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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ein Anfang...
Ich will an dieser Stelle bewusst auf einen inhaltlichen Diskurs verzichten. Auch wenn Byung-Chul Han in diesem durchaus kleinen Werk nicht allen polemischen Ansprüchen gerecht wird, und man muss zugeben, dass er das Thema nur marginal behandelt, so ist es doch ein Anfang für einen Wissenschaftsbereich, über den bisher kaum etwas geschrieben wurde. Dies...
Veröffentlicht am 5. Mai 2012 von Moulin

versus
24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Freundlicher Gedanke mit Hast niedergeworfen
Es scheint eine Karlsruher Tugend zu sein, jeden halbwegs interessanten Gedanken mit Polemiken gegen die Wegbereiter dieses Gedankens auszuschmücken. Dass diesen damit selten Recht getan wird belegt einmal mehr Hans "Müdigkeitsgesellschaft". Die sicherlich gut gemeinte These, das ganze Ungemach der Moderne (ADHS und ähnlicher 'neurologischer' Mumpitz)...
Veröffentlicht am 28. Dezember 2011 von F!nk


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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ein Anfang..., 5. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Ich will an dieser Stelle bewusst auf einen inhaltlichen Diskurs verzichten. Auch wenn Byung-Chul Han in diesem durchaus kleinen Werk nicht allen polemischen Ansprüchen gerecht wird, und man muss zugeben, dass er das Thema nur marginal behandelt, so ist es doch ein Anfang für einen Wissenschaftsbereich, über den bisher kaum etwas geschrieben wurde. Dies sollte man dem Autor anrechnen.

Ich bin selbst depressiv und leide unter gewissen in dem Buch beschriebenen Symptomen, insbesondere der chronischen Müdigkeit und Lethargie. Meine Suche nach Literatur zu diesem Thema verlief bisher enttäuschend. Sämtliche Literatur, die sich explizit mit dem philosophischen Hintergrund des Themas beschäftigt, wird darin gestreift. Somit ist dieses Buch zumindest eine brauchbare Literaturliste und meiner Meinung nach ein Einstiegswerk. Das Thema ist jung und wir Leser dazu verdammt noch ein paar Jahre Geduld zu haben, bis es von anderen Schreibern bereichert wird. Bis dahin müssen wir uns mit neurobiologischen Werken zufrieden geben und all die kleinen Brocken, die uns Chul Han zuwirft, zusammensammeln und vielleicht zu eigenen Theorien zusammenfügen.

Ich finde es daher etwas unfair, den Autor des Betrugs und der Geldgier zu bezichtigen. Seine Theorie und Grundlage der Kritik an anderen Theorien (insbesondere an Ehrenberg und Arendt) beruht auf der Idee eines Paradigmawechsels, von einer "immunologischen Disziplinargesellschaft" zu einer "neuronalen Leistungsgesellschaft". Sich mit diesen Gedanken zu beschäftigen ist es durchaus wert, das Buch zu kaufen, sofern einem etwas daran liegt. Wer darin nur einen weiteren Baustein, nur eine weitere Meinung in der gesamten Welt der Wissenschaft wittert, sollte womöglich die Finger davon lassen.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht zu müde für das Nicht zu, 6. Juli 2012
Von 
Thomas Holtbernd "Thomas Holtbernd" (Bottrop) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Gesellschaftsanalysen ermüden oft, weil Zahlen aneinander gereiht werden und letztendlich doch nichts ausgesagt wird. Byung-Chul , der Professor für Philosophie aus Karlsruhe, hat eine grundsätzliche Analyse vorgenommen. Er ist ein Kreuz- und Querdenker, hält sich nicht an die gewohnten Regeln der Wissenschaft. Er wirft seine Wut in die Waagschale. Und diese Wut richtet sich auf die Leistungsgesellschaft. Seine These ist sehr eindeutig. Das Ich ist nicht bedroht, sondern schlichtweg überlastet. Die medizinische Diagnose für viele Erkrankungen im 21. Jahrhundert ist an autoaggressiven Krankheiten ausgerichtet. Der moderne Mensch wird durch einen Infarkt nieder gestreckt. Antibiotika helfen bei diesen Diagnosen nicht mehr. Dieser Leistungsdruck ergibt sich aus der Sorge ums Überleben. Könnte die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit noch Abhilfe schaffen, so verlieren die Menschen die Fähigkeit zum Ausdruck.
Die Lösung liegt in einer Unterscheidung einer Müdigkeit der positiven und der negativen Potenz. Wer handelt nicht-zu und das Spielerische entdeckt, der überwindet ein Handeln um-zu. Der zweckfreie Raum befreit von der Befreiung, denn der Wegfall der Herrschaft, ist noch nicht Freiheit.
Byung-Chul Han arbeitet sich an Hannah Arendt und Peter Handke ab, um seine These zu differenzieren. Wer das Buch gelesen hat, verändert seine Lust an der Müdigkeit, er wird gerne müde sein, das aber nicht aus Erschöpfung. Und das Gerede vom Burnout wirkt dann wie eine zynische Persiflage.
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45 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein müdes doch freundliches Lächeln über die Karlsruher Debatte, 27. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Das Müdigkeitsgesellschaft ein Überraschungserfolg geworden ist, ist nachzuvollziehen. Das Buch trifft eine Reihe von Befindlichkeiten zur Reizüberflutung und Leistungsgesellschaft, die der Sache nach nicht unbedingt originell, aber sehr wohl intellektuell anregend oder amüsant seziert werden (siehe z.B. Kritik des animalistischen multi-tasking). Somit kann Hans Verweis auf geistige Traditionen des Nichts-Tuns (sei es Sabbat oder Zen) nicht gleich als altbackene Modernitätskritik oder moderner Ratschlagskitsch abgetan werden.

Gleichzeitig scheint der Erfolg des Buchs zu manchem Missverständnis beizutragen. Han geht es nicht primär um empirische Betrachtungen zur Lage des Kapitalismus, sondern eher um eine Kritik der paranoiden Theoretiker der Disziplinargesellschaft (Agamben) sowie der Neo-Heroiker (Sloterdijk - Hans Kollege in Karlsruhe). Das erklärt einige Schwächen des wohl recht schnell herunter geschriebenen Essays (siehe etwa das erste Kapitel, dass etwas zu ausführlich den Gegensatz zur Immunologie und Negativität entwickelt).

Vor allem verleitet der Titel zu einer Fehlinterpretation. Han entwickelt keine Kritik der Müdigkeitsgesellschaft (verstanden als die Gesamtheit übernächtigter Angestellter vor flimmernden Bildschirmen) - im Gegenteil, er nimmt Handkes Lob der "wahren" Müdigkeit als Grund zu einer milden, offenen und toleranten Gesellschaftserfahrung, aber im Kleinen! Der vereinzelte Mensch der Leistungsgesellschaft erkennt die sinnlose Selbstkasteiung und öffnet sich der gemeinsamen Erfahrung der Unzulänglichkeit. Wir versichern uns gegenseitig, dass es kein Zeichen des Versagens ist, nicht tätig zu werden (selbst Nietzsche erlaubt es!) und geben uns müßig-müde dem Lauschen hin. Legitimiert wird diese ironische Hinwendung zur vita contemplativa durch die Möglichkeit zur kreativen Schöpfung und Einfühlsamkeit (die postmoderne Alternative zur Suche nach dem Wahren und Schönen).

Ob man diese Vorstellung nun kleingeistig oder wahrhaft menschlich findet, es ist auf einen Fall ein vergleichsweiser knapper Einwand gegen die Sloterdijksche Deutungshoheit. Nehmt das mal alles nicht so schrecklich ernst.....
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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Es ist eine Illusion zu glauben, je aktiver man werde, desto freier sei man" (40)., 9. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Zusammen mit Hartmut Rosas Habilitationsschrift Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne sowie Alain Ehrenbergs Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart zählt Byung-Chul Hans "Müdigkeitsgesellschaft" zu den drei zentralen Schriften, die dem diffusen Gefühl einer stetig wachsenden Anzahl von Menschen, immer weniger über Zeit ihre verfügen zu können, eine passende Umschreibung liefert. Besonders Hartmut Rosa arbeitet in seiner Darstellung das Phänomen der Beschleunigung als ein grundlegendes Strukturmerkmal unserer Gegenwart heraus. Han konzentriert sich in seiner Schrift besonders auf die Auswirkungen dieses Prozesses auf den einzelnen Menschen.

Dabei differenziert er zwischen der heute dominierenden Leistungsgesellschaft und der Disziplinargesellschaft alter Tage. Diese beiden Gesellschaften unterscheiden sich, so Han, in ihrer Art der Herrschaftsausübung: "Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor" (18). Die Form der Kontrolle in der Leistungsgesellschaft sei um ein vielfaches effektiver als die direkte Kontrolle der Disziplinargesellschaft. Die negative Form der Kontrolle werde durch den positiven Impetus des Leisten-Könnens ersetzt, der seine Art der Kontrolle durch die Illusion der Freiheit zu verschleiern weiß. Die Auswirkungen auf den Menschen seien verheerend: "Der Depressive ist der Invalide dieses unterdrückten Krieges. Die Depression ist die Erkrankung einer Gesellschaft, die unter dem Übermaß an Positivität leidet. Sie spiegelt jene Menschheit wieder, die mit sich selbst Krieg führt" (22). Ein Grund für die enormen Beschleunigungsprozesse der Gegenwart sei das Ende jener Sinnstiftungskonstrukte, die auf einem Jenseitsversprechen beruhen. Das Ende des Jenseits erhöhe den Druck auf den Menschen im Diesseits, das Beste aus einer Situation zu machen: "Gerade auf das nackte, radikal vergängliche Leben reagiert man mit der Hyperaktivität, mit der Hysterie der Arbeit und Produktion. [...] Die Arbeits- und Leistungsgesellschaft ist keine freie Gesellschaft. Sie erzeugt neue Zwänge" (35).

Auf gerade mal 61 Seiten versucht Han, einen Zusammenhang zwischen Beschleunigung, Leistungsgesellschaft und Depressionserkrankungen herzustellen. Diese paar Seiten reichen natürlich nicht, um diese Zusammenhänge erschöpfend darstellen zu können. Ohne Vorwissen kratzen Hans plakative und oftmals unnötig kompliziert verfassten Formulierungen lediglich an der Oberfläche der genannten Phänomene. Als Ergänzung zu den oben erwähnten Darstellungen eignet sich "Müdigkeitsgesellschaft" aber durchaus.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Paradigmenwechsel zum Infarkt, 12. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Mit dem überaus originellen und kurzweiligen zu lesenden Essay "Die Müdigkeitsgesellschaft" von Byung-Chul Han beschreibt der in Karlsruhe lebende Autor den zur Zeit gegenwärtig stattfindenden Paradigmenwechsel Gesellschaft. War die Moderne und der Postmoderne von einer Ausgrenzung des Anderen, Negativen gekennzeichnet, das - gleichsam einer Immunreaktion - auch gewaltsam bekämpft und verhindert wurde, ist die heutige Gesellschaft hingegen von einer Überfülle an Positivität geprägt. Hyperaktivität und Übersättigung an Reizen und Handlung lassen keinen Müßiggang und keine Selbstreflexion mehr zu sondern führen einerseits zu einer breiteren aber auch flacheren Aufmerksamkeit und im Extremfall zu infarktartigen Pathologien. Unsere Zeit ist von neuronalen Krankheiten gekennzeichnet.
Der Autor liefert interessante und anregende Überlegungen, die wunderbar zu unserer Zeit der Bankenkrise und Selbstausbeutung passen. Lesenswert, auch wenn der Essay am Ende etwas verflacht!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine müde Gesellschaft, 18. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
In diesem Essay wird der Wandel von der Disziplinargesellschaft zur heutigen Leistungsgesellschaft beschrieben. Letztere sei von Störungen wie Depression, Burnout oder ADHS bestimmt. Ursache hierfür sei das Übermaß an Positivität, was sich etwa als ein Zuviel an Reizen, Informationen oder Impulsen äußert. Byung-Chul Han kritisiert damit unsere Gesellschaft, die einen permanent überlastet. Ein Ausweg aus dieser Krise könnte das Nichtstun sein, aber das bewusste und nicht von der Müdigkeit erzwungene Nichtstun. Eine anspruchsvolle und beklemmende Analyse des Istzustands unserer Gesellschaft.

Redaktion Magazin Alex
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24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Freundlicher Gedanke mit Hast niedergeworfen, 28. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Es scheint eine Karlsruher Tugend zu sein, jeden halbwegs interessanten Gedanken mit Polemiken gegen die Wegbereiter dieses Gedankens auszuschmücken. Dass diesen damit selten Recht getan wird belegt einmal mehr Hans "Müdigkeitsgesellschaft". Die sicherlich gut gemeinte These, das ganze Ungemach der Moderne (ADHS und ähnlicher 'neurologischer' Mumpitz) entspringe einem Zuviel an Positivität (dem Han eine kontemplative negative Potenz entgegenstellt) geht so in allerhand Frechheiten unter, denen das in jederlei Hinsicht schmale Bändchen wohl auch seine Popularität verdankt.

Zunächst bricht Han mit Foucault, von dem er glaubt, dieser hätte in seinen Büchern eine Disziplinargesellschaft aus Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen Kasernen und Fabriken" beschrieben, die aber - oho! - gar nicht mehr der Gesellschaft von heute entspricht. Dass Foucault, nicht zuletzt in Überwachen und Strafen mit dem Prinzip des Panoptikums, ein Instrumentarium zur Beschreibung des Übergangs von der Disziplinargesellschaft zur Ideologie des Neoliberalismus geliefert hat unterschlägt Han. Vielmehr suggeriert er einen Bruch, wo überhaupt keiner ist.
Ebenso verfährt er mit Ehrenberg, den er auf die Formel "depressiv mache der gesellschaftliche Imperativ, nur sich selbst zu gehören" reduziert. Dem verkürzten Ehrenberg antwortet Han, dass "zur Depression [...] aber gerade auch die Bindungsarmut, die charakteristisch ist für die zunehmende Fragmentierung und Atomisierung des Sozialen [führt]" (20) Der Einwand wäre vielleicht gerechtfertigt, wenn Han dazu irgendetwas schreiben würde. Macht er aber nicht.

So geht das eine ganze Weile weiter über Agamben, Arendt, Baudrillard, Nietzsche, Heidegger, Melville, Handke (bisschen viel für 50 Seiten? JA!) bis er schlussendlich bei einem falschverstandenen Hegel endet (Hegel hat nicht Kants Theorie der Negativität vollendet. Vielmehr hat er der Negativität des Kant'schen Gesetzes ein An-Sich-Sein des Gesetzes entgegengestellt).

Ein überflüssiges Buch.

PS: Man kann es aber super als Lesezeichen für bessere Bücher verwenden!
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit einer Utopie gegen Burnout, 13. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Mancheiner mag sich nach einer unliebsamen und irritierenden Erfahrung bei sich selber oder einem nahestehenden Menschen fragen, was es mit den aktuellen psychischen Leitkrankheiten (ADHS, Depression, Burnout) wirklich auf sich hat. Byung-Chul Han durchdenkt dieses Phänomen als Philosoph nochmal neu und kommt zu einem interessanten Resultat.

Zuersteinmal nimmt sich Han's Büchlein als Kritik an den herkömmlichen Erklärungsversuchen einer sich stark im Wandel befindlichen Welt aus. Dabei werden die Werke von Arendt, Heidegger, Foucault, Agamben und Ehrenberg im Schnelldurchlauf durchgenommen. Der Kern der Kritk, den Han diesen Autoren entgegenstellt ist die Tatsache, dass sie alle im Grundsatz von einem immunologischen Bezugsrahmen ausgegangen sind.

Das immunologische Paradigma greift in Anbetracht der aktuellen psychischen Leitkrankheiten ins Leere. Gemäss Han hat das heutige Leistungssubjekt die mehr oder weniger unbewusste Grundströmung unserer Gesellschaft, nämlich die Produktions- und Effizienzsteigerung, längst verinnerlicht. Jene, die auf dem Weg in die Erkrankung sind, können sich gerade nicht darauf verlassen, dass eine seelische Abwehrreaktion einen destruktiven Eindringling erkennt und unschädlich macht. Der moderne Mitarbeiter hat die Ziele seines Arbeitgebers längst zu seinen eigenen gemacht, er leitet Projekte, lässt sich motivieren von Motiven, die eigentlich nur für Unternehmer Geltung haben, wird als Ausbeuter seiner Energien zu seinem eigenen Feind. Um die Spuren endgültig zu verwischen wähnt er sich bei all dem in Freiheit, in Selbstbestimmung.

"Der depressive Mensch ist jenes animal laborans, das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge." (23)

Die heute gängigen Freizeitpraktiken sind für Han auch nur Ausdruck der oben umrissenen Grundproblematik. Konsumismus, Wellness, flüchtige Ablenkung, Entspannungstechniken und dergleichen verfolgen nur den Zweck, das Leistungssubjekt notdürftig wieder zu regenerieren, damit es nicht ins Grübeln kommt und bald voller Tatendrang wieder in seine selbst bereitete Tretmühle eintritt.

Für Han liegt der Kontrapunkt in einer Utopie, die er als Müdigkeitsgesellschaft in Aussicht stellt. Literarisch ausgearbeitet findet er diese Utopie bei Handke (Versuch über die Müdigkeit). Die neue Müdigkeit ist nun nicht mehr Ausdruck der Erschöpfung, sie ist inspirierend, sie ist zutiefst menschlich und verbindet die Menschen untereinander. In dieser Müdigkeit würde wieder eine Freundlichkeit, eine Beschaulichkeit und Gelassenheit wachsen.

"Im langen, langsamen Blick des Müden weicht die Entschlossenheit einer Gelassenheit." (62)

Kritik. Es ist nicht davon auszugehen, dass alle therapiebedürftigen Erschöpfungen der heutigen Seele unter dem systemischen Paradigma zu verstehen sind. Auch die klassische Variante des Ausbeuters von aussen dürfte für manches Leid verantwortlich zeichnen. Han suggeriert eine homogene Ausgangslage, die von den genannten Autoren bloss grundsätzlich falsch verstanden wurde; Tatsache ist, dass die Ausgangslage bei Erschöpfungen heterogen ist und oft noch eine "klassische", sprich disziplinargesellschaftliche Konstellation vorliegt. Bei solchen Konstellationen ist eher an die thymotischen Gefühle zu appellieren (Zorn, Empörung - schön ausgearbeitet etwa bei Sloterdijk, "Zorn und Zeit"). Etwa ein Kurierfahrer mit einem 12-Stunden-Tag, ohne bezahlte Überstunden und mit 1200 Euro Lohn, wird sich abends kaum der Kontemplation oder der handkeschen Müdigkeit hingeben können. Hier wird die Geschichte noch etwas weitergeschrieben werden müssen, die Pflege einer vita comtemplativa bleibt vorerst den Wenigen vorbehalten.
Und doch: "Müdigkeitsgesellschaft" bietet in nuce originelle und beachtenswerte Gedanken zu einem brennenden Thema.
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23 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein sehr kluges Buch, 5. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Dieses Buch ist nicht nur sehr originell, sondern auch sehr radikal. Die neuronalen Erkrankungen wie Depression oder Burn-Out, die Leitkrankheiten von heute, werden auf jene Menschheit zurückgeführt, die mit sich selbst Krieg führt. Jeder nimmt sein Arbeitslager mit sich und beutet sich selbst aus, bis man zusammenbricht. Es findet eine Ausbeutung ohne Herrschaft statt. Die Fremdausbeutung weicht einer Selbstausbeutung. Das letzte Wort von "Bartleby" von Hermann Melville "Ach, Bartleby! Ach, Menschheit!" hallt durch die "Müdigkeitsgesellschaft" und macht den Leser sehr nachdenklich.
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24 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Feuilletonfreundliches Geschwätz ohne Substanz, 9. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Müdigkeitsgesellschaft (Broschiert)
Das Buch liefert häppchenweise feuilletonfreundliche Zitate auf engem Raum. Daher die vielen Rezensionen in den Medien. Schnell gelesen, schnell gelobt. Zu schnell. Der Autor bleibt mit seinen Thesen hinter allen Autoren zurück, an denen er regelrecht vorbeizitiert (Ehrenberg, Foucault, Nietzsche, Agamben, Arendt). Man bekommt den Eindruck, er habe keinen Text wirklich gelesen oder einfach nicht verstanden. Das zweidimensionale Denken mag rhetorisch und medial verführerisch sein, es mag Feuilletonrezensenten zu schnellen und vielen Lobreden verleiten. Inhaltlich ist das Buch weder originell noch fundiert. Es ist erhellend, weil es mit Thesen um sich schmeißt und vor allem in einem einzigen Feuerwerk zusammenschmeißt. Das Buch ist so ergiebig wie eine (unphilosophische) Talk-Show. Viel Geschwätz, kaum Substanz. Wer mehr als Thesen in einem luftleeren Raum will, der sollte sich nach seriöser Literatur umschauen.
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Müdigkeitsgesellschaft
Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul Han (Broschiert - 4. Oktober 2010)
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