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5.0 von 5 Sternen Soziologie zum Anbeißen, 12. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Doing Time. Die zeitliche Ästhetik von Essen, Trinken und Lebensstilen (Broschiert)
Soziologie zum Anbeißen

Hans-Joachim Lincke, Doing Time. Die zeitliche Ästhetik von Essen, Trinken und Lebensstilen, Bielefeld: Transcript-Verlag, Mai 2007, Taschenbuch, 293 Seiten, € 28,80.

Nachdem ich die Diskussion in der Soziologie aus den Augen verloren habe, war es an der Zeit, mich ihr wieder anzunähern. Für den Einstieg wollte ich mir ein Buch suchen, das weder vor Theorie strotzt noch aus dürren Zahlen besteht. Ich dachte deshalb an etwas Plastisches und wurde von dem Buch, das im Untertitel Zeit, Essen/Trinken und Lebensstile vernetzt, nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Der erste Teil bietet anspruchsvolle theoretische Überlegungen in allgemeinverständliche Sprache gepackt. Keine Aufzählung von Fakten- und Lexikonwissen, sondern eine Einladung zum Mitdenken, bei der man zum einen erfährt, worum es dem Autor geht und zum anderen einen Überblick erhält, welchen Fragen Zeitforschung, Ernährungsforschung und Sozialstrukturanalyse nachgehen.
Der Hauptteil des Buches ist dem Vergleich von Fallbeispielen gewidmet. In qualitativen Interviews kommen Vertreter zweier in der Soziologie und dem Buch definierten Typen von Menschen jeweils selber zu Wort. Essen und Trinken treten als Episoden im Leben dieser so genannten „Zeitpioniere“ und „flexiblen Menschen“ auf (Flexibilität und Vorrang für Arbeit versus Spontaneität und Vorrang für Leben).
Wie der Autor fröhlich formuliert, pendeln die flexiblen Menschen hektisch zwischen Episoden wie „Süßes in kurzer Aktenpause“ an Werktagen und „frisch gepresster Zweisamkeit“ am Wochenende, während die Zeitpioniere mit „Vollwert, danach Milchkaffee“ und „von allem etwas mit Freunden“ einem eher gleichförmigen, gemütlichen Lebensentwurf folgen.
Mir ist dabei die unterschwellige Verbindung von Zeit- zu Geschlechtunterschieden sowie unterschiedlichen privaten Lebensformen aufgefallen. So handelt es sich bei den befragten Zeitpionieren mehrheitlich um Frauen ohne feste Paarbeziehung, bei den flexiblen Menschen meist um Männer in (Fern-)Beziehungen. Sehr schön illustrieren die Ausführungen zum Einkaufen und Kochen Bekanntes: In „Kochen als Last und Lust oder Darbietung“ zeigen Zeitpioniere das immer noch überwiegend weibliche Verständnis vom Kochen als alltäglichem Vorgang, während flexible Menschen ihr Tun in modischer und gewohnter männlicher Manier zelebrieren. Auch wenn dies für den Autor angesichts seiner Fragestellung nicht im Zentrum steht, wird auf diesem Umweg zeitliche Ästhetik als Gender-Frage thematisiert.
Für mich liegt der Gewinn der Lektüre von „Doing Time“ in der Erkenntnis, wie viele große Zusammenhänge sich im Klein-Klein des Alltags reproduzieren. Billig ist das Buch sicherlich nicht. Aber gemessen daran, wie viel derzeit für Kochbücher ausgegeben wird, die niemand lesen wird, ist dieses Buch seinen Preis wert.

Gabriele Mikolasch
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Doing Time. Die zeitliche Ästhetik von Essen, Trinken und Lebensstilen
Doing Time. Die zeitliche Ästhetik von Essen, Trinken und Lebensstilen von Hans-Joachim Lincke (Broschiert - Mai 2007)
Gebraucht & neu ab: EUR 36,00
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