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5.0 von 5 Sternen Russische Seele, 20. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Klaviersonaten 1-3/Variationen/Chaconne (Audio CD)
Im Licht der Öffentlichkeit, auch nur der klassischen Öffentlichkeit, steht Ugorski nicht mehr. Einige Hinweise:

"Anatol Ugorski wurde 1942 in Leningrad geboren. Er stammt aus einer jüdischen Familie und wuchs mit fünf Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf, ein Xylophon und seine Stimme waren die einzigen Instrumente, über die er zu Hause verfügte. Im Alter von sechs Jahren nahm er, ohne irgendwelche Beziehungen zu haben und ohne Vorbereitung, an einer Aufnahmeprüfung für die Musikschule am Leningrader Konservatorium teil. Er wurde aufgenommen, obwohl er bis dahin noch nie Klavier gespielt hatte. 1960 verließ er die Schule und setzte sein Studium bis 1965 am Konservatorium bei Nadeschda Golubowskaja fort.
Doch seine Karriere mit öffentlichen Auftritten gestaltete sich schwierig. Das für russische Pianisten übliche Repertoire mit Werken von Tschaikowsky und Rachmaninow , von denen er nur weniges gelten lässt, lehnte er ab, lieber spielte er Bach, Beethoven, viel Skrjabin und andere Stücke des 20. Jahrhunderts. So fristete er als Liedbegleiter der Jungen Pioniere und mit Soloabenden in entlegensten Provinzen seine Existenz, immer misstrauisch beäugt auch wegen seiner Herkunft. Als er beim ersten Konzert von Pierre Boulez in der UdSSR diesem zu sehr zujubelte wurde er sogar disziplinarisch belangt. Doch an Auswanderung - wie so viele andere jüdische Musiker in dieser Zeit - dachte Anatol Ugorski nicht, er verbucht diese Jahre heute als wertvolle Lern- und Übungszeit: "Ich konnte mich auf meinem Weg festigen, hatte Zeit, stand noch nicht im gleißenden, oft grausamen Rampenlicht."
Die, die Anatol Ugorski hören wollte, wussten, wo sie ihn finden konnten: Seine meist nicht öffentlich plakatierten Konzerte in Leningrad waren immer überfüllt, sein Ruhm blühte im Verborgenen. Als er trotzdem immer berühmter wurde, berief ihn 1982 das Konservatorium als Lehrer. Als die antisemitischen Angriffe immer schlimmer wurden und sogar seine Tochter bedroht wurde, floh die Familie im Sommer 1990 über Ostberlin nach London, wo sich ein Kontakt zu der Berliner Schriftstellerin Irene Dische herstellen ließ. Mit deren Hilfe - und der der Presse - konnte sich Anatol Ugorski fast überstürzt auf dem internationalen Markt positionieren. Worauf andere lange hinarbeiten, das hatte er plötzlich und schnell - einen Plattenvertrag mit einer renommierten Firma, einen guten Agenten, Auftritte in der ganzen Welt, große Artikel in den Zeitungen.
Der Rummel der ersten Jahre ist zum Glück vorbei. Nach einigen hektischen Jahren haben sich die Ugorskis nun in Detmold niedergelassen, wo alles in etwas ruhigeren Bahnen verläuft. Rückblickend betrachtet ist sich Anatol Ugorski sicher: "Alles ist vorbestimmt. Und wenn ich nicht meine Jahre in der Provinz gehabt hätte, wäre ich mit dem plötzlich hereinbrechenden Rummel niemals fertig geworden." Schnell polarisierte er die Gemüter. Den einen galt er als Exzentriker, der mit dem Notentext viel zu frei umgeht, anderen als avantgardistisch aufgeschlossener Musikintellektueller mit einem Touch "hoffmannesk-romantischer Interpretationsindividualität".

Den Brahms hat er 1995/1996 aufgenommen. Die DG hat ihm damit nicht unbedingt einen Gefallen getan,hatte sie doch schon die hervorragende Aufnahme mit Krystian Zimerman im Programm.

Ich gestehe, das ich keine der beiden Aufnahmen missen möchte. Ugorski spielt für mich einen optimalen Brahms. Am Beispiel der Sonate op. 5. Er beginnt mit der Kraft russischer Pianisten den ersten, schwungvoll auftrumpfenden Satz . Technisch gar kein Problem für ihn. Die grössere Herausforderung ist, Brahms nicht zu einem russischen Komponisten zu machen, sich im Forte begrenzen zu können. Das gelingt Ugorski gut.

Noch eindrucksvoller der zweite Satz. Ugorski nimmt sich viel Zeit. Drei Minuten mehr als etwa Zimerman. Aber das Stück zerfällt nicht unter seinen Händen. Wunderbar zart zeigt er uns den melancholisch sinnenden Brahms, wie man ihn von Zeichnungen aus seiner Jugendzeit kennt.

Auch im aufbrausenden dritten Satz findet Ugorski immer wieder zu dieser tiefen Ruhe zurück und gibt dem Stück damit eine weitere Dimension: nicht nur jugendlich stürmend, sondern immer auch nachsinnend. Einer der sich ein wenig antreiben muss, mit seinen Empfindsamkeiten nicht unter die Räder zu geraten. Ob hier eine Seelenverwandschaft zwischen Pianist und Komponist vorliegt ? So träumerisch, wie Ugorski den vierten Satz beginnt. Mit herrlichem Anschlag, in der linken Hand, unüberhörbar, der grummelnde Brahms. Und wieder nimmt sich Ugorski viel Zeit, das Stück auszuloten ( ohne dass je das Gefühl von Langeweile aufkäme,er gestaltet es wie ein langsames Entfalten einer Blüte).
Auch im abschliessenden fünften Satz eher dezentes Angehen- das könnte nach meinem Geschmack ruhiger etwas mehr nach romantischer Emphase klingen, es könnte deutlicher werden, warum Schumann den jungen Brahms so enthusiastisch begrüsste ( dieser Satz erinnert mich am meisten an Schumann).
Insgesamt jedenfalls ein höchst spannender, stimmiger Brahms.

Ein Glück, dass diese Aufnahme noch auf dem Markt ist, auch wenn der Rummel um den Pianisten vorbei ist.
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