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95 von 98 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk der Lebensphilosophie!, 22. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Die "Essais" von Montaigne gehören für mich zu den größten Werken der Literaturgeschichte. Sie sind eine Sammlung von in sich abgeschlossenen Betrachtungen zu einem bestimmten Themengebiet. Dabei stellen sie eine Fundgrube der Lebensphilosophie für jeden Interessierten dar. Die Fülle der nützlichen Informationen und Weisheiten ist beinahe endlos und es ist phänomenal, wie jemand viele der wichtigsten Themen des Lebens so anschaulich darstellen kann. Montaignes Werk ist ein Werk über sich selbst, in dem er sich ungeschminkt präsentiert und diese Offenheit macht ihn gerade so sympathisch. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und hat auch keine Probleme über seine intimsten Details zu reden, denn "nichts, was einem Menschen widerfährt, kann unmenschlich sein". Eine absolut befreiende Philosophie! Die Ausgabe enthält nicht den kompletten Text, sondern nur eine gewisse Auswahl. Das ist aber nicht schlimm. Ich habe mittlerweile einen Teil der Komplettausgabe gelesen und festgestellt, dass doch viele Beispiele, die im Text massenhaft verwendet werden, ohne großen Sinnverlust gekürzt werden können. Auf jeden Fall ist diese Ausgabe ein sehr guter Einblick und Überblick über die Essais. Schön ist auch, dass bei jedem verwendeten Zitat, die Quelle angegeben ist. So kann man sehen, welche antike Autoren, dem Autor am Herzen gelegen haben.
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41 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der wahre Philosoph, 21. Januar 2004
Wenn man Montaigne liest, ist es fast unglaublich, dass dieser Mensch im 16.Jahrhundert gelebt hat. Fast alles an ihm ist modern. Er ist skeptisch, vorurteilslos, bescheiden, schlicht, tolerant, selbstkritisch und aufgeklärt. Er ist sozusagen der Vorreiter der französischen Aufklärung. Ein Beispiel für seine Toleranz und Selbstkritik: Als im 16.Jahrhundert die Europäer Amerika entdeckten und missionierten, ging das Gerücht oder die Tatsache, dass die anwesenden Völker dem Kannibalismus frönen. Die Völker wurde von den Europäern als Barbaren abgestempelt. Montaigne schreibt nun in seinem Essay "Von den Menschenfressern": "Ich bin nicht ungehalten darüber, dass wir die barbarischen Greuel in einer solchen Handlung brandmarken, wohl aber sehr, dass wir, die wir so gut über ihre Fehler urteilen, für die unseren so blind sind. Ich denke, dass es eine schlimmere Barbarei ist, einen Menschen lebendig zu fressen, als tot zu fressen, einen noch von Gefühlen belebten Körper mit Foltern und Qualen zu zerreißen...als ihn zu braten und zu verspeisen, nachdem er verendet ist". Herrlich! Ein weiteres Beispiel für den Beweis, dass M. einer der glänzendsten und geistreichsten Schriftsteller Frankreichs ist: In seinem Essay "Über das Beten" kritisiert er das Beten der Christen, dass nach seiner Meinung nur aus Brauch und Gewohnheit geschieht und dass wir eigentlich nicht beten, sondern unsere Gebete herrsagen und herreden. M. sagt, das Gebet "muss aus dem Herzen kommen und nicht von den Lippen". Kein Wunder, wenn Nietzsche schrieb, mit M. "würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen". Montaigne ist ohne Zweifel einer der sympathischsten Philosophen, vielleicht auch gerade deshalb, weil er kein systematischer, komplizierter Philosoph ist, sondern einfach und für jedermann, von der Aldiverkäuferin bis zum Proffesor verständlich. Schade finde ich nur, dass in der Manesseausgabe, nicht das Essay "D'un enfant monstrueux" aufgenommen ist. In diesem Essay schreibt M. die für mich elektrisierenden Worte: "Was wir Monstren nennen, ist nicht monströs für Gott, der in seinem ungeheuren Werk die Unendlichkeit von Formen einbegreift, die er darin selbst entwarf". Lesen sie Montaigne!
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22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herausragender Autor des 16. Jahrhunderts, 20. November 2001
Von Ein Kunde
Montaigne war in seiner Nüchternheit, Ehrlichkeit und Offenheit seiner Zeit weit voraus und nötigt einem heute noch Respekt ab. Ich könnte ihn mir auch heute noch als "freundschaftlicher Ratgeber" vorstellen, den man auch in heikleren Fragen konsultieren kann, ohne befürchten zu müssen, in Verlegenheit zu kommen.
Wie gut tut das im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, die viel ernster, manchmal geschraubter, manchmal kämpferischer zu Werke gingen, aber damit fast immer unmenschlicher wirken als Montaigne.
Man kann seine Essais einzeln und in beliebiger Reihenfolge lesen kann, was die Lektüre trotz der seither vergangenen mehr als 400 Jahre ziemlich einfach macht.
Die Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 2000 ist keine Komplettausgabe der Essais. Sie ist eine Neuauflage der Übersetzung und Auswahl von H. Lüthy aus dem Jahr 1953, aber durchaus nicht veraltet. Sie ist ihr Geld wert. Viel Freude beim Lesen!
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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlose Gedanken und Erkenntnisse, 20. August 2008
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Blaise Pascal musste auf Wunsch seines Vaters, die Essais von Montaigne lesen und regelrecht studieren, wobei er sich ihm später in seinem Denken widersetzte. Ich finde, dass die "Essais" leicht lesbar sind und die Gedanken und Überlegungen, die darin vorkommen leicht nachzuvollziehen sind. Somit war die Lektüre für mich ein Vergnügen, denn es gibt einige Philosophen die viel komplizierter und schwerfälliger schreiben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Gedanken und Einstellungen gegenüber unserer "Außen- und Innenwelt" über Jahrhunderte hinweg ähneln und nichts an ihrer Wahrheit einbüßen. Montaigne schrieb diese Gedankenfragmente vor fast 500 Jahren und ich kann mich heute noch mit seinen Gedanken und Gedankengängen identifizieren. Zur Untermalung seiner Gedanken zitiert er hauptsächlich römische Dichter und Philosophen wie Seneca, Lukrez.
Er schreibt gleich zu Anfang, dass er die Absicht hat sich durch das Aufschreiben der Essais besser kennenzulernen. Er will dem Leser ein unverfälschtes Bild eines Menschen, einer Menschenseele, eines Menschencharakters darbieten und als Studienobjekt nimmt er sich selbst her. Man erfährt in diesem Werk auch viel über andere Völker, wie andere Menschen leben, über Barbaren und über Südamerika. Er befasst sich auch mit dem Thema "Erziehung" und jedes Thema trägt eine Überschrift. Er schenkt uns ein unverfälschtes, sich deshalb auch wiedersprechendes Bild von sich selbst und von der Welt wie er sie sieht und scheut nicht zurück auch über seine eigenen Schwächen zu sprechen.
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24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Montaigne - nach wie vor modern, 8. August 2011
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Michel de Montaigne ist einer der großen weltlichen kritischen Geister des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Was uns Hans Stilett hier nun in gut verständliches Deutsch übersetzt hat, sind Texte die Montaigne ursprünglich nicht für eine breite Öffentlichkeit geschrieben hatte, sondern für seinen Freundeskreis. Und doch geben uns seine Texte einen äußerst guten Einblick in die Gesellschaft und das Denken des 16. Jahrhunderts und beweisen, dass ihr Autor ein kritischer und zugleich auch humorvoller Geist war.

Der Franzose beweist in seinen Texten seine Fähigkeiten genau zu beobachten, beschreiben und präzise Analysen erstellen zu können, die sich zudem so lesen lassen, dass man dabei auch gut unterhalten wird.

Montaigne zu lesen fällt nicht schwer, auch wenn die Texte Jahrhunderte alt sind. Manchmal kommt er einem geschichtlich, manchmal philosophisch und immer ist er aussagekräftig und der Leser kann selbst in unserer Zeit heute etwas mitnehmen, dass ihn und seinen eigenen Standpunkt herausfordert.

Die einzelnen Texte an sich sind kurz, prägnant und unterschiedlichsten Themen vorbehalten.

Eigentlich kann man Montaigne schlecht beschreiben, ich weiß nicht einmal ob er mehr der Hisoriker oder der Philosoph war. Montaigne muss man lesen. Viele verfallen ihm dann und sind fasziniert über das Moderne in seinen 500 Jahre alten Texten.

Für mich gehört er nicht ins Bücherregal, sondern auf den Schreibtisch, man kann ihn täglich genießen!
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch wie ein Freund, 10. September 2010
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Hier wird er mal recht gehabt haben, der alte Fritz (Nietzsche): "Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden."
Zuallererst muss man wahrscheinlich den Herausgeber und Übersetzer Artur Frank beglückwünschen. Montaignes Sprache liest sich hier so flüssig und lebendig, als wären die Essais gestern geschrieben worden. Auch die Auswahl ist nahezu perfekt gelungen, auch wenn man an manchen Stellen das Gefühl hat, dass ein für das Verständnis wichtiges Bindeglied fehlt.
Charakteristisch für die Essais ist:
* Montaigne schreibt seine eigenen Gedanken und Gefühle nieder und philosophiert nicht über irgend etwas Fiktives. Da es sich häufig um Gedanken handelt, die man sich selber nicht so gerne eingesteht, gewinnen seine Essais etwas ungeheuer Introspektives und eine verblüffende und tiefgehende Humanität. Ich hatte öfter den Eindruck, meine eigenen Gedanken in gedruckter Form zu lesen.
* Grundstock für seine Überlegungen sind offenbar neben den alten Griechen insbesondere Plutarch und Seneca. Seine Essais können daher an vielen Stellen auch als Einführung in das altgriechische oder römische Gedankengut gesehen werden. Vermutlich sind die wenigsten der Gedanken von ihm selber, allerdings gehen alle durch den Filter seiner Weltanschauung.
* Die Themen der Essais sind bunt gemischt und durchaus aktuell: Liebe (Montaigne plädiert für die Trennung von Liebe und Ehe und die Auswahl des Ehepartners durch Dritte), Geld (Besitz führt nach Ansicht des Autors zu charakterlichen Mängeln, er empfiehlt das Geld auszugeben, wie es reinkommt), Kindererziehung (die ersten Jahre sind prägend), Dünkel und Eitelkeit, die Unzuverlässigkeit der menschlichen Meinungen, Gesundheit, Sex und vor allem der Tod, zu dem ihm die schönsten und ergreifendsten Gedanken einfallen.
* Montaigne ist zum Zeitpunkt des Verfassens der Essais um die 40, leidet aber an einem Steinleiden, das ihm das Leben wohl ziemlich erschwert. Er fühlt sich als "alter Mann", der nur noch begrenzte Lebenszeit zur Verfügung hat, was dem Werk insbesondere die Reflektionen über den Tod einbringt.
* Den Essais ist eine wohltuende Zurückhaltung und Bescheidenheit eigen. Montaine hält von der Literatur seiner Zeit generell wenig und von der eigenen auch nicht. Er schätzt seinen Beitrag gering, was ihn umso sympathischer macht.
Fazit: ein Buch, das man sich ins Regal stellen und auf das man immer wieder zurückgreifen sollte, kurz, ein Buch, ehrlich wie ein guter Freund oder Ratgeber. Davon gibt es ja bekanntlich nicht allzu viele.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nach fast 500 Jahren immer noch aktuell und lesenswert, 9. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Erstaunlich und verblüffend was da Michel de Montaigne vor fast 500 Jahren niedergeschrieben hat. Die Reclam-Ausgabe versammelt eine Anzahl seiner besten Essais. De Montaigne macht sich tiefsinnige Gedanken über die verschiedensten Aspekte des Lebens, seines Lebens genauer gesagt, denn der Hauptgegenstand seiner Essais ist er selbst. Seine Selbsterkenntnis, das was ihm durch seine Gedankenwelt schweift bringt er zu Papier, unterstützt durch viele Zitate von Dichtern des Altertums. Das Werk de Montaignes ist in drei Bücher und jedes wiederum in mehrere Kapitel unterteilt, die aber nicht in der vorgegebenen Reihenfolge gelesen werden müssen, sondern auch einzeln einfach mal so zwischendurch zu Gemüte genommen werden können. Viele seiner Essais sind auch heute noch zeitgemäss und lassen sich durchaus auf unsere Zeit übertragen. Was er z.B. in 'Philosophieren heisst sterben lernen' niederschrieb, ist heute vielleicht noch aktueller als im 16. Jahrhundert. In einem sehr persönlichen Essai, 'Über die Freundschaft' betitelt, schildert er sein sehr inniges Verhältnis, ja seine Seelenverwandtschaft, fast könnte man von Dualseelen sprechen, zu seinem Freund Etienne de la Boétie.
De Montaigne kommt bei seinem Nachdenken zum Schluss, dass die Seele körperlicher Natur sein muss. Für ihn sind Körper und Seele ein Ganzes, das nicht unabhängig existieren kann. Man kann sich diesem Gedankengang anschliessen oder auch nicht. Ich persönlich bin anderer Ansicht. Das ist das Schöne an diesen Essais. De Montaigne schreibt lässig, süffisant, was ihm durch den Sinn geht ohne aber dem Leser seine Meinung aufzudrängen. Im Gegenteil man fühlt sich aufgefordert sich mit den Gegenständen seiner Essais auseinanderzusetzen, in sich zu gehen und seine eigenen Gedanken zu entwerfen.
De Montaignes Essais lesen sich leicht. Es schreibt hier kein philosophisch Gebildeter oder Verbildeter, sondern einer der der das Leben sozusagen aus der Praxis kennt, der viel gereist ist und dem Fremden viel Toleranz entgegenbringt.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Sinnen auf den Tod ist Sinnen auf Freiheit. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr.", 25. Juli 2010
Von 
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Essais (Taschenbuch)
Was der Philosoph Michel de Montaigne mit seinen "Essais" geschaffen hat, ist wahrlich bemerkenswert. Liest man heute ein Buch, einen Aufsatz oder einen Zeitungsartikel von vor 20 Jahren, so scheint es des Öfteren so, als tauche man ein in eine längst vergangene Epoche. Vor allem die digitale Revolution der Informationstechnologien hat das Leben auf unserem Planeten in extrem kurzer Zeit dramatisch und unwiderruflich verändert. Vor diesem Hintergrund einer zeitlichen Beschleunigung verblüfft der zeitlose Charakter dieser vor über 400 Jahren geschriebenen Aufsätze über so verschiedene Themen wie Reue, Bücher oder Erziehung umso mehr. Manche seiner Sätze könnten wortwörtlich in den heutigen bundesdeutschen Feuilletons abgedruckt werden, ohne dass sie jemand in das Jahr 1580 datieren würde. Bei vielen Themen, die derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert werden, zeigen die "Essais" eine frappierende und manchmal geradezu schockierende Aktualität; schockierend, weil die Menschheit in den vergangenen 400 Jahren nichts dazu gelernt zu haben scheint.

"Philosophieren heißt sterben lernen", der Titel des vielleicht bekanntesten Aufsatzes bleibt bis heute einer der faszinierendsten und zugleich zugänglichsten Beiträge zu dem unbestreitbaren Faktum der Endlichkeit unser aller Existenz. Montaigne sieht in dem adäquaten Umgang mit diesem Thema den Schlüssel zu einem erfüllten Leben: "Es ist ungewiß, wo uns der Tod erwartet; erwarten wir ihn also allenthalben! Sinnen auf den Tod ist Sinnen auf Freiheit. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr. Für den hat das Leben kein Übel mehr, der die Wahrheit einsieht; das Leben aufgeben ist kein Übel. Zu sterben wissen, das befreit uns von aller Lehnspflicht und von jedem Zwange" (16).

Von einer kaum zu glaubenden Aktualität sind auch Montaignes Ausführungen zum Thema Erziehung in dem Aufsatz "Über die Kinderzucht": "Der Hofmeister muß von einem Zögling nicht bloß Rechnung von den Worten seiner Lektion fordern, sondern von ihrem Sinn und ihrem Inhalt" (40). Das liest sich ohne Mühe als Plädoyer gegen ein reines Auswendiglernen und somit für eine eher schülerorientierte Pädagogik. Mit dieser Erkenntnis liegt Montaigne voll im Trend der heutigen Lernforschung. Selbiges gilt auch für seine Vorstellungen für den allgemeinen Umgang mit Kindern: "Weg mit Zwang und Gewalt! Nichts erniedrigt und verdummt nach meiner Meinung so arg eine sonst gut geartete Natur" (62). Wie wenig doch dieser eigentlich so logisch klingende Satz in das Bewusstsein vieler Menschen vorgedrungen ist, zeigen wieder einmal die Statements des unsäglichen Herrn Mixas, er habe ja zu keiner Zeit Kinder missbraucht, sondern ihnen lediglich "die eine oder andere Watschn" verpasst. Und der Stammtisch pöbelt, was denn das ganze Getue jetzt soll, ihnen haben ein paar Schläge doch auch nicht geschadet. Doch, haben sie, doch die meisten Menschen wählen eher den Weg der Verdrängung und Beschönigung, um sich nicht ihrer Vergangenheit stellen zu müssen.

Der Aufsatz "Von den Menschenfressern" war seiner Zeit meilenweit voraus und ist er gemessen am moralischen Standart vieler Zeitgenossen noch immer. Als das alte Europa die Nachricht von der Existenz von Kannibalenvölkern erreichte und mit Entsetzen darauf reagierte, bemerkte Montaigne lapidar: "Ich denke, es sei weit ärgere Barbarei dabei, einen Menschen lebendig zu fressen als tot zu fressen" (93). Messerscharf erkannte er, dass ein Mensch dazu neigt, immer nur das als barbarisch zu bezeichnen, "was nicht Sitte in seiner eigenen Heimat ist" (86).

Fazit: Selbstkritik, Selbstreflexion, ironische Distanz, Toleranz; die Lektüre der "Essais" macht die Flut von religiöser oder säkularer Selbsthilfeliteratur schlicht und einfach überflüssig. Der Philosoph räumt auf mit dem säkularen Heilsversprechen des Glücks durch Konsum und der religiösen Jenseitsneurose. Seine Beschreibung des wahren Wertes eines Menschen umfasst etwas, was man durchaus mit der etwas pathetischen Bezeichnung einer zeitlosen Weisheit beschreiben kann: "Der eigentliche Wert eines Menschen beruht auf seinem Herz und seinem Willen; darin liegt seine wahre Ehre [...]. Derjenige, welcher fällt, ohne daß sein Mut gedämpft ist, wer wegen naher Todesgefahr nichts von seiner Fassung verliert, [...] der ist gefällt, nicht durch uns, sondern durchs Glück; er ist getötet, nicht überwunden" (96).
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was für ein Buch!!!, 8. Juni 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Essais (Stoffbilderbuch)
Meisterwerk - dieses Wort ist noch zu gering für eine solche Leistung: Absolute Ehrlichkeit gegenüber sich selbst - schon an und für sich eine Heldentat - und dann auch noch der Mut zum "mich allgemein bekannt machen". Das Amazon-Bewertungssystem reicht hier kaum aus, 10 Sterne sollten das Minimum sein. Montaigne ist für mich der klügste Kopf, den Europa im 16. Jahrhundert gesehen hat und es ist eine Ehre und ein Vergnügen zugleich, ihn heute in dieser Prachtausgabe lesen zu dürfen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Handliches Kleinod aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 6. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zum Inhalt wurde hier schon hinreichend berichtet. Montaigne ist zeitlos, genial und überaus menschlich.

Die Ausgabe der Manesse Bibliothek der Weltliteratur ist ein ausgemachtes Schmuckstück. Handlich, mit Leineneinband, feinem Papier und Lesebändchen. Leser, die Wert auf die Aufmachung und das eigentliche Lesefeeling legen, werden ihr Vergnügen an diesem Buch haben. Allerdings aufgrund der Handlichkeit ist die Schriftgröße entsprechend angepasst und nicht für jedermann geeignet.

Die Übersetzung durch Herbert Lüthy (Veröffentlichung 1953) ist in meinen Augen sehr gelungen und hat für meinen Anschein einen gediegeneren Stil als die neuere Gesamtübersetzung von Hans Stilett (1998). Lüthy hat sich bei seiner Übersetzung hingegen nur auf eine Auswahl der ihm wichtig erscheinenden Essais konzentriert und aus den 3 Büchern das wertvollste gewählt. Dennoch ist der Band mit 912 Seiten recht umfangreich und bietet auch jedem Montaigne Leser, sei er Erstleser oder Montaigne Kenner, die Kernphilosophie Montaignes.

Wer Montaigne allumfassend lesen will, sollte die neuere Gesamtübersetzung wählen, wer mit Montaigne mobil bleiben will, wird mit diesem handlichen Kleinod glücklich werden.
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Die Essais
Die Essais von Michel de Montaigne (Gebundene Ausgabe - August 2005)
EUR 6,95
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