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Am bekanntesten wurde Eugen Jochum (übrigens wie ebenso sein nicht weniger kompetent dirigierender Bruder Georg Ludwig) durch sein Engagement für die Werke Bruckners. Hier liegt sein erster Zyklus der Sinfonien (DG, 1964 bis 1967) vor ' es gibt noch einen zweiten Zyklus von der EMI mit der Staatskapelle Dresden aus den Jahren 1975 bis 1980 und eine große Zahl an Einzelaufnahmen (u.a. mit dem Concertgebouworkest), von denen ein paar ganz herausragend sind - u.a. die 5te und 8te mit dem Concertgebouworkest.

DER JOCHUM BRUCKNER-ZYKLUS BEI DER DG

Die 1te, 4te, 7te, 8te und 9te sind mit den Berliner Philharmonikern, die 2te, 3te 5te und 6te ist mit dem S.O. des BR. Jochum hat nur die 9 von Bruckner gezählten Sinfonien eigespielt - also nicht die "Annulierte" ("Nullte") und auch nicht die Studiensinfonie f-moll.

Ich möchte hier nicht auf die Werke an sich eingehen und auch nicht jede Interpretation im Einzelnen besprechen. Hervorheben möchte ich aber besonders die Einspielung der 1ten (bisweilen geringgeschätzt ' was mir völlig unverständlich ist) und der 4ten, 7te und 9te - auch die 3te, 5te und 8te haben starke Meriten.

Jochum wird oftmals ein weihevoller und statischer Umgang mit Bruckner nachgesagt. Das ist ein hartnäckiges Vorurteil und ein Irrtum, wie jeder anhand der hier wiederaufgelegten Aufnahmen selbst nachvollziehen kann: Flexible Tempi, viel Feuer (z.B. in der 1ten und 8ten), durchaus Dramatik und Empfindungen aller Art.

SPIELZEITEN ALS BELEG

Objektive Angaben wie Spielzeiten sagen zwar kaum etwas über den Inhalt und die Stimmigkeit von Interpretationen aus, aber sie können zumindest zu Nachdenken anregen und pauschale Vororteile aufweichen helfen. Dazu hier ein Vergleich der Gesamtdauer der Sinfonien in folgender Reihenfolge der Einspielungen:

Jochum DG-Zyklus - Jochum EMI-Zyklus - Einspielungen gleicher Fassung, die nicht im Ruf des 'Weihevollen' stehen.

1te 47:19 min - 47:05 min - 47:15 min (Barenboim / CSO), 47:04 (Solti)
2te 51:48 min - 52:38 min - 59:02 min (Skrowaczewski), 55:50 min (Solti)
3te 53:14 min - 55:13 min - 53:52 min (Wand / NDR), 55:20 min (Skrowaczewski)
4te 64:35 min - 65:05 min - 70:32 min (Skrowaczewski), 66:31 min (Sawallisch / Philadelphia)
5te 76:51 min - 77:28 min - 73:08 min (Harnoncourt), 79:30 min (Solti)
6te 55:05 min - 56:21 min - 58:10 min (Solti), 56:53 min (Skrowaczewski)
7te 67:56 min - 69:27 min - 68:36 min (Solti / CSO), 68:45 min (Skrowaczewski)
8te 74:15 min - 76:05 min - 74:15 min (Solti / CSO), 82:00 min (Szell)
9te 60:47 min - 60:44 min - 61:00 min (Solti), 61:00 min (Horenstein / BBC S.O.)

Der Vergleich der beiden Zyklen Jochums zeigt, dass die Tempi 10 Jahre späte unmerklich ruhiger geworden sind, was die eine und andere hektische oder unklare Stelle (wie im ersten Zyklus vorhanden) vermeiden hilft. Von einer echten Verbreiterung oder Alterslangsamkeit kann keine Rede sein!

Wie man anhand der Vergleichszeiten mit den anderen Dirigenten (die wahrlich nicht im Ruf stehen, einen weihevollen Bruckner zu zelebrieren!) unschwer sehen kann, bewegt sich Jochum in beiden Zyklen im durchschnittlichen Rahmen, oft sogar eher im kürzeren Bereich. Der Vergleich mit Celibidache, Ballot oder anderen 'Kathedralen-Tüftlern' ließe Jochum geradezu als 'Raser' erscheinen.

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass bei Jochum bisweilen der eine oder andere sogar eine innerlichere oder über das rein Musikalische hinaus erfahrbare Sichtweise vermisst, da dieser Dirigent nichts der absoluten Musik, was außerhalb dieser läge, hinzufügt.

Jochum hat ein untrügliches Gespür für die Proportionen der Sinfonien Bruckners, für den logischen und dramatischen Aufbau, für die Thematischen Verflechtungen und die Vielfalt und (auch rhythmische) Kraft der Werke.

Übrigens: Dass Jochum es mit Bruckners Glauben ernst ist, lässt sich an den drei eigespielten Messen, dem Te Deum und zehn Motetten leicht feststellen ' allerdings nicht in dieser Sinfonien-Box, sondern auf zwei Doppel-CDs der DG.

DIE AUFNAHMEN

Die (historische) Bedeutung dieser Aufnahmen liegt sowohl darin, dass es der erste Bruckner Zyklus auf Schallplatte war und - mindestens genauso bedeutend - erstmals alle Sinfonien in seriösen Fassungen ohne Fremdzusätze und frei von Romantizismen eingespielt wurden. Hier sind die Fassungen mit noch genaueren Aufnahmedaten als in der Box angegeben:

Sinfonie Nr. 1 c-moll WAB 101 ('Linzer' Fassung, überarbeitet 1877, Ed.: L.Nowak 1953)
E. Jochum / Berliner Philharmoniker (DG / 16-19.10.1965 Jesus-Christus Kirche Berlin)

Sinfonie Nr. 2 c-moll WAB 102 (revidierte Fassung 1877, zweiter Druck: L.Novak 1965)
E. Jochum / Sinfonieorchester des BR (DG / 29.12.1966 Herkules-Saal München)

Sinfonie Nr. 3 d-moll WAB 103 (Fassung 1889 <1888/89>, Ed.: L.Nowak 1959)
E. Jochum / Sinfonieorchester des BR (DG / 8.1.1967 Herkules-Saal München)

Sinfonie Nr. 4 Es-Dur 'Romantische' WAB 104 (1886 <1878/80>, Ed.: L.Nowak 1953)
E. Jochum / Berliner Philharmoniker (DG / Juni 1965 Jesus-Christus Kirche Berlin)

Sinfonie Nr. 5 B-Dur WAB 105 (Fassung 1878, Ed.: L.Nowak 1951 fast identisch mit Haas-Ausgabe)
E. Jochum / Sinfonieorchester des BR (DG / 8-15.2.1958 Herkules-Saal München)

Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106 (Fassung 1881, Ed.: L.Nowak 1952)
E. Jochum / Sinfonieorchester des BR (DG / 3.7.1966 Herkules-Saal München)

Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 (1885, Fassung mit einigen Änderungen Bruckners, pub. A.Gutmann)
E. Jochum / Berliner Philharmoniker (DG / 10.10.1964 Jesus-Christus Kirche Berlin)

Sinfonie Nr. 8 c-moll WAB 108 (Fassung 1890, Ed.: L.Nowak 1955)
E. Jochum / Berliner Philharmoniker (DG / Jan.1964 Philharmonie Berlin)

Sinfonie Nr. 9 d-moll WAB 109 (Originalfassung 1894, Ed.: L.Nowak 1951)
E. Jochum / BR Sinfonie Orchester (DG / 22+23+27+28.11.1954)

MASTERINGS UND EDITORISCHES

Kurz gefasst: Die Digital-Transfers sind nicht herausragend, aber sehr ordentlich. Der Klang ist etwas "weiss" mit einem leichten Bandrauschen (tapehiss), aber dafür in der Höhe ganz offen. Keine der 9 Sinfonien ist auf zwei CDs verteilt.
Die Box ist stabil, die Aufmachung schlicht mit einem m.E. sehr passenden SW-Foto aus St.Florian.

FAZIT

Verehrung für Eugen Jochums Kunst, Nostalgie, Neugierde auf ein Wiederhören mit den Entdeckungen der eigenen Vergangenheit, Überprüfen der Erinnerung, Interesse an der Rezeption Bruckners und den Aufnahmen dessen Sinfonien - Das sind gute Gründe, diese Box zu kaufen. Und - was mir am wichtigsten erscheint - das ehrliche Musizieren (ich verwende hier bewusst das verpönte Wort) mit Herz, Geist und Seele.

- - - - -

Über ein Feedback (Kommentare) zu meinen Bemühungen des Rezensierens würde ich mich freuen! Lesen Sie gern auch andere meiner weit über 200 Klassik-Besprechungen mit Schwerpunkt "romantische Orchestermusik" (viel Bruckner und Mahler), "wenig bekannte nationale Komponisten" (z.B. aus Skandinavien), "historische Aufnahmen" und immer wieder Interpretationsvergleiche und für den Kenner bzw. Interessierten meist Anmerkungen zum Remastering!
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am 20. Juni 2007
Über die Charakteristika der Bruckner-Interpretationen Eugen Jochums braucht man wohl nicht viel schreiben. Zweifelsohne hatte Jochum einen sehr persönlichen Zugang zu Bruckner gefunden, und seine Aufnahmen sind zeitlose Bruckner-Dokumente von Rang - darin vergleichbar den Aufnahmen Celibidaches oder Wands. Sicherlich wird es auch immer Hörer geben, die die individuelle Herangehensweise Jochums nicht mögen, seine Deutung zu gradlinig oder zu einseitig musikantisch finden; ich persönlich bin von seinem zupackend dramatischen und unsentimentalen Zugriff fasziniert und habe nie Archaik oder Mystik vermißt.
Jochum hat zwei Gesamtaufnahmen der Sinfonien Nr. 1-9 gemacht: eine für DGG mit den Berliner Philharmonikern und dem Sinfonierorchester des BR, und eine zweite für EMI mit der Staatskapelle Dresden.
Musikalisch-interpretatorisch sind die beiden Zyklen im Prinzip identisch, ich rate aber jedem an Jochums Bruckner-Deutungen Interssierten (bzw. solchen, die sich nicht beide Box-Sets ins Regal stellen wollen) zum Kauf der DGG-Aufnahmen. Sie sind weitaus "gepflegter" gespielt, sowohl was das orchestrale Zusammenspiel als auch was den Klang angeht: viele von Jochums eigenwilligen Accelerandi sind in Dresden sehr wackelig (war Jochum mit diesem Orchester nicht so vertraut, oder war er zum Zeitpunkt der Aufnahme schon zu alt?), und der Orchesterklang hat leider mit dem berühmten Dresdner Klang ("wie altes Gold") wenig zu tun, vielmehr fehlt klangliche Homogenität, was v.a. am Blech liegt, das oft schneidend scharf spielt. Eigentlich verwunderlich, wenn man bedenkt, zu was für Höchstleistungen dieses Orchester fast zeitgleich bei Kempes Strauss-Aufnahmen fähig war. Die Berliner Philharmoniker und das BR-Orchester spielen hier jeweils mit einem viel "deutscheren" Klang.
Auch die Aufnahmetechnik läßt bei EMI vieles in einem zu mulmigen Gesamtklangbild untergehen (leider bei vielen Aufnahmen aus der Dresdner Lukaskirche der Fall), während die älteren DGG-Aufnahmen (die Fünfte stammt aus 1958!) wundervoll transparent sind und auch in langen forte-Strecken nicht ermüdend klingen. Mit einem informativen Booklet, das u.a. einen Aufsatz aus Jochums eigener Feder enthält, ist dies eine absolut empfehlenswerte Referenz-Einspielung - vielleicht nicht der allein-seligmachende Bruckner, aber eine Interpretation, die Geschichte geschrieben hat.
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am 22. August 2009
Der wohl erfreulichste Gesamtzyklus bleibt für mich der Klassiker mit Eugen Jochum, aufgenommen 1958 - 1967, mit den Berliner Philharmonikern (Symphonien Nr. 1, 4, 7, 8, 9) u. dem Sinfonieorchester des BR (Nr. 2, 3, 5, 6). Zumindest seinerzeit war Jochum als Bruckner-Interpret "unangreifbar", Präsident der Bruckner-Gesellschaft, eine ähnliche Autorität wie einst Karl Böhm für Mozart, aber die Zeiten haben sich geändert. Jochums erster Zyklus erscheint mir keineswegs zu sehr sakral oder weihevoll betont, was man aufgrund des katholischen Dirigenten Eugen Jochum vermuten könnte, sondern er geht oft einen "natürlichen" Mittelweg: Georg Solti klang bei der 9.Symphonie viel majestätischer, von CD-Mitschnitten mit "Kathedralenklang" aus dem Lübecker Dom oder der Basilika Weingarten ganz abgesehen.
Wie immer bei Gesamtaufnahmen muss man auch hierbei Kompromisse eingehen: Die Berliner Philharmoniker sind zweifellos das stärkere Orchester als das SO des BR, welches unter Jochum aber selbst die schwierige Fünfte recht gut bewältigt. Sternstunden der Bruckner-Interpretation bleiben für mich die Einspielungen der 4., 9., vielleicht auch 7.Symphonie mit den Berliner Philharmonikern oder z.B. auch der 3.Symphonie mit dem SO des BR, denn nach meinem persönlichen Empfinden strahlt Jochums Aufnahme der 3.Symphonie von 1967 so viel Natürlichkeit aus, dass das weniger perfekte Orchesterspiel des SO des BR im Vergleich zu dem der Wiener Philharmoniker (z.B. mit Carl Schuricht, Karl Böhm) kaum ins Gewicht fällt. Da kommen auch neuere Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern mit Herbert von Karajan oder gar Daniel Barenboim bei mir nicht gegen an. Nur bei der 2. Symphonie kommt es bei Jochums Aufnahme mit dem SO des BR zu deutlichen Orchester-"Schlieren"/Unsauberkeiten im letzten Satz, so dass meines Erachtens die 1. und 2. Symphonie (die 1.Symphonie wegen dramatischem Dauer-"Hochdruck"/-"Expressivo") die schwächsten der DG-Box sind. Diese beiden Symphonien gelangen Eugen Jochum später mit der Staatskapelle Dresden geradezu als Referenzaufnahmen. Auch Jochum konnte das hohe Niveau in seinem späteren Zyklus mit der Staatskapelle Dresden Ende der 70er Jahre/Anfang der 80er Jahre aber nicht überall halten, weil die Bläser der Staatskapelle Dresden ihm nicht mehr präzise folgten. Am Ende wird man wohl immer wieder zu den beiden großen "CD-Klassikern" unter den Bruckner-Zyklen, d.h. den Gesamteinspielungen von Eugen Jochum (erster Zyklus, DG) und Günter Wand (Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester) als Vergleichsaufnahmen zurückkommen. Gute 4 statt der (vorbehaltlosen) 5 Sterne in Kenntnis der obigen Einschränkungen, trotzdem für jeden Bruckner-Hörer eine erste Empfehlung.
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Obwohl das gerade bei Bruckner (mit seinen teils mehrfachen Sinfonie-Versionen) seltsam klingt : bei seinen Sinfonien habe ich das Gefühl, dass sie nicht komponiert sind. Sondern dass sie einfach so sein müssen, wie sie klingen - als wären sie als Ganzes vom Himmel gefallen.

Und bei Jochums Aufnahme habe ich den Eindruck, als wären sie gar nicht dirigiert. Sondern Jochum hat Bruckners Sinfonien einfach so erklingen lassen, wie sie sind. (Wie man bei Michelangelo sagt : er hätte seine Statuen einfach von verhüllendem Stein befreit.)

Hinzu kommt, dass die Aufnahmetechnik wirklich gut ist. Nicht ZU präzise und scharf - aber auch ohne Schwächen historischer Aufnahmen. Warmer und natürlicher Klang. Die Digitalisierung wurde so behutsam durchgeführt, dass sie den seinerzeitigen Platten-Aufnahmen um nichts nachsteht.

Schöner und ergreifender geht es für mich nicht.

---

- Die Ausstattung ist gut : schlichte Pappschuber mit Angabe der jeweiligen Sinfonie / Satzbezeichnungen / Zeiten / Orchester sowie ein Booklet.

- In der ursprünglichen Plattenbox war auch das "Te Deum" enthalten. Das kann (und sollte) man sich nun auf einer Extra-CD (zusammen mit den Mottetten und dem 150. Psalm) zusätzlich erwerben.

- Jochum hat für die Aufnahmen die späteren Versionen ausgewählt. Es lohnt sich, auch die ursprünglichen Versionen kennenzulernen. Dafür bietet sich die Aufnahme von Elijahu Inbal mit dem RSO Frankfurt an. Hier findet man zusätzlich die Studiensinfonie und die "Nullte", sowie die hörenswerte Rekonstruktion des 4. Satzes der 9. Sinfonie.
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am 27. April 2012
Kein Zyklus der Bruckner-Symphonien wird jemals ohne Schwächen auskommen. Auch in diesen Aufnahmen gibt es schwächere Momente, besonders bei den früheren Symphonien 1 und 2, und die Nullte sowie die Studiensymphonie fehlen. Dennoch ist dieser Jochum-Zyklus für mich eindeutig der beste der verfügbaren Gesamtaufnahmen. Man merkt, dass sich Jochum Zeit seines Lebens mit diesem Komponisten befasst hat, und auch wenn er sich (teils erhebliche) Freiheiten herausnimmt bei der Gestaltung der Tempi, so spannt er über jede einzelne Symphonie den Bogen und meisselt die Architektur hinreissend heraus. Man hört immer wieder atemlos zu und wäre gerne bei den Konzerten dabeigewesen.

Im Vergleich: Karajan ist geschliffener, aber weniger verbindlich, Celibidache hat seine grossen Momente, aber die generelle Langsamkeit erdrückt gewisse Sätze, von Wand sind nur frühere Aufnahmen in der Gesamteinspielung erhältlich, das Orchester ist nicht immer auf Kurs, Haitink's früher Ansatz zeigt noch Zeichen der Unsicherheiten (im Gegensatz zu seiner heutigen Lesart), Skrowaczewski ist ein Bruckner-Dirigent erster Güte, die Saarbrückener sind aber nicht ganz immer ein gleichwertiger Partner, Tintner hat einen sehr eigenen Zugang, der nicht allen gefallen muss, und der spätere Jochum mit den Dresdnern ist insgesamt etwas wärmer, aber auch etwas weniger stringent.

Wenn man sich seinen Zyklus aus Einzelaufnahmen basteln möchte, so kann ich kraft meiner Subjektivität folgende Aufnahmen empfehlen:
0. Skrowaczewski, Saarbrückener
1. Abbado, Wiener Philharmoniker
2. Skrowaczewski, Saarbrückener
3. Wand, NDR
4. Jochum, Berliner
5. Thielemann, München
6. Karajan, Berliner
7. Jochum, Berliner und Haitink, Chicago SO
8. Jochum, Berliner und Wand, Berliner
9. Luisi, Staatskapelle Dresden und Giulini, Wiener

Wenn man übrigens die viersätzige Fassung der Neunten hören möchte, so empfehle ich die Anschaffung der Harnoncourt-Version (mit den Wienern) und der Rattle-Aufnahme (mit den Berlinern). Beides sind keine Bruckner-Dirigenten, aber die Kombination ermöglicht ausgezeichnete Einblicke. Harnoncourt diskutiert die Fragmente und spielt sie, aber nur das von Bruckner geschriebene (und das ist viel). Danach kann man sich aufgeklärt die Rattle-Version anhören, in einer recht gelungenen Rekonstruktion. Dieser vierte Satz zeigt noch einmal auf, wie genial und seiner Zeit voraus dieser Komponist wirklich war.
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TOP 1000 REZENSENTam 30. November 2010
Während Anton Bruckner in seiner früheren Schaffensperiode beinahe ausschließlich geistliche Chormusik und Orgelwerke komponierte, ist seine Reifephase von seinen Sinfonien bestimmt. Eine Studiensinfonie und die annullierte "Nullte" bereiteten ihm den Weg zur Königsgattung der Orchestermusik. Trotz der Tatsache, dass er einige der bedeutendsten und besten Sinfonien der Romantik schrieb, war er zeitlebens ein Komponist im Schatten vor allem von Johannes Brahms. Der ihm zustehende Ruhm sollte ihm erst nach seinem Tode zuteil werden.

Die ersten drei Sinfonien zeigen dem geneigten Hörer einen gänzlich ungewohnten Bruckner, nicht zuletzt deswegen, weil diese drei "Frühwerke" heute nur selten aufgeführt werden. Die erste Sinfonie in c moll beispielsweise wartet mit zwei ungestümen Ecksätzen auf, wie man sie beim deutschen Komponisten nur selten erlebt. Das freundliche Adagio lässt den späten Meister bereits erahnen und das Scherzo ist der Höhepunkt dieser Sinfonie.
Die zweite Sinfonie steht ebenfall in c moll, beinhaltet aber bereits einen typisch gemessenen Kopfsatz. An zweiter Stelle steht ein geheimnisvolles Andante und auch hier ist das Scherzo wieder mehr als gelungen, indes Bruckner wie Dvorák und Beethoven ein Meister des Scherzos war. Im Finale liefert der Tonsetzer einen feurigen Kehraus.
In d moll steht die dritte Sinfonie, deren berauschender Kopfsatz beweist, dass auch die frühen Sinfonien Bruckners sehr hörenswerte Werke sind. Ein heilsames Adagio macht Platz für ein abermals mitreißendes Scherzo und das Finale imaginiert ein letztes Mal das fast jugendliche Ungestüm Anton Bruckners.

Die vierte Sinfonie in Es Dur stellt einen gewaltigen Einschnitt in das sinfonische Schaffen des deutschen Komponisten dar: Zum einen verwendet er das erste Mal eine Durtonart und zum anderen wächst der Umfang bis auf über eine Stunde Aufführungsdauer. Der Beiname "Romantische" lässt bereits erahnen, dass es sich hier um ein warmes, leidenschaftliches Stück handelt, was der wundervolle Kopfsatz auch sogleich bestätigt. Von besonderer Eleganz ist der mäßig langsame zweite Satz. Nach dem flinken Scherzo folgt das jubelnde, mitunter lärmende Finale.
Die umfangreichste Sinfonie mit annähernd 80 Minuten Spielzeit ist die fünfte in B Dur. Ihre Konzeption hat etwas Unfertiges, Skizzenhaftes. Der beste Kopfsatz, den Bruckner bislang komponiert hat, eröffnet dieses Werk: Die langsame Einleitung zieht sich mottoartig durch das fesselnde Allegro. Sowohl der tiefsinnige langsame Satz, als auch das feurige Scherzo bereiten auf das Finale vor: Auch hier steht zu Beginn eine langsame Einleitung. Im folgenden, schnelleren Teil kulminiert nun die Spannung zu einem bombastischen Abschluss.
Wieder einen gewaltigen Schritt nach vorne macht die sechste Sinfonie in A Dur, deren Kopfsatz von unglaublicher Wucht und Energie zeugt. Bruckner schraubt den Umfang gewaltig um über 20 Minuten zurück, was das Werk durch und durch schlank erscheinen lässt. Das feierliche Adagio ist das Herz des Stückes. An dritter Stelle steht das beste Scherzo, das Bruckner jemals komponiert hat. Wenn auf die melancholische, zarte Bläsermelodie das Blech krachend einstürzt, stehen dem Hörer gewiss die Haare zu Berge. Den Abschluss macht ein perlendes Vivace.

Mit der siebenten Sinfonie in E Dur beginnt die späte Schaffensphase des Komponisten. Im Kopfsatz verzichtet er weitest gehend auf ausschweifende Dynamik, setzt stattdessen auf kühne, farbige Modulationen und innere Spannung. Dass Bruckner seine Sinfonien von der Orgel aus konzipierte, wird hier deutlicher denn je. Es ist insbesondere das herrliche Adagio mit seiner unwiderstehlichen Leuchtkraft, die diese Sinfonie zu Bruckners beliebtester werden ließ. Das phantastische Scherzo ebnet den Weg zu einem läuternden Finale.
Vielen Kennern gilt die achte Sinfonie in c moll als die gelungenste. Festgestellt werden kann immerhin, dass sie seine fortschrittlichste und eigenständigste ist, also diejenige, die sich am weitesten von den großen Vorbildern Wagner und Beethoven entfernt. Diesmal verlagert Bruckner das Schwergewicht auf die letzten beiden Sätze. Dafür vertauscht er Adagio und Scherzo. Während also nun der verknappte, konzentrierte Kopfsatz und das üppige Scherzo eine knappe halbe Stunde währen, nehmen das elysische Adagio und das komplexe, packende Finale über eine dreiviertel Stunde ein.
Dieser Tendenz - wenn auch nicht in eben dem Maße - folgt auch die neunte, unvollendete Sinfonie in d moll. Der Kopfsatz ist freilich viel umfangreicher als im Vorgängerwerke, aber auch hier zeigt sich Bruckners Neigung, die musikalische Aussage mehr und mehr zu verschlüsseln. Das letzte sinfonische Scherzo räumt den Platz für Bruckners letztes Adagio, das diese Sinfonie beendet, da der deutsche Tonsetzer vor Vollendung des Werkes verstarb. Wenn man hört, wie lichtdurchflutet ein jeder Ton dieses Adagios ist, wird man schnell verstehen, weswegen Bruckner diese Sinfonie "dem lieben Gott" widmete.

Die vorliegende Einspielung der Berliner Philharmoniker und des Symphonie Orchesters des Bayerischen Rundfunks (Nr. 2, 3, 5, 6) unter der Leitung des großen Bruckner Exegeten Eugen Jochum entstand Ende der 50er bis Ende der 60er Jahre. Es handelt sich also um Jochums erste Gesamteinspielung der Bruckner Sinfonien. Trotz des hohen Alters erfreuen sich die Darbietungen einer hervorragenden Aufnahmequalität dank des sorgfältigen Remasterings der DGG. Paradoxerweise ist die Tonqualität des wesentlich später aufgenommenen zweiten Zyklus' Jochums mit der Staatskapelle Dresden weitaus schlechter.
Interpretatorisch geben sich die beiden nicht allzu viel. Auffallend ist, dass Jochum in dieser Einspielung wesentlich schärfere, kräftigere Akzente setzt, mehr Kontraste einbaut und ein etwas flotteres Tempo wählt. Somit fällt die vorliegende Deutung - zusammen mit dem hervorragenden Orchesterspiel - etwas spannender aus als die Dresdner Einspielung. Hinzu kommt Jochums gewohnt farbenreiches und differenziertes Dirigat. Sein Vortrag ist stets transparent und durchsichtig, was die phänomenale Konzeption der Bruckner Sinfonien deutlich betont. Im Rahmen eines einführenden Aufsatzes erläutert Jochum akribisch seine Herangehensweise an die Sinfonien. Ein weiterer Essay des Mahler Forschers Constantin Floros rundet das Programm ab, dem ich in jedem Falle - schon allein aufgrund der wesentlich besseren Aufnahmequalität - den Vorzug vor dem späteren Zyklus geben würde.
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am 8. September 2005
An Eugen Jochum kommt keiner vorbei. Er hat mit dieser Gesamteinspielung von Bruckners Symphonien ein Monument hingestellt, das einzigartig ist. Es atmet den Pioniergeist und die magische Begeisterung der Musiker, lange bevor Bruckner "in" war. Heute ist der CD-Katalog seitenweise gefüllt mit Bruckner-Einspielungen, die Orchester und Dirigenten reißen sich darum. Doch Jochum war der erste, der die tiefere Bedeutung dieses so außergewöhnlichen Komponisten auf Schallplatte dokumentierte.
Die Aufnahmen stammen von 1958 bis 1967. Sie sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, herrlich ausgewogen und klanglich differenziert gestaffelt. Es fehlt die digitale Brillianz, doch gerade dies verleiht dem Ton eine charaktervolle Wärme. Und das bekommt der Musik Bruckners ausgezeichnet. Jochum und seine Musiker hatten den Mut und die Vollmacht, das Mystische in der Musik Bruckners authentisch zu Wort kommen zu lassen. Dagegen klingt der vielgerühmte Günter Wand gläsern und irgendwie steril.
Für mich als Bruckner-Forscher ist Jochum die absolut erste Wahl. Eine Sternstunde der Musik, gepresst in Materie, zeitlos gültig. Eigentlich ein Wunder.
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am 18. Dezember 2011
Dieser Zyklus der Bruckner-Symphonien war und ist bahnbrechend, die schon mitlerweile über 40 Jahre alten Aufnahmen müssen sich keineswegs hinter denen eines Skrowaczewski oder Wand verstecken.
Natürlich hört man das Alter der Aufnahmen stellenweise an, besonders in den leisen Stellen hört man leises Rauschen, dennoch macht die Intapretation das wieder gut.
Eugen Jochum interpretiert die Symphonien für meine Ohren keinesfalls weihevoll, wie ihm oft nachgesagt wird, sondern spannend und mitreisend. Wie gesagt "für meine Ohren"!
Besonders hervorheben möchte ich die Behandlung des Bleches, das hier nie "unanständig" spielt, es jedoch schaft sich in den übrigen Orchesterapperat hervorragend einzufügen. (Dies bezieht sich auf die f- und ff-Stellen wo das Blech oft übermächtig wirkt und alles andere untergeht.)
Als Bonus gibt es im Booklet noch einen von Jochum verfassten Text, der seine Herangehensweise an die Symphonien erläutert.
Dieser Zyklus wird immer eine Sonderstellung in der Aufnahmegeschichte besitzen, ohne zu einem historischen Tondokumet zu verkommen.
Uneingeschränkte Kaufempfehlung!!
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am 25. Februar 2014
Auf die Interpretation der Werke will ich hier nicht eingehen. Beim ersten Reinhören fällt mir auf, dass die Aufnahmen an leisen Stellen doch sehr stark und störend rauschen - zum Beispiel am Beginn der 5. Symphonie. Natürlich sind diese Aufnahmen inzwischen ein paar Jahrzehnte alt, aber ich denke, die müsste man digital doch besser aufbereiten können!
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am 13. April 2007
Sicherlich, Eugen Jochum hat große Verdienste um das Werk Anton Bruckners - er war einer der ersten Dirigenten, die sich für die Originalversionen der Sinfonien des österreichischen Meisters einsetzten und hat ferner die vorliegende erste Komplettaufnahme eingespielt. Aber an seinen Interpretationen hat der Zahn der Zeit kräftig genagt - sein Ansatz ist aus heutiger Sicht altmodisch und auch altväterlich, gelegentlich auch ein klein wenig zu akademisch. Jochum vermeidet es zwar aufgrund sehr weiser Einsicht, Bruckner zu einem Popanz zu machen, der immer nur mit Felsbrocken um sich wirft, macht aber gleichzeitig auch einen zu großen Bogen um die Extreme, die nun einmal ein wesentlicher Bestandteil dieser Musik sind. Deshalb gefällt mir zum Beispiel auch seine Achte nicht besonders - die verzweifelten Ausbrüche im ersten Satz, der Vorwärtsdrang des Scherzos, das Transzendente des Adagios und die Apotheose im Finale - das alles hat man sowohl früher (Furtwängler, Horenstein) als auch in jüngerer Zeit (Wand, Giulini, Celibidache) viel mitreißender und auch anrührender gehört; Jochum bleibt hier zu distanziert und unbeteiligt. Andere Stücke wiederum klingen übermäßig weihevoll - zum Beispiel seine Interpretation der Siebten Sinfonie, die mich beim Hören in Teilen zu sehr an eine katholische Messe denken läßt.

Fazit: Sicherlich kein schlechter, aber mittlerweile schon etwas überholter Bruckner. Als Alternativen bieten sich die Aufnahmen von Günter Wand (RCA, vor allem die späten mit den Berliner Philharmonikern), Carlo Maria Giulini (EMI/DG), Sergiu Celibidache (EMI), Carl Schuricht und in jüngster Zeit Nikolaus Harnoncourt (Teldec/RCA) an.
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