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Nerven
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TOP 1000 REZENSENTam 12. Januar 2014
Es ist nicht leicht zu sagen, wem man diesen Film bzw. diese DVD empfehlen sollte. Bei vielen alten Stummfilmen kann man jemandem sagen: ›Wenn Du Verständnis mitbringst für die besondere Ästhetik des Stummfilms, dann wirst Du bei diesem Film wahrscheinlich Freude haben, denn er erzählt auf eine einmalige Weise eine noch heute beeindruckende Geschichte.‹ Im Fall von Robert Reinerts »Nerven« von 1919 mag man eine solche Empfehlung kaum aussprechen. Zu abstrus scheint die Story, zu exaltiert der schauspielerische Stil. Und doch hat dieser Film etwas an sich, das man sich nicht entgehen lassen sollte, sofern man filmhistorisch interessiert ist. Das filmhistorische Interesse scheint mir aber eine unabdingbare Voraussetzung zu sein.

1919 lag Deutschland in vielerlei Hinsicht am Boden, und seine internationale Reputation war auf einem Tiefpunkt. Ausgerechnet in diesem Jahr erwarb sich der deutsche Film erstmals internationale Anerkennung, und zwar mit zwei Beiträgen: Robert Wienes »Das Cabinet des Doktor Caligari« und Ernst Lubitschs »Madame Dubarry«. Robert Reinerts »Nerven« aus dem gleichen Jahr kann zwar nicht annähernd den gleichen Erfolg und Einfluss aufweisen, aber in gewisser Weise ist auch er auf der Höhe seiner Zeit und das in mancher Hinsicht vielleicht sogar mehr als die anderen beiden Filme. Im Hinblick auf die Erzählabsicht und die Erzählform steht »Nerven« dem Wiene-Film deutlich näher. Er gehört in die Tradition, die später (vielleicht etwas irreführend) unter dem Titel ›Expressionismus‹ zusammengefasst wird. Mit Lubitschs Film hat Reinerts Werk nichts gemein, – es ist geradezu anti-Lubitsch.

Was das Pathos der Erzählung und des Schauspielstils angeht, ist »Nerven« typisch expressionistisch. Was indes fehlt, sind die expressionismus-typischen stilisierten Dekors und die auf harte Licht/Schatten-Kontraste setzende Ausleuchtung und Fotografie. Stilistisch ist Reinerts Film im Grenzgebiet von Expressionismus und Symbolismus angesiedelt. Symbolistisch ist das künstlerische Verfahren, abstrakte Verhältnisse und Dynamiken in konkreten Figuren und ihren Konflikten erfahrbar zu machen. Im Schicksal des Industriellen Roloff erfüllt sich in »Nerven« beispielsweise das Schicksal des Kapitalismus als solchem. Die nervliche Anspannung bzw. Zerrüttung einzelner Charaktere sind gleichzeitig die sozialen und geistigen Spannungen und Verwerfungen der gesamten Kulturepoche.

Die Symbolisierungen bzw. inhaltlichen Korrespondenzen werden im Film sogar thematisiert. Der inzwischen nervenkranke Roloff sagt an einer Stelle: »An meinen eigenen Nerven erkenne ich die Nerven der Welt.« Und mit Blick auf seinen eigenen Zustand folgert er: »Die Nerven der Welt sind krank.« An etlichen Stellen wird deutlich, dass Reinert eine überaus verschrobene Seelenmetaphysik verficht und sie im Sinne einer reaktionären Kulturkritik ausdeutet: Der zivilisatorische Fortschritt habe die Nerven der Einzelnen und der Welt überreizt und die Seelen aus der Bahn geworfen. Krieg und soziale Unruhen seien die Folge. Natürliche soziale Unterordnungsverhältnisse und die natürliche Geschlechterhierarchie lösten sich auf, was Chaos und Tod bewirke. Den Ausweg sieht Reinert in einem kompromisslosen ›Zurück zur Natur‹. Am Ende des Films entfliehen der Lehrer Johannes und seine Elisabeth in die naturbelassenen Berge. Kapitalismus und Sozialismus werden durch eine heilsame bäuerliche Subsistenzwirtschaft ersetzt. Und dort auf der Alm (wo es bekanntlich keine Sünde gibt) wird dieses exemplarische Paar, so Reinerts Überzeugung, ein neues, besseres Menschengeschlecht zeugen. Adam und Eva lassen grüßen.

Offenkundig ist das, was Reinert in seinem Film zusammenfabuliert, gröbster Unfug, aber durchaus charakteristisch für die breite kulturkritische Bewegung, die seit den 1890er Jahren das intellektuelle Leben in Deutschland maßgeblich prägt. Das Spektrum reicht dabei vom ›Rembrandtdeutschen‹ Julius Langbehn über Rudolf Steiner bis hin zu Oswald Spengler. »Nerven« ist offenkundig dafür gedacht, die verquaste Kulturkritik seines Autors unters Volk zu bringen. Der Symbolismus wirkt daher oft penetrant und geradezu didaktisch, – insbesondere dann, wenn die Botschaft noch einmal in den Zwischentiteln zusätzlich verbalisiert wird.

Was seinen Inhalt angeht, ist Reinerts Film heute ziemlich ungenießbar oder bestenfalls als Feuerwerk unfreiwilliger Komik zu goutieren. Die Qualitäten des Films liegen eindeutig in seinen formalen Innovationen und Finessen. All das wird sorgfältig und kenntnisreich von David Bordwell in einem Essay analysiert, der im Booklet abgedruckt ist (dort findet sich auch der Hinweis auf ein Buchkapitel, das Bordwell Reinert gewidmet hat). Reinert staffelt die Handlungsebenen innerhalb der Einstellung auf neuartige Weise, indem er unter anderem handelnde Personen ganz nah im Vordergrund platziert. Dadurch kommt eine enorme Spannung – man ist fast geneigt zu sagen: Nervosität – ins Bild. Hinzu kommt, dass der Regisseur bisweilen fast elliptisch erzählt, indem er auf totale oder halbtotale Einstellungen verzichtet, die den Zuschauer über die räumlichen Relationen zwischen den Figuren informieren. Reinerts wohl durchdachte Bilddramaturgie sowie die exzellente Kameraarbeit verleihen dem Film eine sehr modern wirkende Dynamik. In dieser Hinsicht weist »Nerven« womöglich auch über »Caligari« und »Madame Dubarry« hinaus.

Robert Reinert ist bereits 1928 gestorben. Zum diesem Zeitpunkt hatte er schon länger keinen Film mehr inszenieren können und war, wie Jan-Christopher Horak in einem weiteren Beitrag des Booklets bemerkt, in der Filmszene weitgehend vergessen. Das Publikum hatte er mit seinen aufwändig produzierten Filmen am Beginn der 1920er Jahre schon nicht mehr erreichen können. Reinerts Sendungsbewusstsein, das in seinen Filmen in so aufdringlicher Weise zum Ausdruck kommt, dürfte daran nicht unschuldig gewesen sein. Dass dadurch ein sehr innovativer Beitrag zur Entwicklung der Filmsprache ins Abseits geriet und sich nicht weiter entfalten konnte, ist ein höchst bedauerliches Faktum.

Von »Nerven« ist im Moskauer Filmarchiv eine Kopie erhalten geblieben, die allerdings unvollständig ist. Dazu kommen zwei kürzere Fragmente aus dem Bundesfilmarchiv und aus den USA. Insgesamt dürfte ungefähr ein Drittel des ursprünglichen Films verloren sein. Der Verlust betrifft insbesondere diejenigen Szenen, die die sozialen und politischen Unruhen zeigen, deren Inszenierung offenbar den Auseinandersetzungen um die Münchener Räterepublik im Jahr zuvor folgte. Hier griff die Zensur ein. Das verfügbare Filmmaterial weist teilweise Abnutzungs- und Zersetzungsspuren auf, die den Filmgenuss aber nicht wesentlich beeinträchtigen. In dem amerikanischen Fragment sind einige ›lebende Zwischentitel‹ erhalten geblieben, die dem Film eingefügt sind. Die Mehrzahl der Zwischentitel gehen auf die aktuelle Rekonstruktion zurück, die Texte sind der Zensurkarte entnommen. An einigen Stellen sind die Hinweise und Dialoge der Zwischentitel so eingesetzt, dass sie Handlungslücken füllen, die auf Filmmaterialverlust zurückgehen. Insgesamt hat die Filmrekonstruktion Großartiges geleistet. Der Film wird viragiert präsentiert, wobei die Partien des nur schwarzweiß vorliegenden russischen Materials nach Maßgabe der Einfärbung des amerikanischen Materials nachträglich koloriert wurden.

Die neue, sehr schöne Musikbegleitung stammt von Joachim Bärenz. Die DVD bietet drei Szenenvergleiche, um die unterschiedlichen erhaltenen Versionen einzelner Szenen zu illustrieren. Dazu kommen zwei kurze dokumentarische Filme von 1919, die den politischen Unruhen im München der unmittelbaren Nachkriegszeit gewidmet sind. Vorzüglich ist das 16-seitige Booklet, das neben einer zeitgenössischen Rezension drei Essays enthält: Stafan Drössler informiert über die Filmrekonstruktion, Jan-Christopher Horak ordnet »Nerven« filmhistorisch ein, und David Bordwell unternimmt die bereits erwähnte sehr erhellende Stilanalyse.

Wer sich für den Symbolismus und Expressionismus im Film interessiert, sollte sich »Nerven« unbedingt ansehen. Gleiches gilt für denjenigen, der aus eher kulturhistorischem Interesse nach Beispielen für die zeitgenössische kulturkritische Bewegung im Bereich der populären Künste sucht. Wer allerdings den Genuss eines guten Films in den Vordergrund stellt, der dürfte mit anderen Stummfilmen besser bedient sein.
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