holidaypacklist Hier klicken Fußball Fan-Artikel BildBestseller Cloud Drive Photos TomTom-Flyout Learn More Samsung AddWash Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip GC FS16

Kundenrezensionen

3,7 von 5 Sternen3
3,7 von 5 Sternen
5 Sterne
2
4 Sterne
0
3 Sterne
0
2 Sterne
0
1 Stern
1

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel

Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

Wann begann der Mensch, die Natur als eigenständigen Wert zu entdecken? Jürgen Goldstein macht dieses Datum an Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux fest, unabhängig davon, ob dieses Ereignis in der Realität je stattgefunden hat. Das ist grundsätzlich unerheblich, denn laut Goldstein liegt Petrarcas Leistung darin, dass er der Entdeckung der Inneren Welt des Menschen die Entdeckung der äußeren Welt als gleichwertigen Kontrapunkt entgegensetzt. Petrarca überwindet erstmals Augustinus und seine rein spirituelle Innensicht, die fast 1000 Jahre lang den Wunsch nach Erkenntnis dominierte.
Goldsteins Auswahl an Meilensteinen der Entdeckungsgeschichte der Natur mag für den einen oder anderen Wissenschaftshistoriker ungewohnt erscheinen. Es sind bei Weitem nicht alle Protagonisten in die Annalen des allgemeinen Weltgedächtnisses eingegangen, denen Goldstein einen Essay widmet. Da steht Kolumbus neben Wilhelm Weike (wer bitte?) und Alexander von Humboldt neben Peter Handke. Es geht dem Autor erkennbar nicht um eine Zusammenstellung des Who is Who unter den Entdeckern, nicht einmal Vollständigkeit wird angestrebt, und wie man an Handke erkennt, müssen es auch keine wirklichen Entdecker sein. Goldstein legt andere Maßstäbe an die Subjekte seines Interesses: Sie müssen in der Lage sein, ihre unmittelbare Wahrnehmung in lebendige, fesselnde Sprache zu fassen. Und sie müssen für eine bestimmte Stufe in der Geschichte der Naturwahrnehmung stehen, unabhängig davon, ob sie die Ersten waren, die dieses Stadium erreichten. Die Übergänge sind ohnehin fließend, die Reihenfolge im Buch dagegen ist rein chronologisch und das vermittelt Goldsteins Analyse einen wunderbaren Sog. Er führt den Leser durch 700 Jahre Erkenntnisgeschichte und verliert dabei niemals den individuellen, den erzählenden Menschen aus den Augen. Petrarca überwindet die Grenze von Innen und Außen, Humboldt steht auf der Schwelle zwischen Empfindung und wissenschaftlicher Messung, Levi-Strauss stimmt den Abgesang der Ethnologie an, indem er erkennt, dass die Zeiten der unbeeinflussten Beobachtung von Ureinwohnern unwiederbringlich verloren sind und Reinhold Messner kehrt in den Extremsituationen, denen er sich aussetzt, zurück zur Innerlichkeit. In gewisser Weise schließt sich hier der Kreislauf. Und dazwischen liegen 12 weitere Stufen, die Goldstein mit einer raffinierten literarischen Patchworktechnik zum Leben erweckt. Originalzitate sind nur durch den dunkelgrünen Druck als solche zu erkennen und verschmelzen damit vollständig mit Goldsteins Wertung. Man liest den Text vollkommen flüssig, wird niemals in seinen Gedanken rabiat durch Anführungsstriche unterbrochen. Es ist absolut faszinierend, wie es Goldstein gelingt, sich selber so weit zurückzunehmen, dass der Originalautor jederzeit erkennbar bleibt. Goldstein wird zum Übersetzer, zum Reiseführer. Er erläutert, aber man wird an fast unsichtbarer Leine geführt. So schafft er Essenzen aus Zitaten und Kommentierung, die ungeheuer dicht und dennoch lebendig und äußerst elegant formuliert sind. Ein intellektuelles und literarisches Vergnügen für jeden mit einem Hang zur klassischen Naturforschung.
0Kommentar|21 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. Juni 2014
… eine vom Autor gewertete Sicht und Aufarbeitung des Themas der bewussten Naturerfahrung; ein Parcour, der natürlich subjektiv ist, aber das macht dieses Buch ja auch aus - vielleicht ist, wie so häufig, der Titel nicht ganz glücklich gewählt… Ich finde, dass man dieses Buch nicht so kleinkariert nur an Augustinus aufhängen kann, - darüber lässt sich ja streiten, dennoch scheint es mir bei dem einen Rezensenten nur darum zu gehen und das wird dem Buch nicht gerecht. Ich komme selbst aus dem Bereich der Kunst, wo man eigentlich immer subjektiv auf Welt reagiert - die Philosophie trägt das ebenso in sich, wie die Literatur.

Dieses Buch ist nicht nur hervorragend gestaltet, es ist auch ein wunderbares literarisches Experiment, welches O-Ton mit dem, was der Autor daraus liest und sinngemäß für sich erschließt zusammen bringt. Daraus wird eine Erzählung - eine Erzählung ist 'eine' Möglichkeit Wissen, oder besser: Geschichten über das Wissen zu vermitteln, denn es gibt nicht die eine Wahrheit.
0Kommentar|3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. Mai 2014
Herr Goldstein schien es weniger darum zu gehen, zu untersuchen, wie sich das moderne Bild von Natur entwickelt hat, als in Anekdoten zu demonstrieren, dass man Natur nur entdecken kann, wenn man sich vom Christentum entfernt. Tatsächlich waren es gerade Christen, die sich aus genuin religiösen Motiven für die Natur interessierten und bei denen keineswegs erkennbar ist, dass sie sich hierzu vom Christentum lossagen mussten. Zumindest kann er das anhand der zitierten Passagen nicht belegen. Er setzt die fixe Idee voraus, das Christentum passe nicht zur Naturerkenntnis, und jeder, der etwas in der Natur entdeckt, beweist damit indirekt, dass er sich vom Christentum entfernen musste. Wie kommt er zu dieser Sicht? Als Beleg nimmt er die Ablehnung der "Neugierde" durch Augustinus. Er lehnt sich dabei an die Darstellung von Hans Blumenberg an, der gerade im augustinischen Curiositas-Verbot den Gegenpol zur neuzeitlichen Naturwissenschaft verortet, deren Antrieb gerade die Neugierde sei.
Davon abgesehen, dass es immer schwierig ist, einen einzelnen Autor mit dem Christentum gleich zu setzen, irrt Goldstein (und Blumenberg): erstens ist Augustinus nicht gegen Naturerkenntnis sondern gegen eine Neugier, der es nicht um Erkenntnis oder Nutzen sondern um Sinneskitzel geht. Die Neugier, von der Augustinus spricht, führt nicht zur Wissenschaft, sondern zu den blutigen Theaterspielen der Römer und in die Magie! (nachzulesen in den confessiones Buch 10, Kapitel 34 und 35).
Im Kapitel 8 desselben Buches (der confessiones) zitiert er die angebliche Warnung Augustinus, "die Gipfel der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breiten Wasserfälle..." zu betrachten, weil das gegen das Gebot der Augenlust verstoße. Tut es bei Augustinus aber nicht, denn die ist erst im Kapitel 35 Thema. Im Kapitel 8 geht es nicht darum, was man nicht betrachten soll, sondern, dass man darüber nicht seine Seele vergessen soll, die diese großartigen Erscheinungen ja alle umfasst. Der Witz ist, dass die Argumentation gerade voraussetzt, dass der Mensch diese Dinge zuvor gesehen haben muss, um eine Ahnung von der Größe seines Gedächtnisses zu bekommen! ("Groß ist sie, diese Kraft des Gedächtnisses..."). Das 9. Kapitel wird noch klarer: "Doch enthält die undendliche Fassungskraft meines Gedächtnisses nicht nur diese Dinge [die gewaltigen Naturerscheinungen, J.E.]. Hier befindet sich auch alles das, was ich von den Wissenschaften aufgefasst und noch nicht vergessen habe,...". Natürlich hatte Augustinus sich nicht ausdrücklich zu den Naturwissenschaften geäußert, weder ablehnend noch lobend, weil es sie einfach noch nicht gab. Aber die Fälle, an die er denkt, haben die Wissenschaft nicht weiter gebracht, sondern nur das Elend von Menschen und Tieren vergrößert. Und ich bezweifle auch, dass diese Neigung zur Neugier wirklich eine sinnvolle Voraussetzung für die Wissenschaft heute wäre. Wer maximalen Nervenkitzel sucht, wird vielleicht Freude daran empfinden, wie ein toter Mensch seziert wird. Auf Dauer wird es ihm aber zu langweilig und er wird andere, grausamere Bilder suchen. Die Wissenschaft ist für so einen Menschen viel zu trocken. Eine viel wichtigere Voraussetzung ist die Begeisterung von der Natur, die nicht zuletzt von der Dankbarkeit gegenüber Gott genährt wird. Und genau diese Kraft hinter aller Wissenschaft wäre für Augustinus der Idealfall, so wie sie auch der Idealfall für die Wissenschaft ist.
22 Kommentare|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden