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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine echte Entdeckung, 7. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Im Verborgenen, hinter den Andeutungen, die Wahrheit erahnen, das war die reizvolle Aufgabe des Lesers der Literatur in der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern.
Der Leningrader Kulturwissenschaftlers Wsewolod Petrow (1912-1978) geht in seiner Novelle „Die Manon Lescaut von Turdej“ einen anderen Weg.
Es ist ein Text der Leerstellen und Petrow ist nicht gewillt, diese zu füllen.
Er bietet keinen Schlüssel zu den Geheimnissen seiner 1946 geschriebenen, postum im Jahr 2006 erschienenen Geschichte an.
Ich möchte mir die Superlative ersparen, mit denen die deutsche Literaturkritik dieses kleine Werk überhäuft hat („Kleinod“, „Juwel!" „ die zweitschönste Liebesgeschichte der Weltliteratur nach „Djamila“).
Petrow erzählt eine "Liebesgeschichte" aus dem 2. Weltkrieg. Ein Lazarettzug der Sowjetarmee fährt von einem Kriegschauplatz zum nächsten: Es sind die Zeiten des Wartens und der Langeweile, nicht die Gräuel des Vernichtungskrieges, die die Geschichte beherrschen.
Der Ich-Erzähler, ein von Erstickungsanfällen geplagter Offizier, der Goethes „Werther“in deutscher Sprache liest (Eine Ungeheuerlichkeit in einer Zeit des Hasses, Leidens und Mordens) verfällt Vera, einer jungen Krankenpflegerin, einem zartes Wesen, das von einem Liebesabenteuer zum nächsten eilt. Seine romantische Liebe hebt sie auf eine Höhe, von der sie abstürzen muss. Er macht sie zur Romanheldin, eine Rolle, die sie nicht ausfüllen kann, die ihre Einfachheit und Natürlichkeit zerstört.
Die in Frankfurt lebenden Literatenfamilie Oleg Jurjew, Olga Martynowa und ihr Sohn Daniel Jurjew hat die Novelle in hervorragender Übersetzung sowie ebenso knappen wie wichtigen Kommentaren und dem enthüllenden Nachwort auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht.
All dies gibt den Schlüssel für die Rätsel und Leerstellen in Petrows einzigem belletistischen Text, den er übrigens in Stalins Überwachungsstaat nicht versteckte, sondern oft im Freundeskreis vorlas.
Die russische Literatur kennt viele Werke mit Verweisen auf die Weltliteratur, wie Nikolai Lesskows "Lady Macbeth von Mzensk" oder Iwan Turgenjews "König Lear der Steppe".
Auf jeden Fall ist Petrows Prosatext eine echte Entdeckung und eine dankenswerte Neuveröffentlichung!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hauptsache die Liebe blüht, und sei es auch nur für eine kurze Zeit, 17. März 2013
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Manon Lescaut ist die Titelheldin eines Romans von Andre Prevost aus dem Jahre 1731. Giacomo Puccini verfertigte daraus im Jahre 1893 die gleichnamige Oper mit einer Titelheldin, die seitdem für flatterhafte Liebe, Schönheit, Verrat und Unglück steht. Manon Lescauts Liebhaber, der unglückliche Chevalier de Grieux, wurde durch Prevost und Puccini gleichzeitig zum Sinnbild eines Liebenden, der seiner eigenen Liebe zum Opfer fällt, einer Liebe, die sich nicht um Würdigkeit, Dauer, Treue und Gegenliebe schert, sondern wie ein wirklichkeitsresistentes Verhängnis ihren Träger ins Unglück stürzt.

Soweit der geistesgeschichtliche Hintergrund des für viele Leser sicher zunächst einmal rätselhaften Titels. Die Sache, um die es sich dreht, ist allerdings alles andere als rätselhaft: sich in die Liebe zu verlieben, ganz unabhängig von dem Objekt der Liebe, gehört zu den primären Irrungen der Liebe, vor denen niemand gefeit ist und die die meisten schon einmal durchlitten haben werden. Was also ist neu an dem vorliegenden Werk, das vom deutschen Feuilleton geradezu enthusiastisch gefeiert wurde? Meiner Ansicht nach: Einiges - einschließlich einer ergreifenden Neuinszenierung dieses Motivs vor dem Hintergrund eines vollkommen verwandelten Bühnenbildes.

Wie sieht dieses Bühnenbild aus? Wir befinden uns im Zweiten Weltkrieges, die Auseinadersetzung zwischen Deutschland und Russland ist in vollem Gange, während ein russischer Sanitätszug mit Offizieren, Ärzten und Krankenschwestern in den Weiten Russlands zwischen den Frontabschnitten hin und her fährt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines kultivierten und introvertierten russischen Offiziers, der das 18. Jhdt. liebt, Marie Antoinette und Goethe verehrt und im Werther liest - und bezeichnenderweise an einer Herzkrankheit leidet. Dieser Offizier, dessen Namen unerwähnt bleibt, verliebt sich Vera Muschnikowa, eine der zahlreichen Krankenschwestern, die zusammen mit Ärzten und Soldaten den Waggon bewohnen. Vera ist hübsch, emotional, lebhaft, auf eine kitschige Weise romantisch und wie sie im Hinblick auf ihre Liebschaften gleich von Anfang an offenbart: chronisch unzuverlässig und launisch. Vera wusste selbst wenig über sich. Da waren nur Bruchstücke und Scherben, die sich nicht mehr zusammenfügen konnten. (...) Ich begegnete ihrer Jugend. Billige Kinos, wo man im Stehen auf den Beginn der Vorstellung wartet. Freundinnen, mit denen es nie wirklich fröhlich wurde. Treppenhäuser mit trübem elektrischem Licht, wo sie sich verstohlen die Lippen schminkten. Sehnsucht, die zu nichts führte. Armselige Feste, die in fast so etwas wie ebenso armselige Orgien mündeten. Briefchen, Jungen, Korridore in der Schauspielschule."(S. 69)

Nach kurzer Zeit wird das labile und flatterhafte Mädchen von der Liebe des ernsten Offiziers wie von einer neuen, bisher unbekannten Marotte infiziert, und bald bekennen sich beide vor der missgünstigen Waggonbesatzung zueinander. Nachdem der Zug durch eine deutschen Luftangriff beschädigt wurde, leben sie eine Zeit lang in Trudej, einem weltabgelegenen Ort im Süden von Moskau, ehe der Offizier an einen anderen Frontabschnitt versetzt wird und Vera zurückbleibt. Schon nach kurzer Zeit, als er sie in Trudej besucht, muss er entdecken, dass sie ihm untreu geworden ist - mehr noch: dass sie versucht, ihn planmäßig hinters Licht zu führen, um ihre Techtelmechtel zu leben. Den Offizier überrascht das nicht, wenngleich ihn Veras Tod infolge eines deutschen Bombenangriffes nachhaltig erschüttert.

So weit zu kurz. Nach 94 groß gedruckten Seiten ist die Geschichte zu Ende. Auf den ersten Blick nichts, was auf der Klaviatur der Liebe auch nur im Ansatz überraschen könnte. Der edle Mann, vom flatterhaften Weib enttäuscht, das wars. Wirklich? Ich finde nicht ganz, denn bei einem ein zweiten Lektüredurchgang erschloss sich mir eine andere Deutung. Der Offizier macht sich ja anders als der Chevalier de Grieux über seine Partnerin von Anfang an wenig Illusionen. Wie tief und ernsthaft er seine Vera auch immer lieben mag - auf jeden Fall begreift er, wie er selbst am Ende des Buches formuliert, die Liebe im allgemeinen wie auch seine eigene Liebe im Besonderen als eine ästhetisch intendierte Gestaltung, als ein wirkliches "Kunstwerk", geschaffen aus seinen überschüssigen Gefühlen, mit denen er eine belanglose Person behängt und zur bedeutsamen Figur befördert. Dass er damit einer solipsistischen Liebe frönt und der Person Vera Muschnikowa in keiner Weise gerecht wird, versteht sich von selbst.

So erschöpft sich das Buch trotz des anspielungsreichen Titels keineswegs nur in der Manon Lescaut Thematik sondern erschließt minutiös eine weitere Speilart der misslingenden Liebe, die wie ein Gewächs gleichsam aus dem Liebenden herausquillt und der es egal zu sein scheint, auf welchem Boden sie erblüht - Hauptsache, sie blüht, und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Konzentriert und wie in Stein gemeißelt, kommen die Sätze daher, jeder Absatz, jede Bemerkung trifft die Sache, keinerlei Geschwätzigkeit stört diese konzentrierte Mikrostudie über das Spiel der Gefühle im Umkreis von Einsamkeit und Frost.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Mensch existiert nicht, solange er sich nicht im Spiegel gesehen hat.", 6. Oktober 2012
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Von Abbé Prévosts unzähligen Schriften hat sich über die Jahrhunderte nur eine etablieren können: der Roman "Manon Lescaut". Er erzählt von einer Femme fatale, die einen tugendhaften adligen Klosterschüler all seine Pläne verwerfen lässt, obwohl sie ihn wiederholt betrügt. Die 1731 publizierte Geschichte war wie für die Oper geschaffen und wurde denn auch mehrfach vertont, am bekanntesten davon dürfte wohl Puccinis Adaption sein. Bis heute rühren die beiden blutjungen Durchbrenner, die sich zwar lieben, deren Glück aber nie lange hält, das Publikum zu Tränen - auf Bühnen und Leinwänden ebenso wie in gedruckter Form.

Auch Wsewolod Petrow, der dem literarisch-belletristischem Publikum so gut wie unbekannt sein dürfte, nahm sich diesem Thema an. 1946 verfasste er eine hinreißende Novelle, die nun erstmals von Daniel Jurjew in eine Fremdsprache übersetzt und im Weidle Verlag dem deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht wurde. Der Text des russischen Autors, der sich als Kunstwissenschaftler und Verfasser vieler Bücher über die russische Kunst einen Namen gemacht hatte, blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht. "Auch nach seinem Tod musste sie beinahe drei Jahrzehnte auf das Licht der Öffentlichkeit warten, obwohl der Autor sie nie verheimlicht hatte", berichtet Oleg Jurjew im Nachwort. Petrow las zum Beispiel an Geburtstagen seinen Gästen daraus vor und zeigte sie auch seinen Bekannten. Veröffentlicht hat er sie allerdings nie. Vielleicht weil diese kleine Novelle Inhalte transportierte, die mit der damaligen Sowjetliteratur stilistisch, philosophisch und auch politisch nicht kompatibel waren: "dieses selbstgefällige Sich-Ergötzen an schönen Bildern und schönen Sätzen statt Erziehung der Werktätigen zum Kampf für die bessere Zukunft der Menschheit."

Der namenlose Ich-Erzähler, ein feiner, nervöser und verträumter Offizier, ein kultivierter Petersburger Intellektueller, befindet sich in einer unfreiwillig zusammengeführten Gesellschaft aus Militärärzten, Apothekern, Krankenschwestern und Aushilfspersonal in einem militärischen Lazarettzug und beobachtet das bunte Treiben. Dieser Zug fährt in einer seltsamen Zwischenzeit während des 2. Weltkriegs von irgendwo nach irgendwo. Die Ortsnamen sind nur mit dem ersten Buchstaben bezeichnet. Allein die Station Turdej wird vollständig genannt, eine Eisenbahnstation im Herzen Russlands, im Tula-Gebiet, einer der "bedeutsamsten Brutstätten der großen russischen Literatur", wie Oleg Jurjew anmerkt. Sie markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Novelle.

Reduziert aufs Minimalistischste erzählt Petrow von einer Kriegsromanze als persönliche Utopie des Erzählers: die Utopie des 18. Jahrhunderts. "Ich dachte daran, wie leer mein Dasein war, und daran, dass das Leben für sich allein genommen nichts ist, eine glatte gerade Linie, die in den Raum flieht, eine Fahrspur auf einem Schneefeld, ein verschwindendes Nichts. 'Etwas' beginnt dort, wo die Linie andere Linien kreuzt, wo das Leben ein fremdes Leben betritt." Er macht einen lebendigen, wirklichen und realen Menschen - die unstete, einfache Vera-Manon Muschnikowa - zu einer Romanheldin ("Sie ähnelt gleichzeitig Marie-Antoinette und Manon Lescaut") und damit zum Spielball seiner Sehnsüchte und "zum Spielzeug seiner persönlichen Mythen". "Auf der Pritsche liegend, hatte ich mir die Liebe zu dieser sowjetischen Manon Lescaut ausgedacht. Ich hatte Angst davor, mir zu sagen, dass es nicht so war, dass ich mir nichts ausgedacht hatte, sondern tatsächlich alles vergessen und mich selbst verloren hatte und nur davon lebte, dass ich Vera liebte." So etwas kann natürlich nicht gut enden und endet tragisch.

"Die Manon Lescaut von Turdej" offenbart sich dem Leser wie ein Gemälde von Isaak Iljitsch Lewitan, einem der bedeutendsten russischen Maler des Realismus. Hier wie dort sieht man trotz ihrer literarischen Reduktion "die bewegungslose Daseinsfülle jedes Dings, das gegen die Zeit und gegen Veränderungen gefeit ist." Zudem atmet das schmale Büchlein den Geist der russischen Literatur eines Tolstoi, Turgenjew oder Leskow. Ihm wohnt ein eigenartiges und rätselhaftes Glücksgefühl inne. Gleichzeitig zeigt der Text dem Leser, dass das Leben in einer Utopie, fern barer Realität, nicht möglich ist.

"Die Zeit war irgendwie vom Weg abgekommen: Sie verband nicht das Vergangene mit dem Zukünftigen, sondern lenkte mich zur Seite." (aus "Die Manon Lescaut von Turdej")
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessante Bereicherung des Repertoires; allerdings wird auf dieser Seite auch etwas übertrieben, 10. Dezember 2012
Von 
Caliban (Süddeutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
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Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Auf das Werk von Petrow wurde ich, wie wohl die meisten, die hier nachsehen und rezensieren, durch eine Besprechung im Feuilleton aufmerksam. Es handelt sich um eine interessante kleinere Novelle, allerdings nicht - wie der Verlag anpreist - um eine der schönsten Liebesgeschichten des Zwanzigsten Jahrhunderts; da kommen ganz andere Kaliber in den Sinn. Leider wird gerade auf dieser Seite wieder einmal etwas übertrieben.

Das Werk umfasst 97 Seiten und ist dabei in sehr großer Schrift gesetzt. Ein geübter Leser benötigt für die Lektüre höchstens anderthalb Stunden. Anmerkungen zu dem Werk und ein Schlusswort hinterlassen einen positiven Eindruck. Die Geschichte spielt während des Zweiten Weltkriegs in einer sowjetischen Lazarett-Abteilung, die sich in einem Eisenbahnwaggon zum Fronteinsatz befindet. Auf der schier endlosen Reise kommen sich zwei Personen näher: Der Ich-Erzähler, ein Offizier, und eine Krankenschwester (Vera). Die Erzählung bleibt außerordentlich nüchtern: Abends am wärmenden Ofen (mitten im Zugabteil) prescht der Held gegenüber Vera vor, ohne zu wissen warum. Die Gefühle setzen erst später ein. Da die Krankenschwestern in der "klassenlosen Gesellschaft" auf dem alleruntersten Rang leben, verbergen beide zunächst ihre Beziehung, vor allem auch vor einer eifersüchtigen Ärztin. Die Erzählung ist sehr nüchtern und eher melancholisch-verhangen. Der Held sieht in seiner Vera, die wohl eine Reihe von Affairen durchlebt hat, eine Manon Lescaut. Da ich den Roman von Prévost ebenso gut kenne wie die Opern von Massenet und Puccini, kann ich hier leider nicht ganz folgen. Vera ist eine wesentlich schlichtere Kindfrau. Das Hin- und Hergerissensein zwischen Klosterschülerin und Maitresse, Diebin und Heiliger, das den Chevalier des Grieux in den Wahnsinn treibt – und der Leser fühlt dabei ständig mit ihm – stellt sich hier überhaupt nicht ein. Der Erzählstil bleibt nüchtern. Der Leser bemerkt nur, welche emotionalen Spannungen der Held selbst mitbringt, wie sehr er sich von seiner Vera distanziert und ihr misstraut. Letztlich projeziert er „Idealfiguren“ wie Marie-Antoinette und Manon Lescaut auf eine reizend lebenslustige Frau und wird ihr dabei kaum gerecht. Weiter will ich nichts verraten. Die kleine Novelle ist psychologisch interessant geschrieben, aber nicht so außergewöhnlich, dass man ihren Verfasser mit den „großen Russen“ (Gontscharow, Lermontov, Turgeniew oder Dostojewki und Tolstoj) nennen könnte. Ich finde das Bändchen gemessen an Inhalt und Umfang leider auch etwas „overprized“
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Manon Lescaut im Lazarettzug, 6. Februar 2013
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Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Zum Inhalt ist alles schon im Titel der Novelle gesagt und bei den Rezensenten unten. Manon Lescaut in Turdej ist eine russische Variante der immer wieder gleichen Geschichte der Liebe eines Mannes zu einer femme fatale. Auf nicht einmal 100 Seiten erleben wir in einem Wagon eines Lazarettzuges, der sich hinter der Front - von langen Pausen auf Nebengleisen unterbrochen - scheinbar ziellos durch die weite, verschneite, russische Landschaft bewegt,Szenen der Liebe, Eifersucht, Sehnsucht und Melancholie.
Die aus der Novelle zitierten Passagen (siehe oben) geben einen guten Eindruck vom feinen Sprachgefühl Petrows. Insgesamt ein Lesevergnügen das nachwirkt.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Manon Lescaut von Turdej, 25. Dezember 2012
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Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Nietzsches Gedanken über dionysische und apollinische Kunst überträgt der Autor der Novelle, Petrow, auf die Liebe. Den dionysischen Part hat Vera, das Nymphchen "aus dem Stamm der flammenden Menschen,die außerhalb der Form leben". Apollo,von Beruf Offizier, herzkrank, "durch die Form bestimmt", besser wohl: eingeengt, schreibt die Liebesgeschichte im Ichstil und trägt dabei Goethes "Leiden des jungen Werther" in der Brusttasche, ein Sinnbild der vergeblichen Liebe. Trotz des quasi-autobiographischen "Ichs" bleibt der Offizier blass und abstrakt.
Die Liebe der Vera zum Offizier bleibt unstet, flatterhaft, letztlich Ich-bezogen..Ist der Name "Vera" eine Anspielung, wie der Autor wahre Liebe sieht?

In Puccinis Oper "Manon Lescaut" ist Vera die leichtsinnige Manon, in die sich der arme und betrogene Student Chevalier de Grieux verliebt. Manon wird aus Frankreich ausgewiesen, ihr Student folgt ihr in die USA.

Die Handlung seiner Novelle verlegt Petrow weg aus Frankreich in das kriegswinterliche Rußland der Zeit um 1942, in einen Zug voller Soldaten und Krankenschwestern, der durch die verschneite Steppe irrt, wie auf der Flucht. Nur als der Zug bombardiert wird und Soldaten und Krankenschwestern in einen kleinen Ort ausquartiert werden, finden Vera und "Ich" Zeit und Raum für die Liebe.

Während Manon, verbannt in die USA, in der Wüste verdurstet, stirbt Vera im Bombenhagel des Krieges. Beide Männer überleben, im Gegensatz zu Goethes Werther.

Die Novelle hat nur knapp 100 Seiten. Sie ist sprachlich ein Kunstwerk, inhaltlich atemberaubend dank immer neuer Bilder und Assoziationen.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Liebesgeschichte in Kriegszeiten, 13. Mai 2013
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Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
erzählt aus der Perspektive (inkl.) Wahrnehmungen des Hauptprotagonisten. Sehr menschliche Charaktere, einfach und zugleich großartig erzählt, ein Leseerlebnis der besonderen Art... einfach großartig
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Liebe, die zart berührt, 11. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
„Vera, ich bin von Ihnen erfüllt. Sie haben alles aus mir verdrängt. Ich habe verlernt, an etwas anderes zu denken als an Sie.“

Eine russische Winterlandschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist triste, kalt und Farben lassen sich nur in Grauabstufungen benennen. Eine kurze Novelle eines unbekannten Russen, doch eine zarte Liebesgeschichte, die in der Einfachheit und Anonymität ihres Umfelds Feuer im Herzen des Lesers schürt.

„Alles wird zu einer Abstraktion, wenn die Handlung ohne Kulisse erfolgt.“

Der Ich-Erzähler, Offizier, fährt in einem Lazarettzug mit Ärzten und Krankenschwestern von einem zum anderen unbestimmten Ort, liest Goethe und verliebt sich unerwartet in die blutjunge, leichtlebige Krankenschwester Vera. Zeit und Ort bleiben dem Leser vorenthalten und scheinen auch unwichtig – irgendwie. Es herrscht Krieg. Doch die Stimmung im Zug wirkt abgeschirmt, dem Umfeld enthoben.
Der belesene Offizier, dem 18. Jahrhundert verfallen, beobachtet. Er projiziert das Bildnis der französischen Manon Lescaut aus dem gleichnamigen Roman von Abbé Prévost auf Vera, umgarnt sie mit einer Galanterie, die ihr den Kopf verdreht.

„Nein, man muss allein mit sich selbst sterben und mit der letzten Willensanstrengung die Form des Geistes bewahren, bis er selbst erstarkt in seinem neuen Schicksal.“

Geplagt von Erstickungsanfällen, ans Bett gefesselt, gibt sich der sensible Ich-Erzähler seiner deutschen Lektüre hin, um stets mit den Gedanken philosophische Erkundungsflüge zu wagen, distanziert sich dabei vom Bild des kraftvollen, proletarischen Kriegshelden. In Turdej – dem einzigen Ort in dieser kurzen Novelle – macht der Lazarettzug Halt und das Liebespaar kommt sich näher.

„Der Mensch existiert nicht, solange er sich nicht im Spiegel gesehen hat.“

Vera liebt. Vera liebt viel. Doch entdeckt sie im Laufe ihrer Romanze mit dem Offizier, dass sie niemals zuvor so sehr geliebt hat – hat sie in ihrem flüchtigen Dasein ohne sicheren Halt je wirklich lieben können? Sie trotzen dem Gerede im Zug, bilden einen Kontrast zur Kriegskälte, bringen Farbe ins Geschehen.

„Ich hatte Angst, einzuatmen und diese Stille zu durchstoßen.“

Petrow erschafft in der grauen Kriegslandschaft eine Liebe, die dank der poetisch, filigranen und dennoch geschickten Erzählweise sanft wie eine Feder schwebt, alles berührt, Aufmerksamkeit erregt – doch sich je nach Windstoß neu orientiert: überraschend tragisch.
Jahrzehntelang lag diese – im wahrsten Sinne des Wortes – zauberhafte Geschichte in der Schublade des Autors, regelmäßig ausschnittsweise öffentlich vorgetragen, doch nie veröffentlicht. 2006 in einer russischen Literaturzeitschrift erschienen, sorgte sie für Furore.
Tatsächlich fällt es schwer Worte zu finden, man fragt sich: Wie konnte der Autor auf so wenigen Seiten eine derart wunderschöne, zarte Welt erschaffen? Man hört den pfeifenden Wind aus jeder Seite heraus, spürt den knackenden Ofen, schmeckt die sanften Küsse.
Stille erhält eine neue Bedeutung und wird zum Inbegriff von Glück in dieser grauen Zeit. Eine Stille, die wahrhaftig berührt!
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Nicht verflogen ist der Zauber ..." (Schukowski), 8. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Der französische Schriftsteller Louis Aragon hat den Titel für "die schönste Liebesgeschichte der Welt" gegen Goethes "Werther" und Shakespears "Romeo und Julia" bereits in den 60er Jahren an Tschingis Aitmatows kleine Erzählung "Dshamilja" vergeben. Sollte die russische Literatur tatsächlich auch noch die "zweitschönste" für sich verbuchen können? Petrows "Manon Lescaut von Turdej", man staune, wie "Dshamilja" in der unendlichen russischen Kulisse des Zweiten Weltkriegs angesiedelt (ist denn tatsächlich so ein Weltkrieg der beste Schauplatz für die tiefsten Liebeshändel der Welt?), darf das Prädikat für sich in Anspruch nehmen. Dabei verrät der ungewöhnlich düstere Umschlag des kleinen Bandes (alle Werbefachleute werden vermutlich dringend davon abgeraten haben, der verwöhnte Leser mag ihn gar für einen Cover-Druckunfall halten!) nichts von der unendlich süßen wie unendlich bitteren Leidenschaft, der der russische Offizier in seinem Verhältnis zur ebenso unberechenbaren wie reizvollen Femme fatale eines Güterwaggons zum lustvollen Opfer gefallen ist. Nein, sie ist keine Schwester von Aitmatows "Dshamilja", wenn auch durchaus große weibliche Verwandtschaft festzustellen ist. Und vielleicht muss Vera, die Geliebte des von Liebe hilflosen Offiziers, zum Schluss auch deshalb bei einem Bombenvolltreffer gänzlich ausgelöscht werden, während Aitmatows Dshamilja und ihr vom Krieg verwundeter Danijar aneinandergeschmiegt in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Wie schön, wie wunderschön, dass die Weltliteratur wieder um eine unsterbliche Liebesgeschichte reicher ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Manon Lescaut als Kammerspiel, 1. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Manon Lescaut von Turdej: Roman. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew. (Broschiert)
Ein Militärzug im russischen Winter während des Krieges, Ärzte und Krankenschwestern. Unter ihnen eine "Manon Lescaut" und ihr "Chevalier" in aussichtsloser Liebe verfangen, bei den Mitreisenden Unverständnis und Befremden auslösend. Bei einem Angriff kommt "Manon" ums Leben.

Thema und Charaktere von zeitloser Bedeutung, faszinierend wie vor 250 Jahren: Seelische Abhängigkeit ohne Aussicht auf Erlösung, ein tragisches Kammerspiel im Sanitätswaggon.
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