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am 19. März 2012
Über viele Jahrzehnte hat sich in Deutschland eine Erinnerungskultur etabliert, die auch nach der Wiedervereinigung 1990 erst einmal stabil blieb. Das formalisierte und extrem ritualisierte Gedenken an den Nationalsozialismus und den Holocaust wurde zum ersten Mal mit großen Medienecho in Frage gestellt von Martin Walser, als er bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 folgendes sagte:

"Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. [...] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets [...]."

Damals war die Empörung groß und man warf ihm historischen Revisionismus vor. Dabei hatte er nur früher als andere etwas zu formulieren versucht, wofür die Zeit vielleicht noch nicht reif war.

Nun aber, über 60 Jahre nach dem Holocaust befindet sich die deutsche Erinnerungskultur an einer Epochenwende. Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben, und die junge Generation ist mit neuen Themen und Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Globalisierung befasst.
Die beiden Autoren des vorliegenden Buches, Dana Giesecke und der Sozialpsychologe Harald Welzer, beschreiben verständlich und nachvollziehbar, dass ein historischer Diskurs, der wie in der deutschen Erinnerungskultur über viel Jahrzehnte gängig, nur auf die Dämonisierung des Bösen setzt, sein Ziel nicht erreicht. Er soll nämlich "Orientierung für unserer Gegenwart bieten, um eine Basis für zukünftiges Handeln zu schaffen."

Die beiden Autoren sprechen dieser Kultur ihre Verdienste nicht ab. Millionen von jungen Menschen wurden durch das "Nie wieder" sensibilisiert und so wie der Rezensent selbst auch politisiert. Dennoch brauche, so zeigen sie überzeugend, die Erinnerungskultur eine Modernisierung. Nötig sei eine gründliche Renovierung in thematischer Hinsicht wie auch in Fragen der Vermittlung.

Sie schlagen einen Ausstellungsort völlig neuen Typs vor:
"In diesem Sinne wäre das 'Haus der menschlichen Möglichkeiten' seinem Selbstverständnis nach eine lernende Institution, die den einmal erreichten historischen Erkenntnisstand als Zwischenstand in einem erinnerungs- und geschichtskulturellen Prozess begreift, der sich mit der fortschreitenden Gegenwart selbst verändert.
Wir glauben, dass diese Abwendung vom enthistorisierten absoluten Grauen und die Hinwendung zu den - positiven wie negativen- menschlichen Möglichkeiten mehr aufklärerisches und emanzipatives Potential enthält, als die Erinnerungskultur und ihre Institutionen zurzeit anbieten. Hier wird das Leben selbst interessant, nicht nur das historische Exempel, wie man es zerstören kann."
Dieses "Haus der menschlichen Möglichkeiten" sollte auch zum "Haus der je eigenen Möglichkeiten werden - ein reflexiver und zum Selberdenken einladender Ort der historischen und politischen Bildung."

Die Debatte über die Renovierung der deutschen Erinnerungskultur ist eröffnet. Sie wird weiter gehen und auch so polemische Beiträge wie etwa Henryk M. Broders neuen Zwischenruf "Vergesst Auschwitz!" (Knaus 2012) aufnehmen und diskutieren. Vielleicht wird man in zehn oder zwanzig Jahren ganz anders denken und reden über das, worauf es wirklich ankommt:
"Wie lässt sich das heute erreichte zivilisatorische Niveau gegen künftige Gefährdungen sichern?"
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am 9. Juni 2012
Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Erinnerungskultur wird durch dieses Buch von den Autoren angestoßen - zu recht, denn tempora mutantur. Jede Generation braucht ihre Anstöße auf der Basis ihrer geschichtlichen Erfahrung.
Die Autoren analysieren und argumentieren überzeugend. Das Buch ist gut lesbar und für jeden geschichtlich, kulturell und gesellschaftlich Interessierten empfehlenswert. Insbesondere Funktionsträger in Politik, Verwaltung, Kultur und Vereinen u a sollten das Buch lesen.
Es ist darüber hinaus zu wünschen, dass ein angedachtes Museum mit den im Buch angeregten Aspekten Wirklichkeit wird. Neben Soziologen sollten auch Psychologen daran mitarbeiten, um deren fundierte Experimente miteinfließen zu lassen.
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am 24. Dezember 2013
Manche Aussagen des Buches sind provozierend, aber es spricht viele Wahrheiten aus. Hinterfragt wird nicht so sehr das "Was ist da Schreckliches geschehen?", sondern mehr das "Wie konnte so etwas überhaupt geschehen?". Und die Antworten sind manchmal erschreckend: niemand ist anscheinend dagegen gefeit, mitzumachen, wenn es wieder gegen Ausgegrenzte geht. Erst im Kleinen, scheinbar Harmlosen, später vielleicht dann im Unvorstellbaren. Das angestrebte "Haus der menschlichen Möglichkeiten" würde ich gerne mal besuchen und hoffe sehr, dass es auch zustande kommt!
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