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1.0 von 5 Sternen Frisch von der Resterampe der "Experten", 30. Oktober 2009
Von 
Dr. Ulrich Bitz (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Paradoxien des Zuschauens: Die Rolle des Publikums im zeitgenössischen Theater (Broschiert)
Jan Deck und Angelika Sieburg, den beiden Herausgeber des schmalen Bändchens, ist es gelungen, unter einem ansprechenden Titel eine Reihe von Referaten zu bündeln, die auf dem Symposion "Leaving the route 2 - Die Rolle des Zuschauers" gehalten wurden. Man spürt förmlich die launige Stimmung, mit der die Vortragenden, finanziell gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, seinerzeit zu Werke gegangen sein müssen.

Das mag insgesamt sehr nett für alle Beteiligten gewesen sein, doch für mich als Leser heute, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, ist das von deutlich weniger großem Interesse. Ich möchte eben nicht lesen, wie ein Hans-Thies Lehmann launig "Vom Zuschauer" zu reden verspricht, um am Ende doch nur wieder akademisch tönend ins gekonnt Unverständliche abzugleiten:

"Ich würde nun folgende Hypothese aufstellen: Der Zuschauer könnte jetzt in ein Spiel geraten zwischen einer Haltung, die sich an der Tradition von Kunsttheater orientiert, und einer sozusagen unbestimmten Position, im günstigsten Fall einer offenen Wahrnehmungseinstellung auf etwas hin, für das er noch keinen Begriff und keine genaue Vorstellung hat. In diesem Augenblick stellt sich die Frage, inwiefern es Theater als ästhetische Begebenheit - um es auf eine Formel zu bringen, die ich für hilfreich halte - zu tun hat gerade mit einer Unterbrechung des rein Ästhetischen, dass also die ästhetische Einstellung, wenn die Gesamtkonfiguration namens Theater recht wahrgenommen werden soll, selber unterbrochen werden muss durch die ein oder andere Weise der persönliche Involvierung des Zuschauers. Worin aber besteht, positiv betrachtet, dann die Tätigkeit des Zuschauers? Wenn er die Schauspieler nicht mehr beurteilen kann nach ihrer Fähigkeit, einen Charakter zu verkörpern oder einer Rolle zu spielen, eine Verkörperung einer Figur zu leisten? Was ist dann eigentlich die Leistung des Schauspielers, und wie kann ich auf diese Leistung als Zuschauer reagieren? Wonach muss ich fragen, suchen, meine Wahrnehmung orientieren? Diese Frage werde ich hier nicht beantworten, aber ich glaube, dass genau diese oft planvoll herbeigeführte Ungewissheit heute ganz wesentlich den Umgang mit Theater prägt: Dass man nicht genau weiß, wohin die Aufmerksamkeit zu orientieren ist, und schon der Akt, auf dieses oder jenes zu achten, zur Entscheidung und zum (Mit)Spielraum des Zuschauers wird. Es entsteht eine Verunsicherung, die zugleich große Chancen mit sich bringt. Der Zuschauer ist praktisch, mehr aber noch ästhetisch die zentrale Frage des Theaters, seiner Praxis und seiner Theorie geworden."

Dramatisch postlehmannisch auf den Punkt gebracht, ist man geneigt zu sagen. Wer diese Textpartie, mit der Hans-Thies Lehmann seine Ausführungen beschließt(!), für die angemessene Form hält, eine Auseinandersetzung um die "Paradoxien des Zuschauens" zu führen, ist mit dem Bändchen gut bedient und sollte zugreifen. Wem hingegen angesichts dieser Art von Fachwissen unbehaglich zu Mute wird, der sollte sich die EUR 15.80 sparen, denn die Texte der übrigen Beiträger (ca. 100 Druckseiten) folgen mehr oder weniger dem von Herrn Lehmann aufgelegten Muster: Wir kündigen ein Thema an, sprechen dann doch lieber über uns und meinen am Ende, tiefe Einsichten gewährt zu haben über den Zuschauer das unbekannte Wesen.
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Paradoxien des Zuschauens: Die Rolle des Publikums im zeitgenössischen Theater
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