Kundenrezensionen


52 Rezensionen
5 Sterne:
 (26)
4 Sterne:
 (8)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:
 (7)
1 Sterne:
 (10)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Coens neuester Streich - Grandios
Der neueste Streich der Coen-Brüder lief in Deutschland fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Man kann sich das mit der unspektakulären Verpackung des Films erklären. Ein Plot der um eine jüdische Familie in den 70ern kreist und ohne bekannte Schauspieler auskommt, lässt sich schlecht vermarkten. Zu Unrecht. A Serious Man ist nicht nur...
Veröffentlicht am 15. Februar 2010 von Melville

versus
9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Für mich der schwächste Film der genialen Coen-Brüder
Ich würde mich generell als großer Fan der Coen-Brüder bezeichnen - von "Fargo" bis hin zu "Burn After Reading" wurde ich von den Brüdern noch nie enttäuscht. Ihre Filme waren intelligent, wortgewandt und überzeugten vor allem durch ihre oft von sehr bekannten Schauspielern verkörperten, skurrilen und schrulligen Charaktere. Filme der...
Veröffentlicht am 13. August 2012 von Playzocker Reviews


‹ Zurück | 1 26 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Coens neuester Streich - Grandios, 15. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man [DVD] (DVD)
Der neueste Streich der Coen-Brüder lief in Deutschland fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Man kann sich das mit der unspektakulären Verpackung des Films erklären. Ein Plot der um eine jüdische Familie in den 70ern kreist und ohne bekannte Schauspieler auskommt, lässt sich schlecht vermarkten. Zu Unrecht. A Serious Man ist nicht nur einer der persönlichsten Coen-Filme, sondern auch einer ihrer Besten.

Zur Handlung nur soviel:
Larry Gopnick ist Dozent für Mathematik und hofft auf eine baldige Beförderung, zudem verheiratet, zwei Kinder und ein ein schmuckes Häuschen im Vorort. Larry scheint zufrieden und umso gelähmter reagiert er auf all die vielen, kleinen Katastrophen, die in der Folgezeit über ihn hereinbrechen, um nur ein paar zu nennen: Seine Ehefrau möchte die Scheidung, da sie eine Affäre mit Larrys besten Freund hat; an der Universität muss er sich mit Bestechungsversuchen eines seiner Studenten herumschlagen; die Bar-Mitzwa seines Sohnes steht bevor und er muss auch noch seinen Bruder haushalten, der ein Pflegefall scheint. Larrys einzige Hoffnung liegt in den Ratschlägen dreier weiser Rabbis.

Kenner der Coen-Filme werden sich nun die Hände reiben. Die Ausgangslage bietet Stoff für viele, oft absurde Wendungen, der vermeintliche Held irrt von einem Unglück zum nächsten ohne begreifen zu können, wie ihm geschieht. Und das Drehbuch gönnt ihm nur wenige Verschnaufpausen. Der Coen-typische zynische, zuweilen bitterböse Witz und der hohe Detailreichtum sorgen für Unterhaltung auf hohem Niveau. Herausragend vor allem Anfang und Ende des Films, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

In der Hauptrolle brilliert Michael Stuhlbarg. Der insgesamt unbekannte Cast kommt dem Film zugute, denn A Serious Man ist ruhiger und intimer als andere Coen-Filme. Was Drehbuch, Schnitt und Regie angeht haben die Coens inzwischen eine Qualität erreicht, die fast schon beängstigend ist und mit der sich nur wenige messen können. Kongenial eingearbeitet auch der Soundtrack, bestehend aus Songs von Jefferson Airplane.

A Serious Man ist empfehlenswert, nimmt aber auch einen besonderen Platz im Schaffen der Coenbrüder ein. Er weist all die Qualitäten auf, die ihre Filme berühmt gemacht haben, ist aber verhaltener, intimer als z.B. The Big Lebowski oder O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi-Odyssee. Coen-Neulinge sollten vielleicht mit den eben genannten Filmen anfangen. Wer mit ihren Werken bereits vertraut ist, kann hier bedenkenlos zugreifen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schräge jüdische Komödie über das Leben, 20. September 2011
Von 
N. I. Body - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
A Serious Man spielt in den USA im Jahr 1967 und erzählt die Geschichte eines jungen jüdischen Physikprofessors, dessen Leben von einem Tag auf den anderen aus den Fugen gerät. Seine Frau will sich scheiden lassen, sein gestörter Bruder hat sich bei ihm einquartiert, seine Kinder machen Probleme, mit dem Nachbar droht Streit und vom Rabbi ist auch keine (klar verständliche) Hilfe zu erwarten. Ganz nebenbei hofft der Hauptdarsteller auf eine feste Anstellung an der Uni, wird aber von einem anonymen Briefeschreiber denunziert und von einem koreanischen Studenten erpresst. Das alles erträgt er in stillem, sehr unterhaltsamen Leid.

Dieser Film der Coen Brüder ist definitiv KEIN MAINSTREAM-FILM. Ein klares Ende oder eine Auflösung aller offener Fragen darf man sich am Ende nicht erwarten. Viele werden vom abrupten Ende enttäuscht sein. Dieser Film bietet endlose Interpretationsmöglichkeiten.

Das kleinbürgerliche Amerika im Jahr 1967, bis hin zur Kleidung und den vielen damaligen PKWs, aber auch jeder einzelne Filmcharakter, wurden mit sehr viel Liebe zum Detail inszeniert. Wer sich eine 08/15 Hollywood Komödie erwartet, der wird wahrscheinlich von diesem Film enttäuscht sein. Wer einen schrägen, witzigen jüdischen Film über das Leben an sich erwartet, nicht.

An Bild- und Tonqualität der DVD habe ich nichts auszusetzen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


60 von 69 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "I am too old and too rich for this.", 4. September 2010
Von 
Tristram Shandy - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
(Vorsicht, leichte Spoiler!)

So sagt es sich Gott in "The Simpsons", als er als Lichtstrahl Homer Simpson wegen persönlicher Differenzen verfolgt, dann jedoch, gehindert durch einen Zug, die Jagd aufgibt, während Homer auf einem Motorrad davonbraust. An einen solchen Gott scheint auch Larry Gopnik mit seinen Fragen, was in seinem Leben denn eigentlich schiefgelaufen sei und warum, geraten zu sein, denn wie ein moderner Hiob - in dessen Geschichte Gott nach dem Urteil Virginia Woolfs auch nicht eben gut wegkommt - weiß er, der sich eben noch gemütlich im Alltag eingerichtet hat, bald schon nicht mehr, wie ihm geschieht, und kann keinen Sinn in seinem Leiden entdecken.

Den Coens ist mit ihrem Film "A Serious Man" (2009) wieder ein Meisterwerk gelungen, das mit seinem verhaltenen Humor sehr stark an ihren Film "The Man Who Wasn't There" erinnert. In "A Serious Man" (2001) setzen die beiden genialen Regisseure auf relativ unbekannte Schauspieler und einen eher unspektakulären Plot, und herausgekommen ist ein ziemlich stiller, ruhiger Film bar jeden Slapsticks und Getöses, der sich dem Zuschauer nach einmaligem Schauen in seinem ausdifferenzierten Wahnsinn kaum erschließen dürfte.

Michael Stuhlbarg spielt den jüdischen Mathematikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ihn ein koreanischer Student zu bestechen und gleichzeitig zu erpressen versucht, seine Frau (Sari Lennick) ihn für seinen Freund Sy Ableman (Fred Melamed) verlassen will und sein waffennärrischer Nachbar einen Grenzstreit vom Zaun - pardon the pun - bricht. Dann gibt es da noch seine undankbaren und egoistischen Kinder - eine Tochter, die ihn bestiehlt, um sich eine Nasenoperation zu leisten, sowie einen Sohn, der wie ein Irrer kifft und der nur mit seinem Vater redet, wenn er Probleme mit dem Fernsehempfang hat -, eine sexsüchtige, irgendwie unheilvolle Nachbarin und seinen Bruder (Richard Kind), ein verkanntes Mathematikgenie, das sich in Glücksspiel und sexuelle Perversionen flüchtet und sich bei ihm eingenistet hat. Es mag sein, daß der ein oder andere von uns mit einer der oben angeführten Widrigkeiten zu kämpfen hat, aber daß alle zugleich über einen Menschen hereinbrechen, ist doch so ungewöhnlich, daß es die Sinnfrage einigermaßen rechtfertigt. So wendet sich Gopnik denn auch im Verlauf des Films an drei verschiedene Rabbis, die ihm allerdings keine zufriedenstellende Antwort auf seine Existenzfrage zu geben vermögen.

Der Film lebt zu einem guten Teil von präzise geschliffenen Dialogen - "The rabbi is busy." ; "He didn't look busy." ; "He's thinking." ist noch eines der einfachsten Beispiele. Zudem erschaffen die Coens ein Pandämonium skurriler Charaktere, die - jeder auf seine eigene Weise - die Hölle für Gopnik heraufbeschwören. Am besten gefällt mir hier Sy Ableman, der Larry zwar die Frau ausspannt, dann aber noch die Chuzpe besitzt, ihn als bester Freund trösten zu wollen. Seine zwanghaften melodramatischen Umarmungen und die verständnis- und salbungsvollen Worte, die er dabei auf Larry herabprasseln läßt, symbolisieren auf treffliche Art und Weise die Unbarmherzigkeit, mit der er Gopnik manipuliert und beherrscht. Dann gibt es Larrys Vorgesetzten an der Universität, ein Mitglied des Ausschusses, der über Larrys Festanstellung zu befinden hat, der sich stets wie ein verlegener Schuljunge vor der Bürotür des Mathematikprofessors herumdrückt und dessen stammelnde Beteuerungen, alles sei in Ordnung, Larry möge sich doch bitte keine Sorgen machen, alles andere als beruhigend wirken. Vortrefflich sind auch der koreanische Student und sein Vater gelungen, die Larry mit einer Mischung aus Überredungen und Drohungen arg zusetzen, er möge die entscheidende Abschlußnote doch nochmals überdenken, und deren paradoxe Argumentation zum Gegenstand eines Logikseminars erhoben werden könnten.

Des weiteren wirkt der Film durch Dinge, die er gerade nicht zeigt, wie etwa Larrys Sturz vom Dach bei dem Versuch, die sexy Nachbarin zu bespannen - wie in biblischen Zeiten David es wohl bei Bathseba tat -, oder die widerliche Nackenzyste von Larrys Bruder Arthur, die den Patienten zwingt, lange Zeit im Bad zu verbringen, die wir aber nie zu Gesicht bekommen. Tja, und all das, was wir nicht sehen, befeuert natürlich unsere schlimmsten Phantasien.

Seine größte Attraktivität erhält der Film meiner Meinung nach indes durch den feinen jüdischen Humor, der auch zu Selbstironie und Augenzwinkern fähig ist und der meisterhaft von den Coens umgesetzt wurde - etwa in der gänzlich in Jiddisch gehaltenen Vignette um den Dibbuk (oder ist er doch keiner?) am Anfang des Filmes oder in der geschliffenen Parabel von den "Zähnen des Goi". Bemerkenswerterweise scheint gerade in dieser scheinbar völlig willkürlich von dem wortgewandten Rabbi Nachtner (George Wyner) aufgegriffenen Geschichte - für deren kreative Abstrusität allein man schon vor den Coens den Hut ziehen möchte - die Hauptbotschaft des Filmes zu liegen, denn bei all ihrer mystischen Spektakularität, die ein gefundenes Fressen für sinngierige Obskurantisten zu sein scheint, heißt es am Ende schlicht: "For a while he checked every patient's teeth for new messages. He didn't find any. In time, he found he'd stopped checking. He returned to life. These questions that are bothering you, Larry - maybe they are like a toothache. We feel them for a while, then they go away." Das klingt natürlich ungeheuer grausam: Ein Mensch, schlimmstenfalls wir selbst, leidet, doch es gibt einfach keine Erklärung dafür, warum das so ist. Wenn unser Glaube stark genug ist, dann kann er uns natürlich die Hoffnung einflößen, unser Leid sei nicht sinnlos, sondern diene einem höheren Zweck - insofern befriedigt Religiosität, allen Demutsbekundungen zum Trotze, menschliche Eitelkeit -, aber er kann uns auch noch zusätzlich quälen, wenn wir uns mit allgemeinen Antworten nicht zufrieden geben. Viele Filme der Coens zeigen uns übrigens Menschen, die es nach einer sinnvollen Erklärung für das sie bedrückende Ungemach verlangt - Osborne Cox aus "Burn After Reading" (2008) treibt die Suche schließlich in den Amoklauf, und auch Walter Sobchak redet sich gern ein, mit den Greueln, die er als junger Mann in Vietnam gesehen hat, wenigstens die Werte der amerikanischen Verfassung gesichert zu haben, die er doch überall mit Füßen getreten sieht. Die meisten dieser Menschen sind kreuzunglücklich, und nur wenige - die, wie der Dude, nicht so genau nachdenken - kommen schließlich zu einer befriedigenden Antwort wie: "Ich könnte hier genausogut sitzen und hätte nur einen Pinkelfleck auf meinem Teppich." Von gesundem Zynismus getragene Gelassenheit und Bescheidenheit könnte hier den richtigen Weg weisen, denn die wahre Weisheit scheint auch nicht mehr zu sein als die Ermahnung "Be a good boy" und zudem nur dem zuteil zu werden, der sie gar nicht gesucht - und damit auch nicht verdient (?) - hat.

Was den Film neben dieser Botschaft für mich zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, daß er zeigt, wie groß die Bereitschaft zu gelassener Selbstironie im Judentum ist. Immerhin durchläuft Gopniks Sohn seine Bar Mitzwa im Zustande völliger Bekifftheit, und viele der Darsteller in der betreffenden Szene waren jüdische Synagogengänger und religiöse Würdenträger, die das Skript kannten. Es fällt mir sehr schwer mir vorzustellen, daß die beiden anderen großen monotheistischen Religionen Ähnliches für ihre Kulte mitgetragen hätten. Somit gerät dieses Meisterwerk auch zu einer charmanten Liebeserklärung an das Judentum.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe auf den zweiten Blick, 15. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Bei den Coen Brüdern bin ich es eigentlich gewohnt, einen Film von der ersten Sekunde an genial zu finden - warum war das bei "A serious man" nicht der Fall?

Zum einen hat der Film für mich kein offensichtliches Ende - zu viele Dinge waren für mich zunächst ungeklärt und zu viele Schicksale waren für mich nicht zu Ende erzählt. Als wir uns jedoch im Anschluss über den Film unterhalten haben und nun ein paar Tage vergangen sind muss ich sagen, dass ich den Film jeden Tag ein wenig besser finde.

Im Grunde ist mir erst nach unserer Diskussion aufgegangen, worum es in dem Film meines Erachtens wirklich geht, nämlich um Schicksale und um die Unfähigkeit, dagegen anzugehen, was bei unserem Protagonisten letzten Endes bedeutet, dass er mit Situationen konfrontiert wird, die ihn in Zugzwang bringen, obwohl er absolut nichts verschuldet hat. Dinge passieren halt.

Dies ist natürlich nicht der einzige Inhalt, für mich jedoch die Quintessenz.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Warum haben Sie mir die Geschichte überhaupt erzählt?", 22. Januar 2011
Von 
Marcel Hansemann (Maastricht) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Larry Gopnik, ein Universitätsdozent im Mitleren Westen der USA, circa 1965, ist ein ernsthafter Mann. Er hat eine Frau und Kinder, geht regelmäßig in die Synagoge, und ist generell aufrichtig und pflichtbewusst. Dennoch bröckelt ihm eines Tages der Boden unter den Füßen weg: Seine Frau will urplötzlich die Scheidung und eröffnet ihm, dass sie sich mit dem onkelhaften Schmierlappen Sy Ableman eingelassen hat. Die Einstellungskommission an seiner Universität, die seine Festanstellung erwägt, erhält anonyme Briefe, die ihm moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Seine Kinder sind ebenso entfremdet wie seine Frau.

Larry Gopnik ist ein ernsthafter Mann: er lässt all das über sich ergehen, widersetzt sich nicht, als er aus seinem Haus aus- und in ein Motel einziehen soll. Aber trotzdem versteht er eins nicht: Warum das Ganze? Warum bricht all das, was er bislang für selbstverständlich und sicher gehalten hatte, plötzlich weg? Er beschließt, bei den Rabbis seiner Gemeinde Beistand zu suchen.

Rabbi Nachtner erzählt ihm eine interessante Geschichte: ein Zahnarzt aus seiner Gemeinde, Dr. Sussman, fand einst zu seinem Erstaunen auf einem Gipsabdruck eines seiner Patienten, eines "Goi" (Nichtjuden), hebräische Zeichen eingeritzt: "Hilf mir". Er ruft den Patienten noch einmal her, um sich Gewissheit zu verschaffen. Er beginnt, all die anderen Gebisse nach Zeichen zu untersuchen: nichts. Auch sein eigenes und das seiner Frau untersucht er. Er wird besessen von diesen Zeichen. Eines Tages erscheint er bei Nachtner, um ihn über die Zeichen zu befragen.

Hier endet die Geschichte. Gopnik ist fassungslos. Was wollte Gott denn damit sagen? "Wissen wir nicht", sagt der lächelnde Rabbi. "Aber das hört sich an, als würden Sie gar nichts wissen! Warum haben Sie mir dann die Geschichte überhaupt erzählt?"

Ja, warum? Das ist die Frage, die sich durch den ganzen Film zieht. Dinge passieren, aber ohne erkennbaren Grund. Sie passieren sogar scheinbar, ohne dass jemand überhaupt aktiv handelt. Während Larry an der Uni die Unschärferelation lehrt, will er sich mit dem Chaos als regierendes Prinzip im eigenen Leben nicht zufrieden geben. Das ist das zentrale Thema des Films: die sinnlose Suche nach einem Sinn, verkörpert durch den Glauben an Gott.

Und weil es keinen Sinn gibt, ist die Dramaturgie des Films höchst unüblich. Es gibt keinen klassischen Spannungsbogen mit Aufbau, Klimax und sauberem Denouement. Die Bösen bleiben ungestraft, die Guten nicht ungescholten. Die Dinge passieren einfach, einfach so. Frustrierend? Ja. Deshalb erscheint der Film beim ersten Sehen sehr langatmig. Aber spätestens nach dem unverfrorenen Ende, das einem als Zuschauer die Zornesröte ins Gesicht treibt, geht einem der Film nicht mehr aus dem Kopf. Man möchte ihn *wieder und wieder* sehen, um doch endlich einen Ansatz, ein gemeinsames Thema zu finden, das den Film erklären möge.

Der Rabbi sagt: "Gott ist uns keine Rechenschaft schuldig. Die Dinge passieren einfach." Sy sagt: "Ich habe deine Frau gefckt. Ich habe sie *ernsthaft* gefckt. Das ist es, was geschieht, Larry." Larry selbst sagt, zu einem seiner Studenten: "Handlungen haben Konsequenzen, immer. Nicht nur physikalische, auch moralische." Und dass die ausbleiben, ist es ja, was ihn so verwirrt. Es gibt hier keine actio und reactio. Alle Handlungen geschehen im völligen Vakuum. Kein Dominostein steht nah genug am anderen, um ihn umzuwerfen -- und doch werden sie alle umfallen.

Dieser Film ist ein Film über das Interpretieren selbst. Kein Wunder, dass er einen nicht mehr loslässt. Dabei ertappt man sich selber: Man sucht so hartnäckig nach einem Sinn, dass man selbst zum Teil des Films wird. Das ist Metanarration pur. Und eins sei gesagt: verlockende, wenn auch erwartungsgemäß widersprüchliche Interpretationsansätze bietet der Film mehr als genug in jeder beliebigen Szene.

"A serious man" ist sicherlich der mit Abstand reifeste Film der Coen-Brüder, die ihr Handwerk wie gewohnt perfekt beherrschen. Es ist ein unbedingt sehenswerter moderner Klassiker.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nimm in Einfachheit alles hin, was Dir widerfährt., 16. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Mit diesem Rashi-Zitat beginnt das neueste Coen-Brothers Projekt -A serious man-. Für die Hauptfigur Larry Gopnik(Michael Stuhlbarg) ist das genau so treffend, wie für meine Rezension zum Film, denn: Man muss nicht alles gut finden, was die Brüder Ethan und Joel aufs Zelluloid zaubern; manche Dinge muss man einfach hinnehmen. Die Coens haben ihre "filmischen Fahnen" nie in den Wind gehangen und so kann es durchaus passieren, dass einer ihrer "Fans", da oute ich mich gern, ein wenig enttäuscht ist. -A serious man- ist einerseits ein typischer Coen: Vom Drehbuch über die Regie und die Produktion lief alles in einer Hand. Andererseits ist mir persönlich der feinsinnige, tiefschwarze, intelligente Humor dieser Geschichte ein wenig zu sehr versteckt untergebracht.

Larry Gopnik ist Anfang der Siebziger Jahre Professor für Mathematik und Physik an einer Highschool. Momentan läuft es nicht gut für ihn. Seine Frau Judith(Sari Lennick) will die Scheidung, um mit Larrys Freund Sy Ableman(Fred Melamed) durchzubrennen. Die Tochter Sarah(Jessica McManus) interessiert sich mehr für eine Nasen-OP als für ihre Familie. Der Sohn Danny(Aaron Wolff) steht kurz vor seiner Bar Mitzwa. Allerdings wird sein Leben mehr vom Kiffen und Fernsehen bestimmt, als vom jüdischen Glauben. Als dann noch ein koreanischer Student Larry bestechen will, um eine bessere Note zu bekommen und, als Larry den Versuch abblockt, plötzlich anonyme Briefe auftauchen, die ihn beschuldigen und seine Festanstellung gefährden, wird es für Larry ernst. Da hilft es ihm auch nicht, dass sein Nachbar zur Rechten ein rechtsgestrickter Waffennarr zu sein scheint und seine Nachbarin zur Linken ein laszive, von ihrem Mann allein gelassene Schönheit, die nach einem Seitensprung lechzt. Larry ist am Ende. So tritt er den Weg zu den Rabbis an, um sich helfen zu lassen. Aber egal, ob er zum ersten oder zweiten Rabbi geht, mit ihren Ratschlägen kann er nicht viel anfangen. Das nebenbei Onkel Arthur(Richard Kind) bei Larry wohnt und ihn mit seinem "Mentakulus" und diversen Polizeibesuchen den Nerv raubt, lässt Larry in die Knie gehen. Doch dann scheint sich alles zum Guten zu wenden...

Wenn man es aufschreibt, hört es sich irgendwie besser an. Ja, die Story um Larry Gopnik hat jede Menge Potential. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Coen Brothers sich in ihrem Film sehr speziell mit Glaubensfragen beschäftigt haben und, jedenfalls mir persönlich, der ein oder andere Witz verschlossen blieb, weil entsprechendes Hintergrundwissen fehlt. Für mich die mit Abstand besten Szenen der Produktion sind Larrys Träume. Da erkenne ich alle Qualitäten, für die ich die Coen-Brothers liebe. Ansonsten nimmt -A serious man- einen ziemlich langen Anlauf, um in die Erzählspur zu kommen. Als der Streifen dann sein Fahrwasser gefunden hat, beenden ihn die Coens auf eine Art und Weise, die ich mir ebenfalls anders gewünscht hätte.

Überzeugt hat mich die Besetzungsliste des Films. Mit neuen, unbekannten, unverbrauchten Gesichtern ist -A serious man- klasse besetzt worden. Die Coens können sich mittlerweile fast jeden Star für ihre Filme leisten, dass sie genau das nicht tun, ist erfrischend und spannend. Auch die Anfangssequenz, die kleine, jüdische Geschichte um den Dibbuk, dürfen und können sich nur die Coens leisten, um einen Film zu beginnen. Das hat mir gut gefallen.

Ich weiß, so richtig weiterhelfen kann ich ihnen mit dieser Rezension nicht. Ist der Film nun gut? Oder doch eher nicht? Da liegt das Ergebnis mal wieder im Auge des Betrachters. Für Coen-Fans ist -A serious man- ganz sicher ein Muss. Mit den Vorgängern aus dem Hause Coen kann er, das ist meine persönliche Meinung, nicht mithalten. Filme wie -Fargo, The Big Lebowski- oder -No country for old men- sind da aus ganz anderem Humor-Holz geschnitzt. Ich hätte -A serious man- mit 3,5 Sternen bewertet. Da das nicht geht, gibt es vier Sterne zu Gunsten des Angeklagten. Sie dürfen mal wieder selbst entscheiden, was sie vom Ausflug der beiden mehrfach oscarausgezeichneten Regisseure aus Minnesota, in die Siebziger Jahre und Larry Gopniks Leben halten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hiob's Brille, 6. November 2013
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Eine winzige Verschiebung in der Wahrnehmung unserer Realität - oder in der Realität? - und alles verschiebt sich, zunächst minimal, fast spurlos, dann, wenn die Dinge ineinander greifen, gleitet es rasant ab bis ins Absurde. Was es nach dieser Verschiebung zu sehen gibt, ist immer noch irgendwie gleich zu dem, was zuvor den Ausgangspunkt bildete, doch nur mehr "irgendwie"...

Fantastisch - einfach ein fantastischer Film, der mit dem Hiob-Moment in unserem Leben spielt....in einer kleinen jüdischen Welt einer amerikanischen Kleinstadt - unter Abwesenheit Gottes.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das ist nicht nichts, das ist etwas!, 12. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Vorsicht Spoiler!

Der Film "A serious man" ist das neuste Werk der beiden Coen-Brüder. Es geht kurz gesagt um Larry Gobnik, der versucht ein ernsthafter und guter Mensch zu sein. Allerdings wird er für seine Bemühungen nicht belohnt, sondern scheint vom Pech verfolgt zu sein und sein Leben gerät immer mehr aus den Fugen. Seine Frau will sich von ihm scheiden lassen, sein Sohn ist ein Kiffer, seine Tochter will eine Nasen-OP und klaut ihm deshalb Geld aus der Tache, der Geliebte seiner Frau überzeugt ihn in ein Motel zu ziehen und sein Bruder hat wegen illigaler Kartenspiele Probleme mit der Polizei (und das ist nur die Spitze des Eisbergs).
Der Film befasst sich unter anderem mit den Fragen wie man ein gutes Leben führen soll, warum guten Menschen trotzdem böse Dinge passieren und was im Leben eigentlich sicher ist.
Im Laufe des Films verzwiefelt Larry immer mehr an diesen Fragen und sucht Rat bei drei verschiedenen Rabbis. Doch der Erste ist lediglich ein Juniorrabbi der scheinbar selbst mit einer Glaubenskrise zu kämpfen hat, der zweite erzählt Larry eine Geschichte ohne Pointe und der dritte ist schlicht und einfach zu beschäftigt mit Denken um Larry zu empfangen. Der Glaube hilft Larry hier also nicht weiter. So wie die Rabbis ist auch seine Familie ihm keine Hilfe, denn alle sind mit ihren eigenen kleinen Problemen beschäftigt und niemand interessiert sich für den anderen.
Larry ist ein moderner Hiob, der von Gott auf die Probe gestellt wird. Er muss sich gegen Versuchungen erwehren und eine Menge einstecken, dabei gehen die Coens nicht gerade zimperlich mit ihrem Protagonisten um, was für einigige Unterhaltung sorgt.
Auch der Tornado am Ende des Films ist eine Anspielung auf Hiob. Für mich bezieht es sich allerdings auch gleichzeitig auf Sodom und Gomorrha, die Städte, die wegen der Lasterhaftigkeit ihrer Bürger, von Gott zerstört werden. So passiert es womöglich auch mit diesem Vorort, der voll ist von großen und kleinen Sündern.
Die Coen-Brüder zeigen sich hier mal wieder als Meister der Anspielungen und Übertragungen, ähnlich wie bei "Oh, brother where art thou".
Den Coens gelingt eine sehr detailierte Charakterzeichnung der Figur Larry Gobnik und als Zuschauer hat man großes Mitleid mit ihm, der all das eigentlich nicht verdient hat. Doch trotz des Mitgefühls ist es doch auch amüsant zu sehen wie Larry in verschiedenen Diskussionen als einziger logische Argumente bringt, aber am Ende trotzdem immer nachgeben muss.
Szenen wie die in der Sy Ableman, der Geliebte von Larrys Frau, Larry ganz fest umarmt und ihn fragt ob alles ok sei sind einfach schön anzusehen. Für solch aberwitzige Situationen muss man die Coen-Brüder einfach lieben und solche gibt es in diesem Film noch einige.
Wir befinden uns in einer Welt die kopfüber zu stehen scheint aber eigentlich nur die Realität wiederspiegelt. Der mit den besseren Argumenten gewinnt nicht, der der Rat sucht bekommt keinen, dafür aber der undankbare Sohn usw. und man kann die pure Ironie darin förmlich schmecken.
Die auf den ersten Blick oft unscheinbaren Dialoge sprühen vor schwarzem, unterschwelligem Humor. Nicht um sonst war dieser Film auch als bestes Skript für den Oscar nominiert. Allerdings, und das finde ich sehr schade, bleiben einige der übrigen Charaktere für mich (aber das ist natürlich rein subjektiv) noch zu blass. Anders als bei einigen anderen ihrer Werke haben nicht alle Nebencharaktäre die Teife, die ich mir wünschen würde. Arthur und Sy Ableman allerdings, sind beispielsweise sehr gut gelungen. Ich persönlich fand, das der Film zudem ein- oder zweimal Längen aufgewiesen hat, aber das lässt sich verkraften.
Die Kamaraeinsellungen sind großartig, wie z.B. Larry ganz klein vor einer riesigen, mit mathematischen Formeln voll geschriebenen Tafel, die dem Zuschauer zu verstehen gibt, dass Larry nur ein geringes Selbstwertgefühl hat und sich in die Welt der Mathematik und Physik flüchtet, in der er sich sicher fühlt, da dort alles logisch und rational ist.
So ist " A serious man" meiner Meinung nach zwar nicht so genial wie " The big Lebowski", der ein Meisterwerk und mein absoluter Liebligsfilm ist aber trotzdem gelungen. Das "Problem" ist einfach, dass man diesen Film ohne eine gewisse Kenntnis des Alten Testaments nicht vollkommen erfassen kann ( ich habe wahrscheinlich nur einen Bruchteil der Anspielungen verstanden), vor allem wenn man dann auch noch ein Goi ist. Aber auch so ist es der Film trotzdem Wert gesehen zu werden, vor allem von Coen-Fans. Man sollte diesen Film, wie eigentlich jeden Coen-Film, mindestens zweimal sehen, auch wenn er einem beim ersten mal nicht gefällt, denn jedes Mal fällt einem was neues auf.
Und die simple Antwort auf die Frage was man tun soll wenn alles den Bach runter geht, und die sich auch Larry stellt, liegt in dem Song "Somebody to love", denn "when the truth is found to be lies and the joy within you dies (...) you better find somebody to love!" Aber am Ende, und da kann auch die Physik nicht wiederprechen, ist und bleibt trotzdem alles unsicher.

Ach ja, unbedigt die Credits gucken, da wird es dann noch mal lustig!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Are you serious?, 22. September 2013
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
„A serious man“ thematisiert eine immerwährende aktuelle Thematik auf humoristische Art und Weise. Der Film besticht durch skurrile Charaktere, absurde Szenen und einem Ende, das einen mit mehr Fragen zurück lässt, als beantwortet werden. Also ein typischer Coen!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Allzumenschliches in einer ganz normalen jüdischen Gemeinde im mittleren Westen der USA, 1. April 2012
Von 
Benedictu - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (inkl. Wendecover) (DVD)
Wer genug Woody-Allen-Filme gesehen hat, wird sich von einem gewissen Hang zur Selbstbezüglichkeit nicht schrecken lassen, zumal sie hier wie dort durch Selbstironie entschärft wird. Diese Tragikkomödie der Coen-Brüder ist jedenfalls auch für Mitteleuropäer aus guten Gründen sehenswert:

SPRACHLICHES
Das Jiddische und das eingestreute hebräische Vokabular werden bisweilen zu Unrecht als Störfaktor für das Verständnis des Films aufgefaßt, weswegen ich auf diesen Aspekt etwas ausführlicher eingehe. Eher ist nämlich das Gegenteil der Fall. Es geht schon mit dem Vorfilm in jiddischer Sprache los (OmU), der vor langer Zeit irgendwo in Osteuropa spielt. Für Deutsche ist das weder uninteressant noch es ist besonders schwer zu verstehen, da das Jiddische ja eine aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene westgermanische Sprache ist, die mit hebräischen und weiteren Sprachelementen angereichert ist. Auch hat das Deutsche ja viele hebräische Wörter aufgenommen. Im Film lernt man, daß hebräisch "Masel tov" viel Glück bedeutet. Auch das kommt deutschen Ohren bekannt vor, denn die kennen ja die Verneinung von Glück in Form des "Schlamassels" und des "Vermasselns". Im Östereichischen ist sogar "Massel" gebräuchlich und im Berlinerischen "dufte"="tofte", das natürlich von "tov" kommt. In der Szene des Films, in der der Physikprofessor Larry Gopnik den Rabbi Marshak aufsucht, heißt es "I've had quite a bit of Zores lately." Das hebräische "zores" bedeutet "Sorgen, Nöte" und fand über das Jiddische Eingang ins Deutsche, wo es Ärger, Wirrwar und Chaos bedeutet. Auch der Ausdruck "jemandem Saures geben" hat mit "Zores" zu tun. Umgekehrt haben viele mittelhochdeutsche Wörter wie z.B. "slepen"="schleppen" über das Jiddische im umgangssprachlichen Amerikanisch einen festen Platz gefunden. (Mittlerweile kann man in New York sagen: "Can you schlep this bag of potatoes upstairs?" und mit "theGreatSchlep.com" hat die jüdische amerikanische Komikerin Sarah Silverman eine Kampagne betitelt). Das Jiddische und Hebräische in diesem Film ist für Deutsche m.E. von besonderem Reiz, denn sie täuschen sich meist hinsichtlich des Einflusses auf ihre Sprache.

1967
Der zeitliche Rahmen der sechziger Jahre in Minnesota in einem neuen, noch nahezu baumlosen Vorort von Minneapolis wurde perfekt inszeniert. Die Frauen haben sogar die Unterwäsche, die man in jener Zeit trug, verpaßt bekommen, damit ihre Röcke und Blusen richtig fallen.

MENSCHLICHES
Die besondere Stärke des Films ist seine dialogische und körpersprachliche Kommunikation. Wo sonst wird die Verblüffung eines Individuums (also des Helden Larry Gopnik), dessen Vernunft und Logik mit der Chuzpe seiner Mitmenschen konfrontiert wird, so schön herausgearbeitet wie hier? Herrlich, wie das noch gesteigert wird, indem er sich sogar den Vorwurf anhören muß, d a ß er so verblüfft sei als nämlich seine Frau zu ihm sagt: "You always act so surprised." Natürlich wird der "Serious Man" in einen ganzen Strudel von äußeren Widerfahrnissen hineingezogen, aber die größte Zumutung erlebt der Zuschauer mit ihm darin, wie manipulativ, hanebüchen inkohärent und unlogisch, egoistisch platt und instrumentalistisch die anderen ihn mit Sprache und Gestik belemmern. Der Film ist ein Meisterwerk der treffsicheren Dialoge. Er beleuchtet u.a. kritisch eine Seite des menschlichen Wesens, die einem eine Weisheit Goethes in den Sinn kommen läßt: "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen".

RELIGIÖSES
Für Agnostiker und Atheisten ist der religiöse Fokus von "A Serious Man" einerseits zuviel des Guten, andererseits informiert er halt auch, wie es in einer jüdischen Gemeinde so zugeht. In einer modernen säkularen, toleranten und pluralistischen Gesellschaft wirken ja die alten begrifflichen Ausgrenzungen gelinde gesagt anachronistisch: Für die alten Griechen waren die Nicht-Griechen schlicht die Barbaren; für die Juden und Christen waren bzw. sind die anderen die Heiden. Im Film wird oft das Wort Goi (jiddisch: goj, engl.: goy) für Nicht-Jude bzw. Heide verwendet. Im Jiddischen wird es zweifellos auch abschätzig gebraucht, wo "Er hot a jidischen Kopp" für den intelligenten Kopf und "Er hot a gojischen Kopp" für Dummkopf steht. Die stolze und bisweilen hochmütige Abgrenzung von den anderen ist gewissermaßen die Kehrseite einer starken Gemeinschaft.
Allerdings kommt bei Larry Gopniks komisch-verzweifelter Beratungsodyssee von einem Rabbi zum Rabbi zum anderen auch eine subtile Religionskritik ins Spiel. An einigen Stellen wird es überdeutlich: Der Mensch kennt "HaSchem" (Gott) doch gar nicht, er weiß auch nichts über "Olam Haba" (Jenseits), er tut nur so, und letztlich tun auch die Rabbis nur so. Der unerfahrene Junior-Rabbi Scott changiert in seinen Aussagen zwischen der Altklugheit eines frühreifen Jugendlichen und sinnfreiem Geplapper. So belemmert er Larry im Beratungsgespräch: "I mean, the parking lot here. Not much to see. It is a different angle on the same parking lot we saw from the Hebrew school window. But if you imagine yourself a visitor, somebody who isn't familiar with these... autos and such... somebody still with a capacity for wonder... Someone with a fresh... perspective. That's what it is, Larry." Die Inhaltslosigkeit dieses Gesprächs steigert dessen Erwartung in das nachfolgende zweite mit dem erfahrenen Rabbi Nachtner. Der erzählt dem fassungslosen Larry eine Geschichte ohne Pointe über einen Zahnarzt und einen Goi. Der Mensch könne nichts von Gott wissen und auch nichts erwarten. Nach Nachtner ist alles ganz einfach: Die einen Dinge kann man nicht wissen und die anderen sind egal:
Larry Gopnik: "And... what happened to the goy?"
Rabbi Nachtner: "The goy? Who cares?"
Der Rabbi Marshak am Ende ist zwar der große Weise, aber weise genug, Larry lieber überhaupt nichts mitzuteilen, sondern nur weiter nachzudenken.

BOTSCHAFT
Vielleicht hält der Film sowohl für die Gläubigen als auch für die Ungläubigen eine Botschaft bereit. Vielleicht lehrt er die Gläubigen Demut und die Ungläubigen den Wert einer starken Gemeinschaft. Die Glaubensgemeinschaft an sich und der Zusammenhalt der Menschen über ihre Rituale wird in diesem Film nämlich nicht nur nicht kritisiert, sondern regelrecht gefeiert.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 26 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

A Serious Man (inkl. Wendecover) [Blu-ray]
A Serious Man (inkl. Wendecover) [Blu-ray] von Ethan Coen (Blu-ray - 2010)
EUR 14,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen