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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sarrazin, Wahrheitssucher oder bloß Geldverdiener?, 13. November 2011
Von 
Volkmar Weiss - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein Jahr nach Sarrazin: Eine Debatte und ihre Folgen (Broschüre)
Nach einem Jahr fällt, wie diese Broschüre treffend feststellt, die Bilanz des Sarrazin-Buches mehr als ernüchternd aus: Irgendwelche politischen Veränderungen in der von Sarrazin beabsichtigten Richtung haben sich keine ergeben. Im Gegenteil, die Entwicklung ging in der entgegengesetzten Richtung eher beschleunigt weiter. Ich persönlich hatte das auch nicht anders erwartet.

Anfang September 2010 schien amazon.de meine Rezension des Buches nicht geeignet (um es diplomatisch auszudrücken). Der Text wurde jedoch als Google-knol bisher mehr als 7000mal aufgerufen, und als Genius-Lehrstück und in einer englischen Übersetzung in den USA veröffentlicht.

Zweifellos stellt der von Sarrazin verfaßte Text bei einer für ihn zur Verfügung stehenden Arbeitszeit innerhalb von zwei Jahren eine außerordentliche Leistung dar. Er hat sich dabei sehr frei und umfassend an Vorleistungen bedient, siehe z. B. Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik, und war bestrebt, die Bedeutung dieser Vorleistungen für ihn so klein wie nur irgendwie möglich darzustellen. Ob die offenkundigen handwerklichen Mängel seines Buches deswegen gar Absicht sind oder Oberflächlichkeit unter Zeitdruck, darüber rätselten die Kritiker. Register und tatsächlicher Inhalt klaffen weit auseinander, das fiel nicht nur mir auf, siehe "Islamkritik" bei Thilo Sarrazin: Eine religionswissenschaftliche Untersuchung.

Der eigentliche Kern der Wirkungslosigkeit des Buches liegt jedoch viel tiefer. Wie von Frank Schirrmacher und auch in der Broschüre Sarrazin lesen treffend herausgestellt, beging Sarrazin einen absoluten Tabubruch, als er in seiner herausragenden Stellung als Politiker - der er ja zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches noch war - von der Erblichkeit der Intelligenzunterschiede und von Intelligenzunterschieden zwischen sozialen Gruppen und Bevölkerungsgruppen schrieb. Doch als die Gegenmeinungen hochkochten, entschied sich Sarrazin rasch in sichere Deckung zu gehen. Statt die Politikerkaste auflaufen zu lassen, den Vogel Strauß zu spielen und ab Oktober 2010 erst einmal alle Termine abzusagen, entschied sich Sarrazin dafür, "die Auflage zu erhöhen", wie er es selbst wiederholt ausdrückte, und für die erhöhte Pension. Auch der Verlag setzte ihn unter Druck und schon nach kurzer Zeit mußte das Buch mit einer ganz vorn eingefügten Seite erscheinen, in der Sarrazin widerrief, daß er jemals behauptet hätte, Intelligenzunterschiede bestünden auch zwischen Bevölkerungsgruppen. Hätte er sich dafür entschieden, bei der Wahrheit zu bleiben, wären vermutlich keine weiteren Exemplare mehr gedruckt worden und die so schön sprudelnde Geldquelle versiegt. Das war das erste Versagen des Politikers als Möchtegern-Wissenschaftler.

Zum zweitenmal versagte er beim Parteiausschlußverfahren: Am 21. April 2011 erklärte Sarrazin vor der SPD-Schiedskommission in Berlin, die über seinen Parteiausschluß entscheiden sollte: "Es entspricht insbesondere nicht meiner Überzeugung, Chancengleichheit durch selektive Förderungs- und Bildungspolitik zu gefährden; alle Kinder sind als Menschen gleich viel wert." Warum also noch ein Gymnasium? Eine Auswahl für weiterführende Bildungswege? Narrt und verspottet Sarrazin mit seinem Lippenbekenntnis zu dem uralten Kommunistenideal der Allgemeinen Gleichheit seine innerparteilichen Gegner? Oder verhöhnt er die anderthalbe Million Käufer seines Buches, die glauben, ein Bekenntnis zu bürgerlichen Werten herauszulesen und davon entweder begeistert oder aufgebracht sind? Die Beweggründe, die Sarrazin vor Jahrzehnten veranlaßt haben, als Arbeitssuchender Mitarbeiter einer SPD-Stiftung zu werden und später in die Partei seines Arbeitgebers einzutreten, mögen nicht sehr von denen verschieden gewesen sein, mit der viele vernünftige Menschen in der DDR in die SED eingetreten sind. "Die Sozialdemokratie dient gewissen Schichten ... als Klassenerhöhungsmaschine, und zwar in demselben Maße, wie sich die Maschinerie ihres bureaukratischen Organismus erweitert und verzweigt" (so Robert Michels schon 1906). Ein technokratisches Selbstverständnis erwies sich oft als förderlich für die Karriere. Auch ich (der Rezensent) war in der sozialistischen DDR wie andere gezwungen, manches Lippenbekenntnis abzulegen, um mein Fortkommen zu ermöglichen. Was aber zwingt Sarrazin in der Hauptstadt eines demokratischen Staates, als alter Mann noch Wert auf die Mitgliedschaft in einer Partei zu legen, in der kaum noch daran zu denken ist, daß pragmatische Ansätze von einst noch jemals gegen die Ideologie des egalitären Flügels der Partei durchgesetzt werden könnten? Wissenschaftler sind oft einsam, der Politiker jedoch braucht den täglichen Beifall wie Wasser und Brot. Sarrazin entschied sich für den Beifall.

Wenn man Aussagen zu einer wissenschaftlichen Frage macht, für die es im naturwissenschaftlichen Sinne noch keine endgültigen Antworten gibt, gemeint ist die Vererbung der Intelligenzunterschiede, dann würde ein Wissenschaftler, wenn er deswegen in eine Auseinandersetzung gerät und auf Widerstand trifft, nicht zögern, Geld, Zeit, Gut und Ehre einsetzen, um seinen Standpunkt mit neuen Befunden zu stützen. Sarrazin hat mehr Geld verdient, als er je zu hoffen wagte. Aber haben sie je davon gehört, daß er nun einen Teil des Geldes dafür gestiftet hätte, die wissenschaftliche Erforschung des strittigen Themas voranzubringen?

Sarrazin eigene Zutat zum Thema ist sein Antiislamismus - und das einzige an dem Buch, das manche davon aufgreifen oder dagegen Sturm laufen. Aber es ist zugleich der schwächste Punkt seiner Argumentation. Da bei den lange in Europa lebenden Muslims eine Anpassung der Kinderzahlen und des Gebäralters an die eingeborene Bevölkerung zu erwarten ist, muß Sarrazin einen noch lange weiter bestehenden Wanderungsdruck aus muslimischen Staaten annehmen. Der wird aber aus der Türkei, aus Nah- und Mittelost und Nordafrika in absehbarer Zeit abnehmen oder gar ganz verschwinden. In Tunesien wird die Zahl von 2,1 Kindern pro Frau schon seit mehreren Jahren unterschritten, auch in allen anderen Staaten in Nordafrika geht die Entwicklung in die gleiche Richtung. Da auch der Iran und die Türkei das Selbstreproduktionsniveau soeben in unserer Zeit unterschreiten, sollte man mit etwas Gelassenheit in die Zukunft blicken. Die Wanderungsbilanz zwischen Deutschland und der Türkei ist seit 2006 negativ; d. h. es wandern aus Deutschland mehr Personen in die Türkei aus als von dort ein!

In der vorliegenden Broschüre werden sie darüber und noch manches mehr lesen.
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Ein Jahr nach Sarrazin: Eine Debatte und ihre Folgen
Ein Jahr nach Sarrazin: Eine Debatte und ihre Folgen von Institut f. Staatspolitik (Broschüre - 1. September 2011)
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