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38 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Juli 1914. Der letzte Monat vor dem großen Krieg, 12. März 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Juli 1914: Der Countdown in den Krieg (Gebundene Ausgabe)
Nicht viele Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg bieten so viel Zünd- und Diskussionsstoff wie Sean McMeekins Buch über die Juli-Krise. Der amerikanische Historiker ist noch einmal zu den Quellen - sowohl veröffentlichten als auch unveröffentlichten - zurückgegangen, um den Verlauf der Juli-Krise Tag für Tag detailliert und minutiös zu rekonstruieren. Auf den ersten Blick mag eine streng chronologisch angelegte Darstellung simpel und altmodisch wirken. McMeekins Buch, ein klassisches Beispiel für die zu Unrecht geschmähte "Ereignisgeschichte", ist aber alles andere als simpel. Der Autor entwirft ein komplexes Bild, bezieht er doch sechs Staaten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Serbien, Russland, Frankreich und Großbritannien) in seine Darstellung ein, die einem akteursbezogenen Ansatz verpflichtet ist, während strukturelle Faktoren weitgehend unberücksichtigt bleiben. Der für die Juli-Krise relevante Personenkreis beläuft sich bei McMeekin auf über 80 Haupt- und Nebenakteure (Monarchen, Regierungschefs, Außenminister, Diplomaten und Militärs).

Die minutiöse Wiedergabe des Ereignisablaufs mag pedantisch wirken, doch ist es für McMeekins Argumentation von entscheidender Bedeutung, wer wann welches Telegramm gelesen hat und wie der aktuelle Informationsstand (inkl. Falschinformationen und Informationslücken) das Denken, die Intentionen und die Entscheidungen der beteiligten Akteure beeinflusste. Es ist eine große und respektgebietende Leistung, ein solch dichtes und kompliziertes Geflecht von Kommunikations- und Handlungssträngen in einer auch für Laien gut lesbaren Form darzustellen. Diese anspruchsvolle Aufgabe hat McMeekin bravourös gemeistert. Zu keinem Zeitpunkt hat man als Leser das Gefühl, den Überblick über die Akteure, ihre Motive und ihr Handeln zu verlieren. Das sollten auch jene anerkennen, die nach der Lektüre McMeekins Deutung der Juli-Krise nicht zustimmen.

Um bei der klassischen Unterscheidung zu bleiben: McMeekin untersucht den Anlass des Ersten Weltkrieges, nicht seine Vorgeschichte und seine weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Ursachen. Grundkenntnisse über die Geschichte des europäischen Mächtesystems zwischen 1890 und 1914 können bei der Lektüre nur hilfreich sein. McMeekin konzentriert sich ganz auf die Zeit nach dem Attentat von Sarajewo. Er geht zunächst darauf ein, wie die Führungen der fünf Großmächte auf das Attentat reagierten. Danach schildert er die einzelnen Etappen der Juli-Krise bis hin zu den wechselseitigen Kriegserklärungen Ende Juli/Anfang August. Das Buch endet mit einem Epilog, in dem McMeekin die jeweilige Verantwortung der fünf Großmächte für die schrittweise Eskalation der Krise und den Kriegsausbruch gewichtet und abwägt. Er unterscheidet dabei zwischen Fehlern bzw. fehlerhaften Entscheidungen (sins of commission) und sogenannten Unterlassungssünden (sins of omission). Diese Unterscheidung ist aus McMeekins Sicht keine Haarspalterei, sondern Voraussetzung dafür, den Anteil der einzelnen Mächte am Kriegsausbruch realistisch einschätzen zu können.

Zwei Grundannahmen sind von zentraler Bedeutung für McMeekins Interpretation der Juli-Krise: Das Deutsche Reich habe keinen Präventivkrieg gegen Russland und Frankreich geplant. Zumindest hätten Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bethmann Hollweg Forderungen des Militärs nach einem Präventivkrieg niemals ihre Zustimmung erteilt. Ein starkes Interesse an einem großen europäischen Krieg hätten hingegen Russland und das nach Revanche trachtende Frankreich gehabt. Sie seien im Juli 1914 kriegswilliger gewesen als Deutschland und Österreich-Ungarn. Das Zarenreich habe den österreichisch-serbischen Konflikt bewusst verschärft, um ihn zu einem europäischen Konflikt auszuweiten. Mit Rückendeckung Frankreichs und Großbritanniens habe Russland seinen Plan umsetzen wollen, endlich das Osmanische Reich zu zerschlagen und die Meerengen unter russische Kontrolle zu bringen. Ohne einen allgemeinen europäischen Konflikt wäre es dem Zarenreich nicht möglich gewesen, gegen das Osmanische Reich vorzugehen. McMeekin greift hier einen Gedanken auf, den er in einem früheren Buch über Russlands Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelt hat.

Damit will McMeekin nicht sagen, dass Deutschland und Österreich-Ungarn keine Schuld am Ausbruch des Weltkrieges trifft. Die beiden Verbündeten waren sich einig, dass ein rein diplomatischer Erfolg gegenüber Serbien unzureichend sei. Von den Deutschen energisch ermuntert, wollte Österreich-Ungarn einen lokal begrenzten Strafkrieg gegen Serbien führen, aber keinesfalls einen großen europäischen Krieg vom Zaun brechen. Berlin und Wien gaben sich der Illusion hin, Russland werde untätig bleiben. Ohne den berühmten "Blankoscheck" aus Berlin - die Zusage voller Unterstützung, und zwar auch im Falle russischen Eingreifens - hätte die Kriegspartei in Wien niemals die Oberhand gewinnen können. Der folgenschwere Fehler der deutschen Reichsleitung bestand darin, den "Blankoscheck" zu erteilen und danach wochenlang keinen Einfluss auf Wiens weiteres Vorgehen zu nehmen. Der österreichische Außenminister Berchtold beging immer wieder katastrophale Fehler, durch die sich die Lage verschlimmerte (z.B. Verzicht auf die Zusammenstellung eines offiziellen Dossiers über die Verwicklung der serbischen Regierung in das Attentat von Sarajewo; verfrühte Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli). McMeekin ist der Auffassung, dass Wien besser beraten gewesen wäre, bald nach dem Attentat gegen Serbien loszuschlagen und die Entente vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das war auch Berlins bevorzugte Option. Sie wurde aber nicht umgesetzt, weil die Wiener Regierung ihr Vorgehen durch ein Ultimatum diplomatisch absichern wollte.

Als das Ultimatum am 23. Juli in Belgrad übergeben wurde, war es für einen Überraschungsangriff auf Serbien längst zu spät. Russland hatte sich unterdessen in die Krise eingeschaltet. Die von Berlin und Wien beabsichtigte Lokalisierung des Konflikts war nicht mehr möglich. Serbien nicht beizustehen hätte Russlands Einfluss auf dem Balkan gefährdet. Dreh- und Angelpunkt von McMeekins Argumentation ist die These, der russische Außenminister Sasonow habe sich bereits am 24. Juli für den Krieg entschieden, also noch vor Ausarbeitung und Übergabe der serbischen Antwortnote. Sasonow habe Belgrad darin bestärkt, die österreichischen Bedingungen nur teilweise anzunehmen. Außerdem habe er Serbien russische Unterstützung für den Kriegsfall zugesagt. Parallel dazu hätten sich die Regierungen Russlands und Frankreichs während des Poincaré-Besuches in Petersburg zugesichert, ihren jeweiligen Bündnispflichten nachzukommen, sollte es zum Krieg kommen. Durch die französische Rückendeckung ermutigt, habe Sasonow mit der sogenannten "Kriegsvorbereitungsphase" (period preparatory to war), die in der Nacht vom 25. zum 26. Juli begann, eine Art geheimer Mobilmachung eingeleitet. McMeekin sieht darin die entscheidende Weichenstellung in Richtung Krieg. Er verweist auf eine interne Definition des russischen Militärs von 1913, wonach die Kriegsvorbereitungsphase dem Beginn der Kampfhandlungen unmittelbar vorausgehen sollte. Sie komme daher einer inoffiziellen Mobilmachung gleich.

Geheimhaltung war deshalb geboten, so McMeekin, weil Russland einen Vorsprung vor den Mittelmächten gewinnen und überdies nicht als Aggressor dastehen wollte. Um Großbritannien auf ihre Seite zu ziehen, waren Frankreich und Russland bestrebt, den Schwarzen Peter den Mittelmächten zuzuschieben. Das fiel ihnen umso leichter, als Berchtold am 28. Juli Serbien den Krieg erklärte - gegen den Rat der österreichisch-ungarischen Militärführung und ohne Wissen Berlins. Ende Juli hatte sich die Krise bereits dramatisch zugespitzt. Zu den bereits begangenen Fehlern kamen neue Fehler hinzu: Der britische Außenminister Grey, der sich lange nur oberflächlich mit dem Geschehen auf dem Kontinent befasst hatte, ignorierte alle Hinweise auf die russischen Kriegsvorbereitungen. Er drängte Berlin, mäßigend auf Wien einzuwirken, unterließ es aber, Paris aufzufordern, es solle seinerseits mäßigend auf Petersburg einwirken. Das war gleichbedeutend mit einer vorweggenommenen Parteinahme für Frankreich und Russland. Die deutsche Reichsleitung wiederum spekulierte zu lange auf Großbritanniens Neutralität und nahm Greys Vorschläge nicht ernst, die am österreichisch-serbisch-russischen Konflikt unbeteiligten Mächte sollten sich als Vermittler einschalten. Daher sah auch Wien keinen Grund, von einem Militärschlag gegen Serbien abzusehen.

Binnen weniger Tage war der große Krieg da, den - so betont McMeekin - Deutschland und Österreich-Ungarn nie gewollt hatten. Nacheinander machten die Großmächte mobil. Es folgten die ersten Kriegserklärungen, und die Londoner Regierung nahm den Schutz der Neutralität Belgiens zum Vorwand, um sich auf die Seite Frankreichs und Russlands zu stellen. Obwohl das Deutsche Reich erst nach Russland, Österreich-Ungarn und Frankreich mobil machte, wurde es als Aggressor wahrgenommen, weil es Frankreich und Russland zuerst den Krieg erklärte, anstatt die Kriegserklärungen aus Paris und Petersburg abzuwarten. McMeekin ist der Meinung, dass eine Mobilmachung schwerer wiegt als eine Kriegserklärung. Er lehnt es daher ab, Deutschland die Haupt- oder gar Alleinschuld am Ausbruch des Krieges zuzuschieben. Alle in der Krise maßgeblichen Monarchen und Politiker hatten in unterschiedlichem Maße versagt. Von einigen Akteuren gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, dass sie von der hochexplosiven Situation, die mit Übergabe des österreichischen Ultimatums an Serbien entstand, überfordert waren. Die Krise eskalierte nicht zuletzt deshalb, weil etliche Politiker und hochrangige Diplomaten den Herausforderungen der Situation nicht gewachsen waren. Dazu zählen Berchtold und der deutsche Außenstaatssekretär Jagow, aber auch Bethmann Hollweg und Grey, der bei McMeekin in einem noch ungünstigeren Licht erscheint als bei Christopher Clark.

McMeekin ist ein Autor, dem es nicht an Selbstsicherheit und Mut zu provokanten Thesen fehlt. Er hat mit seiner multiperspektivischen und quellennahen Studie über die Juli-Krise ein spannendes Buch vorgelegt, das unbedingt lesenswert und diskussionswürdig ist. Zu Widerspruch werden sich all jene herausgefordert fühlen, die bezweifeln, dass die Kriegsvorbereitungsphase in Russland mit einer geheimen Mobilmachung gleichzusetzen ist. Einspruch werden sicher auch jene erheben, die der Ansicht sind, das Deutsche Reich habe mit einer "Strategie des kalkulierten Risikos und der begrenzten Offensive" aus der diplomatischen Einkreisung auszubrechen versucht, die Entente sprengen wollen und dabei einen großen Krieg billigend in Kauf genommen. McMeekin setzt sich nicht ernsthaft mit der gut dokumentierten Tatsache auseinander, dass sich die deutsche Militärführung den Krieg gegen Frankreich und Russland lieber früher als später wünschte, vor einer Veränderung des militärischen Kräftegleichgewichts zum Nachteil Deutschlands. Im Sommer 1914 schien die Gelegenheit für den Befreiungsschlag gekommen. Kontroverse Debatten um McMeekins Buch sind deshalb abzusehen.

(Die Rezension ist wieder mal recht lang geworden, aber ich hoffe doch, dass sie allen Interessierten einen brauchbaren Überblick über McMeekins Thesen und Argumentationsweise vermittelt)
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeichen des Paradigmenwechsels, 19. Mai 2014
Von 
Albrecht Bär "albrecht_baer" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Juli 1914: Der Countdown in den Krieg (Gebundene Ausgabe)
100 Jahre nach Beginn der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts häufen sich die Publikationen zum Thema. In diesem Buch untersucht der Autor den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und konzentriert sich dabei ganz auf die Zeit nach dem Attentat von Sarajewo. Er geht zunächst darauf ein, wie die Regierungen der fünf Großmächte auf das Attentat reagierten. Danach schildert er die einzelnen Etappen der Juli-Krise bis hin zu den wechselseitigen Kriegserklärungen Ende Juli/Anfang August. Das Buch endet mit einem Epilog, in dem McMeekin die jeweilige Verantwortung der fünf Großmächte für die schrittweise Eskalation der Krise und den Kriegsausbruch gewichtet und abwägt. Für ihn steht fest: Deutschland plante keinen Präventivkrieg. Vielmehr waren Frankreich und Rußland die zum Krieg treibenden Mächte. Das Zarenreich habe den österreichisch-serbischen Konflikt bewußt verschärft, um ihn zu einem europäischen Konflikt auszuweiten. Mit Rückendeckung Frankreichs und Großbritanniens habe Rußland seinen Plan umsetzen wollen, endlich das Osmanische Reich zu zerschlagen und die Meerengen unter russische Kontrolle zu bringen. Obwohl Deutschland sein Heer ganz zuletzt mobilisierte, aber zuerst den Krieg erklärte, galt es lange als der Aggressor. Der Autor weist darauf hin, daß eine Mobilmachung an sich bereits den entscheidenden Schritt zum Krieg bedeutete, und diesen gingen Rußland und Frankreich zuerst. Er weist darauf hin, daß die Mittelmächte im Juli 1914 Fehler gemacht haben – Deutschlands „Blankoscheck“ und Österreichs überhartes Ultimatum an Serbien –, aber letztlich gingen beide Staaten davon aus, daß sich der Konflikt auf Serbien begrenzen ließe. Die überaus minutiöse Schilderung der Juli-Ereignisse macht die Verantwortung der Entente für den Kriegsausbruch deutlich. Sie reiht sich damit ein in eine Serie neuer wissenschaftlicher Arbeiten zum Ersten Weltkrieg, die sich von der "Alleinschuldthese" Deutschlands verabschieden.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Juli 1914, 6. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Juli 1914: Der Countdown in den Krieg (Gebundene Ausgabe)
Hat mir gut gefallen.
Interessant geschrieben und informativ, die Bewertung bleibt schwierig, aus einer rückschauenden Betrachtung heraus.
Als Fazit kann man sagen, es wollten damals mehr Akteure Krieg als Frieden.
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0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Super für Geschichte Fans, 25. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Juli 1914: Der Countdown in den Krieg (Gebundene Ausgabe)
Sehr detailierte und strukturierte Zusammenfassung über den 2.Weltkrieg mit neuen Hintergrund Details.
Sehr spannend,zum Teil auch sehr überraschende Hintergrund Informationen
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1 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gut geschriebenes und sehr spannendes Buch, welches kontrovers diskutiert werden dürfte., 11. Juli 2014
Im Rahmen eines Vortrages über die Juli-Krise 1914 stieß ich auf dieses Buch. Volker Berghahn, Autor des Buches: "Der Erste Weltkrieg" im Beck-Verlag schrieb, dass dieses Werk das Buch von Christopher Clark: "Die Schlafwandler" entscheidend beeinflusst habe. Dieser sei insbesondere in seiner Sicht der Rolle Russlands von McMeekins Buch inspiriert worden. Diese These hat vor McMeekin schon L.C.F. Turner und danach Edward McCullough vorgetragen. McMeekin sieht in dem Verhalten der russischen Führung in St. Petersburg den "Schlüssel" zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. Insbesondere Außenminister Sergej Sasonow und die militärische Führung habe - gegen den anfänglichen Widerstand des Zaren Nikolaus II. - gezielt nach der Veröffentlichung des österreichisch-ungarischen Ultimatums auf den Krieg hingearbeitet. Die Vorbereitungen seien über die offizielle Teilmobilmachung der Armee hinausgegangen. Russland habe - ermutigt durch die Rückendeckung der französischen Führung (Staatspräsident Poncaré und Regierungschef Viviani hielten sich Ende Juli zu einem Staatsbesuch in St. Petersburg auf) das Attentat von Sarajewo zum Anlass genommen, einen großen Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn zu provozieren und hätten Deutschland, Österreich-Ungarn aber auch Großbritannien über ihre Aktionen gezielt getäuscht, um letzteres auf ihre Seite in den Krieg zu führen.
Berghahn schreibt in seinem Buch: "Für den Autor [McMeekin, B.N.] sind also die vier Tage vom 26. bis zum 29. Juli entscheidend, für die er als Beweismittel für seine Interpretation eine ganze Reihe von Dokumenten und späteren Aussagen heranzieht. Anhand dieser weist er scharfsinnig und durchaus überzeugend nach, dass im Westen des Landes [Russland, B.N.] sehr viel umfangreichere miltiärische Maßnahmen ergriffen wurden, die einer Vollmobilisierung gleichkamen. Nicht weniger wichtig ist, dass diese Entwicklungen der deutschen Seite bekannt wurden, sodass diese den Versicherungen Sasonows [...] nicht mehr glaubten. Mit anderen Worten, McMeekin zufolge wussten Generalstabschef Helmuth von Moltke und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg schon vor der offiziellen Verkündung der russischen Vollmobilisierung am 31. Juli, dass St. Petersburg das Ziel eines großen Krieges verfolgte. Daraufhin drängte jetzt Molkte mehr denn je den Kaiser, die eigene Vollmobilisierung zu befehlen, bevor es zu spät sei. Dies bildete den Hintergrund des deutschen Ultimatums an Nikolaus II., seinen Befehl bis zum 1. August zurückzuziehen. Als dies nicht geschah, weil es infolge der schon längst angelaufenen Vorbereitungen gar nicht mehr möglich war, unteschrieb der Kaiser am Nachmittag des 1. August den entsprechenden deutschen Befehl. Der große Vorteil dieser Abfolge war, dass Berlin sich nun rechtfertigen konnte, sich in einem Verteidigungskrieg gegen Russland zu befinden. So erklärt sich auch der Satz aus dem Tagebuch des Marinekabinettschefs Georg Alexander von Müller, die Reichsleitung hab "eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen."

Doch warum zielte das Zarenreich auf einen großen Krieg gegen die Mittelmächte? Hier sind für McMeekin die seit Langem formulierten und nun zu verwirklichenden Kriegsziele zentral. Seit Jahren schon habe das russische Außenministerium die territoriale Expansion nach Süden und Südwesten und den Zugang zum Mittelmeer durch eine Eroberung der Dardanellen anvisiert. Zum Teil auf russischen Quellen basierend, entwickelt der Autor das Bild einer bewusst verfolgten und langfristig gut koordinierten imperialistischen Politik St. Petersburgs, die auf eine Beerbung des zerfallenden Osmanischen Reiches abzielte.

An dieser Stelle ist auf ein Buch über die russische Außenpolitik zu verweisen, das Dominic Lieven demnächst veröffentlichen wird. Darin widerspricht er McMeekin, indem er - beruhend auf einer kürzlichen Auswertung von einschlägigen Archiven in Moskau - ein hartes Gegeneinander mit zahlreichen Meinungsverschiedenheiten innerhalb und zwischen den Ministerien während er Vorkriegsjahre herausarbeitet. Diese Konflikte sieht er wiederum vor dem Hintergrund einer breiteren Diskussion über die Lebensfähigkeit des Zarenreiches, dem es nicht gelang, grundlegende modernisierende Reformen durchzusetzen. Es gehörte daher zu den Ländern, die sich nicht selbstbewusst im Aufstiegbefanden, sondern vom Zerfall bedroht waren."

Soweit Volker Berghahn (Quelle: Der Erste Weltkrieg. - Beck-Verl., 2014 (3., aktualis. Aufl.), Prolog, S. XII-XV).

Diese Zusammenfassung des Inhaltes von McMeekins Werk ist zutreffend. Zwar relativiert er - im Gegensatz zu Clark - nicht die deutsche Verantwortung am Ausbruch der Juli-Krise. Auch McMeekin kritisiert den unkonditionierten "Blankoscheck" Deutschlands an Österreich-Ungarn am 5. Juli 1914 im Zuge der Hoyos-Mission. Außerdem kritisiert er, dass Bethmann-Hollweg Vermittlungsvorschläge des eigenen Kaisers Wilhlems II. nicht oder zu spät nach Wien übermittelten (etwa den "Halt-in Belgrad"-Befehl) und auf Vermittlungsvorschläge Großbritanniens nicht eingingen, wobei er - wie später auch Clark - mit der britischen Politik in der Juli-Krise hart ins Gericht geht. Großbritanniens Außenminister Edward Grey habe - weil er für ein Zusammengehen mit den Entente-Mächten Russland und Frankreich zunächst keine Mehrheit im britischen Kabinett gefunden habe - Deutschland zu lange im Glauben gelassen, England würde in einem künftigen Krieg zwischen Deutschland und Österreich einerseits und Russland und Frankreich andererseits neutral bleiben. Es sei allerdings die Dummheit der Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland gewesen, der letztendlich das britische Kabinett am 4. August dazu brachte, auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn einzutreten.

Das Buch ist äußerst spannend zu lesen. Es konzentriert sich auf die Diplomatie- und Ereignisgeschichte des Juli 1914 und führt auch die zahlreichen Quellen zur Krise auf, insbesondere die Edition von Albertini, die 2005 zwar ins Englische, aber bislang leider noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Um seine These eines russisch-französischen Zusammenspiels zu dokumentieren, verweist er insbesondere auf eine Studie über die französische Politik in der Juli-Krise von Stefan Schmidt.

Dies ist alles sehr gut recherchiert und belegt. Von daher ist das Werk eine unverzichtbare Quelle über die Ereignisse des Julis 1914.

Mein Problem mit diesem Buch ist allerdings der Fokus, den McMeekin auf den Faktor russische Mobilmachung legt. Für ihn ist dies der Schlüssel zum Ausbruch des Krieges der Punkt, an dem eine friedliche Lösung der Krise nicht mehr möglich gewesen ist. Ähnlich argumentiert auch Christopher Clark.

Meines Erachtens ist aber Jörn Leonhard zuzustimmen, der in dem meines Erachtens besten Buch über den Ersten Weltkrieg ("Die Büchse der Pandora", Beck-Verlag) argumentiert, entscheidend sei gewesen, wo der Schlüssel zur Deeskalation der Krise gelegen habe. Und Leonhards Ansicht nach lag dieser Schlüssel in Deutschland und in Großbritannien. Deutschland hätte den unkoditionierten Blankoscheck an Österreich-Ungarn nicht geben dürfen; England wiederum hätte stärker auf Russland und Frankreich einwirken sollen, wegen Serbien keinen Krieg zu riskieren.

Ich teile die Auffassung von Annika Mombauer, die in ihrer Publikation über die Juli-Krise 1914 (Beck-Verlag) die Hauptverantwortung nach wie vor bei Deutschland und Österreich-Ungarn sieht. Nicht die russische Generalmobilmachung, sondern der deutsche Blankoscheck an Österreich-Ungarn und danach die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, die ohne die deutsche Rückendeckung nie erfolgt wäre, sind aus meiner Sicht die Ereignisse, die den Weltkrieg unabwendbar machten, zumindest einen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland einerseits, Russlands, Frankreichs und Serbiens andererseits. Die britische Neutralität wäre ohne - modifizierten - Schlieffenplan sicherlich dann möglich gewesen, wenn Deutschland nicht in Belgien eingefallen wäre oder einfach Russland und Frankreich nicht den Krieg erklärt hätte, sondern deren Kriegserklärungen einfach abgewartet hätte. Mit Thomas Nipperdey und anderen Historikern ist dies die maßgebliche "Schuld" des Deutschen Reiches: Blankoscheck an Österreich-Ungarn, vorzeitige Kriegserklärung an Russland und Frankreich sowie die Verletzung der belgischen (und luxemburgischen) Neutralität, um über diese Länder mit seinen Truppen in Frankreich einzufallen. Aus meiner Sicht - und ich folge hier den Historikern Krumeich, Mombauer und Berghahns, ist die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien der entscheidende Eskalationspunkt, der den Krieg unabwendbar machte. Die deutsche Hoffnung, den Krieg "lokalisieren" zu können, war zunichte. Die Ausweitung des Krieges auf die europäischen Großmächte "wurde indessen zur Gewissheit, als Österreich-Ungarn am 28. Juli den Angriff auf Serbien unter dem Vorwand einleitete, dass Belgrad das Ultimatum nicht erfüllt habe." Hier - und nicht in der russischen Generalmobilmachung - sehe ich den Schlüssel zum Krieg und kann Sean McMeekin daher in seinen oben skizzierten Schlussfolgerungen nicht zustimmen.

Dennoch ein äußerst interessantes, spannendes und lesenswertes Buch zum Thema, vor allem, wenn man den Einfluss bedenkt, den dieses Werk offensichtlich auf Christopher Clarks "Schlafwandler" gehabt zu haben scheint.
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Juli 1914: Der Countdown in den Krieg
Juli 1914: Der Countdown in den Krieg von Sean McMeekin (Gebundene Ausgabe - 10. März 2014)
EUR 29,99
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