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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Regen der Wörter trifft auf Wellblechdächer des Sinns oder: "über die folgen sind wir uns nie im klaren gewesen", 16. September 2012
Von 
Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: ich kann diese stelle nicht wiederfinden: Gedichte (Gebundene Ausgabe)
"ich wollte langsam
berührt werden

von dieser lilie vom pulsieren
aus möwe und licht frierend
im linken blinzelnden auge"

Es gibt Gedichte die gehen aus den Sequenzen des Daseins hinaus und schaffen Harmonien, die größer sind als jede einzelne Sequenz - meist ein großes, übergreifendes Gefühl. Und es gibt Gedichte, die gehen in die Sequenzen hinein, um sie als Poesie zu verwirklichen - als Poesie, die mehr Sprache möglich macht, statt sie nur wirksam zu beleuchten; die lieber ein Messer mit vielen regelmäßigen Zacken ist, als einen einzelner glatter Dolch.
Und es ist schon interessant, dass sich aus dieser Verschiedenheit der Herangehensweisen an das Thema Gedicht, immer wieder ergibt, dass es keine "geeignete" Form dieses Genres gibt, sondern nur die des jeweiligen Dichters, den man gerade liest und die Ebenen, auf denen dieser einen berührt.

"wir blättern einander bilder zu wir dichten
räume uns darin zu bewohnen wir werfen
unsere schatten ins lot wir schnüren blicke"

Daniela Seel, der wir einen der wenigen sehr lyrikorientierten Verlage Deutschlands verdanken, hat mit diesem schmalen Buch ihren ersten Gedichtband vorgelegt. Was erstaunlich ist, denn er hat so wenig von einem Debüt. Man könnte jetzt von Reife anfangen, von Symmetrie oder Wortschatz. Aber es ist etwas sehr viel zentraleres, bildendes, das ich meine, wenn ich sage, dass ihre Gedichte und ihre besten Zeilen tatsächlich unabwendbar sind.

"raschelndes räumen, das läuten des laubs
unterm zur erde gebogenen blau."

Gedichte lesen heißt oft auch aus den eigenen Gedanken in andere zu verschwinden; meist nur kurz und nur um sich nach der Erfüllung zu strecken, die das Gedicht - blitzlichtstark - offenbart, hier und da und oft gegen Ende.
In Daniela Seels Gedichten hat man das Gefühl in jedem Satz von Rand zu Rand mitdenken zu müssen, darin verschwinden zu müssen - als wäre das ganze Gedicht eine Flucht, die man bis ganz zuletzt miterleben muss und in jedem Moment.
Und die wahre Kostbarkeit der Texte liegt weder in den schönen, schräggestellten Fenstern der Sprache, noch in den sinnzersetzenden Momenten, in denen man augenblicklich versteht, sondern meisterlich in beidem zugleich, wie bei einem Schachbrett, wo die jeweils dominierende Farbe die ist, die man nicht mit dem Blick fixiert.

"wir schliefen uns wund
an den umrissen früherer abwesenheit,

wir glaubten an die rückversicherungen
einer stockastik, bei jedem ich-liebe-dich"

Wen ich bisher abgeschreckt habe mit meinen Erläuterungen, dem möchte ich noch einmal kurz und knapp sagen: Diese Debüt ist zwar kurz, aber an Dichte kaum zu übertreffen. Es ist sicherlich nicht einfach zu lesen, eigentlich ist man sogar gezwungen, jedes Gedicht mindestens zweimal zu lesen, auch weil man es oft aus Gewohnheit übereilt. Aber Einsammeln ist die Devise. Die Sätze einsammeln, die Worte einsammeln - Stück für Stück. Dann ist der ganze Band eine höchst erfüllende, wenn auch immer leicht entzogene Erfahrung.

"beide hände dicht vor stirnen schlagend
beäugten wir das liniennetz"

"wiederholte testreihen", so heißt einer der Abschnitte des Bandes. Es ist eine sehr gute mechanische und formale Beschreibung der meisten Gedichte. Wörter und Zustände, aneinandergereiht wie Testreihen, wieder und wieder. Das dahinter mehr steckt, wie bei Rilke hinter dem Wort "Dinggedicht" oder bei Grünbein hinter der Formulierung "Grauzone Morgens" ist die Kunst - die Kunst gute, lesenswerte Gedichte zu schreiben, die ihre Zusammenhänge flüchtig übertreffen.

"wir schrieben uns als aktenzeichen in die Laufmappe
eines allgegenwärtigen Protokolls"

"schuld scham was tun wir
einander lächelnd an ich frage noch einmal was tun wir
einander gutes und wann"
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ich kann diese stelle nicht wiederfinden: Gedichte
ich kann diese stelle nicht wiederfinden: Gedichte von Daniela Seel (Gebundene Ausgabe - März 2011)
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