Sanatorium "Berghof" seine Lungenerkrankung kuriert. Anfangs fühlt er sich fast wie ein Fremdkörper bei "Denen da oben". Er hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, auch die ungewohnte Höhenlage macht im zu schaffen. Hofrat Behrens, leitender Arzt im "Berghof", attestiert ihm bereits bei der ersten Begegnung, er sei total anämisch. Im Sanatorium lernt Hans den Humanisten Settembrini kennen, der ihm beizeiten rät, den Berg mit all seiner Morbidität zu verlassen. Aber Hans verliebt sich in die femme fatal, Clawdia Chauchat. Als Hans Castorp während seines Besuches infolge einer Erkältung selbst immer mehr Anzeichen für eine "schwere" Erkrankung an sich entdeckt, lässt er sich eingehend untersuchen und nimmt, nachdem eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde, von der geplanten Abreise Abstand und bleibt. Insgesamt 7 Jahre verbringt er in dem Sanatorium zwischen üppigen Mahlzeiten, Liegekuren und anregenden Gesprächen.

Der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman entstand in der Zeit von 1913-1924 und sollte das groteske Gegenstück zu "Tod in Venedig" sein. Inspiriert wurde Mann dazu während eines Besuches bei seiner Ehefrau, die sich wegen eines Lungenleidens in einem Davoser Sanatorium aufhielt. Dies war meine erste vollständige Begegnung mit dem Zauberberg, in jüngeren Jahren verfügte ich noch nicht über das Durchhaltevermögen, das einem dieser Roman abverlangt. Dabei ist es keinesfalls eine kompliziert gesponnene Handlung, die den Leser fordert, es ist das Textverständnis. Ungezählte Anspielungen, Bezüge, Symbole und Metaphern aus Philosophie, Mythologie, Theologie und Musik müssen erkannt und in ihren Zusammenhang mit dem Text gebracht werden. Ich bin keineswegs so vermessen, zu behaupten, ich hätte sie alle erkannt. Mir stellt sich eher die Frage, ob das vollständige Verstehen des Werkes wirklich möglich ist. Aber ich denke, mit jedem Lesen nähert man sich dem Kern des Buchs ein Stückchen mehr und so ist ein re-read schon vorprogrammiert. Deshalb werde ich hier keine Bewertung abgeben, sondern nur ein paar meiner Gedanken zum Zauberberg formulieren. Der wunderbare Umgang mit der Sprache, der Thomas Mann zu eigen ist, macht das Lesen des Romans zum Erlebnis. Stellenweise wirkt sie sehr künstlerisch künstlich, aufgesetzt und verkopft, dann wieder bissig ironisch, aber diese Art zu schreiben ist wohl einmalig. Oft wird der Leser vom Erzähler direkt angesprochen. Da sind Momente, in denen man förmlich spürt, wie nahe dieser seinem Protagonisten steht. Andererseits gibt es wieder Passagen, in denen der Erzähler ihn völlig neutral und mit großer Distanziertheit betrachtet. Dieser Spagat zwischen Nähe und Distanz ist grandios gelungen. Einen großen Teil von 'Der Zauberberg' nehmen Betrachtungen von Zeit und Raum, Leben und Tod ein, sei dies in Gedankenspielen des Hans Castorp während seiner Liegekuren, in der Unterhaltung mit seinem Vetter, Joachim Ziemßen, in den Gesprächen mit seinen um ihn buhlenden Mentoren Settembrini und Naphta, oder in deren oft hitzig geführten Debatten. Diese in die Handlung implizierten Gedankengänge sind es wert, Zeit darauf zu verwenden, sie mitzugehen und weiterzuspinnen.

Die im Roman agierenden Figuren kommen in meinen Augen alle nicht über menschliches Mittelmaß hinaus, ein Punkt, der bei Hans Castorp direkt angesprochen wird. Aber gerade diese Mittelmäßigkeit wurde von Thomas ganz phantastisch umgesetzt. Vor dem Hintergrund von Krankheit und Tod, als Metapher für Untergang und Verfall, fehlt es an der Lichtgestalt, der positiv besetzten Person und trotzdem leidet das Werk darunter nicht.

Ein weiterer Aspekt, der mich stark beeindruckt hat, ist der Handlungsort, diese scheinbare Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken und die Zeit sich nicht an die physikalischen Gesetze hält. Nur selten wird die Hermetik des Berghofs verlassen, kaum wird über den Tellerrand geschaut. Auch dem Zeitfluss passt sich der Roman an. Liest man über Hans Castorps ersten Aufenthaltstag im Sanatorium über 3 Kapitel, vergehen die folgenden sieben Jahre in nur vier weiteren Kapiteln. Abschließend kann ich für mich feststellen, dass ich froh bin, dieses literarische Meisterwerk gelesen zu haben, es war eine wirkliche Bereicherung meines Leserlebens, ich werde wieder zu dem Buch greifen - vielleicht in sieben Jahren.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eins der zehn besten deutschsprachigen Bücher, 12. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Der Zauberberg spielt vor genau hundert Jahren. Hans Castorp geht im August 1907 auf Besuch ins Davoser Sanatorium Berghof. Er will dort drei Wochen bleiben, aber die Welt da oben gefällt ihm so gut, dass er erst im August 1914 anlässlich des Großen Krieges wieder von seinem Zauberberg herunter muss.

Sieben Jahre bleibt er oben, sieben Jahre dauert auch die Ausbildung bei den Jesuiten. Castorp trifft dort oben in den Schweizer Bergen aber nicht nur einen Jesuiten, sondern auch einen Freimaurer, einen mittelalterlich und monarchisch anmutenden Kaffeebaron, eine Femme Fatale aus Kazachstan, einen Militär, einen mephistolischen Arzt, eine ungebildete Neureiche, einen masochistisch veranlagten Typen namens Wehsal und noch viele andere Leute, die alle für bestimmte Geistesströmungen der damaligen Zeit standen. Thomas Mann hat mit dem Zauberberg einen unterhaltsamen Bildungsroman vorgelegt. Der Leser weiß nach den knapp Tausend Seiten über die Geistesinhalte der Welt Bescheid. Weil diese Geistesinhalte auch heute und morgen noch gelten, wird dieses Buch auch noch in hundert Jahren aktuell sein, wenn auch die Sprache des Zauberbergs heute leider schon ziemlich antiquiert wirkt und morgen vielleicht gar nicht mehr verstanden werden kann.

Schockierend für heutige Leser ist der große Wandel, der sich in hundert Jahren vollzogen hat. Man spürt direkt den Sittenverfall, der sich in dieser relativ kurzen Zeit bei uns ereignet haben muss, warum auch immer. Thomas Mann ist erst 1955 gestorben, aber seine Texte wirken wie aus einer sehr fernen, sehr schönen, aber leider untergegangenen Welt.

Es gibt schlechte Bücher und gute Bücher. Und dann gibt es noch ein paar echte Meisterwerke. Der Zauberberg ist ein solches Meisterwerk. Mit Sicherheit gehört es zu den zehn besten Büchern, die jemals in deutscher Sprache geschrieben worden sind.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufforderung zur politisch-weltanschaulichen Selbstprüfung mit Neigung zu Liebe und Liberalismus, 9. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" erscheint zunächst als Bildungsroman im klassischen Sinn, doch entpuppt er sich im Laufe der Handlung immer mehr als eine Aufforderung des Autors an seine Zeitgenossen, ihre politisch-weltanschaulichen Ansichten zu überprüfen.

Inhalt

Hauptperson ist der junge Hans Castorp, der einen jugendlich-unreifen "Herrn Jedermann" aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg repräsentiert. Unverkennbar sind Züge Kaiser Wilhelms II. eingearbeitet. Gewisse nekrophile Züge aufgrund von Naivität und Nostalgie sind ebenfalls vorhanden. Dieser Hans Castorp reist zu Besuch in ein Tuberkulose-Sanatorium nach Davos, bleibt dann aber wegen vermeintlicher Krankheit volle sieben Jahre dort.

Hans Castorp durchläuft in diesen sieben Jahren nur wenige eindeutige Entwicklungsschritte seiner Persönlichkeit; in der ersten Hälfte des Buches dominiert die Begegnung mit Madame Chauchat, der Hans Castorp als erster Frau in seinem Leben seine Liebe gesteht. Er entwickelt Eigeninitiative und besucht Sterbende. In der zweiten Hälfte des Werkes geht er unerlaubterweise Skifahren und findet in dem berühmten Schneetraum für sich die Formel, dass der Tod zum Leben gehört, und Leben und Liebe über den Tod zu stellen sind. Diese Entscheidung wird im Rahmen einer Séance noch einmal deutlich erneuert und bekräftigt. Schließlich übt Hans Castorp eine gewisse Autorität auf die übrigen Bewohner des Sanatoriums aus.

In der Hauptsache werden im Laufe der Handlung verschiedene Charaktere vorgestellt, die als Lehrer und Vorbilder Einfluss auf die Hauptperson auszuüben versuchen. Dabei handelt es sich zunächst um den klassischen Liberalen Settembrini, der Rationalität, Demokratie, Marktwirtschaft und einen etwas naiven Fortschrittsglauben vertritt, und um Naphta, einen zum Katholizismus konvertierten Juden, der als Jesuit und Fortschrittsskeptiker die geschlossenen Weltbilder der Religion oder des Kommunismus lobt. Es ist recht interessant zu lesen, wie Naphta die Positionen Settembrinis geschickt zu unterlaufen versucht. Man könnte Naphta auch als einen Vertreter des Absoluten, Settembrini als einen Vertreter des Relativen sehen - deren Standpunkte bei tieferem Denken vielleicht zusammen fallen würden. Man könnte sie grob als konservativ vs. progressiv sehen (sofern man den Kommunismus nicht als progressiv in die Rechnung nimmt), oder als "links" gegen "rechts" (wobei sehr die Frage wäre, wer von beiden hier eigentlich was wäre!). Das ungewöhnliche Duell der beiden am Ende des Buches bringt deren Positionen in ungeahnter Weise auf die Spitze.

Als gelungene Überrasschung präsentiert Thomas Mann als dritten Charakter Mynheer Peeperkorn, der überhaupt keinen rational fassbaren Standpunkt vertritt, sondern ganz aus seinem Gefühl heraus lebt. Er nimmt alle Menschen um ihn herum durch sein Charisma für sich ein, redet aber praktisch ohne Inhalt und Zusammenhang. Er ist ist einerseits ganz Gentleman, andererseits übt er auch unausgesprochenen Zwang auf die ihm ergebene Gesellschaft aus, unter anderem auch durch seine Freigiebigkeit. Und er hat keine Hemmungen gegen inhumane Gefühlsregungen. Das Gespräch von Settembrini und Naphta verstummt in seiner Gegenwart - sie denken, aber er lenkt, und kümmert sich nicht um Gründe, Argumente und Bedenken. In moderner Sprache ist Mynheer Peeperkorn gut in der inhaltsleeren, einwickelnden Sprache der "Sozialen Kompetenz". Und in der Tat: Er ist ein erfolgreicher Manager. Auch seine Freundin, Madame Chauchat, ist anti-rational: Sie mag Settembrini nicht. Was die Persönlichkeit anbetrifft, kann Hans Castorp von Mynheer Peeperkorn zwar eine Menge lernen, aber wo Mynheer Peeperkorn ist, da leiden die beiden alten Freunde von Hans Castorp, Settembrini und Naphta.

Hans Castorp entscheidet sich weder für noch gegen eine der drei Positionen, sondern zeigt sich allen drei gegenüber offen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Am Ende des Romans findet er in dem Lied "Am Brunnen vor dem Tore" sein Credo beschlossen: Leben und Tod gehören zusammen, das Leben steht über dem Tod. Dann entschwindet Hans Castorp in den Wirren des Ersten Weltkrieges, und der Leser bleibt mit der Frage zurück, was der Roman ihm sagen will, ähnlich dem Stück "Der gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht, an dessen Ende das Publikum aufgefordert wird, sich selbst eine Lösung für die gezeigten Probleme zu suchen.

Aussage

Es gibt genügend Fingerzeige und Tendenzen, die die Aussage des Romans erschließen. Ganz offensichtlich will Thomas Mann mit diesem Roman (1924) eine Mitteilung an die deutsche Gesellschaft nach dem ersten Weltkrieg machen, die in der Person von Hans Castorp repräsentiert wird. Thomas Mann verlangt, dass die Untertanen von einst erwachsen werden, dass sie in ihrer Persönlichkeit reifen. Er zeigt, dass in dem Widerstreit der verschiedenen politisch-weltanschaulichen Richtungen ein Wert an sich liegt, und dass es eine Gefahr ist, dass ein Mynheer Peeperkorn kommen könnte, der diesen nützlichen Streit beendet und offene Rationalität durch zwingendes Gefühl ersetzt: Ein Tyrann, der weder Rechts noch Links ist, dem sich die Deutschen unterwerfen. Was Naphta und Settembrini anbetrifft, neigt Thomas Mann ganz eindeutig eher zu Settembrini, denn dieser wird wesentlich sympathischer gezeichnet. Er ist nicht auf kalte Weise rational, sondern hat ganz offensichtlich auch ein gutes Herz. Er wird als erster eingeführt, er hat nie aufgehört, an Hans Castorp zu glauben, und er ist der einzige der drei Charaktere, der am Ende noch lebt und Hans Castorp ins Leben verabschiedet.

Literarisches

Der Zauberberg liest sich wesentlich flüssiger als Buddenbrooks, und es ist eindeutig das bedeutendere Werk Thomas Manns. Angeblich hat Thomas Mann den Nobelpreis in Wahrheit für den Zauberberg erhalten, und nur wegen des Einspruchs eines Jury-Mitgliedes verlieh man den Preis offiziell für den Buddenbrooks.

Thomas Mann hat dieses Werk ursprünglich als Kurzgeschichte geplant, und wie man es von vielen Kurzgeschichten her kennt, hat jedes Wort eine Bedeutung, und alles steht mit allem in einem symbolischen Zusammenhang. Weil diese Kurzgeschichte nun aber 1000 Seiten umfasst, ist die Zahl der Anspielungen schier unausschöpflich. Man wird vermutlich auch bei einem dritten und vierten Lesen nicht alles entschlüsseln können. Es gibt viele Anspielungen auf Goethes Faust. Aber auch auf die Völker Europas und ihre Charaktere und Besonderheiten. Die Rolle der Musik. Oder der Gegensatz von Bergwelt und Flachland (nicht zufällig kommt Mynheer Peeperkorn aus dem flachesten aller Flachländer). Jede Kleinigkeit bekommt in diesem Roman eine symbolische Bedeutung, selbst so unbedeutende Dinge wie die Betätigung eines Lichtschalters oder die Wahl des Picknickplatzes. Es ist wirklich unglaublich.

Bemerkenswert sind die immer wiederkehrenden Betrachtungen zum Thema Zeit. Thomas Mann experimentiert literarisch mit verschiedenen Zeiterfahrungen und Zeitbetrachtungen, und nimmt den Leser in diese mit hinein.

Nationalsozialismus

In bezug auf den späteren Nationalsozialismus eröffnet das Werk eine völlig neue Sicht, und man kann sagen, dass es für das Jahr 1924 ein wahrhaft prophetisches Werk ist. Hitler sitzt 1924 gerade im Gefängnis und schreibt an "Mein Kampf"; von seinem späteren Format ist praktisch noch nichts zu sehen. Hitler wird natürlich in der Person von Mynheer Peeperkorn vorausgesehen. Im Lichte von Thomas Manns Zauberberg wird klar: Alle Interpretationsversuche, Hitler politisch nach Kategorien wie "rechts" oder "links" interpretieren zu wollen, müssen fehlschlagen. Wie Mynheer Peeperkorn war Hitler nämlich weder-noch, sondern lebte hauptsächlich anti-rational aus seinem Gefühl heraus. Aus dem vermeintlichen Gefühl seines vermuteten "arischen Blutes" heraus, könnte man sagen. Hitler sah den Vorzug der "arischen Rasse" nicht so sehr in einer höheren Intelligenz (wie viele heute fälschlich meinen!), sondern vor allem in dem "richtigen" Gefühl bzw. Charakter: "Arier" sind mutig, treu, ehrlich usw., während Slaven, Juden usw. feige, treulos und Hitlers Meinung nach vielleicht gerade wegen ihrer Intelligenz (!) "verschlagen" seien. Intelligenz-Tests waren für Hitler "jüdische Tests", ihn interessierte Intelligenz, Rationalität und Bildung nicht nur nicht, er lehnte sie ab!

In einem bekannten Zitat Hitlers kommt die Nähe von Hitler und Peeperkorn besonders zum Ausdruck: "Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. ... Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. ... Ich will eine athletische Jugend. Das ist das Erste und Wichtigste. So merze ich die Tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. ...
Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spieltriebe folgend sich freiwillig aneignen. ... Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen." - Für Hitler zählt der Trieb, das Gefühl, das Leben aus dem Gefühl, das richtige Gefühl, und in keiner Weise Wissen, Intelligenz, Rationalität, Intellektualität, Bildung. Und so wie Hitler das "herrliche Raubtier" sehen will, so möchte auch Mynheer Peeperkorn im Zauberberg gerne sehen, wie ein herrlicher Adler seine Krallen in ein Beutetier schlägt, wie es seiner Natur entspricht.

Mithilfe des Zauberberges erkennt man nun klarer: Es ist kein Zufall, dass es niemals eine ausformulierte Ideologie des Nationalsozialismus gab. Es kann auch gar keine geben. Vielmehr versprach Hitler wie Mynheer Peeperkorn allen alles, "rechts" wie "links" wurden gleichermaßen bedient, was schon der Name "Nationalsozialismus" andeutet. Zudem wurde mit sozialen Gaben nicht gespart, wie wir heute wissen, woran auch Peeperkorn es nicht fehlen ließ. Das Chaos in der NS-Regierung rührte nicht nur von verqueren Charakteren und Machtkalkül her, sondern auch ganz einfach daher, dass es von Anfang an keinen Plan gab, was "Nationalsozialismus" eigentlich sein sollte, so dass jeder darin etwas anderes erblickte. Selbst der Plan zur Ermordung der Juden existierte zum Zeitpunkt der Machtergreifung noch nicht, sondern entwickelte sich erst im Laufe der folgenden Jahre. Die Ermordung der Juden kann zudem nur sehr begrenzt rational erklärt werden; es handelt sich vielmehr ganz offensichtlich um eine irrationale Entscheidung, wie so vieles am Nationalsozialismus. Ein anderes Beispiel: Bis heute debattiert man, ob Hitler an Gott glaubte oder nicht, weil widersprüchliche Aussagen dazu von ihm existieren. Man kommt der Wahrheit näher, wenn man begreift, dass Hitler kein rational wohlgeordnetes Weltbild hatte, sondern es jeweils aus dem Gefühl heraus entschied, was er gerade glaubte.

Im Lichte von Thomas Manns Zauberberg ist es ein Grundirrtum, den Nationalsozialismus mit dem Links-Rechts-Schema erklären zu wollen, und es ist ein noch größerer Irrtum, den Nationalsozialismus einseitig der "rechten" (oder auch der "linken") Seite zuschlagen zu wollen. Der Nationalsozialismus im Lichte von Thomas Manns Zauberberg ist nicht diese oder jene erfolgreiche oder irrige Variante von Zivilisation, wie man es von "rechts" und "links" sagen könnte, er ist vielmehr der Bruch mit der Zivilisation selbst: Der Streit von Settembrini und Naphta kommt zum schweigen unter der Wucht von Mynheer Peeperkorn. Auch das Wort "Wucht", das für die Propaganda von Goebbels eine zentrale Rolle spielte, wird bei Thomas Mann mehrfach im Zusammenhang mit Mynheer Peeperkorn verwendet. Die Voraussicht auf die kommende Gefahr, die Thomas Mann hier 1924 zeigte, ist in der Tat erstaunlich. Interessant allerdings auch, dass das Buch das Kommende nicht verhindern konnte, obwohl es rechtzeitig Aufmerksamkeit bei vielen fand. Die süße Versuchung durch das Gefühl scheint oft stärker zu sein als die Rationalität, wie der Roman selbst sagt.

Man beachte: Die Exzesse des real existierenden Kommunismus können nicht damit entschuldigt werden, dass sie "rationaler" als die Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen wären. Die Irrationalität lauert hier nur an einer anderen Stelle, in einer anderen Weise. Mordtaten sind stets irrational und ein Zivilisationsbruch, sonst wären es keine Mordtaten. In der Aufteilung von politischen Positionen auf die Charaktere überzeugt Thomas Mann gerade dann nicht ganz, wenn man an den Kommunismus denkt. Weil Thomas Mann ein Dichter und kein Philosoph war, ist mit solchen Schwächen zu rechnen. Hier gilt das Wort Goethes: Literatur kann begleiten, nicht jedoch leiten.

Gegen heutigen Unsinn

Leider sind die genannten Einsichten über den Nationalsozialismus heute verschüttet. Der Nationalsozialismus gilt zur Zeit einseitig als rechtsradikale Ideologie. Die "linken" Aspekte des Nationalsozialismus werden oft bewusst "übersehen" oder heruntergespielt. Die Interpretation der damaligen Ereignisse wird heute höchst simpel betrieben, wie wenn "die" Deutschen oder "die" Konservativen damals Hitler gewählt hätten, und das mit dem erklärten Ziel, die Juden zu ermorden - was für ein Unsinn! Zudem ist heute ein Leben "aus dem Gefühl heraus" durchaus in Mode, Rationalität gilt heute gerne als "kalt" - viele wissen gar nicht, wie nahe sie mit dieser Haltung an Hitler sind. Manche sehen heute in Naphta eine Vorwarnung vor Hitler, doch das ist großer Unsinn.

Unsinn ist es auch, den Zauberberg mit dem Wissen von heute interpretieren zu wollen. Dass gegen Ende des Buches ein Antisemit auftaucht, bedeutet nicht, dass Thomas Mann gerade dies als große Gefahr erkannt hätte; es ist nur eine der Gefahren im Jahr 1924. Dass Thomas Mann in der Beschreibung von Naphta gewisse Vorurteile gegenüber Juden aufgreift, bedeutet nicht, dass Thomas Mann Antisemit gewesen wäre; vor dem Nationalsozialismus bedeutete das Aufgreifen eines Vorurteiles gegenüber Juden etwas anderes als danach. Es ist bedauerlich, dass heute viele solche Zusammenhänge nicht erkennen können oder erkennen wollen. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus ist heute von großer Simplizität geprägt, die von politisch interessierter Seite betrieben und ausgeschlachtet wird. Gerade zur Durchbrechung dieser Simplizität kann der Zauberberg einen Beitrag leisten.

Im Zauberberg liegt zudem ein Werk aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus vor, das den Deutschen einen besseren Weg aufzeigt, einen Weg, den Deutschland hätte gehen sollen, aber nicht gegangen ist. Wer die Zukunft Deutschlands nicht primitiv und einzig auf die Negation des Nationalsozialismus aufbauen möchte, sondern nach konstruktiven Werten sucht, die vor dem Nationalsozialismus da waren aber durch diesen verschüttet wurden, der wird hier fündig werden.
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Der Zauberberg.
Der Zauberberg. (Unbekannter Einband - 1979)
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