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48 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Marktwirtschaft wie China?
Polemisch, radikal ironisch und mit Verve, wie er selbst sagt, als Anhänger von John Maynard Keynes, zieht Flassbeck vom Leder.
Die Masse der Menschen muss per Lohnsteigerung am Aufschwung teilhaben, weil man sie nicht nur als Produzenten der Güter, sondern auch als Nachfrager braucht.

Wir haben eine Wissenschaft, die sich weigert, Fragen von...
Veröffentlicht am 5. Oktober 2010 von Gerhard Brouwer

versus
10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Flassbeck macht sie alle fertig...sich übrigens noch mehr
Vorweg: Ich empfehle "Zehn Mythen der Krise" von Heiner Flassbeck. Diese sehr kleine Lektüre hat genau soviel relevanten Inhalt, wie dieses Buch, aber verliert seltener den Faden und bleibt durchsichtig!

Ich habe dieses Buch(Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts) im Anschluss an eine Rede von Professor Flassbeck gekauft. Die Rede behandelte die...
Veröffentlicht am 7. August 2012 von Dennis Richter


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48 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Marktwirtschaft wie China?, 5. Oktober 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Polemisch, radikal ironisch und mit Verve, wie er selbst sagt, als Anhänger von John Maynard Keynes, zieht Flassbeck vom Leder.
Die Masse der Menschen muss per Lohnsteigerung am Aufschwung teilhaben, weil man sie nicht nur als Produzenten der Güter, sondern auch als Nachfrager braucht.

Wir haben eine Wissenschaft, die sich weigert, Fragen von Marktversagen oder falschen Märkten in Angriff zu nehmen. Flassbeck prognostiziert, wenn Deutschland weiter bei zu niedrigen Löhnen bleibt, wird die Währungsunion auseinanderbrechen.
Die Griechenlandpolitik kritisiert er: Warum sollte im Norden Europas antizyklische Finanzpolitik die richtige Methode zur Überwindung der Rezession sein, im Süden aber prozyklische?
Dass der Konsument souverän bei uns entscheiden kann, hält Flassbeck für eine Fiktion: die Wirtschaft gibt Vorgaben.

Der erforderliche Strukturwandel zu mehr Klimaschutz müsse abgefedert werden durch Vollbeschäftigungspolitik.
Der Lohn darf nicht zum Lohndumping degenerieren, nicht "sozial ist, was Arbeit schafft", sondern "was sozial ist, schafft Arbeit".
Mehr als mit Statistiken und Graphiken arbeitet Flassbeck mit Zerpflücken der Gegenargumente zu seinen Thesen.

Preise sind vernünftig, wenn Menschen davon leben können. Danach muss sich der Markt richten!
Der Wettbewerb soll um innovative Ideen herrschen, nicht um Lebensstandarddumping - deshalb ist der Mindestlohn erforderlich.

Ohne das System von Bretton Woods und die amerikanische Regulierung der Finanzmärkte hätte es das deutsche Wirtschaftswunder nicht gegeben.

Banken, die Einlagen des Publikums halten, dürfen sich nicht an Spekulationsgeschäften beteiligen, fordert er.
Zur Rente mit 67 stellt Flassbeck klar, was auch breiter bekannt ist: Wer formal das Rentenalter hoch setzt, de facto aber weit darunter bleibt, kürzt nur die zukünftigen Renten und erreicht sonst nichts. Zur Kapitaldeckung bei den Renten führt er aus: jede Rente ist kapitalgedeckt, gedeckt von dem Sachkapital, das über Generationen aufgebaut wurde.

Er diskutiert, wie in der EWU das Griechenlandproblem oder genauer das Problem mit den südeuropäischen Ländern zu lösen sei; weiter beschäftigt er sich mit der globalen Erwärmung und was dagegen zu tun ist.

Als Vorbild keynesianischer Politik für Deutschland stellt Flassbeck China hin. Nur solch eine aggressive keynesianische Wirtschaftspolitik kann helfen, die "japanische Krankheit", eine Dauerkrise aus Stagnation und Deflation, zu vermeiden.
Die Schuldenbremse ist der falsche Weg, mit dem Sparprogramm der schwarzgelben Regierung fährt das politische System gegen die Wand!

Ein gelungener Überblick über die erforderliche neue Marktwirtschaftspolitik.
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26 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohlstand sichern mit Investitionen in Sach- und Humankapital, 23. Oktober 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat sich in den letzten 25 Jahren als nicht lernfähig erwiesen, schreibt Heiner Flassbeck. Dennoch ist festzustellen, dass ein dramatisches Umdenken über die Wirtschaftspolitik im Gange ist. Je länger die Krise nämlich anhält, umso häufiger wird hierzulande die Frage gestellt, woher die Kraft für eine Erholung der (deutschen) Wirtschaft kommen soll. In diesem Zusammenhang taucht eine noch wichtigere Frage auf: Wie war das Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahren möglich? Kann es in Deutschland wieder einen nicht vom Export getragenen Aufschwung geben? 'Es war eigentlich kein Wirtschaftswunder, sondern ein Lohn- und Kaufkraftwunder', argumentiert Flassbeck. In den 10 Jahren zwischen 1950 und 1960 stiegen die Reallöhne in Deutschland im Durchschnitt jedes Jahr um mehr als 7% an. Von 1960 bis 1970 legten sie um fast 7% zu. Von da an ging's bergab, erklärt der Direktor bei UNCTAD, zuständig für die Division Globalisierung und Entwicklung. Das Lohnwachstum ging in den 1980er Jahren auf nur noch 1,8% pro Jahr zurück. Das eigentlich Drama aber begann Mitte der 1990er Jahre. Im Gefolge der Politik des Standortwettbewerbs stagnierte die Kaufkraft der Arbeitnehmer. Wenn die Einkommen real nicht mehr steigen, wie in den letzten 15 Jahren stagnieren, oder sogar fallen, bleibt Konsum schwach. Unternehmen investieren, wenn die Nachfrage stabil ist, weil sie einen Gewinn erwarten. Die Investitionen und die Beschäftigung laufen in allen modernen Volkswirtschaften völlig gleich. Nur über die systematische Steigerung der Massenkraft (mit Teilhabe der Menschen am Produktivitätsfortschritt) kann gewährleistet werden, dass die Unternehmen investieren, erläutert Flassbeck. Grund für die binnenwirtschaftliche Schwäche und den aussenwirtschaftlichen Erfolg ist eindeutig die durch Lohndumping erzielte permanente Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, so Flassbeck. Wenn in Deutschland auch in den nächsten Jahren die Löhne nicht steigen und seine Wettbewerbsfähigkeit sich weiter verbessert, ist die EWU zum Scheitern verurteilt, schlussfolgert Flassbeck.

Anhand von grossen Krisen (Finanz-, Sozial- und Armut-, Handel-, Klima- und Schulden-Krise) zeigt der Autor im ersten Teil des Buches überzeugend auf, wie das einzelwirtschaftliche Denken der Politiker zu katastrophalen Entwicklungen in den erwähnten Bereichen geführt hat. Der Nährboden war ja im Vorfeld bereits vorgelegt, und zwar von der herrschenden neo-klassischen ökonomischen Lehre. Dass eine moderne Marktwirtschaft ein System der Arbeitsteilung ist, wird dabei geflissentlich verdrängt. Das Gesamtergebnis kann keineswegs mehr der Leistung eines einzelnen oder einiger weniger zugerechnet werden, erklärt Flassbeck. Während 'Leistungsträger' systematisch entlastet werden, haftet der kleine Putzman für die Verluste und muss am Ende zum Sozialamt zum Betteln gehen. In diesem Sinne ist auch die tatkräftige Betonung der Staatsschulden wie es im Fall von Griechenland durch die Mainstream-Medien zum Ausdruck kommt, eine Art ideologische Ablenkung durch geldmächtige Interessengruppen. Das Problem der Zahlungsbilanz und der Ungleichgewichte in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit sind viel wichtiger, beschreibt Flassbeck. Im zweiten Teil des Buches befasst sich der Autor damit, wie die Wirtschaft durch viele Ökonomen diskreditiert wird. Im dritten Teil gibt Flassbeck die angemessenen Antworten darauf. Besonders interessant zu lesen ist der Abschnitt 'Ein neues Währungssystem installieren': Die Wechselkurse sollen sich systematisch nach den Inflationsdifferenzen richten. Ein Land mit hoher Inflation sollte also abwerten, ein Land mit niedriger Inflation aufwerten.

Fazit: Die Verherrlichung der Finanzmärkte muss beendet werden. Es sind nicht die Finanzmärkte, die zum Wohlstand beitragen, und es ist nicht die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die Vollbeschäftigung herstellt. Es sind vielmehr hoch motivierte Investoren in Sachkapital und Arbeitskräfte, die mit guten Ideen den Wohlstand sichern.

Dieses grossartige Buch ist eine schonungslose, aber intellektuell anspruchsvolle Abrechnung mit ökonomisch und ökologisch toten Ideen, die die herrschende Wirtschaftslehre hervorgebracht hat. Flassbeck zeigt einwandfrei auf, wie Modelle, die z.B. über Deregulierung und Entstaatlichung umgesetzt wurden, die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Länder lassen sich nicht wie Unternehmen sanieren, warnt der Autor. Das Dogma des einzelnwirtschaftlichen Denkens gefährdet sogar die Demokratie, sodass 'Menschen beginnen, Rattenfängern hinterherzulaufen'. Die Wirtschaftsmacht beutet die politische Macht aus. Die Finanzoligarchie verdrängt die Demokratie. Ein starkes Buch: Pflichtlektüre für alle, die besonders für die Politische Ökonomie interessiert sind.
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26 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Plädoyer für die gesamtwirtschaftliche Perspektive, 28. Oktober 2010
Von 
Mario Pf. (Oberösterreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Als ehemaliger deutscher Finanzstaatssekretär und großer Fürsprecher einer keynesianischen Finanz- und Währungspolitik weiß der Volkswirt Heiner Flassbeck um die großen Probleme der europäischen und globalen Finanzpolitik. Diese fangen schon damit an, dass die politischen Entscheidungsträger durch aus der Privatwirtschaft stammende Berater und Lobbyisten für gewöhnlich auf eine sehr einzelwirtschaftlich orientierte Perspektive getrimmt werden. Welche Folgen dieses Fehlen einer volkswirtschaftlichen Perspektive bei der politischen Elite hat und im Zuge der Finanzkrise nun zum Tragen kommt, kann der Direktor der Division on Globalization and Development Strategies der in Genf ansässigen UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) wohl wie kaum ein zweiter beurteilen.

Doch gerade Flassbecks Kritikpunkt dass es den Finanzpolitikern und auch großen Teilen der Bevölkerung an volkswirtschaftlichem Verständnis und damit die Möglichkeit fehlen würde, de facto ihrem Wohlstand abträgliche wirtschaftspolitische Entscheidungen auch als solche wahrzunehmen, kommt in "Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts" etwas zu kurz. Weil Flassbeck eben doch sehr stark auf wirtschaftswissenschaftliches Vokabular setzt, das sein Werk breiteren Leserschichten wohl kaum zugänglich machen wird. Flassbecks Zielgruppe sind wohl genau jene Leser die schon wirtschaftspolitisches Interesse bewiesen und sich mit einschlägiger Materie auseinandergesetzt haben. Diesen soll "Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts" Argumentationslinien vermitteln, die gegen die jüngsten Umtriebe neoliberaler Finanz- und Wirtschaftspolitik angeführt werden können.

Dass er auf Polemik im vorliegenden Werk nicht verzichtet hat, stellt Flassbeck bereits im Vorwort klar. Das Buch ist emotional und das aus gutem Grund, denn trotz der scheinbaren Erholung der europäischen Wirtschaftslage im Jahr 2010 ist dieser Aufschwung vor allem auf den Anstieg deutscher Exporte und Lageraufstockung gebaut. Sind die Lager jedoch wieder voll wird wohl die erste Ernüchterung folgen und auch das deutsche Exportwunder ist nur dank eines für die europäische Volkswirtschaft und schlussendlich auch Deutschland höchst schädliches Lohndumping möglich. Die Löhne und damit die Kaufkraft der Konsumenten sind für Flassbeck der Schlüssel für ein mögliches Wirtschaftswunder und von einer mehr als nur die Inflation abdeckender Erhöhung dieser ist am Horizont kein Zeichen zu sehen. Somit bleiben die Konsumenten Opfer einer kalten Progression. Dass auch die hoch gefeierte Kurzarbeit volkswirtschaftlich wohl mehr Schäden anrichtet als sie behebt, bleibt da nicht unerwähnt.

Dass Wirtschaftspolitiker die eigentlich bestimmende makroökonomische Perspektive derart vernachlässigen ist jedoch nicht das einzige, woran sich Flassbeck und viele seiner Kollegen in der volkswirtschaftlichen Zunft stören. Trotz europäischer Integration und dem durch die Finanzkrise offenbar gewordenen Bedarf an internationalen Regelungen des Wirtschaftslebens, dominiert in der politischen Debatte vor allem das einzelstaatliche Interesse und damit eine bedrohliche Einseitigkeit, die schlussendlich für künftige Wirtschaftskrisen verantwortlich sein wird. Die Politik so lernt man es schon im Volkswirtschaftsstudium interessiert sich eigentlich nicht für Volkswirtschaft, zumindest nicht mehr. Die Finanz- und Wirtschaftskrise am Beginn dieses Jahrhunderts hätte allerdings zeigen sollen, dass das eine katastrophale Fehlentwicklung ist. So bricht Flassbeck sogar mit dem Mythos Ludwig Erhard auf ewig als Vater des deutschen Wirtschaftswunders zu feiern, denn wer schon einmal in die Geschichtsbücher der Nachbarländer Deutschlands geblickt hat wird feststellen dass es diesen wirtschaftlichen Aufschwung auch dort gab, der Aufschwung war damals sogar ein globales Phänomen.

Würden sich Politiker ernsthaft für makroökonomische Zusammenhänge interessieren, so würden sie nach Flassbeck auch endlich erkennen, das zwischen Ökonomie und Ökologie nur ein Scheinkonflikt besteht. Mit steigender Nachfrage nach dem Gut "Natur" entstehen auch hier Arbeitsplätze, das konkrete Erfahren sieht natürlich anders aus, aber man sollte sprichwörtlich "globaler Denken". Gerade bei Diskussionen um Kürzungen im Wissenschafts- und Forschungsbereich, speziell der Grundlagenforschung sieht sich Flassbeck genötigt zu betonen dass nur dadurch oft neue Technologie und damit Firmen geboren werden. Nicht mit Lohndumping, sondern solchen Bildungs- und Wissenschaftsinvestitionen sollte eine Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts ihren Wert beweisen. Im Internationalen Handel wiederum kritisiert Flassbeck das Ungleichgewicht zwischen Exporteuren und Importeuren, welches wie im Fall Griechenland schlicht entgleist ist. In diesem Zusammenhang sieht Flassbeck es auch als notwendig an über eine neue Regelung der internationalen Währungsordnung nachzudenken.

- Resümee -
Die von Heiner Flassbeck behandelte Themenvielfalt ist beeindruckend, doch manchmal droht man deshalb auch den Überblick zu verlieren. Gerade weil dem Buch gelegentlich der konkrete Fokus zu fehlen scheint. Problematisch erweist sich auch Flassbecks Stil, denn obwohl er Zusammenhänge erläutert die für jedermann interessant zu wissen wären, stilistisch und inhaltlich richtet er sich an einen Leserkreis bei dem gewisse wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse vorausgesetzt werden. Dessen ungeachtet ist das Werk jedoch eine höchst interessante Lektüre, da die makroökonomischen Zusammenhänge sonst meist geflissentlich übergangen oder in Fachtermini derart ertränkt werden, dass der Laie gar nichts mehr davon versteht. Dabei ist so vieles, wie Flassbeck offen legt, durchaus logisch.

Fazit:
Unter der Voraussetzung das man gewisse volkswirtschaftliche Vorkenntnisse mitbringt eine sehr interessante und anregende Lektüre.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Theorie der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften überdenken., 19. Dezember 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Der Euro hat zweifelsohne seine Vorteile. Man muss z. B. beim Urlaub in Frankreich, Österreich, Italien usw. kein Geld mehr umtauschen bzw. wieder zurücktauschen und spart sich die damit verbundenen Bankgebühren. Außerdem kann man ohne große Umrechnerei die Preise in Deutschland mit den Preisen in Frankreich usw. vergleichen. Natürlich haben auch Unternehmen, die Produkte aus anderen europäischen Ländern importieren oder/und in die Länder der EU exportieren, ihre Vorteile durch eine gemeinsame Währung und dies nicht nur, weil z. B. Wechselkursrisiken und die früher hierfür erforderlichen Kosten für Währungsabsicherungen entfallen.

Der Euro hat aber auch einen ganz entscheidenden Nachteil für die beteiligten Länder mit sich gebracht: Denn durch die gemeinsame Währung wurde den Staaten die Möglichkeit genommen, ihre Währungen ggf. abzuwerten und auf diese Weise Leistungs- und Zahlungsbilanzdefizite zu beeinflussen, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Wie man sieht: Mit inzwischen verheerenden Konsequenzen für die Staaten und ihre Bürger.

Auf Seite 214 zieht der Autor daher die Schlussfolgerung aus der Misere: „Will man den Euro – und mit ihm das ganze europäische Projekt – retten, gibt es mittel- und langfristig nur einen einzigen Ausweg: Die Wettbewerbsfähigkeit der Länder mit Auslandsschulden muss wiederhergestellt werden und die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte müssen beseitigt werden. Das kann innerhalb der EWU nur durch eine Umkehr der Lohnstückkostenpfade erreicht werden: Deutschland braucht stärker steigende Lohnstückkosten als die EWU-Partner, die Südeuropäer dagegen unterdurchschnittliche.“ (Flassbeck, S. 214)

Und der Autor schreibt weiter: „Wenn der Gläubiger Deutschland die Rückzahlungsfähigkeit seiner Schuldner in Südeuropa systematisch untergräbt, indem er ihre relative Wettbewerbsposition permanent verschlechtert, wird er damit leben müssen, dass er auf faulen Krediten sitzen bleibt und dem Schuldner durch Stundung, verbesserte Zinskonditionen oder gar Schuldenerlass entgegenkommen muss, will er keinen Totalausfall seiner Vermögensansprüche riskieren. Das ist das Transferproblem, vor dem John Maynard Keynes vor dem Zweiten Weltkrieg vergeblich gewarnt hat.“

Im Buch geht es aber nicht nur um die negativen Folgen permanenter Leistungsbilanzdefizite, die bei uns in Deutschland immer regelmäßig unter den Teppich gekehrt werden, wenn der Titel „ Exportweltmeister“ vergeben wird, die Finanz- bzw. "Schuldenkrise“ (S. 23 bzw. S. 101), das „Das Versagen der Ordnungspolitik“ (S. 164) und den „Wettbewerb als Dogma“ (S. 169). Es geht auch um die „Sozial- und Armutskrise" (S. 41), die Klimakrise (S. 88), um Spekulation (S. 177), und die Frage, ob Demokratie und Volkswirtschaft ein „natürlicher Gegensatz“ sind (S. 231).

Das Buch ist zwar in erster Linie für Ökonomen, Volkswirte, Wirtschaftsingenieure, Wirtschaftsjournalisten usw. gedacht, die den Mut haben, über ihren eigenen Schatten zu springen und das immer noch vorherrschende neoliberale und neoklassische Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften in Frage zu stellen. Aber auch allen Bürgern, denen man das Nachdenken in diesem unserem Lande noch nicht abgewöhnt hat und die verstehen wollen, wer von der in den Medien verkauften sogenannten „Sparpolitik“ wirklich profitiert, kann man das Buch nur empfehlen.

Leider enthält das Buch nur wenige s/w-Grafiken. In der Regel sagen aber Diagramme mehr als 1000 Worte. Zudem ist die Schrift unter den Diagrammen mikroskopisch klein.

Der Autor schreibt sachlich und mit sehr viel Elan, manchmal jedoch etwas zu forsch, auch wenn sein Zorn nur allzu berechtigt und verständlich ist.

Eine Nummerierung der einzelnen Kapitel fehlt. Und was bitte ist so schwierig daran, am Ende des Buches ein kurzes Personen- und Stichwortregister zu bringen, wenn man später etwas nachschlagen will? Das Lesebändchen finde ich allerdings sehr praktisch. So etwas findet man heute nicht mehr oft.

Volkswirtschaftliche Probleme, die z. B. aus der vertikalen und horizontalen Unternehmenskonzentration, der Marktmacht großer Konzerne und der Konzentration privater Vermögen resultieren, fehlen. Dies gilt auch für die Folgen von Steuerdumping und der jahrzehntelangen schleichenden Umschichtung der Steuerlast von den direkten Steuern (Einkommen-, Vermögen- bzw. Erbschaftssteuer, Körperschaftsteuern usw.) zu den indirekten Steuern, Verbrauchssteuern und anderen öffentlich-rechtlichen Abgaben.

Aber man kann schließlich auf rund 240 Seiten nicht die ganze Welt erklären.

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Wenn man in Europa Wohlstand für alle und nicht nur den Luxus und das Vermögen der oberen Zehntausend mehren will, dann darf man die europäische Union nicht auf eine gemeinsamen Währung reduzieren und alles andere dem Diktat der sog. „Märkte“ bzw. dem Wettbewerb der Staaten überlassen. Dann muss man auch bei der Wirtschafts-/Steuer-/Umwelt- und Sozialpolitik an einem Strang ziehen und zwar zum Wohle aller Bürger.

Marktwirtschaft muss endlich wieder ein dienendes Element der Demokratie werden und nicht umgekehrt. Im letzten Kapitel heißt es: „Wenn diese Demokratie nicht zeigt, dass sie in der Lage ist, auch komplexe wirtschaftliche Probleme zu lösen, werden die Menschen beginnen, wieder Rattenfängern hinterherzulaufen.“ (Flassbeck, S. 235). Dabei sollten wir nicht vergessen: die letzte große Depressionskrise der 30er Jahre des vorigen Jahrtausends, wurde niemals gelöst. Die Krise „verschwand“ lediglich in den Wirren des größten Krieges, den die Menschheit jemals geführt hat.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Flassbeck macht sie alle fertig...sich übrigens noch mehr, 7. August 2012
Von 
Dennis Richter (Leverkusen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Vorweg: Ich empfehle "Zehn Mythen der Krise" von Heiner Flassbeck. Diese sehr kleine Lektüre hat genau soviel relevanten Inhalt, wie dieses Buch, aber verliert seltener den Faden und bleibt durchsichtig!

Ich habe dieses Buch(Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts) im Anschluss an eine Rede von Professor Flassbeck gekauft. Die Rede behandelte die Ursachen der Euro-Krise, dass Buch geht allerdings darüber hinaus im Allgemeinen auf die Marktwirtschaft ein.

Obwohl mir zwar die grundlegenden Aussagen zusagen, gefällt mir das Buch allerdings nicht. Dies hat verschiedene Gründe:

1. Fehlende Struktur. Es fehlt ein roter Faden...und das sowohl innerhalb der Kapitel als auch über diese hinweg. Es geht eigentlich immer von der argumentiven(!) Widerlegung/Belegung einer Behauptung zur Nächsten. Diese haben zwar häufig irgendwie etwas miteinander zu tun, aber zielführend wird es dadurch nicht.

2. Fehlende Wissenschaftlichkeit. Gut, dass hier soll sicher kein richtiges Sachbuch sein, allerdings ist es deutlich zuweit davon entfernt. Das sieht man allein schon an den Quellen. Es gibt 40(!) Quellen, wobei um die 15 dieser Quellen aus eigener Hand und ca 10 weitere aus normalen Zeitungen(z.B. Frankfurter Rundschau) sind. Dann noch 4 mal Bundesbank und 3 mal Keynes und noch ein paar andere Gesellen. Da ich selbst in der Wissenschaft arbeite(wenn auch ein anderes Gebiet), kann ich ziemlich sicher sagen, dass ein wissenschaftlicher Artikel von etwa 6 Seiten Umfang in einer wissenschaftlichen Zeitschrift genauso viele Quellen hat.
Flassbeck arbeitete also fast ausschließlich mit eigenen Behauptungen und belegt fast nichts! Er schreibt und ruft, wie böse und falsch alle Ökonomen dieser Welt sind...hat aber nicht wirklich viel gutes womit er das zeigen kann. Außer vielleicht ein wenig Logik, die aber nicht wirklich zielführend ist...sonst könnte man ja auch wieder Philosophen als Experten heranziehen.

3. Fachbegriffe werden gar nicht, falsch oder nur mit mangelhaften persönlichen Umschreibungen erklärt. Ja, auch falsches ist dabei(was nochmal zeigt, wie grauenhaft wenig Aufwand betrieben wurde). Ich habe das an der Erklärung für "kognitive Dissonanz" erkannt, da das mein Fachgebiet(Psychologie) ist und ich ziemlich genau weiß, was kognitive Dissonanz ist. Leider hat Prof. Flassbeck die Bedeutung dieses Fachbegriffs nicht einmal auf Laien art getroffen! Da ich kein Wirtschaftsexperte bin kann ich nicht sagen wie das mit wirtschaftlichen Fachbegriffen aussieht...ich kann jedoch nur ungutes vermuten...
Ich verstehe auch nicht, wieso Flassbeck an einigen Stellen auch sonst manchmal sehr schön klingende aber absolut ungebräuchliche Worte nutzt, die auch sicher nicht jeder versteht und erst nachschlagen muss. Das ließt sich dann zwar toll...aber geht es wirklich nur darum?

4. Design. Es handelt sich zu ca 97 Prozent um reinen Text. Es gibt lediglich etwa 8 Grafiken und immer mal wieder Überschriften(die aber auch nicht sehr hilfreich sind). Kann man da nicht mehr machen? Beispielsweise mal eine wirklich wichtige Information oder Definitionen in dem Chaos irgendwie hervorheben oder ähnliches? Doch ich bin sicher das geht...aber dafür muss man Zeit investieren. Oder wie wäre es mit einer Zusammenfassung am Ende eines Kapitels? Fehlanzeige. (stelle mir das aber bei dem fehlenden roten Faden auch schwer vor mit so ner Zusammenfassung...)

5. Inhalt. Man hätte dieses Buch noch weiter kürzen können. Nämlich vermutlich um mindestens die Hälfte(diese Zahl ist einfach mal ausgedacht, aber nicht unbedingt übertrieben...leider). Flassbeck nutzt unglaubliche Mengen an Tinte nur um zu sagen wie blind und dogmatisch doch all die anderen Wissenschaftler und Politiker sind. Er schreibt es immer und immer und immer wieder und mehrfach pro Seite(es ist wirklich sehr extrem). Ich weiß nicht was er damit so wirklich bezwecken will, dass er sich als den armen Einzelkämpfer für das Gute und alle anderen als die Dummen hinstellt. Vor allem bekommt er es aufgrund der absolut mangelhaften Beweislage auch überhaupt nicht hin die anderen zu widerlegen. Außerdem wiederholt er sich andauernd, weil sich seine Argumentationen im Kreis drehen.
Es wird zu einer Qual die wenigen sicherlich nicht schlechten Aussagen heraus zu filtern.

Zusammengefasst:
Das Buch hätte noch viel viel mehr Zeit gebraucht.

Es handelt sich um ein grauenvoll schlecht belegtes Buch ohne roten Faden, mangelhaften Erklärungen und zighunderten Wiederholungen von, insbesondere, Beschuldigungen. Dadurch geht der wesentliche Teil des Inhalts verloren und das Buch geht ins dogmatische...was gerade das ist was Flassbeck doch so häufig bei den anderen anprangert....deswegen macht Flassbeck die anderen fertig...sich aber noch mehr.

ps.: Auf Fragen anworte ich gerne
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine deutsch-dominierte EU-Politik, die derart viele Opfer kostet, gehört korrigiert, 11. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Eine deutsch-dominierte EU-Politik, die derart viele Opfer kostet, gehört korrigiert
Zu Heiner Flassbecks Buch «Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts»
Es ist höchste Zeit, dass jede Persönlichkeit zu Wort kommt, die eine Alternative zur gegenwärtigen Sackgasse der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Europa andenkt. Eine von ihnen ist Heiner Flassbeck (vgl. Zeit-Fragen Nr. 53 vom 19.12.2012), der seit 2000 für die Vereinten Nationen in Genf bei der Organisation für Welthandel und Entwicklung (Unctad) tätig ist und seit 2003 deren Chef-Volkswirt. Seine deutliche Kritik an der derzeitigen, vor allem von Deutschland bestimmten Politik der Europäischen Union öffnet Auswege im Denken und Handeln.
Schon im Sommer 2010, also kurz nach Beginn der sogenannten Euro-, beziehungsweise europäischen Staatsschuldenkrise, hat Heiner Flassbeck das Buch «Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts» veröffentlicht. Die Tatsache, dass, zweieinhalb Jahre nachdem die Staatsschuldenprobleme Griechenlands in den Fokus rückten, nichts in EU-Europa gerichtet ist; dass die Steuerzahler, also die Bürger aller Euro-Länder - nicht nur Deutschlands - mittlerweile für mehr als 1 Billion Euro Schulden bürgen müssen, die Staaten des Euro-Raumes bei irgendwelchen Finanzinstituten haben, die ihre Gläubigerlasten auf die Allgemeinheit abwälzen wollen; dass sich die Entwicklungsunterschiede innerhalb der Europäischen Union krass verschärft haben; dass sich in Ländern wie Griechenland die krasse Not von immer mehr Menschen tagtäglich verschlimmert; dass aber auch in den sogenannten «reichen» Ländern wie Deutschland die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und der vermeintliche Wohlstand nur ein Trugbild ist - dies alles muss doch gründlich darüber nachdenken lassen, ob nicht etwas grundlegend falsch ist an den herrschenden Diagnosen der Probleme und an den bislang empfohlenen Therapien.

Eine Handelsordnung ohne Finanz­ordnung kann nicht gut funktionieren

Heiner Flassbeck hat schon im Sommer 2010 darauf aufmerksam gemacht, dass die bis heute angewandten Theorien nicht überzeugen können und dass ein Nachdenken über Alternativen not tut. Zum Beispiel: Es kann keine Lösung der Probleme geben, solange zwar eine weltweite Handelsordnung angestrebt wird, aber keine ebenso weltweite Ordnung der Finanzmärkte. Heiner Flassbecks Kritik am Mantra der Kapitalverkehrsfreiheit ist grundlegend und einleuchtend: «Marktwirtschaft ist nicht das System, in dem jeder tun und lassen kann, was er will, sondern Marktwirtschaft, so wie ich sie verstehe, ist ein dienendes Element, aber nur ein Element in einer funktionierenden Demokratie.» [Hervorhebung im Original]
Heiner Flassbeck erinnert daran, dass die «Blüte des marktwirtschaftlichen Systems» in einen Zeitraum einer konsequent geregelten Weltfinanzordnung fiel: «Nur weil nach der grossen Depression die wichtigsten Regierungen die Finanzmärkte strikt reguliert und auch international verhindert haben, dass mit der Nichtregulation der globalen Märkte Schindluder getrieben wurde, hat es das Wirtschaftswunder auf der gesamten Welt gegeben.»

Der Euro folgt der falschen Theorie der Chicago-Boys

Davon aber hat sich der «Westen» seit 1970 immer weiter entfernt.
Flassbeck schreibt es nicht ausdrücklich, aber man muss es an dieser Stelle hinzufügen: Die Einführung des Euro war kein Versuch, die europäischen Finanzmärkte zu regulieren. Bestimmt durch Milton Friedmans Theorie des Monetarismus beschränkte der Vertrag von Maastricht die Kriterien für eine «erfolgreiche» Währungsunion auf Restriktionen für die Staatshaushalte sowie vermeintliche Zins- und Preisstabilität. Vollkommen ignoriert wurde, dass auch schon damals der Stand der Wissenschaften weiter war. Man wusste, dass zu einer gesunden Wirtschaftsordnung mehr gehört als nur die Geldwertstabilität, dass dazu auch ein angemessenes und gleichmässiges Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und ein aussenwirtschaftliches Gleichgewicht ge­hören - und dass der Staat bei allen Zielen eine wichtige Regulierungsaufgabe hat.
Karl Albrecht Schachtschneider und seine Kollegen haben schon bei ihrer ersten Euro-Klage Ende der neunziger Jahre hierauf hingewiesen und genau deshalb ein Scheitern der Währungsunion kommen sehen und das vorhergesagt, was in den vergangenen zweieinhalb Jahren passiert ist. Der Euro hat sich als ein Instrument derjenigen Volkswirtschaften in der Euro-Zone erwiesen, die ganz der «angebotsorientierten» Theorie (Kosten für die Unternehmen, vor allem Steuerabgaben und Lohnkosten, senken) gefolgt sind und auf dem Rücken der Bürger, der Steuerzahler und Arbeitnehmer, die Vermögensgewinne («shareholder-value») in die Höhe getrieben haben. Der bittere Preis dafür: Mit der Vernachlässigung der «nachfrageorientierten» Theorie (Löhne anheben, um die Nachfrage für die Produkte und Dienstleistungen zu sichern) hat man den Produktivitätsfortschritt nicht an die weitergeben wollen, die ihn erwirtschaftet haben. Man hat statt dessen einseitig auf Export gesetzt und das Problem geschaffen, dass Deutschland heute fast 50 Prozent seiner Wertschöpfung mit dem Export erwirtschaftet, also Waren und Dienstleistungen mit deutscher Arbeitskraft im Ausland anbietet, die wegen mangelnder Einkommen in Deutschland selbst keinen Absatz mehr finden können. Und zugleich hat man andere Länder in Handelsbilanzdefizite gedrückt. Hierfür war die Einführung einer Einheitswährung ein «ideales» Instrument.

Zerstörerisches Wettrennen um die höchsten Kapitalrenditen

Heiner Flassbeck weist nach, dass es nicht gut gehen konnte, 17 Länder Europas in das Korsett einer einheitlichen Währung zu zwingen, zugleich aber die Kapitalmärkte dereguliert zu lassen und so ein zerstörerisches Wettrennen um die höchsten Kapitalrenditen (und damit Investitionsentscheidungen) auszulösen, das nach dem Prinzip funktioniert: der Stärkere frisst den Schwächeren. Konkret vor allem: Deutschland lockt die Investoren an, deutsche Exporte verdrängen dann mehr und mehr die Produktion im importierenden Land.
Heiner Flassbeck forderte deshalb schon im Sommer 2010 ein neues Währungs­system, welches verhindert, dass Investoren und Währungsspekulanten damit Profite machen können, dass andere Volkswirtschaften zugrunde gehen. Der Zwang des Euro-­Systems, dass die Euro-Länder nicht mehr abwerten und nicht mehr aufwerten können, habe den so lautstark propagierten Freihandel in Tat und Wahrheit verhindert. Länder wie Griechenland, die nicht bereit waren, ihre Arbeiterschaft auszubluten und - das muss man hinzufügen - auch allen Grund dafür hatten (nach einem zerstörerischen und aufgezwungenen Krieg, nach Bürgerkrieg und Diktatur), etwas mehr als in den vielen Jahrzehnten zuvor für das Wohl der Bürger zu tun, mussten so unweigerlich ins Hintertreffen geraten. Nur mit Manipulationen konnten sie in diesem System kurzfristig den Kopf über Wasser halten. Hätten sie hingegen ihre Währung abwerten können, hätten sie auch mit ihrer Politik Wettbewerbsfähigkeit auf dem europäischen Markt behalten beziehungsweise wiederherstellen können.

Währungsungleichgewichte wurden wegen deutschen Exportvorteils ignoriert

Wo es politisch opportun ist, so Flassbeck, spricht man sonst sehr gerne von unter- oder überbewerteten Währungen, so bei der chinesischen Währung, weil man so China in ein schlechtes Licht rücken kann. Geht es aber um den kurzfristigen Vorteil der eigenen Exportwirtschaft, so für Deutschland, dann blickt man sehr lange über die faktischen Währungsungleichgewichte im eigenen Währungsraum hinweg.
Heiner Flassbeck weist darauf hin, dass das Problem tatsächlich schon länger erkannt ist und dass die Unctad in ihrem «Trade and Development Report 2009», also noch vor dem Beginn der sogenannten Griechenland-Krise, einen Lösungsvorschlag gemacht hat: «Wenn die Welt sich entschliessen würde, das Währungssystem möglichst handelsneutral zu machen, müsste man dafür sorgen, dass die nominalen Wechselkurse weitgehend den Inflationsdifferenzen der Länder folgen.» Das heisst konkret: Wenn zum Beispiel griechische Produkte durch ein grösseres Lohnwachstum teurer geworden sind als die gleichen deutschen Produkte, deren Preise auf Grund sinkender Löhne deutscher Arbeitnehmer sogar sinken konnten, dann hätte Griechenland die Möglichkeit haben müssen, den Preisnachteil durch Abwertung auszugleichen. Es wäre dann nicht mehr möglich, dass Länder wie Deutschland durch eine Politik des «Gürtel-enger-Schnallens», also durch eine Politik auf dem Rücken der Arbeitnehmer, anderen Ländern Marktanteile abjagen könnten. Und noch weiter gedacht: Der die Rechte der Arbeitnehmer ruinierende Konkurrenzkampf der Volkswirtschaften würde dann nicht mehr lohnen, und die Entscheidung für eine andere Politik würde leichter fallen.

Südeuropa wird die Währungsunion verlassen

Wenn es denn gewollt wird und nicht andere Schritte notwendig sind. Schon 2010 schrieb Heiner Flassbeck: «Vor die Wahl der drei Möglichkeiten gestellt, entweder zum Aufrechterhalten der EWU [Der Europäischen Währungsunion] und des Freihandels auf die Transferalmosen eines kolonialistisch auftrumpfenden Deutschlands angewiesen zu sein oder sich autark durchschlagen zu müssen oder eben die EWU verlassen zu müssen und den Freihandel aufzukündigen, wird sich die Bevölkerung in den bedrängten Ländern für den dritten Weg entscheiden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich diese drei Möglichkeiten klar und verständlich herumgesprochen haben. Irgendwann werden auch die Politiker in Südeuropa das erkennen und sich nicht mehr nach dem Willen irgendwelcher EU-Gremien und des IWFs richten, sondern nach dem ihrer eigenen Bürger.»
Mehr als zwei Jahre nach dem Buch von Heiner Flassbeck muss man hinzufügen: Und wenn Regierungen wie die deutsche alles tun, um Länder wie Griechenland im Zwangs­system der Währungsunion zu halten, und auch keine andere sinnvolle Lösung wie die von der Unctad vorgeschlagene zulassen wollen, dann vielleicht genau deshalb, weil sie das kolonialistische System aufrechterhalten wollen.

Steuerzahler dürfen nicht mehr für Investment-Spekulationen haften

Es ist hier nicht der Platz, genauso ausführlich auf die anderen Vorschläge von Heiner Flassbeck einzugehen. Deshalb nur drei Pinselstriche:
* Die Banken müssen wieder auf ihr ursprüngliches Spar- und Kreditgeschäft zurückgeführt werden. Milliarden-Spekulationen im Investmentbereich müssen ausgegliedert werden. Hierfür darf es nie mehr eine Haftung der Steuerzahler geben. Dass die vom Staat eingerichteten und für die Sicherung der Währung zuständigen Zentralbanken den Banken für fast null Prozent Zinsen Geld verleihen, nur damit diese für hohe Zinsen zu Gläubigern der Staaten werden können, ist ein Unding. Ist es da nicht sogar besser, wenn die Zentralbanken den Staaten direkt das Geld zur Verfügung stellen, und zwar zu denselben niedrigen Zinsen?
* Die Arbeitnehmer haben nicht nur ein wohlverdientes Recht darauf, gleichwertig am Produktivitätsfortschritt ihrer Unternehmen beteiligt zu werden. Diese Beteiligung ist auch der beste Weg dafür, dass die Produkte und Dienstleistungen, die erstellt werden, auf eine ausreichende Nachfrage im eigenen Lande stossen und so auch die bisherigen fatalen Handelsungleichgewichte zwischen den Ländern aufgelöst werden können.
* Die kommenden Renten müssen auf eine solide Grundlage gestellt werden. Das neoliberale Modell, vom einzelnen Arbeitnehmer zu verlangen, selbst so viel Kapital zu sparen, dass es für seine Rente reicht, kann nicht funktionieren. Sparen für die Rente schadet der Volkswirtschaft, weil das gesparte Geld für dringend notwendige Investitionen fehlt. Statt dessen braucht es eine Erneuerung des Generationenvertrages. Jede Generation muss sicherstellen, dass aus ihrem aktuellen Einkommen die aktuellen Renten der nicht mehr arbeitenden Arbeitnehmer bezahlt werden können.

«Wettkampf» hat im Verhältnis der Nationen nichts zu suchen

Heiner Flassbeck hält es zu Recht für eine kranke und gefährliche Denkungsart, die Beziehungen zwischen den Nationen genauso wie die Konkurrenz zwischen Unternehmen zu betrachten und zu gestalten. «Wettkampf» hat im Verhältnis der Nationen nichts zu suchen. Nationen müssen zusammenarbeiten. Die Ideologie vom «Wettkampf der Nationen» hatte schon im Sommer 2010 alte Gräben aufgerissen, und diese Gräben sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren noch viel tiefer geworden. «Wir glauben doch nicht im Ernst», schreibt Heiner Flassbeck, «wir könnten in einem Rattenrennen der Nationen dauernd irgendeine Nation zum Sieger und andere Nationen permanent zu Verlierern ausrufen.» Noch einmal erinnert Heiner Flassbeck daran, dass das Miteinander der Nationen Regeln braucht und dass es deshalb komplett falsch ist, «dass innerhalb der Europäischen Union mittlerweile die Freiheit des Kapitalverkehrs zum höchsten aller Werte aufgestiegen zu sein scheint».

«Die EU hat den Kontakt zu dem, was Demokratie ausmacht, verloren»

Die Europäische Union, so Flassbeck weiter, hat offensichtlich «vollkommen den Kontakt zu dem, was eine funktionierende Demokratie ausmacht, verloren». Und er schreibt: «In einer Demokratie gibt es natürliche Grenzen dessen, was man den Menschen zumuten kann. [...] Haben wir nicht ganz bewusst die Regel, dass die Würde des Menschen über allem steht, in die Charta der Vereinten Nationen geschrieben? Heisst das nicht, dass auch wirtschaftliche Interessen sich der Würde des Menschen zu beugen haben? [...] Im neoliberalen Wahnsinn der letzten Jahre ist übersehen worden, dass es noch Menschen gibt. Für das wirtschaftliche Zusammenleben der Nationen im 21. Jahrhundert müssen wir die Verhältnisse, vor allem die politischen Verhältnisse, vollkommen neu ordnen. Die politischen Verhältnisse lassen sich aber nur neu ordnen, wenn wir im wirtschaftlichen Bereich eine klare und konkrete und sinnvolle Vorstellung davon haben, wie Nationen relativ frei und unabhängig miteinander in wirtschaftliche Beziehungen treten können.»

Deutsche Politik gefährdet Demokratie und Frieden in Europa

Wenn das nicht gelingt, wenn der hegemoniale Druck auf die Staaten und Völker Europas nicht nachlässt, wenn in einem Land wie Deutschland Vorurteile gegen jene Länder geschürt werden und groteskerweise eine eigene Überlegenheit suggeriert wird, obwohl auch die eigenen Bürger ausgebeutet werden, dann drohen andere Arten von Nationen als diejenigen, die «frei und unabhängig miteinander in wirtschaftliche Beziehungen treten können». Dann ist die Demokratie in den Nationalstaaten hochgradig gefährdet, dann ist auch der Frieden in Europa gefährdet.
Heiner Flassbeck ist sich bewusst, dass nur mit internationalen Regeln die anstehenden Probleme so gelöst werden können, dass es für alle Länder geht. Aber nicht weniger sieht er die Aufgaben in den Nationen selbst, als Deutscher insbesondere in Deutschland: den Kurs der vergangenen Jahre zu stoppen und zu korrigieren. Sein ehemaliger Minister Oskar Lafontaine hat das vor kurzem in einem Zeitungsbeitrag so formuliert: Im Nationalstaat selbst muss für Demokratie und soziale Gerechtigkeit, muss für eine konsequente Friedenspolitik gesorgt werden. Ohne demokratische und sozial gerechte, zum Frieden beitragende Nationalstaaten lohnt es sich gar nicht, über die Zukunft eines irgendwie geeinten Europas nachzudenken.

Die Bürger Europas sitzen in einem Boot

Wenige Tage vor Weihnachten hat der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband - das ist der Dachverband von mehr als 10 000 Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland - seinen aktuellen Bericht zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland vorgelegt. Ein paar Zitate aus dem Bericht: «Mit einer Armutsgefährdung von 15,1 Prozent wurde 2011 ein absoluter Höchststand seit der Vereinigung erreicht.» - «Die Armuts­entwicklung hat sich von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt.» - «Die Politik scheint nicht willens oder in der Lage, gute wirtschaftliche Entwicklung so zu nutzen, dass die immer tiefere Spaltung zwischen arm und reich in dieser Gesellschaft wenigstens ansatzweise gestoppt würde.» - «Die guten statistischen Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik werden offensichtlich mit einer Amerikanisierung des Arbeitsmarktes, dem Phänomen des <working poor>, erkauft.»
Offensichtlich sitzen die meisten Menschen in Europa in einem Boot. Es ist eben nicht so, dass ein Land, ein Volk auf Kosten anderer Länder und Völker profitiert. Unrecht und Ausbeutung gehen von nur wenigen aus und treffen immer sehr viele, in jedem Land. Um so mehr ist Heiner Flassbecks Buch eine Anregung, dringend über Alternativen nachzudenken.
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Flassbeck: Die Marktwirtschaft des 21.Jahrhunderts, 28. Juni 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Feines Buch, Sollte zur Pflichtlektüre jedes Politikers vor der Wahl gehöhren.
Vielleicht sähe es dann in Deutschland etwas anders aus.
Diese Buch hat mich ermuntert weitere Lektüre zu nutzen um den eigenen Horizont zu erweitern.
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2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kein Vergnügen., 7. Januar 2013
Von 
W. Meier "EuroBremse" (Regensburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Mir hat Heiner Flassbecks Buch nicht gefallen. Nicht wegen seines deftigen Austeilens. Das hat mich sogar amüsiert, anfangs zumindest.
Was mich störte:
Dieses Buch ist schwer zu lesen. Wenn dieses Buch - wie in der SZ-Rezension zitiert - "verständlich" geschrieben ist, muss ich nochmal zur Schule...

Es fehlt irgendwie auch der rote Faden, die Übersichtlichkeit.

Zugegebenermaßen habe ich das Werk nicht zu Ende gelesen.
Als Herr Flassbeck die Japaner als "Schuldenbremsen"-Beispiel aufführt, konnte ich nicht mehr.
(Bei der Verschuldung Japans denke ich doch eher an das Durchtreten des Gaspedals?!)
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Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts
Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts von Heiner Flassbeck (Gebundene Ausgabe - September 2010)
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