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194 von 210 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie unser Denken funktioniert
Kahnemann stellt im Buch die Frage, wie Menschen heute Entscheidungen treffen und welchen Irrtümern und Fehleinschätzungen sie dabei unterliegen. Er geht dabei von einem Zusammenspiel zweier Denk-Systeme aus: einem schnellen, intuitiven, dass häufig zu falschen Entscheidungen führt, und einem zweiten, analytischerem , dass wir erschütternd oft...
Veröffentlicht am 23. Mai 2012 von Falk Müller

versus
92 von 105 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kahnemanns Lieblingskritiker behauptet, daß dieses Buch nur Verwirrung stiftet
Der prominenteste und erklärteste Kritiker Kahnemanns ist Gerd Gigerenzer, Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Gigerenzer, wie Kahnemann Psychologe, hat sich mit Forschungen zum heuristischen Denken und Entscheidungen bei Risiken und Unsicherheiten einen Namen gemacht und mit einer...
Vor 23 Monaten von Benedictu veröffentlicht


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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pflichtlektüre, 30. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
must-have-and-read für alle, die selbst (regelmäßig) verantwortlich Entscheidungen zu treffen haben und vor allem für alle, die Urteile über andere Menschen fällen: Chefs, Personaler, Dozenten/Ausbilder, Lehrer etc. (generisch-maskuliner Plural!). Wer aber grundsätzlich nicht bereit ist, in sich zu gehen und sich selbst zu hinterfragen, wie oft er/sie genau die "Fehler" bereits gemacht hat und noch macht, wird das Buch nicht in seiner phänomenalen Wucht verstehen ...
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unsere täglichen Denkfehler, einfach und überzeugend dargestellt, 6. April 2013
Von 
Dr. Volker Hoeper "Asmodino" (Schortens, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Kahnemann, Daniel

Dieses Buch ändert das Denken. Es fängt ganz simpel an mit fast primitiv zu nennenden Fragen und Wetten um einige Dollar. Daraus entwickelt sich eine Theorie über das Denken.
Der Leser wird in diesen Prozess eingebunden, indem er zum Beispiel typische Fragen beantworten soll oder sich für Wetten entscheiden kann. Der Leser entscheidet sich fast genau wie die Mehrheit der Befragten, also sehr häufig, falsch. Auf diese Weise wird das Denken in seinem Ablauf analysiert und in zwei Ebenen angesiedelt. System 1 und System 2.
Das System 1 ist das intuitive, spontane System, was sehr schnell entscheidet ohne groß nachzudenken und ohne Analyse der Situation. Es entscheidet spontan, wie man sagt intuitiv aus dem Bauch heraus.Es greift auf vermeintliche (auch verfälschte) Erfahrungen und Eindrücke zurück. Dieses System regiert unseren Alltag. Ohne dieses System könnten wir nicht leben. Denn wenn wir bei jeder Entscheidung das analytische, anstrengende, tief nachdenkende, systematisch arbeitende System 2 bemühen müssten, würden wir uns verzetteln und erschöpfen. Wir könnten bei der Vielzahl der täglichen Entscheidungen unseren Alltag nicht richtig auf die Reihe bringen. Jeder kennt das, wenn er zum Beispiel einmal auf gerader Strecke Auto fährt und plötzlich feststellt, dass er ein weites Stück einfach so gefahren ist, ohne sich dessen im Einzelnen bewusst zu sein. System 1 hat gesteuert.
Jeder kennt jedoch auch die Mär vom "ersten Eindruck" über einen Menschen, der angeblich entscheidend sein soll. Dieser erste Eindruck geht allein von einem oder von zwei Merkmalen des neuen Unbekannten aus und ist ohne Wert, da er nichts über hunderte andere Charaktereigenschaften aussagt. Wenige Merkmale werden für die Gesamtheit gewertet. Ein System 1 Fehler, dem wir alle täglich unbewusst erliegen.

Aber, dieses System 1 handelt zu 98 % absolut richtig und ist unerlässlich für das tägliche Leben. Es ist allerdings wie oben gezeigt fehleranfällig und macht immer wieder die gleichen typischen, fatalen Fehler. Diese typischen Fehler deckt der Autor auf. Sie können uns schon erheblich schaden, z.b. bei Entscheidungen über Sparpläne, Rentenvorsorge, Geldanlagen, Verwaltung von Besitz, teure Anschaffungen, Wahl von Geschäftspartnern, Eingehen von Beziehungen usw.
Die Theorie gelangt zur Ökonomie, zu raffinierten Verhandlungstaktiken, zur (auch falschen) Entscheidungen in der Wirtschaft, sowieso zur Politik. Einzelheiten können hier nicht berichtet werden. Dafür ist das alles zu umfangreich aber insgesamt erstaunlich und erschreckend einfach.

Diese vielen Fehler, die wir alle fast ohne Ausnahme machen, werden dem Leser bewusst gemacht. Einiges hat man schon geahnt und irgendwie gefühlt, aber hier wird es gemessen und bewiesen. Ohne Zweifel denkt der Leser nach der Lektüre dieses Buches kritischer, er analysiert mehr, er bemüht die Statistik, auch wenn es anstrengend ist. Auf jeden Fall kennt er die Denkfallen und kann versuchen, sie zu vermeiden.
Der Leser erfährt wie Produkte verkauft werden, wie man in das Gehirn des Verbrauchers hinein kommt. Man sieht, warum wir zu gewissen Produkten greifen. Wir sind gelenkt. Das ist nicht unbedingt neu, wird vom Autor einfach und überzeugend dargestellt

Das Buch endet in den Konsequenzen für die Sozialpolitik der Staaten. Die Erkenntnisse zeigen, dass der schwache Bürger geschützt werden muss vor Gefahren der Krankheit und den Widrigkeiten des Alters, weil er eben infolge dieser Fehleinschätzungen seiner Lebenssituationen immer wieder falsch urteilt. Hier sollte der Starke dem Schwachem in gewissem Umfang helfen, so Kahnemanns Erkenntnis.
Das ist für Amerikaner natürlich etwas Neues. Das Land ist auf Grund seiner Geschichte der Auffassung, jeder Mensch hat die Freiheit über sich selbst, auch die, sich selbst nachhaltig zu schädigen. Jeder Mensch hat die Freiheit alles verkehrt zu machen und in Armut und Elend zu enden.
Die Erkenntnisse des Autors weisen jedoch einen anderen Weg, den Weg einer gewissen, wenn auch nicht unbegrenzten, Verantwortung für die Schwachen und Gescheiterten.

Eine erkenntnisreiches, sehr gut zu lesendes Buch.
Gelesen wurde die qualitativ gute englische Kindle-Version.
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelehrt (teilweise), geschwätzig (gelegentlich), 24. Juni 2012
Von 
Grüner Baum - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Das Buch des Psychologen und Nobelpreisträgers für Wirtschaftwissenschaften behandelt die von ihm über Jahrzehnte erforschten Bereiche von Urteilsfehler von Menschen und kognitiven Verzerrungen. Anhand zahlreicher Experimente beschreibt er recht illustrativ und illuster welche Fehler Menschen machen, wenn sie Situationen analysieren sollen, Urteile fällen oder Erwartungen bilden. Ein (verkürztes) Beispiel: Personen sollen beurteilen, ob eine eher als etwas vergeistigt, literarisch interessierte, politisch linke Person Bibiliothekar/in oder Bankangestellte/r ist. Aufgrund der Klischeevorstellungen für beide Berufsgruppen vermuten die meisten Personen die erstere Möglichkeit und übersehen dabei, dass es viel mehr Bankangstellte als Bibliothekare gibt, so dass die prinzipielle Wahrscheinlich für eine/n Bankangestellte viel höher ist.

Kahnemann beschreibt die einzelnen Phänomene sehr locker und gut lesbar (nur gelegentlich mangelt es mal in der Präzision der Beschreibung der komplizierten Versuchsardnungen). Dem an Psychologie interessierten Lesern werden relativ leicht zugänglich und fern der Fachsprache (die bloß ganz punktuell, dann aber leider nicht wirklich erklärt auftaucht) interessante Fakten der Kognitionsforschung nahegebracht, die zu wissen für einen aufgeklärten Menschen absolut lohnenswert ist. Es weitet das Verständnis des Menschen, seiner Mitmenschen und politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen.

Das epochale Werk, zu dem es in manch Medien hochstilisiert wurde, ist es aber sicher nicht. Dazu ist es konzeptuell zu schwach. Als einzige Konzeption hinter den vielen Befunden führt Kahnemann eine 'System 1' ein, das in etwa mit dem unbewußten Denken gleichgesetzt werden kann und schnell, rein assoziativ und selbstbezogen arbeiten, und ein 'System 2', das eher dem bewußten Denken entspricht, etwas langsamer ist, aber regelorientierter und rationaler. Viele der beschriebenen Fehler begründet er damit, dass System 1 sie macht und von System 2 zu spät oder nicht ausreichend korrigiert wird. Die Beschreibung der beiden Systeme ist aber sowohl in ihrer Struktur als auch in ihrer Funktionsweise höchst oberflächlich und simpel und dadurch in Extremfällen auch mal falsch. Kahneman ist ein hervorragender Experimentator, aber er ist ein schwacher Theoretiker. Der an Aufklärung interessierte Leser erhält so viele interessante Fakten und Aspekte über den Menschen, seine Wahrnehmung und Einheiten seines Denkens, aber er bekommt kein größeres, kohärentes Bild davon, kein wirkliches Verständnis. Bildhaft könnte man es mit einem Reisebericht aus einem fremden Land beschreiben, der in vielen interessanten Geschichten Episoden und Details aus dem dortigen politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Leben erzählt, so dass man ein anschaulisches Bild davon bekommt (oder zu bekommen scheint), aber letzen Endes nicht sagen kann, wie das politische System in dem Land eigentlich organisiert ist (wer ist die Regierung, wie wird sie gebildet, welche Entscheidungsorgane gibt es, etc...).

Evtl. hat Kahneman das bewusst gemacht, denn diese konzeptuellere Sichtweise ist die etwas kompliziertere und das Buch ist offensichtlich nicht als Fachbuch, sondern für den breiten Markt geschrieben, für den es in der vorliegenden Form zugänglicher ist. Man hat aber ein bisschen den Verdacht, dass er in diesem Bereich einfach weniger kompetent ist. Oder er hat sich vor der schweren Arbeit gedrückt, auch konzeptuelle Überlegungen in eine anschauliche Sprache zu packen. Das geht, ist aber anstrengend.

Jenseits des Inhalts stört, dass es unnötig langatmig und geschwätzig ist. Man hätte den Inhalt locker in der Hälfte der Seiten zusammenfassen können. Auch stören die immer wieder auftauchenden Gelehrten-Allüren, wenn er in blumigen Worten beschreibt, mit welche gelehrten Menschen er so zu tun hat.

Fazit: Ein gut lesbares, interessantes Buch mit wertvollen Informationen, von dem man Anregungen und die ein oder andere Erhellung erwarten kann. Den Weg zu einem stabilen, erweiterten Verständnis menschlicher Psyche und Denken muss man sich aber noch anderswo holen.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geht so, 17. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Auch wenn Herr Kahnemann Nobelpreisträger ist, oder vielleicht weil er Nobelpreisträger ist, muss man von ihm mehr erwarten. Er schreibt natürlich richtiges und wichtiges, dennoch schreibt er es tatsächlich zu langatmig und im Grunde handelt es sich um wissenschaftliche Allgemeinplätze. Das manches handeln aus dem Bauch heraus passiert, oder wie er es formuliert über System 1 und manches stärker überdacht wird, System 2, weiß der Ökonomiestudent spätestens nach der Einführung in die Mikroökonomie oder dem Marketing. Also: ein schönes, aber nicht wirklich notwendiges Buch.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geniales Alterswerk: Für alle, die ihre Entscheidungen optimieren wollen!, 8. August 2012
Von 
Prof Dr Olaf-Axel Burow "oaburow" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Zugegeben: Die zentrale Botschaft, die uns der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Kahnemann mit seinem brilliant geschriebenen Bestseller nahebringen möchte, ist wenig schmeichelhaft: Der größte Teil unserer Entscheidungen leidet unter unserer Neigung, intellektuelle Anstrengungen ' wenn möglich ' zu vermeiden. Und da diese Neigung zur 'geistigen Faulheit' nicht nur uns normal Sterbliche auszeichnet, sondern auch hochgeschätzte Experten und Führungspersönlichkeiten betrifft ' wie er an vielen Beispielen belegt -, hat sie bisweilen fatale Folgen, denn sie kann zu dramatischen Wahrnehmungsverzerrungen und Fehlurteilen führen.

Nach Kahnemann urteilen wir ' evolutionsmäßig programmiert aus Gründen der Energieersparnis- überwiegend nach den Eingebungen unserer Intuitionen, die in vielen Fällen äußerst effizient und schnell für klare Orientierung sorgen ' aber leider nicht in allen. 'Schnelles Denken' kann in komplexen und unüberschaubaren Umgebungen zu katastrophalen Fehlurteilen führen, wie Kahnemann in 40 Kapiteln ausführt. Jeweils ausgehend von einem Urteilsproblem beschreibt er anhand anschaulicher und zum Teil faszinierender Experimente aber auch aufgrund der Analyse von Alltagssituationen, wie wir alle gefährdet sind, etwa der 'Kompetenzillusion' zu unterliegen. Bisweilen etwas langatmig, doch immer leserfreundlich und verständlich, führt er uns systematisch durch eine Vielzahl von Urteilsverzerrungen, die mit Begriffen wie 'Verstehens-, Gültigkeits- und Kompetenzillusion' versieht. Wer diese Beispiele gelesen hat, wird seinem eigenen Urteil und dem von Experten sehr viel kritischer gegenüberstehen, aber auch viele Hinweise erhalten, wie er seine eigene Urteilsqualität deutlich verbessern kann. Dass dies in einem durch und durch wissenschaftlichen Buch möglich ist, liegt auch daran, dass hier die Altersweisheit des 78-jährigen genialen Wissenschaftlers einfließt, der es versteht, komplizierte Problem durch Anekdoten und humoristisch-ironische Einlagen lesbar zu machen.

Und das ist eine besondere Leistung, wie jeder weis, der sich mal bemüht hat, Statistik zu verstehen. Die meisten von uns steigen dann schnell aus, erliegen einer intuitiven Abneigung gegen komplizierte Formeln und schwer verständliche Tabellen und das hat seinen Grund: Unser Gehirn ist nicht auf die Verarbeitung von statistischen Daten und Formeln optimiert ' mit verhängnisvollen Folgen etwa in Medizin und im Rechtswesen, wo Fehlurteile häufiger als wir es vermuten, die Regel und nicht die seltene Ausnahme sind. Vor diesem Hintergrund besteht die besondere Leistung Kahnemanns darin, dass er nicht bei der verständlichen Darstellung beeindruckender psychologischer Experimente stehen bleibt, sondern die daraus gewonnenen Einsichten direkt praktisch wendet: Wenn Sie etwa wissen wollen, wie sie bei einem Bewerbungsgespräch einen günstigen Eindruck erzeugen können, was ihr Kaufverhalten beeinflusst oder was sie beim Erwerb von Aktien berücksichtigen sollten, erhalten Sie hier viele lebenspraktische Hinweise mit zum Teil überraschenden und nützlichen Einsichten. Auch zur Frage, wie sie Ihr Wohlbefinden steigern und warum Sie Experten grundsätzlich misstrauen sollten, bekommen sie fundierte Hinweise.

Doch abseits solcher konkreten Tipps greift Kahnemann weiter: Sein Hauptanliegen ist es, die neobliberale Ideologie des rational handelnden Menschen als Mythos zu entlarven und dem das Konzept des libertären Paternalismus entgegenzusetzen, der davon ausgeht, dass die Menschen nicht dem 'freien Markt' ausgeliefert werden dürfen, sondern staatlich organisierten Schutz gegenüber überzogenem Profitstreben und Manipulationen bedürfen. Sein Kollege, Freund und Obama-Berater Sunstein hat die Erkenntnisse, die aus unserer beschränkten Urteilsfähigkeit zu ziehen sind, in seinem Bestseller 'Nudge' politisch gewendet und berät inzwischen die britische und amerikanische Regierung darin, wie durch eine klare Kommunikation, optimierte 'Entscheidungsarchitekturen' bessere Entscheidungen zustande kommen.

Den entscheidenden Schlüssel zur Überwindung von verhängnisvollen Urteilsverzerrungen sieht Kahnemann in einer stärkeren Kontrolle des schnellen Denkens, also des intuitionsgesteuerten Systems 1, durch 'langsames Denken'. Während System 1 automatisch und schnell, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung arbeitet, lenkt System 2 die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten, die wir unternehmen, wenn wir ein Problem differenziert durchdenken.
Wenn wir vor einer Entscheidung beispielsweise die Checkliste möglicher Urteilsverzerrungen Kahnemanns durchgehen oder unterschiedliche Personen zu ihren Einschätzungen befragen und erst dann ein Urteil vornehmen, bewegen wir uns auf der Ebene von System 2.
Nur dann können wir erkennen, inwieweit unser Urteil durch unsere emotionalen Grundeinstellungen, durch die Einflüsse der jeweiligen Situation, durch unseren augenblicklichen Gefühlszustand, unser ideologisches Konzept, unsere soziale Umgebungen und vieles mehr beeinflusst werden. Kahnemanns Botschaft lautet durchaus zeitgeistgemäß: Misstraue Deinen schnellen Urteilen und insbesonderen denen von Experten und politischen Führern. Sorge stattdessen für Umgebungen und Gelegenheiten, in denen es möglich ist, bei wichtigen Entscheidungen alle Einflussfaktoren zu analysieren.

Zugegeben: Das klingt ziemlich anstrengend und dürfte die meisten von uns überfordern. Und auch Kahnemann räumt ein, dass es ihm selbst, obwohl er sein Leben der Analyse von Urteilsverzerrungen gewidmet hat, nur selten gelingt dieses anspruchsvolle Programm zu realisieren. Doch darauf kommt es nicht an: Entscheidend ist, dass er solche Situationen bei sich, vor allem aber bei anderen erkennen kann. Wenn wir lernen, bei wichtigen Entscheidungen unserem schnellen Urteil zu misstrauen und systematische Verfahren der Überprüfung entwickeln, dann steigt die Wahrscheinlichkeit 'guter Entscheidungen'. Dies gelingt uns am besten zusammen mit anderen und/oder im Rahmen von Organisationen, die sich der unterschiedlichen Leistungen und Wirkungsweisen des schnellen und des langsamen Denkens, also von System 1 und System 2 bewußt sind.

Gemäß der Formel 'Ich bin gut ' wir sind besser'Ich bin gut, wir sind besser: Erfolgsmodelle kreativer Gruppen geht es darum, einen Prozess gemeinsamer Urteilsbildung zu organisieren, der für einen weiten Rahmen sorgt und im Sinne einer 'Positiven Pädagogik'Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück die 'Weisheit der Vielen' nutzt.

Fazit: Geniales Alterswerk: Für alle, die ihre Entscheidungen optimieren wollen!

Prof.Dr.Olaf-Axel Burow Universität Kassel
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43 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufklärung gegen Romantik, 26. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Der protestantische Liberalismus lokalisiert die Quelle der Rationalität im einzelnen Menschen, welcher, solange nicht 'von oben' behindert, aus sich heraus optimale Entscheidungen trifft und ad libitum anders treffen könnte. Auch dem Junkie steht aus dieser Warte prinzipiell frei, einen von seiner Sucht verschiedenen Weg einzuschlagen, und ein Geschäftsführer, der den ihm anvertrauten Betrieb mit spektakulären Derivaten zugrunderichtet, tut dies aus nachvollziehbaren, jedenfalls nicht durch bessere ersetzbaren Gründen und darf billigerweise nicht daran gehindert werden usf.

Was aber, wenn der einzelne gerade dadurch, dass er seinen Verstand zu gebrauchen anfängt, außer Lage geriete, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie im wesentlichen ist? Wenn ihm wie im Fall optischer Täuschung Verzerrungen nur mit Mühe zu Bewusstsein kämen und trotz allem nie abzuschütteln wären?

Daniel Kahneman lässt seine Leser zahllose psychologische Experimente nachvollziehen, welche die Anlage unseres Geistes beweisen, die Wirklichkeit zu verzerren. Es wird einem klar, dass es nicht - wie bisher angenommen - dazwischenkommende Gefühle sind, welche das Wahrnehmen entstellen, sondern wesentliche Regelkreise des Verstandesapparates selbst, die oft Überlebenswichtiges leisten, in Einzelfällen aber brandgefährlich sind. So erfährt der Leser beispielsweise am eigenen Gemüt, wie er als Normaldenkender eine verwickeltere Frage, auf die er keine Reaktion im Vorrat hat, "bolschewistisch" durch einen Einfall, der nichts mit der Sache zu tun hat, beantwortet, ohne die unsinnige Ersetzung zu bemerken.

Kahneman entwickelt eine Reihe von Begriffen, um Denkfallen zu identifizieren. Sein Buch ist nicht in erster Linie Ratgeber, sondern durchdokumentierter Abriss des Lebenswerks eines originellen (vielleicht sogar genialen) Psychologieprofessors. Am erhellendsten fand ich die Herausarbeitung des Statistik-Begriffes zur Kritik des intuitiv-mechanischen Denkstils in den Kategorien 'Ursache-Wirkung', der einen verführt, echte Chancen verstreichen zu lassen und selbstmörderischen Wagemut gerade in Lagen zu entwickeln, die das Gegenteil erfordern würden.

Fruchtbar könnte sich Kahnemans Begriffswelt zur Beschreibung der Natur von Kunst, etwa ihrer dramatischen Formen (z.B. des Wesen von Wendepunkten in erzählten Verläufen) erweisen.

In Kahnemans Befunden liegt auch eine Neubestimmung der Geisteswissenschaften, z.B. eine emanzipatorische Kritik und frische Deutung des - imgrunde bis heute stilbildenden - ROMANTIK-Dogmas (= dass, was persönlich zählt, niemals entdeckt, sondern nur wie Kunst, ohne sich irgendetwas Äußerem zu verdankten, erfunden werden darf - dass die Qualität einer Sicht über die Richtigkeit ihrer Antwort entscheidet - dass höheres, leidenschaftlich begeisterndes Wesen 'ästhetische' Selbstunterwerfung auch unter willkürliche Macht und Grausamkeit rechtfertigen mag usf.).

Ludwig Wittgenstein scheint mir als Philosoph viel von Kahneman nun Erhärtetes vorwegzuahnen und durch Kahnemann verständlicher zu werden.

Kahnemans Rehabilitation der Kontingenz fördert eine nie ausgesprochene, vom Autor wahrscheinlich so auch nicht gemeinte, aber unabweisbare religiöse Haltung im Sinne des Buches Hiob - was eine erschreckende, zugleich befreiende Wirkung auf den informierten Leser haben kann, welcher, vom 'Aberglauben' des Ursache-Wirkungs-Mechanismus entlastet, frei wird für hoffentlich manchmal glückliche Zufälle.

Kahneman schließt sein Buch mit einigen Rezepten für ein gelungeneres Menschsein. Sie zielen auf die Kontrolle des 'Bauchdenkens' durch aus endlich vielen Schritten bestehende eindeutige Handlungsvorschriften wie sie z.B. in Luftfahrt, Bauwesen und anderen Bereichen mit niedrigsten Unfallraten Brauch sind.

Das Buch lässt sich nicht eben mal lesen, sondern verlangt sorgfältiges Durcharbeiten, dafür ist der Ertrag gewaltig, vergleichbar (für mich) nur der Lektüre rep. dem Studium von Freud, Kant oder Wittgenstein.

P.S. Kahneman schöpft, wie gesagt, zahlreiche Begriffe, deren Anwendung einem helfen soll, Denkfallen zu entschärfen. Der Übersetzer behält hier, nach einer kurzen Erklärung in Deutsch, oft die englischen Namen bei, was unanschaulich, 'konterintuitiv' wirkt. Nun liegt Kahneman andererseits daran, Intuitionen zu kritisieren - wofür er im englischen Original allerdings gebräuchliche, keine Kunstworte benutzt. 'Halo-Effekt' im Deutschen mit 'Halo-Effekt' wiederzugeben sagt mir anderes oder weniger, als wenn z.B. 'Nimbus-Effekt' verwandt worden wäre. So auch in vielen anderen Fällen.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen die Grenzen bewussten und rationalen Handelns, 22. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
D. Kahneman beschreibt in diesem aufschlussreichen Buch, wie anfällig wir für Denkfehler aller Art sind. Besonders wenn es um statistisches Denken geht, sind wir meist Überfordert. Insgesamt lässt einen dieses Buch oft daran zweifeln ob man noch ein selbstbestimmtes und rational entscheidendes Wesen ist (ähnlich wie "Conncted! Die Macht der sozialen Netzwerke"). Nachdem Darwin uns die Krone der Schöpfung entrissen hat, lässt Kahneman uns ganz nackt zurück, mit viel Zweifel an unserer Rationalität. Die Einteilung in zwei Denksysteme erscheint mir zwar künstlich aber sie funktioniert sehr überzeugend wenn es darum geht, unser Denken zu erklären. Vermutlich kann jeder dieses Buch mit großem Gewinn lesen.
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4.0 von 5 Sternen Anspruchsvoll, 11. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Ist ja von einem Nobelpreisträger auch zu erwarten. Durch dieses Buch wurde mir klar, wie viele andere Autoren sich diese Erkenntnisse in der ein oder anderen Form zunutze gemacht haben. Auch wir haben einiges davon in unsere Seminare integriert, da das Thema Wahrnehmung bei der Thematik Führen und Verkauf speziell wichtig ist.Vieles davon ist auch komplex und für den Alltagsgebrauch zu theoretisch.
Parallel dazu empfehle ich aber die Literatur von Gigerenzer zu lesen. Als Widerpart zu Kahneman macht das Lesen seiner Bücher etwas objektiver.
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7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Trügerische Evidenzen, 4. Februar 2013
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Schnelles Denken, langsames Denken (Gebundene Ausgabe)
Kahneman legt mit seinem Buch eine wissenschaftliche Biografie vor, die sowohl seinen Entwicklungsgang, wie auch Ergebnisse und Anwendungen seiner Forschertätigkeit darlegt. Berühmt wurde der Psychologe spätestens 2002 als er den "Wirtschaftsnobelpreis" für die gemeinsam mit seinem Kollegen Tversky entwickelte Prospect-Theory erhielt. Diese weist u.a. nach, dass das Menschenbild der klassischen Ökonomie - Menschen verhalten sich rational und eigennutzorientiert - so nicht haltbar ist. Die gute Nachricht: Der Sinn für Fairness und Gerechtigkeit dominiere viel öfter das blanke Eingeninteresse, als man meint. Die schlechte: Mit der Rationalität des Homo Oeconomicus ist es nicht weit her. So siege bspw. die Verlustangst im Zweifel oft über verheißungsvolle Gewinnaussichten.

Grundlegend für Kahnemans Forschungsansatz ist die idealtypische Unterscheidung zwischen zwei Denksystemen, von denen wir Gebrauch machen. System 1 ist schnell, intuitiv, assoziativ. Unser Wahrnehmen und Denken vermittelt hier oft eine trügerische Evidenz. In Wirklichkeit wird es durch Biases, heuristische Effekte, Emotionen, Vorerfahrungen, Stereotypisierungen und sogar scheinbare Belanglosigkeiten im gegenwärtigen Umfeld beeinflusst. System 2 bezeichnet das langsame, bewusste, logische, Fakten und Argumente abwägende Nachdenken.

Kahneman: "Wenn ich die Hauptstadt von Frankreich erwähne, denken Sie automatisch und ohne Mühe an Paris. Das ist das, was ich das schnelle Denken nenne: Wahrnehmung, Intuition, freie Assoziationen - das gehört alles dazu. Und dann gibt es das langsame Denken. Das benutzen wir, wenn wir sorgfältig argumentieren, oder ausrechnen wollen, was 17 mal 24 ist, oder unbekannte Zahlen schätzen - also Aufgaben für logisches Denken."

Doch auch System 2 funktioniert alles andere als fehlerfrei. Dies hat v.a. damit zu tun, dass System 1 nicht abgeschaltet werden kann und immer im Hintergrund mitläuft. Vielfältig sind dabei die Spielarten, mit denen uns dieses störanfällige System ein Schnippchen schlägt.

Wenn uns Informationen nur begrenzt zur Verfügung stehen, überschlagen wir den Sachverhalt (Heuristik). Hier unterliegen wir aber regelmäßig Wahrnehmungsverzerrungen. Die Verfügbarkeitsheuristik bspw. ist aus der Verkaufspsychologie bekannt. Wird Ware mit einem Verkaufslimit pro Käufer ausgezeichnet, greifen die Kunden besser zu.

Die Repräsentativitätsheuristik besagt, dass Menschen oft stereotyp urteilen. In einem Versuch sollten Personen anhand von Charaktereigenschaften und Lebensfeatures den Berufsgruppen Ingenieur oder Jurist zugeordnet werden. Trotz Vorab-Mitteilung über das anteilige Verhältnis der Vertreter (70:30) wurden mehr Personen als Juristen eingestuft, da die Beschreibung gängigen Klischees entsprach.

Beim Priming wird die kognitive Verarbeitung eines Reizes beeinflusst, indem zuvor durch einen anderen Reiz Gedächtnisinhalte aktiviert werden. Eine Art Grundierung wird so hergestellt. Beispiel: Wir handeln moralischer, wenn wir uns beobachtet fühlen. Schon das Augenpaar auf einem Bild über der Kaffeekasse bewirkt, dass mehr einbezahlt wird. Ein anderes Bsp.: Wenn Menschen auf das Thema "Altwerden" geprimt werden, bewegen sie sich langsamer.

Umgekehrt scheint Geld tatsächlich den Charakter zu verderben. In einem Versuch liefen vor Probanden Dollarzeichen als Bildschirmschoner auf Monitoren ab. Als einer Person im Raum scheinbar aus Versehen eine Menge Stifte zu Boden fielen, halfen signifikant weniger Leute beim aufheben, als beim Gegenversuch ohne die eingespielten Währungssymbole.

Ähnlichkeit mit diesem Mechanismus hat der Ankereffekt. Auch hier hängt die intuitive Einschätzungen vom sachfremden Informationsinput aus dem Umfeld ab. So sollten Probanden in einem Versuch zuerst ein Glücksrat drehen, dann die Zahl der afrikanischen Staaten schätzen, die Mitglied der UNO sind. Die Zahl fiel umso höher aus, je höher die gedrehte Nummer war.

Harmlos und unbedeutend? In einem anderen Versuch sollten Richter das Strafmaß für Ladendiebstähle bemessen. Zuvor ließ man sie würfeln. Warfen sie insges. eine "3", verhängten sie durchschnittlich 5 Monate, bei "9" waren es schon 8 Monate.

Von nicht zu unterschätzender Relevanz auch die Tendenz zur intuitiven Selbstüberschätzung. Erfolge schreiben wir gern unserem Können zu, Misserfolge den Umständen. Wer denkt da nicht an Wirtschaftsprognostiker und Börsenexperten, die - sich in scheinbar erfolgreichen bisherigen Prognosen sonnend - bezüglich ihrer Voraussagen zum Geschehen der letzten 5 Jahre überwiegend daneben lagen.

Kahneman dazu: "Die Prognosen von Börsenexperten etwa sind praktisch wertlos. Wer Geld anlegen will, sollte lieber Indexfonds wählen, die ohne Zutun begnadeter Spezialisten einfach nur einen Börsenindex nachbilden. Sie schneiden Jahr für Jahr besser ab als der durchschnittliche Anlagefonds, den ein hochbezahlter Experte verwaltet. Trotzdem wollen die Leute ihr Geld lieber dort anlegen, wo sie glauben, dass man etwas davon versteht - so unwahrscheinlich das der Statistik zufolge auch ist. Experten sind dort gut, wo es eher vorhersagbar zugeht. In der Börsenwelt ist das nicht der Fall."

Dabei ist ein weiterer Mechanismen von Bedeutung - der Halo-Effekt. In diesem Fall bewirkt er, dass Menschen, die die Aura des Erfolgs umgibt, von Mitmenschen unabhängig von ihrer tatsächlichen Analysefähigkeit als Autoritäten ihres Fachgebietes wahrgenommen werden.

Hier wird bereits etwas von der Praxisrelevanz und Anwendungsfeldern der Forschungsergebnisse Kahnemans sichtbar. Der Psychologe rät u.a., wo immer es sinnvoll und machbar ist, menschliche Einschätzungen durch Algorithmen, Scores, Check-Lists usw. zu ersetzen. Ein Anwendungsfeld sieht er bspw. in der Medizin. Computerprogramme würden exaktere Diagnosen stellen als Ärzte.

In den USA wurde und wird der "Vater des sanften Paternalismus" seit längerem an vielen Stellen zu Rate gezogen und antizipiert. Der bereits o.e. Faktors Verlustangst spielt dabei immer wieder eine große Rolle: Gewerkschaften fragen nicht mehr, ob Arbeiter bereit sind, auf einen Teil ihres Lohnes für die Alterssicherung zu verzichten, sondern ob sie an den Anlagegewinnen Interesse haben. Auch im Bereich Organspende stellte man fest: Fragt man die Bereitschaft dazu ab, ist die Zahl der positiven Reaktionen sehr begrenzt. Bittet man um Einspruch auf dem Hintergrund einer allgemein zulässigen Organentnahme liegt die Spendenbereitschaft fast bei 100%.

Nicht immer sind Fehlwahrnehmungen schädlich. Der Autor beschreibt die menschliche Tendenz, dem Geschehen des Lebens positiv voreingenommen zu begegnen als alles durchdringend. Optimismus, so der Autor, ist aber nachweislich einem gelingenden Leben zuträglich, wirkt sich positiv auf die physische und psychische Gesundheit aus, erhöht die Lebenserwartung, und ist ein gutes Gegengift gegen die Tendenz, Verluste mehr zu fürchten als Gewinne zu schätzen und zu begrüßen, schneidet also in puncto Zweckdienlichkeit weit besser ab, als eine stärker analytische, realitätsbezogenere Lebenshaltung.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schmerzgedächtnis. Es mag ein Segen sein, dass wir schmerzhafte Erfahrungen nicht in dem Maß erinnern, das sie wirklich hatten. Die Länge des Erlebnisses etwa, fließt offenbar nicht mit ein. Und: sehr entscheidend dafür, wie wir etwas erinnern ist letztendlich der Ausgang. Wenn sich doch noch alles ins gute wendet dominiert dies die Gedächtnisinhalte über zuvor durchgemachte Qualen: Ende gut - alles gut.

Zu kurz kommt im Buch die Reflexion ethisch-moralischer Gesichtspunkte. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass eine gesunde Grundhaltung bestimmten Fehlwahrnehmungen von vornherein entgegenwirkt. Es sind alte Wahrheiten, dass Gier blind macht, die Angst zu kurz zu kommen, den Blick verzerrt, Verlustangst lähmt. Realitätsverleugnung und Denkfaulheit haben allzu oft mit einem Ausweichen vor der Verantwortung zu tun. Das Bequeme und Vertraute ziehen wir gern der möglicherweise schmerzhaften oder herausfordernden Wahrheit vor. Und je wertorientierter ein Mensch lebt, desto weniger Angriffsfläche wird er für Priming- oder Ankereffekte bieten, desto eher wird er dem Gruppendruck standhalten, desto weniger sich vom selbstgewissen Auftreten selbsternannter Experten beeindrucken lassen usw.

Auch bei Kahnemans Aussagen und Ratschlägen zu wirtschaftlichen Fragen werden Grenzen deutlich. Wirtschaftliche Prognosen können durchaus fundiert und sogar längerfristig zutreffend sein. Auch die gegenwärtige Krise wurde von einigen Ökonomen voraus gesehen. Wer 2007 Max Otte oder Lester Thurow las, erhielt genug Fakten und Material, um selbst als Laie nach der Lektüre bezüglich der großen Wahrscheinlichkeit nahender Turbulenzen überzeugt zu sein. Auch die derzeitige Euro-Krise wurde von einigen Experten praktisch von der Konstruktion der gemeinsamen Währung an voraus gesehen. Bedingung für die Einsichtsfähigkeit scheint zu sein, dass die eigene Interessenlage nicht zu sehr tangiert ist. Was das Investitions- bzw. Anlageverhalten im engeren Sinne betrifft, greifen Kahnemans Ideen ebenfalls zu kurz. Würden das Geld der Anleger plötzlich nur noch in Indexfonds fließen, täte dies Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt sicher nicht gut.

Insgesamt ist Kahnemans Buch aber sehr interessant zu lesen. V.a. spürt man, dass hier eine gestandene Forscherpersönlichkeit schreibt, die stets auch in größeren Zusammenhängen dachte und der es wirklich daran gelegen ist, sein Werk für Gesellschaften und Gemeinwohl insgesamt fruchtbar zu machen. Das hebt Kahneman von Dobelli ab, der aus dem gleichen Stoff seichte Yuppie-Handbücher über die "Kunst" des "klaren Denkens" und "klugen Handelns" fabrizierte.
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5.0 von 5 Sternen Da gehen einem die Augen auf!, 13. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein absolutes Muss! Total spannend erklärt der Autor warum wir manche Dinge rasch, instinktiv abarbeiten (müssen) und warum manche Probleme in unserem Gehirn Zeit brauchen. Habs in einem durchgelesen, nehms jetzt nochmal in den Urlaub mit und les es nochmal in Ruhe. Für mich persönlich haben sich neue Einsichten in mein eigenes Verhalten ergeben, ich verstehe jetzt auch einiges in meinem Umfeld besser. Weil das übrigens jemand hier geschrieben hat: Ich fand den Stil nicht schwerfällig, sondern eher locker, erzählend. Drum, voll Überzeugung, 5 Sterne!
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Schnelles Denken, langsames Denken
Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahneman (Gebundene Ausgabe - 21. Mai 2012)
EUR 26,99
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