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2.0 von 5 Sternen Das Schaffen von Urbanität aus dem Geiste der Presse, 12. August 2008
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Rezension bezieht sich auf: Als Berlin zur Weltstadt wurde (Gebundene Ausgabe)
Berlin hat spezifische Eigenschaften, die aus der Stadt eine Metropole entstehen lassen. Es ist dieses Gefühl, dass sich nun ' beinahe zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer ' wieder einzustellen scheint. Viele Beobachter erinnert die heutige Atmosphäre an die 1920er Jahre. Man könnte aber auch an die Periode zwischen 1871 und 1914 denken.

Eine dieser Spezifiken, die nur wenige andere Städte kennen, ist die Melange aus Presse und Publikum. Sie hatte in Berlin stets eigenes Air, - auch wenn dies mittlerweile vorbei zu sein scheint. Das Publikum liebte seine lokalen Zeitungen. Und diese Zeitungen verhätschelten ihr Publikum. Im Ergebnis entstand daraus je nach historischem Moment eine ganz spezielle Urbanität. Peter Fritzsche beleuchtet in seinem Buch »Als Berlin zur Weltstadt wurde ' Presse, Leser und die Inszenierung des Lebens« die Zeitungen und die Bevölkerung Berlins in der Zeit zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg aus einem eigenen Blickwinkel: Der gegenseitigen Beeinflussung der Berliner und ihrer damaligen Medien. Insofern ist der vom Verlag gewählte Titel ein wenig missverständlich. Der Professor für Geschichte an der Universität von Illinois schreibt in seiner Einleitung selbst, in der von ihm untersuchten Zeit »definierten und konstituierten sich die Stadt als Ort und die Stadt als Text wechselseitig«.

Fritzsches Untersuchung ist dort am stärksten, wo er die gegenseitige Beeinflussung, Befruchtung anhand von Beispielen darstellt. Häufig sind es Verhaltensmaßregeln, die von den Zeitungen vermittelt oder im Gegenteil in Frage gestellt werden. Die »Berliner Morgenpost« griff in ihrer Ausgabe vom 3. Oktober 1909 das zum Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutende Thema auf: Darf man auf der Straße eine Bekanntschaft machen? Mit zunehmender Urbanität der Einkaufsstraßen und Passagen entstand zur Jahrhundertwende eine Flanerie. Sie kam wie alles Urbane aus Paris ' und spät auch im Kaiserreich an. Hören wir die Szenerie, die Ullsteins Zeitung beschreibt: »Während der Dämmerstunde eines schönen Herbstabends, an dem das Grau der Stadtfarben durch die Röte der untergehenden Sonne durchstochen wird, schreitet ein junges blühendes Mädchen durch die stillen Quartiere der Stadt.« Ein junger Mann geht an ihr vorüber. Ihre Blicke treffen sich. Sie fangen Feuer. Der Mann spricht sie an. Erbittet ein kurzes Gespräch. Schließlich begehrt er, von ihr mit nach Hause genommen zu werden, was sie entsetzt ablehnt: »Straßenbekanntschaften duldet mein Vater nicht.« Obwohl dies damals gesellschaftliche Gepflogenheit war, spricht sich die moderne Großstadtzeitung dafür aus, solche Bekanntschaften sollten eine Chance haben und appelliert, es müsse »betont werden, dass bei individuellem Geschmack, bei Intelligenz und psychologischer Spruchreife, jeder, ob Mann oder Weib, nach kurzer Begegnung entscheiden kann, ob er es zunächst mit einem ehrbaren Menschen oder Don Juan zu tun hat«. Der Redakteur meint, zu oft werde die Straße verteufelt: Es sind wirklich keine anderen Menschen, diese Herren auf der Straße oder im Café, als die, welche man im Salon vorgestellt bekommt«. Hier zeigt Fritzsche, wie sich die damals bedeutendste Berliner Tageszeitung in eine gesellschaftliche Debatte einmischt und dabei selbst Farbe bekennt.

Der Autor bringt andere instruktive Beispiele, wo die Berliner Zeitungen auf eigene Art Gemeinschaft erzeugen ' und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So forderte die »Berliner Morgenpost« alle Berliner dazu auf, einen abgebildeten Redakteur im Stadtgebiet ausfindig zu machen und lobte den damals unglaublich hohen Betrag von 2.000 Mark aus. Der Grund: Die Achtsamkeit der Berliner in Bezug auf Straftaten habe beängstigend nachgelassen. Diese Aktion erhielt große Aufmerksamkeit. Oder: Die großen Berliner Blätter stellten Reporter an die Knotenpunkte des Berufsverkehrs und ließen sie berichten, wie die abertausenden von Arbeitern, Lehrlingen und Gestrandeten morgens ameisengleich durcheinander rannten. Hiermit bewiesen die Zeitungen Sympathie, zeigten ihre Aufmerksamkeit an der Masse, die ja schließlich potenzielles Leservolk war. Wer sich am Morgen eine Zeitung leisten konnte, konnte sich wiederfinden. Er wurde beachtet. War Teil der hitzigen Urbanität.

Fritzsches Schwäche ist, die Bilder von Berliner Arbeitersiedlungen am Fin de Siècle zu wiederholen, ohne eine neue Relexionsperspektive gewinnen zu können. Dagegen stellt er Berichte aus den damals großen Zeitungen vom Berufsverkehr, aus den Fabriken oder andere Milieubeschreibungen wie von den signifikanten Orten Friedrichstraße oder Alexanderplatz. Eine intellektuelle Einbettung fehlt. Zwar zitiert er die einschlägigen Texte von Walter Benjamin und den Flaneur von Franz Hessel. Die Substanz dieser meilensteinartigen Texte macht sich der Amerikaner aber nicht zunutze. Das ist schade.

Eine andere Schwäche des Buches sind gewisse Leichtfertigkeiten bei der Übersetzung. Baudelaires Gedicht »A une passante« wird in der deutschen Fassung abgedruckt von Stefan George, dessen Übertragung wie seine Nachdichtungen Baudelaires heute als subjektiv angesehen werden.
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Als Berlin zur Weltstadt wurde
Als Berlin zur Weltstadt wurde von Peter Fritzsche (Gebundene Ausgabe - 22. Februar 2008)
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