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Kundenrezensionen

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29 Rezensionen gibt es bereits zu "Tauben fliegen auf" - aber keine einzige ist eine Hörbuchrezension. Ich empfinde es als Ärgernis, dass Buchrezensionen generell auf die Hörbuch-Produktseite übernommen werden, obwohl es hier auch sehr auf die Stimme bzw. Stimmen der "Vorleser" ankommt, wenn Hörgenuss entstehen soll. Amazon sollte darüber einmal nachdenken.

Die Autorin des Buchs liest selbst, in einem warmen Deutsch, in dem eine zarte, liebenswürdige Fremdheit mitschwingt. Spricht sie Namen, Ortschaften und Dinge aus dem anderen Land aus, um das es hier auch geht (aber das ist definitiv keine Geschichte über das ehemalige Jugoslawien und über den Balkankrieg schon gar nicht und will es auch nicht sein), dann wird gleich klar: so muss das ausgesprochen werden, so und nicht so, wie ich diese Wörter vermutlich im Buch lesen würde. Nicht wenige Leser reiben sich an dem Schreibstil dieser Autorin. Beim Hören spielt der aber keine Rolle; das Buch wird durch und durch stimmig vorgelesen. Ein Genuss an sich und ein Vorteil dieses Mediums. Insgesamt 7 Stunden lang lauschte ich Ildikos (gekürzter) Geschichte bei der Hausarbeit, beim Autofahren, beim Spazierengehen...Unsere Medien sind mobil geworden und erlaubt uns das Hören, wo immer wir wollen und können. Das ist wunderbar, denn unsere Pflichten erlauben uns nicht so viele literarische Mußestunden, wie wir sie gerne hätten. Hörbücher, für die ich an dieser Stelle eine Lanze brechen möchte, sind keine Exoten mehr und schaffen uns Freiräume, Literatur auch dann zu genießen, wenn wir beispielsweise den Keller aufräumen oder weite Strecken im Auto oder im Zug zurücklegen müssen. Ich sehe sie als Bereicherung des Alltags an und genieße die Möglichkeit, mich so noch mehr mit Literatur beschäftigen zu können.

Zum Inhalt. Ildiko, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist die Tochter von Eltern, die noch vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg in die Schweiz immigriert sind. Auch in ihrer Heimat gehörten sie einer Minderheit an. Die ersten Jahre waren hart und von unaufhörlicher Arbeit geprägt. Anpassung war das Gebot der Stunde und das Erlernen der Sprache und Bräuche, die nicht die ihren sind. In diesen ersten Jahren blieben Ildiko und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Nomi, zu der sie ein enges Verhältnis hat, bei der Großmutter zurück. Als sie 5 Jahre alt ist, holen die Eltern die beiden Mädchen zu sich in die Schweiz. Sie betreiben inzwischen eine Wäscherei und später, als die Töchter bereits Teenager sind, übernehmen sie das "Mondial", ein Lokal an der Zürcher Goldküste, in dem die Mädchen als Serviertöchter mitarbeiten müssen. Die hohe Hürde der Einbürgerung ist genommen, die Töchter sind, wie könnte es anders sein, junge Schweizerinnen. Die alte Heimat, vor allem von der geliebten Großmutter verkörpert, ist zum Ferienland geworden. Als der Krieg beginnt, fallen auch diese Besuche weg und die Sorgen um die zurückgebliebenen Verwandten sind groß. Aber die Mädchen werden erwachsen, die "Trutzburg Familie", die bei vielen Immigranten besonders dicke Mauern umgibt, wird zu eng. Das Leben lockt und damit die Abnabelung von den wohlmeinenden und behütenden Eltern, die, geprägt von ihrem alten Leben, das es nicht mehr gibt und dessen einstige Existenz sie so häufig verleugnen müssen, nie vergessen haben, dass sie sich besonders bemühen müssen, um in der neuen Heimat anerkannt zu werden. Ihre Schweiz wird immer eine andere sein, als die der Töchter. Das ist der Preis, besonders auch für gelungene Immigration. Das Land, in dem Eltern und Töchter leben, wird emotional nie das gleiche sein. Ildiko, die ein intelligentes und waches Mädchen ist, sieht die Welt mit wachen Augen. Ihr von frühem Leid geschärfter Blick, den die Trennung von der Großmutter, bei der sie die ersten prägenden Jahre ihres Lebens in jenem anderen Land verbrachte, verursachte, macht sie sensibel für das was ist und sein könnte. Als emotionale Grenzgängerin, die sie trotz ihres privilegierten Lebens ist, ist sie sich der Unberechenbarkeit von Lebensentwürfen immer im Klaren. Dass Weggehen nicht nur eine theoretische Möglichkeit ist, hat sie verinnerlicht. Was werden wird, weiß sie nicht. Die erste, heimliche Liebe, in der sie die Schatten des auf dem Balkon tobenden Krieges selbst auf neutralem Boden erfassen, ist vorbei. Zum beweglichen Inventar des behäbigen Mondials und seiner gut situierten, oft selbstgefälligen Gäste will sie nicht mehr gehören. Als Bosheit im unseligen Verbund mit Dummheit wieder einmal zeigt, zu was sie fähig ist, hat sie endgültig (und im tatsächlichen Sinn) die Nase voll. Sie verlässt das "Mondial" und das Elternhaus und nimmt ihr Leben selbst in die Hand.

Eine bewegende Geschichte, die vermutlich viele biografische Bezüge hat, und ein liebenswertes Portrait einer starken und doch verletzlichen Familie zeichnet. Schön, dass sich Deutschland und die Schweiz bei der Buchpreisvergabe im Jahr 2010 hier einig waren.

Helga Kurz
26. Februar 2012
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am 7. November 2011
Es ist diese Geschichte einer Immigrantenfamilie in der Schweiz. Solange ist es noch gar nicht her, mitten in Europa - in und um den Balkan - tobt ein furchtbarer Krieg. Menschen verlassen ihre Heimat und ziehen in der Hoffnung auf eine Zukunft u.a. auch in die Schweiz.

Melinda Nadj Abonji weiß, wovon sie schreibt. Genau wie ihre Protagonisten im Buch wächst auch sie in der Schweiz auf. In einem Interview hat sich die Autorin zu den Begriffen Heimat und Herkunft geäußert. Sie sagte, sie habe nach Verfassen ihres Romans die Frage nach ihrer ursprünglichen Herkunft erst richtig durchdacht. Eigentlich habe sie nicht Jugoslawien oder ihren Geburtsort Zenta (ruhmreicher Ort, an dem Prinz Eugen die osmanischen Truppen Ende des 17. Jhr. besiegte - wir erinnern uns: die Türken vor Wien!) verlassen, sondern das Haus und die Lebenswelt ihrer Großmutter. Es sind also die Menschen und die Beziehungen zu diesen Menschen, die das Gefühl der Verbundenheit, ja eben der Herkunft ausmachen, nicht so sehr die örtliche Umgebung oder das fragile Staatengebilde.

Nadj Abonji ist eine intellektuell interessante Autorin, sie trägt die spannende kulturelle Identität "Europas" in sich. Ihr Buch schenkt uns Einblicke in ihre reiche Bilderwelt. Vor diesem Hintergrund empfehle ich die Lektüre ihres Buches. Lassen Sie sich nicht von den etwas langatmigen ersten 15 Seiten abschrecken - auch nicht von der etwas anspruchslosen Sprache und den dahin schlengelnden "Bandwurmsätzen". Unter der schwer zugänglichen Oberfläche will der Diamant der Erkenntnis gefunden werden!
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Die Ich-Erzählerin dieses Romans stammt - wie die Autorin, die hier offensichtlich ihre Familiengeschichte verarbeitet hat - aus einer der wahrscheinlich interessantesten Regionen Europas, nämlich aus der Vojvodina. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, ja bis heute war (und ist) diese Region ein Schmelztiegel der Völker: Deutsche (nach dem 2. Weltkrieg vertrieben - bei uns das dann als "Banatler- und Batschka-Flüchtlinge" bezeichnet); Serben, Ungarn, Slowaken, Kroaten, Montenegriner, Bunjewatzen, Goranen, Russinen (= Ruthenen), Sinti, Roma usw lebten und leben hier.
Die Ich-Erzählerin Ildiko Kocsis gehört - wie ihre Schwester und ihre Eltern - zur ungarischen Minderheit im nördlichen Serbien. Heimatort ist Zenta (Senta); allen Experten der Habsburger bzw. türkischen Geschichte bekannt als Ort, in dem Prinz Eugen Ende des 17. Jahrhunderts die osmanischen Truppen schlug.
Doch damit nicht genug der Geschichte: Gerade der Zerfall Jugoslawiens spielt in diesem Roman eine wichtige Rolle, betrifft er doch wesentliche Teile der Verwandtschaft der Familie Kocsis.
Der Vater selbst ist rechtzeitig in die Schweiz emigriert und baut sich zusammen mit seiner Frau - die später nachkommt - mit viel Arbeit (und Unterwerfung) eine Existenz auf. Noch später kommen die beiden Töchter Nomi und Ildiko nach, die daheim inzwischen von ihrer geliebten Großmutter ("Mamika") versorgt wurden. Für Ildiko ist Mamika überhaupt d e r Lebensmensch. Hier, in der sauberen und adretten Schweiz, treffen sie immer wieder auf Landsleute - so etwa auf Dalibor, einen kriegstraumatisierten jungen Mann aus Dubrovnik, in den sich Ildiko verliebt (und mit dem sie sich auf Englisch unterhält!)
"Tauben fliegen auf" ist ein unheimlich schöner Roman, der die (oft vergeblichen) Mühen und Plagen einer Integration zeigt, angesiedelt in den politischen Wirren des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Eltern Kocsis haben es leichter - sie wollen unbedingt Schweizer werden; die beiden Töchter (vor allem Ildiko) hängen offensichtlich viel stärker an ihrer alten Heimat, die sich so grundlegend von der Schweiz unterscheidet.
Müsste man als Leser Partei ergreifen, würde man sich womöglich für die (meist) arme, aber sehr "menschliche" Chaostruppe in der Vojvodina - natürlich ohne die kriegerischen Ereignisse - entscheiden.
Heftigste Leseempfehlung; Gratulation zum deutschen Buchpreis!
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am 14. Juli 2014
Die Küche eines kleinen Schweizer Cafés als Mikrokosmos, als Abbild des jugoslawischen Völkergemisches, in dem die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen – Serben, Kroaten, Bosnier. Melinda Nadja Abonji erhielt für ihren Roman 2010 den Deutschen Buchpreis. Zu Recht. Nadj Abonji, selbst aus der Vojvodina stammend, dieser serbischen Region mit hohem ungarischen Anteil, beschreibt hier ihre Familiengeschichte. „Papierschweizer“, die sich ihr „menschliches Schicksal“ in der Eidgenossenschaft erst noch erarbeiten müssen. Die Eltern sind aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz gekommen, lange, bevor der Bürgerkrieg die Nation Jugoslawien ein für alle mal verändert.

Zwischen zwei Welten

Dieser Krieg holt die Familie in der neuen Heimat ein und trennt sie zugleich von der alten, kappt die Wurzeln: Im Ungewissen bleibt, was mit den Familienangehörigen dort geschieht. In der neuen Welt, bei den „Käsigen“, noch nicht richtig angekommen, vielleicht auch immer „Mischwesen“ bleibend, ist der Zugang zur Herkunft gekappt.
Aber auch dort, in dieser Kultur, waren sie bereits „die Schweizer“. „Mein Land liegt im Sterbebett“, sagt einer der Flüchtlinge. Und die neue Heimat ist keine Geburtswiege, keine Gemeinschaft, die Fremde ohne weiteres aufnimmt.

Abonji erzählt dies nicht anklagend, nicht lamentierend. Im vordergründigen Sinne ist das Buch zudem eher ein Entwicklungsroman: Wie sich eine junge Frau auch aus dem Korsett der Familie löst, wie sie, hineingeworfen in die neue Welt, anfängt, eigene Wege zu gehen. Das gibt am Ende auch Hoffnung, dass Ankommen – zumindest in der zweiten Generation – doch möglich ist.

Die 1968 in Serbien geborene Schriftstellerin, die heute in der Schweiz lebt, gewann mit “Tauben fliegen auf” 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis.
[...]
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am 15. November 2010
Ich konnte bisher mit den meisten Preisträgern des Deutschen Buchpreises wenig anfangen und war deshalb nicht unbedingt erfreut, als ich dieses Buch geschenkt bekommen habe. Es dauerte aber nur ein paar Seiten und die Sprache nahm mich gefangen. Der Autorin gelingt es, die Stimmungen der einzelnen Szenen so genau zu treffen, dass man es schade findet, nicht dabei gewesen zu sein. Stilsicher, witzig, nachdenklich, traurig, schön. Alles drin in diesem Buch, das den Preis wirklich verdient hat.
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am 30. Oktober 2010
Ein Buch, das mich sehr berührt hat. Die Wünsche, Gefühle, Schrecken und Hoffnungen eines Mädchens, das - ohne zu verstehen warum - mit ihren Eltern in der Schweiz leben muss, die dezent versteckte Fremdenfeindlichkeit im schweizerischen Städtchen, der absolute Zusammenhalt innerhalb der Familie, die Unterschiede zwischen der ungarisch-serbokroatischen Lebensweise und der individualistischen in authentischen Szenen und Bildern, die Reisen in die Heimat und die Gefühl, die sie auslösen, und so vieles mehr... das alles wird spürbar, kommt ganz nahe. Der Spannungsbogen nicht stringent, sondern auf andere Art hergestellt - ich möchte aber hier nicht vorgreifen und zuviel verraten.
Stil und Sprache sind ungewohnt gut. Leider aber hier und da Grammatik- oder Ausdrucksfehler, also schlecht lektoriert. Das Gute daran: man erkennt manchmal original Redewendungen, die Metaphorik der anderen Sprache, der Art zu denken, es ist nicht alles eingedeutscht. Dennoch: kafkaesk lange, fließende Satzgefüge, eine sehr schöne Sprache. Die gewohnten Regeln der Zeichensetzung werden hier und da bewusst außer Kraft gesetzt. So wird der Strom der Gedanken, des Gesagten, der äußeren und inneren Bilder zu einem fließenden Strom, in den man sich entspannt lesend hineinfallen lassen kann.

N i c h t s für die Leser/innen unter uns, die herablassende 1-Sterne-Kundenrezensionen verfassen, weil sie es nicht schaffen, ein Buch zu lesen, in dem die Anführungszeichen fehlen.
Auch n i c h t s für die Thriller-Junkies, die nichts als nervenzerreißende Hochspannung brauchen, ebensowenig etwas für die, die genervt sind, wenn eine Geschichte nicht geradeaus chronologisch erzählt ist... kauft euch/kaufen Sie dieses Buch bloß nicht!

Für intelligente, neugierige, weltoffene Leserinnen, die sich von etwas Echtem berühren lassen, ist dieses Buch eine der Perlen, die man eher selten findet.
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am 18. Januar 2012
Mit "Tauben fliegen auf" hat Melinda Nadj Abonji ein wahres Meisterwerk der Schreibkunst auf den Buchmarkt geworfen. Wenn man sich erst einmal an dem etwas nichtssagenden Cover und dem scheinbar rätselhaften Titel vorbei wagt, taucht man ein in die Welt der Ildiko, älteste Tochter des Ehepaars Kocsis, das in den 1970er Jahren aus der ungarischen Vojvodina in die Schweiz auswandert, um dort ein völlig neues, "besseres" Leben beginnen muss. Die beiden Töchter Ildiko und Nomi werden im Alter von 5 und 3 Jahren ebenfalls in die Schweiz geholt; weg aus der scheinbar zurück gebliebenen Vojvodina, dort, wo alles "immer noch gleich" ist, wo keine gesellschaftlichen und technischen Fortschritte zu sehen sind.
In der Schweiz betreibt die Familie Kocsis zunächst eine Wäscherei, bis sie schließlich eines Tages ein Café übernimmt. Die Freude ist groß, man sieht es als Chance zu zeigen, wie gut man integriert ist, wie hervorragend man sich in die Welt der Schweizer eingelebt und angepasst hat.
Doch ist man wirklich angepasst?
Das große Dilemma dieses Buches spiegelt sich in der autodiegetischen Erzählerin Ildiko wieder; sie, die das Leben in der Vojvodina bei Großmutter Mamika voll bewusst erlebt hat, kommt in der Schweiz nicht richtig an; ihr fällt es schwer, den Menschen dort zu begegnen, Kontakte zu knüpfen, sich wie selbstverständlich in der neuen Umgebung zu bewegen. Obwohl sie äußerlich angepasst wirkt - sie spricht die Sprache perfekt, sie hat einen guten Schulabschluss erworben und geht zur Universität - bekommt der Leser mehr und mehr Einblick in ihr zerrissenes Innenleben. In Rückblicken erzählt Ildiko immer wieder von Besuchen bei der Verwandtschaft (besonders bei Mamika) und mystifiziert, glorifiziert damit ihre Heimat, in die sie sich immer mehr zurücksehnt, nicht bedenkend, dass durch den Balkankrieg dort auch nicht mehr alles so ist, wie sie es in ihren Tagträumen imaginiert.
Angesprochen wird diese Sehnsucht nach der Heimat in der Familie Kocsis jedoch nicht; Gefühle und Fragen werden unterdrückt, um dem Konzept der Familie nicht zu schaden, denn nur gemeinsam ist man stark. Auch unterschwellige Anfeindungen bezüglich der Tatsache, dass die Familie eben keine echten Schweizer sind, sondern nur Zugewanderte, lässt die Familie stillschweigend über sich ergehen.
Dieser langsame, intensive Spannungsaufbau führt dazu, dass man als Leser gespannt darauf wartet, wann die Situation eskaliert. Schließlich geschieht dies zum Ende des Buches hin; Ildiko kann nicht mehr ertragen, was sie täglich aushalten muss und es kommt zum Bruch mit den Eltern, zum Auszug aus der elterlichen Wohnung, zum Beginn des Prozesses der Individualisierung.

Melinda Nadj Abonji erzählt diese Geschichte in einem ungewöhnlichen Sprachstil, an dem einige Rezensenten hier bereits auf den ersten Seiten gescheitert sind. Doch gerade dieser Stil unterstreicht die Wirkung des Buches ungemein; die langen Schachtelsätze lassen dem Leser die Möglichkeit, den Gedankengängen der Erzählerin zu folgen, es entsteht eine Art "stream of consciousness"-Gefühl, das die Unmittelbarkeit der Gedanken und Vorstellungen vermittelt. Des Weiteren stammt diese Art des Erzählens aus der spoken-word Szene, in der Melinda Nadj Abonji ebenfalls als Performerin tätig ist, ist also in der Kunst verankert und auch populär (erinnern doch manche von Nadj Abonjis Performances an Poetry Slams). Ein weiterer großartiger Aspekt der Sprache ist die Vielsprachigkeit, die den Leser konfrontiert. Neben der deutschen Sprache, in der der Roman verfasst ist, fließen immer wieder serbische, ungarische, ja selbst englische Wörter ein, um die Multikulturalität, die im Buch eine zentrale Rolle spielt, zu untermauern. Auch der Name des Cafés - "Mondial" - weist darauf hin, treffen hier doch Charaktere aus den unterschiedlichsten Milieus und Nationen zusammen (ob jetzt als Angestellte oder als Gäste).
Auf den ersten Blick ist natürlich irritierend, dass keine Kennzeichnung der wörtlichen Rede vorgenommen wurde, doch enthält dies einen spannenden Anspruch an den Leser, sich über die agierenden Figuren Gedanken zu machen, ihre Motivationen und Ansichten heraus zu arbeiten, um dann beurteilen zu können, wer eigentlich gerade etwas sagt.

Ich möchte noch kurz auf den Titel des Buches eingehen. Tauben sind in der ganzen Erzählung als ein zentrales Motiv zu verfolgen, sei es als kulinarischer Leckerbissen in der Vojvodina (Taubensuppe), als Taubenzucht, Tauben auf dem Bahnsteig oder "Täubchen" als Kosename. Denkt man über die Symbolik der Taube nach, fällt einem sofort die Friedenstaube ein, oder eben die Taube als Symbol der Hoffnung (Bibel, Arche Noah... remember?). Wenn Tauben im Titel also auffliegen, verschreckt werden, steht das - zumindest in meiner Lesart - für den Verlust von Frieden und Hoffnung. Verlust von Frieden und Hoffnung in dem Sinne, dass die ehemals beschauliche Vojvodina im Balkankrieg zum Schauplatz schrecklicher Taten wurde und damit auch der Familienfrieden der Kocsis' vehement beschädigt ist; dass das vermeintlich friedlichere Land Schweiz sich auch feindlich gegenüber der eingewanderten Familie gibt und es ihnen schwer macht.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, dass dieses Buch großartig komponiert ist. Man sollte es NICHT lesen, wenn man nach Unterhaltungs- oder Trivialliteratur Ausschau hält, die leicht zu verdauen und "runter zu lesen" ist. Dieses Buch stellt definitiv Ansprüche an den Leser. Wenn man sich aber erst einmal eingelesen hat, dann eröffnet sich eine phantastisch erzählte und strukturierte Geschichte über die Situation von Menschen, die versuchen, in einem fremden Land Fuß zu fassen.
Ich kann mir keinen besseren Gewinner für den Buchpreis vorstellen!

Amen :)
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am 30. Juli 2012
Mit Büchern verhält es sich wie mit Menschen, man darf nicht so schnell die Geduld mit ihnen verlieren. Allerdings ähneln sie Menschen auch darin, dass sich der erste Eindruck oft bestätigt. Deswegen gleich vorneweg. Bei dem vorliegenden Buch, das immerhin den deutschen Buchpreis 2010 gewonnen hat, braucht man tatsächlich etwas Geduld, und der erste Eindruck wird nicht sonderlich korrigiert.
Erzählt wird die Geschichte des Buches aus der Perspektive der jungen Ildiko Kocsis, einer jungen Schweizerin, die aus der serbisch-ungarischen Region Vojvodina stammt, und die nun zusammen mit ihrer Familie in Zürich lebt. Zu dieser Familie gehört ein eckiger aber liebenswerter Pappa, der schwer an irgendeiner Geschichte aus der Vergangenheit zu tragen hat, die freundliche Mutter mit den guten Augen, die zwei Jahre jüngere Schwester Nomi sowie Maminka, die Großmutter, an der die Erzählern Ildiko mit besonderer Inbrunst hängt. Vater und Mutter waren schon in den Achtziger Jahren, also lange vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens in die Schweiz ausgewandert, ehe sie ihre Töchter nachkommen ließen. Zuerst lebten die Kocsis von Gelegenheitsarbeiten, dann von den Erträgen einer Wäscherei, ehe sie schließlich eine Cafeteria kauften, die sie nun zusammen mit ihren Töchtern betrieben.
Während auf dem nahen Balkan ein ganzes Land in die Luft fliegt und Hunderttausende ihre Heimat und ihr Leben verlieren, dreht sich Ildiko ihren ersten Joint, durchlebt belanglose Flirts und lässt ihr Studium schleifen. Die jugoslawischen Hilfskräfte Dragana und Gloria geraten sich von bosnischer bzw. serbischer Warte aus in der Cafeteriaküche in die Haare, hier und da werden ein paar Anmerkungen zum inzwischen ausgebrochenen Krieg formuliert, aber sonderlich eindringlich oder ergreifend kommt das nicht daher. Ein junger Serbe taucht auf, mit dem Ildiko eine Affäre beginnt, ehe er unvermittelt nach Dubrovnik entschwindet, um nie wieder aufzutauchen. Man sorgt sich um die Verwandtschaft, um den Cousin, der sich in der Vojvodina vor den serbischen Einberufsbehörden versteckt, man entdeckt eine Fäkalienschmiererei auf der Toilette der Cafeteria, dann verlässt Ildiko ihre Familie und bezieht eine kleine Wohnung im Westen von Zürich. Das ist, von funktionslosen Episoden abgesehen, der Inhalt des Buches.
Man sieht, keine Handlung, die einem die Schuhe auszieht. Das muss aber auch nicht sein, denn entscheidend an einem Buch ist nicht nur das, WAS es erzählt sondern auch, WIE die Handlung entfaltet wird. Erzählt wird die Geschichte in nur von Kommata unterbrochenen Endlossätzen, in denen der innere Monolog Ildikos, Geräusche, Wahrnehmungen und Stimmungen ineinander übergehen. Dabei gelingen der Autorin mitunter wunderbare Wortgirlanden, ein mitreißender Sprachfluss ohnegleichen, als sei das Grundproblem der Literatur, der Hiatus von Sprache und Wirklichkeit, für einen Moment aufgehoben. Leider liest man aber auch viel Salbader, viel Worte und Verrenkungen um nichts, Verhaspeltes, Unausgegorenes, so dass man die Lektüre der Endlossätze einfach abbricht, zum nächsten Absatz springt, ohne etwas zu versäumen.
Wie es sich für einen modernen Autor gehört, sind aber nicht nur die Sätze endlos, auch die Chronologie ist gehörig geschreddert. Die einzelnen Kapitel springen in den Zeiten vor und zurück, wogegen ich überhaupt nichts habe, wenn sich daraus wie etwa bei Sofi Oksanens Fegefeuer" ein literarischer Ertrag ergibt. Davon kann aber bei dem vorliegenden Buch nicht die Rede sein. Alles, was später geschildert wird - etwa die Einreise der beiden Schwestern in die Schweiz erst auf S. 270 oder die Einbürgerungszeremonie auf S. 284ff. trägt nicht dazu bei, den Sinn des vorher Berichteten retenitonal zu verändern. Man hätte es also auch gleich erzählen können.
Schließlich, und das ist in meiner Perspektive der Haupteinwand gegen das Buch, leistet es nicht das, was es zu leisten vorgibt. Ich hatte mir dieses Buch gekauft, weil ich mehr über das Trauma der Jugoslawienkriege erfahren wollte, eine der schlimmsten historischen Entgleisungen Europas im letzten Jahrhundert, doch dieses Drama wird durchweg aus der weichgespülten Empfindungsnische eines jungen Schweizer Mädchens wie hinter Milchglas beschrieben. Wie spannend und mitreißend eine solche Geschichte sein könnte, wird nur vereinzelt deutlich, etwa in Maminkas Geschichte von Papuci, ( S. 251-260), in der die Großmutter die Passion ihres Mannes unter der kommunistischen Herrschaft beschreibt. Diese unprätentiös und völlig normal auf zehn Seiten erzählte Episode stellt den ganzen Eiertanz über den geschämten Kaffee, die Kuchen, die man immer bei der Verwandtschaft essen muss und die Luft zwischen den Akazien" in den Schatten. Ehrlicherweise wird man aber zugeben müssen, dass dieser Eindruck der Intention der Autorin nicht gerecht wird(Auch wenn die Vermarktung des Buches einen anderen Eindruck erweckt ). Explizit ausgedrückt wird dies in einer Passage, in der die junge Ildiko als Serviertochter der Cafeteria von den Gästen nach den Verhältnissen in ihrem Land gefragt wird, Ildiko aber nicht antwortet, denn wahrscheinlich würde Herrn Tognoni, Herrn und Frau Berger und die Schärers das, was ich von meinem Land erzählen wollte, nicht interessieren, es wäre gut möglich, dass sie mich etwas verlegen und mitleidig anschauen würden: Fräulein, wir dachten da an etwas anderes, wir wollten etwas über die Kultur, die Geschichte, die Sprache, die Probleme erfahren - und nicht über die Luft zwischen den majestätischen Pappeln und Akazien, die winzigen Blumen die zwischen den Pflastersteinen wachsen, den Staub, den Dreck..." (S. 241f.) Ja, denkt der Leser, darüber hätte ich gerne mehr erfahren, von einem Buch, das den deutschen Buchpreis gewinnt, hätte ich sogar beides erwartet, eine Saga von Akazien und Blumen und von dem Land, in dem sie wachsen. Ich hätte gerne auch mehr gelesen von Vater und Mutter Kocsis, mehr von Maminka und ihren Nachbarn und all den Menschen, die die jugoslawische Katastrophe am eignen Leib haben erfahren müssen. Auf große Teile von Ildikos Innenwelt, so liebevoll und ausschweifend sie auch entfaltet wird, hätte ich dagegen gut und gerne verzichten können.
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TOP 500 REZENSENTam 18. August 2011
Anfänglich dachte ich, dass die kritischen Stimmen zu "Tauben fliegen auf" wohl Recht hätten. Diejenigen, die sagen, dass das Buch ein Roman für die Feuilletons, für die Kritiker ist. Nach wenigen Seiten habe ich den Roman zur Seite gelegt und einen anderen gelesen. Aber nach Wiederaufnahme und dreißig, vierzig weiteren Seiten war ich angekommen und fand mich zurecht mit dem Schreib- und Erzählstil der Autorin Melinda Nadj Abonji. Für die Vergabe des Deutschen Buchpreises scheint Massenkompatibilität kein Kriterium zu sein. Und ich halte das für richtig. Umgekehrt besteht so die Chance, auch größeren Leserkreisen Romane zugänglich zu machen, an denen sie sonst hochwahrscheinlich vorbeigelesen hätten. Und auch das ist begrüßenswert aus meiner Sicht.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kocsis, einer ungarischen Bevölkerungsgruppe in Serbien, genauer der Vojvodina, entstammend, die in den 70er Jahren in die Schweiz übersiedelte und sich dort integrierte und die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt. Neben Vater Miklós und Mutter Rózsa sind das vor allem die Töchter Nomi und Ildiko, die Ich-Erzählerin des Romans, die als Mädchen erst eine lange Zeit bei ihrer Oma bleiben, bevor sie in die Schweiz nachreisen können. Abonji erzählt in Orts- und Zeitsprüngen, wechselnd zwischen der neuen Heimat Schweiz und der alten, Serbien, die die Familie regelmäßig besuchte, um dort mit der großen Familie zu feiern oder einfach nur in den Ferien zu leben. Ildiko studiert in Zürich erst Rechtswissenschaften, entscheidet sich dann jedoch für Geschichte, was sie ihrem Vater gar nicht mitteilt, der sie lieber als Ärztin oder besser Rechtsanwältin gesehen hätte. Ihr Studium ruht eh in der Jetzt-Ebene des Romans, weil ihre Eltern eine Cafeteria, das Mondial, übernehmen können und die beiden Schwestern als Servicekräfte unverzichtbar sind.

Die Besuche in der alten Heimat finden mit dem Beginn des Balkankrieges ein Ende, die Kontakte reißen ab und die Familie Kocsis bleibt über das weitere Ergehen ihrer Familie, der Mutter von Miklós, Mamika genannt, seinem Bruder Móric und dessen Familie und allen anderen, im Ungewissen. Abonji versteht es, viele Figuren so zu schildern und sprechen zu lassen, dass man sie zu kennen glaubt. Die beiden Schwestern haben ein sehr inniges Verhältnis zueinander, insbesondere die Jüngere, Nomi, hält immer wieder schützend die Hand über Ildi. Und so wird "Tauben fliegen auf" auch zu einer Geschichte über Geschwisterliebe.

Dass in diesem Roman weite Teile autobiografisch geprägt sind, ist klar. Alter, Herkunft, Übersiedlungszeitpunkt in die Schweiz, die Parallelen könnten zahlreicher sein als die Unterschiede. Herausgekommen ist ein einfühlsam geschriebenes Bild, auch über Minderheiten hier und dort. "Wir sind Mischwesen" sagt Nomi, die immer reifere der beiden Schwestern, im Roman. Aber die seien tendenziell glücklicher, weil sie in mehreren Welten zu Hause seien. Es bleibt zu wünschen, dass das auf möglichst viele Migranten zutrifft. Prädikat: sehr lesenswert.
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TOP 500 REZENSENTam 6. Oktober 2010
Dass ein deutscher Buchpreis für Überraschungen sorgen kann, hat der diesjährige Buchpreis bereits gezeigt. Unbeachtete und ungelesene Autoren, dessen Talent man oft nicht wirklich wahrnimmt, werden so aus der Versenkung ans Tageslicht befördert und neue Autoren und Talente können gefeiert, oder vor allem gefördert werden. Eine Veröffentlichung, wo auch ein kleiner österreichischer Verlag in seiner Arbeit unterstützt wird und Erfolg haben kann, auch wenn die 1. Auflage bereits vergriffen ist. (12'000 Expl.) Auch, wenn Kenner der Literaturszene sich skeptisch die Nase rümpfen, oder etwa den Originalitätszwang der Preis-Jury diskutiert, die ein wenig in die Kritik gerät, der Leserschaft, dürfte das so ziemlich egal sein, denn auch diese Preisverleihung macht neugierig, wer und was denn nun, hinter diesem Roman steckt.

Im Mittelpunkt steht eine Immigrationsgeschichte, einer jugoslawischen Familie in der Schweiz, die aus einer ungarisch sprechenden Region namens Vojvodina stammt und serbisch ist. Eine ungarische Minderheit lebt dort, im Norden Serbiens. Erstmalig erhält eine Schweizerin den deutschen Buchpreis, der übrigens auch für den schweizer Buchpreis nominiert ist.

Ganz unscheinbar kommt es daher, ob Buchcover oder auch wenn man das Buch anliest, fällt auf den ersten Blick, die hochkarätige Schreibart einer Melinda Nadji Abonji nicht gross auf. Ein Roman, der sich wie zu entwickeln scheint, sich immer mehr entfaltet, so dass man auch das grossartige Roman-Debut, erst im Laufe des Hineinlesens, wirklich erst bemerkt. Ein Schreibstil der angenehm und flüssig zu lesen ist. Eine Sprache, die sicher nicht die Anspruchsvollste ist, literarisch gut geschrieben ist es trotzdem. Schweizer Leser, dürften die Ausdrücke aus ihrem Land einen zum Schmunzeln bringen, Abonji übersetzt diese brav für Nichtschweizer, kleines Lächeln vorgemerkt..;-)

Im Mittelpunkt steht vor allem die Geschwister-Liebe, zwischen der Ich-Erzählerin Ildi(ko) und ihrer Schwester Nomi. Als Leser tauchen wir in diese Kinderwelt, die zunächst auch aus einer Kinderperspektive geschrieben ist, lernen Eltern und Verwandte, ihre Grosseltern kennen, (wenn auch nur t.T. über Erzählungen), gehen in Zeitsprüngen in verschiedene Jahre hinein, vor allem der achtziger Jahre, und begleiten die Familie und vor allem das Geschwisterpaar über gut 20 Jahre. Vor dem Hintergrund des Krieges in Jugoslawien, erzählt uns hier eine Autorin, authentisch, feinfühlig, nachdenklich stimmend, unterhaltend, subtil, mit grossem Einfühlungsvermögen geschrieben, die Geschichte einer Familie, die zurück geht bis in den zweiten Weltkrieg, wo der Grossvater unter den Nazis ins Arbeitlager kommt, bis hin zu den Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die so eine Familie heute erleben kann, wenn sie in ein Land wie z.B. die Schweiz kommt.

Eine Familie die zunächst eine Wäscherei, dann eine Cafeteria betreibt und sich immer mehr in einer Kleinstadt an der Goldküste von Zürich etabliert und es sogar bis hin zur Einbürgerung schafft. Die beiden jungen Frauen, werden immer wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren, in ihre Heimat fahren, und somit auch Einblick in die dortigen Veränderungen und Familienschicksale bekommen.

Ein überraschend grossartig geschriebener Roman, über Abschiede, Verluste, dem Verlust der Muttersprache, Ausbruch des Krieges, Verlust der Heimat, Existenzaufbau, Ablehnung, Menschenschicksale, Werdegänge von nahestehenden Familienmitgliedern und dem was diese Menschen, erleben, durchleiden, erfahren, durchmachen, aber auch beglückt und Frieden gibt.

Die 1968 geborene Autorin, wuchs bis 5 Jahren bei ihrer Grossmutter auf, bis sie zu ihren Eltern in der Schweiz stiess. Die in Zürich lebende Schriftstellerin, lebt dort mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn. 2004 Im Schaufenster im Frühling wurde ihr damaliger Auftritt im Klagenfurter Wettlesen wohl regelrecht auseinandergenommen. Trotz Kritik, setzte sich Melinda Nadji Abonji bereits an ihr zweites Werk, mit dem sie trotz Aussenseitertum, viele Experten und genannten Favoriten mit "Tauben fliegen auf" überraschte. Ihr Name hat etwas mit ihrer Geschichte zu tun, Abonji ist zu jener ungarischen Minderheit in der Vojvodina zugeordnet, Nadji reflektiert das verordnete Serbische. In öffentlichen Behördestellen, wie Ämter, Polizei usw. wurde serbisch gesprochen und geschrieben.

Und was liest die Autorin? Sie liebt die Erzählerin in Nora Lugas Roman "Die Sechzigjährige und der junge Mann", sie identifiziert sich gerne mit der Mehlreisenden Frieda Geier in Eine Zierde für den Verein: Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen (suhrkamp taschenbuch) von Marieluise Fleisser (Abschluss ihres Studiums von Germanistik und Geschichte, mit einer Lizentiatsarbeit über M.Fleisser) , und hätte am Liebsten selber geschrieben, das Buch von W.G. Sebald, Austerlitz und liest gerade Janet Frame.

Das Gebiet Vojvodina (deutsch:Woiwodina/Wojwodina) liegt im Norden von Serbien und grenzt an Rumänien, Ungarn und Kroatien. Als autonome Provinz innerhalb Serbiens, dessen Bevölkerungsanteil der Serben ca. 2/3 beträgt, ist die Vojvodina Heimat versch. Volksgruppen wie etwa Ungarn, Slowaken, Romänen, Kroaten, Roma, Deutsche und Bulgaren.

Fazit: Ein überraschend grossartig geschriebener Roman, über ein kriegsgebeuteltes Land, der Kluft zwischen Bosnien und Serbien, Heimatlosigkeit und Heimatsuche in der Fremdheit, Immigration, um Integration in einer neuen Gesellschaft, über Aufbruch, aber auch der Suche nach sich selbst und dem, wie das Leben uns unter solchen Umständen, in unserem Inneren prägen kann. Ein Roman der unverkennbar autobiographische Züge trägt. Nicht zuletzt auch über die Liebe, das Verliebtsein, der Liebe zur eigenen Schwester. Ein Buch, das mit Zeiten und Perspektivenwechsel aufwartet, ohne jedoch die Orientierung zu verlieren. Es ist auch ein Entgegenstellen, dem "Immer nett sein müssens", in einem Gastland, das von den Eltern gepredigt wurde.

Eine neue schweizer Autorin, die zu Überraschungen taugt, und ein Lesegenuss, über den man sich mehr als freuen kann...selbst wenn es vor dem Hintergrund, einem verwundeten Europa und einer Vergangenheit spielt, die noch immer in der Erinnerung bis in die Gegenwart hineinwirkt...

Nachtrag / 16.11.2011:
Melinda Nadj Abonji gewinnt den Schweizer Buchpreis 2010, an der LiteraturBasel, der mit 50'000 CHF dotiert ist. Der Schweizer Buchpreis wird seit 2008 vergeben, der an der Buchmesse in Basel jeweils vergeben wird. Somit doppelt die Autorin nach, nach gerade mal 6 Wochen, wo sie den deutschen Buchpreis erhielt. Das Buch ist in den schweizer Bestseller-Listen seit Wochen, das meisstverkaufte Buch. Das hat es so noch nie gegeben, ist mit Sicherheit auch überraschend, und scheint auch die schweizer Jury überzeugt zu haben. Das die Erwartungen, an die Autorin steigen dürften, ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, doch von der durchschlagenden Überzeugungskraft, konnte sich auch in der Schweiz, die Preis-Jury, sowie das erstmals durchgeführte Publikumsvoting nicht erwehren..
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