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13 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eher Unbekanntes vom großen Italiener, 16. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Pier Paolo Pasolini Collection [5 DVDs] (DVD)
Ich habe diese Box soeben bestellt und freue mich wie ein König darauf. Wieso? Weil man hier einige der eher unbekannteren Werke Pasolinis bestaunen kann. Ich kann also zur Qualität der DVDs wenig sagen. Da "Deutsch" als Sprache, aber auch als Untertitel angegeben wird, nehme ich an, daß jene Filme, die eine Synchronisation erhalten haben, auch mit dieser zu sehen sein werden. "Gastmahl der Liebe" kenne ich bisher nur von einer WDR-Ausstrahlung vor Jahren, da war er untertitelt.

"Accatone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" ist Pasolinis erster eigener Langfilm. Hier kommen schon einige der Themen und Gegenstände zusammen, die ihn sowohl in seiner Prosa ("Ragazzi di vita"), als auch in vielen seiner späteren Filme (u.a. "Mamma Roma") beschäftigt haben: Erzählt wird vom Zuhälter und Dieb Accatone, der seine Familie verläßt, sich in den Vorstädten Roms herumtreibt, sein "Mädchen" verliert, dadurch keine Einkünfte mehr hat, sich mit neapolitanischen Gangstern anlegt, den eigenen Sohn bestiehlt, die Frau, die ihn liebt, nicht halten kann und schließlich, sterbend, nachdem er bei einer Verfolgungsjagd mit dem Moped in einen Laster gerast ist, die Worte "Jetzt geht's mir besser" ausstößt. Größtenteils, wie auch in seinen späterren Filmen, mit Laiendarstellern und vor Ort gedreht, werden wir Zeugen eines modernen Passionsweges. Unterlegt mit Musik von Johann Sebastian Bach, entfaltet sich dieses Schicksal gleichsam folgerichtig vor den Augen des Zuschauers, bis an dieses bittere Ende. Pasolini selbst sah den Film als Tragödie, also als unentrinnbar auf den Tod zusteuernde Handlung. Dies war nicht nur Pasolinis erster Langfilm, sondern auch direkt der Auftakt zu einer langen Reihe von Skandalen, zu denen seine Filme immer wieder wurden. In Italien zunächst verboten, durfte "Accatone" erst aufgeführt werden, als er im Ausland hymnische Anerkennung fand.

Ganz anders das "Gastmahl der Liebe": Während der Frühjahrs- und Sommermonate 1961 reiste Pasolini von Nord nach Süd durch Italien und stellte den Menschen, die er traf, Fragen über die Liebe. Dabei entstanden manchmal sehr lustige, manchmal auch beängstigende Interviews, in denen Kinder erklären, wo die Babys herkommen, junge Paare sich zu den Möglichkeiten des Auslebens ihrer Sexualität äußern und alte Männer ihre Ansichten über Homosexualität darlegen. Schön zu beobachten ist hier v.a., wie es dem Regisseur gelingt, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, das Schweigen zu diesem diffizilen Thema schon zu einer Zeit aufzubrechen, da die "sexuelle Revolution" noch Jahre entfernt war. Immer wieder hält man den Atem an und denkt: Das kann nicht gut gehen!, und dennoch entsteht dann eben doch ein Gespräch. Einer der "angenehmsten" Filme Pasolinis.

"Große Vögel, kleine Vögel" ist der Film, der mich schließlich hat zugreifen lassen bei dieser Box, denn dieser ist selten zu sehen und im Pasolinikosmos ungewöhnlich. Es ist eine episodenhafte Doppelgeschichte eines Vaters und seines Sohnes, die sich in den Außenbezirken Roms herumtreiben, dabei wird nie wirklich klar, was sie wollen, wohin sie unterwegs sind usw. Ihre Gespräche, nicht zuletzt über den Tod, rufen einen sprechenden Raben herbei, der ihnen eine Geschichte erzählt aus dem 12. Jahrhundert, in welcher zwei Mönche, Schüler des heiligen Franziskus (und von eben jenen Schauspielern dargestellt, die auch Vater und Sohn in der zeitgenössischen Episode spielen), dessen Lehre folgend den Vögeln predigen und zunächst erfolgreich sind. Dennoch - obwohl sie die Liebe gepredigt haben und die Falken das verstanden zu haben scheinen - werden sie Zeugen , wie ein Falke einen Spatz frisst. Franziskus, den sie aufsuchen, teilt ihnen mit, daß sie weitermachen müssten, denn die "Welt muß verändert werden". Dann kehrt die Erzählung in die Gegenwart zurück und Vater und Sohn ziehen weiter, wobei ihnen allerhand Unbill widerfährt, sich zumindest der Vater aber auch als ein Ausbeuter entpuppt.

Es gibt Momente echten Slapsticks in diesem Film, wahren Blödsinns, dennoch bleibt die Allegorie erhalten und auch das Anliegen des Regisseurs irgendwo zwischen christlicher Erlösungsgeschichte und marxistischer Ideologie die Möglichkeit eines Zugriffs auf eine Wirklichkeit zu haben, die veränderbar sein muß. Diese Hoffnung mag Pasolini - zu diesem Zeitpunkt seines Schaffens, also 1966 - noch nicht aufgeben. Noch hofft er auf eine Revolution, die einem marxistischen Messias (dazu sollte man "Das 1. Evangelium - Matthäus" heranziehen) den Weg ebnet.

"Edipo Re" schließlich, der Titel besagt es ja, gehört zu den "mythischen" Filmen Pasolinis. Wie in "Medea" greift er einen antiken Mythos auf, allerdings nutzt er die Möglichkeiten des Episodenfilms (was er immer wieder, so auch im "Schweinestall", den "erotischen" Filmen wie "Decameron" u.a. getan hat, darin übrigens auch ein Kind seiner Zeit, war es in den 60er Jahren doch sehr beliebt, auf diese Erzähltechnik zurückzugreifen), um die Bezüge zur Gegenwart ebenso heraus zu stellen, wie jene zur eigenen Biographie.

Pasolini wollte den Mythos hinter sich lassen. Sein Kino sollte nicht eines sein, das ein Als-Ob darstellte, sondern er suchte den Blick auf die Realität. In seinem Christusfilm wollte er eine Landschaft, die der entsprach, in der der "wahre" Christus gewandelt war, in seinen Mythosfilmen suchte er die Kargheit (hier, in "Edipo Re", ist es die Landschaft Marokkos), die das Karge des Mythos, seine Ungeschichtlichkeit widerspiegeln konnte, in den "realistischen" Filmen, wie eben "Accatone" oder "Mamma Roma", ging er exakt dahin, wo diese Filme spielen und lies exakt jene Menschen auftreten, von denen diese Filme handeln - die kleinen Diebe und die Huren der römischen Vorstädte. Er suchte sozusagen die Analogie der Geschichte, des Mythos, der Orte in der Gegenwart. Mehr und mehr verzichtete er auf professionelle Darsteller zu Gunsten von Laiendarstellern, die sich mehr oder weniger selbst spielen. In "Edipo Re" trägt das v.a. in den Massenszenen dazu bei, daß der Zuschauer sich in der Realität, der Geschichte wähnt, die dem Mythos vorausgehen muß. Man meint, dokumentarisch anwesend zu sein, wenn sich die antike Tragödie entfaltet. So erzählt Pasolini eben nicht VOM Mythos, sondern er erzählt von der ENTSTEHUNG des Mythos, was ein wesentlicher Unterschied ist.

Anders als der große Godard, der nicht müde wurde, das Artifizielle des Films, seine Sekundärebene gegenüber der Realität wieder und wieder auszustellen, zu thematisieren, meinte Pasolini (der Godard sehr verehrte) lange Zeit, sich der Wirklichkeit, wirklichen Menschen filmisch genau so annähern zu können, wie eben beschrieben. Insofern ist in "Große Vögel, kleine Vögel" auch eine echte Seltenheit des Pasolini'schen Werkes zu beobachten: In der Franziskusepisode, die ja im Mittelalter spielen soll, nutzt er sehr bewußt schon vorhandene Filmkulissen (in diesem Fall jene aus Rossellinis Franziskusfilm, der Jahre zuvor entstand). So hat man es hier mit einem Rekurs auf die Filmgeschichte und natürlich auch mit einem Hinweis auf die Künstlichkeit des Kinos generell zu tun (was in genau diesem Film - "Große Vögel, kleine Vögel" - auch funktioniert)

So freue ich mich also darauf, diese Filme wiedersehen zu können. Ich kann nur empfehlen, daß ein jeder, der sich Pasolini bisher noch nicht angenähert hat, sich neben den Muß-Filmen wie "Teorema", "Medea", "Mamma Roma" und natürlich (und leider) "Saló - die 120 Tage von Sodom", hier der überwiegend leichteren, vor allem unbekannteren Seite widmen sollte.

Übrigens ganz unabhängig davon, ob die Filme nun im Original, mit Synchro oder Untertiteln geliefert werden!
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Pier Paolo Pasolini Collection [5 DVDs]
Pier Paolo Pasolini Collection [5 DVDs] von Pier P. Pasolini (DVD - 2008)
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