Kundenrezensionen


1 Rezension
5 Sterne:
 (1)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Beziehungen von Großstadtmenschen und den Kulturgraben in unserer Gesellschaft, 22. August 2008
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Mond und das Mädchen: 5 CDs (Audio CD)
Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, 1951 geboren, ist in der Literaturszene nicht unumstritten. Durch seinen bekennenden Katholizismus und seine streng konservative Haltung und Perspektive auf die Gesellschaft ist er in einer Literaturwelt, in der der Schriftsteller immer noch hauptsächlich ein Sprachrohr der Unterdrückten und Benachteiligten, mindestens aber ein mehr oder auch mal weniger radikaler Kritiker von Bestehendem, seien es Strukturen, seien es Werte und Normen, zu sein hat, eher ein Außenseiter geblieben. Dabei haben seine Ansichten durchaus Hand und Fuß, und wenn man seine unlängst auch bei Hanser erschienene, wohl leider nur von einem kleinen Kreis wirklich rezipierte Streitschrift über die Feinde der römischen Liturgie immanent liest, d.h. ohne den oft schon reflexartigen Automatismus, der bei Themen anspringt, die nicht en vogue sind oder einen selbst als Leser, erst recht aber als Kritiker unter falsche Gesellschaft geraten lassen könnten, dann muß man feststellen, dieser Mann der ersten Nachkriegsgeneration hat wirklich etwas zu sagen und man sollte ihn ernst nehmen.

Deshalb ist der Hinweis so manchen Feuilletons in diesem Land nach der Verleihung des Großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2006 an Martin Mosebach, daß der Cheflektor des Hanser-Verlags ein Händchen für Preisträger habe, nicht von der Hand zu weisen. Denn Martin Mosebach hat den Preis sicher nicht nur für seine gesellschaftspolitischen und theologischen Positionen erhalten, sondern für seine schriftstellerische Leistung und sein künstlerisches Können.

Dieses Können stellt er auch in seinem neuen Roman "Der Mond und das Mädchen" unter Beweis. In einem Stil und einer Thematik, die den Rezensenten manches Mal an das unlängst bei C.H.Beck erschienene Buch "Charakter" des Holländers Ferdinand Bordewijk erinnerte, beschreibt Mosebach die ersten Ehemonate von Hans und Ina. Sie haben jung geheiratet, gegen den ausdrücklichen Willen von Inas Mutter, Frau von Klein, die als halsstarrige und kritiksüchtige Altadlige in Hamburg lebt, sich und ihre Freude für etwas Besseres hält und daher auf die eher einfache Herkunft von Hans' Familie nur herablassende Verachtung übrig hat.

Es grenzte schon an ein Wunder, daß Ina nach jahrelangen Sticheleien ihrer Mutter sich doch gegen sie durchsetzte und eine Hochzeit mit allem Drum und Dran organisierte.
Hans ist gelernter und auch studierter Bankkaufmann und hat direkt nach der Eheschließung eine attraktive Stelle in Frankfurt erhalten. Während Ina mit ihrer Mutter drei Wochen in Italien weilt, müht sich der etwas naive, in seinem Beruf allerdings durchaus durchsetzungsfähige Hans, für das junge Ehepaar in Frankfurt eine Wohnung zu finden. Er gerät in eine große, aber ziemlich heruntergekommene Altbauwohnung im vierten Stock eines Hauses am Baseler Platz, einem Viertel, das nun nicht gerade hip ist. Als Ina zurückkommt von ihrem Urlaub mit Mama, fängt sie nach dem ersten Schock über den Zustand der Wohnung und die soziale Zusammensetzung der Mitbewohner und Nachbarn an, die Wohnung recht schön einzurichten. Doch während die Wohnung zunehmend eine persönliche Note bekommt, kommen die beiden jungen Eheleute immer weniger miteinander klar. Hans flüchtet nach unten in den Hinterhof eines von einem Äthiopier geführten Kiosks im Erdgeschoß des Wohnhauses, wo er neben dem marokkanischen Hausverwalter Abdullah Souad unter anderem auch das Paar aus der Nachbarwohnung kennen lernt.
Als er dem Marokkaner und anderen moslemischen Menschen zum ersten Mal begegnet, lässt Mosebach seinen durchaus gebildeten und auf der Höhe der Diskussion sich befindlichen Hans ohne ihn namentlich zu erwähnen über Hans Magnus Enzenbergers letztes Buch "SchreckensMänner. Versuch über den radikalen Verlierer" nachdenken, und zu dem Schluß kommen, daß Enzensberger mit dem Topos des Verlierers sich den islamischen Terror wohl zu einfach denke und über seine zeitlich befristete Zukunft wohl doch einige Illusionen mache. Hier zeigt der Autor andeutungsweise, in welche Richtung er selbst denkt, führt es aber dann nicht weiter aus.

Die ganze Geschichte läuft auf eine große Entfremdung hinaus. Ina und Hans haben sich nicht mehr viel zu sagen, die Kommunikation mit den zwielichtigen Kreis der Menschen um den Hausverwalter Souad ist mehrdeutig und auch die zarte Beziehung von Ina zum dem Hausbesitzer Sieger, der völlig von dem Hausverwalter abhängig ist, bleibt ungleich.

Martin Mosebach beschreibt distanziert und ohne Häme, doch mit viel Ironie, Zustände in deutschen Großstädten, er notiert die Unsicherheit von Bürgerlichen einer zunehmend islamisch dominierten Nachbarschaft gegenüber, und ihre teilweise Unterwerfung unter diese. Der Gegensatz zwischen Hans' Berufswelt in der Großbank zehn Gehminuten entfernt und dem Publikum am Baseler Platz könnte nicht größer sein.

Irgendwann wird das alles Ina zu viel. Sie wird zur Überraschung der ganzen Hinterhofrunde und des benachbarten Ehepaars gegenüber Hans handgreiflich - sie schlägt ihm eine Flasche Bier auf den Kopf. Mit überraschendem und nach der Lektüre des Buches nicht mehr für möglich gehaltenem Erfolg ...

Ein Buch über die Beziehungen von Großstadtmenschen und ein Buch über einen immer größer werdenden Kulturgraben mitten in unserer Gesellschaft.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Der Mond und das Mädchen: 5 CDs
Der Mond und das Mädchen: 5 CDs von Martin Mosebach (Audio CD - September 2007)
Gebraucht & neu ab: EUR 1,06
Auf meinen Wunschzettel Zahlungsmöglichkeiten ansehen
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen