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am 16. September 2006
Ivo Pogorelich gehört - ähnlich wie Glenn Gould und Valery Afanassiev - zu den umstrittensten Pianisten, die es je gab. Alle drei zeichnen sich durch einen sehr individuellen Stil aus, der nicht immer auf die Gegenliebe der Zuhörer trifft.

So muß auch hier festgehalten werden, daß mich Pogorelichs Interpretation von Chopins düsterer 2. Sonate in b-moll nicht besonders anspricht. Speziell in den beiden Kopfsätzen werden die Tempi für meine Begriffe zu langsam gewählt, so daß jeglicher Zusammenhalt verloren zu gehen droht und die einzelnen Passagen zu zusammenhangslosen Stückwerk geraten. Es ist durchaus nicht so, daß ich keine der Chopin-Interpretationen Pogorelichs mag, aber die hier vorliegende gehört nicht zu meinen Favoriten. Wenigstens bietet Pogorelich beim berühmten Trauermarsch eine uneitle Fassung und meistert den gefürchteten Schlußsatz souverän. Trotz allem sei hier unter den zahllosen anderen Aufnahmen dieser Sonate beispielhaft auf Maurizio Pollinis Einspielung hingewiesen.

War bei Chopin die Qualität der Interpretation noch durchaus als fragwürdig abzutun, so gilt dies nicht im geringsten für Ravels "Gaspard de la nuit". Was der Kroate hier an Farben, Nuancen und Stimmungen aus dem Werk herausholt, ist eine wahre Pracht. Hat man jemals eine so große dynamische Vielfalt im ersten Satz oder eine so luzide und transparente Stimmführung im zweiten Satz schon woanders gehört? Ich glaube nicht, und doch ist der phänomenale Schlußsatz erst die Krönung des ganzen. Die aberwitzigen Schwierigkeiten meistert Pogorelich mit leichter Hand und zaubert ein Stimmungsbild, das die Gefährlichkeit des bösartigen Gnoms förmlich greifbar macht. Gegen diese Einspielung verblaßt meiner Meinung nach selbst die frühere Referenzaufnahme von Martha Argerich - und das will etwas heißen!

Prokofieffs 6. Sonate liegt ebenfalls in einigen ausgezeichneten Einspielungen vor (allen voran von Sviatoslav Richter), aber Pogorelichs Fassung muß sich ebenfalls keineswegs dahinter verstecken. Dieses einmal ächzende und kriegerische, dann wieder heitere Werk erfordert eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten, was Pogorelich aber nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitet. Absolut herausragend ist der langsame Walzer, bei dem Pogorelich auf unnachahmliche Weise ein duftiges und ungemein luzides Szenario für den Tanz kreiert. Den Schlußsatz habe ich in keiner anderen Interpretation bisher als so niederschmetternd empfunden, und auch die ersten beiden Sätze fügt dieser Ausnahmepianist nahtlos in die Interpretation als homogenes Ganzes ein.

Sieht man also von Chopins Sonate einmal ab, handelt es hier fraglos um ein Ereignis, das kein Klaviermusikliebhaber verpassen sollte. Nie werde ich vergessen, wie ich zum ersten Mal diesen "Scarbo" aus dem "Gaspard" hörte und schlicht sprachlos war ...
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