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Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille
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am 25. April 2013
Kaum zu glauben, dass der Autor im Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits 73 Jahre zählte - denn der darin gebotene sprühende Einfallsreichtum und funkelnde Sprachwitz (statt der in seiner Alterskohorte vorherrschenden biederen Altherrenprosa!) könnte durchaus auf einen wesentlich jüngeren Autor schließen lassen und würde diesem auch noch gut zu Gesicht stehen. Kostprobe gefällig? Bitte sehr! Aus dem Eintrag "Fischforschung", S. 27 f.:

"Lemm, einer der besten Kenner der Luft, hat sich neuerdings auch mit dem Wasser beschäftigt und mit den Bewohnern des Wassers, den Fischen. Es ist inzwischen bekannt, schreibt Lemm, daß bei den meisten Fischen die Gewohnheit vorherrscht, nur die obere Seite dem Licht zuzuwenden, während die andere Seite stets nach unten gerichtet ist, in die Tiefe. Die Lichtseite ist infolgedessen immer dunkler als die Schattenseite. In seinen AUFZEICHNUNGEN ÜBER DAS WASSER kommt Lemm auch auf den Lachs zu sprechen. Der Lachs ist spitz und beweglich, schreibt Lemm, er springt über hohe Felsen hinweg und wird durch scharfe Schüsse, durch Sägemühlen und rot angestrichene Häuser verscheucht. (...)"

Es hat in der jüngeren Vergangenheit seitens verschiedener Freunde, Verehrer und Adepten von Ror Wolf immer wieder Versuche gegeben, diesem anlässlich von runden und halbrunden Geburtstagen in dem ihm eigenen Ton Hommagen zuteil werden zu lassen. Wenn diese gut gemeinten und meistens auch gut gemachten Texte eines verdeutlichen, dann dies: nur Ror Wolf selbst beherrscht den Ror-Wolf-Sound wirklich. Die hohe Musikalität seiner Sprache, am Jazz geschult, lässt sich nicht beliebig von dritter Hand reproduzieren. Wer Bix Beiderbecke, John Coltrane oder Charlie Mingus hört und dann zufällig noch schreiben kann, ist eben immer noch nicht Ror Wolf, selbst dann nicht, wenn er das in Mainz auf dem Kupferberg tun würde. Das gleiche Phänomen lässt sich im Bereich der Lyrik bei den scheinbar so einfach gefügten Gedichte von Robert Gernhardt beobachten.

Im Falle Wolfs darf man ungeachtet der Absurdität des Geschilderten nicht dem Fehlschluss unterliegen, es handele sich dabei bloß um angenehm zu konsumierende Humorschriftstellerei. Tatsächlich ist Ror Wolfs Prosa von Anbeginn (1957) ziemlich doppelbödig gewesen. Er, Wolf, ist ein präziser Beobachter des Alltags, und der ist bekanntlich keineswegs frei von absurden Geschehnissen, eigenartigen Zufällen und slapstickhaften Begebenheiten. Ror Wolf hat die Fähigkeiten, alltägliche Geschehnisse zum einen sprachlich stark zu verdichten und zum anderen künstlerisch so aufzuladen, das etwas ganz Eigenartiges entsteht. Das Gleiche gilt für den "heiligen Ernst" positivistischer Wissenschaftler jeglicher Couleur, die stilprägend für alle TRANCHIRER-Bände sind. Es ist eine riesige Leistung des Autors, diesen Ton im wahren Sinne des Wortes von "A bis Z" durchgehalten zu haben.

Ror-Wolf-Interessenten, die bisher noch kein Buch dieses Autors gelesen haben, empfehle ich, mit der Kurz- und Kürzestprosa zu beginnen. Dazu zählen namentlich die Bücher MEHRERE MÄNNER (1987), das hier rezensierte Werk sowie ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER 2007.

Wer zu RAOUL TRACHIRERS BEMERKUNGEN ÜBERE DIE STILLE aus dem Jahr 2005 greift, wird mit einem Band belohnt, der auf schwerem Kunstdruckpapier gedruckt und mit zahlreichen (farbigen) surrealistischen Collagen des Autors geschmückt ist. Das Buch ist allerdings "nur" als schwarzer Pappband gebunden, während ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER in blauem Leinen daher kommt. Ich halte beide Werke für ein sagenhafte Bücher, die ich deswegen auch schon x-mal verschenkt habe.

Ach ja: "Der Famingo ist der Flamingo, nichts Anderes."
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