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am 10. Januar 2010
Ich hoffe, jeder hat eine Geschichte zu dem Tag, an dem er diese Musik zum ersten Mal erfahren hat. Weiss noch wo er war, was er gemacht hat und wie man darauf gekommen ist oder wer dabei war. Bei solch einem markerschütterndem Moment oder so einen einschneidenden Erlebnis, vergisst man so etwas nicht.
Ich bin heilfroh, dieses Album nicht heutzutage zum ersten Mal zu hören. Es ist inzwischen zu viel passiert in der Musikwelt, was sich eventuell beim Hören aufdrängen oder dazwischen drängen möchte. Bevor Begriffe und Stile wie Postrock, Emo, Independent, Slowcore oder ähnliches in der Musikpresse zu inhaltsleeren Worthülsen und zu oft wiedergekäuten Konzepten verkommen sind. Was in der Zwischenzeit aufgetaucht ist, mit diesem Album verglichen wird und dadurch die unverstellte Sicht verkleistert, ist bildverzerrend und lenkt vom wesentlichen ab.
Anfang der Neunziger taucht diese Platte unvermittelt zwischen verschiedenen Genres auf und kaum einer wusste genau, worum es sich bei dieser seltsamen Musik eigentlich handelt. Was waren Slint denn damals? Im Grunde Nerds, die schon in Squirrel Bait Hardcore spielen wollten, aber eben zu nerdig und musikalisch begabt waren, um einfachen Hardcore spielen zu können. So kam etwas eigenes heraus, von dem selbst der Aufnahmeleiter Brian Paulson oder andere zeitgleiche Musiker, wie Lou Barlow direkt gemerkt haben, dass hier eine ganz neue, unvergleichliche Musik die Bildfläche betreten hat. Selbst wenn noch so oft behauptet wird, diese Platte hätte etliche Musikstile begründet, merkt man heute, das dies so einfach nicht stimmt. Spiderland steht sogar in Slints Oeuvre alleine da, geschweige denn in irgendwelchen Genres. Egal welche Bands ich gehört habe, die man damit vergleichen will oder die in einem Atemzug genannt werden, keine hat ein wirklich vergleichbares Stück Musik geschaffen, selbst wenn ich manche der Bands ähnlich hoch schätze. Bedhead bleiben Bedhead, Low bleiben Low und Mogwai bleiben Mogwai. Und keiner davon kann Slint sein! Ich denke, gerade das macht dieses Album aus! Es ist mehr als nur eine musikalische Formel. Diese wäre reproduzierbar. Nicht jedoch die andere Hälfte der Musik, die sich aus den Persönlichkeiten, der damaligen Zeit und der Dynamik zwischen den Musikern und zwischen den Musikern und ihrer Musik entwickelt hat. Es ranken sich nicht umsonst Mythen um die Aufnahmesession zu dieser Lp. Es wird behauptet, dass mindestens ein Mitglied der Band nach den Aufnahmen psychiatrisch behandelt werden musste. Dem Sänger wird körperlich schlecht, nachdem er ein solch intensives Stück, wie das letzte auf der Platte eingesungen hat. Da sich solch intensive Momente durchs Hören übertragen lassen, lässt "Good Morning Captain" wohl auch kaum einen Hörer kalt. Das lässt sich nicht reproduzieren, wenn es nicht absolut authentisch ist und aus dem Moment heraus entsteht. Die Musik lebt glücklicherweise nicht nur von emotionalen Effekten. Ich könnte mir das ganze Album, auch als Instrumentalversion vorstellen und es blieben selbst dann, kaum Fragen offen. Jeder noch so einfache und simple Ton, jeder Akkord oder akustische Effekt, klingt wie eine logische Konsequenz des ganzen. Egal, wohin man hört, kein Musiker fällt aus dem Rahmen. Jeder Song ist eine Einheit, die Musik selbst, das Album an sich wird quasi zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Zu einer, die kaum einem fremd sein kann, der sich auf darauf einlässt. Dieses Stadium zu erreichen, gelingt nur den wenigsten Künstlern. Ob es sich um Schriftsteller, Maler oder Musiker handelt. Wer hinter seinem künstlerischen Werk zurücktritt und etwas hinterlässt, das zeitlos existieren kann, den Künstler an sich auch nicht mehr braucht hat die höchste Form von Kunst erreicht. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich so unterschiedliche Musiker wie PJ Harvey, Pavement, Mogwai oder Seefeel bewundernd äußern. Ich kann mir vorstellen, dass Spiderland jeden ansprechen kann, solange er unvoreingenommen an diese Platte herangeht und eine Vorliebe für intensive Klänge hat, egal aus welchem Musikrichtung man auch kommen mag. Ich kann nur jedem Ersthörer wünschen, überrascht zu werden. Kalt erwischt zu werden.
Ich habe diesen Effekt, der ähnliches hervor gerufen hat, höchstens noch bei anderen Bands erlebt, die nicht direkt vergleichbar sind. Sie haben einen ähnlich intensiven Eindruck in meiner Musikwelt hinterlassen: Rites of Spring, Moss Icon und Evergreen. Slint blieben jedoch einzigartig, dunkel, mysteriös, nebulös, monolithisch. Es könnte nur noch besser und passender sein, wenn die Musiker danach nie mehr in anderen Bands gespielt hätten und in Vergessenheit geraten wären. Das hätte den Moment der Platte noch mehr unterstrichen. Ein nicht reproduzierbarer Moment, der in seiner Dynamik auf nahezu perfekte Art und Weise auf Vinyl gebannt worden ist. Auf manchen CD haben Slint nicht versäumt drucken zu lassen: "This Music is meant to be listened on Vinyl. Ich vermisse dabei die Ergänzungen: "alone, by night, in a forest". Danach wird die Musik und das Gefühl, das sie zurück lässt, einen nicht mehr verlassen. Ganz gleich wie viele Jahre vergehen. Ich denke, das definiert wohl einen Klassiker.
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am 14. August 2009
Man stelle sich die beklemmendsten Momente des Lebens vor... ein dunkler, nicht enden wollender Wald. Eine leere Wohnung, deren Stille einen erschlägt. Eine nächtliche Autobahnfahrt... oder eine schmale Gasse und man ist allein unterwegs.
Die "Spiderland" hat von alledem etwas... als läge sich eine riesige Hand um den Hals des Zuhörers. Und doch ziehen einen Songs wie "Breadcrumb", "Nosferatu Man" oder "Good Morning, Captain" in ihren Bann, bis man nicht mehr von ihnen lassen kann. Und "Washer" ist der wohl traurigste Song, den ich jemals gehört habe. Der Sound nimmt durch seinen Minimalismus und dem zwischen leisem Murmeln und ohrenbetäubendem Brüllen wechselnden Gesang das Post-Rock-Genre um Jahre vorweg.

Gibt es für dieses Album ein anderes Wort als "Klassiker"?
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am 8. Mai 2007
Fragt man heute nach den Begründern des eigentlichen Indie-Rocks, dann fallen viele Namen. Viele verschiedene. Aber einer sollte immer fallen, und das zu Recht: Slint. Spiderland ist immer noch eine der wesentlichen Referenzen in Sachen kalter und gleichzeitig gefühlsgeladener Indie-Rock in der Post-Rock-Arena. Auch noch heute.

Unerfahrene und eher neue Anhänger der American-Underground-Szene werden auch, ohne lange hinhören zu müssen, in der Lage sein, das schier überwältigende Element des Experimentellen herauszuhören. Nun ja, wie kann man das auch überhören, wenn die Riffs wie Fragmente zusammengesetzt scheinen und man während eines Tracks immer wieder von den vielen stilistischen Wechseln überrascht wird? Und gleichzeitig ist dies alles mehr als melodiös und von einer einzigartigen Kraft zusammengehalten, sodass man sich wie in einer anderen Rockwelt wiederzufinden scheint. Dieses Motiv des leise-/laut-Rocks wurde von vielen weiteren Bands aufgegriffen - von Lou Barlow bis hin zu Mogwai.

Die emotionale Ladung des Albums hat sich zu hundert Prozent vom üblichen Prog-Rock und dessen Kitsch-Fehltritten wegbewegt, was der Band wiederum viele Anhänger beschert hat. Und man braucht kein Großmeister zu sein, um zu wissen, was mit "Slint-Dynamics" gemeint ist. Mit am interessanten ist wohl diese Dynamik in den sich immer weiter aufkochenden, knochigen Tracks wie "Nosferatu Man" - es wird immer schneller, harte Gitarren prechschen auf einmal los, dazu die weinerliche Gesangsstimme, wieder Ruhe . . . so vampirisch und unheimlich, als wenn man in einem Märchenwald ausgeetzt worden ist. "Good Morning Captain", eine murrende Ode an "The Rime of the Ancient Mariner", ist einer dieser Songs, die den Anfang vom Ende der Band signalisieren. Denn wo wollen die Jungs noch hin?

Die Aufnahmen sind emotional tief, traumatisch und ein Beweis der These, dass Bandmitglieder immer ein Stück weit institutionalisiert sein müssen während der Aufnahmen. Brian McMahan "spricht" und "schreit" sich seinen Weg durch das Album, in einem augenscheinlich nicht zu überhörenden Kontrast zu dem, was der Rest der Band an Intensität bietet. Seine Stimme ist zu schwach, um mit den harten Riffs und Drums mithalten zu können. Dies ist für den Einen eine Schwäche, weil Brian unengagiert und saftlos erscheint. Für den Anderen macht das mit die Stärke aus.

Wie auch immer, Spiderland ist bis heute eine der besten Referenzen in Sachen Indie und Experimental Rock. Eben wegen seiner vielen Kontraste und Gegensätze.
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am 28. Mai 2016
Unglaubliche Laut / leise Malerei, die in dieser Form heute in dieser Authentizität wohl unmöglich aufzunehmen wäre. Ich kann kaum beschreiben, was dieses Album bei mir alles für Assoziationen geweckt hat. Meistens hatte ich beim Hören jedoch aus irgendeinem mir unbekannten Grund eine schmale Kopfsteinpflastergasse in irgendeiner gottverlassenen Stadt im Schneegestöber vor Augen.
Man nenne mir nur eine Prog- oder Post-Rock Platte der Gegenwart, die eine solche Aura wie Spiderland entfalten würde. Für die Ewigkeit!

Weiterhören:
Bitch Magnet - Ben Hur (soundtechnisch große Parallelen zu Spiderland)
Bastro - Troubled Beast/Bastro Diabolo (rumpeliges Noise-Album, das teilweise einen ähnlichen Geist atmet wie Spiderland)
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