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5.0 von 5 Sternen Haben Sie schon einmal Carambole gespielt?
Der Autor entwickelt analog zu den zwölf Phasen des Brettspiels Carambole zwölf lose zusammenhängende Szenen aus dem Dorfleben. Wieviel Spielrunden hat man bis man sein (Lebens)Ziel erreicht – oder daran vorbeischießt und wie viele Runden hat man bis man ins Aus katapultiert wird ? Jede Szene wird von einem anderen Dörfler erzählt, der...
Vor 4 Monaten von wandablue veröffentlicht

versus
7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Triumph der Resignation
Nichts passierte. Alles passierte. So endet dieses Buch und das könnte ein steinstarkes (!) Finale sein.

Doch "nichts passierte". Full stop. Finde ich. Und das ist das Problem, das ich allgemein mit diesem Buch habe. Es ist bestimmt klug und weise und interessant und - meine Güte! - mit Worten umgehen kann er ja, der Jens Steiner. Er berichtet in 12...
Vor 5 Monaten von progue veröffentlicht


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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Haben Sie schon einmal Carambole gespielt?, 28. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Der Autor entwickelt analog zu den zwölf Phasen des Brettspiels Carambole zwölf lose zusammenhängende Szenen aus dem Dorfleben. Wieviel Spielrunden hat man bis man sein (Lebens)Ziel erreicht – oder daran vorbeischießt und wie viele Runden hat man bis man ins Aus katapultiert wird ? Jede Szene wird von einem anderen Dörfler erzählt, der sich nie sofort zu erkennen gibt.

Der Autor vermag eine Ehe mit einem einzigen Satz erschöpfend zu skizzieren, „Seit Jahren gingen meine Frau und ich uns aus dem Weg“, er findet freundliche Worte für einen gut bezahlten Job, „die allabendlichen Tunichtgute am Ende der Tagesschau“ (Meteorologen) und schreibt überwiegend in frischer ungezwungener Weise „wir prügelten dem Haus meiner Eltern neues Leben ein“, etc. wobei er auch mal über das (Sprach)Ziel hinausschießt, Carambole eben. Kein Klischee, keine Phrasen. Braucht er nicht. Diese Fähigkeit und die Beobachtungsgabe des Autors machen das Werk lesenswert.

Unter der fachkundigen Regie des Autors entsteht eine Atmosphäre von Langwierigkeit, Morbidität, Absurdität und desolater Beklemmung, unterstrichen durch tragische Familienverflechtungen und Verkettungen, einer Vergewaltigung samt unterlassener Hilfeleistung und einem Toten. Manches bleibt einfach Durcheinander, krude, Zufallstreffer, Zufall. Die rote Queen, ein besonderer Spielstein, mag die Explosion einer Fabrik sein (Brandstiftung), die das Dorfleben erschüttert.

Steiners Sprache ist modern, sachlich, probt den neuen Ausdruck, was die Absurdität mancher Ereignisse und innerer Dialoge noch mehr hervorhebt.

Dieser Roman ist ein Kunstwerk, raffiniert aufgebaut, ein Buch, dessen Ideen carambolieren, mal hierhin mal dorthin schießen, das ist gewollt und auf alle Fälle einmal etwas anderes. Nie langweilig, doch öfter unverständlich, denn immer mehr gehen Plausibilität und Kausalität verloren.

Jens Steiners „Carambole“ bildet keine Story im üblichen Sinne ab, sein Roman ist ein Probestück der Literatur. Was ist machbar? Dem Leser wird einiges abverlangt. Kunst? Mir wäre allerdings etwas weniger Kunst zukunsten(!) von mehr Verständlichkeit lieber. Schöner Bonus: eine erhellende(re) dreizehnte Szene auf Jens Steiners Homepage.

Fazit: Ziemlich cooles Experiment.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Triumph der Resignation, 28. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Nichts passierte. Alles passierte. So endet dieses Buch und das könnte ein steinstarkes (!) Finale sein.

Doch "nichts passierte". Full stop. Finde ich. Und das ist das Problem, das ich allgemein mit diesem Buch habe. Es ist bestimmt klug und weise und interessant und - meine Güte! - mit Worten umgehen kann er ja, der Jens Steiner. Er berichtet in 12 Runden vom Leben in einem Dorf, welches sich außerhalb der Zivilisation zu befinden scheint. Nicht, dass sie primitiv wären, die Bewohner dort, aber sie leben auf einem eigenen Planeten, könnte man meinen. Und dieser Planet ist dabei zu sterben, denn sie haben alle aufgegeben.

Da sind die drei Jungs Igor, Manu und Fred, die sich nicht auf die Ferien freuen können, weil sie nicht wissen, was sie mit all der freien Zeit anfangen sollen. Sie hängen auf ihrem Lieblingsplatz ab, starren in die Gegend, träumen, träumen, träumen immer nur. Ab und zu reden sie mit Schorsch, einem seltsamen Kerl, von dem keiner so richtig weiß, wo er herkommt oder wer er wirklich ist, und der immer seltsame Geschichten erzählt. Da ist eine überforderte Mutter, die keinen Plan hat, wie es in ihrem Mann und in ihrer Tochter aussieht, die gerade noch so erkennt, dass es ihrer Tochter nicht gut geht, die sich jedoch nicht aufraffen kann nachzuhaken. Da sind die Brüder, die seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr miteinander reden, weil sie sich verstritten haben, da ist der alte Mann, der alles mit seinen Ferngläsern beobachtet, und der mit eben diesen Brüdern tragisch verbunden ist.

In 12 Kapiteln lässt uns Steiner teilhaben an ihrem Schicksal, und das tut er in außergewöhnlichen Worten. Wer Freude daran hat, gleichzeitig nüchtern und außergewöhnlich von Worten betrunken gemacht zu werden, der wird großen Spaß an "Carambole" haben, denn Steiner arbeitet mit seinem Wortschatz, wie es große Künstler mit ihren Geigen tun. Da schluchzt es an allen Ecken und Enden, doch immer in Moll, immer und immer wieder in Moll. Es gibt keine Hoffnung, keinen Ausweg, keinen Aufbruch oder Ausbruch. Alles resigniert und findet sich mit einem hoffnungslosen Leben ab, das diesen Namen kaum verdient. Nichts passierte?

Nichts passierte.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen In zwölf Runden durch's Dorf, 26. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Jens Steiner skizziert in seinem Buch unterschiedliche Lebensentwürfe, die in „zwölf Runden“ vor­gestellt werden. Der Roman verdankt seinen eingängigen Titel dem in der Schweiz beliebten Brett­spiel Carambole. Das Spiel, im Buch auch leidenschaftlich gespielt von drei älteren Herren, wird zum Symbol: Wie die Steine auf dem Spielbrett, kollidieren sowohl die verschiedenen Protagonisten, als auch deren Schicksale miteinander. Manchmal prallen sie hart aufeinander, manchmal streifen sie sich nur.

Steiner beschreibt menschliche Schicksale, zoomt dabei seine Figuren nah heran und lässt uns Teil haben an ihren intimen Gedanken. Schauplatz seiner Beobachtungen ist ein sommerliches Dorf ohne Namen. Immer wieder tauchen drei Jungs auf, Freunde kurz vor den Sommerferien. Unter ihnen Igor, der von einer quälenden Langeweile gestraft, permanent auf eine Sensation hofft, sie zu erahnen scheint und damit die Spannung des Buches aufrecht hält. Oder Schorsch, das Rätsel um seine wahre Identität, die selbst seinen engsten Freunden nicht ganz klar zu sein scheint, beschäftigt bis zum Schluss. Einigen Figuren hat das Leben einiges abverlangt: Eine Ehefrauen, gefangen im Schweigen ihrer kleinen Familie klagt: „In meinem Kopf eine Horde von Fragen, die sich gegensei­tig herumschubsen. Wiewarumwaswerwo?“ Ein Anderer ist Verursacher eines schrecklichen Ver­kehrsunfalls. An den Rollstuhl gefesselt, beobachtet er tagein tagaus das Dorfgeschehen.

Steiner skizziert all das in schnörkellosem, präzisem Ton mit meisterhafter Beobachtungsgabe. Seine Geschichten ziehen mit und lassen nicht los, jede Einzelne macht Lust auf eine Neue. Es dürfte schwer fallen bei diesen vielen Hauptpersonen, Schauplätzen und kleinen und großen Katastrophen den Überblick zu behalten. Aber das stellt auch die Herausforderung an diesen unkonventionellen Roman dar und schließlich erfährt der Leser bei zunehmender Lektüre einige Aha-Erlebnisse.

Der Autor steht mit „Carambole“ sehr verdient auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein Werk ist ein absolutes Muss für Jeden, der außergewöhnliche Roman mag.
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3.0 von 5 Sternen Ein Roman mit Zugabe, 3. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
«Die Idee eines Textes, der ästhetisch innovativ ist und ein kleines Stück Menschheitsgeschichte darstellt» ist für den Schweizer Autor Jens Steiner Grund des literarischen Schreibens, wie man auf seiner Homepage nachlesen kann. Beides findet sich in diesem neuen, seinem zweiten Roman, der soeben in seiner Heimat den Buchpreis 2013 gewonnen hat, von der Jury in der Laudatio als ein Werk « von großer poetischer Kraft« gewürdigt. Mich hat der artifizielle Sprachstil dieses eigenwilligen Romans, der aus zwölf nur vage ineinander verwobenen, episodenhaften Erzählungen besteht, unwillkürlich an Franz Kafka erinnert, weniger unheilschwanger und bedrückend zwar, aber ähnlich absurd und unergründlich.

Das in Indien und umgebenden Ländern als Volkssport betriebene Brettspiel Carrom wird in der Schweiz Carambole genannt, eine Art Fingerbillard für zwei oder vier Personen, das für diesen Roman nicht nur als bedeutungsschwerer Titel dient, sondern auch im Untertitel seine Spuren hinterlassen hat, «Ein Roman in zwölf Runden». Eigentliche Hauptfigur ist die in Lethargie versunkene Dorfgemeinschaft eines namenlos bleibenden Ortes, dessen Seele zu ergründen Ziel dieser Geschichte ist. Aus der Einwohnerschaft rekrutiert sich eine Vielzahl von Protagonisten, jeder für sich Teil eines Puzzles, dessen Lösung sich als nicht gerade einfach erweist. Mitdenken ist also angesagt bei dieser insoweit schwierigen Lektüre, die in einer allerdings klaren und unkomplizierten Sprache geschrieben ist, nicht unbedingt selbstverständlich ja bei jungen und kreativen Romanciers. Wir erfahren von teils tragischen Lebensgeschichten, von schuld- und schamvoll verborgenen Geheimnissen, von wichtigen und nichtigen Erlebnissen der Figuren, das alles berichtet in personaler Erzählform und aus ständig wechselnden Perspektiven. Verzweiflung und Verlorenheit allenthalben, die Figuren sind äußeren Kräften ausgeliefert, werden herumgeschubst wie die runden Steine bei titelgebenden Brettspiel, einem unergründlichen Plan folgend, der innerhalb weniger Tage vor einem nicht näher definierten zeitlichen Hintergrund abläuft, in dem Handy und Computer noch nicht vorkommen.

Die zwölf mit kurzen Titeln versehenen Kapitel, jedes eine separate Story, in der gelegentlich schon bekannte Protagonisten erneut auftauchen, haben ihre eigene Thematik, sie reihen sich zunächst ohne erkennbare Bezüge aneinander. Man begegnet darin Figuren wie den drei Schülern, auf die die Leere der Sommerferien zukommt. Da ist der Außenseiter Schorsch, nach dessen Tod festgestellt wird, dass er sich von Katzenfutter ernährt hat, da ist der Rollstuhlfahrer am Fenster, der mit gleich drei Fernrohren und zwei Spiegeln das Dorfleben beobachtet, zwei Söhne sind sich spinnefeind wegen des Streits um das Erbe des Vaters, es gibt viele andere skurrile Typen mehr. Die Stimmung bei allen Geschichten ist melancholisch, regelrecht düster, lähmend und deprimierend, es ist wahrlich unerfreulich, was man da liest.

«Er suchte im Gedächtnis nach einem frohen Gedanken» heißt es mal im Text. Ich fand den frohen Gedanken in diesem Roman nur im siebten Kapitel. Da trifft sich eine Troika aus drei Männern zum Carambole, jeder genießt seinen ganz speziellen Lieblingsdrink, man spricht über Antonio Gramsci und Epiktet. «Freut euch eurer Torheit, denn dahinter wartet das Unglück. Und hinter dem Unglück kommt nichts mehr», heißt es an einer Stelle. Hinter den zwölf Kapiteln kommt für den interessierten Leser dann doch noch was, eine erfreuliche Zugabe nämlich. Er findet, so er sucht, auf der Homepage des Autors ein nettes dreizehntes Kapitel, das geeignet ist, zumindest auf elektronischem Wege die Lektüre als weniger bedrückend ausklingen zu lassen. Man muss allerdings das Passwort kennen, also aufmerksam die zwölf papiernen Kapitel gelesen haben!
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5.0 von 5 Sternen Spiel des Lebens in zwölf Zügen, 29. September 2013
Von 
Kalamaria - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
...oder vielmehr Runden, wie der Autor sie nennt. Der Titel des Buches ist "Carambole", ein altes Spiel, das im Buch von drei Männern, drei älteren Herrschaften, als welche sie bezeichnet werden, regelmäßig gespielt wird - doch ist es das Spiel des Lebens, um das es hier geht. Das Leben der Dorfbewohner, die tagein, tagaus in einem kleinen Dorf ihre Tage verbringen - und doch so viele Sichtweisen auf dieselben Dinge haben, wie es Einwohner gibt - oder sogar mehr.

Einige fliehen auch, sind verschwunden. Sie lassen andere zurück und nehmen etwas mit - das gemeinsame Vermögen, das gemeinsame Kind. Die Verlassenen trauern nur bedingt - sie finden sich ab und fügen sich ein in die veränderten Strukturen... etwas passiert mit ihnen - eher, als dass sie selbst agieren. Das sind die Gebliebenen, die Romanhelden, die Steinchen der Carambole, die mit ihnen gespielt wird.

Es gibt ein Ende für einen Akteur, alle anderen machen weiter - genau wie bisher? Wir wissen es nicht, denn Jens Steiner präsentiert uns lediglich einen Ausschnitt, eine Art Blitzlichtaufnahme über ein paar Tage im Dorf. Das tut er sparsam, aber trotzdem wortgewaltig. Wie das gehen soll? Nun, er ist einer dieser Autoren, die mit Worten malen, aber er braucht nur wenige: ein Satz und ein Charakter, eine Beziehung, eine Situation wird erfasst, der Leser kann ihn/sie in ihrer Gänze begreifen. Hier sitzt jedes einzelne Wort.

Steiner präsentiert, nein, er entlarvt den dörflichen Alltag dadurch, dass die Bewohner aus verschiedenen Perspektiven dargestellt werden - mal aus der eigenen, mal wieder aus anderen.

Eine Milieustudie der Normalität - oder auch gerade nicht, denn wie einer der Protagonisten verkündet "war ich schon damals längst der Normalität abhanden gekommen." (S, 160)
Dieses kurze Buch beinhaltet eine Reihe einprägsamer Sätze, die zumindest ich nicht so schnell vergessen werde - so bin ich bspw. "überzeugt davon, dass jedes Alter seine eigene Ernsthaftigkeit hat" (S.112), ich wußte es bisher nur nicht!

Wie auch vieles andere, eigentlich Selbstverständliche, das der Autor mir hier plastisch vor Augen geführt hat. Lesenswert!
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5.0 von 5 Sternen Kein Anfang, kein Ende, 23. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
"Carambole" ist ein Buch ohne Anfang - der erste Satz katapultiert einen in die dörfliche Welt, als hätte man sich mitten in einen laufenden Film geschaltet. Überhaupt hat der Roman etwas sehr Filmisches - beim Lesen hatte ich das Gefühl, durch den Sucher einer Kamera zu schauen, die die Figuren heranzoomt, ohne jemals ganz in die Totale zu öffnen.

Jede der 12 "Runden", wie der Autor die Kapitel nennt, wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Steiner zoomt auf eine Gruppe halbwüchsiger Jungen, springt zu deren Schule, Familien, Bekannten, Nachbarn. Sukzessive werden Verbindungen zwischen den Figuren sichtbar, Kausalitäten treten zutage; ein Puzzle, für das Teil auf Teil zusammen kommt. Alle Figuren quält ein Gefühl von Stagnation; mancher hat sich in seinem Unglück häuslich eingerichtet. Das Personal des Buches mutet an wie eine Studie in existenzieller Einsamkeit und resignierter Sprachlosigkeit. Jeder im Dorf hat seine eigene Strategie, damit zurecht zu kommen. Einer rettet sich in ein Trinkritual, das ihm zweimal täglich ein Bier erlaubt. Ein Anderer taucht ab in die geordnete Insektenwelt, in der jede Handlung eindeutigen Sinn hat. Ein Dritter zieht sich, anrührend poetisch, einmal in der Woche in den Gartenschuppen zurück, um die Welt zu beweinen. Ein Vierter gräbt ein Loch in seinem Garten, als wolle er sich sein Grab schaufeln. Manche der Seelenzustände kommen so intensiv rüber, dass man sie kaum ertragen kann.

Ein Kosmos einsamer Planeten - und doch treffen die Planeten, sprich Lebensläufe, aufeinander und wechseln beim Aufprall die Richtung oder enden im Aus, womit wir die Verbindung zum Titel haben. (Carambole, auch Carrom, ist ein Brettspiel, bei dem es ähnlich wie beim Billard darum geht, mittels eines Spielsteines die gegnerischen Steine im Eck zu versenken.) Die Explosion der Gastanks einer Fabrik am Dorfrand ist so etwas wie das Metronom, das den Kapiteln zeitlichen Rhythmus gibt. Denn auch wenn alle meinen, dass im Dorf nichts passiert, so geschieht doch unter der Oberfläche eine ganze Menge. Einiges davon hat zu der Explosion geführt, manches wird davon angestoßen, für anderes dient sie als Soundtrack oder das Äquivalent eines Tuschs.

Das alles wird uns in einer ebenso knappen wie kreativen Sprache erzählt, die jeder der 12 Runden und Figuren einen typischen Ton verleiht. Der Autor beobachtet genau, skizziert mit wenigen Strichen komplexe Bilder und verflicht die Ebenen mit spinnwebfeinen Fäden. Aber Vorsicht: Auch wenn es sich hier eindeutig um einen Roman handelt und nicht um eine Reihe von eigenständigen Erzählungen, wird die Erwartung einer linearen Handlung im klassischen Sinne nicht bedient. Es gibt zwar so etwas wie einen Erzählfortschritt, der durchaus Spannung erzeugt; es gibt Teilauflösungen mit Aha-Effekt, aber ein Gefühl von Verwirrung bleibt die ganze Lektüre über bestehen. Denn: "Alles ist zugleich sichtbar, nichts wird deutlich." Das gilt es, als Leserin auszuhalten.

Am Schluss steht eine der Protagonistinnen auf einer Wegekreuzung und blickt in alle Richtungen. Ihr Mann hat sie verlassen, ihre Tochter braucht sie nicht mehr. Bleiben? Gehen? Anfang oder Ende? Das bleibt offen. Freysinger, der Gärtner, formuliert es ebenso treffend wie bodenständig: "In jedem Kleeblatt steckt schon der nächste Kuhfladen."

Mir hat dieses sehr zeitgemäße Leseabenteuer in 12 Episoden sehr gut gefallen. Und die dreizehnte Episode auf Steiners Homepage, deren Passwort man nur knackt, wenn man das Buch gelesen hat, ist der Glückskeks nach dem Menü.
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4.0 von 5 Sternen Das dörfliche Leben in zwölf Runden, 28. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Inhalt

Jens Steiner beschreibt in zwölf Geschichten oder wie er selber sagt, Runden, das dörfliche Leben aus den unterschiedlichsten Sichtweisen. Jedes seiner Kapitel ist gleichzeitig eine neue Geschichte, teilweise jedoch auch mit Protagonisten, die man aus vorherigen Kapiteln kennt und die mit einem hauchdünnen Faden eine Verbindung zu diesem aufzeigen.

Meine Meinung

Ich habe mich zunächst sehr schwer mit dem Buch getan. Die einzelnen Geschichten und die Erzählart des Autors waren teilweise so traurig, so sehr geprägt von gebrochenen Gestalten und einsamen Protagonisten, dass ich "Carambole" erst zur Seite legen musste. Als ich dem Buch jedoch eine zweite Chance gab, habe ich dies nicht bereut und würde auch jedem, der vielleicht zunächst Schwierigkeiten hat in die Geschichte zu finden, empfehlen, das Buch nicht gänzlich abzuschreiben, sondern einfach später nochmal in die Hand zu nehmen.

Ja, Jens Steiner hat kein Wohlfühlbuch geschrieben, aber das war auch nicht seine Absicht. Vielmehr wollte er aufzeigen, dass jeder seiner Protagonisten, egal, an welchem Punkt in seinem Leben er sich befindet, genau diese Situation auch jederzeit ändern kann. Die dafür gewählte Erzählweise ist in all seiner auf den ersten Blick wirkenden Schlichtheit dennoch auch wortgewaltig.

Der dörfliche Alltag und das Leben seine Bewohner werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und dabei kommen teilweise erschreckende Geschichten zu Tage. Manche haben eine unglaublich Intensität, man kann die Verzweiflung einzelner Charaktere förmlich spüren und leidet mit ihnen mit. Gleichzeitig möchte man sie aufrütteln und dazu ermuntern etwas zu verändern und nicht wie eine Marionette andere über ihr Leben handeln zu lassen. Hierbei haben mich ganz besonders die Kapitel "Bredouille" und "Patt" ungemein berührt und bewegt.

Eine Erklärung auch noch zu dem Buchtitel. Carambole ist ein billardähnliches Brettspiel, das vor allem in der Schweiz große Beliebtheit hat. Bei diesem werden die Spielsteine mit einem per Finger geschnippten Puck" eingelocht. Dieses Spiel wird im Buch von drei älteren Männern, die eine besondere Freundschaften teilen, bei ihren regelmäßigen Treffen gespielt.

Fazit

"Carambole" ist ein außergewöhnliches und anspruchsvolles Leseerlebnis, wenn auch manchmal am Rande des erträglichen.
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5.0 von 5 Sternen Carambole: ein Romen in zwöf Runden. Von Jens Steiner, 27. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Wir haben das Buch in unserem Literaturkreis gelesen und es hat ausnahmslos gefallen, was nicht oft vorkommt.
Es ist, obwohl scheinbar nichts passiert, spannend und einfühlsam geschrieben und kann auf fast jede Gesellschaft und Orte, wo Menschen zusammen leben, übertragen werden. Was nicht heißt, dass alles "alltäglich" ist.
Ich könnte es jedem, den ich kenne, empfehlen.
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5.0 von 5 Sternen klug, 20. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Carambole: Ein Roman in zwölf Runden (Gebundene Ausgabe)
Die Personen in diesem Buch werden sehr plastisch, sehr real; die "zwölf Runden" sind klug komponiert und ergeben ein eindrückliches Gesamtbild. Ich hätte dem Buch einen Platz auf der Shortlist gewünscht! Lesen!
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5.0 von 5 Sternen "Nichts passierte. Alles passierte.", 26. September 2013
Klappentext
Da sind die drei Jugendlichen, die Pläne aushecken für die bevorstehenden Schulferien und dabei genau wissen, dass auch dieses Jahr nichts geschehen wird, da ist die Troika, die sich regelmäßig zum Carambole-Spiel trifft, da ist Schorsch, der immer dann auftaucht, wenn man ihn nicht erwartet, und da sind die beiden verfeindeten Brüder, die seit jenen Erbschaftsstreitigkeiten nie mehr miteinander gesprochen haben. Im Dorf verharren die Menschen in ihrem Alltag wie gelähmt, während sich um sie herum alles verändert: Restaurants schließen, neue Wohnviertel entstehen, soziale Netze zerbrechen, Familien fallen auseinander.
In zwölf Runden nähert sich Jens Steiner diesem sozialen Gefüge an, lässt die Dorfmenschen in ihrer Hilflosigkeit erstarren und öffnet ganz kleine Lücken, durch die hindurch ein Schritt in eine - wenn auch unsichere - Zukunft möglich wäre.

In zwölf Geschichten erzählt der Autor Begebenheiten aus dem Leben einzelner Dorfbewohner. Ein Dorf, das eigentlich eine Gemeinschaft sein sollte, aber jeder irgendwie sein eigenes Süppchen kocht. Nichts und Niemand scheint sich für den anderen oder gar dessen Probleme zu interessieren. Jeder einzelne lebt in seinem eigenen einsamen Kosmos. Und das ist ein springender Punkt dieses Buches. Dadurch, dass jede Person scheinbar für sich alleine lebt wirken die Geschichten düster, melancholisch, ausweglos sogar traurig und deprimierend. Doch trotz all der scheinbaren Ausweglosigkeit lässt der Autor jedem Protagonisten ein kleines Loch um einen Neuanfang wagen zu können.

Ein nicht uninteressantes Buch, das dem Leser jedoch viel abverlangt. Am Anfang habe ich dieses Buch als sehr traurig und deprimierend empfunden. Die Protagonisten haben mir in ihrem so angeblichen sinnlosen und einsamen Leben leid getan. Doch je weiter ich gelesen habe, desto mehr begriff ich, dass die Protagonisten jede Möglichkeit haben um aus ihrem Kosmos auszubrechen, dass sie es nur wagen müssen diesen einen mutigen Schritt zu gehen. Ein Buch, dessen beide letzten Sätze alles über dieses Buch sagen ... Nichts passierte. Alles passierte." (S. 221)

Für mich ein absolut lesenswertes Buch, dem man jedoch Zeit geben muss!!!
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Carambole: Ein Roman in zwölf Runden
Carambole: Ein Roman in zwölf Runden von Jens Steiner (Gebundene Ausgabe - 15. August 2013)
EUR 19,90
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