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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verpasste Gelegenheiten, 22. August 2008
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Madonna im Pelzmantel (Broschiert)
"Wie lächerlich, oberflächlich und unbedeutend, und gleichzeitig wie unbarmherzig sind doch die Faktoren, welche die Beziehungen zwischen den Menschen bestimmen! (...) Gerade weil wir wissen, wie schwer es ist, den anderen wirklich zu erkennen, und die damit verbundene Mühe oft scheuen, ziehen wir es vor, wie Blinde aneinander vorbeizulaufen.", sinniert der namenslose Ich-Erzähler zu Beginn des Romans. Diese Erkenntnis gewinnt er, nachdem er einem anderen Mann, der von der Masse der Gesellschaft eher nicht beachtet wurde, einem "ganz normalen Sterblichen ohne herausragende Eigenschaften, wie sie uns täglich zu Hunderten begegnen und denen wir kaum einen Blick schenken.", näher gekommen ist. Dessen Lebensgeschichte - die des Raif Efendi - erzählt er in diesem Buch und schärft dabei den Blick für das Individuelle, das Innere in einem Menschen.

Als neuer Angestellter im Unternehmen seines ehemaligen Schulfreundes wird der Ich-Erzähler in das Büro des Raif Efendi gesetzt. Dieser von allen nur herumkommandierte stille, oft kränkelnde, jedoch fleißige und pünktliche Mann, arbeitet als Übersetzer vom Deutschen ins Türkische. Stoisch lässt er alle Beschimpfungen über sich ergehen, ohne jemals gegen all die an ihn verübten Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Auch zu Hause führt er ein untergeordnetes Dasein und lässt sich von seiner großen Familie ausnutzen.

Dieser Mann erregt dennoch die Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers und beide kommen sich langsam näher. Er weiß zwar immer noch nicht, was für ein Mensch er ist, aber dass er nicht der war, der er schien, ist er sich zunehmend sicher. "Wenn wir, statt diesen für uns undurchschaubaren Individuen jegliches Seelenleben abzusprechen, auch nur ein wenig neugierig wären und ihre verborgene Innenwelt zu erforschen versuchten, würden wir sehr wahrscheinlich auf überraschende Dinge, ja unerwartete Schätze stoßen." Ein kleines, geheimnisvolles, schwarzes Heft - ein rückblickender Lebensbericht Raifs - bringt ihm dessen wahre Existenz völlig ins Bewusstsein.

In den Zwanzigern von seinem Vater nach Berlin geschickt, um die Seifenherstellung zu studieren, lernt Raif Efendi jedoch etwas viel wertvolleres kennen: die tiefe Liebe zu einer Frau. Begonnen hatte alles mit einem Gemälde in einer Ausstellung, dem Selbstporträt der darauf abgebildeten Künstlerin - der "Madonna im Pelzmantel". Raif verliebt sich unsterblich in diese Abbildung ("Sie war eine Mischung, eine Verschmelzung aller je in meiner Fantasie lebenden Frauen"), bis er Nora Puder - die Malerin - persönlich kennenlernt.

Zwei äußerst individuelle Menschen treffen aufeinander: er, Raif, der stille, menschenscheue, undurchschaubare Träumer, der bis dato nur in seinen Büchern lebte und sie, Nora, die kapriziöse, wechselhafte, selbstbewusste und selbstbestimmende Frau. Doch trotzdem scheint es ganz so, als wenn eine Seele auf ihr Ebenbild getroffen wäre. Es entwickelt sich eine Nähe, die auf geistiger, gedanklicher Übereinstimmung begründet ist.
Doch ganz so harmonisch läuft diese innige Beziehung nicht ab. Zu sehr reiben sich die zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten aneinander. Dann geschieht etwas, das alles verändern sollte, allem eine neue Richtung gibt...

Nach der Lektüre dieses Tagebuches wird dem jungen Ich-Erzähler endgültig klar, dass dieser unscheinbare Raif Efendi endgültig in sein Leben getreten ist. "Noch nie habe ich die Gegenwart eines anderen Menschen so bewusst und lebendig in mir wahrgenommen.", sind seine Worte, die sogleich die letzten Zeilen des Romanes einläuten und denen man sich uneingeschränkt anschließen möchte.

Sabahattin Ali nimmt den Leser für Stunden gefangen, er zieht ihn in einen geradezu magischen Sog und verzaubert ihn. In luziden, tiefgeistigen, ja philosophischen Betrachtungsweisen schaut der 1948 auf bis heute unerklärliche Weise auf der Flucht nach Bulgarien ermordete türkische Hoffnungsträger der damaligen Istanbuler Literaturszene tief ins Innerste der Menschen und zeichnet gleichzeitig ein wunderbares Lokalkolorit des Berlins der Zwanziger Jahre mit einem neueren freieren Frauenbild.

Mit essentiellen, teils elegischen, teils hoffnungsfrohen, aber immer unprätentiösen Worten und Sätzen - wie eine grazile Decklasur - überzieht er seine Prosa und schafft so ein eigenständiges kleines Kunstwerk, das Melancholie, zuweilen gar Hoffnungslosigkeit, aber gleichzeitig auch Lebensfreude ausdrückt, manchmal wie ein Traum erscheint. Die Handlung tritt gegenüber langen inneren Monologen und Selbstanalysen zurück. Tiefe Einblicke in die menschliche Seele, wechseln mit detailreichen Naturbeobachtungen. Wortgewandt, manchmal spöttisch und selbstironisch, weiß Ali grandios sein Publikum zu umgarnen. Ein wunderbar besinnliches, kleines, feines Meisterwerk.

Fazit:
Sabahattin Ali hat ein meisterlich feingeistig-kraftvolles Werk geschrieben, das die innersten Seiten eines Menschen berührt und die sensiblen zum Vibrieren bringt. Ute Birgi hat seine Worte einfühlsam und ohne Identitätsverlust ins Deutsche übertragen.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berlin in den zwanziger Jahren,--ein tanzender Vulkan und eine irrlichternde Liebe!, 15. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Madonna im Pelzmantel (Broschiert)
Der namenlose Icherzähler dieses Romans trifft, arbeitslos geworden, in Ankara einen früheren Schulfreund, der ihm jovial eine Stelle in seiner Firma anbietet.
In seinem kleinen Büro lernt er Raif Efendi kennen, einen allseits als unscheinbar eingeschätzten Übersetzer im Haus des Herrn.
Wie es das Schicksal so will, interessiert sich der Erzähler für diesen geheimnisvollen Mann, über den alle nur lachen und sich lustig machen. Er fasst eine unerklärliche Zuneigung zu Raif Efendi. Dieser ist häufig krank, und bei seinen Krankenbesuchen lernt der Erzähler die Umstände eines eher armseligen Lebens kennen. Raif bemerkt das Interesse seines Gegenübers und überlässt ihm während einer schweren Erkrankung ein unscheinbares schwarzes Heft, in dem sein Leben, seine Erfahrungen und seine Gedanken aufgezeichnet sind. Nie hat der Erzähler eine so nachdenklich stimmende Lektüre gelesen, die weit in die zwanziger Jahre nach Berlin zurück reicht.

Raif Efendi wurde von seinem wohlhabenden Vater nach den Unruhen des ersten Weltkriegs in der Türkei zu Beginn der zwanziger Jahre nach Berlin geschickt. Der Vater hoffte, dass er dort das Seifenhandwerk erlernen würde, womit er später der väterlichen Fabrik vorstehen könnte. Weit gefehlt beschäftigt sich Raif mit Kunst und entdeckt die Dichter und Denker für sich. In einer Ausstellung sieht er das Bild von der > Madonna im Pelzmantel>. Die Ähnlichkeit mit der Madonna del Arpie von Andrea del Sarto ist frappierend. Raif ist gefesselt von der Kunst und kann von der Madonna nicht mehr lassen.

Sabahhatin Ali ist ein feinfühliger Erzähler. Seine Figur des Raif Efendi ist sensibel, unnahbar und sehnt sich nach Nähe, die der Held jedoch gleichzeitig fürchtet. Fern von zu Hause erlebt er das Berlin der zwanziger Jahre, das voller Aufbruchsstimmung, anregender Kunstszenen und von künstlerischen Glanzpunkten in Dichtung, Film, Gesang und Theater ausgezeichnet war.
Seine Madonna im Pelzmantel begegnet ihm in Natura, und wir werden zu Zeugen einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte.
> Um sich offenbaren zu können, muss eine Seele auf ihr Gegenbild treffen.< Mit diesen Worten erklärt Sabahattin die ungestüme Anziehung, die beide Liebende bewegt. In ihren Dialogen zeigen sich zwei Menschen, die voller Misstrauen sind sich vorsichtig einander annähern. Ihre Gedanken sind von tiefer Bewusstseinsschärfe, reflektiert und alles hinterfragend. Für Raif ist die Liebe zu Maria Puder, der Malerin der Madonna im Pelzmantel, die wahre Entdeckung und große Liebe seines Lebens.
Er ist der scheue und irritierte Held einer Erzählung, in der Nähe und Distanz zur zentralen Frage wird. Das irrlichternde Berlin der zwanziger Jahre gleicht einem tanzenden Vulkan, und mitten drin erleben wir eine Liebesgeschichte, die einmalig, sensibel und feinfühlig bleibt. Die Erzählung behält durchgängig das gleiche Niveau und steuert auf ein Ende zu, das melancholisch und tiefsinnig an die Grenzen des menschlich Erträglichen stößt.
Der tragische Held verströmt die Scheu und Empfindsamkeit, die eines Prousts würdig ist.

In der noblen Übersetzung von Ute Birgi-Knellessen verspricht die Lektüre ungetrübten Lesegenuss.

Der Meister des Wortes und der reflektierten Prosa, Sabahattin Ali, der 1948 im Alter von 41 Jahren auf der Flucht erschossen wurde, zeigt einmal mehr sein Können, wie wir dieses schon in seinem Roman > Der Dämon in uns > erfahren konnten.
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Die Madonna im Pelzmantel
Die Madonna im Pelzmantel von Sabahattin Ali (Gebundene Ausgabe - 12. September 2013)
EUR 18,90
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