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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frieden und Krieg, 4. Januar 2010
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Rezension bezieht sich auf: Sarajevo Marlboro (Gebundene Ausgabe)
Miljenko Jegovic macht es dem Leser nicht einfach. Der 1966 in Sarajevo geborene Autor präsentiert in seinem frühesten auf Deutsch erschienen Werk 30 Geschichten, die nicht leicht in ein politisches Raster der Gewohnheit fallen wollen. Zwar haben sie alle etwas gemeinsam. Sie spielen samt und sonders um die Zeit der Belagerung Sarajevos im Kontext der Stadt. Ihre Protagonisten sind keine Helden, sondern Menschen aus Herz und Rand der Bevölkerung. Damit enden aber auch die augenfälligsten Gemeinsamkeiten.
Ansonsten ist das Spektrum der Geschichten und ihrer Helden so bunt zusammengemischt wie die bosnische Einwohnerschaft der Vorkriegszeit. Auch die emotionale Bandbreite ist beeindruckend. Manches ist komisch (wie der Kondor von Treskavica), manches lakonisch (wie die Sache mit den Marlboro aus Sarajevo), manches melancholisch (wie die Geschichte Zlaja und Elena). Auch das soziale und ethnische Milieu wechselt, ohne dabei allzu sehr in Klischees zu verfallen. Ja, man kann durchaus einiges über den Vielvölkerstaat lernen. Aber das ist nicht die eigentliche Botschaft des Autors.
Deutlich tritt die Stimme seine schließlich zu Tage. Sein Thema ist die tiefe Tragik des unwiderruflichen Zerfalls. Es gibt wenige "Menschen, die über diesen Krieg schreiben, ohne sich selbst beweihräuchern oder mit toten oder lebenden Menschen abrechnen zu wollen[...]. Ohne konkrete Absicht für sich oder andere versuchen sie verzweifelt, das geborstene Bild der Welt zu kitten." Das macht die Dramatik und die Stärke der inmitten der Kriegswirren geschriebenen Kurzgeschichten aus. Vielleicht offenbart die literarische Qualität tatsächlich bisweilen Schwächen. Aber das ganze Werk macht deutlich: Hier schreibt einer, dem außer seinen Augen für das Unverständliche des Bürgerkrieges, seiner Stimme für die Menschen und dem triebhaften Drang, das Unglaubliche der Welt vorzuhalten, nicht mehr viel geblieben ist.
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ausnahmetalent, 14. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Sarajevo Marlboro (Gebundene Ausgabe)
Miljenko Jergovic wurde 1966 in Sarajevo geboren. Er gehört zu den grossen und international bekannten Autoren aus dem serbokroatischen Sprachraum. Sein bisher nicht sehr umfangreiches Werk ist dafür überaus vielseitig. Der Erzählband "Sarajevo Marlboro" erschien schon 1994 und wurde nun für die Ausgabe bei Schöffling neu übersetzt, eine Ehre, die nur wenigen Autoren zuteil wird. Es wird gesagt, dass seine Geschichten vom Krieg handeln, aber das ist nur teilweise richtig, denn im Kern ist der Krieg immer nur der Auslöser, um dem Charakter des Menschen und den Beziehungen untereinander auf die Spur zu kommen, so etwa in "Kaktus", der sich als stacheliges Band einer Beziehung erweist oder in "Diebstahl", wo ein Apfelbaum zu Zank und viel später zur Versöhnung Anlass gibt. Keine Verwandtschaft mit Heinrich Böll oder Franz Fühmann also. Die dreissig Stories sind kurz und erinnern an einen anderen grossen Erzähler aus Jugoslawien, an Aleksandar Tisma, der 2003 starb und im Grossen und Ganzen der Erzähler mit dem längeren Atem und einem konsequenten Pessimismus war. Im Unterschied zu Tisma wirkt Jergovic schon beinahe fröhlich, weil er oft am Ende seiner Erzählungen mit einer philosophischen, ja bisweilen pathetischen Klammer versöhnlich wirken will. Auch fällt einem bei der Lektüre die scheinbar absurde Welt von Raymond Carver ein; Jergovic benutzt gerne Dialoge und kann wie Carver menschliche Situationen und Beziehungen, ja ganze Leben, blitzschnell sezieren, als ob man mit einem Messer durch die Butter schneidet. Wer auf kurze Erzählungen steht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Ob die dem Autor im Nachwort prophezeite nobelpreisreife Meisterschaft schon bald Früchte trägt, wird sich zeigen; meiner Einschätzung nach ist es ein wenig hoch gegriffen.
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Sarajevo Marlboro
Sarajevo Marlboro von Miljenko Jergovic (Gebundene Ausgabe - 11. März 2009)
EUR 18,90
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