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166 von 201 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anregende Argumentationsphantastik
Er ist wieder da. Frank Schirrmacher hat es wieder ganz nach oben geschafft auf die Bestsellerlisten: Zwischen „Crossfire“, „Fit ohne Geräte“ und „Shades of Grey“ sein neuer Wurf in den Debatten-Ring.

Viel wurde und wird er angefeindet als Citizen Kane des bundesrepublikanischen Hochfeuilletons, regelmäßig...
Vor 22 Monaten von Bücher-Bartleby veröffentlicht

versus
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Schöne neue (digitale) Welt" - eine Gesellschaftskritik
Die Gedankenmodelle der Ökonomie beherrschen die Sozialwissenschaften. Die vollständige Ökonomisierung der Welt wird Realität. Frank Schirrmacher spricht von "ökonomischem Imperialismus". Unterstützt wird dieser Eroberungsfeldzug durch ausgefeilte Strategien (Spieltheorie), die kluge Physiker und Mathematiker während des Kalten Krieges...
Vor 21 Monaten von Spacetime Traveler veröffentlicht


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166 von 201 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anregende Argumentationsphantastik, 18. Februar 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Er ist wieder da. Frank Schirrmacher hat es wieder ganz nach oben geschafft auf die Bestsellerlisten: Zwischen „Crossfire“, „Fit ohne Geräte“ und „Shades of Grey“ sein neuer Wurf in den Debatten-Ring.

Viel wurde und wird er angefeindet als Citizen Kane des bundesrepublikanischen Hochfeuilletons, regelmäßig verspottet für seine apokalyptische Rhetorik, die immer den Eindruck erweckt, dass hier und heute ein neues Zeitalter beginnt – und wir hätten es nicht gemerkt, wenn FS es uns nicht gesagt hätte. Dieser Sound ist längst jenseits von Gut und Böse: ein Markenzeichen.

Die Finanz-, Banken- und Börsenkrisen haben vielfach zur bürgerlichen Zerknirschung geführt. Die Linke habe „in vielem Recht gehabt“ in ihrer Kritik am Neoliberalismus, verkündete Schirrmacher vor einiger Zeit. Das Feuilleton der FAZ, dem er vorsteht, scheint im Zeichen der Krisen zumindest in den politischen Wallungswerten eine Wende zu vollziehen: von Carl Barks zu Karl Marx, könnte man verkürzt sagen. Kaum verwunderlich jedenfalls, dass sich jetzt schon Jakob Augstein an Schirrmacher ranschmust.

„Ego“ setzt diese Linie fort: Es ist eine Art Beinahe-Verschwörungstheorie, deren Reiz wie üblich bei Verschwörungstheorien darin besteht, dass sie Tatbestände und Ereignisse nicht im Allerweltlicht erscheinen lässt, sondern durchscheinend macht für eine Hinterwelt ominöser Strippenzieher. Kurz gesagt: In den fünfziger Jahren, „in der Kälte des Wettrüstens“, wurde „von Militärs und Ökonomen“ ein Menschenbild entworfen, eine neue Ausformulierung der alten Idee des „Homo oeconomicus“ – der Nutzenmaximierer, der Mensch der Spieltheorie, der immer auf seinen Vorteil bedacht ist, nichts als sein eigenes Interesse verfolgt, der sich auf eine Formel bringen lässt.

Inzwischen habe „Nummer 2“ (so Schirrmachers Formel für diese Modell-Kreatur) längst die Denkfabriken verlassen und sei wie ein Monster-Parasit ins wirkliche soziale Leben eingedrungen. Die neoliberale Ökonomie, die Börsen, die Computerisierung, das Internet, an dem wir hängen – alles Teil des Verhängniszusammenhangs, der Arbeits- und Freizeitwelt erfasst hat.

Das klingt halb faszinierend, halb an langen Haaren herbeigezogen. Wichtiger ist, dass Schirrmacher auf dieser Grundlage detailliert und polemisch eine „schöne neue Welt“ an die Wand malt, in der die Menschen immer berechenbarer und manipulierbarer werden. Das ist nicht neu, aber hier werden vielfältige Aspekte der Entwicklung interessant dargestellt. Nur ein Zitat über die Floskel des "lebenslangen Lernens": „So ist 'lebenslanges Lernen', das so ausgeruht und beschaulich klingt, oft genau das Gegenteil dessen, was man damit verbindet: die Fähigkeit, ständig zu verlernen, an was man noch gestern geglaubt hat, auch seine eigene Identität.“

Schirrmacher macht zudem aufmerksam auf hierzulande wenig bekannte Theorien und Diskurse, die vor allem im angelsächsischen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dass Bram Stokers Vampir-Klassiker „Dracula“ eine Menge mit den Finanzmärkten des späten 19. Jahrhunderts zu tun hat – dergleichen sind Schlaglichter, die Schirrmacher in jedem Kapitel einstreut und die ich interessant finde.

Ich erwarte von diesem Autor keine abgehangene Wissenschaftsliteratur, in der jeder Satz abgesichert ist. Das können andere besser. Schirrmachers Bücher sind Provokationen, suggestive Beschwörungen, wuchernde, verwilderte ESSAYS im Sinn des Versuchs und des Versucherischen. Es sind Argumentationsphantasien, die mit Bildern und Gedankenspielen arbeiten und sich von Stapeln aktueller, aber oft entlegener Sach-Literatur und vielen Gesprächen mit bedeutenden Zeitgenossen, zu denen man als FAZ-Herausgeber Gelegenheit hat, inspirieren lassen zu Assoziationsketten und verwegenen Fortschreibungen. Manches wirkt aufgeblasen, manches unsinnig, dann aber werden wieder faszinierende, erhellende Schneisen durch den beängstigenden Wirrwarr heutiger Existenz geschlagen. Anregend und herausfordernd soll es sein – und das ist es.
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115 von 143 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die neue Monotonisierung der Welt und ihre Gründe, 20. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Es ist fast 80 Jahre her, dass Stefan Zweig in einem Essay "Die Monotonisierung der Welt" beklagte: "Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab.[...] Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander ähnlich." Dieses "Ineinanderschieben der Kulturen" dechiffrierte Zweig an der Mode, dem Tanz, dem Kino und stellte fest, dass Erfindungen wie das Kino und das Radio "nur einen Sinn haben: Gleichzeitigkeit." Dieser Essay, der sich aus heutiger Sicht beklemmend hellsichtig liest, hatte nicht annähernd den Erfolg, den Stefan Zweig mit seinen Erzählungen und Künstlerbiographien erzielte. Offenbar lassen wir Menschen uns nur höchst ungern nachsagen, dass wir immer uniformer werden.
Das erklärt auch zu einem großen Teil die gereizten Reaktionen auf Schirrmachers neues Buch. Denn 78 Jahre nach Stefan Zweigs Diagnose spürt hier wieder ein Autor einer Uniformierung des Denkens und Fühlens nach, die für jeden, der nicht mit Balken vor den Augen durchs Leben läuft, sichtbar ist: Die Menschen richten sich auf Erfolg um jeden Preis ab, sie organisieren ihr Leben mehr und mehr nach ökonomischen Gesichtspunkten und versuchen sich psychisch und physisch zu optimieren, oder wie es gleich der erste Satz provokativ darlegt: "Wir sind alle wahnsinnig unkompliziert geworden." Spüren muss es eigentlich jeder, aber die Gründe dafür zu finden ist schwer.
Ein großes Verdienst dieses Buches ist es, dass sein Autor sich der Mühe unterzogen hat, die ganze amerikanische Wirtschaftsliteratur (etwa "Überfluss", die 'Bibel' der Silicon-Vallaey-Macher) , die - mit teilweise staunenswerter Offenheit - die Nivellierungsrezepte der neuen Ökonomie ausplaudert, gesichtet und ausgewertet hat. Genau für diese Arbeit scheint sich ein großer Teil der deutschen Intelligenz in den letzen zwei Jahrzehnten zu schade gewesen zu sein, sonst hätte man es eher merken müssen, was auf uns zukommt: zum Beispiel Googles neueste Erfindung, die Datenbrille Google Glass, "die Apps anziehen wird, die die Authentizität des Lächelns und die Botschaft der Körpersprache entziffern" (S. 253). Es ist daher nachvollziehbar, dass für für den Autor von "Ego" der literarische Urtext für unsere Zeit Huxelys "Brave New World" und nicht Orwells "1984" ist. Die Beweise, die Schirrmacher für seine grundlegende These, dass Denkmodelle des Kalten Krieges auf amerikanischer Seite nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus auf die Finanzmärkte übertragen wurden und dabei in Computer-Algorithmen eingingen, wodurch sie besonders wirkmächtig wurden, sind erdrückend. (Zumal diese Kontinuität ja auch auf personeller Ebene aufgezeigt wird). Dabei kamen mit der Spieltheorie Denkmodelle zur Anwendung, die die Wirklichkeit, die sie zu beschreiben vorgaben, überhaupt erst schufen. Es wurde so sehr davon ausgegangen, dass der Mensch ausschließlich von Eigennutz getrieben wird, dass auch Menschen, die eigentlich eher auf Kooperation bedacht waren, schließlich von diesem Modell erfasst worden sind. Der Informationskapitalismus ist damit in "die Ära selbsterfüllender Prophezeiungen" eingetreten. Und die Staaten, die den sich immer mehr verselbständigen Finanzmärkten hilflos hinterhecheln, spielen nur noch Souveränität, wie hier an mehreren Beispielen demonstriert wird.
So beklemmend es ist, diesen Nivellierungsprozess nachzuvollziehen, dem wir alle unterworfen sind, so unterhaltsam, ja, man traut es sich kaum zu sagen: kurzweilig, ist die Lektüre auch; erstens wegen der vielen zündenden, prägnanten Formulierungen ("Man muss sich die Voltaires oder La Mettries, die Friedrich sich an seinen preußischen Hof holte, immer auch wie die McKinseys des 18. Jahrhunderts vorstellen", S. 120, !), zweitens, weil immer wieder interessante Nebenerkenntnisse, Anekdoten und Informationen zu verwandten Phänomen abfallen (etwa über das von der Industrie bewusst in die Produkte eingebaute vorzeitige Veralten oder über das Aufkommen der Automaten, von Diderot "Androiden", genannt, ab 1738; über einen hundert Jahre lang nicht bemerkten sachlichen Fehler in Defoes Robinson Crusoe-Roman; über das seltsame Revival von Vampiren und Alchemie in der gegenwärtigen Unterhaltungsindustrie).
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hartes Stück Arbeit, aber es lohnt sich!, 5. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist ein hartes Stück Arbeit. Wer bequemen Wissenstransfer erwartet, wird unweigerlich enttäuscht.
Wer sich jedoch nicht scheut, mit den Argumenten des Autors zu ringen, ihm des Öfteren lauthals zu widersprechen, das Buch ab und zu frustriert in die Ecke zu schleudern, nur um es dann wieder aufzunehmen, weil man vielleicht doch ein Körnchen tiefer Wahrheit entdeckt - kurz, wer kämpfen will für den eigenen Erkenntnisgewinn, der kommt hier ganz auf seine Kosten.
Denn dieses Buch provoziert mit seinen Hypothesen und Querverbindungen, die so vielfältig sind wie spekulativ, aber gerade deswegen zum Denken anregen.

So ist die Kernthese eine aufkommende Schizophrenie des Menschen, der nun nicht mehr allein sein Handeln bestimmt, sondern beeinflusst wird von einem ihm angezüchteten Alter Ego - „Nummer 2“
Wie Mephistopheles, manipuliert er durch Ratschläge der Praktikabilität und der Nützlichkeit die Geschicke des Menschen, der dadurch aber immer weiter entfremdet wird.
Schuld daran sind (mal wieder) die Computer, oder besser die Computermodelle, welche die Welt um uns herum berechnen und bewerten. Diese sind inzwischen nämlich so mächtig, dass wir uns ihrem Einfluss kaum noch entziehen können. Um ihre Vorteile zu genießen, müssen wir, um mit ihnen zu verschmelzen, einen Teil unserer Menschlichkeit aufgeben und so werden, wie die Maschine es von uns verlangt.
Dumm nur, dass diese Maschine annimmt, dass wir totale Egoisten sind. Und so werden wir das dann auch - eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.

Wie jedes gute Drama, hat auch dieses einen Bösewicht bzw. gleich mehrere davon, eine ganze Berufsgruppe sogar: die Quants. Diese in der Physik geschulten Ehrgeizlinge, waren nach dem Kalten Krieg gelangweilt und haben sich schnurstracks zur Wallstreet aufgemacht, um sie mit ihren grandiosen Ideen zu erleuchten. Von den Türmen der Finanzindustrie, jedoch, schauten sie auf die Welt hinab und waren frustriert über das Chaos und die Unordnung. Also schufen sie mächtige mathematische Modelle, um sie besser zu verstehen und beherrschen zu können. So wurde die Welt zu einem gigantischen Datennetz, der Mensch, darin gefangen, reduziert auf eine paar Algorithmen, und das ganze Leben wurde zum Optimierungsproblem.

Ob man den Erklärungen des Autors nun begeistert zustimmt oder sie mit lautem Gelächter beiseite wischt, dieses Buch lässt einen nicht kalt. Vorausgesetzt natürlich, man macht sich die Mühe es zu verstehen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Schöne neue (digitale) Welt" - eine Gesellschaftskritik, 4. März 2013
Von 
Spacetime Traveler ('Castle of Glass' in the black forest of Wuellen, the center of planet earth, on the edge of the mysterious Milky Way) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Die Gedankenmodelle der Ökonomie beherrschen die Sozialwissenschaften. Die vollständige Ökonomisierung der Welt wird Realität. Frank Schirrmacher spricht von "ökonomischem Imperialismus". Unterstützt wird dieser Eroberungsfeldzug durch ausgefeilte Strategien (Spieltheorie), die kluge Physiker und Mathematiker während des Kalten Krieges aus Gründen der militärischen Abwehr entwickelt und in Computerprogramme gegossen haben.

Die zugrunde liegenden Ego-Strategien werden heute in weiterentwickelten Programmen u.a. an der Börse verwendet und bewirken, dass der Mensch sich den implementierten Regeln unterwirft und auch unterwerfen muss. Es entsteht eine auf Egoismus beruhende Eigendynamik, die nicht mehr kontrollierbar ist, zumal wir es mit Unternehmen als (Evolutions-)Akteuren zu tun haben. Systeme formen zunehmend den Menschen.

Autor Schirrmacher wählt für sein Anliegen eine Erzählform, die es dem interessierten Leser nicht leicht macht, seine Botschaft zu verstehen. Zweifelsohne ließe sich das Thema verständlicher und kürzer fassen, als in einer Mischform aus Sachbuch, Roman und Science Fiction. Es ist kein Zufall, dass Erinnerungen an Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" und andere gesellschaftskritische Werke wach werden. Schirrmacher warnt vor einem gesellschaftlichen Horrorszenario.

Die Struktur des Buches erinnert an ein Hologramm. Im ersten Kapitel wird eine Facette des Problems unscharf formuliert und jedes weitere Kapitel führt dazu, dass das Gesamtbild an Kontur gewinnt, ohne jedoch wirklich scharf zu werden. Es ist kein stringenter Aufbau erkennbar, sondern Schirrmacher springt von Kapitel zu Kapitel, wiederholt sich, lässt historisches Wissen einfließen und skizziert ein düsteres Gesamtbild.

Der Mensch wird Opfer seiner eigenen Techniken und Strategien. Die Ökonomisierung hat gesiegt. Kann dieses Szenario durchbrochen werden? M.E. muss sich das Individuum über Systeme bzw. digitale Entscheidungsfindungen hinwegsetzen, wieder Mensch werden. Das impliziert bewusste Entscheidungen gegen optimierte Ego-Strategien, ein Aufbegehren gegen computergestützte geistige Armut. Der Preis dafür ist hoch, er besteht in Irrationalität und Angreifbarkeit. Schirrmacher will durch dieses Buch aufrütteln, Diskussionen in Gang setzen. Es ist eine Mahnung.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen So funktioniert das Leben tatsächlich, ..., 28. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Kindle Edition)
...komplex, nicht linear, nicht monokausal! Mit Fehlern.

Frank Schirrmacher liefert hier jeder Menge Referenzen und fundierte Thesen zu heutigen Gesellschaftsstrukturen und Wirtschaftssystemen und deren Wurzeln. Am Ende ein Werk welches besonders die letzten 50 Jahre Menscheitsgeschichte und eine immer folgenschwerere Masslosigkeit und ständiges Wachstum bzw. Gewinnmaximierung klar in Frage stellt und anprangert, indem er dem Leser wohl auch klar macht, das nicht alles was machbar ist auch gemacht werden soll und das heutige Systeme allzu oft drohen der sich selbst erfüllenden Prophezeihung anheim zu fallen und viele dieser Systeme auf stark vereinfachten und auch menschenverachtenden Annahmen beruhen, die nur dadurch ihren offensichtlichen Schrecken verstecken können, weil sie theoretisiert, verschleiert und schleichend daherkommen und mit vollem Risiko von einer Situation experimentell auf die andere übertragen oder verbunden werden (Krieg -> Wirtschaft, Mathematik und Ökonomie). Diese Modelle dürfen nicht diese Größe entwickeln wie sie es heute tun oder sie sind in der Lage größten Schaden anzurichten. Das sollte allen wiederholt klargemacht werden, dann besteht eine Chance dem etwas entgenenzustellen, rechtzeitig oder zumindest früher als im Blindflug. Wer hat hier eigentlich die Hand am Steuer? Immernoch: die Menschen und die Menschlichkeit, mit allem was dazugehört. Wer spielt mit?
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70 von 97 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Leseanstrengung ohne Lohn, 16. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Frank Schirrmachers "Ego" habe ich vor zwei Wochen mit gespannter Neugier begonnen zu lesen. Heute lege ich das Buch genervt, überfordert und unzufrieden wieder aus der Hand.
Ohne das Literaturverzeichnis, das ein Siebtel des Bandes ausmacht, liegen netto knapp 300 Seiten hinter mir, die ich in der Rückbetrachtung als anstrengend, undurchschaubar strukturiert, überfrachtet und ziellos empfinde. Auch jetzt, beim nachträglichen Hin- und Herblättern, merke ich, wie schwer es mir gefallen ist, den Gedankengängen des preisgekrönten Autors zu folgen. In meinem Kopf bleibt der unbestimmt wirre Eindruck einer eher locker assozierten und zugleich sehr dicht gestaffelten Aneinandereihung von Behauptungen. Dabei wirkt es so, als ob Frank Schirrmacher sich gar nicht die Mühe zu machen bräuchte, dem Leser den Zugang zu seinen Ideen durch irgendetwas zu erleichtern, geschweige denn etwas zu tun, um die Sympathie des Lesers zu gewinnen. Dieses Buch ist trocken, dreht sich um sich selbst, und wer mit eigenen Bordmitteln dem Autor in dieses anscheinend chaotische Gedankenuniversum nicht folgen kann, hat -so wie ich- eben Pech gehabt. Schade um die Energie und die Zeit.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verschwörungstheorie zum Egoismus, 19. Februar 2013
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Ausufernder Egoismus ist gemäß Schirrmacher keine Grundeigenschaft des Lebens selbst, sondern eine Erfindung von amerikanischen Militärs und Wirtschaftswissenschaftlern. Diese modellierten schon in den 1950 Jahren den idealen Menschen - den Homo oeconomicus - den sie im Rahmen der sich gerade in der Entwicklung befindlichen Spieltheorie, bei der alle Teilnehmer eigennützig und gemäß egoistischen Motiven handeln, benötigten. Schirrmacher bezeichnet den so gestalteten idealen fiktiven Doppelgänger des Menschen, an dessen Eigenschaften auch die realen Menschen zukünftig auszurichten waren, in seinem Text als "Nummer 2".

Und so liest man auf Wikipedia über den später tatsächlich (wie passend) an paranoider Schizophrenie erkrankten Mitbegründer der Spieltheorie John F. Nash: "Ab 1950 war Nash vier Jahre lang in den Sommermonaten an der Rand Corporation mit geheimer Forschungsarbeit beschäftigt, wo auch Kenneth Arrow, John Milnor (der bei Rand mit Nash zusammenarbeitete) und andere an Anwendungen der Spieltheorie auf strategische Situationen im Kalten Krieg arbeiteten." Genau darauf zielt Schirrmacher ab.

Später - als der Kommunismus überwunden war und die geschickten Wissenschaftler nichts mehr zu tun hatten - habe man - so Schirrmacher - die genialen Techniken auf außermilitärische Bereiche angewendet. Zahlreiche Experten der Denkfabriken des Militärs wechselten - so geschult - an die Börse und brachten dort ihre spieltheoretischen Algorithmen und die damit verbundenen modellhaften Vorstellungen vom egoistischen Menschen zur Anwendung. So entstanden der Neoliberalismus, die Automatisierung der Märkte und die automatisierten Menschen gleich mit dazu, die sich in ihrem Handeln mehr und mehr der Nummer 2 angleichen mussten, ansonsten hätten sie die Algorithmen für ihre Entscheidungen (finanziell) bestraft. Nummer 2 setzte zu seinem Siegeszug rund um die Welt an, drang in immer mehr Gehirne ein und machte sie sich ihm gleich. Hierdurch verlor der Mensch gewissermaßen seine Seele. Für "BigData" wurde er mehr und mehr berechenbar und damit auch ausbeutbar, sei es auf den Finanzmärkten, bei Facebook oder den Handelshäusern im Internet. Die kritischen und egoisierenden Algorithmen verselbstständigten sich derweil mehr und mehr, um schließlich Krieg gegen sich selbst zu führen.

Daneben gab es weitere Akteure und Theorien, die eine solche globale Gehirnwäsche begünstigten, beispielsweise Richard Dawkins mit seiner Theorie der egoistischen Gene, die die Vorstellung vom stets egoistisch handelnden Homo oeconomicus zusätzlich biologisch unterfütterte.

Doch was kann der gemeine Bürger noch tun in einer solch bedrückenden Situation? Schirrmacher empfiehlt den Ausstieg aus dem Ego-Kapitalismus, in dem wir uns nur noch so verhalten, wie wir in seinem Sinne sollen und modelliert wurden und nicht, wie wir eigentlich sind. Sein Rat ist, einfach nicht mehr mitzuspielen.

Spätestens hier offenbart Schirrmacher, dass er sich in seinem Denken maßgeblich von der Memetik Richard Dawkins hat leiten lassen. Viele seiner Überlegungen aber auch Schlussfolgerungen erinnerten mich denn auch an das Buch des Memetikers Karl Olsberg Schöpfung außer Kontrolle: Wie die Technik uns benutzt, der in ganz ähnlicher Weise den individuellen Ausstieg als Lösung empfiehlt.

Doch zurück zum modernen Ego-Kapitalismus. Hier stellt sich zunächst die Frage, was Kapitalismus eigentlich ist. Gemäß Marx sind kapitalistische Unternehmen solche, die ihre Produktionsmittel selbst besitzen, oder in den Worten der Systemischen Evolutionstheorie: Sie sind menschliche Superorganismen, die eigenständige Kompetenzen besitzen. Und sie sind bestrebt, ihre Kompetenzen zu bewahren (fast identisch argumentieren Nelson/Winter in An Evolutionary Theory of Economic Change oder Hanna Fearns in Entstehung von Kernkompetenzen: Eine Evolutionstheoretische Betrachtung).

Das hat mehrere unmittelbare gravierende Konsequenzen:
1. Die machtvollsten, ressourcenreichsten Akteure auf den Märkten sind überhaupt keine Menschen, sondern menschliche Superorganismen. Menschliche Emotionen dürfen wir von ihnen nicht erwarten.
2. Die ach so gefeierte Kooperation ist ihnen im Allgemeinen untersagt. Sie sollen konkurrieren, um die beste Ware zum günstigsten Preis zu produzieren, und nicht zusammenarbeiten, um den Verbraucher preislich über den Tisch zu ziehen.

Kurz: Völlig egal, ob wir Menschen nun allesamt der Gattung Homo oeconomicus angehören oder nicht, von den Hauptakteuren in Marktwirtschaften - den Unternehmen - werden genau solche Eigenschaften erwartet.

Stellen wir uns dazu einmal beispielhaft 10 Unternehmen mit gleichem Marktanteil, gleichem Umsatz und gleichem Jahresgewinn von 10 Mrd. Euro vor Steuern vor. Wenn eines dieser Unternehmen seine Zentrale auf eine Steuersparinsel verlegte, könnte es ggf. mehrere Milliarden Euro an Steuern sparen. Es wäre damit in der Lage, mehr in die Forschung und Entwicklung zu investieren und höhere Tantiemen an die Aktionäre auszuschütten. In der Folge würde sein Börsenkurs (sein Börsenwert) steigen, und der der anderen Unternehmen sinken. Schuld daran wären nicht nur die von Schirrmacher ausgemachten spieltheoretischen Börsenalgorithmen, sondern Jupp Schmitz aus Bottrop genauso. Denn einerseits würde nun sein Lebensversicherer seine Aktiendepots umshiften und Jupp Schmitz seins (sofern er hat) womöglich auch, denn warum fallende Kurse und wenig Dividende dulden, wenn man steigende Kurse und mehr Dividende haben kann. Die zwingende Konsequenz daraus wäre: Alle anderen neun Unternehmen werden ihre Zentrale ebenfalls auf die Cayman Islands verlegen. Das hat nichts mit Spieltheorie, mit Nash-Gleichgewichten, mit der Mär vom Homo oeconomicus, bizarren Börsenalgorithmen oder Schirrmacherschen Verschwörungstheorien zu tun, sondern mit dem natürlichen Bestreben jedes marktwirtschaftlichen Unternehmens, die eigenen Kompetenzen zu bewahren. Es geht ihnen darum, nicht geschluckt oder sonstwie vom Markt verdrängt zu werden.

Wollte man die obige einhellige Reaktion der Unternehmen also verhindern, würde es nichts nützen, an die Moral der Aktionäre und Manager zu appellieren. Stattdessen müsste man die Märkte regulieren. Konkret: Man müsste Bedingungen schaffen, die die Verlagerung der Firmenzentrale auf eine Steuersparinsel als ökonomisch wenig sinnvoll erscheinen lässt.

Entsprechend argumentieren heute praktisch alle dem Club of Rome nahestehenden Ökonomen und Wissenschaftler (z. B. F. J. Radermacher, G. Maxton für eine verstärkte Regulierung von Märkten, ganz im Gegensatz zu der zur Blütezeit des Neoliberalismus erfolgten Deregulierung.

Doch warum ist eine solche Regulierung so schwer (bzw. warum wird sie nicht gemacht), während Deregulierung so einfach erscheint? Ganz einfach: Deregulieren kann man national, regulieren jedoch in einer Welt der globalen Märkte und Unternehmen oftmals nur global. Und das ist dann wirklich sehr sehr schwer.

Zu den Zeiten, als "Deutsche Bank" noch für ein primär in Deutschland operierendes deutsches Unternehmen stand, war es verhältnismäßig leicht, Märkte im Sinne der in einer Gesellschaft (einem Staat) lebenden Menschen (den Bürgern) zu regulieren. Man musste beispielsweise lediglich Kinderarbeit verbieten, und dann war das kein Thema mehr. In einer globalisierten Welt sieht das jedoch ganz anders aus. Dort bieten sich für globale Unternehmen zahlreiche Schlupflöcher, zu deren Nutzung sie oftmals regelrecht gezwungen sind, wollen sie nicht gegenüber der Konkurrenz zurückfallen. Und noch einmal: Diese menschlichen Superorganismen sind keine Menschen, obwohl sie das Marktgeschehen heute weitestgehend dominieren. Allein deshalb geht Schirrmachers Analyse in die Leere. Ihr Hauptmanko ist, dass ihr eine tragende Theorie fehlt, auf der die wesentlichsten Aussagen beruhen. In solchen Fällen greift man dann gern zu Verschwörungstheorien.

Immerhin: Das von Schirrmacher gewählte Thema ist interessant.
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8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles ist logisch, wenn man erkennt, dass die Welt mit einem Poker spielt und jeder gewinnen will., 4. August 2013
Von 
callisto (Freiburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Im Februar 2013, als das Buch erschien, in einer Zeit, als die Welt noch heil war, in einer Zeit vor Edward Snowden und Foschepoths Forschungsergebnissen, da konnte man die Theorien dieses Buches noch als spinnerte Aluhut Verschwörung abtun. Kombiniert man aber die Erkenntnisse dieses Buches, mit Foschepoths Forschungsergebnissen über die flächendeckende Überwachung und Snowdens Enthüllungen, erklärt dieses Buch, warum Politiker, Regierungen und Konzerne, ja viele Menschen um einen herum, so agieren, wie sie es tun. Egoistisch, misstrauisch und teils sehr, sehr hinterhältig. Welcher Rentner hätte vor 20 Jahren misstrauisch reagiert, wenn man ihm einfach nur über die Straße helfen will und gefragt, was man dafür möchte und wäre erstaunt, dass man einfach nur nett sein wollte? Welche Arbeitskollegen hätten erstaunt reagiert, dass man einfach so hilft und Informationen preisgibt oder weitergibt, die einem einen Vorteil verschaffen würden, wenn man sie nicht teilt? Heute, leider, aus eigener Erfahrung, der Normalzustand. Was ist passiert? Wie konnte der Informationskapitalismus sogar die Gesellschaft, die Seele, das Ich des Menschen erobern? Warum ist das passiert, vor dem Prognos 1985 bereits warnte: „Innerhalb der Machtkonkurrenz ist es für jeden Teilnehmer zweckrational, Macht zu akkumulieren, wen er nicht untergehen will. Für das Ganze aber kann die ungehemmte Machtkonkurrenz tödlich sein.“ (Carl Friedrich von Weizäcker)

Es begann im Kalten Krieg. „[…], als sie erfunden wurde, gab man [RAND] ihr Namen wie »rational choice theory«, die Theorie des rationalen Handelns und den harmlosen Namen »Spieltheorie«.“ „Die »Spiele« der Spieltheorie waren reine Mathematik, und sie galten seit 1953 als militärische Geheimnisse, die abends von Forschern, die über hohe Unbedenklichkeitsbescheinigungen verfügten, in Panzerschränke eingeschlossen wurden.“
Einer der bekanntesten Mitentwickler dieser Spielertheorie war John Nash, der darüber wahnsinnig wurde. Warum? „Er war es, der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war.“ Im Mai 1959 wurde bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert.
„Das […] berühmte Nash-Equilibrium, […] ist nichts anderes als die mathematische Weltformel für konsequenten und erfolgreichen Egoismus.[…] Sie findet sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt und vermutlich auch in sozialen Netzwerken.“ „Diese Vision, wonach jeder auf seinen eigenen Einfallsreichtum angewiesen ist, zynisch andere Menschen manipuliert bei gleichzeitiger Abwesenheit von auch nur einer Spur sozialer Intelligenz …, ist ziemlich genau das Bild des Agenten im Neoliberalismus. In einem Wort: Jeder Mensch wird auf den Status eines Unternehmers seines eigenen Ichs reduziert.“ Das ist genau das Blabla das man sich dann anhören muss in Bücher wie „Secret“ und „Bestellung beim Universum“. Du bist deines Glückes Schmied, „Wer Erfolg hat, hat ihn, weil er, wie »The Secret« postuliert, diesen Erfolg angezogen hat.“ Wer Misserfolg hat oder scheitert ist somit selber schuld. Damit wird soziale Niederlage von der Gesellschaft auf den Einzelnen zurückgeworfen. Wenn man selber schuld ist, gibt es keinen Grund, gegen das System aufzubegehren. Die nächste Bestellung beim Universum klappt vielleicht doch und wenn nicht, ist man selbst dran schuld, nicht etwa die spinnerte Idee, oder das neoliberalistische System, das einen mit Hartz IV dazu zwingt als Leiharbeiter für einen Lohn zu arbeiten, bei dem man noch beim Amt aufstocken muss.

Wie schwappte dieses ursprünglich geheime Wissen in unsere normale Welt?! Nach Ende des kalten Krieges brauchten die arbeitslosen Mathematiker und Physiker neue Jobs. Sie fanden sie an der Wall-Street unter anderem bei Goldmann Sachs. Wie wurden zu den sogenannten „ »Quants«, […] Mathematikern und Physikern, die in den Investmentbanken die finanztechnischen Killer-Produkte berechneten.“

„Die Informationsökonomie atmet die Luft einer Pokerrunde. Ihre Welt ist eine Welt, in der niemand wirklich sagt und tut, was er denkt, aber jeder und jede durchsichtig werden, wenn man ihnen egoistische Absichten unterstellt. Deshalb dieser gewaltige Bedarf an Informationen.“
Und deshalb die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung durch die Geheimdienste! Je mehr Informationen sie haben, umso exakter könnten die Mächtigen des Systems vorhersagen, wie homo oeconomicus reagieren wird und wie man ihn (also uns alle) am besten manipuliert. Daher sagen die Politdarsteller und Mächtigen auch nie, was wirklich Sache ist, daher tun sie Dinge, die entgegen jedes gesunden Menschenverstandes sind. Sie spielen spieletheoretische Spiele mit der Bevölkerung zur kurzfristigen Gewinnmaximierung Einzelner und zum Schaden ganzer Völker, und was ist Merkel von Haus aus? Physikerin?! „Die in der gegenwärtigen Eurokrise amputierten Souveränitätsrechte europäischer Staaten und Parlamente sind kein Kunstfehler, sondern Teil seiner operativen Logik.“
„So fordern Bobbitt und andere ein digitales Paralleluniversum für die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden des neuen Staats. […] So sollen die Informationen aller Geheimdienste der »freien« Welt zu einer einzigen Plattform zusammengebaut werden und nur für die zugänglich sein, die die Sicherheitsvoraussetzungen erfüllen. Zu den Forderungen der amerikanischen National Security Agency zählt ein »Google für Nachrichtendienste« und ein Open-Source-Direktorium, das Informationen im Netz sammelt, die nur kurz zugänglich sind, sowie vor allem eine einheitliche Jurisdiktion.“ Seit einigen Tagen kennen wir dank Snowden auch die Namen dieser Programme, die Schirrmacher hier schon 2012 nur postuliert: Prism, XKeyscore und sicherlich gibt es da noch ein paar mehr.

Wie konnte es passieren, dass wir zu homo oeconomicus wurden, entgegen aller Moral der christlichen Ethik? Entgegen des gesunden Menschenverstandes der Mitleid und Kooperation lehrt? „[…] das Problem ist, dass die Theorie nicht nur Handeln beschreibt, sondern Handeln erzwingt, sie ist nicht nur deskriptiv, sondern auch normativ. Sie postuliert nicht nur Egoisten, sie produziert sie.“ „Es hat sich herausgestellt, dass Menschen, die mit diesem Denken in Berührung kommen, ihr Verhalten verändern. Ein Weltbild, das hinter allem menschlichen Tun die unausweichliche Logik des Eigennutzes am Werk sieht, produziert Egoismus wie am Fließband.“ „beginnt eine Gesellschaft den Kalten Krieg mit sich selbst zu führen.“ In anderen Worten, wer von Egoisten mehrfach in die Pfanne gehauen wird, wird aus Selbstschutz auch zum Egoisten und somit zum aktiven Spieler in diesem spieletheoretischen Spiel.
„Die Krise ist nur ein Symptom. Sie zeigt die Instabilität nicht nur von Märkten, sondern von Gesellschaften, in denen Gesellschaften wie Märkte und Menschen als »homo oeconomicus« organisiert werden. In meinen Augen: der erste Fall eines Systemversagens der Informationsökonomie.“ „Dieses Buch basiert auf einer einzigen These. Sie wird neuerdings wieder verstärkt von einigen Renegaten unter den Ökonomen mit dem Titel »ökonomischer Imperialismus« diskutiert. Damit ist gemeint, dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben und sie beherrschen (die imperialistischste ökonomische Theorie war bekanntlich der Marxismus).“

Was kann der Einzelne tun? Er hat zwei Möglichkeiten: Entweder mit dem Spiel oder gegen das Spiel spielen. Das System ist am Kippen, wie Weizäcker sagte: „Innerhalb der Machtkonkurrenz ist es für jeden Teilnehmer zweckrational, Macht zu akkumulieren, wen er nicht untergehen will. Für das Ganze aber kann die ungehemmte Machtkonkurrenz tödlich sein.“ Gegen Ende des Spieles kann es also aus Egoismus sinnvoll sein, gegen das Spiel zu spielen. Nett zu sein, zu helfen, altruistisch zu handeln, auch wenn man in die Pfanne gehauen wird, denn die Spieletheorie funktioniert nur in kurzfristig. Sie realisiert kurzzeitige Profite. Ethik, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Altruismus sind auf langfristige Profite ausgelegt, die eintreten können, aber nicht müssen. Wer sich entscheidet, gegen das Spiel zu spielen, wird am Anfang einige Verluste hinnehmen müssen, diese sind aber nur kurzfristig, langfristig wird es sich auszahlen die aktuellen Regeln der informationskapitalistischen Gesellschaft gebrochen zu haben. Wenn nicht monetär, dann doch zumindest persönlich, denn man hat seine Würde und Integrität bewahrt und sich nicht wegen bedruckten Papiers prosituiert.

Das Thema ist sehr komplex. Der Autor geht auch auf Sprachliche Aspekte ein, wie das Vokabular des kalten Krieges nun in wirtschaftlichen Zusammenhängen auftaucht. Es geht auch darum, dass Dracula, Frankenstein und Co noch eine weitere Bedeutungsebene haben, besonders für Liebhaber von Klassikern eine sehr faszinierende Theorie. Als Einstieg, bevor man das Buch liest, empfehle ich daher Alternativlos 29 auf fefes Blog und das Interview von Frank Schirrmacher und Ranga Yogeshwar im Gespräch bei der Philcologne auf WDR 5. Da werden die meisten Aspekte grundlegend erklärt, eine gute Vorbereitung, denn das Buch ist teils sehr philosophisch, da hilft eine solide Basis.
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24 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht verstanden und nicht zu verstehen, 5. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Heute, am 12.6.2014 ist Herr Schirrmacher leider gestorben. Darum lösche ich meine Rezension dieses Buches, ich habe nicht viel anderes geschrieben als viele Andere und nun möchte ich nicht mehr das Buch bewerten, sondern den Mann ehren, der das Feuilleton der FAZ zu neuen Ufern gesegelt hat, der vor allen Dingen gut, weit und wegweisend gedacht hat. Er war jemand, um den man wirklich trauern muss. Ich wünsche ihm und seinen Ideen ein ewiges Leben und seiner Familie Kraft in schwerer Stunde.
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82 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Verschwörungsgeschwurbel, wider den menschlichen Verstand, 24. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Ego: Das Spiel des Lebens (Gebundene Ausgabe)
Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der FAZ, hat ein ganz miserables Buch geschrieben – schlecht recherchiert, voller falscher Behauptungen und fragwürdigen Thesen und in seiner impliziten Botschaft an einige der schlimmsten Traditionen der deutschen Geschichte anschließend.

Das wäre alles nicht so schlimm - schlechte Bücher gibt es viele. Aber Schirrmacher ist in seiner Doppelrolle als bekanntester Vertreter der wichtigsten Zeitung Deutschlands und erfolgreicher Bestsellerautor eine der wichtigsten Stimmen seines Landes. Und diese Konstellation ist besorgniserregend.

Schirrmachers These lautet, dass die Weltfinanzkrise von jenen Denkern verursacht worden ist, die nach 1945 in der amerikanischen RAND Corporation mithilfe der Spieltheorie die Strategien des Kalten Krieges entwickelt hatten und nach ihrem Sieg über die Sowjetunion auf die Bankenwelt losgelassen wurden.

Sie prägten das Bild des hyper-rationalen Homo Oeconomicus geprägt, sie predigten den reinen Egoismus und schufen damit eine neue kalte, berechnende Moral, die alle menschlichen Tugenden gefährdet und die Menschen des 21. Jahrhunderts versklavt. Ein „Frankenstein-Monster“, wie Schirrmacher auf fast jeder zweiten Seite behauptet.

Nun gibt es viele legitime Möglichkeiten, die Deregulierung der Finanzwelt, die Praktiken der Banken und die Rolle der Finanzmärkte zu kritisieren. Aber wer sich auch nur ein wenig mit Spieltheorie auseinandergesetzt hat, weiß, dass Schirrmachers Darstellung eine plumpe, bösartige Karikatur eines der wichtigsten intellektuellen Strömungen der letzten 60 Jahre ist.

Spieltheoretiker gehen zwar von einer grundlegenden Rationalität und dem Streben nach Eigennutz von handelnden Personen aus. Aber seit einem halben Jahrhundert beschäftigen sich die meisten von ihnen mit genau dem Gegenteil von dem, was Schirrmacher beschreibt – nämlich dem Streben nach Kooperation und der Vermeidung destruktiver Konflikte. Das galt für die Militärstrategen des Kalten Krieges, die durch gegenseitige Abschreckung den Einsatz von Atomwaffen verhindern wollten, wie für die modernen Evolutionsbiologen, die aufzeigen, wie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit die größten Vorteile im darwinistischen Überlebenskampf bietet.

Das von Schirrmacher zitierte Gefangenendilemma ist keine Anleitung für Egoismus, sondern zeigt die großen Hindernisse bei der Realisierung des Gemeinschaftswohles auf.

Deshalb ist Schirrmachers Ansatz bereits falsch, und die Schlüsse, die er daraus zieht, unbrauchbar.

Aus Fahrlässigkeit oder Absicht ignoriert er völlig die Revolution der vergangenen Jahre durch die Verhaltensökonomie, die die Grenzen der Rationalität in den Entscheidungsprozessen aufzeigt und aus der heutigen Ökonomie nicht mehr wegzudenken ist. Sein hyperrationales Monster, das er „Nummer 2“ nennt, existiert so in keinem seriösen wissenschaftlichen Werk.

Insgesamt – und das macht das Buch so bedenklich – ist „Ego“ ein Angriff auf den Rationalismus an sich, zu dem sich Spieltheoretiker aller Disziplinen bekennen, und damit ein zutiefst anti-aufklärerisches Werk. Für Schirrmacher kommt die Bedrohung durch das rationale Individuum, die er beschreibt, aus dem Westen, aus der angelsächsischen Welt, vor allem aus den USA.

Dabei argumentiert er nicht, sondern suggeriert, dämonisiert und polemisiert. Das ist wohl unvermeidbar. Denn wer sich gegen die Vorherrschaft des menschlichen Verstandes stellt, kann nicht dessen wichtigstes Werkzeug, das logische Denken, einsetzen. Dann bleibt nur noch das Schüren diffuser Gefühle und Ängste.

Zum Glück ist Schirrmachers Buch zu schludrig und zu schlecht, um wirklich einflussreich zu sein. Und einige Kritiken sprechen das auch offen aus – viele aber nicht. Dass ein solches anti-aufklärerisches Pamphlet von weiten Teilen der deutschen Presse so unkritisch aufgenommen wird, ist kein gutes Zeichen für das politische Denken in der wichtigsten europäischen Nation.

Frey, Standard.
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Ego: Das Spiel des Lebens
Ego: Das Spiel des Lebens von Frank Schirrmacher (Gebundene Ausgabe - 18. Februar 2013)
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