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61 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Seine bisherigen Bücher machten den amerikanischen Professor für Neurowissenschaften, Psychologie und Neurologie zu einer Art Popstar der Gehirnforschung. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil seine Berichte aus dem kompliziertesten aller Netzwerke gar nicht so einfach zu verstehen sind. Zumindest wenn man wenig über den Aufbau und einige Besonderheiten des Gehirns weiß. Aber die Werke von Damasio wurden wohl auch deshalb in über 30 Sprachen übersetzt, weil er zu den ersten Neurologen gehört, die Laien die wundersame Welt der Gefühle näher brachte.

Von Gefühlen ist natürlich auch in seinem neusten Buch die Rede, dessen Originaltitel "Self Comes to Mind. Constructing the Conscious Brain" ziemlich unglücklich mit "Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins" übersetzt wurde. Unglücklich, weil viele Beweisführung und Modelle von Antonio Damasio auf der Annahme beruhen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das nur in der Gruppe überlebte. Damasio definiert denn auch gleich zu Beginn seines Buches das Selbst-als-Objekt "als dynamische Ansammlung integrierter neuronaler Prozesse, die sich auf die Repräsentation des lebenden Körpers konzentrieren und in einer dynamischen Ansammlung integrierter geistige Prozesse ihren Ausdruck findet." Wem diese Sprache zu kompliziert ist, wird auch auf den folgenden 300 Seiten Schwierigkeiten haben. Denn Damasio legt ein wissenschaftliches Buch vor, das längst nicht so elegant geschrieben ist, wie es die Kritiken auf der Rückseite des Covers vermuten lassen.

Ein Leser ohne großes Vorwissen kann auch mit dem Anhang beginnen, in dem der Autor auf 20 Seiten den Aufbau des Gehirns erstaunlich anschaulich erklärt. Oder er greift zuerst zu einem populärwissenschaftlichen Buch, das Laien in die Geheimnisse der Hirnforschung einweiht. So vorbereitet könnte er bestimmt nachvollziehen, warum Antonio Damasio darauf besteht, Emotionen und Gefühle klar zu unterscheiden. Und mit den wichtigsten Begriffen bereits vertraut, würde er schnell mit den Metaphern Freundschaft schließen, die Damasio verwendet, wenn er die Entwicklung des Geistes in Worte zu fassen versucht. Hat man einmal verstanden, wie neuronale Karten und Bilder entstehen, wird auch die Architektur für das Gedächtnis vorstellbarer.

Hätte das Buch ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, könnte man Sinnlücken leichter schließen. Zwar gibt sich Damasio größte Mühe, Fachausdrücke klar zu definieren, überschätzt aber das Faktengedächtnis, auf dessen begrenzte Verarbeitungskapazität er ironischerweise ebenfalls zu sprechen kommt. Trotz Vorwissen habe ich mir ein eigenes Glossar erstellt, um nicht dauernd im Register nachschlagen zu müssen, wo ein verwendeter Begriff bereits vorkommt.

Da es in diesem Buch primär um das menschliche Bewusstsein geht, ist auch vom autobiographischen Selbst, vom Unbewussten und von Schäden die Rede, die das Selbst beeinflussen. Und vom bewussten Willen, über den sich Antonio Damasio leider nur eine Seite lang äußert. Persönlich betroffen haben mich Damasios Ausführungen über die seltsame Situation von Kindern ohne Grosshirnrinde, da man auch bei meiner verstorbenen Tochter "Pachygyrie" diagnostizierte. Gefreut hat mich hingegen, dass Antonio Damasio die meisten meiner Annahmen bestätigt, auf denen die Modelle beruhen, die ich in meiner beruflichen Tätigkeit verwende.

Mein Fazit: Wenn ich das neuste Buch von Antonio Damasio mit fünf Sternen bewerte, bedeutet dies keineswegs, die gut 300 Seiten seien leichte Lesekost. Mit meiner Einschätzung möchte ich eher ausdrücken, dass der Autor Wesentliches zur Entstehung des Bewusstseins zu sagen hat, den aktuellen Forschungsstand wiedergibt, Spekulationen vermeidet, offene Fragen benennt und ein wissenschaftliches Buch verfasste, das auch interessierten Laien mit etwas Vorwissen verstehen können. Und wenn die Lektüre jemanden dazu ermuntert, weitere Bücher über das menschliche Gehirn zu lesen, hat sich der Kauf ebenfalls gelohnt. Schließlich lernt man bei dieser Beschäftigung auch viel über seine eigenen Verhaltensmuster und Persönlichkeitsmerkmale.
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58 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 24. Juli 2011
Antonio R. Damasio ist Neurowissenschaftler. Sein Thema ist das Gehirn, seine Funktion und die Auswirkungen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse auf das Menschenbild. Wer ein fundiertes Buch zu diesem Thema sucht, findet es hier. Die rund hundertsechzig enggeschriebenen Anmerkungen im Anhang und ein sehr detailliertes Sachregister unterstreichen auch den wissenschaftlichen Anspruch, dem das Buch genügen soll. Aber vorsicht! Ohne Grundkenntnisse des Aufbaues des menschlichen Gehirns und seiner Funktionen ist es für den Laien teilweise etwas harte Kost.

Hier ein paar Beispiele. (S. 157) "Eine Konvergenz-Divergenz-Zone (CDZ) ist eine Gruppe von Neuronen, in der sich viele Vorwärts-rückwärts-Schleifen treffen. Eine CDZ nimmt vorwärts gerichtete Verknüpfungen von sensorischen Rindenfeldern auf, die in der Signalverarbeitungskette eine frühere Position einnehmen." (S. 178) "Die Selbst-Funktion ist kein allwissender Homunculus, sondern innerhalb des virtuellen Musterprozesses, den wir Geist nennen, das emergente Ergebnis eines weiteren virtuellen Elements: eines erdachten Protagonisten für unsere geistigen Vorgänge." (S. 233) "Der Input aus den Assoziationsfeldern in Scheitel- und Schläfenlappen, Richrinde und Stirnlappen läuft in den PMCs zusammen, ebenso der Input aus dem Cortex cingulatus anterior (einem wichtigen Endpunkt von Axonen aus der Inselrinde), dem Claustrum, dem basalen Vorderhirn, der Amygdala, der prämotorischen Region und den Sehfeldern in den Stirnlappen."

Wer sich davon nicht abschrecken lässt oder den Mut hat, diese Passagen vorerst nur zu überfliegen und mit einem ungefähren Detailverständnis zufrieden ist, für den lohnt sich die Lektüre. Allerdings sollte er das Buch nicht von vorn bis hinten sequentiell lesen. Beginnen sollte er zwar mit dem Teil I (Neuanfang). Dort legt Damasio einige grundlegende Konzepte dar. Er erläutert verständlich, dass die Neuronen die Basis der Geistestätigkeit sind. Und er stellt die These auf (die er später auch begründet), dass alle Wertevorstellungen ihre Basis im sogenannten "biologischen Wert" haben. Ähnlich wie Richard Dawkins (Buch: Das egoistische Gen) sieht Damasio den Zweck des Lebens im individuellen Überleben des Lebewesens und der Weitergabe seiner Erbinformationen in die nächste Generation. Er leitet verständlich her, dass Emotionen und Gefühle Hinweise darauf sind, wie das innere Gleichgewicht des Körpers (physische Homöostase) aussieht.

Dann sollte man einen großen Sprung in das letzte Kapitel 11 (Leben mit Bewusstsein) wagen. Dort bietet Damasio eine Zusammenfassung seiner Erkenntnisse. Er begründet, warum sich Bewusstsein in der Evolution durchsetzen konnte, nämlich als ein bedeutsamer Beitrag zur erfolgreichen Lebenssteuerung. Als wesentliche Eigenschafft nennt er die Fähigkeiten Zukunftsszenarien zu erstellen, automatische Reaktionen mit Blick auf künftige Ereignisse hinauszuzögern und selbst auf Gutes zu verzichten, wenn die Zukunft Besseres verspricht. In weiteren Ausführungen des Kapitels verlässt der das Gebiet der Neurologie und stellt mögliche Konsequenzen für Ethik, Kultur und Zivilisation dar. Auf der letzten Seite (S. 311) schreibt er: "Und worin besteht das wertvollste Geschenk des Bewusstseins an die Menschheit? Vielleicht in der Fähigkeit, auf dem Meer unserer Fantasie in die Zukunft zu reisen und das Schiff namens Selbst in einen sicheren, produktiven Hafen zu lenken."

Jetzt ist man vielleicht besser motiviert zu ergründen, wie Damasio die Entstehung des Selbst und des Bewusstsein erklärt. Und man ist gewillt sich zu erarbeiten wie ein Protoselbst, ein Kern-Selbst und ein autobiographisches Selbst (Abb. 8.1; S. 194) entsteht und welche Funktionen dadurch bewältigt werden. Übrigens: Das Wort Seele kommt in dem Buch nicht vor. Sie existiert auch für Damasio - wie für viele andere Neurowissenschaftler - nicht. Gläubige Menschen werden daher vielleicht von Damasions Erkenntnissen und Folgerungen enttäuscht sein. Denn Religionen sind für ihn auch nur das Ergebnis der Evolution, die der Lebensbewältigung helfen sollen.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 6. Februar 2013
Mir diente "Selbst ist der Mensch" als wichtige Literaturgrundlage für eine Diplomarbeit. Deshalb habe ich es sorgfältig und wohl mehr als zweimal gelesen. Das war auch erforderlich, um die naturwisschaftlichen Zusammenhänge nachvollziehen und die Überlegungen des Autors hinterfragen zu können.

Den inhaltlich umfassenden Rezensionen möchte ich nichts mehr hinzufügen sondern hier nur beschreiben, was mir besonders gefallen hat:

Dem Autor gelingt es, Brücken zu schlagen zwischen subjektivem Erleben, seinen mitfühlenden Beobachtungen als Arzt und den mittlerweile sehr umfangreichen Ergebnissen aus der neurobiologischen Forschung. Wie im amerikanischen Titel "Constructing the conscious brain" durchklingt, ist er sich der erkenntnistheoretisch bedingten Grenzen naturwissenschaftlich begründeter Aussagen bewusst - gerade wenn es sich um das Selbstverständnis des Menschen handelt. So interpretiere ich auch den deutschen Titel "Selbst ist der Mensch", den ich ergänzen könnte durch: und alles, was er über sich denkt.

Unter dieser Voraussetzung kann ich die Inhalte des Buches an meiner eigenen Wahrnehmung und Erkenntnis prüfen. Auch deshalb, weil Antonio Damasio klar unterscheidet zwischen Forschungsergebnissen und Hypothesen, die als Grundlage weiterer Forschungsprojekte dienen - eine kostbare Seltenheit in der populärwissenschaftlichen Literatur.
Dazu kommt, dass er sich die Mühe macht, Begriffe wie Bewusstsein, Selbst, Emotionen und Gefühle aus seiner Perspektive der Neurowissenschaft zu definieren. Er lässt damit Bereiche, die über diesen Horizont hinausreichen, frei für individuelle Assoziationen - für mich zur Gestalttherapie oder zur Psychologie C.G. Jungs.

Ich wünsche mir mehr Bücher dieseser Art, die im wahrsten Sinne des Wortes zur Aufklärung beitragen und zum fruchtbaren Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen der Humanwissenschaft.
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25 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 24. Juli 2011
Zuerst ein par Worte zum Buch selbst:

Es besitzt ein Hartcover mit einem Papiereinband, welches lose um das Buch gelegt wird. Wer wert darauf legt, dass das Papierstück unversehrt bleibt, sollte es lieber abnehmen, meines ist nach dem Lesen (und immer wieder z.B. einfach in den Rucksack werfen) doch schon sehr mitgenommen.
Die Schrift ist ausreichend groß, aber auch nicht zu groß, in meinem Exemplar sind die Bilder hervorragend gedruckt, wenn auch leider nicht in Farbe. Die Seiten sind angenehm dick und stabil.
Größter Pluspunkt ist für mich, dass obwohl es sich um eine Erstauflage handelt, mir keine störenden Rechtschreibfehler aufgefallen sind, welche den Lesefluss beeinträchtigen.
Der höhere Preis (gegenüber eines Taschenbuchs) ist durchaus gerechtfertigt.

Zum Inhalt und Schreibstil:

Ich las dieses Buch direkt im Anschluss an "Descartes' Irrtum" (ebenfalls von A. Damasio). Dabei stellte ich fest, dass es um Welten besser zu lesen war. Das durchaus schwierige Thema wird (meiner Meinung nach) gut aufbereitet und dargestellt. Damasio reitet dabei natürlich auf "seinen" somatischen Markern herum, geht aber auch auf viele andere Theorien und Meinungen zur Bewusstseinsbildung ein, vorbildlich.
Die größte Schwierigkeit beim lesen, stellt meiner Meinung nach die Hirnanatomie dar, welche aber für jemanden der sich in diesem Bereich nicht so gut auskennt, hervorragend im Anhang kurz Zusammengefasst wird. Leider werden in dieser Zusammenfassung viele Wörter gebraucht, welche im Buch selbst erklärt werden, weshalb es schwierig ist den Anhang vor dem eigentlichen Buch zu lesen, ich würde es aber trotzdem jedem Laien (zu denen ich mich selbst zähle, leider habe ich den Anhang aber erst zum Schluss gelesen) empfehlen.

Schön finde ich, dass dem leser die Theorienbildung Stück für Stück vor Augen geführt wird, man es also gut nachvollziehen kann, was Damasio eigentlich sagen möchte. Dabei gibt er immer auch die zugrundeliegenden Definitionen und vorallem Definitonsbildung an. Sein postulierter Aufbau des Bewusstseins ist eingänglich und erscheint (zumindest mir) sinnvoll, wobei er auch Fragen zum Bewusstsein von Tieren (seien es höhere oder niedere) erklären würde. Auch der evolutionäre Aspekt ist damit erklärbar, also sagt Damasio nicht nur WAS das Bewusstsein ist, sondern auch WIE es entstehen konnte und damit auch WO es im Gehirn lokalisiert ist.

Das Buch ist definitiv kein Buch zum mal eben weglesen, genauso sollte der Leser ein gewisses Vorwissen in diesem Themenkomplex besitzen. Wer sich jedoch für das menschliche Bewusstsein und seine Entstehung auf neuronaler Ebene interessiert, der wird mit diesen Buch sicher zufrieden sein. Über die Richtigkeit und Aktualität der dargestellten Sachverhalte mag ich mir kein Urteil bilden, da ich mich dafür nicht genug auskenne, es wird aber zumindest alles plausibel und verständlich, sowie mit Verweisen auf Forschungsergebnisse, erläutert. Nebenbei gesagt erhebt auch Damasio selbst keinen Anspruch auf Richtigkeit seiner Theorien, was auch verständlich ist wenn man bedenkt wie wenig wir bisher wissen.

Abschließend kann ich sagen, dass das Buch auf jedenfall lesenwert ist, es hat mir viel gebracht.
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14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Wer sich auf dieses Buch einläßt, sollte etwas an Vorwissen mitbringen. Ist dieses da, kann dieses Werk sehr erhellend für den Leser sein.

Jeder von uns will wissen was in verschiedensten Situationen in seinem Gehirn vorgeht. Dieses Buch würde noch viel mehr Leser finden, wenn das wissenschaftliche Niveau nicht heruntergeschraubt worden wäre, sondern wenn jemand Damasio dabei geholfen hätte, für Laien verständlicher zu schreiben. So muss man sich mächtig in den Lesestoff hineinknien um inhaltlich folgen zu können.

I. Neuanfang

II. Was im Gehirn könnte der Geist sein?

III. Bewusst sein

IV. Bewusstsein und seine Folgen

sind die großen Themenschwerpunkte von Antonio Damasio. Immer wieder fragt der Autor "Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein?" oder auch "Wie baut das Gehirn einen Geist auf?"

Was setze ich eigentlich in meinem Gehirn an Prozessen in Bewegung wenn ich voller Bewunderung, Trauer oder Wut bin? Komischerweise, so Damasio, zeigt das Gehirn dabei keine großen Unterschiede, dafür jedoch umso mehr wenn es um die Reize geht, die die Gefühle hervorrufen.

Mit erzählerischem Geschick verbindet der Autor die Millionen von Jahren zurückliegende Entstehung des menschlichen Bewusstseins mit den Fortschritten in der heutigen neurobiologischen Erforschung des bewussten Geistes. Dies gibt diesem Buch den verdienten Charakter eines soliden Standartwerkes.

Ein für den Nichtfachmann nicht einfach zu lesendes, aber dennoch sehr lohnendes Buch!
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am 30. Juni 2014
Eine in der FAZ erschienene, am Schwarzen Brett aushängende Rezension weckte mein Interesse: Was ist das für ein Buch, gegen das das gesamte Arsenal massiver Argumente klassischer Philosophie ins Feld geführt wird?
Gelegentlich erinnert mich Damasio mit seinen Erklärungen der Zusammenhänge an den freigelassenen Gefangenen aus Platons Höhlengleichnis, dessen Schilderung von seinen, weiterhin auf die Schatten der Höhle fixierten Mitgefangenen in Abrede gestellt wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf - auch bei Damasio steht das differenzierte „Erklären“ gegen ein diffuses „Verstehen“.
Mein Eindruck: Das Buch ist sicher nicht für Philosophen geschrieben, die sich unter neurobiologischen Erklärungsversuchen von „Geist“ allenfalls einen Homunkulus im Kopf vorstellen können oder an Zombie-Experimente denken müssen.
Es ist nicht für Leser gedacht, die mechanistische Vorstellungen und rein begriffliches Denken bevorzugen, nur weil sie systemtheoretische Ansätze – von Bunge, über Maturana oder von Förster bis Luhmann - nicht akzeptieren wollen.
Mir hat das Buch sehr gefallen; allerdings würde ich ergänzend auf die m. E. besser lesbareren Bücher des kürzlich verstorbenen Gerald Edelman verweisen, um die neurologischen Sachverhalte im Zusammenhang mit der „Kartierung“ von Eindrücken anschaulicher nachvollziehen zu können.
Beide – Damasio und Edelman - verwenden den Begriff „Karten“ als Bezeichnung für Systeme, d.h. dynamische neuronale Muster im Gehirn, die sich durch rückgekoppelte Verbindungen zu vergleichbaren Mustern in anderen Gehirn-Regionen auszeichnen; Rückkopplung führt zu dynamischen Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen, die sich dem linearen Denken nicht erschließen. Sie stehen für die Repräsentation von Zuständen des Körpers und seiner Situation in der Umwelt.
Dieser, mit statischen Assoziationen verbundene Begriff „Karte“ scheint der eigentliche Ansatzpunkt für die Kritik der Skeptiker zu sein, weil sie – auch heute noch - an mechanistische Modelle im Sinne Descartes denken.
Die Stärken des Buches sind gleichzeitig echte Schwächen: Damasio versucht, seine Vorstellungen der Zusammenhänge von Gehirn und Körper, von Geist und Leib mit Hilfe von Modellen und Metaphern in der Alltagssprache zu verdeutlichen und mit fachlichen Details zu vertiefen; dadurch wird er gelegentlich ausschweifend und angesichts der Faktenfülle unverständlich.
Irgendwie scheint Damasio selbst Angst vor der eigenen Courage zu haben, wenn er nicht ganz eindeutig von „Geist“ – fast schon im idealistischen Sinne - spricht, so als handele es sich um eine eigenständige Entität.
Dann hilft oft nur selektives Lesen und Überspringen von Details, um sich auf den Sinn der Ausführungen konzentrieren zu können.
Und dieser Sinn ist allemal die Beschäftigung wert: Mit den Begriffen „Lebenssteuerung“ und „Homöostase“ bringt Damasio nicht nur Aspekte der individuellen Lebewesen zur Sprache, die die globale Gattungs-Perspektive der Evolutionstheorie ergänzen, sondern er schafft auch eine Verbindung von Proto-Werten zu menschlichen Wertvorstellungen. Damit wird deutlich, wo für den Autor die Wurzeln menschlicher Ethik und Moral liegen.
Gleichzeitig werden dadurch menschliche Alleinstellungsmerkmale in Frage gestellt – zumindest wie sie von einer gewissen Tradition vertreten werden.
Denen kann dieses Buch nicht gefallen – sollte ihnen aber Anlass geben, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, wenn sie den Paradigmenwechsel und die weitere Entwicklung nicht verpassen wollen …
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. August 2013
Ich kann die meisten der hier vorliegenden Rezensionen, die das Buch hoch loben, durchaus verstehen und weitgehend unterstützen. Doch bin ich nicht bei allen Rezensionen sicher, dass sich der Rezensent die Mühe gemacht hat, alle möglichen Unverständlichkeiten im Buch zu durchleuchten.

Das Buch leidet an zwei Problemen. Das erste ist dem Autor geschuldet, das zweite dem Übersetzer. Der Autor scheint kein Freund klarer Definitionen und knapper Formulierungen zu sein. Lieber erläutert er wortreich auf vielen Seiten und mit viel Redundanz, was er meint, als eine knappe, klare Definition eines Begriffs zu geben. Das mag für manche Leser angenehmer sein, gibt einem aber, wenn man den Autor wirklich genau verstehen will, häufig das Gefühl der Unsicherheit. Was hat er nun wirklich gemeint? Man sieht sich gezwungen, wieder zurückzublättern, ob man vielleicht etwas überlesen hat. So verwendet er mit großer Häufigkeit den Begriff "Geist", ohne dass ein einziges Mal wirklich definiert wird, was Geist eigentlich ist.

Das zweite Problem ist die Übersetzung. Dabei ist das Buch nach normalen Begriffen nicht schlecht übersetzt. Das Buch stellt aber an den Leser hohe Ansprüche, und damit auch an den Übersetzer. Immer wieder stößt man auf Sätze, die offenbar unlogisch sind. Man denkt darüber nach, was denn gemeint sein könnte und häufig genug kommt man beim Rückübersetzen ins Englische auf den Sinn des Satzes, der aber offenbar vom Übersetzer nicht genau verstanden wurde. Dann entstehen falsche syntaktische Beziehungen, die den Sinn des Satzes verändern oder falsche Worte für Begriffe, die den Leser stutzen lassen.

Vielleicht sind meine Probleme für medizinisch, psychologisch und philosophisch hochgebildete Leser nur Randprobleme, über die sie mit Leichtigkeit hinweggehen. Ich für meinen Teil als einigermaßen normal gebildeter Westeuropäer bin bei der Lektüre zu den eigentlichen philosophischen Problemen überhaupt noch nicht gekommen, weil ich erst einmal mit dem gründlichen Verständnis der Thesen des Autors beschäftigt bin. Zu psychologischen Fragen allerdings hat das Buch mir schon wesentliche Erkenntnisse gegeben.

Das Buch ist ein wichtiges Buch und ein gutes Buch, vielleicht sollte man es sich wirklich nicht in der deutschen Übersetzung, sondern in der englischen Originalfassung zu Gemüte führen, so man dazu in der Lage ist.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
"Meine Seele ist ein verborgenes Orchester; ich weiß nicht, welche Instrumente, Geigen und Harfen, Pauken und Trommeln, es in mir spielen und dröhnen lässt. Ich kenne mich nur als Symphonie."
Diese Worte schrieb der große portugiesische Melancholiker Fernando Pessoa in seinem "Buch der Unruhe". Wohl nicht allein, weil die genetischen Wurzeln Antonio Damasios in Portugal liegen, hat ihn der amerikanische Professor für Neurowissenschaften, Psychologie und Neurologie seinem Werk vorangestellt, sondern weil dieser Satz so überaus zutreffend das ganze von ihm behandelte Thema erfasst. Damasio wirft einen Blick hinter die Kulissen. Ihn interessieren gerade die verborgenen "Einzelkämpfer" im Großen und Ganzen, ohne die wir nicht wären, was wir heute sind, weil sie gerade jenes Etwas hervorbringen, das wir so trivial Bewusstsein nennen. Für den Wissenschaftler ist die getrennte Betrachtung der verschiedenen Teile des Bewusstseinspuzzle und deren angemessene Würdigung Grundvoraussetzung für den Versuch, eine umfassende Beschreibung zu formulieren.

Damasio, dessen Bücher "Descartes' Irrtum" oder "Ich fühle, also bin ich" bereits zu Bestsellern avancierten und in über 30 Sprachen übersetzt wurden, nimmt sich mit Verve dieses komplexen und schwer greifbaren Themas an. "Wir alle haben freien Zugang zu unserem Bewusstsein. Es perlt in unserem Kopf so leicht und reichlich, dass wir es ohne jedes Zögern und ohne Besorgnis jeden Abend nach dem Zubettgehen abschalten lassen, und wenn am Morgen der Wecker klingelt, lassen wir es wiederkehren - mindestens 365-mal im Jahr, Nickerchen nicht mitgerechnet. Und doch ist kaum etwas anderes an unserem Dasein so bemerkenswert, grundlegend und scheinbar rätselhaft wie das Bewusstsein." Was erzeugt die unzähligen in unserem Geist aufscheinenden Inhalte? Wer ordnet und bändigt sie? Ist es möglich, die unsichtbaren Fäden aufzuspüren, die diese Inhalte zu jenem bunten, reichen, quirligen Etwas verbinden, das wir Selbst nennen? Warum fühlen wir diese Komposition sogar?

Letztendlich bilden jedoch zwei Fragen das Grundgerüst des vorliegenden Buches. Erstens: Wie baut das Gehirn einen Geist auf? Und zweitens: Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein? Deren Beantwortung wird - das sei vorab erwähnt - trotz immer weiter fortschreitender Erkenntnisse in der Bewusstseinsforschung - auch Antonio Damasio nicht gelingen. Dennoch gleicht sein "Gang durch ein Minenfeld" keineswegs einem Ausflug auf zu dünnem Eis. Nicht um das starre Behaupten eigener Sichtweisen geht es dem Hirnforscher, sondern "mithilfe der vorhandenen Kenntnisse, so unvollständig und vorläufig sie auch sein mögen, überprüfbare Vermutungen anzustellen und von der Zukunft zu träumen." Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Strukturen im Gehirn des Menschen erforderlich sind und wie es arbeiten muss, damit ein bewusster Geist entstehen kann. Seine Hypothese einer komplexen möglichen Architektur des Gedächtnisses, bei der ein "Gehirnraum" Erlebnisse kartiert und bewusst wahrnehmbare, geistige Bilder produziert, ein anderer hingegen Formeln speichert, nach denen die Gedächtniskarten "retroaktiviert" werden können, erscheint verständlich und nachvollziehbar. Gerade Untersuchungen mit Hirnverletzten/-geschädigten legen die Vermutung nahe, dass eine derartige Dual-Kooperation möglich scheint.

Bei seiner Annäherung an den bewussten Geist misst Damasio vor allem dem Selbst eine besondere Rolle bei. Seiner Überzeugung nach entsteht ein bewusster Geist erst dann, wenn zu grundlegenden geistigen Vorgängen ein Selbst-Prozess hinzukommt. "Taucht in einem Geist kein Selbst auf, ist er auch nicht im eigentlichen Sinn bewusst. In dieser missliche Lage befinden sich Menschen, deren Selbst-Prozess durch traumlosen Schlaf, Anästhesie oder eine Erkrankung des Gehirns außer Kraft gesetzt ist." Nur wie definiert man dieses Selbst? Ist es immer vorhanden, wenn wir bei Bewusstsein sind, oder nicht? Antonio Damasio beantwortet diese Frage mit einem klaren "Ja". Allerdings spürt man es nicht immer. Unstrittig ist für ihn allerdings seine allzeit präsente Fühlbarkeit. Diesen Emotionen und Gefühlen widmet sich der Neurologe gleichfalls in großem Umfang. "Sie sind die emotionsbasierten Signale, die ich als somatische Marker bezeichne."

Damasio versteht es, auf unkonventionelle Art und Weise zu begeistern und trotz seines schwierigen Sujets mitzureißen. Er spannt einen überaus großen Bogen von der Gehirn-Biologie bis hin zur menschlichen Kulturgeschichte. Ein gewisses neurologisches Grundverständnis sollte der Leser allerdings mitbringen. Auch wenn Aufbau und Arbeitsweise unseres "Denkapparates" im Anhang gut erläutert werden, erweist sich der behandelte Stoff als überaus komplex und zuweilen in seiner Terminologie recht fachspezifisch. Allerdings lohnt sich diese Mühe unbedingt. Zu verstehen, wie das Gehirn den "Protagonisten" erzeugt, den wir mit uns herumtragen und als Selbst oder Ich bezeichnen, ist ein überaus spannendes Unterfangen. Und auch wenn man nach der Lektüre - um noch einmal das Eingangszitat von Fernando Pessoa heranzuziehen - immer noch nicht in der Lage ist, jede Nuance von Geigen, Harfen, Pauken und Trommeln auseinanderzuhalten, dem Verständnis einer "Symphonie von Mahler'schen Proportionen", als der unser Geist von Antonio Damasio bezeichnet wird, ist man trotzdem ein klitzekleines bisschen näher gekommen. Und das, ganz ohne den fühlbaren Genuss eingebüßt zu haben.
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am 3. Januar 2015
Das Thema verspricht Interessantes, aber das Buch ist für einen Laien (auch mit gründlicher naturwissenschaftlicher Vorbildung) m.E. nicht wirklich lesbar. (Derzeit habe ich es mühsam bis auf Seite 39 geschafft. Vermutlich haben Autor und Übersetzer ihren Anteil daran:
Schlüsselbegriffe werden nicht eingeführt und definiert, sondern umständlich umschrieben. Nach fast 40 Seiten könnte ich eigentlich noch immer nicht präzise sagen, was der Unterschied zwischen Selbst, Geist und Bewußtsein ist. Ich habe gerade so viel Ahnung davon bekommen, dass ich dem Buch halbwegs folgen kann, aber klar definiert wurden diese Begriffe nicht.
"Biologischer Wert" ist ein weiteres Beispiel. Der Leser erhält eine Ahnung davon, was der Autor eventuell meinen könnte, mehr nicht.
Der gleiche Begriff wird in ein und demselben Absatz in zwei grundverschiedenen Bedeutungen verwendet (z.B. "Kern" als Hirn-Areal und als Selbst-Organisationsebene).
Logik, v. a. sprachliche Logik ist die Sache dieses Buches nicht. "Weder die einfachen noch die robusten Ebenen des Selbst laufen in irgendeinem... Areal des Gehirns ab." Was ist bitte eine robuste Ebene? Und laufen Ebenen ab?
Solche Beispiele gibt es zuhauf, ich kann so etwas nicht flüssig lesen.
Wo waren da eigentlich die Lektoren?
Möglicherweise wurde das Buch sehr schnell übersetzt, der Übersetzer (der ja gut bekannt ist und viel Populärwissenschaftliches aus der Biologie übersetzt) hatte sichtlich seine Mühe und hat bestimmt geflucht.
Der Leser flucht auch.
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am 10. Juni 2014
Ich habe aufgegeben: viel zu viel Theorie, auf Beispiele wartet man vergebens. Außer vielleicht ein Paar am Anfang. Vielleicht für Neuropsychiater?
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