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38 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine begnadete Erzählerin, die die Tiefen menschlicher Existenz auslotet
Sie gilt schon seit langem als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis als eine veritable Kandidatin genannt.

Die Rede ist von der 1931 in Ontario geborenen Autorin Alice Munro, deren Erzählungsbände in ihrem Heimatland Kanada und in der gesamten...
Veröffentlicht am 26. Mai 2011 von Winfried Stanzick

versus
15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Literarische Miniaturen
Vielen Romanlesern dürfte es genau so gegangen sein wie mir, Alice Munro kam auf meiner Leseliste bisher nicht vor, Kurzepik als literarische Appetithäppchen ersetzen mir nicht die gedankliche Weite und thematische Vielfalt eines klassischen Romans. Aber wenn eine Autorin mit dem Nobelpreis geehrt wird wie Alice Munro in diesem Jahr, sollte man ruhig mal eine...
Vor 12 Monaten von Borux veröffentlicht


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38 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine begnadete Erzählerin, die die Tiefen menschlicher Existenz auslotet, 26. Mai 2011
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Sie gilt schon seit langem als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis als eine veritable Kandidatin genannt.

Die Rede ist von der 1931 in Ontario geborenen Autorin Alice Munro, deren Erzählungsbände in ihrem Heimatland Kanada und in der gesamten angelsächsischen Welt jedes Mal Rekordauflagen erzielen. Hierzulande haben Bücher mit Erzählungen und die gesamten Gattung leider weniger Erfolg. Das Publikum steht mehr auf Romanen. Doch das tut der Gattung der Erzählung viel Unrecht, wie auch der neue, hier vorliegenden Band mit zehn neuen Erzählungen von Alice Munro zeigt, der soeben bei S. Fischer in Frankfurt erschienen ist.

Immer wieder erzählt Alice Munro von Menschen, denen ihr Leben abhanden gekommen ist oder die es haarscharf verpasst haben. Immer wieder fasziniert sie die Liebe und die unsäglichen Mühsale, die meist mit ihr verbunden sind. Ihr literarisches und menschliches Vermögen, sich sensibel und fein in die Seelenzustände der von ihr beschriebenen Personen einzufühlen, macht die Lektüre ihrer Geschichten nicht nur einem literarischen Genuss, sondern gibt auch an manchen Stellen Gelegenheit zu ungeahnter Selbsterfahrung.

Eine begnadete Erzählerin, die die Tiefen menschlicher Existenz auslotet.
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72 von 85 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kurzgeschichten sind nichts, was man "kurz" mal lesen kann, 4. September 2011
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Kurzgeschichten sind in der Regel nichts, was man "kurz" mal lesen kann. Kurzgeschichten gehören, falls sie einen literarischen Anspruch besitzen, zu den kompexesten Literaturgattungen überhaupt. Mit ihren Auslassungen, der ihnen eigenen Erzählweise, mit dem Punktuellen, das ihnen eigen ist, erfordern sie viel mehr "Mitarbeit" des Lesers als etwa eine gleich lange Romanpassage. Deswegen gibt es kaum große Autoren, die ihren Rang ausschließlich dieser Literaturgattung verdanken - die kanadische Schriftstellerin Alice Munroe ist die Ausnahme.
Worin liegen die Besonderheiten ihrer Literatur? Als literarischer Laie kann ich diese Frage natürlich nicht erschöpfend beantworten, mir ist aber am Beispiel des vorliegenden Buches ein Konstruktionsunterschied aufgefallen. Während gemeinhin bei vielen Kurzgeschichten die Protagonisten nur skizzenartig in Erscheinung tregten und vor einem oft nur angedeuteten literarischen Bühnenbild agieren, verwendet Munroe in ihren Erzählungen eine andere Technik. Bei ihr ist das "Bühnenbild", d. h. der Hintergrund der Erzählung superscharf herausgearbeitet, ihre Erzählweise gleicht in dieser Hinsicht einer Fotographie mit maximal geöffneter Blende - alles ist extrem konturiert, manchmal sogar die Nebenpersonen fast so differenziert wie die Hauptpersonen.
Auf dem Hintergrund dieser "weiten Blende" verfährt ihre Literatur wie ein Teleskop, das in das pralle Leben hineingehalten und wieder herausgezogen wird. Sie liefert anschauliche und authentische Realitätsausschnitte, oft ohne Anfang und Ende, und es gelingt ihr erstaunlich leicht, den Leser mit wenigen Skizzen mitten hinein in eine neue Geschichte zu ziehen. Die Geschichten selbst besitzen fast alle einen leicht schrägen Plot, von dem man sich fragt, wie er aufgelöst wird. Er wird aber in der Regel nicht aufgelöst. Die Erzählungen enden unvermittelt und lassen Fragen zurück - positiv gesagt: sie hinterlassen eine Leerstelle, die zu weiterem Nachdenken anregt.
Inhaltlich spielen Munroes Geschichten in dem vorliegenden Erzählband meist in einem ländlichen Umfeld und handeln von Abnabelung, Auflösung, Wegehen - Kinder verschwinden und gehen ihren eigenen Weg (Kent in "Tieflöcher" sowie Jon und Joyce in "Erzählungen"), sie werden umgebracht(in der Erzählung "Dimensionen" oder auch in "Gesicht"), oder sie tingeln haltlos durch ihre Existenz (etwa Nina in "Der Grat von Wenlock"). Diese ältere Generation wird verlassen, stirbt, versteinert wie Mr. Purvis oder bleibt einfach raltos zurück (wie Sally in "Tieflöcher") oder steht allein und hilflos Gewalttätern gegenüber ("Freie Radikale"). Die Titelgeschichte "Zu viel Glück" fällt dagegen etwas aus dem Rahmen, einfach, weil die Autorin sich bei dieser Erzählung nicht auf ihre Erfindungskraft verlassen konnte sondern ein historisch verbürgtes Lebensschicksal ( das der russischen Mathematikerin Sofie Kowalewska) erzählt.Ich persönlich halte sie nicht für die stärkste Erzählung des vorliegfenden Buches.
In formaler Hinsicht verzichtet Munroe auf den ganzen postmodernen Literaturkokolores sondern arbeitet mit traditionellen Vor- und Rückblenden, mit Verzögerungen und Auslassungen, anhand derer es ihr mehr als hinreichend gelingt, die Entfaltung der Geschichte in der Vorstellungswelt des Lesers mit einem Spannungsbogen zu versehen.
Kein Wunder, dass die zehn Geschichten des vorliegenden Buches komplexen Speisen, gleichen, die langsam und mit Pausen genossen werden wollen (Allein die letzte Geschichte fällt etwas aus dem Rahmen). Ich habe niemals mehr als eine Geschichte am Tag gelesen, einfach deswegen, weil die Vielfalt der Fragen und Problemstellungen, die die Erzählungen aufwerfen, reflexive Phasen nach der Lektüre unbedingt erforderlich machen. In diesem Aufrüttelungspotential, in diesem energischen Impuls zum Weiterdenken, den die Erzählungen von Alice Munroe beinhalten, liegt meiner Ansicht nach der besondere (belehrende und unterhaltende ) Wert ihrer Literatur.
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49 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich wurde erwachsen und alt, 7. Juni 2011
Von 
Günter Nawe "Herodot" (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Glück ist eine sehr verletzliche Sache. Und "Zu viel Glück" besonders. So bewegen sich auch die unvergleichlich schönen Erzählungen der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro auf einem sehr schmalen Grad zwischen dem, was Glück ist und irgendwann das Gegenteil davon. Nachzuprüfen in dem neuen Buch von Alice Munro: "Zu viel Glück".

Das Zimmermädchen Doree in der Erzählung "Dimensionen" musste es erfahren. Regelmäßig besucht sie ihren Mann in einer psychiatrischen Anstalt. Ist es Liebe, die sie zu langen Busfahrten veranlasst oder Fürsorge für ihren Mann...? Plötzlich aber kippt die Geschichte. Ihr Ehemann ist der Mörder ihrer drei gemeinsamen Kinder. Und die Besuche eine beinahe krankhafte psychische Abhängigkeit. Erst als Doree ein junges Unfallopfer wiederbelebt, kann sie sich aus dieser Abhängigkeit befreien.

Alice Munro, sie wird am 10. Juli 80 Jahre alt und regelmäßig als Nobelpreisanwärterin gehandelt, hat die Kunst der Story zu höchster Vollendung getrieben. Sie gilt als die beste Erzählerin weltweit. Dieses Attribut hat sie sich durch viele Erzählungen, viele Bücher erschrieben. Erzählungen, die ín einem oft lakonischen, unauffälligen Duktus daherkommen. Und die Story gerade und ohne Umwege auf den Punkt bringen.

Alice Munro erzählt fast teilnahmslos und ohne zu moralisieren von der jungen Frau, die sich dazu hergibt, einem alten Lustgreis nackt englische Gedichte vorzulesen. Auch diese junge Frau ist wie die vielen Frauen in Munros Erzählungen "auf dem Weg zu Taten, deren sie sich bisher nicht für fähig gehalten hätte".

Die Erzählung "Manche Frauen" beginnt mit dem dem Satz "Es verwundert mich mnachmal, wie alt ich bin". Und sie endet mit dem erstaunlichen Satz: "Ich wurde erwachsen und alt." Zwischen diesen beiden Sätzen erzählt sich die Geschichte auf sehr subtile und psychologisch raffinierte Weise: von der Aushilfspflegerin eines leukämiekranken Mannes und einer Masseurin, die dessen alte Mutter betreut und sich gleichzeitig dem Kranken auf seltsame Weise annähert. Die Munro konzentriert sich auf eine einzelne Episode und erfasst doch gleichzeitig einen ganzen Kosmos menschlicher Befindlichkeiten.

Es sind die Fragen nach der Vergänglichkeit der Zeit, es sind Lebensfragen, die von der Munro - letztlich aber vom Leser beantwortet werden müssen. Und das macht die Stories von Alice Munro so spannende und aufregend.

Nicht ganz glücklich wird der Leser mit der Titelgeschichte "Zu viel Glück". Sie spielt im Gegensatz zu allen anderen Erzählungen nicht in Kanada, sondern in Europa; und nicht im 20. Jahrhundert, sondern im 19. Jahrhundert. Auch handelt es sich um einen historischen Stoff, um die Geschichte einer russischen Mathematikerin und Schriftstellerin, die als erste Frau eine Professur erhält. Zu viel Glück - an dem sie scheitert. Dieser Erzählung fehlt etwas der typisch Munro'sche Ton und der ihr eigenen Fähigkeit zur Verknappung.

Trotz dieser kleinen kritischen Einschränkung sind diese Erzählungen durchweg zu loben - und zu empfehlen.
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alltagsgeschichten, gut erzählt, 22. November 2013
Auf die mittlerweile über 80jährige Kanadierin Alice Munro wurde ich erst durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises aufmerksam. Das Buch mit dem "Glück" im Titel habe ich mir als erstes vorgenommen, weil die Jahreslosung 2014 lautet "Gott nahe zu sein ist mein Glück" (Psalm 73,28). Von Gott und von der Religion findet sich in diesen Geschichten jedoch wenig; eher ist von Familien die Rede, oft von Frauen, die es mit ihren Männern oder ihren Kindern schwer haben. Ich nahm das Buch mit auf eine Bildungsreise, las es im Flugzeug und im Bus, und wurde mehrfach darauf angeprochen, auch vom streng blickenden Zollbeamten bei der Einreise: "Ah, you like to read. I don't read books. Maybe in all my life I read 10 books." Warum sagte er mir das am Zoll? Ist ein Buch in der Hand heute schon etwas so Außergewöhnliches, dass man etwas dazu sagen muss? Oder die freundlich wissenden Kommentare: "Sie lesen die Munro. Eine gute Schriftstellerin. Ich habe schon viel von ihr gelesen." Und ganz oft die freundlich wissenden Fragen: "Wie ist denn diese Alice Munro? Liest sie sich gut? Können Sie mir das Buch empfehlen?" Ich kam mir vor wie ein Kulturbotschafter für Literatur. Und spielte die Rolle mit diesem Buch in der Hand recht gern.

Gleich die erste Geschichte ist hart: "Dimensionen". Ein herschsüchtiger Ehemann tötet in einem Anfall von Wahn seine drei kleinen Kinder. Die Ehefrau kommt zunächst nicht von ihm los, besucht ihn weiter im Gefängnis - und wird erst frei und wieder lebendig, als ein überaschendes Ereignis sie aus ihrer verhängnisvollen Bindung an diesen kranken Mann löst. Besonders nachdenklich gemacht hat mich die feine, sehr zurückhaltend und sehr kurz gefasste Erzählung "Manche Frauen". Da ist von der Liebe eines leukämiekranken Mannes zu einer jungen Frau die Rede, die auf einer geistigen Ebene jenseits von Körperlichkeit und erotischem Begehren viel tiefer und umfassender ist als alles, was dieser Mann ein Leben lang in der Beziehung zu seiner Ehefrau erfahren hat. Und doch entscheidet er sich am Ende aus Liebe und Treue und Loyalität für seine Ehefrau und schickt die junge Betreuerin ohne eine Erklärung fort. Das so zu schreiben, dass ich es als männlicher Leser verstehe, dass es glaubwürdig klingt, das ist m.E. die große Kunst von Alice Munro.

Man muss die Geschichten jeweils in einem Rutsch lesen, weil sie oft einen unerwarteten Dreh, eine überraschende Wendung haben, die man nur versteht, wenn man Anfang und Mittelteil bis zum Ende gut im Kopf hat. Aber da fast alle Erzählungen nur 25-40 Seiten lang sind - die Titelerzählung umfasst 60 Seiten - ist das am-Stück-Lesen gerade auch auf der Reise gut möglich. Ich war erfreut, nach den schwierigen Nobelpreisträgern der letzten Jahre (Mario Vargas Llosa, Elfriede Jelinek, Mo Yan) in Alice Munro endlich einmal eine Preisträgerin kennenzulernen, die mich sehr anspricht, die in einer klaren Sprache interessante und spannende Dinge aus dem ganz normalen Leben erzählt. Ja, ich kann dieses Buch wärmstens weiterempfehlen. Es liest sich gut, und es hat Niveau.
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Literarische Miniaturen, 13. Dezember 2013
Vielen Romanlesern dürfte es genau so gegangen sein wie mir, Alice Munro kam auf meiner Leseliste bisher nicht vor, Kurzepik als literarische Appetithäppchen ersetzen mir nicht die gedankliche Weite und thematische Vielfalt eines klassischen Romans. Aber wenn eine Autorin mit dem Nobelpreis geehrt wird wie Alice Munro in diesem Jahr, sollte man ruhig mal eine Ausnahme machen von der Leseroutine. Und dies umso mehr, als das Nobelkomitee sich ja explizit gegen US-amerikanische Literatur erklärt hat, die derzeit als zu trivial angesehen wird. Man muss denn auch mindestens zwanzig Jahre zurück gehen zu Toni Morrison (1993) und danach noch viel weiter zu Steinbeck(1962), Hemingway (1954) und Faulkner (1949), um preisgekrönte Schriftsteller US-amerikanischer Herkunft zu finden. Kanada, immerhin nordamerikanisch, hatte bisher noch keinen Nobelpreisträger gestellt. Nach seinem Stifter soll den mit fast einer Million Euro dotierten Literaturpreis derjenige Autor erhalten, der «das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat», und für 2013 ehrte die Jury nun also eine «Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte». So betrachtet, das sei vorwegschickt, geht der Preis auch völlig in Ordnung.

Zehn recht unterschiedliche Erzählungen sind in dem Band «Zu viel Glück» enthalten, dessen Titel schon darauf hindeutet, dass jedem Übermaß potenziell Leid, Unglück, Enttäuschung, Scheitern gegenübersteht, das Glück auf ein bescheideneres Maß zurückstutzend. Als Protagonisten begegnet man fast ausnahmslos Frauen in mittelständisch geprägten, meist ländlichen Milieus Kanadas. Alle sind in wenigen Worten sehr treffend geschilderte Charaktere, die oft in prekären Verhältnissen leben und Konflikten vielfältigster Art ausgesetzt sind. Wen wundert's, dass meistens Männer den Gegenpol bilden, Ursache der Probleme sind oder gar Katastrophen auslösen wie in der ersten, sehr beklemmenden Geschichte. Munro schreibt jedenfalls aus weiblicher Sicht, ohne dass man ihr Feminismus vorwerfen könnte, sie liefert lediglich ihren Beitrag zu der These «Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen». Als Konfliktpotential zieht die Autorin neben dem ziemlich dominant im Vordergrund stehenden Geschlechterkampf auch das Miteinander der verschiedenen Generationen heran sowie gesellschaftliche Umbrüche. Es gibt bei ihr innere Spannungen und menschliche Konflikte zuhauf, sie beschreibt unsentimental und mit viel Hintersinn gekonnt die vielfältigen seelischen Probleme des Menschen.

Wie ein Schlag ins Gesicht beginnt es gleich in der ersten Geschichte einer Frau, deren Mann ihre drei Kinder umgebracht hat, die sich aber trotzdem an ihn gebunden fühlt. Eine Musikschülerin geht ihre eigenen Wege und taucht plötzlich als Autorin wieder auf, eine Philosophie-Studentin liest einem reichen Lustgreis nackt Gedichte vor, eine Mutter steht ratlos ihrem völlig aus der Bahn geworfenen Sohn gegenüber, eine Frau verblüfft den in ihr Haus eingedrungenen Mörder mit einer Giftmord-Geschichte. Die tragische Liebe einer jungen Frau zu einem durch ein Muttermal abstoßend verunstalteten Mann wird ebenso knapp und pointiert erzählt wie die Zuneigung einer lebenslustigen Masseurin zu ihrem sterbenskranken Leukämie-Patienten, die kaltblütige Ermordung eines geistig zurückgebliebenen Mädchens durch zwei Schülerinnen oder ein Unfall im Wald, der ein Paar wieder näher zusammenbringt. Zuletzt folgt eine Geschichte aus dem Europa des 18. Jahrhunderts, in der eine Frau als erste eine Professur für Mathematik erhält, die längste und sicherlich auch schwächste Erzählung dieses Bandes.

Munro vermag Empathie zu wecken, sie erzählt in einfachen Worten, unaufgeregt, fast lakonisch Dramen ohne Katharsis, vor allem aber ohne Happy End, was ja nicht ganz selbstverständlich ist für die Kontinenthälfte, auf der sie lebt. Dabei bewegt sie sich immer haarscharf an der Grenze zur Trivialliteratur, hat aber mit ihrem inzwischen abgeschlossenen Lebenswerk, ihr erklärtermaßen letztes Buch erschien ja vor wenigen Tagen, ihre epischen Form zur Vollendung gebracht. Wer Munros komprimierte, humorlose Erzählweise mag, kommt jedenfalls voll auf seine Kosten.
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20 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Literarische Diamanten vom Scheitern im Leben..., 22. Juli 2011
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
'Mal davon abgesehen, dass Erzählungen nicht nur von mir, sondern auch sonst in der grossen Leserschaft nicht zu den grossen Favoriten gehört, lesen wir konzentriertes Destillat an Literarischem, dass man nur häppchenweise geniessen kann, zumindest mir ging es so. Ihre 10 Erzählungen, die alle irgendwo zwischen 20 und 70 Seiten liegen, empfand ich dermassen konzentriert, dass ich jeweils dazwischen eine Pause machen musste, um das Gelesene zu reflektieren. Die konzentrierten Erzählungen sind wie kleine Romane. Als ob die darin geschilderten Personen vom Leser verlangen würden, sich noch ein wenig mit ihnen zu beschäftigen...

Jede Erzählung darin, ist wie ein kleines Universum. Viele Passagen musste ich nochmal nachlesen, als ob ich diese konzentrierte Form, gar nicht voll aufnehmen konnte. Die Menschen darin, oft sind die Hauptprotagonisten Frauen, geben sich unheimlich Mühe, um in ihrem Leben glücklich sein zu können, doch oft scheitern sie im Leben. Umstände die nicht zu beeinflussen sind, Wertigkeiten die sich verändern, Verbindungen die zerbrechen, ein Leben das die Menschen wie zu verschlucken scheint. Munro zeichnet Lebenspläne, Lebensträume, die nicht selten von Veränderungen heimgesucht werden, Beziehungen und Lieben, die einfach nicht glücken wollen. Munro zeichnet Menschen, zwischen Angepasstheit und Selbstbestimmung, genauso wie zwischen der Gratwanderung von Lebensglück und Lebensschicksal, oder Licht und Schatten.

Drei Erzählungen kurz anskizziert:

In der Erzählung "Dimension" schreibt Munro von einer Mutter mit 3 Kindern, und einem geistesgestörten Mann. Nach einer schlimmen Tat, scheint das Leben von Doree wie leer - und inhaltlos geworden. Ihr Mann Lloyd kommt dafür ins Gefängnis - wo sie ihn besuchen kommt. Doch mündlich kann sich Lloyd nie so gut ausdrücken, wie im Schriftlichen, deshalb beginnt er ihr Briefe zu schreiben, die zwischen krank und philosophisch klingen. Munro zeichnet hier ein Bild einer Frau, deren Leben durch Schicksalsschläge und dramatische Geschehnisse aufs Tiefste erschüttert wird. Das Ganze wirkt dicht, konzentriert, gehaltvoll, dass man zwischen jeder Erzählung eine kleine Auszeit nehmen möchte, um das Erzählte für sich selbst zu reflektieren.

In der Erzählung "Erzählungen" schreibt Munro von der Vergänglichkeit in Beziehungen. Joyce ist eine sensible Frau. Ein kurzer Blick auf ihr Leben, erzählt etwas von ihrer Scheuheit, von ihrer Sensibilität, von ihrer verletzlichen Einsamkeit. Munro packt hier soviele Veränderungen und Personen hinein, dass die ganze Erzählung etwas unübersichtlich wirkte. Munro zeichnet ganze Zeit-und Geschehnisbögen auf. Die geschilderte Musiklehrerin, erkennt eines Tages auf einer Autorenlesung eine ehemalige Musikschülerin wieder..

In der Erzählung "Kinderspiel" schildert Munro einen an Leukämie erkrankten Sterbenden und deren Familie. Die Ich-Erzählerin ist eine Pflegerin. Dazu kommt eine aufheiternde Masseurin. Munro bindet hier die Schilderung eines Jugendverbrechens zweier Mädchen mit ein. Eine Erzählung die über Kindheit, Schulzeit, Aufwachsen und Erwachsenwerden etwas zu sagen hat. Ein feinfühliger Blick wird darauf geworfen, wie ehemalige Jugendsünden, beim Sterben an die Oberfläche kommen können.

Fazit: Munro beschreibt jenes Leben und jene Realität, die manchmal weh tut. In ihren geschilderten Lebensverläufen, finden wir oft das Scheitern, und jene Verluste im Leben, die uns Menschen am tiefsten treffen. Ein begnadete Autorin, die ihre Leserschaft zu fordern vermag. Manchmal mit der Tendenz zur Unübersichtlichkeit, etwa wenn sehr viele Personen ins Spiel kommen. (Namensliste anlegen lohnt sich). In der allzu grosszügigen Weitläufigkeit kann man sich schon mal beim Lesen verlieren...Munros Erzählungen sind von der Brüchigkeit und der Vergänglichkeit im Leben durchdrungen. Der Leser ist geneigt bestimmt Passagen oder ganze Passagen nochmal nachzulesen. Ihre Erzählungen hallen in der Selbstreflektion nach wie Echos. Ihre Charakterzeichnungen zeugen von hoher Sensibilität.

Eine klasse Autorin, die von den Lebenserschütterungen im Leben erzählt, die nicht selten verborgen nah, an den allzumenschlichen Abgründen liegen. Veränderungen, Vergänglichkeit, Lebenspläne, Lebensträume, Schicksalverläufe, Lebensrealitäten, Beziehungsveränderungen, Enttäuschungen, Lebensgefahren, Lebensabrisse, Jugendsünden, innere Neigungen und Sehnsüchte sind der Stoff, aus dem Alice Munro ihre Erzählungen sprechen lässt. Ob ich nun zum grossen Munro-Anhänger werde, bezweifle ich, doch hat der vorliegende Band, mich nachhaltig beeindruckt. Alice Munro kann den Leser in seinem Wesenskern erreichen, dass alleine schon, zeigt dann doch etwas von der Klasse, dieser kanadischen Schriftstellerin, die gerade 80 Jahre geworden ist...

Die letzte und umfangreichste Erzählung (70 Seiten) in diesem Band ist die Erzählung "Zu viel Glück", die Titelgeschichte also. Die ganze Erzählung wirkte für mich so gezwungen, dass man geneigt ist, zu denken, Alice Munro hätte hier besser einen Roman geschrieben. Eine biographische Aufarbeitung der Schriftstellerin und Mathematikerin Sofia Kowalewskaja, die auch in der angehängten Danksagung erwähnt wird. Ich hatte damit meine Mühe und Verständnisprobleme, wofür ich auch einen Stern abziehe. (Leser fragen mich immer wieder, warum ich Sterne in meinen Bewertungen abziehe, hier sei einmal ein Grund genannt.)

Eigentlich weiss man nie genau, wie man bei Alice Munro aus einer Erzählung entlassen wird, das Ende ist bei ihr eigentlich nie wirklich voraussehbar!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ich war neugierig!, 26. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als ich erfuhr, dass die mir bis dahin unbekannte Autorin Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur bekommen hatte, wollte ich unbedingt etwas von ihr lesen. Ihr Profil und ihr Genre sprachen mich sehr an.
Ich habe mich dann für ihr Buch „Zu viel Glück“ entschieden, eines ihrer letzten, neueren Veröffentlichungen. Es enthält zehn Kurzgeschichten, die – bis auf die letzte, die auch Titelgeber des Buches ist – alle in Kanada spielen.
Eigentlich sind diese Kurzgeschichten schon kleine Romane, mit einer dichten Atmosphäre und ausdrucksstarken Protagonisten. Und man kann diese Erzählungen nicht hintereinander weglesen! Nach dem letzten Wort muss man erst einmal innehalten, Atem schöpfen und das Gelesene verdauen, das oft noch lange nachklingt.
Schon die erste Geschichte „Dimensionen“ ist ein „Hammer“: ein Ehemann, der seiner Frau und Familie Schreckliches antut, trotzdem findet die Ehefrau eine Ebene, auf der sie mit ihrem Mann weiter kommunizieren kann und sie selbst ins Leben zurückfindet.
Sehr gut gefallen hat mir die Erzählung „Tieflöcher“, in der ein verlorengegangener Sohn nach Jahren seine Mutter wiedertrifft und „Freie Radikale“, in der sich eine alleinstehende Frau mit einem Gewaltverbrecher auseinandersetzen muss.
Der einzige Kritikpunkt von mir geht an die letzte Geschichte, die m. E. aus dem vorgesteckten Rahmen fällt, da sie nicht im gewohnten Umfeld von Munro, sondern in Europa spielt. Diese Erzählung fand ich langatmig und sie hat mich auch nicht sehr berührt, deshalb auch nur vier Sterne insgesamt von mir.
Der Titel des Buches ist eigentlich auch ein wenig irreführend, denn die Protagonistinnen in den Kurzgeschichten erfahren oft Leid oder Schreckliches, trotzdem finden sie wieder ihren Weg. Also doch „Zu viel Glück“ gehabt?
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolle Geschichten, 8. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bisher machte ich die Erfahrung, dass preisgekrönte Autoren mit ihren Geschichten und Büchern nicht immer meinen Geschmack getroffen haben. Die Geschichten dieser Autorin haben mir aber durchwegs gefallen, ihr Schreibstil ist nicht abgehoben oder abstrakt, sondern flüssig, spannend und angenehm zu lesen.
Die Geschichten, aus dem Leben geschrieben, sind nicht " laut" , aber sehr berührend!
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Simply boring, 26. Oktober 2013
Gut, ich war traege und habe mir die Uebersetzung gekauft, nicht das Original. Aber das ist nicht ausschlaggebend. Nach fuenf Kurzgeschichten des Bandes, die alle nicht schluessig sind, weiss ich nicht, was hier so interessant sein soll. Es geht nur um depressives, auswegloses Versagen, so mitreissend wie die Landschaft von Manitoba. Eigentlich dachte ich, mit Elfriede Jellinek habe der Nobel seinen Tiefpunkt erreicht ..... Wenn schon Philip Roth, Cees Nooteboom und Geert Mak uebergangen werden und es eine Frau sein muss, dann nehmt doch Ulla Hahn, die uns, etwa in ihren Kurzgeschichten, mit ihrem hinterlistigen Humor amuesiert, das grosse Thema der Liebe erfassen kann, und dazu eine begnadete Lyrikerin ist. Preist, de l'aube au soir et dans la nuit, Yasmina Reza. Ehrt Dacia Maraini, mit ihrem wirbelnden Temperament - sie stellt Frauen dar, die gerne Frauen sind.
Ms Munro - "Zu viel Glueck" fuer die Autorin ? Soll ich mir den Rest des Buches antun ? Jedenfalls heule ich nicht mit den Lobeswoelfen. Dixi et salvavi.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Pforten der Literatur, 30. Oktober 2013
Von 
R.E.R. "R.E.R." - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
"Wie sollen wir leben" ist eine Sammlung von Erzählungen, kein Roman. Schon die erste Enttäuschung. Das scheint das Gewicht des Buches zu verringern, als sei seine Verfasserin jemand, der sich nur an die Pforten der Literatur klammert, statt sich in ihr sicher niedergelassen zu haben."

"Zu viel Glück" ist eine Sammlung von Erzählungen der diesjährigen Nobelpreisträgerin für Literatur. Die eingangs zitierte Stelle stammt aus der Geschichte "Erzählungen" aus eben jener Sammlung. Sie schien mir als Einstieg passend, weil das Buch (obwohl es kein Roman ist) sich nicht nur nicht an die "Pforten der Literatur klammert" sondern im Gegenteil diese weit aufstößt um die ganze Magie gut erzählter Geschichten zu verströmen.

Ich habe bisher ungern Kurzgeschichten gelesen. Nicht weil ich, wie im Zitat erwähnt, der Meinung bin dies sei keine richtige Literatur. Vielmehr geht es mir beim Lesen so, dass ich bei liebgewordenen Charakteren gerne länger verweile, als es in Kurzgeschichten gestattet wird. Bei Alice Munro ist es anders. In der Kürze und der Einfachheit liegt das Besondere. Ihre Geschichten gehen unter die Haut.

Doree "muss drei Bussen nehmen" um ihren Mann zu besuchen. Munro braucht nur wenige Sätze um ein junges Zimmermädchen zu skizzieren, dessen Schicksal einen brennend interessiert. Warum hat sie ihr Aussehen radikal verändert? Warum verschließt sie sich vor der Welt? Und vor allem, in was für einer Art Anstalt sitzt ihr Mann? Alle Fragen werden geklärt und die "Dimension" (so auch der Name der Geschichte) der Antworten sind tragisch. Munro aber nimmt dem Schrecken ohne viele Worte das Grauen. Sie spielt das Unglück nicht hinunter, sie zeigt nur dessen Alltäglichkeit.

In jeder Geschichte gab es so etwas wie eine "Schlüsselstelle" die mich tief Atem holen ließ. Einen Moment, in dem mir klar wurde, wie banal und gleichzeitig bedeutend Situationen sein können. In "Erzählungen" war es der Moment als Joyce begreift, dass die bekannte Schriftstellerin einst eine ihrer Musikschülerinnen war, die nur aus Verehrung zu ihr, ein Instrument lernte. In "Der Grat von Wenlock" ist es der Laut den nackte Haut beim Aufstehen von einem Stuhl macht. Die "schmatzenden Pobacken" sind inmitten einer "skandalösen" Situation, das einzig normale. In "Tieflöcher" ist es die Erkenntnis, dass es manchmal schon etwas ist, "den Tag überstanden zu haben, ohne dass er zur absoluten Katastrophe" gerät.

Jede einzelne Geschichte in diesem Band beweist, das Alice Munro sich nicht nur in der Literatur sicher niedergelassen hat. Sie scheint auch sicher im Leben zu stehen. Vielleicht mit ein Grund warum man ihr den Nobelpreis zuerkannt hat. Vielleicht der beste Grund überhaupt.
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Zu viel Glück von Alice Munro (Audio CD - 16. Mai 2011)
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