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17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen In ordentlichen Reihen lagerten sie da, keiner berührte den anderen, damit kein wurmstichiger Apfel den anderen anstecken konnte
Ich bin durch den Deutschlandfunk auf Ursula Krechels LANDGERICHT aufmerksam geworden und der Roman hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Laut DLF ist die Autorin bei der Recherche zu ihrem Vorgängerroman („Shanghai fern von wo“) zufällig auf die authentische Figur des Richters Dr. Richard Kornitzer gestoßen.

Ursula Krechel...
Vor 18 Monaten von Eden veröffentlicht

versus
14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Exilliteratur - ganz anders
Ursula Krechels Roman „Landgericht“ erhielt 2012 den Deutschen Buchpreis, diese Auszeichnung ist fuer mich nachvollziehbar,schließlich schildert das Werk ein Schicksal der deutschen Geschichte, aber der fast 500 Seiten umfassende Roman hat mich nicht voll überzeugt. Nach der Hälfte ging ich zum kursorischen Lesen über, um bis zum Schluss...
Vor 18 Monaten von Gerhard Günther veröffentlicht


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17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen In ordentlichen Reihen lagerten sie da, keiner berührte den anderen, damit kein wurmstichiger Apfel den anderen anstecken konnte, 13. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Ich bin durch den Deutschlandfunk auf Ursula Krechels LANDGERICHT aufmerksam geworden und der Roman hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Laut DLF ist die Autorin bei der Recherche zu ihrem Vorgängerroman („Shanghai fern von wo“) zufällig auf die authentische Figur des Richters Dr. Richard Kornitzer gestoßen.

Ursula Krechel erzählt eine fesselnde Geschichte (Geschichte hierbei im doppelten Sinne, denn es ist auch eine Geschichtsstunde). Die bedrückende Schilderung der Verfolgung und Emigration, aber auch und insbesondere die Hürden der so genannten Wiedergutmachung im Nachkriegsdeutschland der 50er bis circa 70er Jahre ist nüchtern-poetisch gezeichnet. An wenigen Stellen ist die Sprache für meinen Geschmack etwas zu gewollt, zu bemüht, brüchig auch, was jedoch mit den Brüchen im Leben der Figuren gut korrespondiert.

Beeindruckend und gleichzeitig verstörend ist das Gesamtbild, das sich am Ende der Lektüre einstellt: das gute Leben in Berlin vor dem Krieg, die Verfolgung, der Verlust der Kinder, die lange Zeit in Kuba, der Bodensee, die Arbeit als Landgerichtsdirektor in Mainz, die Korrespondenzen um vergebliche Wiedergutmachungsbemühungen, letztlich dann das langsame Zerbrechen, der Tod und auch, als kleines Detail: immer wieder der Apfel, in seiner An- oder Abwesenheit.

Es ist in meinen Augen auch ein Stellvertreterkampf, den der Protagonist Dr. Richard Kornitzer gerade gegen Ende seines Lebens ausficht, das verzweifelte Bemühen, verlorene Objekte (das Armband, die Schreibmaschine, das Porzellan mit efeugrüner Randbetonung und goldener Borte) zurückzuerlangen, als Ersatz für zerstörtes Elternglück, zerstörte Bindungen, zerstörte Karriere, die nicht mehr wieder zu bekommen sind.

Die dokumentarischen Belege in Form von Aktennotizen, Behördenschreiben und Zeitungsartikeln, habe ich als äußerst bereichernd empfunden.

Und: von der Umschlaggestaltung war ich sehr angetan, weniger jedoch vom Preis des Buchs, der mit 30 Euro wirklich am oberen Limit liegt...

Ich ermuntere zur Lektüre dieser außergewöhnlichen, bleibenden Geschichte.
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Exilliteratur - ganz anders, 21. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Ursula Krechels Roman „Landgericht“ erhielt 2012 den Deutschen Buchpreis, diese Auszeichnung ist fuer mich nachvollziehbar,schließlich schildert das Werk ein Schicksal der deutschen Geschichte, aber der fast 500 Seiten umfassende Roman hat mich nicht voll überzeugt. Nach der Hälfte ging ich zum kursorischen Lesen über, um bis zum Schluss durchzuhalten.

Der Handlungsverlauf ist in vielen Rezensionen bereits dargestellt.

Beeindruckend finde ich diese fiktionale Lebensgeschichte des jüdischen Richters Dr. Richard Kornitzer, die Ursula Krechel in sachlichem, lockeren Ton erzählt, manches aber auch episch breit schildert und dies mit historischen Fakten und Zitaten aus Dokumenten unterstützt, dass meist der Eindruck einer realen Biographie beim Leser entsteht.

Der Roman verknüpft gekonnt Exilliteratur, „Trümmerliteratur“ und deutsche Nachkriegsgeschichte.
Mit der Rückkehr zu seiner Frau Claire in der von Kriegsschäden verschonten Stadt Lindau am Bodensee zu Beginn des Romans scheint Kornitzers Emigrantenschicksal eine glückliche Wendung zu nehmen. Aber die Spannungen der Eheleute nach achtjähriger Trennung und die missglückliche Rückholung der beiden Kinder aus England sind ebenso belastend wie auch der berufliche Wiedereinstieg am Landgericht im zerstörten Mainz, wo Kornitzer als teilweise privilegiertes „Opfer des Faschismus“ Distanz bis Ablehnung seiner Kollegen erfährt.

Auch muss Kornitzer erkennen, dass die Praxis der Entnazifizierung große Mängel aufweist, seine Resignation über diesen Zustand mündet in sein - fast selbstzerstörerisches - Streben, für sich und seine Frau, die ihr Unternehmen in Berlin verloren hat, angemessenen entschädigt zu werden.

So wird der Richter Kornitzer zu einer tragischen Figur, die nach erlittenem Unrecht eine gerechte Gesellschaft mit aufbauen will, aber in engstirniger Verfolgung seines persönlichen Ziels/Rechts - wie Kleists Kohlhaas - zum Querulanten für das Landgericht wird und dabei letztlich auch seiner Frau und Familie schadet. Neben diesem individuellen Schicksal leistet der Roman eine Kritik der Nachkriegszeit und deren restaurativen Tendenzen.
Schlüsselsatz Seite 449: "Aus der Verfolgung seiner Person ist eine Verfolgung seiner Ansprüche geworden." Diese tragische Entwicklung liegt in der Person von Kornitzer, seinem beruflichen Umfeld aber auch dem politischen Klima der Adenauer-Zeit begründet.

Als "Opfer des Faschismus" muss Dr. Kornitzer erfahren, dass seine Diskriminierung und seine Emigration von den Mitmenschen nicht geachtet bzw. gewürdigt werden, ja wiederholte Ablehnung zur Folge hat. Ist deshalb - sozusagen als materielle Kompensation - die finanzielle Entschädigung für die Opfer so bedeutsam?

Ursula Krechel stellt ihre Hauptfigur recht distanziert dar, was durch Kommentare in Klammer noch verstärkt wird. Das Mitgefühl des Lesers wird zudem durch die häufigen Zitate aus dem Schriftverkehr (die "gerettete" Schreibmaschine spielt dabei eine große Rolle) auf Distanz gehalten. Die Handlungsmotive bleiben oft vage; nur angedeutet wird die Unterordnung der Ehefrau in der Mainzer Zeit, in der sie auf eigene Berufstätigkeit verzichtet, weil es nicht "standesgemäß" für die Gattin des Richters sei.
In mancher Hinsicht ist Claire die eigentliche tragische Figur - das Opfer - des Romans. Nur bruchstückhaft wird erzählt, wie Claire in der NS-Zeit ihr Leben nach der Emigration ihres Mannes und der "Verschickung" ihrer Kinder nach England meistert. Während sich Kornitzer in Kuba nach und nach einrichtet und eine neue Beziehung eingeht, nimmt Claire viele Nachteile auf sich, weil sie sich von ihrem jüdischen Mann nicht scheiden lässt. Durch die von ihr veranlassten Nachforschungen nach 1945 ist die "Wiedervereinigung der Familie" möglich geworden, wobei allerdings ihre "Treue" nicht zu neuem Familienglück führt. Die Selbstständigkeit, mit der sich Claire wie viele andere Frauen in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit behauptet und durchgeschlagen hatte, geht mit der Rückkehr ihres Mannes nach und nach verloren.

Völlig ungeklärt bleibt die Rolle des Rechtsanwalts Erich Damm (S. 60), ein Kollege aus der Berliner Zeit, der mit ihm Kontakt aufnimmt, ihm vielleicht sogar die Stelle in Mainz verschafft hat, dem Kornitzer in seiner Mainzer Zeit dann nur einmal flüchtig begegnet. Insgesamt bleibt die Hauptfigur beruflich und privat fast beziehungslos und isoliert, dieses Einzelgängertum kann eine Erklärung für ihr Verhalten und ihr Scheitern sein.
Die umfangreiche Schilderung der Berliner Zeit des Ehepaars und des Exils in Kuba im Mittelteil des Romans vollständigt zwar die Biografie der Hauptfigur, wirkt aber spannungsmindernd. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Autorin die Ergebnisse ihrer detaillierten Recherche und Vorarbeiten zu diesem Roman unbedingt einarbeiten wollte, auch wenn diese für das eigentliche Thema und die Konfliktkonstellation nicht bedeutsam sind.
Zum Schluss: Warum die Autorin auf Seite 230 meint, auf den 11. Sept. verweisen zu müssen, kann ich nicht nachvollziehen.
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175 von 200 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Displaced Persons..., 18. September 2012
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Wer zum neuen nominierten Buch von Ursula Krechel greift, könnte leicht Abwehrimpulse in sich generieren, wenn man das altmodische Foto ansieht oder beispielsweise den verhältnismässig teuren Preis, mit Abstand das Teuerste, in Sachen Nomination "Deutscher Buchpreis" 2012. Die für mich bis dato unbekannte und wenig beachtete Autorin, kein Mensch schreibt im Moment über sie, hat ein äusserst sorgfältig recherchiertes Buch vorgelegt, das von dokumentarischer Atmosphäre durchdrungen ist. Eine sehr geführte Sprache, ein Buch dass man nicht einfach so runter lesen kann, wo man sich Zeit nehmen muss, und noch im Leser lange nachklingt, wenn man es aus den Händen legt. Für mich eine klare wertvolle Neuentdeckung in diesem Bücherherbst, der uns wohl mit seinen vielen Neuerscheinungen noch erschlagen wird...

Im Mittelpunkt der Geschichte, (die wie rückwärts erzählt wird) steht der jüdische Patent-Richter Richard Kornitzer, 1947 kommt er als ursprünglicher Flüchtling vor dem Naziregime, zurück aus Kuba, wir sind anfangs im ländlichen Lindau, einem Dorf namens Bettnang, wo er seine Frau aufsucht. Ein angebrochener Mann, der 10 Jahre getrennt von seiner Frau Claire gelebt hat, getrennt von seinen Kindern Selma und Georg, die bei einer Londoner Pflegefamilie aufwachsen, um zum Schutz in den Kriegsjahren dorthin gebracht wurden. Krechel erzählt ganz nah und intim das Leben und Empfinden dieses Mannes, der soviel Verlust, Erniedrigung, Trennung, verschmerzen musste, überhaupt ist dieses Buch von einem subtilen Ton von Wehmut und Heimatlosigkeit getragen, den man als Leser wahrnimmt.

Ausgerechnet ein Mensch, der sich für das Recht anderer einsetzt, erlebt ein Übermass an menschlicher Ungerechtigkeit, wie es eben damals für Juden der Fall war. Über einen zeitlichen Bogen von 40 Jahren (also den dreissiger bis zu den siebziger Jahren), blättert hier Ursula Krechel eine Biographie auf, die von den Jahren "danach" und "davor" also dem bevorstehenden Krieg, und der Zeit danach erzählt, und die in Abwesenheit erlebte Zeit im fernen Kuba, wo nur über Emigranten und der Presse etwas über den ungeheuren Verlauf in Deutschland etwas zu erfahren ist.

Wir erfahren, wie es diesem Paar damals mit dem Nazi-Regime erging, erfahren von ihrer Sorge um ihre kleinen Kinder, wir sind in den dreissiger Jahren, erleben mit, wie diese Familie auseinander gerissen wird, ihnen jegliche Existenzgrundlage weggenommen wird und wie dadurch jedes einzelne Lebensschicksal davon individuell betroffen ist. Wie verändert das das Leben der Kinder, kennen sie ihre Eltern überhaupt noch, wollen sie überhaupt noch zurück? Kann man eine Ehe noch leben, wenn man über 10 Jahre getrennt war? Was machen diese Umstände aus jedem Einzelnen? Wie hat jeden einzelnen dieses Schicksal verändert und wie gehen diese Menschen aufeinander zu und geht das überhaupt? Dieser Roman beschäftigt sich mit diesen Fragen.

Obwohl Kornitzer in Kuba eine Liebschaft haben wird, aus der eine Tochter hervorgeht, will er trotzdem zurück, zu seiner geliebten Ehefrau Claire. Wie kann er sich nur in dieser ihm fremdgewordenen Heimat noch zurechtfinden und sich orientieren? Alles scheint irgendwie brüchig geworden zu sein, die Kinder wollen in England bleiben, sie stehen ihren Pflegeeltern näher als den Leiblichen, und Kornitzer kämpft für eine Wiedergutmachung mit den Behörden, für etwas, das vielleicht nie gut zu machen ist. Kornitzer geht dabei einen langen und beschwerlichen Weg bis ins Jahr 1970, wo er stirbt. Eine zutiefst einfühlsam geschriebene Geschichte über erlebte Verluste, über Heimatlosigkeit, die die Nachkriegszeit im Fall hier eines jüdischen Richters mit sich gebracht hat.

Ursula Krechel lässt uns in berührender und intimer Weise daran teilhaben, lässt uns an diesem Schicksal teilhaben, lässt uns miterleben, mitfühlen und mitleiden ohne dabei sentimental zu werden, oder gar in eine Art Weinerlichkeit zu fallen. Es ist diese Mitleidlosigkeit, vielleicht auch Teilnahmslosigkeit, einer gewissen unüberwindlichen Fremdheit, mit der die zurückkehrenden Emigranten aufs Massivste in Deutschland konfrontiert werden und von der Ursula Krechel erzählen will.

Gibt es so etwas wie eine Versöhnung zwischen denen, die dageblieben sind und denjenigen, die wieder zurückkommen wollen? Die Stärke dieses Buches liegt darin, auch danach noch damit beschäftigt zu sein, Richard Kornitzer geht einem nach, als Leser ist man ihm ganz nahe gekommen, für mich ein Indikator für wirklich gute Literatur. Ursula Krechel hat ein Buch über ein Nachkriegs-Deutschland geschrieben, wie ich es bis dato nicht gelesen habe und mit soviel Sorgfalt verfasst wurde, wie es nur ganz wenige gibt. Mich hat dieses Buch berührt aber auch betroffen gemacht, solche Bücher kann man nur empfehlen, bezüglich seines Preises ist es jeden Cent wert!

Gerne möchte ich hier noch eine Stelle zitieren:
"Es fehlte ihm jemand, der sagte: Lass gut sein, Richard. Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. Du hast es im Gericht bemerkt und einen Beruf daraus gemacht, aber in deinem Leben willst du es nicht merken."

Klare Leseempfehlung, für ein starkes Buch in diesem Bücherherbst.

Nachträglicher Hinweis:

Dem interessierten Leser sei der Artikel "Die Geschichte vererbt sich an die Kinder" in der FAZ vom 26.12.2012 von Martin Bernd Michaelis empfohlen. (Enkel von Robert Bernd Michaelis, der für die Figur Richard Kornitzer Pate stand)

13.4.2013
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umfangreiche Recherche, 9. November 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Landgericht: Roman (Kindle Edition)
Ursula Krechel hat mit ihrem Roman Landgericht ein faszinierendes und überzeugendes Werk über die Nazi-Zeit bis in die 70iger Jahre hinein erstellt. Der Protagonist, ein jüdischer Jurist durchlebt die Nazi-Verfolgung und flüchtet nach Kuba. Seine Frau, eine Arierin ist gleichermaßen Repressalien ausgesetzt, weil sie sich nicht scheiden lässt. Sie produzierte in Berlin Werbefilme, sehr erfolgreich sogar, aber ihre Firma wird ihr während der Nazizeit abgeluchst. Vier Bereiche machen das Buch absolut lesenswert:
Der verfolgte Jurist wird äußerst facettenreich dargestellt, mit all seinen Stärken und Schwächen. Ja, auch verfolgte Menschen müssen nicht unbedingt immer einwandfrei moralisch denken und handeln.
Aber er hat eine außergewöhnlich starke Frau, die mit großem Pragmatismus agiert und deren Fähigkeiten er oft nicht erkennen kann, denn Leid kann auch blind machen für den Alltag.
Wie kann jemals wieder ein Familienleben entstehen, wenn die Kinder zehn Jahre von den Eltern getrennt leben müssen und in England nur erfahren, dass die Deutschen gefährliche Feinde sind.
Es ist ein sorgsam recherchiertes Buch, geschrieben mit hoher Sprachkompetenz. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und das in meiner Bibliothek einen Ehrenplatz bekommt.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen viel Geschichte, wenig Literatur, 23. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Im Oktober letzten Jahres hatte ich Gelegenheit, Ursula Krechel auf der Frankfurter Buchmesse im literarischen Pavillon zu treffen, wo sie einige Passagen aus "Landgericht" vortrug. Die Geschichte von der (beschwerlichen) Rehabilitierung des unter dem Naziregime aussortierten und diskriminierten jüdischen Richters Dr. Kornitzer im Nachkriegsdeutschland hatte mich sofort angesprochen. Nach der Lektüre von "Landgericht" muss ich jedoch sagen, dass Ursula Krechel ihr großes Thema literarisch nicht bewältigt. Die historischen Hintergründe sind zwar sehr gut recherchiert und enthalten viel, das bislang weithin nicht oder wenig bekannt war. Allerdings gelingt nach einem vielversprechenden Einstieg ein nur allzu protokollarisch anmutender Roman mit einer Fülle von Quellen und Zitaten. Leider hat es die Literatur mit der Entfaltung viel zu schwer. Das zeigt sich vor allem an der fehlenden Lebendigkeit der Figuren, die beim besten Willen kein Eigenleben entwickeln. Das liegt unter anderem an den viel zu wenigen Dialogen. Alles liegt gleichsam in der Hand einer (fast) allwissenden Erzählinstanz, die sich die Charaktere einverleibt und für diese spricht. Die Figur des Kornitzer hat somit kaum Kontur. Das führt im Ergebnis dazu, dass nicht Kornitzer Rehabilitierung für das ihm widerfahrene Unrecht einfordert, sondern eine sich empörende Erzählinstanz. Auch sprachlich ist "Landgericht" nicht unbedingt gelungen, mir ist der Stil Krechels zu sperrig und unmodern. Insgesamt hat "Landgericht" zwar viele Schwächen, engagiert ist Krechels Auseinandersetzung mit den systematischen Ausbotungen jüdischer Amtsträger aus dem NS-Staat und deren mehr als schwierigen Rehabilitierung jedoch allemal. Die weitgehend einhelligen Lobeshymnen auf "Landgericht" in den Feuilletons kann ich mir selbst trotzdem nur schwer erklären.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tiefer Eindruck, hohe Schreibkunst, 9. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Das Buch macht neue Erkenntnisse über die Diktatur und die Nachkriegszeit in Deutschland möglich, die sonst fast nur für Fachleute und Forscher bekannt waren.
Das langsame Einengen des Lebensraums in den 30er, die immer stärker werdenden Verfolgung und die grauenhaften Umstände, bis die Emigration bzw. Flucht Wirklichkeit wird werden sehr eindrucksvoll geschildert. Die Umstände in den Fluchtländern, die große Demütigungen und Verletzungen nach sich zogen, werden in diesem Buch anschaulich. Damit vermittelt das Buch Kenntnisse, die zumindest ich noch nicht hatte, obwohl ich bereits viel über diese Zeit gelesen und gesehen habe. Ich habe Echolot gelesen und viele Monographien und Sachbücher, ich sehe die Fernsehdokus und ich habe Buchenwald und Dachau besucht. Aber dies ist ein Buch, das die Menschen und ihre Gefühle lebendig macht.
Dazu ist Frau Krechel eine hervorragende Schriftstellerin, die mit der Sprache gleichzeitig souverän und poetisch umgeht. Sie findet wundervolle Sprachbilder und bildet damit die verschiedenen Stimmungen so nach, dass der Leser sie nachfühlen kann. Die emotionalen Verkrüppelung, die diese schreckliche Zeit nach sich gezogen hat, auch für eine Familie, die nach dem ersten Eindruck "Glück" hatte, geben mE einen besseren Eindruck über den Schrecken dieser Zeit, als sich immer wiederholende Aufzählungen von Opfern und Greueltaten.
Dass das mit Stil und Schreibkunst passiert und damit das Buch auch noch große Litaratur ist, ist ein Glücksfall aber auch Voraussetzung für den tiefen Eindruck, den diese Buch hinterlässt. Ein einfach und schnell zu lesender Roman ist es nicht unbedingt. Als Leser muss man konzentriert sein und bereit, sich den Eindrückenzu stellen. Wer dazu bereit ist, wird aber durch den Eindruck, den das Buch macht, belohnt.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unbedingt lesenswert!, 29. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Landgericht: Roman (Kindle Edition)
Diese Geschichte ist packend erzählt und hoch interessant, da sie die Auswirkungen der Vertreibung der Juden und anderer missliebiger Bürger aus Deutschland auf die Familien und auf das ganze Leben der Betroffenen beleuchtet. Wichtig auch die Probleme der zurückgekehrten Flüchtlinge mit der bei Weitem nicht entnazifizierten Gesellschaft. Bezüge zu aktuellen Ereignissen in Deutschland werden denn auch beklemmend bewusst. Für mich werden neue, mir bisher nicht bekannte Aspekte jener Zeit beleuchtet. Die Gedankengänge der Autorin sind mir zwar manchmal zu verschlungen und erschliessen sich mir dann auch bei mehrmaligem Lesen nicht. Darüber hinwegsehend kann ich das Buch zur Lektürenur wärmstens empfehlen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was sollte man aus dieser Geschichte lernen!!!!!!!!!!!!!!!!, 14. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Das Lesen der ersten Seiten fiel mir nicht leicht. Doch dann war es als wäre ich mitten drinnen in dieser Zeit. Ich kann mich in die Gefühle der Personen hinein versetzen. Zu wissen das war so und ist immer wieder so und wird sich das jemals ändern? Ein lesenswertes Buch, finde ich. Sicher keine leichte Lektüre aber ich bin froh das ich nach den ersten Seiten nicht aufgehört habe. Es hat mich gefesselt und betroffen gemacht. Ich lese abwechelnd leichte und schwere Kost. Landgericht hat Gewicht, ich habe es in einer Woche gelesen, ich habe mich nicht stören lassen. So muss ein Buch sein, vergessen werde ich das Thema auch nicht.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mutiges zeitgeschichtliches Porträt, 28. Februar 2013
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Gebundene Ausgabe)
Dieses Jahr standen wirklich sehr gute Bücher auf der short- list zum Deutschen Buchpreis 2012. "Landgericht" erhielt den begehrten Preis. Es ist das 25. Buch der in Berlin lebenden Autorin, die sich unstreitig sehr intensiv mit der Moralgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft auseinandergesetzt hat. Sie hat fraglos tiefschürfend in Archiven, so wie Wohn- und Arbeitsorten recherchiert, doch literarische Transformation, psychologische Sensibilität und erzählerisches Potenzial sucht man in diesem Buch leider vergebens. Es entfaltet leider auch überhaupt keinen Sog, dem man sich gern hingeben möchte. Warum dieser Roman den Deutschen Buchpreis bekommen hat ist mir ebenso unerklärlich, wie die seinerzeitige Preisverleihung (2008) für den langweiligen und sprachlich nicht überzeugenden Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp. "Landgericht" ist ein Roman der in Fleißarbeit aus zahlreichen Dokumenten montiert ist, wobei deutlich wird welche Kontinuitäten es zum Nationalsozialismus gab. Es ist dokumentarisch faszinierend, aber es ist literarisch wirklich kein großer Roman. Man fragt sich bei der Lektüre immer wieder, wie würde der Roman wirken, wenn die Originaldokumente nicht wären? Vielleicht sollte man sich allmählich von dem Irrglauben befreien, dass literarische Preise, wie der Deutsche Buchpreis, eine außerordentliche Aussagekraft über die Qualität von Romanen haben.

Worum geht es in diesem Buch? Dr. Richard Kornitzer, ein begnadeter Jurist wurde 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem juristischen Dienst entlassen. Er flüchtet ins Exil nach Kuba, während seine arische Ehefrau in Deutschland bleibt und die Kinder aus Sicherheitsgründen nach England zu unterschiedlichen Pflegeltern gebracht werden. 1948 kommt Kornitzer aus der Vertreibung ins Nachkriegsdeutschland zurück, zunächst an den Bodensee, später ans Landgericht in der völlig zerstörten Stadt Mainz. Eine total zerrissene Familie, die Kinder kommen nicht wieder zurück und das Ehepaar war ja über Jahre nicht mehr zusammen. Das führt dazu, dass sie sich nur sehr schwer austauschen können. Eigentlich findet Kornitzer keine Heimat mehr. Ursula Krekel rekonstruiert nun diesen historischen Fall und zeigt uns sehr explizit diesen ambivalenten Menschen, wie er einerseits Wiedergutmachung einfordert und um Anerkennung des geschehenen Unrechts ringt, andererseits aber auch den demokratischen Staat Bundesrepublik mit aufbauen will und dafür in seinen ehemaligen Rang eingesetzt werden möchte.

Die Autorin fokussiert sehr schön die psychoanalytischen Episoden seines Lebens in Mainz. Kornitzer ist inzwischen Landgerichtsrat, gehört zu den angesehenen Bürgern der Stadt, aber es ist ihm nach wie vor ein Anliegen anderen Menschen von seiner Erfahrung als Verfolgter des Regimes zu erzählen, also ganz exorbitant sein Exilleid zu spiegeln. Das interessiert aber eigentlich niemand, denn seine Mitmenschen sind viel mehr geneigt von ihrem schlimmen Leid während des Zweiten Weltkrieges zu erzählen, vom Schicksal ihrer Verwandten, vom Hunger und von den zerstörerischen Luftangriffen. Damit wirft die Autorin die Frage auf, welches waren denn die heftigeren Leid Erfahrungen? Kornitzer verbittert zunehmend, da er seine eigene Leid Erfahrung immer wieder im Fokus mit der Leid Erfahrung der Mehrheit sieht. Und so kristallisieren sich im Laufe des Buches bei diesem scheinbar Recht schaffenden" Mensch plötzlich ganz andere Charakterzüge heraus, nämlich Vereinsamung, Versteinerung, Bitterkeit -- das Überlebenden Syndrom dieser Zeit.

Der Mann hat in der Authentizität eine enorme Fallhöhe, denn man erlebt einen Menschen der plötzlich ein maßloses Gerechtigkeitsempfinden entwickelt, dabei ist es ein ganz schmaler Grad von der Suche nach Gerechtigkeit zum Recht haben wollen, eben zur Selbstgerechtigkeit bis zur Ungleichgewichtigkeit dieses Rechts im Antagonismus zu anderen Rechten. Kornitzer wurde zum Bittsteller bei denselben Leuten, die ihn einst aus der Heimat getrieben haben und er zerbricht schließlich an einem System, in dem die Juristen des Dritten Reichs immer noch das "Sagen" haben, denn die Kontinuität in den Gerichten war scheinbar sehr ausgeprägt, dabei macht das Buch sehr deutlich was vermutlich Zitate sind und was als Collage Technik daher kommt.

Das Buch beginnt mit einem Kleist Zitat und vielleicht will uns die Autorin darauf hinweisen, dass sie in diesem authentischen Fall in Kornitzer einen modernen Michael Kohlhass sieht. Beharrlichkeit, endlose Geduld und der unerschütterliche Glaube an Gerechtigkeit sind die Eigenschaften die den Helden dieses Romans auszeichnen. Das faszinierende an diesem Menschen ist, dass er - und hoffentlich spoilere ich da nicht zu viel- bei der Verfolgung einer gerechten Sache zum Ungeheuer wird.

Dieser Fall Kornitzer ist eigentlich exemplarisch für die Emigrantenproblematik, eigentlich ein Menschheitsthema seit der Vertreibung aus dem Paradies. Das Buch wird in vielen Rezensionen als literarische Wiedergutmachung gefeiert. Es ist ein authentischer Fall und es ist insofern sicher der beste Dokumentarroman des Jahres, es ist auch ein moralisches Buch über die heute häufig verdrängte Emigranten Problematik, und wie die promovierte Germanistin es in einem Interview zum Ausdruck gebracht hat, um das Verständnis für das Schicksal heutiger Flüchtlinge, für ihre Einsamkeit und ihre Integrationssehnsüchte. Das ist großartig, kann aber meine ambivalente Einstellung zur literarischen Prätention dieses Buches nicht eliminieren.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Zerbrechlichkeit der Welt, 27. Dezember 2012
Von 
Klara Fall "Die nackten Hausfrauen im Wind" - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Landgericht (Audio CD)
Ursula Krechels preisgekröntes Werk "Landgericht" wird kontrovers diskutiert. Die einen sprechen von einer beeindruckenden Aufarbeitung eines (fiktiven) Nachkriegsschicksals, die anderen sehen einen zu starken dokumentarischen Charakter, der Emotionen außen vor lässt.
Mich hat das (Hör)Buch zutiefst beeindruckt, zumal Frank Arnold ein ausgezeichneter Sprecher ist, dem man viele Stunden lang zuhören kann (ich habe schon seinen "Weltensammler" sehr gerne gehört).
Worum geht es? Um den jüdischen Juristen Richard Kornitzer, der nach dem Krieg aus dem cubanischen Exil zu seiner Frau Claire zurückkehrt. Sie war in Berlin zurückgeblieben, die beiden gemeinsamen Kinder wurden nach England geschickt, um in Sicherheit zu sein. 10 Jahre später soll die zerrissene Familie nun also wieder zusammengeführt werden. Doch es klappt nicht. Die Kinder haben sich an die Pflegeeltern gewöhnt und wollen nicht mehr zu den leiblichen Eltern zurückkehren, Richard und Claire haben sich entfremdet. Auch der Wiedereinstieg in den Richterberuf gestaltet sich nicht so einfach, wie Richard es sich erhofft hat. Kornitzers Geschichte wird über 40 Jahre hinweg erzählt - von den 30er Jahren bis in die 70er, bis zum seinem Tod.
Kann man ein zerbrochenes Leben wieder zusammenflicken? Kann man die Fremdheit überwinden, die sich nach 10 Jahren der Trennung eingestellt hat? Wie lebt es sich in einem Land, das ein völlig anderes geworden ist - oder auch nicht? Woran orientiert man sich, wenn man neu anfangen muss und nicht weiß, woran man sich festhalten soll?

Ursula Krechel ist mit "Landgericht" ein eindrucksvolles Buch über die Nachkriegszeit in Deutschland gelungen. Gerade durch die Distanziertheit der Darstellung geht es einem nahe. Ich persönlich entwickele nämlich oft eine Abwehrhaltung, wenn Personen zu sehr von Emotionen gebeutelt werden. Viel tragischer ist es, wenn die Situationen, in die der Protagonist gerät so ausweglos erscheinen, wenn das Leben einfach nicht mehr das ist, was es eigentlich hätte werden sollen. Diesen in die Befremdung geworfenen Zustand kann Krechel wunderbar beschreiben. Für mich eines der beeindruckendsten Bücher des vergangenen Bücherherbstes - von Frank Arnold hervorragend interpretiert.
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Landgericht
Landgericht von Ursula Krechel (Gebundene Ausgabe - 18. Oktober 2012)
EUR 29,90
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