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4.0 von 5 Sternen Geschichtslektion für geschichtsferne jüngere Deutsche, 13. Mai 2009
Von 
Herbert Ammon (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Amerikafibel für erwachsene Deutsche: Ein Versuch, Unverstandenes zu erklären (Gebundene Ausgabe)
Für politisch interessierte Zeitgenossen war der Name Margret Boveri 1900-1975) dereinst ein Begriff: halbe Amerikanerin, zweisprachig erzogen, ihrer fränkischen Heimatregion verbunden, welterfahren, hochgebildet, patriotisch aus freier Entscheidung, antinazistisch. Als USA-Korrespondentin in New York zog sie 1941 Internierung und Rückkehr nach Deutschland dem Emigrantenstatus vor. 1944 ging sie als Korrespondentin aus Lissabon bewußt nach Berlin zurück, um das Finale des "Dritten Reiches" aus eigener Anschauung zu erleben. Bis zu ihrem Tode focht sie für deutsche Souveränität zwischen West und Ost, anfangs mit dem Ziel der Wiedervereinigung unter neutralen Vorzeichen, seit der "neuen Ostpolitik" als realpolitische Verfechterin deutscher Zweistaatlichkeit.

Die "Amerikafibel", gegründet auf Aufzeichnungen und Artikel, hatte sie ursprünglich bereits während des Krieges für einen Schweizer Verlag geschrieben. Unter den Bedingungen des Jahres 1945 wurde das Buch überarbeitet und aktualisiert. 1946 passierte es die britische und unter den Augen des Besatzungsoffiziers Alfred Döblin die französische Zensur. Selbst in in einer Zeitschrift der US-Besatzungsmacht fand Boveris Amerika-Buch eine wohlwollende Besprechung. Weniger nachsichtig reagierten die Behörden in Washington. Sie quittierten das von der Autorin der amerikanischen Mutter gewidmete Buch mit einem Einreiseverbot. Vergeblich beantragte die 1950 vereinsamt gestorbene Marcella Boveri mehrfach ein Visum für ihre Tochter.

Die "Amerikafibel" erschien im August 1946 in einer Auflage von 30 000. Geschrieben "für erwachsene Deutsche" fand sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein breites Publikum, darunter Ernst Jünger und Theodor Heuß. Der spätere Bundespräsident verfasste eine hier im Anhang wiederabgedruckte Rezension.

Der Titel des Buches ist Programm. In der Einleitung zur Neuausgabe kritisiert die Historikerin Heike M. Görtemaker die aus deutschen Bildungsansprüchen und Geschichtsstolz erwachsene Attitüde der Autorin gegenüber Amerika. Nicht gänzlich unberechtigt, vermag solche Kritik die Kernaussagen des Buches nicht zu widerlegen: der Kontrast zwischen dem "nach vorne" orientierten "geschichtslosen" Einwanderungsland Amerika und dem mit historisch-kultureller Erinnerung befrachteten Europa, die für Europäer oft schwer verständlichen Konventionen der Amerikaner, das missionarische Selbstbewußtsein sowie der schon von Tocqueville beklagte Neigung zum Konformismus. Mit "Antiamerikanismus" haben derlei Wahrnehmungen nichts zu tun. Allenfalls erscheinen manche Beobachtungen - etwa im damaligen Süden - im Blick auf die durch Bürgerrechtsbewegung und "neue" Einwanderung veränderte Gegenwart historisch überholt.

Am Ende ihres Buches beschwor die Autorin angesichts der Trümmerwelt die ewigen Kulturwerte, das (verlorene) "Haus, die Frucht, die Traube, in die Hoffnung und und Nachdenklichkeit unserer Vorväter eingegangen war." Sie bekannte sich zu Rilke und - für manche Nachgeborene eine geistige Todsünde - zu Spengler. Was das Buch zu einem historisch relevanten Dokument macht, ist seine Distanz zum Konzept der "Umerziehung". "Die Boveri" schrieb für Deutsche, welche den speziell von Emigranten erhobenen Vorwurf der "Kollektivschuld" an den Nazi-Verbrechen als Zumutung empfanden. Nicht allein der darin liegende aktuelle Gegenwartsbezug lohnt die Lektüre, nicht zuletzt für geschichtsferne oder historisch befangene jüngere Deutsche.
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Amerikafibel für erwachsene Deutsche: Ein Versuch, Unverstandenes zu erklären
Amerikafibel für erwachsene Deutsche: Ein Versuch, Unverstandenes zu erklären von Margret Boveri (Gebundene Ausgabe - 5. Oktober 2007)
EUR 24,90
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