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5.0 von 5 Sternen "Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will"
"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben. Die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben."

Diese Lebenseinsicht teilt uns der Ich-erzählende Protagonist der neuen Novelle von Martin Walser irgendwann auf den ersten Seiten mit. Und so haben seine früheren Protagonisten quer...
Veröffentlicht am 10. März 2010 von Winfried Stanzick

versus
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Typisch Walser: Eigensinnig und deshalb interessant für Fans und alle, die es werden wollen...
Schon über das Anfangszitat von Jakob Böhme bekommt der Leser einen Vorgeschmack auf den extrem ungemeinen Schreibstil von Martin Walser:
"Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben." Bemerkung hierzu: Dieses Zitat ist ernst zu...
Veröffentlicht am 2. August 2010 von David Müller


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24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will", 10. März 2010
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben. Die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben."

Diese Lebenseinsicht teilt uns der Ich-erzählende Protagonist der neuen Novelle von Martin Walser irgendwann auf den ersten Seiten mit. Und so haben seine früheren Protagonisten quer durch die Jahrzehnte immer wieder versucht, mit dem Kopf durch diese Lebens-Wand zu kommen, sei es Anselm Kristlein, Franz Horn, Helmut Hahn, Gottlieb Zürn oder selbst der alte Goethe in Walsers jüngstem Roman "Ein liebender Mann".

Die vorliegende Novelle "Mein Jenseits" ( man munkelt, es sei ein Teil aus dem dicken neuen Roman "Muttersohn", an dem Walser gerade schreibt) greift dieses mittelständische Leidensszenario aus Mann, Bürgertum und verpasstem Leben wieder auf und gibt ihm aber eine neue Wendung.

Walsers Ich-Erzähler August Feinlein, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Scherblingen, entdeckt als neue Lösung, als neuen Lebenssinn die Glaubensbereitschaft. Als Liebhaber heiliger Antiquitäten hat er sich auf eine Suche begeben, die viel "Verklärungsbereitschaft" erfordert: "Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will", sagt August Feinlein. Oder: "Unsere europäischen Vorfahren haben auch gewusst, was man wissen kann. Aber sie haben geglaubt, was sie glauben wollen. Wie schrieb der Vorfahr ( ein Vorfahr von Feinlein war der Mönch Eusebius) ? Glaube heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt. Musik gäbe es ja auch nicht wenn man sie nicht mache. Glauben, was nicht ist, dass es sei."

In dem alten Konflikt zwischen Wissensgesellschaft und Glaubensgewissheit hat sich Martin Walser in diesem Alterswerk für den Glauben entschieden. Nebenbei hat er eine köstliche Geschichte geschrieben über die Männerkonflikte in einem psychiatrischen Krankenhaus, uns viel gelehrt über die Bedeutung von Reliquien und das, was sie für viele Menschen bedeuten und über allem ein Loblied gesungen auf die Verschrobenheit und Kauzigkeit des Alters und auf das Unerklärliche. Er hat mit August Feinlein und seiner Geschichte, die ihn schlussendlich in die eigene Psychiatrie bringt, einen schelmischen Helden erfunden, der weiß, dass Glaube Selbstbetrug sein kann und sich trotzdem genau und zielstrebig dafür entscheidet. Ein heiteres Buch, das viel zu sagen weiß über existentielle Erfahrungen und das einen mit großer Spannung auf den schon erwähnten Roman warten lässt.
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48 von 54 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wörter für ein Glaubensgefühl, 9. Februar 2010
Von 
Thomas Holtbernd "Thomas Holtbernd" (Bottrop) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Martin Walser erzählt eine Geschichte und die Wörter machen sich selbständig. Es entfaltet sich ein Credo, das wie von einem alten Mann, der komisch geworden ist, zu stammen scheint. Dieser alte Mann "...will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst." Wie Augustinus entwirft der Protagonist Augustin Feinlein seine confessiones. Martin Walser schreibt diese Bekenntnisse jedoch nicht als Bekehrungsgeschichte. Die Novelle ist eine Offenbarung und eine Ode an die Liebe. In den Konflikt zwischen einem Chefarzt und seinem Nachfolger oder dem rein naturwissenschaftlichen Weltbild und dem Glauben an die Macht des Wortes, lässt der Autor eine Geschichte um Reliquien entstehen. Für den Leser/die Leserin wird erfahrbar, wie Wörter ein Glaubensgefühl entstehen lassen: "...dass der Glauben die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch." Das Besondere an dieser Hommage an den Glauben ist die grenzenlose Offenheit, das Nichtmissionarische. Ob Glauben oder Nichtglauben, das ist belanglos. Es geht um den Raum, der durch die Öffnung für den Glauben entsteht. Ein Mensch, der eine Reliquie entwendet, wie Augustin Feinlein, kommt auf diese Weise dem Unerklärlichen nicht näher. "Das Unerklärliche bleibt verschlossen..." Und dennoch hat es Martin Walser in genialer Weise geschafft, das Sakrale des Menschseins, das Symbolhafte der Liebe in Worte zu fassen. Er bietet Wörter an, er lässt Zwischenräume, er lässt durchdringend spüren, wie tiefmenschlich Glaube ist. Dabei biedert er sich nicht an, er tut es für sich und lässt die LeserInnen teilhaben. Dass er dabei eine typisch katholische Glaubenswelt entfaltet, stört nicht, es geht um mehr.
Der alte Mann hat in seinem Komischwerden fantastisch einen Nerv der Zeit erfasst. Es ist zu hoffen, dass diese Novelle auf den Bestsellerlisten landet und die vielen oberflächlichen Elaborate himmlisch überflügelt.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wir glauben mehr als wir wissen, 28. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Eine Geschichte des älter Werdens, der Ablösung. Die Geschichte Augustin Feinleins, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhuauses Scherblingen und Reliquienforscher. Zunehmend entgleitet ihm, was ihm wichtig ist. Aber er lebt im Bewusstsein, dass Glaube Liebe ist. Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt. Die kreative Kraft des unnahbaren Unerklärlichen wofür man auf Erklärungen hofft. Glauben, was man nur lernt wenn einem nichts anderes übrig bleibt, macht die Welt schöner als das Wissen, diese Einsicht wird zu Augustin Feinleins Daseinsgefühl

Er entwendet das Heiligblut-Kreuz, ein Reliquiar das sein Vorfahr vor der Gier des Staates gerettet hatte. Zu Christi Himmelfahrt findet der "Blutritt" trotz fehlender Reliquie statt. Die Geistlichkeit lässt die Gläubigen, die zu Tausenden den Weg der Pferdeprozession säumen im Glauben, sie würden mit der echten Reliquie gesegnet. Es bestätigt sich, es ist nicht wichtig, ob Reliquien echt sind und noch ein bisschen mehr.

Eine tiefsinnige Novelle umrahmt von einer Glaubensgeschichte. Unbedingt zu lesen!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Typisch Walser: Eigensinnig und deshalb interessant für Fans und alle, die es werden wollen..., 2. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Schon über das Anfangszitat von Jakob Böhme bekommt der Leser einen Vorgeschmack auf den extrem ungemeinen Schreibstil von Martin Walser:
"Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben." Bemerkung hierzu: Dieses Zitat ist ernst zu nehmen im Laufe des Buches

Die eigentliche Handlunge des Buches wirkt nebensächlich und basiert auf einem inneren Konflikt des Protagonisten:
siehe auch: "...Dr. Bruderhofer ist ein Nebenproblem. Und es würde den Sinn meines Kampfes seriös verfälschen, wenn ich gegen Dr.Bruderhofer recht haben wollte." (s.20)

Ähnlich seinem bekannten Buch "Das fliehende Pferd" Ein fliehendes Pferd entwirft Walser mit "Mein Jenseits" Mein Jenseits eine eigenbrödlerische Novelle, in dem zwei völlig unterschiedliche Menschentypen unfreiwillig (!) miteinander klarkommen müssen:

Dr. Bruderhofer, extrovertiert, lebt sein Leben nach außen hin demonstrativ, weiß sich und seinen Körper zu präsentieren, tanzt, lacht und nimmt kein Blatt vor den Mund.
Der jüngere ärztliche Direktor habe sich in Feinleins Krankenhaus nur deshalb berufen lassen, weil er selbst "schnell Chef werden wollte".
Der andere (Protagonist und Ich-Erzähler Prof. Dr. Dr. Feinlein) fühlt sich zu Recht von dem Jüngeren gemobbt und übervorteilt, ist aber zu stolz, zu eigensinnig und wohl auch zu alt, als dass er sich dies eingestehen würde - so bleibt ihm scheinbar keine Wahl:
Er flüchtet sich lieber in sein eigenes Jenseits, um schlussendlich für sich selbst und nur (!) für sich selbst zu "gewinnen".

Man könnte manchmal meinen, die Behauptungen von Bruderhofer stimmten:
Er nennt ihn "alten Knaben", "paranoid" und einen "Chef, an dem die europäische Aufklärung spurlos vorübergegangen sei" (S. 99).

Der Protagonist tritt gewohnt stur und eigenbrödlerisch auf, wie Walser es eben gerne hat -
Leser, die schon zu Beginn einen klaren roten Faden erwarten wird dies aber eventuell etwas nerven - aber das ist eben typisch Walser, wie ich finde.
(Wie schon bei seinem Roman "Das fliehende Pferd" gewinnt am Ende die Toleranz, oder anders gesagt: Keiner von den beiden Rivalen - genauso wie am Ende keiner "Recht" hat.

Eigensinnig in Sprache und Gedanken macht Walser keinen Hehl daraus, dass menschliche Schwächen genauso wie offenkundige Überlegenheit und daraus entstehende gesellschaftliche Hierarchien schlussendlich nichts über einen Menschen aussagen. Diese Kernaussage schätzte ich bei Martin Walser schon immer.
So wirkt das Buch zwar einerseits etwas mitleidig, andererseits aber auch sehr stolz !!

Für Walser sind die Menschen immer alleine. Es zählen die innersten Gedanken und Überzeugungen, denn nur diese können für ihn letztlich Frieden in der Seele eines Menschen schaffen.
Handlungen sind dabei nur Oberflächlichkeiten, denen sich ohnehin nur der extrovertierte Menschenschlag ( alias Rivale Dr.Bruderhofer) bedienen kann.

Das Buch ist meiner Meinung nach zwar raffiniert konstruiert, was mir sehr gefallen hat, aber schlampig überarbeitet (was mich prinzipiell nicht stört, da es mir natürlich um den Inhalt geht).

Versuch eines Fazits:
Die gewollte Aussage dieses Buches leitet den Leser klar und gezielt in eine bestimmte Richtung:
Walser scheint mit dieser neuen Novelle den Glauben schon mal entmystifizieren zu wollen - es ist völlig unwichtig, WAS man glaubt und ob es wirklich WAHR ist, was man glaubt.
Er belegt die Tatsache: Glaube ist für alle da, man muss nur glauben KÖNNEN, der Rest ergibt sich von alleine. Für Walser funktioniert der Glaube wie ein Antidepressiva, mit der Nebenwirkung als "komisch" betrachtet zu werden.
Deshalb scheint es nur eine Notlösung zu sein:("Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon." (S.66)
- Klingt allgemein sehr nach Hobby-Psychologie: Das Ergebnis zuerst und dann die Ursache -

Danke für die Aufmerksamkeit - freue mich auf Kommentare aller Art !
David Müller
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein sehr seltsames Bekenntnis, 14. Mai 2010
Von 
gigunelsa - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Nachdem ich sämtliche Werke Walsers gelesen (und zum größten Teil bewundert) habe, einschliesslich der wunderbaren Biografie von Jörg Magenau, war es wohl selbstverständlich, auch dieses Buch, genannt "Novelle" kennen zu lernen.
Leider wurde ich sehr enttäuscht, es beschreibt den geistigen und psychischen Niedergang eines Psychologie-Professors, Leiter einer Anstalt, der sich in Glaubensdingen total verstrickt, sich in Bilder in Rom versenkt (was für mich sogar noch nachvollziehbar war), dann aber in seinem Reliquien-Wahn komplett durchdreht. Eine unerwiderte Liebe wird auch noch eingebaut.
Stellenweise gab es ein paar sehr gute, nachdenkenswerte Formulierungen, aber der große Teil war eigentlich mehr oder weniger das Geschwafel eines psychisch Kranken, mit einem religiösen Wahn behafteten Mannes.
Ich frage mich, ob M. Walser damit eine Satire auf die katholische Kirche bezweckte, denn manchmal kamen die Bekenntnisse und Aussagen für mich so daher, oder ob es einfach Ausdruck eines alternden Autors ist, der sich im Grunde jetzt schon alles erlauben darf.
Daher gibt es auch 4 Sterne, mit Respekt für das gesamte Lebenswerk Walsers.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kunst ist Gottesbeweis - bei Martin Walser, 12. Februar 2010
Von 
Günter Nawe "Herodot" (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
"Aber dass der Glaube die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch." So jedenfalls das Credo Martin Walsers, der sich mit dieser Novelle auf einige theologische Spekulationen einlässt. Denn - und das darf man vermuten: Walser ist Feinlein.

Wer aber ist Augustin Feinlein? Eine typische Walser-Figur und Held der Novelle "Mein Jenseits"; ein etwas komischer Held, der mit Erreichen des 63. Lebensjahres aufgehört hat zu zählen. Kurios seine Lebensgeschichte, die er, immer wieder unterbrochen von religiös-philosophischen-künstlerischen Betrachtungen, erzählt. Von einer ehemals Geliebten mehrfach verschmäht, als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik wenig erfolgreich und vor allem von seinem Konkurrenten gemoppt, mit einer heimlichen Liebe für den Küsterdienst und einer Obsession für Reliquien gibt er ein ziemlich indifferentes Bild ab.

Der Glaube aber, der die Welt schöner macht, wird von ihm mit Zweifel und Verzweiflung bezahlt. So begibt sich Feinlein auf die Reise nach Rom, wo er einen Selbstfindungsprozess erlebt und quasi ein Erweckungserlebnis hat: vor dem Bild "Madonna die Pellegrini" des großen Caravaggio. Denn Kunst ist ein Gottesbeweis (und den hat er gesucht), der sich in diesem Bild dokumentiert. Hier findet Feinlein Erlösung - und sein Jenseits. Wirklich?

Walser bleibt an dieser Stelle und anderen ziemlich verschwommen. Der Schluss der kleinen Novelle, die als Vorstufe zu einem großen Roman ("Mutter Sohn" soll er heißen und 2011 erscheinen), mit der wunderbaren Szene, in der ihm sein Konkurrent auch noch die Sekretärin "entführt", ist allerdings sehr gekonnt inszeniert, der Reliquienklau aber doch eine etwas übertriebenen Farce.

So ist hat diese Novelle rein handwerklich Licht und Schatten. Die "Tendenz" aber - oder sind das Walser'sche Selbsterfahrungen? - liegt im Trend einer gesuchten neuen Spiritualität. Hier speist sie sich aus Kunst, Religion und Liebe, die alle die "Anziehungskraft des Unerklärlichen" haben. Unerklärlich jedenfalls wie auch die Faszination durch die Caravaggio-Madonna mit dem Gottesbeweis: "Sie hat es gegeben, Sie ist mein Jenseits. An sie zu glauben ist einfach". Und doch ist auch diese "Offenbarung... das Geheimnis".

In jedem Fall ist diese kleine Novelle eine tiefgründige, eine nachdenkliche Arbeit, die sich positiv von den Werken der letzten Jahre abhebt. Hier hat Walser zurückgefunden zum dem, was er mit dem "Fliehenden Pferd" geleistet hat.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Am Korrektor gespart, 15. März 2010
Von 
Roland Scheerer (Wolnzach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Wenngleich selbst nicht katholisch, habe ich doch immer eine gewisse Faszination und Anerkennung übrig gehabt für das Sinnlich-Mystische, das dem Katholizismus eigen ist. Ausgerechnet in Walsers Novelle finde ich diese Faszination aber nicht wieder. Da wird seitenweise Faktenwissen über Reliquien und Klöster referiert, als ob es keine entsprechende Sachliteratur gäbe. Und Rom als Ort geheimnisvoll-süßlicher Erlösungsahnung? Hat man halt schon oft gelesen, irgendwo. Spätestens Josef Winkler hat eigentlich alles dazu gesagt. Die salbungsvollen Bonmots von Walsers Erzähler, der andauernd belehrt und angeblich keinen Wert darauf legt, ob man ihn versteht, sind immer hart an der Grenze zwischen Altersweisheit und Plattitüde, vielleicht soll das so sein. Eine Handlung gibt es auch in der Novelle, schon richtig. Die ist nur ganz zart ausgeprägt und gerät irgendwann ganz in den Hintergrund, weil man all seine Konzentration darauf richtet, den nächsten Druckfehler zu finden. Völlig unerklärlich, dass es für ein Korrekturlesen nicht gereicht hat. Jeder Deutschlehrer aus der Provinz hätte das doch gratis gemacht, einmal über einen Walser-Text drüberzugehen, wenn man ihn freundlich drum gebeten hätte. Nobody is perfect, aber die Masse an Rechtschreibfehlern in diesem Buch ist eine Beleidigung des Lesers. Dafür aber auf bibliophil machen mit haptisch wertvollem Kartoneinband und weitem Zeilenabstand. Diesen Verlag hat der Text nun auch nicht verdient.
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Anfangs begeisternd, dann enttäuschend..., 15. Februar 2010
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Wer mit dem neuen Walser beginnt, wird auf den ersten Seiten entscheiden, zu kaufen. Walser schreibt auf eine Art und Weise, wie man es nur noch einfach klasse finden kann. Er beschreibt, wie merkwürdig komisch wir werden können, wenn wir älter werden. Er beschreibt anfangs darin, auch das komische Verhältnis zweier Brüder auf einem Bauernhof.

Doch je weiter ich las, desto sonderbarer, unverständlicher und verworrener habe ich die neuen Novelle "Mein Jenseits" gelesen. Sich mit der Aktualität von christlichen Reliquen zu beschäftigen, anhand eines Ich-Erzählers, der daran seine Faszination Raum gibt, erscheint mir dann doch ein wenig, als ob es leichten Staub angesetzt hätte. Immer zäher zu lesen, sodass ich im Laufe des Buches ja fast das Interesse verloren habe, jenem älteren Herrn noch zu folgen, der sich für mich auf eigenartige Weise immer mehr entfernt hat. Schade.

Der Ich-Erzähler Augustin Feinlein, ist dreiundsechzig, er wird nie älter, und sagt auch nicht, seit wievielen Jahren er denn nun dreiundsechzig ist. Er besucht die Bauernbrüder, reist nach Rom, und verliert sich in der Reliqien-Deutung. Angeblich ist er Leiter einer Klinik und steht in Kokurrenz mit dem ärztlichen Direktor. Eine etwas komische, und einseitige Darstellung aus der Ich-Perspektive, das Pendent kommt eigentlich nie zu Wort.

So begeistert ich anfangs war, so verworrener, unklarer habe ich hier Walser erlebt. Als ob die Richtung plötzlich unklar werden würde, und man sich als Leser verunsichert fühlt. Der Ich-Erzähler, wirkt fast schon wie ein Patient aus der Psychiatrie, zumindest trägt er Züge davon. Als er gegen Ende eine Monstranz entwendet und von der Polizei vernommen wird, wirkt das ganze irgendwie, als ob ein psychisch Kranker vernommen wird, von dem man nicht mal weiss, ob er überhaupt schuldfähig sei. Walser's Geschichte mündet letztlich in der Unerklärlichkeit. "Mit dem Unerklärlichen kann man nur leben, wenn man auf die Erklärung hofft."

Mit einem jedoch, hat Walser mit Sicherheit recht, nämlich mit seiner Aussage:
"Wir glauben mehr als wir wissen." Dem kann man sich nur entschieden anschliessen.

Eigentlich hätte es völlig gereicht nur die ersten 25 Seiten, dieser hundertneunzehnseitigen Novelle zu lesen, das wäre völlig ausreichend gewesen. Zumindest, kann man diese nochmal von vorne geniessen..Ob solch eine christlich angehauchte und leicht mit Staub angesetzte Auseinandersetzung mit Reliquien ein Bestseller werden soll, stelle ich eher in Frage. Eine verwirrende Story um den Leiter einer psychiatrischen Klinik die so unbedeutend ist, wie der Zusammenhang von Religiösität und Kunstgegenständen...Eine belanglose Dahergeplauderei über eine Dimension, über auch ein Martin Walser mit Sicherheit keine Ansprüche setzen kann, wenn er von "Mein Jenseits" spricht...
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Glauben, was nicht ist, 2. März 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
Zugegeben, einst war ich ein glühender Verehrer Martin Walsers - bis Ende der 90er Jahre.
Mit etwa 70 Jahren schrieb Walser zwar immer noch über sein ewig gleiches Thema, doch störte mich ab "Ein springender Brunnen" die Altherrenerotik zunehmend.

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2010 und Martin Walser veröffentlicht seine Novelle "Mein Jenseits" offenbar als Teilvorabdruck des noch kommenden größeren Werks "Muttersohn".

Und kein Zweifel, auch im hohen Alter kann Martin Walser noch scharf denken und brillant formulieren. Nur wird er - wie viele alte Menschen - ein wenig komisch, wie er bereits auf der ersten Seite selber ahnt: "Der und der wird auch allmählich komisch."

Ab einer bestimmten Lebensphase schaut der Mensch zurück auf sein Leben und versucht sich mit dem Rest zu arrangieren. Es ist bekannt, dass je näher die Todesstunde rückt, der Menschen nach den letzten Dingen fragt - was kommt also danach?

"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben." Sätze wie in Stein gemeißelt.

Mir ist Martin Walser zwar als politischer Autor durchaus bewusst, nur als religiöser bisher nicht. Es gibt wenig Schriftsteller, die wie Martin Walser durch und durch in der Gegenwart gelebt und geschrieben haben. Das "Jetzt", das pralle, volle Leben war immer wichtiger als das Kommende.

"Ich weiß, dass es den Himmel nicht gibt. Aber das Wort mit allem Drum und Dran. Genau so die Hölle. Natürlich gibt es sie nicht. Aber wir haben sie geerbt. Himmel und Hölle. Innen sind wir ausgestattet mit Himmel und Hölle und mit allem dazwischen. Himmel und Hölle existieren, ohne dass wir daran glauben."

Wie kaum ein anderer Autor ist Walser ein Meister zwischen den Zeilen. Geschickt packt er sich und seine Sichten in die Narration ein. Der Leser muss schon aufpassen, sonst überliest er schnell jene entscheidenden Textstellen.

Und so gerät die Geschichte Augustin Feinleins letztlich nur (!) zur tragenden Konstruktion dieses kleinen Büchleins. In den Kammern und Fugen finden wir dann das zentrale Anliegen.

Glauben, das ist für Walser offenbar wie "Pfeifen im Dunkeln": "Ich will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst. Wenn mir das gelingt, wenn mir das gelänge, wäre ich der glücklichste Mensch in dieser Welt."

Feinlein / Walser braucht jetzt den Glauben: "Egal ob es Gott gibt oder nicht, ich brauche ihn." Er weiß aber auch: "Gäbe es Gott, dann gäbe es kein Wort dafür."

Martin Walser schreibt: "Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon." Denn "Mit dem Unerklärlichen kann man nur leben, weil man auf die Erklärung hofft."

Und auf den Punkt gebracht: "Glauben, was nicht ist. Dass es sei."

Walsers großes Vorbild Goethe stirbt im Alter von 83 Jahren. Walser stellt im gleichen Alter die entscheidenden Fragen.
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11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Credo quia absurdum est" ["Ich glaube, weil es widersinnig ist"]. (Tertullian, auch Augustinus zugeschrieben), 13. Februar 2010
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mein Jenseits. Novelle (Gebundene Ausgabe)
"Daß es uns an Glauben fehle, kann man nicht sagen. Allein die einfache Tatsache unseres Lebens ist in ihrem Glaubenswert gar nicht auszuschöpfen. Hier wäre ein Glaubenswert? Man kann doch nicht nicht-leben. Eben in diesem >kann doch nicht< steckt die wahnsinnige Kraft des Glaubens; in dieser Verneinung bekommt sie Gestalt." (Franz Kafka; in:Zürauer Aphorismen)

Martin Walser (1927-) hat nun sein neues Werk veröffentlicht. Wieder ein Werk, welches mit dem Alter spielt. Augustin Feinlein, ein immer währender 63-jähriger betrachtet die Ziele seines Lebens und sein Leben aus den Sichten der Geschichte, der Kunst und der Religion. Selbstbezogen stellt er sein Jenseits vor, eines, was andere nicht haben können, entfernt von dem, welches allen zuteil werden soll. Sein Jenseits ist die Überzeugung für sich selbst, die Glück und Freude verheißt. Ist Religion eine generative Frage? Walser ist älter geworden, auch religiöser? Die Frage ist offen. Feinlein stellt fest, dass die Entstehung des Jenseits an Glaubensleistungen gekoppelt ist. So impliziert er, das Glauben mehr als Wissen ist (vgl. Schopenhauer, P&P II, §175). Nicht es zu wissen, ist der Punkt, hier will Feinlein auch beweisen, dass es keiner Existenz bedarf, um etwas zu glauben. Dieses zeigt sich in der Kunst in Rom (Caravaggios Madonna dei Pellegrini) und an den Reliquien seiner Heimat, denen man Wahrheiten unterstellt, die nicht nachweisbar sind aber geglaubt werden. In beiden Fällen erscheint dem Betrachter die volle Schönheit, die in ihr immanente Fraglosigkeit, die das 'daran-glauben' impliziert. Eine Gebetskraft, wie sie auf Caravaggios Bild erstrahlt, macht Feinleins Jenseits schön. So schön, wie es die Liebe schafft bezüglich der Frau seines Herzens. Liebe, die in der Unerreichbarkeit strahlt und die ein daran glauben so nötig macht, wie es die Transzendenz, das Unerklärliche, das Unsichtbare auch fordert. Es gilt das Nietzsche Wort auch hier: "als ästhetisches Phänomen [ist] das Dasein der Welt zu rechtfertigen" und dem toten Gott stellt auch Nietzsche eine alternative Religion gegenüber: die Kunst.

Glauben heißt lieben, lieben heißt glauben - so die vica versa Aussage von Feinlein, dem alternden Professor einer psychiatrischen Anstalt. Dem entfernt Unsichtbaren steht eine "Sehnsucht gegenüber, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überläßt, erfährt man, wohin sie einen haben will". Vorstellung und Wille, Imagination und Glauben stehen hier bei Martin wie bei Alissa Walser Pate für ihre jeweils brillanten literarischen Ideen. Rom als das Jenseits, als ewige Stadt, ein ewiges Jenseits, das Jenseits und damit Glück als andauernde Leistung wie ein "Schrei mit soviel Luft, wie du brauchst". Jenen großen Künstlern in Rom kann man den Himmel überlassen und alles was drin ist. "Gott und so weiter." Kunst ist Religion oder was dem Goethe Verehrer Walser sicherlich geläufig ist: "Wer Kunst hat, hat Religion. Wer keine Kunst hat, habe Religion." (Goethe).

Wenn die Welt schon nicht dem Menschen entspricht, schreibt er, dann soll der Mensch ihr entsprechen. Sieh auf die Welt, dass sie dich erkennt (Alissa Walser) ist dieses sprachbildlich Übereinstimmende einer Realverwandtschaft, denn beide scheinen zu wissen, "dass der Glaube die Welt schöner macht als das Wissen". Die Menschen schaffen sich etwas, woran sie glauben wollen und gewinnen dadurch die Erkenntnis, dass es dieses nicht gibt. Glauben also, weil uns etwas fehlt. "Ein bewiesener Gott ist kein Gott", sagt Karl Jaspers und Walser schlägt diese Richtung ein, wenn er postuliert, gäbe es ihn, könnten wir nicht von ihm sprechen. Feinlein steht im Widerspruch zu sich selbst. Er sucht und er zweifelt. Er findet und er ist verzweifelt. Glaube und Liebe sind diese beiden Pole, die Walser bravourös verbindet, beide unter ein Motto bekommt, weil sie nicht sichtbar sind, beide unter eine Prämisse denkt, weil sie absurd sind. "... denn wir wandeln im Glauben, und nicht im Schauen." (2Kor 5,7; vgl Hebr 11,1 und Kafkas Betrachtungen 50)

Ich liebe, weil es absurd ist (Amo quia absurdum est) könnte dieser Aphorismus lauten, allerdings einer unter vielen, die Walser hier beredt und elegant mit Tiefgang äußert. Feinlein ist sein Alter Ego. Wie im Meßmer verbirgt er sich unter höchster Entblößung. "Schön, sich zu entkommen" ist Feinleins Wechsel von der "Sekunde des Glaubens" ins Verhältnis der "tausend Stunden des Zweifels und der Verzweifelung". Und doch entkommt er sich nicht wirklich, weil der Igel - das Unerklärliche - schon dort ist, wohin der Hase - er selbst - hin will. Diese örtliche, zeitliche wie metaphysische Gleichzeitigkeit fordert ein Sprechen, ein sich äußern gegenüber dem Unerklärlichen. Walser personifiziert das Metaphysische nahezu und spricht dieses so an, dass das Unerklärliche selbst eine Stimme erhält. Wie Rilke seinen Apollo Torso zum Betrachter werden lässt, spricht Walsers Unerklärliches zu Feinleins tiefsten Inneren und das heißt nicht mehr, als daran zu glauben. Heißt aber auch, mit dem Unbekannten, Unerklärlichen nur leben zu können, wenn man auf Klärung hofft. Damit impliziert Walser auf einer tieferen Ebene den Dreiklang aus dem Paulusbrief an die Korinther 1Kor 13,13: Glaube, Hoffnung, Liebe. Und doch ist sein Glaube weniger eine 'religio" als vielmehr ein 'fides", jenes vorbehaltlose Vertrauen in eine Welt, die wahrheitsfähig ist und damit einen Vorschuß eines Jeden an Vertrauen und Glauben verdient.

Walsers "Mein Jenseits" ist ein Teil eines neuen Romans Muttersohn. Bedenkt man seine letzten Werke, insbesondere seine Goethe Adaption "Ein liebender Mann", dann ist er auch hier auf Sinnsuche im Alter, allerdings mit einer deutlichen Präferenz, für sich sein (sic!) Leben im Glauben zu betrachten. Die Meinung anderer wird hinfällig.

Conclusio: Die Walser Lektüre ist sehr zu empfehlen. Sie ist tiefgründig, Raum lassend. Sie oszilliert zwischen Suchen und Finden, zwischen Wissenschaft, Kunst und Religion. Sie macht nachdenklich, wenn man es zulässt, weil sie den Sprung wagt in die Anerkenntnis des Glaubens ohne Forderung. Sie fordert und fördert den individuellen Gedanken über das Jenseits. Aber auch ein intensives Buch, man legt es nicht aus der Hand.
~~

PS
Muttersohn ist erschienen, dieses Buch entspricht einem Kapitel aus dem neuesten Werk vom Juli 2011
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Mein Jenseits. Novelle
Mein Jenseits. Novelle von Martin Walser (Gebundene Ausgabe - 4. Februar 2010)
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